Der Autor

S.12

Kick inside

Vom Flur des International Maritime Bureau nehme ich die Treppe nach unten. Im Büro von Tyrus Paulson hatte ich das Gefühl gehabt, es sei bereits Nacht. Hier im Treppenhaus habe ich jetzt dagegen den Eindruck, es ist noch Nachmittag, oder erst ganz früh am Abend.
Paulson … Ich habe mir angewöhnt, auf die Namen zu achten. Der von Paul abstammt. Der Gedanke an den Apostel Paulus käme mir abwegig vor, wäre da nicht noch dieser Vorname: Tyrus. Eine Hafenstadt dieses Namens hatte doch dazumal im Leben des Saulus-Paulus eine Rolle gespielt … Was auch immer das bedeutet, sage ich mir, diesen Paulson bloß nicht unterschätzen!
In der nächst unteren Etage nehme ich nun einen Geruch wahr, der mich innehalten lässt; der mir ein Deja-vu verursacht. Jener gewisse unverwechselbare Tabakduft … Bin mir jetzt sicher, dass ich schon mal hier war; und weiss auch genau, dass es das ist, was seit damals, bis heute, unerledigt geblieben ist: die Sache mit dem Projektor; Projekt Schwarmmaschine.
Auf einer Glastür, dem Eingang zu einem leeren dämmrigen Flur, lese ich: International Seabed Authority. Ich öffne diese Tür, und in der Tat, jetzt riecht es noch eindeutiger. Nach Mapacho. Schamanenkraut. Dieser Geruch, den manche sicher einen Gestank nennen würden. Und der mich nun ins genau richtige Büro leitet.
Ich trete da wie auf Verabredung ein. Doch kenne ich den Alten, der dort sitzt? Ganz in Schwarz gekleidet; schwarz auch der Borsalino-Hut vor ihm auf dem leeren Schreibtisch. Schneeweiss aber die imposante Mähne und sein zerzauster Backenbart.
Ich tippe mir an den Schirm meiner Mütze, ziehe einen Stuhl heran und setze mich ihm gegenüber. „Schell mein Name. Und Sie sind?“ Ich Blödel – weiss es doch: Forty Operas. Chef des Service of Intelligence. Der Kick in mir – das heisst mein Notfallprogramm Kimura – kennt ihn nur allzu gut.
„Tja, Schell, Sie waren zwar damals nicht direkt dabei, aber genauso saßen wir hier schon einmal.“
„Sie und Kimura. Habe die Szene gelesen.“ Ich blicke rundum. Die Wände sind kahl wie dieser ganze Raum: Ausser dem Schreibtisch und den zwei Stühlen noch ein Aktenschrank, der offensteht und nichts als Staub enthält. So ein Büro-Gerippe, denke ich; wie plakativ das nach Abstellgleis aussieht … „Seabed Authority?“
„Die Abteilung, mit der die UNO seit 1996 die Ausbeutung der Meeresböden gesetzlich zu regeln versucht. In der Zentrale in Kingston, Jamaica, befand man vor ein paar Monaten, dass diese Istanbuler Aussenstelle nicht länger gebraucht wird; dass sich die hiesigen Seabed-Angelegenheiten profitabler über das Maritime Bureau abwickeln lassen.“
„Durch Tyrus Paulson.“
„Sie haben ihn schon getroffen? Dann wissen Sie ja Bescheid.“
„Gar nichts weiss ich. Nur dass zur Zeit doch gerade hier an diesen Küsten besonders um den Meeresgrund gestritten wird. Und da macht die Seabed Authority ihre hiesige Aussenstelle dicht?“
„Genau. Denn sie ist als Instrument langfristiger Friedenspolitik gedacht, und in eine solche wird momentan nicht investiert. Bedauerlich, ja, hat aber auch sein Gutes. Das spärliche Budget der Authority zwingt nämlich jeden ihrer Mitarbeiter zu einer persönlichen Entscheidung: ob es ums Budget geht oder um die Sache.“
„Trennt die Spreu vom Weizen, verstehe. Und Sie, Operas? Auf Null-Diät? Halten hier die Fahne hoch? Doch wohl nicht wirklich die der UNO …“
„Vertrete nebenher The Framing Company. Womit wir beim Thema sind, nämlich: Wir zwei, wo sind wir miteinander stehengeblieben?“
„Falls Sie Kimura meinen: Beim besten Willen, Mr. Operas, das ist so lange her …“
„Ich meine Sie, Schell. Sie fragten mich: wenn Sie nicht Schell sind, wer denn sonst? Doch das Auftauchen von Sgyulus und Sprosbral zwang uns, von dieser interessanten Frage abzulassen. Und ich finde nicht, dass das lange her ist.“
„Das war vorhin … Vor ein paar Stunden …“
Er nickt.
Ach, so ist das. „Ich glaubte … Für mich war Ladenheuser immer Ladenheuser … Sie waren das? Ladenheuser: Sie? Schon immer? Und ich dachte die ganze Zeit …“
„Halluzination und Voreingenommenheit, das sind zur Zeit Ihre einzigen Verbündeten.“
„Und, äh, also: wenn nicht Schell, wer bin ich dann?“ Ich starre ihn an. Aber er schweigt. Ihm ist klar, dass ich es schon weiss; nur es noch nicht verstehe.
„Nun reicht’s wie Sie glotzen“, sagt er schliesslich. „Die Sache ist doch simpel: Für Kimura war ich immer schon der alte Forty, und für Sie, Schell, war ich bisher Ladenheuser und bin Forty Operas ab jetzt.“
„Und, äh, ich für Sie?“
„Simpel, wie gesagt: Sowohl Schell, als auch Kimura. Mag ja sein, dass sich das für Sie noch komisch anfühlt, dieser Kick inside, doch so ist nun mal ein Body Job. Zumindest wenn er notfallmäßig eingeleitet wird. Keine Sorge, übermorgen, spätestens, sind Sie daran gewöhnt. Und was Kick Kimura angeht, der hat diese Wirklichkeit schon früh durchschaut. Schon damals in San Francisco. Als er entdeckte, dass er eine Romanfigur ist. Wenn auch die Kategorie Roman inzwischen etwas aus der Mode ist, metaphorisch lässt sie sich noch gut gebrauchen.“
„Fragt sich, für was. Die Real-Technik lässt sich mit Romanliteratur nur noch im Hinblick aufs Wesentliche vergleichen. Das Unwesentliche hat sich allerdings enorm verändert.“
„Das technische Brimborium. Kann man wohl sagen. Man kann sogar sagen, das Unwesentliche ist zum Wesentlichen geworden. In einem Roman hätten Sie jedenfalls mit einem bloßen Anruf in Hongkong kaum so einen Wirbel auslösen können.“
„Einen Wirbel?“
„Wirbel wörtlich: Was bisher verdeckt war, ist aufgewirbelt worden und liegt nun aufgedeckt da. Dafür ist jetzt das, was bisher offen lag, verdeckt. Von Ice umgeben; undurchdringlich.“
„Weiss nicht, ob ich das verstehe. Ich war quasi nicht ich, als ich in Hongkong anrief – nicht Kimura, meine ich. Ich hätte mich sonst doch wohl nicht selber angerufen.“
„Das wird in Zukunft nicht mehr funktionieren.“
„Mich selber anzurufen? Mir selbst zur Hilfe zu eilen?“
„Ja. Nein. Das heisst Sie haben es noch nicht kapiert. Und du auch noch nicht, Kimura.“
„Und Sie, Forty?“
„Vielleicht hat es noch keiner von uns kapiert. Jedenfalls hat das Hongkong-Telefon seinen Zweck erfüllt. Und der Exoot auch, wie’s aussieht. Sie tragen ihn nicht mehr.“
„Und doch beherrsche ich noch Real Speak. Darüber habe ich mich schon gewundert. Dachte immer, es sei dieser Anzug, der zum Real Speak befähigt.“
„Ja, Real Speak ist die wichtigste Funktion des Exoot. Und offenbar hat die sich auf Sie übertragen. Ein Wunder sozusagen. Ist mir selber aber auch so widerfahren. In Wirklichkeit gar kein Wunder, man kann es erklären.“
„Und zwar?“
„Ich erkläre Ihnen nicht, was Sie schon wissen.“
Dass Real Speak die Ursprache ist.
„Ist mir einfach zu irre“, sage ich. „Aber sehr praktisch, dass es funktioniert.“
„Und so wie Sie deshalb den Exoot nicht mehr nötig haben, ist für uns alle auch der SI eigentlich nicht mehr nötig. So wie wir uns entwickelt haben, hat sich auch der SI entwickelt, und was davon jetzt noch als ein Geheimdienst übrig ist, hat mit unserem aktuellen SI nicht mehr viel zu tun. Das zum Beispiel hat dieser Wirbel aufgedeckt, den Sie mit Ihrem Hongkong-Anruf ausgelöst haben. Was jetzt noch als Service of Intelligence auftritt im Sinne einer Organisation, ist bestenfalls ein Romantiker-Verein, meint schlimmstenfalls aber sogar das Gegenteil – sowohl von Romantik das Gegenteil, als auch von Service. Als auch von Intelligence.“
„Also gibt es ihn noch, den SI? Oder nicht mehr?“
„Es gibt ihn nun offiziell. Ist nur nicht mehr unser Laden. Wenn Sie ihm trotzdem die Treue halten wollen, muss Ihnen klar sein, dass da jetzt Gentlemen wie Paulson das Sagen haben.“
Ich zwirbele mir nachdenklich die Kinnspitze. „Offiziell sagen Sie? Im Filmgeschäft? Oder im Waffenhandel? Man weiss nicht so recht …“
„Mal Filme, mal Waffen. Was auch immer; auf jeden Fall: Geschäft.“
„Verstehe. Im Mainstream angekommen. Und Sie, Operas? Und die ganze alte Garde?“
„Sie kennen doch die Oberste Direktive für alle, die im SI arbeiten.“
„Dass es den SI gar nicht gibt.“
„Nun büßen wir dafür, dass es ihn dann doch irgendwann gab. Weil wohl zuviele von uns von dieser Direktive überfordert waren. Sinnlos, das jetzt zu beklagen; sinnvoll jedoch, uns das klar zu machen. Denn die weitere Existenz des SI hängt davon ab.“
„Nur um sicher zu gehen, dass ich Sie richtig verstehe: Der SI existiert nur weiter, wenn es ihn nicht gibt.“
„Haargenau. Vom SI kann nur die Rede sein, wenn es nicht der wahre ist; beziehungsweise kann vom wahren SI keine Rede mehr sein.“
„Klar, wäre es anders, würden Sie nicht davon reden. Haben Sie mich deshalb hierher dirigiert?“
„Ich wusste lediglich, dass von Istanbul aus jemand über die Hongkong-Nummer das Notfallprogramm aktiviert hat. Sie haben sich selbst hierher dirigiert, genauer gesagt Kimura.“
Sein Blick, der mich bis jetzt fixiert hat, verändert sich: durchdringt mich; geht wie durch mich hindurch, in eine Ferne hinter mir, und nimmt mich mit, sodass ich mehr und mehr, wie losgelöst von mir, das sehen kann, was er sieht. Jetzt überblicke ich sogar Gebiete, die von Ice umgeben sind – und da! – auch dieses ganz spezielle Areal – meine Gedächtnislücke. Erkenne nun, was sich in ihr verbirgt: dass es nur mich betrifft – eine winzige Einzelheit, die aus dieser beträchtlichen Distanz gesehen keine Rolle mehr spielt; die nur noch eine Bedeutung hat als der Punkt, der mich mit dem Ganzen verbindet, und der jetzt, da ich nicht da bin, nur eine leere Stelle ist, zwar angefüllt mit allerhand Persönlichem, sogar randvoll davon, jedoch ohne mein Ich, und damit ohne Relevanz.
Dieses Überschauen des Gesamtgefüges wie von ausserhalb kann nur vorübergehend sein, das ist Bedingung, solange ich in diesem Körper stecke. Und schon bin ich mit diesem Gedanken wieder in meine Person eingetaucht und das Persönliche hat wieder volle Relevanz. Und mein Bewusstsein, auf Normalformat zurückgeschrumpft, hat nun diffus die Komplikationen einer doppelten Identität vor sich: ich bin sowohl Schell, als auch Kimura, und somit weder richtig der eine, noch richtig der andere.
Ich denke zurück an das, was ich vorhin unten in der Lobby in dem alten SubNews-Heft gelesen habe, an die entscheidende Stelle in dieser Projektor-Geschichte: Sodass alle durch das Gerät dasselbe sahen: sich selbst; nicht so jedoch, wie sie sich „Selbst“ bisher gedacht hatten – das war plötzlich gar nicht mehr vorhanden.
„Plötzlich weiss ich Dinge, die ich bisher, nun ja, so gar nicht für möglich hielt –“ ich stocke. „Dinge, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie wissen könnte. Jene sogenannte Schwarmmaschine – Sie erinnern sich? Sie sprachen mit Kimura darüber, hier in diesem Büro. Und dieses Ding – man stellt sich darunter eine Art Projektor vor – ist so etwas wie ein Selbsterkenntnis-Apparat? Ist man also, äh – bin ich also –?“
„Ja, ganz recht, dieses Ding sind Sie selbst.“
„Heisst das –? Ich bring das alles noch nicht ganz zusammen.“
„Dass Kimura ihn endlich erledigt hat, diesen alten Auftrag, nichts anderes heisst das. Indem er jetzt Sie ist, Schell; oder auch so: Indem du jetzt Schell bist, Kimura. Warum kapiert ihr das nicht einfach?“
„Weil das einfach – unglaublich ist.“ Als Kick Kimura, der ich mich schon seit langem als Romanfigur verstehe, kenne ich diese Romanwelt von innen. Es ist dieselbe Welt – die Welt der Reale –, auf die ich als Schell, der Autor, wie von aussen zu schauen gewohnt bin. Wie soll ich mit diesen konträren Perspektiven gleichzeitig umgehen? Muss ich nicht abwechselnd die eine zugunsten der anderen aufgeben? Wo wäre denn ich dabei wirklich? Nein, so wie kein Ich ein echtes Ich ist, wenn es sich teilen lässt – Moment mal! Echtes Ich? Ist es das überhaupt, echt, was die ganze Zeit hier so geläufig „ich“ sagt?
„Ich soll dasselbe – gleichzeitig – wissen und nicht wissen – da macht bei mir die Logik einfach noch nicht mit.“
„Sie praktizieren es doch schon. Sind sich dessen nur noch nicht bewusst. Wer sagt denn, Sie müssen irgendwie zwischen zwei konträren Perspektiven hin und her hüpfen? Sie sind doch jetzt in aller Ruhe Schell, oder nicht?“
„Ja, doch, kann sein.“
„Und genauso, wenn es an der Zeit ist, sind Sie ganz in Ruhe einfach Kick Kimura.“
„Und werde nicht irgendwann schizophren davon?“
„Im Gegenteil. Jetzt lässt die Schizophrenie überhaupt erst nach. Aus der Schell- und der Kimura-Perspektive wird ein Gemeinsames entstehen, und daraus dürfte, wenn es glatt läuft, eine eigenständige dritte Ich-Perspektive werden.“
„Und wenn es nicht glatt läuft?“
„Das malen wir uns gar nicht erst aus.“
Wir betrachten eine Weile schweigend, wie das orangene Abendlicht in diesem Raum an Intensität gewinnt …
„Das alles hat sich lange angebahnt“, sagt Forty Operas.
Ich nicke. „Und musste also irgendwann so kommen. Und zwar jetzt, weil hier ein Kreis sich schliesst, wie man so schön sagt.“
„Wie einer dieser Tricks, die von den Zauberern im alten Ägypten ins Werk gesetzt wurden und erst heute ihre Wirkung entfalten.“ Er lehnt sich zurück, zupft an einem Silberkettchen seine Uhr aus der Westentasche, wirft einen Blick darauf und steckt sie zurück.
„Die Sache, die so einfach ist, wie Sie jetzt ja wohl begriffen haben – dass Sie sowohl Schell, als auch Kimura sind –, hat natürlich auch eine überaus komplizierte Seite.“
Um ein Aufstöhnen zu unterdrücken, sage ich: „Dacht ich’s mir doch.“
„Wie ich damals sagte – laut jener SubNews-Geschichte – lesen Sie die nochmal –, hat man mit der Schwarmmaschine informatisches Neuland vor sich. Natural Computing. Dabei ist die Sache, wie ich sagte, ur-uralt.“
„Uraltes Neuland. Verstehe. Das Alte wurde neu codiert.“
„Genau. Eine Aktualisierung. Des altägyptischen Zaubertricks, könnte man metaphorisch sagen. A2X27 – das haben Sie sicher schon mal gehört.“
Ich nicke. „Ein Code, der irgendwas mit einem Reality-Spiel namens Flysh zu tun hat. Und das war’s auch schon, was ich darüber weiss.“
„Weil A2X27 ganz einfach Flysh heisst. Nur das zu wissen bringt nichts, solange man nicht weiss, was Flysh bedeutet.“
„Und Sie – verraten mir das jetzt?“
„Man kann es nicht verraten. Das aber kann ich Ihnen sagen: Sie sind nur hier, weil Sie es – zumindest ungefähr – schon wissen. Oder anders gesagt: Was Sie wissen, Schell, muss sich irgendwie mit dem ergänzen, was Kimura weiss. Wie, weiss ich nicht; ist eure Sache. Solange jedenfalls nicht klar ist, wie Flysh ganz konkret im Einzelnen durch A2X27 codiert ist, lässt sich nichts anfangen mit diesem Code. Solange bleibt es – na ja –“
„Schizophren? Pathologisch?“
„Sagen wir so: In dem, was glatt laufen sollte, aber auch leicht schiefgehen könnte, gibt’s jedenfalls kein Zurück mehr.“

I.11

Suche Passage

Ich sitze also mit Rivera vor dem Cafe am Platz des Entdeckers und trinke schon wieder Rum. Rivera möchte wissen, was ich über Monalisa weiss. „Die hat sich heute Morgen an mich drangehängt; gefordert, dass ich ihr die Stadt zeige. Dabei war nicht herauszukriegen, was sie eigentlich will.“
„Ich weiss nur, was Lemm sagt: dass sie dringend Netz braucht; weil sie erweitert ist; und dass sie deshalb hier nach anderen Erweiterten sucht. Wahrscheinlich wird sie Kontakt zu den Funk-Freaks aufnehmen.“
„Und also bald auch auf die Jenkins stoßen …“
„Dann häng sie doch gleich denen an.“
„Werde ich. Falls sie nochmal bei mir aufkreuzt.“
„Im Grunde kann ich sie verstehen. Sie hält die digitale Technik für etwas so natürliches, dass sie das Prinzipielle daran noch nie hinterfragt hat, und also ihre Abhängigkeit davon ihr bisher gar nicht bewusst war. Und hier in Babaal muss sie nun feststellen, dass dieses anscheinend Natürliche nicht in gewohnter Weise funktioniert. Sich als abhängig zu erleben, ist hart für jemanden, der sich für autonom hält; und da es allerdings absurd ist, wütend auf eine physikalische Anomalie zu sein, richtet sie ihre Wut vernünftigerweise auf mich; weil vor allem ich, wie sie vermutet, Schuld daran habe, dass sich der Kern des Flyshwerks nach hierher ins digitale Abseits verlagert hat.“
„Das hast du auch von diesem – wie heisst er doch, der jungen Mann?“
„Lemm.“ Da fällt mir auf, dass ich noch nicht einmal seinen Vornamen kenne. „Interessanter Vogel. Sehr intelligent. Allerdings noch ein bisschen leblos. Eine Nachwirkung vielleicht. Er war nämlich auch mal erweitert, so wie diese Monalisa.“
„War mal erweitert? Bist du sicher, dass er’s nicht mehr ist? Soweit ich weiss, lässt sich der eingeschleuste Nano-Kram nicht so leicht wieder ausschleusen.“
„Hm, hab ich auch gehört. Muss ihn mal fragen.“ Und auch deshalb, denke ich, muss ich mit Lemm zu Dima. Die soll ihn scannen. Ich tippe auf die vor mir liegende Zeitung, auf jenen Artikel, der das neue Funknetz betrifft. „Davon schon gehört? Ein zukunftsweisender Vertragsabschluss.“
„Darüber schreiben die seit Monaten. Nichts davon mitbekommen?“
„Ehrlich gesagt, ähm, nichts.“
Da lacht Rivera. „Und sowas sitzt im Regierungspalast!“ Dann schlagartig ernst: „Oder sitzt da eben auch nicht. Oder nur selten; viel zu selten.“
„Tja. Ich würde gerne manchmal Zeitung lesen. Nur ist der Binocle ja leider immer ausverkauft. Muss mich allmählich fragen, ob’s den überhaupt noch gibt. Sodass jedenfalls alle immer Bescheid wissen, nur ich nicht.“
„Das klingt, als fändest du das cool. Doch Vorsicht, Schell, da muss ich sagen: Du bist so oft Mann auf der Flucht in letzter Zeit, dass man schon direkt Suchtverhalten darin sehen könnte.“
„Wie sieht’s bei dir in dieser Hinsicht aus, Rivera? Oder nein, sag mir lieber etwas anderes: Wie hast du Wind davon bekommen, dass Brains in der Stadt ist?“ Dass er mir das verrät, glaube ich zwar nicht, doch ist jede Antwort hierauf aufschlussreich.
„Traf kürzlich Paley“, sagt er nur.
„Schon klar. Woher sonst sollte Paley das wissen? Oder willst du mir weismachen, er hätte dich informiert?“
„Ob er mich oder ich ihn informiere, ist doch völlig egal. In der Counter-Intelligence denkt man nicht so kleinkariert.“ Und nun hält er mir einen seiner brillanten Vorträge, bei denen man am Schluss vollkommen überzeugt ist, nur nicht so recht weiss, wovon; in diesem Falle vom Wesen der Information im Allerallgemeinsten.
Ich denke währenddessen an Flyrie; versuche ihn mir in Bangot vorzustellen. In was für ein Labyrinth mag er dort hineingeraten sein? Womöglich in gar keins, sage ich mir zur Beruhigung, oder in eins, das ihm gefällt, aus dem er gar nicht heraus will; sowas könnte es ja auch geben. Oder er hat sich selbst befreit und ist schon nicht mehr in Bangot …
Sucht man etwas, das geheim ist – in diesem Falle den Ort, wo ich den Zugang zu Bangot vermute, das Telesterion, oder den Weg aus Andria hinaus, die Passage –, hat man es immer mit dem selben Problem zu tun: Wie sich schlau machen, ohne dass dadurch auch die schlau werden, die einem auf der Spur sind?
„Hörst du mir eigentlich zu, Schell?“
„Na klar, na klar – das alles führt uns zu der Frage: Wie das Geheime enträtseln, ohne es zu verraten?“
„Äh, indirekt ja, könnte das die Frage sein. Denn wie ausgereift der Kontrollapparat ist, weiss man ja nie.“
„Wobei gerade in Babaal man doch oft überrascht ist, mit was man durchkommt und mit was nicht.“
„Wir haben beide ausgetrunken“, stellt Rivera fest, „ich schlage vor, wir gehen Pavel besuchen.“

Die Andrianer gehen gern ins Kino, und natürlich ist die Hauptstadt mit Lichtspielhäusern besonders reich bestückt. Auch pflegt hier ein sogenannter Filmclub die Kinokultur, indem der Direktor, Pavel, dafür sorgt, das kaum ein Abend vergeht, an dem in seinem Cinema Eclectique nicht das Werk irgendeines alten Meisters zu sehen ist. Obwohl Pavel’s Auffassung von Meisterwerken sehr weitreichend und in der Tat eklektisch ist, so haben doch auf jeden Fall die Freunde der Filmkunst über die Jahre in seinem gemütlichen alten Kinosaal, indem sie mit den unterschiedlichsten Meistern bekannt wurden, mit Lubitsch etwa oder Kurosawa, oder Exoten wie Brodi Snackwart, wundersame Einblicke in die Welt der bewegten Bilder bekommen.
Über Pavel, den Exil-Tschechen, der als Priester des Kinokults natürlich beste Beziehungen zu Filmarchiven in aller Welt unterhält, wäre einiges zu sagen, hier aber nur soviel, dass er insgeheim, wie so mancher, der im Kulturleben von Babaal eine Rolle spielt, dem hiesigen Royalismus anhängt, und dass er einer der Köpfe ist, die hinter The Binocle stecken, jenem beliebten Revolverblatt, das die gutbürgerlichen Leser des Bright Day gern verboten sähen. Er ist mit Rivera befreundet, und beide wiederum sind gute Freunde von Jasper Walden, dem Gründer des Binocle, einem umtriebigen Mann, von dem noch oft die Rede sein wird.

Auf dem Weg zum Filmclub: „Hey, hörst du das?“ Wir bleiben stehen, hören: „Das ist doch dieses Flötenstück von Bach!“ „Die Suite in H-Moll.“ „In der Orchesterversion sogar!“ „Wo kommt das her?“ Wir biegen schnellen Schrittes um die nächste Ecke und da steht – wir schauen uns zunächst betroffen, dann enthusiastisch an – „Ein Leierkastenmann!“
Wie die Blinden, die hier überall Lotterielose verkaufen, gehören auch die alten Drehorgelspieler noch zum typischen Straßenbild, und ohne ihre alten Melodien wäre die babaalianische Geräuschkulisse einfach unvollständig. „Dass die ihr Repertoire auch mal in Richtung klassischer Musik erweitern würden …“ „Lässt das nicht hoffen?“ „Uns ja, die wir nun mal so anfällig für Nostalgie sind.“ Wir kramen nach Münzgeld; halten aber inne und schauen uns tadelnd an; und legen dem Alten dann Scheine in das Körbchen auf dem Leierkasten.

So, zu dritt, haben wir schon des öfteren in Pavel’s Büro gesessen und Rum getrunken, und so wie heute läuft es meistens: Irgendwann drückt Pavel mir etwas zu lesen in die Hand – kurze Textentwürfe fürs Programmheft, über die Filme, die er demnächst zu zeigen gedenkt – und zieht sich mit Rivera, mit dem er irgendetwas zu besprechen hat, in den Hintergrund zurück.
Obwohl es, wie ich sehe, um gewisse Terry Gilliam-Filme geht, Brazil, Twelve Monkeys – laut Pavel aus aktuellem Anlass –, wird meine Aufmerksamkeit plötzlich von etwas ganz anderem beansprucht. An der Wand gegenüber, zwischen lauter Schauspieler-Portraits, fällt mir ein Bild auf, das ich hier zuvor noch nie gesehen habe, das vom Häuptling nämlich, vom alten Sitting Bull – die Daguerreotypie! Jawohl, die gleiche, die auch im Studierzimmer hing – nein, dieselbe: Denn kaum habe ich sie genauer fixiert, schon sehe ich den bunten Wandteppich dahinter – und gelange durch dieses indianische Stoffgewebe ins Refugium Gran Puertito, in das Apartment mit der großen Dachterrasse überm Meer. Und weil ich auch diesen abrupten Transit nicht erwartet habe, bin ich erstmal geschockt; verharre regungslos. – Wie still es hier ist! Und nun höre ich eine Stimme, und dann eine zweite; weit weg zwar, aber ganz deutlich: „Ist alles schon angekommen.“ Die Stimme von Rivera. Und darauf die von Pavel: „An keinem sicheren Ort, will ich hoffen.“ „Nein. In Istanbul. Wo jetzt richtig schön ein Wirbel darum gemacht wird. Sämtliche Dienste im Alarmzustand.“ Und da versteh ich schon: hier in Puertito bin ich hellhörig
Jeder von den Orten, die mir zu Refugien wurden, hatte eine mir unbewusste dunkle Seite, und an der, jeweils unbemerkt, hat sich eine bestimmte Fähigkeit entwickelt; im Falle des Puertito-Refugiums zum Beispiel der Umgang mit Paranoia …
Wie nett ich damals, als ich nach Gran Puertito zog, den Mann fand, dem so gut wie alles in dem hübschen kleinen Ort gehörte. Kaum hatte ich mich dort eingelebt, war ich quasi schon mit ihm befreundet; und konnte es zuerst nicht glauben, dass dieser Patron, wie sich bald herausstellte, der Boss der lokalen Drogenmafia war. Ich lernte die Zeichen zu lesen und entdeckte nun Machenschaften überall; musste feststellen, dass diese verträumte Idylle dort ein durch und durch kriminelles Milieu verbarg; und in der Folge wurde mir eigentlich alles suspekt. Als ich dann bemerkte, wie ich so immer tiefer ins Paranoide geriet, unternahm ich gezielt Anstrengungen, das in den Griff zu bekommen. So wurde ich zu einem gewissen Grade hellhörig: lernte, das allgegenwärtige Element der Verschwörung zwar auch in feinster Verdünnung zu erfassen, jedoch es nicht als bedrohlich auf mich persönlich zu beziehen.
„Und das Original-Zeug? Davon noch was im Umlauf?“, höre ich Pavel fragen. „Höchstens noch ein bisschen MoGum“, sagt Rivera, „und vielleicht noch ein paar von den Kapseln. Nichts, was noch irgendwie relevant werden könnte, wie Jasper meint. Da sich ja mit dem Original-Zeug sowieso niemand mehr auskennt.“ „Auch Schell nicht?“ „Den interessiert das nicht mehr. Für den ist MoTech nur noch Kinderkram, bestenfalls Folklore. Der will nur noch raus. Und da er jetzt anscheinend einen Nachfolger hat, wird er nicht zögern abzuhauen, sobald sich ihm eine Lücke zur Passage auftut.“ „Sicher?“ „Sicher.“ „Warum gibt dann Geo Rey nicht das Signal? Worauf warten wir noch?“ „Irgendwas in Frankfurt, wie ich hörte. Ein Rest von Risiko, das noch geklärt werden muss. Jasper kümmert sich darum.“
Diese Unterhaltung interessiert mich tatsächlich nicht besonders. Ich zoome mich mühelos in Pavel’s Büro zurück.
Benötige ich eigentlich noch die Objekte, die vormals im Studierzimmer versammelt waren? Ich konzentriere mich auf die Vorstellung des Säbels, und siehe da: ich sehe sofort die Vogelfeder und bin wieder in jenem hohen Zimmer im Hotel Olympia. Und bin auch von dort genauso schnell wieder zurück in Pavel’s Büro. Ich schliesse die Augen und probiere dasselbe mit der Daguerreotypie; und es funktioniert ebenso einfach. So wie ich also den alten Säbel als konkretes Objekt nicht mehr brauche, um in das Refugium Hotel Olympia zu gelangen, brauche ich nun, um ins Refugium Gran Puertito zu kommen, auch dieses Objekt nicht mehr. Und dann probiere ich das auch gleich mit den anderen Objekten, mit der Maske, dem Wappen der Royalisten und dem Renaissance-Gemälde …
Doch als ich mir diese Objekte vorstelle, sehe ich sie nur so, wie ich sie aus dem Studierzimmer kenne; das heisst was ich eigentlich sehe, ist das Studierzimmer, hingegen was darin ist, bleibt abstrakt, leblos, deutlich als konstruierte Vorstellung erkennbar. Muss ich also diese Objekte – Maske, Wappen und Gemälde –, damit sie so wie der Säbel und das Sitting Bull-Portrait auch per Erinnerung funktionieren, erst irgendwo ausserhalb des Studierzimmers konkret entdecken? – So sieht’s aus. – Aber wie? Aber wo? – Wohl nur so, wie du vorhin den Säbel und nun den Häuptling entdeckt hast. Vertraue dem Zufall.
Erwähnte Rivera nicht eben die Passage? … Anders als die Refugien, die sich anhand der Objekte öffnen lassen, kann sich die Passage, nach allem, was ich bis jetzt darüber weiss, jeden Moment öffnen, irgendwie, wahrscheinlich gerade wenn man’s nicht erwartet. Falls mir auf diese Weise – plötzlich, unkontrolliert – das Abhauen von Andria gelingt, werde ich anschliessend kaum wissen, wie es mir gelungen ist. Hier haben wir wieder unser Dilemma: Wie so ein Rätsel lösen, ohne es zu verraten? Dafür ist ein Zaubertrick vonnöten, und der einzige in der Gegend, dem ich zutraue, solche Zaubertricks zu beherrschen, ist Brains.
Ich stelle das leere Glas ab und bemerke, wie große Müdigkeit mich überkommt. – Sehr bequem, dieser Sessel, warum mir nicht ein Schläfchen gönnen?

Als ich aufwache, immernoch allein in Pavel’s Büro, ist schon Abend, und siedend heiß fällt mir das Konzert ein …
Als ich als letzter in den Saal schlüpfe, haben die drei Musiker ihre Plätze auf der Bühne bereits eingenommen, und während man gerade dem Chef des Musikvereins für seine einführenden Worte Applaus spendet, wähle ich rasch einen der freien Plätze in der hintersten Reihe und halte kurz nach bekannten Gesichtern Ausschau. Das, was ich sehe, ist zwar nicht, wie erhofft, das von Detective Brains, doch auch dieses, nämlich Murphy’s Gesicht, habe ich wahrlich schon lange nicht mehr gesehen.
Auch er hat mich gleich erkannt. Ich nicke ihm zu, so als fänd ich’s völlig normal, dass er plötzlich hier in Babaal zu einem Schubert-Abend aufschlägt. Murphy der Fälscher. Der Amerikaner. Der eigentlich Russe ist. Vollprofi. Service of Intelligence. Aber bevor es nun losrattert in meinem Schädel, schliesse ich kurz die Augen und denke: Ich bin vor allem gekommen, um mir diese immer wieder interessante Es-Dur-Sonate anzuhören.
Man muss ja sagen, dass ein Publikum von Andrianern sich in der Regel auffallend undiszipliniert gebärdet. Um so erstaunlicher, wie schnell es sich nun hier beruhigt und sich schon beim zweiten Satz, dem Andante con moto, faszinieren, ja geradezu in Konzentration versetzen lässt. Und entsprechend frenetisch fällt der Beifall aus, mit dem sich am Schluss die Begeisterung Bahn bricht.
Der Rest des Konzertprogramms interessiert mich nicht so sehr. Ich blicke zu Murphy hinüber. Wir nicken uns zu. Ich stehe auf und verlasse den Saal; postiere mich im Foyer; wo nur einige schweigsame Bodyguards herumlungern; und dann kommt auch gleich Murphy heraus. Klar, wir suchen die nächste Bar auf.
„Brains in der Gegend?“, frage ich. Murphy tut erstaunt: „Wieso Brains?“
„Dachte nur. Dass der sich das Konzert, wenn er schon mal hier ist, nicht entgehen liesse. Weil doch der Geiger des Trios anscheinend eine echte Guarneri spielt. Und Brains doch das Geigenspiel und die Geige als solche so liebt.“
„Schubert“, sagt Murphy, „die ganze Romantik überhaupt, ist nicht so sein Fall, glaube ich.“
„Dann geht’s hier also nur um diese Guarneri …“
„Frag doch gleich, wie’s läuft.“
„Wie läuft’s?“
„Nicht gut. Der alte Forty hat stark abgebaut.“
„So stark, dass ihr jetzt sogar so ‘ne alte Fiedel klauen müsst?“
„Tja, sogar den Old Hickory haben die geschafft zu kapern.“
„Die?“
„Paulson und seine Leute. Der neue Service.“
„Und wo kommt Brains dabei ins Spiel?“
„Wo Unbestechlichkeit gefragt ist. Wir müssen wissen, auf wen noch wirklich Verlass ist.“
Damit meint er mich, ist klar; und nach einer Sekunde Pause fügt er hinzu: „Im übrigen haben wir Brains mal aus der Patsche geholfen. Und nun kann vielleicht er uns aus der Patsche helfen.“
Dass Forty Operas, der Chef des Service of Intelligence, offenbar senil geworden sei; dass man abgeschnitten sei von der zuverlässigsten aller Finanzquellen, dem Old Hickory Trust; dass es einen reformierten SI gäbe, angeführt von Tyrus Paulson; und dass man sogar angewiesen sei auf die Hilfe von jemandem wie Detective Brains, einem Mann von Interpol – wie das alles so freimütig ausgeplaudert nach Klartext klang, signalisiert mir, dass es auch genauso klingen sollte. Ich kenne den SI gut genug, um mir sicher zu sein, dass mir Murphy da nicht irgendwelche Lügen aufgetischt hat. Aber über was will er mich informieren? Was hat er mir da so schön in Klartext verpackt? Wenn mich das alles nichts anginge, würde er ganz bestimmt nicht diese Unterhaltung mit mir führen.
„Ich versteh nur Bahnhof, Murphy.“
„Klar, Desinformation ist dein Geschäft“, er grinst, „arbeitest hier ja für die Regierung.“ Und nun typisch Murphy: In einer einzigen flüssigen und in keinem Detail überflüssigen Bewegung gleitet er vom Barhocker, lässt Geld auf den Tresen fallen, tippt sich an die Hutkrempe, dreht sich und ist weg. Schade, hätte ihn gern noch gefragt, ob ich da eben im Konzert eine echte oder eine falsche Guarneri gehört hatte.
Ich will nun nachhause, nicht schon wieder saufen; mich der Körperpflege widmen und ins Bett. Als ich aber auf dem Heimweg in einer Bar noch einen letzten Drink nehmen will, wen treffe ich da, rein zufällig, schon wieder? Rivera.

So wie es bei Tage ein Vergnügen ist, mit Rivera eine Runde durch Babaal zu drehen, so macht’s auch immer wieder Spaß, die Nacht hindurch mit ihm von Bar zu Bar zu ziehen. Bemüht, dabei uns von der Rum-Wirkung nichts anmerken zu lassen, gilt andererseits für das, was wir an Leichtsinn da vom Stapel lassen, das entschuldigende Argument, dass wir ja wohl betrunken sind. So, als Gelaber am Tresen verpackt, lassen sich Dinge verhandeln, die sich nüchtern nicht gut besprechen lassen. Das Thema Passage zum Beispiel; das Suchen überhaupt …
„Wie es läuft“, sagt Rivera, „hängt davon ab, zu was für einem Bild ich mir die gesammelten Informationen zusammensetze.“
Zu dieser Binsenweisheit weiss ich nichts zu sagen. „Dir auch noch einen?“ Worauf er nickt und ich dem Barkeeper bedeute, uns bitte nachzuschenken.
Unseren Rum nippend, schweigen wir eine Weile in gegenseitiger Betrachtung: Gegenspieler, die wir sind …
Seit ich mich, so diskret wie irgend möglich, kundig mache über die Passage, gab es immer wieder Hinweise darauf, dass noch jemand, ebenso diskret wie ich, sich diesbezüglich informiert; und ich weiss, dass Rivera diesen Jemand meint, als er sagt: „Du suchst jemanden.“ Ich frage nicht, woher er das weiss. Nach soundsovielen Jahren in der Counter-Intelligence muss er so etwas wissen.
Rivera lächelt jetzt, und ich merke, er wartet.
Endlich macht es bei mir klick: „Du?“
„Wie lange du manchmal auf der Leitung stehen kannst …“
„Hm, ja. Nicht dass ich dir keine Ambitionen in dieser Richtung zugetraut hätte; aber dass du dir das je anmerken lassen würdest …“
„Über die Passage macht sich keiner schlau, ohne dass es irgendwann irgendwer mitkriegt.“
„Damit ist das Sich-schlau-machen schon direkt Teil der Passage.“
„Wenn nicht sogar der entscheidende Teil.“
„Doch nicht so sehr was“, sage ich, „sondern wie wir wissen, bestimmt den Verlauf.“
„Und wie wir wissen – das weisst du schon?“
„So, dass wir’s glauben. Aber der Glaube ist bei euch in der Counter-Intelligence wohl ein Problem, oder?“
„Gar kein Problem. Entweder Glaube. Oder Counter-Intelligence. A propos – Livermore. Glaubst du dem?“
„Auch der sieht die Welt natürlich durch seine spezielle Brille; macht passend, was ihm nicht ganz passt, und hat natürlich auch manches missverstanden. Doch dass er seinen Lesern Lügen auftischt? Nein; höchstens da, wo’s um die eigene Person geht. Dass er am Klavier je gut genug war, um sich, wie er behauptet, auf Fair Island als Bar-Pianist durchzuschlagen, glaube ich zum Beispiel nicht.“
„Glaubt niemand; jedenfalls kein echter Livermore-Fan. Und das muss ihm, als er das schrieb, bewusst gewesen sein. Also wollte er damit erreichen, dass man sich fragt: Warum verrät er nicht, wie er sich wirklich auf Fair Island durchgeschlagen hat?“
„Vielleicht weil man ans Nächstliegende denken soll: dass er auch dort mal wieder in einer Tauchschule gejobt hat.“
„Genau – und dabei wieder einmal in etwas Supergeheimnisvolles verwickelt war.“
„Andeutungen, die Sensationelles ahnen lassen, sind nun mal seine Masche, als Schriftsteller Geld zu verdienen. Doch bedenke, wie oft etwas nach Show aussieht, das im Grunde gar nicht Show ist.“
„Noch häufiger stellt sich als Show heraus, was zunächst tief ernst daherkommt. Auf diese Erkenntnis“, setzt er grinsend hinzu, „läuft quasi die ganze Counter-Intelligence hinaus.“
Da geht das Licht aus. Stromausfall.
„Endlich mal wieder“, sage ich; einerseits weil ich einfach die Stromausfälle schon vermisse, andererseits weil sich so das Thema gut beenden lässt. Wann immer nämlich die Rede auf Linval Livermore kommt, muss ich sehr vorsichtig sein. Denn wie gut ich ihn tatsächlich kenne, weiss niemand, auch Rivera nicht; und wenn ich erklären sollte, woher überhaupt ich Linval kenne, wüsste ich nicht, wie. Auch wenn diesbezüglich Hinweise schon vorkamen, dürfte das der Leserschaft nun reichlich kryptisch erscheinen, jedoch an dieser Stelle bleibt mir leider nur die Bitte um Geduld.

Was auch oft andermals geschah, wenn wir so von Bar zu Bar zogen, geschieht auch diese Nacht mehrmals, nämlich dass das Kino-Spiel unser Gespräch unterbricht. Wir schauen beispielsweise einem Streit zu, der auffallend gespielt wirkt, und die Prügelei, die sich daraus ergibt, erscheint uns dann so kunstvoll, so präzise durchgeführt, dass wir uns mit allen Zuschauern bald einig sind: hier wird ein Jackie Chan-Film nachempfunden, und zwar eindeutig Drunken Master.
Nach Mitternacht, beim zweiten Stromausfall, fällt mir wieder ein, dass ich es eigentlich sehr eilig habe, und also sag ich einfach zu Rivera: „Es gibt hier in Babaal ein Telesterion, das weisst du sicher.“
„So eine richtige Einweihungsstätte meinst du? Hier? In Babaal? Ist ja hochinteressant. Und bemerkenswert, dass man das neuerdings so unverblümt auch anspricht.“
„Weisst du, wo es ist? Würdest du es finden?“
Worauf er tief Luft holt. „Du hast keine Zeit mehr zu verlieren, wie? Dachte mir schon, dass du unter Druck stehst. Paley?“
„Von dem nur der übliche Druck, der, den er routinemäßig ausübt. Eine Farce.“
„Paley ist ein Schattenspieler, unterschätze ihn nicht.“
Ich nicke; dann sage ich aufs Geratewohl: „Du suchst doch auch das Telesterion.“
„Wie kommst du denn darauf? Das wusste ich ja nicht einmal.“
„So sage ich’s auch immer … Im Ernst, Rivera.“
„Nein. Leider nein, ich weiss nicht, wo es ist.“
„Und sonst? Was weisst du übers Telesterion?“
„Nur was alle wissen, die Nachforschungen darüber anstellen; was dir nämlich jeder andrianische Hellseher darüber sagen kann: dass es sich angeblich genau in der Mitte von Babaal befindet; dass es überhaupt der Mittelpunkt sei. Aber auch Mittelpunkt ist für diese Leute ein dehnbarer Begriff, die arbeiten hier ja alle mit der Unschärfe.“
Was ich nur bestätigen kann: „Damit solche Informationen nicht Typen wie uns dazu verleiten, Unheil anzurichten.“
Wir schweigen eine Weile.
„Und?“, frage ich dann. „Wie gedenkst du ihn zu finden? Ich meine den Mittelpunkt von Babaal.“
„Ihn ernsthaft zu suchen, dürfte einen alle Ressourcen kosten, denke ich. Aber ob sich das lohnt? Ich weiss nicht“, und mit einer allumfassenden Geste: „Schätze, man müsste dieses ganze wunderbare Andria aufzugeben bereit sein.“
Da hat er recht, das ist die Frage: Sollte man das? Will man das? Kann man das?
„Wenn ich das richtig interpretiere“, fährt er fort, „nimmst du an, dass wenn du das Telesterion findest, du damit automatisch auch Zugang zur Passage hast. Falls es so ist – weisst du eigentlich, was dich da erwartet? Die Passage sei riskant, sagt man.“
„Sagt man, ja. Aber ich weiss darüber nur Gerüchte.“
„Immerhin sind sich alle darin einig, dass die Passage über jene Insel des Archipels führt, die man die Doppelgesichtige nennt.“
„Ich weiss. Damit ist Lavienta gemeint. Alias Matoxa.“
„Dort ist, wie man hört, ein Bürgerkrieg im Gange. Und dann muss man da auch noch irgendwie die Besichtigung einer Fleischfabrik überleben …“
„Ja, und dann sich zum Reservat der Ureinwohner durchschlagen; und dort an der Küste schliesslich die eine richtige Bucht finden. Von wo man angeblich das Archipel verlassen kann, irgendwie. Das sind so die Gerüchte.“
„Ohne Verbündete, heisst es einerseits, sei das nicht zu schaffen, andererseits solle man sich auf niemanden verlassen.“
„So hab ich’s auch gehört: Man ist absolut auf sich allein gestellt und kommt doch allein nicht durch. Offenbar hat man es an den entscheidenden Stellen immer mit Paradoxien zu tun.“
„Jedenfalls kann man wohl sagen, dass diese sehr ungefähren Informationen wenig bis gar keine Hoffnung auf ein Durchkommen bieten.“

Zunächst kommt’s für Rivera nicht infrage, mit mir, verwahrlost wie ich aussehe, das Haus von Madame Greta aufzusuchen; und ich kann ihm darin nur beipflichten. Denn wenn auch auf sonst nicht viel, auf dieses eine legt Madame den höchsten Wert: dass die Fassade stimmt. Zu vorgerückter Stunde allerdings, als die Facon auch bei Rivera schon sichtlich nachgelassen hat und wir genötigt sind, einfach uns dem Ausnahmezustand hinzugeben, begehren wir dann doch dort Einlass, mit dem Argument: „Schau uns an, Bobby“ – Bobby ist der Torwächter –, „was du siehst, hat gar keine Bedeutung mehr –“ „Ist Maja! Illusion!“ „Quatsch! Hör gar nicht hin, Bobby, der ist betrunken. Was ich sagen will –“ „Schon klar“, sagt Bobby, „so wie ihr ausseht, zählen für euch nur noch die inneren Werte. Kenne euch in kaum einem anderen Zustand. Kommt mit.“ Wir schwanken ihm hinterher in die größere der beiden Bars im Erdgeschoss. Dort setzt er uns ans leere Ende des Tresens. „Hier bleibt ihr sitzen, klar?“ Und unisono sagen wir: „Danke, Bobby, alles klar!“
Auch der Barkeeper scheint uns bedenklich gut zu kennen. „Gentlemen?“, begrüßt er uns und stellt zwei Gläser und eine Flasche Rum vor uns hin.
Für dieses Haus gibt es allerlei Bezeichnungen, und von denen passt, wie ich finde, das altmodische Etablissement am besten, denn ja, es ist zwar ein Bordell, aber nun mal nicht nur das. Man konferiert hier, so wie wir jetzt, oder spielt um Geld, illegal natürlich; hauptsächlich Poker, aber auch Roulette.
Ich sage: „Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ich hier weg muss: die Sauferei.“
Rivera nickt. „Ausserdem wird man auch hier demnächst auf das wichtigste kulturelle Element verzichten müssen: die Stromausfälle.“
„Genau. Weil ohne die ja die ganze Elektrifikation im Grunde ein langweiliger Scheiss ist.“
„Das, äh – deine Besoffenheit in allen Ehren, lieber Schell –“
„Oh, bin ich entgleist? Wollte dir nur zustimmen; was ich meinte: Dass die vielen kleinen Stromausfälle gewährleistet haben, dass hier bisher die Kultur nicht von der Elektrizität abhängig war. Stimmt doch wohl, oder?“
Dann kommen wir auf das Thema Passage zurück: „Nehme an“, sage ich, „auch du hast noch von keinem gehört, der’s geschafft hat.“
„Nein. Aber das heisst nur, dass nicht unbedingt stimmt, was man so hört. Denn was können einem Leute erzählen, die es nicht geschafft haben?“
„Nur, wie es nicht zu schaffen ist.“
„Und deshalb, wie ich heute irgendwann schon sagte, hängt alles davon ab, zu welchem Bild wir uns die Informationen zusammensetzen.“
„Und zwar vorher. Bevor es losgeht. Und da es nicht erst irgendwann losgeht –“
„Weil’s ja längst schon losgegangen ist – haben wir längst unser Bild.“
„Und jede neue Information fügt sich dem ein, ohne es im Ganzen zu verändern.“
„Sicher?“
„Nein. Gibt ja Informationen, die man deshalb als falsch verwirft oder einfach vergisst, weil sie einem das ganze Bild verändern würden.“
„Was nur sein kann, weil das Bild eine Illusion ist.“
„Wäre also ratsam, das Bild von der Sache komplett zu löschen. Was übrig bliebe, wäre real.“
„Theoretisch.“
„Eine Theorie immerhin, die erklärt, warum wir hier immernoch herumsitzen, als würden wir auf etwas warten.“
„Darauf, dass das Bild verlöscht, und zwar gefälligst von allein. Der reinste Schwachsinn ist das. Entmutigend. Wenn nicht völlig aussichtslos.“
„Sogar niederschmetternd.“
„Die berühmte hoffnungslose Situation.“

Von Greta’s Etablissement spazieren wir im Morgengrauen – es wird gerade die Tageszeitung ausgeliefert – in Richtung Zentrum, zum Paradeplatz, wo in der alten, von einer Riesenkuppel überdachten Markthalle schon einiger Betrieb herrscht; lassen uns da vor einer der Cafe-Bars nieder und studieren, während wir nach dem ersten Frühstück gleich ein zweites verschlingen, den noch druckfrischen Bright Day.
„Sag einmal –“ staunt Rivera: „Signale aus dem All! Sowas bringt neuerdings der Tag? Damit machen die aber dem Binocle gefährlich Konkurrenz!“ „Lies nur weiter, am Schluss zitieren sie sicher den vernünftigen Physiker vom Dienst.“ Rivera liest; dann schmunzelt er: „Ganz recht. Ist alles, heisst es hier, eine Theorie, die nur auf Messfehlern beruhen kann.“ „Gibt’s noch was interessantes?“ „O ja, das hier: Eine neue Epidemie in China. Da hat man gleich mal eine ganze Millionenstadt abgeriegelt.“

Und jetzt bemerke ich etwas. Dass ich mich nämlich die ganze Zeit beobachtet fühle; und zwar von da drüben, aus dem Schaufenster eines bestimmten Ladens heraus. Von einer Maske; einer solchen, wie sie zum Beispiel bei rituellen Tänzen irgendwo getragen wird … Was ist das für ein Laden?
„Muss mir da mal was anschauen“, sage ich zu Rivera.
Aus der Nähe erkenne ich sie wieder: Das ist ganz eindeutig die Maske aus dem Studierzimmer. Und gerade denke ich noch: So so, nach dem Säbel und der Daguerreotypie nun also, ganz logisch eigentlich – da hat mich ihr Anblick schon nach anderswo versetzt, vor einen Spiegel, jenen großen, rundum beleuchteten Schminkspiegel; und der ist so real, dass ich mich ganz klar als den erkenne, der davor sitzt, inmitten einer Masse interessanten kulturellen Gerümpels. Das heisst ich bin hier in dem alten Landhaus, in einem der Refugien, der sogenannten Kunst-Ruine. Der Spiegel, Gegenbild zur Maske, ist hier das Objekt zum Transit – alles klar!, und durch diesen Spiegel kehre ich sogleich ins Hier und Jetzt zurück. – Inzwischen geht das so leicht! Das stimmt mich zuversichtlich.
Und da ist plötzlich die Maske gar nicht mehr. Denn Argus-Augen haben mich vorm Schaufenster bemerkt, und wohl erkannt, was ich da so interessiert betrachtet habe. Und nun ist da an Stelle der Maske ein Menschengesicht erschienen: das eines alten Mannes – welcher mir jetzt zuzwinkert und gleich darauf aus dem Fenster verschwindet.
Komisches Ding, diese Maske; mir schon immer das unheimlichste von den Transitobjekten. Ich will mich gerade abwenden, da öffnet sich die Ladentür und es erscheint der alte Mann, der mir eben zugezwinkert hat, und krächzt: „Nur herein, Meister!“ Worauf ich mit abwehrender Geste sage: „Ich brauche nichts!“ „Ja, ja, nicht jetzt vielleicht – und ein Geschenk werden Sie doch wohl annehmen?“ Er tritt in den Laden zurück und ich folge ihm zumindest die drei Schritte bis zur Türschwelle. „Sie wollen nichts dafür?“ „Nichts. Hat keinen Preis so eine Maske.“
Der ganze Voodoo-Kram, der den kleinen Laden anfüllt, wirkt in dem fahlen Neonlicht einheitlich bräunlich-grau. Der Alte hat das Ding schon in eine Plastiktüte gesteckt. Nun kommt er nah heran, drückt sie mir in die Hand und zieht sich schnell zurück, und schliesst mit einem „Schönen Tag noch, Meister,“ die Tür vor mir.

Rivera grinsend: „Beute gemacht?“ Ich reiche ihm die Tüte: „Schenk ich dir.“ Er schaut hinein und reicht sie mir zurück: „Dutzendware. Brauch ich nicht.“ „Ich auch nicht.“ Ich winke dem Kellner und sage zu Rivera: „Los jetzt, an die Arbeit!“ „Jawohl, nutzen wir den Tag!“ Wir zahlen und gehen, jeder in seine Richtung. Ich bin noch nicht weit, da höre ich hinter mir: „Hey Boss!“ Der Kellner ist einer von den Aufmerksamen und hat leider die vergessene Tüte schon bemerkt.

So schön dieser frühe, noch dämmrig blaue Morgen auch mal wieder ist, jetzt will ich nur noch ins Bett. Vorher würde ich nur gern noch diese Maske loswerden. So ein Objekt allerdings, das ist mir klar, wirft man nicht einfach weg, das brächte Unglück. Da fällt mir ein bestimmter Laden ein, gleich hier um die Ecke: der Kostümverleih; die Institution in Sachen Verkleidungskunst; von einem Chinesen betrieben. Der könnte sogar zu dieser Stunde schon geöffnet haben … falls er je schliesst. Und in der Tat, da drinnen seh ich Licht.
„Habe hier was Interessantes“, sage ich zu dem Chinesen und reiche ihm die Maske. „Was meinen Sie, was ist die wert?“
Er schaut sie sich eingehend an. „Hm. Hm.“ Zwirbelt sich ausgiebig den Spitzbart. „Hm.“ Wackelt mit dem Kopf.
„Und? Interessiert? Passt Ihnen die ins Sortiment?“
„Hm.“ Schliesslich legt er die Maske auf den Ladentisch, taucht rückwärts mit einer knappen Drehung durch den Vorhang aus Perlenschnüren und ist Sekunden später mit seinem Angebot zurück: „Das brauchen Sie, mein Herr!“ Er reicht mir einen Anzug, Hose und Jackett, von undefinierbarer Farbe. Und da werde ich mir peinlichst meiner abgetragenen Kleidung bewusst, wie überhaupt wieder meiner ganzen ungepflegten Erscheinung.
„Haben wir gerade neu hereinbekommen“, sagt der Chinese, „von weither, aus Istanbul.“
Ich befühle den Stoff und stelle eine ganz aussergewöhnliche Feinheit fest. „Aber – von der Größe her?“ „Der passt, Sie werden sehen.“ „Na schön, Sie sind der Fachmann.“ Ich stopfe die beiden Teile in die leere Tüte. „Danke sehr!“
Nur jetzt auf dem schnellsten Weg in meine Höhle! Wie schrecklich ich wohl inzwischen aussehe! Doch vor allem bin ich froh, die unheimliche Maske los zu sein.

Ich wache auf und höchstens eine Stunde ist vergangen, seit ich mich in meinem verdunkelten Apartment aufs Bett geworfen habe. Doch ist an Weiterschlafen nicht zu denken; nicht des Lärmes wegen, der aus der Gasse heraufdringt und gar beträchtlich ist; es ist die Unruhe in mir, die mich, unausgeschlafen und noch halb betrunken, wieder auf die Beine bringt.
Nach sorgfältigster Körperpflege ziehe ich zu einem frischen Hemd den neuen Anzug an und freue mich, wie sehr gut er mir tatsächlich passt. Ich betaste mit neuerlicher Bewunderung diesen überaus feinen Stoff und finde dann auch durchaus gut, was ich im Spiegel sehe; und als ich der Reihe nach die Taschen untersuche, fällt mir sogleich deren kühle, glatte, merkwürdig geräumige Beschaffenheit auf, und da kommt mir der Verdacht: Habe ich’s hier etwa mit einem Exoot zu tun? Und wenig später, als ich den Weg ins Büro unterbreche, um mir von einem Friseur die Haare kurzschneiden zu lassen, frage ich mich, dort in den Spiegel glotzend, warum wohl der Chinese Istanbul erwähnt hat.
Da merke ich schläfrig, wie mich in diesem gemütlichen Friseursessel der Tatendrang verlässt, und ganz sicher bin ich mir, dass mich gleich im Büro nichts als das Sofa in Anspruch nehmen wird.

B.11

Seltsamen

Wie seltsam das gewesen war, hinter mir Ingrun auf dem Rücksitz zu haben … Die Fahrt war in völligem Schweigen verlaufen, und ohne Musik, und das Ziel war ein großes Apartment-Gebäude gewesen, in einer ruhigen, recht teuren Wohngegend. Sie hiess mich dort in die Tiefgarage fahren, dirigierte mich auf einen bestimmten Stellplatz und fuhr mit mir den Aufzug in die vierte Etage hinauf; und noch immer schwiegen wir uns an.

Das Apartment, in das sie mich führte, gehöre ihr schon lange, erklärte sie. Mahmoud habe eine Zeitlang hier gewohnt. „Bevor er bei mir eingezogen ist. Du weisst ja wohl, dass Mahmoud und ich …“ Worauf ich nur ungeduldig nickte. „Zur Sache, Ingrun. Was soll das Ganze?“

„Ausser mir kennt nur Mahmoud diese Wohnung, und jetzt noch du. Denn bei Manne auf der Tankstelle bist du nicht mehr sicher, und falls du dich dringend mal verziehen musst, hast du nun diese Schlüssel hier … Dieser ist für die Wohnung und dieser für Haustür und Tiefgarage. Der kleine ist für den Briefkasten und dieser vierte hier für einen Raum im Keller. Der anhand der Numerierung leicht zu finden ist; wo in Pappkartons der Kram lagert, den du, als wir uns damals trennten, bei mir zurückgelassen hast.“

„Ach“, sagte ich und nahm den kleinen Schlüsselbund in Empfang, „dann waren also meine Sachen tatsächlich bei Mahmoud. Nur dass der von diesem Kellerraum nichts wusste.“ „Dass ich den ihm gegenüber erwähnte, bin ich mir sicher; und er hatte ja den Schlüssel … Hat aber immer soviel anderes im Kopf, der Gute.“

„Ich brauch den alten Kram inzwischen sowieso nicht mehr. Aber trotzdem Danke, Ingrun. Für diese Schlüssel. Dein Vertrauen. Dass du dir Sorgen um mich machst. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann …“ Sie winkte ab, sagte: „Da kommt was auf uns zu, genaues wissen wir noch nicht. Ein Virus. Der wird dies ganze Level fressen. Uns bleibt kaum noch Zeit.“ „Soll ich dazu, äh, irgendwie was sagen?“

„Wir sind vier Dreier-Teams auf diesem Level, und nur wenn wir zusammenarbeiten, ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, zu lösen. Leider sind von den vier Teams aber nur zwei stabil. Das eine besteht aus Iris, Maja und mir –“ „Maja? Maja Maier? Alias Frau Doktor?“ „Ja. Und Iris kennst du auch: die Psychologin, die dich zu Frau Doktor geschickt hat.“

„So habt ihr alles eingefädelt …“ Klar, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam.

Das andere stabile Team, laut Ingrun, bestand aus Nolte, Trisha und Gino. Gottfried Nolte, klar, den kannte ich, doch die anderen beiden – „Gino? Trisha?“ „Gino bist du sicher noch nicht begegnet. Aber Trisha – Patricia Percival –, du hast sie mal im Taxi gehabt. Durch sie bist du an die Azuma-Statuette gekommen.“ „Verstehe.“ Die Amerikanerin, die damals in meinem Taxi jenen Briefumschlag auf dem Rücksitz „gefunden“ hatte, mit dem Schlüssel darin, für das Bahnhofsschliessfach …

Das dritte Team, erfuhr ich, bestehend aus Uschi, Lady Rainbow und Beppo, war schon seit Jahren durch Beppos Autismus wie lahmgelegt. „Fraglich, ob der wirklich Autist ist“, sagte Ingrun. „Kann auch sein, dass er nur simuliert. Oder unter einer Art Bannzauber steht. Wie’s aussieht, stehen jetzt die Chancen aber gut, ihn rechtzeitig noch da herauszuholen. Woran wir tatsächlich scheitern werden, ist das vierte Team: ist Sciffi, ist Manne, bist du, Schell. Wir alle, das heisst wir zwölf, scheitern, weil wir eine Einheit sind und nur als Einheit weiterkämen, und weil ihr drei das leider vergessen habt. Und was hat euch so vergesslich gemacht? Die Drogen. Und daran zu scheitern letztenendes, an so einer blöden kleinen Molekülverbindung namens THC, ist wirklich deprimierend.“ „Da muss ich doch entschieden protestieren!“

„Okay – Manne und Sciffi, die jedenfalls konnten nicht rechtzeitig davon lassen. Aber wovon du nicht lassen kannst, ist um keinen Deut besser: deine Selbstbezogenheit. Sie hat dich total verblendet, Schell, und ist so verdammt zäh, dass sie auch dich alles hat vergessen lassen. Sodass du mir nicht glaubst, kein Wort, auch jetzt nicht, das merke ich sehr wohl.“ „Stimmt. Aber wie es aussieht, gibst du dir reichlich Mühe mit mir – und ja nicht nur du – und das macht mich natürlich nachdenklich. Sagen wir also, ich setze zur Abwechslung mal den Unglauben aus – wie sollte idealerweise denn die Sache laufen?“

„Das lässt sich nur symbolisch sagen. Es hat mit dem König zu tun. Der sein Gedächtnis verloren hat. Und sehr krank ist deswegen. Und geheilt werden muss.“ „Du meinst, wie in der Sage vom Gral? Mit König ist der Hüter des Heiligen Grals gemeint?“ „Es ist immer dieselbe Geschichte. Nur sieht sie immer anders aus; so anders jedesmal, dass man sie nicht erkennt, oder zumindest nur unter Schwierigkeiten.“

„Schwierigkeiten, die man zu meistern hat, verstehe – um die Geschichte, die eigentliche, wiederzuerkennen. Worin der Sinn der Sache liegt.“ „Du selbst, Schell, müsstest über diese Geschichte im Grunde am meisten wissen. Nicht zufällig ist dir das entsprechende Zeichen zugespielt worden. Übrigens unter einigem Aufwand – frag nur Trisha danach, falls du sie mal triffst.“

Ich dachte an die kleine Plastikfigur im Handschuhfach des Taxis und seufzte. „Der Instinkt sagt mir, dass dieser ominöse König Azuma mich nur ablenken soll. So wie das ganze Spiel, von dem dauernd die Rede ist, Flysh, mir wie ein einziges Ablenkungsmanöver vorkommt. Doch wovon es mich ablenkt? Keine Ahnung.“

„Und spielt auf diesem Level auch sicher keine Rolle mehr. Hier, wie gesagt, sind wir so gut wie fertig. Wusstest du, dass du nicht mal mehr ein Team hast? Sciffi ist nämlich inzwischen bei euch raus; ist jetzt ein Team mit Habib und dem IT.“

Da glotzte ich. Der Computer-Nerd, der Berufskriminelle und der dauerbekiffte Magier: ein Team! Und Ingrun nickte. „Kannst dir wohl denken, wie weit das, was die in diesem Spiel verzapfen, von dem wegführt, was wir erstreben.“ „Kann ich mir denken, ja. Wenn das so eine Gralsgeschichte ist.“

Ich überlegte. Sciffi also hat sich von uns losgesagt, das heisst jetzt sind wir nur noch elf … „Könnte Mahmoud nicht an Sciffis Stelle treten? Mit ihm im Team, das wäre schön!“ Da musste Ingrun lächeln. „Ist irgendwie entwaffnend, dass dir der Ernst der Lage noch so gar nicht klar ist.“

Ich saß, wie so oft, im Lesesaal einer der größten Bibliotheken Frankfurts; an diesem Nachmittag aber nicht, um zu lesen – auch wenn ich ein Buch aufgeschlagen vor mir liegen hatte –, sondern um in Ruhe nachzudenken; und das aufgeschlagene Buch war diesmal auch nicht, wie sonst in letzter Zeit, ein Band aus der Gesamtausgabe Schellings, sondern eine Sammlung von Briefen Hölderlins. Mein Blick, während ich mich konzentrierte, ging da weniger hinein, als vielmehr da hindurch, das heisst ich sah die Zeilen kaum; stattdessen blickte ich zurück.

Obwohl so unwahrscheinlich war, was Ingrun mit erzählt hatte, beschloss ich ihr zu glauben. Denn so ergab ja plötzlich alles einen Sinn. Und ich sagte mir: Sobald ich nicht mehr vergesse, dass ich mich ja dauernd irre, wird mir vielleicht auch das, was ich davon immernoch nicht glauben kann, allmählich glaubhaft werden. Im übrigen war das ja nicht das einzig Seltsame in jüngster Zeit gewesen …

Zum Beispiel traf ich neuerdings beim Joggen dauernd dieselbe Joggerin; was nichts besonderes wäre, würde ich immer zur selben Tageszeit dieselbe Strecke laufen. Doch traf ich sie auf jeder Strecke und egal, wann ich lief. Und vage kam sie mir auch irgendwie bekannt vor. Bis es zuletzt dazu gekommen war, dass sie mich beim Joggen überholte und dabei zu mir sagte: „Du hast keine Zeit mehr zu verlieren.“ War das ein Scherz? „Was meinst du?“, fragte ich, und sie: „Dass du wirklich demnächst los musst!“ Nachdem Ingrun sie erwähnte, Iris nämlich, wusste ich plötzlich, wie und wo ich diese Joggerin schon mal gesehen hatte: als jene Psychotherapeutin, die mich damals zu Frau Doktor schickte!

Dass ich wirklich demnächst los muss … Konnte sich ja wohl nur auf das beziehen, was ich nun schon so lange vor mir her schob: den vielbesagten Urlaub.

Dass mir wahrscheinlich eine Reise gut tun würde, sah ich ein; doch wohin verreisen, wusste ich noch immer nicht. Wenn ich manchmal in Buchhandlungen vor den Regalen voller Reiseführer stand, fand ich so ziemlich alles interessant. Sobald ich allerdings in einem davon zu blättern begann, verliess mich jegliches Interesse. Oder in Reisebüros: in dem Geprassel bunter Angebote verging mir alle Reiselust schlagartig. Im übrigen war ich bisher auch in der Frage, welche Lektüre zu dieser Reise die geeignete sei, noch zu keinem Ergebnis gekommen. Und was lag diesem Pseudoproblem tatsächlich zu Grunde? Dass ich einfach nicht Tourist sein wollte. Dass ich der Ansicht war, die Welt, so wie sie ist, liess gar nicht mehr das zu, was ich mir unter Reisen vorstellte.

Wenn ich im Geiste auf der Suche nach einem Urlaubsort irgendwelche Landstriche, Küsten oder Flussgebiete überblickte, geriet ich immer wieder an gewisse Stellen, die sich seltsam wiederholten. Da war zum Beispiel diese schmale kurvige Straße in die Berge hinauf, stets bei Sonnenschein, mit Ausblick auf ein Meer, und jedesmal war ich überrascht von dem Duft, den leuchtenden Farben, der Frische der Luft. Auf dem Balkan, keine Ahnung, wo genau; und die kleine Stadt, in der ich jedesmal aus einem alten Autobus stieg, war immer dieselbe, bekannt als Markt für Edelsteine und für die Schönheit ihrer Frauen. Ich allerdings kam wegen spezieller Höhlen, die es angeblich in dieser Gegend gäbe.

Am häufigsten geriet ich jedoch an diesen anderen Ort, auch irgendwo im Süden: Stets in der Hitze einer betäubenden Mittagssonne, zwischen zerstörtem Gemäuer; wo ich mich jedesmal über schiefe uralte Pflastersteine zu einem schon lange, lange ausgetrockneten Brunnen schleppte; dort verharrte; die Eidechsen beobachtete; und das Gefühl eines fürchterlichen Elends um mich spürte. Manchmal hörte ich etwas wie erstickte Schreie, doch das, wie ich mir sagte, konnte nur Einbildung sein.

Wahrlich war das kein angenehmer Ort, und also warum landete ich im Geiste – fast schon wie in einer Endlosschleife – immer wieder dort? Jedesmal aber, bevor sich eine Antwort darauf fand, war ich schon wieder raus aus diesem Bild; und das war typisch für alle diese Orte, an die es mich imaginär verschlug: sie entzogen sich, wie Traumbilder, meiner Kontrolle.

Und mindestens so merkwürdig, so verstörend seltsam, war es neulich gewesen, in einer Zeitschrift ein Bild von mir zu entdecken; nämlich in einem Spiele-Magazin, auf einem ganzseitigen Foto, einer Werbung für einen sogenannten Re-Run, die Neuauflage eines alten Computerspiels:

AZUMA MAROONED – das legendäre Abenteuer: vollständig rekonstruiert – in neuem Style – auf deinem Phone!

Konnte der auf diesem Foto wirklich ich sein? Nein! Aber ich war’s; erkannte mich fast überdeutlich klar: in einem orientalischen Kaffeehaus, im Gespräch mit einer gesichtslosen, schwarz gewandeten Gestalt. Und meiner Verblüffung folgte die Empörung: Mich einfach in eine Werbung zu versetzen, ungefragt, das kann man doch nicht machen! – Doch, kann man; und meiner Empörung folgte ein gehöriger Schub Paranoia. Und wie da mein Herz mal wieder losgeklopft hatte!

Jedenfalls verliefen alle diese seltsamen Vorkommnisse nach einem Muster: was zumeist recht amüsant begann, schlug jedesmal ins Bedrohliche um. Wie auch gestern Abend, als ich an einem Taxistand am Bahnhof vor mich hindösend im Wagen saß. Da hatte ich plötzlich so eine Urstadt vor Augen, Uruk zum Beispiel, oder Ninive, und die verwandelte sich wie in Kaskaden epochaler Überblendungen in die nächtliche Szenerie einer Mega-City der Zukunft. Ich sah Leute mit Rüsseln, mit gepanzerten Schädeln, mit Stacheln und Schwänzen, und andere mit Lichtkörpern, nahezu durchsichtig und mit flügelartigen Schultern; staunte sehr, und als da auch eine pralle Sexblüte vorbeitrieb, dachte ich nur: Aha, auch hier treiben pralle Sexblüten vorbei … „Muss irgendwo sein“, sagte da jemand hinter mir; ein Mann; hatte gar nicht bemerkt, wie er eingestiegen war. Er kramte in einem Aktenköfferchen. „Ich will Sie nicht mit Kartenzahlung nerven, habe Geld dabei, Bargeld … Nur etwas Geduld, bitte. Nach schon wieder so einem Tag bin ich jetzt, äh …“ „Ein bisschen zerstreut?“ „Was? Jaja … Sie haben ja keine Ahnung, was wirklich läuft, sonst säßen Sie nicht mehr gemütlich … Ach was, seien Sie froh, so hier im Stillen sitzen zu dürfen und einfach nur mitfühlend meinen Schwachsinn zu ertragen.“

„Sind Sie Schriftsteller?“

„Statistiker. Beim Großen Discounter. Kenne die Kosten der billigen Preise bis ins kleinste Detail. Wenn der letzte Fisch gefangen, der letzte Baum gefällt ist und so weiter, Sie wissen schon – was uns dieser Indianerhäuptling damals schon klarzumachen versuchte: dann werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. Wissen Sie, wie blöd man sich mit derartig alten Neuigkeiten vorkommt?“ „Ja, saublöd. Und Bits kann man übrigens auch nicht essen.“ „Aber so unfassbar blöd wir auch sind, das System funktioniert.“

„Ich fahre Sie irgendwohin und Sie bezahlen, okay?“

„Warten Sie. Ich könnte gerade eine Bombe deponiert haben, zum Beispiel in diesem Alien-Shop da drüben.“ „Etwa um sich vor dem Bezahlen zu drücken? Steigen Sie aus, Mann!“

„Sie haben hier und jetzt die Chance, viele Menschenleben zu retten. Verstehen Sie?“ Er hielt sein Handy in die Höhe: „Hiermit kann ich die Bombe zünden. Und Sie, der unscheinbare Taxifahrer, können über Nacht zu einem Helden der Humanität werden, indem Sie mich mit einem überzeugenden Argument – nur einem einzigen! – daran hindern.“ „Belabern Sie jemand anderen – raus jetzt!“ „Es ist zu unwahrscheinlich, meinen Sie, dass –?“ „Ich meine: Raus aus meiner Karre!“

Genug.

Ich versuchte in dem Buch zu lesen, das hier aufgeschlagen vor mit lag – die Briefe Hölderlins – doch wieder ging mein Blick wie durchs Papier hindurch; hatte da, gestochen scharf, Frau Doktor vor mir, und ich staunte, mit welch hoher Energie ich projizierte – das grenzte schon an echten Blickkontakt! – Und sah jetzt mich. Durch ihre Augen. Im Strafraum. Vor ihr auf den Knien. Nackt. Diesmal aber ganz anders als sonst.

Während die Sitzung zuvor noch eher wie üblich verlaufen war … Erst jetzt, hier in der Bibliothek sitzend, rückblickend, bemerkte ich, dass sich aber schon in dieser vorletzten Sitzung etwas verändert hatte. Wie ich mich nämlich so sah, ihr gegenüber, durch ihre Augen, und mich reden hörte, da fing ich erst so richtig an, meine Geschwätzigkeit zu hassen:

„Wir haben inzwischen ja durchschaut, was mein Gerede eigentlich verschlüsselt: Scham. Dass sich für den Schamhaften gerade im Beschämendsten, im Allerpeinlichsten, eine besondere Wonne verbirgt. Das skandalöse Geheimnis des absoluten Nur-für-mich. Der Ego-Kick schlechthin. Der enthüllte Kern der Scham. Das Schamlose selbst. Woran der Schamhafte sein schamloses Selbst entdeckt. Nur eine Fiktion natürlich, ein fiktiver Fetisch; jedoch genauso magisch aufgeladen wie ein echter Fetisch, und mindestens genauso wirksam, genauso unwiderstehlich. Sodass der Schamhafte, süchtig nach dem Schamgefühl, willentlich es wieder und wieder in sich auslöst. Wobei allerdings nicht zu übersehen ist, dass der banale Gehalt der Sache nur deshalb unbedingt im Dunkeln bleiben muss, weil er so dermaßen banal ist; stellt doch dieser banale Gehalt mein Selbstbild, ja die ganze absolute Wichtigkeit meiner Person in Frage. Mich zu zwingen, dieser meiner Banalität mich auszusetzen, sie zu belichten sozusagen, das wäre mir ohne Sie, Frau Doktor –“

„So reichlich Sie Ihr Selbstbild vor uns ausgebreitet haben, reicht’s nun, denke ich. Haben Sie je erwogen, dass es nur ein Bild ist?“

„Mein Selbstbild? Ein Bild, ja – natürlich!“

„Und dass dieses Bild für jemand anderen als Sie gar keine Realität hat?“

„Ist möglich, ja.“

„Ihr Selbstbild könnte also nur für Sie real sein?“

„Wie gesagt …“

„Hätte ohne Sie überhaupt keine Realität?“

„Was denn? Ich sage doch: ist möglich.“

„Die Frage ist die: Halten Sie das wirklich für möglich?“

„Verstehe.“ Was gab’s da zu verstehen? Irritiert, genervt, nahm ich rasch Zuflucht zum Banalen: „Die Scham, sie funktioniert natürlich nur, solange man dasselbe wie die Allgemeinheit als Tabu empfindet. Äh – okay? Soll ich sagen, wie ich mich fühle? Wie wenn sich das Besondere im Allgemeinen oder umgekehrt das Allgemeine im Besonderen wiederfindet. Ah, Sie schauen auf die Uhr. Bin ins Schwafeln geraten – dann schreiten Sie umgehend zur Bestrafung bitte!“ „Sie kommen heute mal wieder ohne Strafe davon.“ „O bitte!“ Sie tippte auf ihre Uhr: „Lohnt nicht mehr.“

Wie gereizt ich gewesen war nach dieser Sitzung, kann man sich denken; trotzdem hatte ich gleich schon – ich war ja süchtig – den nächsten Termin ausgemacht. Und dann allmählich begriff ich, dass ich ihre Frage gar nicht verstanden hatte. Hielt ich es wirklich für möglich, dass für jemand anderen mein Selbstbild gar nichts reales ist? Das heisst: ist das möglich? Dass mich andere gar nicht so sehen wie ich mich selbst? Eigentlich, je genauer, je ehrlicher ich’s bedachte, hielt ich es nicht für möglich. Und zugleich mit diesem Eingeständnis ging meinem Selbstbild schon einiges an Realität verloren.

Man gleicht sich im Laufe der Zeit seinem Selbstbild an, dachte ich, und irgendwann schafft man es, damit übereinzustimmen; und ohne es überhaupt mitzukriegen, ist man plötzlich dann damit identisch: ist souverän man selbst – und klar, wie kommt man da wieder heraus? Unmöglich. Man weiss ja gar nicht, dass man drinsteckt. Das nennt man: in der Falle sitzen. Daher musste es ja dann beim nächsten Mal so ganz anders laufen als bisher:

Ich musste mir die Bestrafung gar nicht erst durch eine komplizierte Beichte im Sprechzimmer verdienen, Frau Doktor fragte nur: „Erinnern Sie sich noch an Ihr Problem, Samsa?“ „Impotenz? Oder nein, Sie meinen wahrscheinlich diese Mixtur aus konträren Gefühlen: Minderwertigkeit und Hochmut. Die sich gegenseitig bedingen.“ „Und meinen Sie immernoch, diese Mixtur sei etwas besonderes?“ „Sie meinen: lächerlich, sich darauf etwas einzubilden?“ „Ermüdend. Das immer wieder aufzuwärmen. Und ja, lächerlich auch, solche Nabelschau für Psychologie zu halten. Kommen Sie, gehen wir rüber.“

Zwar durfte ich niederknien, in gewohnter Weise nackt und angekettet, zum erstenmal aber ohne die Augenbinde. Und diesmal zog auch sie sich aus.

Ich starrte ihre Brüste an; konnte den Blick gar nicht mehr davon lösen; dachte zweimal, dreimal, viermal: Die kenne ich! Wie aber kann das sein? Nur einmal in meinem Leben hatte ich Brüste skurril gefunden, und zwar genau diese: seltsam länglich und aufwärts geschwungen, wie weisse Hörner, deren Enden aus sehr großen glatten Höfen sich zu glänzendem Rosa spitzten … Woher? Woher nur kenne ich die? Wie Hörner …

Zunächst, wie üblich, versuchte ich zu rationalisieren: Brüste wie diese kommen doch immer wieder vor, sicher hast du auch mit solchen irgendwo, irgendwann einmal herumgemacht … Doch hatte ich nicht mehrmals schon Anflüge des Gefühls gehabt, sie zu kennen, diese Frau? Gar nicht als Frau Doktor, sondern von viel früher her, in einer anderen Rolle …

„Was starren Sie so, Samsa? Sind doch nur Titten!“

Wie absurd das klang … Ich sagte mir: Du schläfst. Wach auf! „Hab neulich was geträumt …“ Und da wurde mir schwindelig.

Was erkannt werden wollte, liess sich nun nicht länger abhalten. In jenem Traum, in dem ich mich in sie – nein, nicht in Frau Doktor, vielmehr in diese Frau verwandelt hatte, da spürte ich mich ganz und gar in dieser Form, nicht irgendwie nur allgemein, sondern konkret in jeder Faser, und eben auch, und das unter dem nassen Hemd besonders intensiv, in diesen Hörnern; ich hatte sie, fühlte sie an mir selbst, sie gehörten mir an.

Und da entsann ich mich der Höllenangst, die ich nach jenem Traum gehabt hatte. Als ich da nämlich hinausglitt, kurz bevor ich richtig wach wurde, erkannte ich, mit was für Mächten ich’s zu tun hatte; nicht mit den guten nämlich, sondern mit den bösen; mit dreien, genau genommen, die insbesondere zu fürchten sind.

Den einen Dunklen – der so hell erscheint, den Blender – kennen alle: den Gefallenen, Luzifer genannt. Sein Gegenspieler, der andere Dunkle – der superintelligente Lügner, den ich den Technus nenne –, ist weniger bekannt. Diese beiden kenne ich, das heisst erkenne, wie sie auf mich wirken; was in Bezug zum dritten Dunklen – zu den Aggatt – so leider nicht der Fall ist.

Und jener Traum, so wurde mir jetzt klar, ist eine Warnung vor den Aggatt gewesen.

War mir das Fest, der Potlatch, nicht wie ein Treffen mit meinem Stamm vorgekommen? Und gehörten die Frauen in dem Caravan, mit denen ich vor der Sturmflut davongerast war, nicht auch dazu? Und da ich diese Frauen als Aggatt erkannte, waren dann also die Aggatt – mein Stamm? Ich also – eine Aggatt?

Derselbe Schrecken durchfuhr mich erneut.

Die Aggatt sind eine kosmische Rasse von Kriegerinnen; nur stelle man sie sich bloß nicht nach unseren Klischees der Raumfahrt vor, dann wären sie tatsächlich amüsant; höchstens könnten sie einem ein wenig das Gruseln lehren. Auch ich hatte keine Angst vor ihnen, solange ich nicht wusste, wie und was sie wirklich sind; solange sie mir nämlich nur in ihrer Schund-Version begegneten, so wie in einer Weltraum-Operette. Denn solange wirkten sie nur ausgedacht. Seit ich sie aber in mir weiss, durch mich wirkend, ist das anders. Ich weiss sie im Unbewussten verborgen. Sie bedienen sich der Willenskraft und nehmen mit Vorliebe die Gestalt ihres Gegners an. Wer oder was ist ihr Gegner? Was ich in mir sagt.

Die Angst, von ihnen auf grausamste Weise vernichtet zu werden, ist alles andere als unbegründet. Manche aus dieser Angst heraus, manch andere, weil diese Lebensform sie so begeistert, verbünden sich mit ihnen, werden selbst zu Aggatt; während die meisten aber, wie ich hoffe, von ihnen nie im Leben etwas mitbekommen.

Hier jedenfalls, das war mir in diesem Moment – nackt und gefesselt auf den Knien – sowas von klar, hatte ich die Entscheidung zu treffen: Den Aggatt widerstehen, jetzt!, oder fortan als Aggatt weiter, von Rausch zu Rausch, unsterblich in ewiger Nacht, immer in Wut, in Krieg und Ekstase, um wo immer wir auf Freundlichkeit stoßen, auf Treue, oder auf Glauben, auf Hoffnung – oder auf die für Aggatt tödlichste Bedrohung: Liebe –, sie zu zerstören.

Sie hatte breitbeinig über mir gestanden; jetzt ging sie vor mir in die Hocke. „He, Samsa, Sie sind ja kreideweiss. Machen Sie etwa schlapp?“ Ich erinnerte mich, darauf erwidert zu haben: „Ich glaube, ich will jetzt nicht mehr Samsa sein.“ „Dann brauche ich auch nicht länger Frau Doktor zu spielen …“ Jetzt lächelte sie. „Aber im Ernst, du siehst wirklich fix und fertig aus. Würde sagen, da hilft jetzt nur noch echte Medizin, und zwar die allerälteste, die Urwaldmedizin.“

Sie löste mir die Fesseln an den Handgelenken und ich dachte: Was ich von wegen des Heroischen neulich zu ihr sagte, war ernst gemeint: Dass ich den Kampf gegen meine Verkorkstheit nicht aufgeben werde; dass ich dieses Peinliche, Schmerzhafte, nicht einfach da in mir gewähren lasse. Denn so leicht es sich auch bagatellisieren lässt, es ist böse, und ich werde es in mir nicht akzeptieren, niemals.

So hatte ich entschieden.

Wir legten unsere Kleidung wieder an. Dann setzte sich Frau Doktor auf den Boden, mit einem Kissen im Rücken an die Wand gelehnt und den Rock soweit hochgeschoben, dass sie ihre angewinkelten Knie auseinanderspreizen konnte. Sie deutete dicht vor sich auf den Boden: „Hierhin, und mit dem Rücken zu mir.“ Ich fragte mich besorgt: Urwaldmedizin?, tat jedoch wie mir geheissen. „Und jetzt lehnst du dich an mich an.“

Sehr aufrecht, sehr steif, lehnte ich mich vorsichtig zurück.

„Bitte richtig, okay? Lass los. Und halte auch bitte nicht weiter die Luft an.“

Kurzum, es dauerte einige Zeit, bis ich mich entkrampfte, mich an sie wirklich anlehnte, oder genauer: in sie einsank; so nämlich fühlte es sich an, als mir das Loslassen schliesslich gelang.

Im ersten Moment hielt ich das, wo ich mich wiederfand, als ich die Augen schloß, für den Denkraum. Der glich nun aber gar nicht mehr dem Spiegelkabinett, dem also, was mir als der Tautoloid vertraut war. Nicht verlor sich, was ich dachte, nach allen Seiten ins endlos immer Fernere. Stattdessen kam von allen Seiten, auch von unten und von oben, etwas immer näher auf mich zu, und das war nicht dieselbe Stille, die ich hier schon des öfteren erfahren hatte. Still war sie zwar auch, sprachlos, unbegrifflich, doch vor allem war sie Farbe, nämlich grün. Und da erst fiel mir auf, dass es zuvor zwischen den Spiegeln immer völlig farblos zugegangen war; es hatte im Tautoloid also gar kein natürliches Licht gegeben! – Ja wie auch? Du hast ja nicht nur die Gedanken, auch diesen Ort hier, den Ort ihres Entstehens, für eine bloße Abstraktion gehalten, für im Grunde irreal; und wie sollte Sonnenlicht in so ein Jenseits dringen?

Schwer zu beschreiben dieser Farbton, der mich jetzt hier umgab; ähnlich einem Waldrand im Sommer, abends, in rotgoldnem Grün. Und da dachte ich an meine Regenbogen-Dame …

Die ersten Besuche zum Tee bei Lady Rainbow hatte ich rein höflichkeitshalber absolviert, dann aber sehr bald deren beruhigende Wirkung zu schätzen gelernt; bis mir schliesslich jede Tea Time mit ihr zu etwas besonderem geworden war.

Die Lady war in ihren Äusserungen sparsam, und bei allem, was sie aussprach, fiel mir ein leiser poetischer Beiklang auf, der auch das scheinbar Nebensächlichste irgendwie aus dem Alltäglichen heraushob. Ich hatte sie zum Beispiel in der Küche einmal „Alufolie“ sagen hören, und dieses Wort klang aus ihrem Mund so neu, so fragend, dass ich erstmal gar nicht wusste, was es hiess, und dann verstand, dass sie Silberpapier meinte.

Sie wirkte immer so heiter und dabei so nüchtern, so unsentimental, so unbelastet von Persönlichem, sodass ich mich fragte, woher das wohl kam. Aus der Zukunft, stellte ich mir vor; aus einer Zukunft, in der allgemein bekannt sein wird, dass so wie alle Materie eigentlich Licht ist, alles Seelische eigentlich aus Liebe besteht. Ich hatte sie nämlich am Anfang mal gefragt, was sie beruflich denn so mache, und ihre Antwort war gewesen, sie arbeite als Heilerin; und als ich weiterfragte, wie das praktisch aussähe, sagte sie nur: „Geistig.“ „Wie stell ich mir das vor? Du heilst den Geist?“ „Das geht nicht. Geist an sich ist immer heil. Kann unheil nur sein in seelischer und körperlicher Form.“ „Und dann?“ „Braucht der Körper, was er ursprünglich ist: Licht, und die Seele auch, was sie ursprünglich ist: Liebe.“ „Das klingt ja sehr einfach.“ „Wie alles in Kurzfassung. Doch einfach ist daran nur meine Arbeit: mir bewusst zu sein, dass ich einfach nur Kanal von Licht und Liebe bin.“ „Und mehr nicht – ich glaube, ich verstehe. Das ist nicht einfach; sogar verdammt schwierig, würde ich sagen. Wenn man nur wüsste, was Geist ist.“ „Man kann ja immerhin schon mal begreifen, was Egoismus ist, oder?“

Nach einer Pause fragte ich: „Was hast du früher so gemacht?“ „Mich an Bäume gekettet. Die dann doch gefällt wurden, um Platz für neues Legoland zu schaffen.“ „Ihr ward zu wenige.“ „Dachten aber, wir seien viele.“ „Hm, ja, traurig, wenn man kämpft und nichts dabei herauskommt.“ „Wirke ich verbittert? Ich hoffe, nicht.“ „Nein, o nein! Mich interessiert dein Fazit.“ „Wir gaben damals nur dem Affen Zucker. Dem System. Wurden süchtig danach, Widerstand zu leisten. Sowas tut man, bis man’s kapiert.“ „Darum kämpft man wohl in seiner Jugend. Bei mir ging es um Tierschutz. Dieselbe Geschichte: ein tapferer kleiner Haufen gegen das System.“ „Und dein Fazit?“ „Ich würde es heute genauso wieder machen. Aber jetzt ist immer jetzt. Und damals, logisch, war noch nicht, äh, jetzt – ich meine, der Kampf hört nie auf, das heisst ist immer jetzt.“ Sie schaute mich fragend an, aber schwieg. Ich blickte verlegen in die Teetasse und kam mir blöde vor, geschwätzig. „Ich auch“, sagte sie, „würde mich, wäre ich jung, auch sofort wieder an Bäume ketten.“

Das war unser längstes Gespräch gewesen. Zum Schluss hatte sie mich gefragt: „Soll ich dich behandeln?“ „Geistig meinst du?“ „Ja. Du legst dich einfach still irgendwo hin. Nur wann, müssen wir verabreden.“ „Warum nicht jetzt? Hier?“ „Gut. Mach’s dir bequem, leg dich aufs Bett.“ „Okay … Muss ich glauben, dass das funktioniert?“ „Nein, musst du nicht.“ „Und die Augen zumachen?“ „Wie du willst.“ „Und wenn ich einschlafe?“ Darauf antwortete sie schon gar nicht mehr.

Wo landete ich wohl? In meinem Denkraum, im Tautoloid. Und was passierte da? Nichts; ich dachte nur: Ist ja mal schön still hier. Und das war’s, der ganze tautoloide Gedankenspiegel um mich herum blieb leer; oder um genau zu sein: war gar nicht mehr da; oder noch genauer: war nur als Vorstellung vorhanden, das heisst nicht so real, dass ich mich anwesend darin fühlte. Weitaus realer war etwas, das ich noch nicht kannte und das mich in Staunen versetzte: das Gefühl Grün. – Das ist – so ist – das also ist Grün!

Dasselbe Gefühl, diese selbe Stille, als ich da so wundersam entspannt – zum letztenmal im Strafraum – an Frau Doktor angelehnt saß –

und was war denn das nun?:

uf einem grüenen achmardi truoc si den wunsch von pardis

Dass Ingrun diese Andeutung in Richtung Gralsgeschichte gemacht hatte und dass an der einzigen Stelle, die ich wörtlich von Wolfram’s Parzifal-Epos noch erinnerte, dieser grüne Stoff vorkommt, der achmardi … Woran ich mich wohl deshalb so deutlich erinnern konnte, weil ich früher immer wieder über die Paradiesgeschichte nachgedacht hatte und schliesslich das in diesem wunsch von pardis las: dass nicht nur der Mensch selbst nach Rückkehr ins Paradies verlangt, sondern dass genauso auch dieser Wunsch von pardis, vom Paradies, vom Himmel ausgeht; dass also in der Grundsatzfrage, wohin die Große Reise gehen soll, das menschliche Wollen gar kein anderes als das göttliche ist. Warum ich das so tröstlich fand? Warum es mich sogar – jetzt, hier, an Frau Doktor angelehnt – unbeschreiblich glücklich machte? Ich weiss es nicht.

Erinnerst du dich?

Nur dass ich dich kenne; nicht, woher. Und dass ich nicht ich bin; nicht aber, wer.

Gut so, das reicht erstmal vollkommen. Vergiss es nicht. Dann von aussen, dicht an meinem Ohr: „Bist du wieder da?“ Ich nickte, löste mich von ihr; bekannte leise: „Meine Güte, das hab ich wohl gebraucht …“ Wir erhoben uns, standen uns gegenüber, und sie sagte: „Vor allem habe ich das gebraucht, für mich. War ‘ne verdammt harte Zeit mit dir.“

Draussen dämmerte es nun und an den Tischen in der Bibliothek gingen nach und nach die Leselampen an. Plötzlich in dieser Grünstille, dachte ich. Dann von Ingrun auf den Gral gebracht. Dann am Ende bei Frau Doktor dieser wunsch von pardis

Wenn auch dieser ganze Zusammenhang nur auf Zufall beruhen soll, bin ich wirklich nicht mehr zu retten.

Endlich glitt mein Blick nicht mehr durch den Text hindurch, sondern folgte jetzt den Zeilen, sodass ich allmählich erfassen konnte, was da stand:

Das Mißfallen an mir selbst und dem, was mich umgibt, hat mich in die Abstraktion hineingetrieben; ich suche mir die Idee eines unendlichen Progresses der Philosophie zu entwickeln, ich suche zu zeigen, dass die unnachlässige Forderung, die an jedes System gemacht werden muss, die Vereinigung des Subjekts und Objekts in einem absoluten – Ich oder wie man es nennen will – zwar ästhetisch, in der intellektualen Anschauung, theoretisch aber nur durch eine unendliche Annäherung möglich ist, wie die Annäherung des Quadrats zum Zirkel, und daß, um ein System des Denkens zu realisieren, eine Unsterblichkeit ebenso notwendig ist, als sie es ist für ein System des Handelns. Ich glaube dadurch beweisen zu können, inwiefern die Skeptiker recht haben, und inwiefern nicht.

Und ich traute meinen Augen kaum, las es nochmal und nochmal, und nochmal: Denn was ich da vor mir hatte – in einem Brief Hölderlins aus dem Jahre 1795 an Schiller –, war doch die denkbar exakteste Beschreibung des Tautoloids!

I.10

Eine Runde mit Lemm

Im Regierungspalast ist heute zur Abwechslung mal richtig was los, zumindest in diesem Trakt des Gebäudes; regelrecht ein Gesumm in der Eingangshalle, Leute im Eilschritt, Leute beieinander stehend, munter debattierend; auch auf den Treppen und oben entlang der ganzen Galerie. Das Verstaubte, Düstere, die ganze Atmospäre der Verlassenheit, die hier normalerweise lastet, ist wie weggeblasen. Ich nicke grüßend da- und dorthin, Kollegen zu, die ich schon mal gesehen zu haben meine, und entnehme dem, was ich unterwegs zu meinem Büro an Geprächsfetzen aufschnappe, dass anscheinend in ganz Babaal seit nun schon vierundzwanzig Stunden die Stromzufuhr stabil ist.

Ich will mich nicht ablenken lassen, will von all dem, was ich dauernd vergesse, das Wichtigste wenigstens festhalten, so wie es mir eben beim Frühstück in der Bar gekommen war: Nicht vergessen, dass ich andauernd vergesse! – Das ist ja wohl – sag mal, bist du blöd? Ich lache: Weiss ich noch nicht; ist erst zu beurteilen, wenn ich mich besser erinnere; wenn es ist, wie ich hoffe: dass es nur das Schell-Etikett ist, was mir das Gedächtnis verklebt, und dass es, da es sich schon loszulösen angefangen hat, sich auch weiter abziehen lässt.

Die Aufgabe, die vor mir liegt, lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Der offizielle Teil: Detective Brains aufstöbern. Wobei meinem Vorgesetzten Paley nicht wirklich daran gelegen ist, wie ich vermute; nur daran, dass es mir nicht gelingt, sodass er einen Anlass hätte, mich wegen Versagens aus der Abteilung auszusondern. Der inoffizielle Teil: Monton Flyrie aus Bangot herauszuhelfen. Doch um von hier nach Bangot zu finden, würde ich Brains’ Hilfe brauchen. Ausserdem habe ich hier noch den jungen Lemm einzuarbeiten, als meinen Nachfolger; vorher kann ich hier nicht weg.

Vor lauter Schwung halte ich gar nicht, wie sonst, respektvoll inne vor der hohen dunklen Tür, sondern bezweifle keine Sekunde, dass sich dahinter mein chaotisches Büro befindet. Und weil ich da also eintrete, ohne daran irgend etwas zu bedenken, ist es auch tatsächlich so. Nur habe ich nicht erwartet, dass jemand am Schreibtisch sitzt – der junge Lemm – und dass da der Computer läuft. „Tag, Lemm. Monalisa nicht da?“ „Nö.“ „Sehr gut. Woher hast du die Zugangsdaten?“ „Verstehe nicht.“ „Um da reinzukommen“, ich deute auf den Computer, „Passwort und so.“ „Ähm, wer braucht sowas?“ „Braucht man gar nicht? Ach …“ „Aber ist wirklich ein Witz, das Netz hier.“ „Nicht mehr lange. Wie es aussieht, gibt’s Fortschritte in der Stromversorgung.“ „Nur ist die ja nicht das Problem.“ „Nicht? Dachte ich immer.“ „Deebee hat hier stark investiert in den letzten paar Jahren. In Windkraft, Sonne, was weiss ich; Energie ist längst genug da.“ „Deebee?“ „Deadler/bloom. Buttert Geld hier rein, seit sich die Chinesen auch für diese Inseln interessieren.“ „Du hast dich informiert, Lemm … Hey, und bist mit dem Ding jetzt etwa online?“ „War ich kurz; bis wieder Schluss mit der Verbindung war.“ „Was treibst du dann?“ „Versuche, was zu schreiben. Gedanken. Sollte ich mir doch machen, sagten Sie.“ „Sagte ich? Kann sein. Lies vor.“ „Hab bis jetzt nur den Titel: Banal wie existentiell.“ „Komischer Titel.“ „Ist von Ihnen. Frage, was das heissen soll. Ob existentiell wie banal das gleiche bedeuten würde.“ „Ob existentiell wie banal genauso banal wie existentiell ist? Klingt nach Schwachsinn. Oder soll das was Philosophisches werden?“ „Eher nicht. Geht um den Elektromagnetismus. Warum der in Andria nicht so funktioniert wie sonstwo auf der Welt.“ „Das ist interessant, Lemm. Darüber halte mich bitte auf dem Laufenden. Ansonsten – wie geht’s mit dem Entzug? Dem Netz-Entzug meine ich.“ „Kein Problem. Bin nicht erweitert. Nicht mehr.“ „Erweitert?“ „Modifiziert. So wie Monalisa. Die ist mit Implantaten vollgestopft, gechipt und alles. Hat unglaubliche Möglichkeiten. Nur hier, ohne Netz, natürlich nicht.“ „Deshalb kam die mir auch gleich so posthuman vor … Und warum du nicht?“ „Nicht jeder verträgt so Implantate. Epilepsie und so weiter. Hab mir alles wieder rausmachen lassen.“

Ich sage mit einem Rundblick über das Chaos: „Unsere Top-Priorität heisst Aufräumen, und entweder bedienen wir uns eines Schredders oder wir machen auf sportlich und schleppen alles zur Vernichtung in den Keller. Aber einen so schönen Tag wie heute sollten wir nicht damit vertun; und da du sowieso baldigst mit Babaal vertraut werden solltest, drehen wir jetzt erstmal eine Runde.“

„Gestern habe ich dir gedroht, du müsstest viele Bücher lesen. Blödsinn, musst du nicht. Wichtiger ist, du schaust dir die Insel an; und nicht nur diese hier, die größte; auch die kleineren Inseln sind interessant. Zum Beispiel von Fair Island schon gehört?“ „Die Trauminsel.“ „Genau. Wo die Hotels Shambala oder Ocean Park oder The Regent heissen. Heile Welt, ein Paradies der Reichen. Gepflegtes High Life, intakte Park-Natur. Idyllisch, sauber, sicher. Pure organic. Beliebt bei Tauchern, bei Atlantis-Forschern, Walfisch-Guckern und Gourmets. Musst du unbedingt mal hin. Auch wenn du Hochkultur brauchst – da gastiert die Oberliga, des Jazz und auch der klassischen Musik. Doch zu Fair Island das Kontrastprogramm, nämlich ein Besuch auf Konkju oder Antaros, ist auch sehr lehrreich, da gibt’s Tourismus auf brutal, die All-inclusive-Masse: Fast Food, Club-Kultur, Müll und Kriminalität. Interessant ist vor allem aber Lavienta, die entlegendste der Andrianen. Die Doppelgesichtige genannt; quasi das Hollywood von Andria. Übrigens die einzige Insel des Archipels, die Livermore nicht beschrieben hat; die er nur flüchtig erwähnt. Ach ja, das Andria-Buch von Linval Livermore, das allerdings musst du lesen. Und das werden wir dir jetzt besorgen.“

Wir sind jetzt auf Babaal’s Prachtstraße, der breiten, sehr langen Avenida Etyma. Ich steuere einen der Zeitungskioske an. „Den Binocle, bitte.“ „Bedaure“, entgegnet der Verkäufer. „So ist das mit dem Binocle“, sage ich zu Lemm, „so gut wie immer ausverkauft. Dann muss uns wohl der Tag reichen.“ Der Verkäufer grinst und ich nehme ein Exemplar der Tageszeitung vom Stapel. Im Weiterschlendern erläutere ich: „The Bright Day, den gibt’s immer, hier und überall auf den Inseln. Der spiegelt wider, wie Andria aus Sicht des Bürgertums sein sollte: fortschrittlich, aufstrebend, seriös. Das Wochenblatt hingegen, The Binocle, wird vom Fußvolk gelesen, und das will wissen, was der Tag verschweigt, und will vor allem sich vergnügen. Wenn du’s öde willst, liest du also den Tag, und den Binocle, wenn du’s lustig möchtest; nur ist der eben immer sehr schnell weg.“

Das Flirten gehört für Andrianer so zum Alltag, wie für die Online-Menschen anderswo der Blick ins Smartphone. Als ich bemerke, dass Lemm auf die Frauen, die uns anflirten, kein bisschen reagiert, sage ich: „Monalisa, die ist ja recht hübsch. Findest du sie eigentlich anziehend?“ „Sexuell, meinen Sie? Nein. Ich bin asexuell.“ „Ach –“ da wäre ich fast stehen geblieben. „Das behaupte ich ja auch immer gern von mir. Aber du? In deinem Alter?“ „Weiss nicht, was Sie meinen.“

Wir sind vor einer Buchhandlung angekommen. „Hier geh ich mal kurz rein. Siehst du den, der da an der Ecke Avocados verkauft? Der hat die guten, die’s nicht alle Tage gibt. Hol uns bitte zwei davon. Hast du Andria-Dollars?“ Lemm nickt.

In der Buchhandlung frage ich nach dem Andria-Buch von Linval Livermore. Die Verkäuferin zieht es sogleich aus dem Regal. Ich schüttle leicht den Kopf. „Haben Sie es?“ Und sie versteht. Nämlich dass ich keines von den neuen will, das heisst keins von der bereinigten Sorte, von der jeder Buchladen in Babaal jede Menge vorrätig hat. Für Lemm brauche ich ein Exemplar der alten, der Original-Version. Die ist zwar nicht direkt verboten worden, nur verschwand sie einfach irgendwann und wurde durch die neue Version ersetzt; und nach einem alten Exemplar zu fragen, ist inzwischen eine heikle Angelegenheit. Ich kenne die Buchläden von Babaal und mehr oder weniger auch deren Besitzer und ihre Angestellten; sodass es nicht lange braucht, bis das Schwätzchen, das ich mit der Verkäuferin halte, an den Punkt kommt, wo die in Andria allseits beliebte Floskel angebracht ist: „Sind wir nicht alle Patrioten?“ Worauf dann der Witz folgen kann, der nun auch hier folgt: „Besonders alle.“ Sowie darauf der Zusatz: „Und ganz besonders nicht alle.“

Wir grinsen uns an und sie verschwindet; kehrt nach einer kleinen Weile zurück und überreicht mir ein als Geschenk verpacktes Buch. Ich bedanke mich, bezahle das andere, das neue, und während sie es ins Regal zurückstellt, wünschen wir uns einen schönen Tag.

Als ich herauskomme, steht Lemm da mit zwei Riesenavocados in den Händen, und wie er die so mit angewinkelten Armen in Brusthöhe hält, muss ich lachen. „Mein lieber Lemm, das sieht aber gar nicht asexuell aus!“ Er wirkt kurz verdattert, dann: „Soll ein Witz sein? Okay, verstehe.“

Wir spazieren weiter. „Die Andrianer sind große Patrioten, muss man wissen. Allerdings ist ihr Patriotismus recht speziell; nur zu verstehen, wenn man etwas über den hiesigen Royalismus weiss, wenigstens das Grundlegende.“ Ich klopfe auf das verpackte Livermore-Buch. „Nur können wir nicht warten, bis du das gelesen hast. Denn wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Und ich denke: Deshalb muss ich ihn baldigst in den Royalist Club einführen.

„Zeit? Bitte um Erklärung, Chef.“ „Chef? Das ist witzig, Lemm! Ist dir das klar?“ „Äh, nee – das nennen Sie witzig?“ „Weil ich als Chef sowas von nicht der Chef bin. Aber egal; und egal auch, warum uns nicht viel Zeit bleibt. Worauf’s ankommt ist, dass du schnell kapierst. Nicht nur, was Real-Technik überhaupt ist, sondern auch, wie man sie handhabt.“

Ich schwenke das Buch vor und zurück. „Worauf wir wandeln – solche schönen langen Prachtstraße gibt’s ja so in aller Welt –, heisst hier Avenida Etyma. Wichtig daran: du kannst sie auch anders nennen. Aber nicht irgendwie anders; nur so, dass der Name, den du ihr gibst, möglichst genau besagt, was du von ihr erkennst: was für dich ihr Wesen ist.“ Ich deute hinter uns. „Dieser Berg da in der Ferne, mit der Spitze in den Wolken, ist der Ras Azuma. So nennen die Leute ihn; auf der Landkarte heisst er Mount Malvalo. Und diese Avenida ist der letzte Abschnitt einer geraden Linie zwischen der Bergspitze dort und einer Stelle da –“ ich deute nach vorn, die Avenida hinunter –, „wo du am Ende das Denkmal siehst.“

Lemm starrt suchend in die gewiesene Richtung. „Sehe aber kein Denkmal.“ „Irgendwas siehst du doch, oder?“ „Ein paar Palmen – und dann nur noch das Meer.“ Ich nicke. „Denk einfach mal: Meer.“ „Ach so, denk mal – klar. Was heisst Etyma?“

„Merk dir die Frage. Ganz unermesslich übrigens, was ich über Babaal, überhaupt über Andria, nicht weiss. Daran erkennt jeder eingeborene Andrianer immer auf Anhieb den Fremden. Denn egal wie tief man hier auch eintaucht, wenn man Andria nicht schon mit der Muttermilch in sich aufgenommen hat, bleibt man immer einer von auswärts. Dabei ist die Rolle, in der man hier auftritt, erstmal gar nicht entscheidend; was vielmehr zuallererst geprüft wird, ist: Weisst du um das Besondere von Andria? Weisst du, dass es ein Geheimnis gibt? Erst wenn die Leute das entschieden haben – und das geht blitzschnell bei denen – differenzieren sie: Gehörst du zu den Ausnutzern? Oder bist du einer von denen, die hier lernen wollen? Und in beiden Fällen ist die nächste Frage: Weisst du es selber? Das heisst bist du dir der Ausnutzerei oder andererseits des Lernenwollens bewusst? Oder bist du überhaupt ein Ahnungsloser? Dementsprechend nämlich begegnen sie dir. Mach dir das klar, Lemm. Sonst wunderst du dich, falls du hier Ärger bekommst.“

Ich lege eine Pause ein. Ob er das soweit verstanden hat? Ich muss lachen – wie er mit diesen beiden riesigen Avocados seine liebe Mühe hat. So in jeder Hand eine, sieht es aus, als ob sie ihn im Gleichgewicht halten.

Wir sind jetzt in einer kleinen Seitenstraße. „Hier haben wir so einen typischen babaalianischen Trödelladen, eine Art Pfandleihe. Hier kann man loswerden, was man für wertvoll hält. In der Regel sehr enttäuschend, was man an Geld dafür bekommt. Aber selten, dass man in solchen Läden nichts interessantes findet.“

Ich brauche eine Weile, bis ich in der Masse von zusammengewürfelten alten Dingen das hutzelige Mütterchen entdecke, das den Plunder bewacht. Ich nicke ihr zu. „Nur mal –“, „Jaja“, krächzt sie, „immer nur gucken, nix kaufen.“

Und schon werde ich fündig: Der Säbel!

Ich nehme ihn aufs genaueste in Augenschein: Wirklich der Säbel? Der historische, der im Refugium Studierzimmer an der Wand hing? Nicht nur erkenne ich gewisse markante Scharten an der Klinge; auch taucht, sobald ich den Blick unscharf stelle, das Gegenbild dieses Objektes vor meinem geistigen Auge auf: die Vogelfeder; und damit finde ich mich sogleich in einem der alten Refugien wieder: im Hotel Olympia.

Bin allein dort in dem hohen Zimmer. Sommerhitze; grelle Helligkeit zwischen den Lamellen der geschlossenen Fensterläden; und auch alles übrige wie immer; Siesta-Atmosphäre. Da auf dem Tisch, sehr einladend, die Schreibmaschine. – Halt! Verlier dich nicht. Kehr nach Babaal zurück. Und es funktioniert; sogar ohne dass ich die Vogelfeder erst fixieren muss. Schon habe ich den alten Säbel wieder vor mir.

„Was soll denn das sein?“, höre ich Lemm fragen. Er steht, mit den Avocados in den Händen, über ein Glaskästchen gebeugt.

Ich staune: „Eine A-Kapsel – na sowas!“; blicke zu der Alten hinüber: „Ist die verkäuflich?“ „Teuer, teuer! Hundert Dollar“, gibt sie zur Antwort. Ich strecke ihr umgehend einhundert Andria-Dollars entgegen; doch da rümpft sie nur die Nase. „Merika-Dollar.“

„Hast du US?“, frage ich Lemm. Hat er. Und nachdem sie den US-Dollar-Schein, den er ihr reicht, eingehend geprüft hat, öffnet sie das Kästchen. Ich hole die kleine Kapsel heraus und halte sie Lemm vor die Nase. „Ist jetzt deine. Ich bewahre sie nur erstmal für dich auf.“ Worauf er nur mit den Achseln zuckt. „Brauch ich die?“ „Wer weiss.“ Wir verlassen den Laden.

„Kaum in Andria, schon bist du im Besitz einer A-Kapsel! Das ist großartig.“ „Wieso A? Was macht man damit?“ „A wie Azuma. Weil solche Dinger im Zusammenhang mit dem Mythos von König Azuma eine Rolle spielen. Demnächst – falls uns noch Zeit bleibt – fahren wir mal in die Berge, da gibt’s so einen alten Knacker, Heimito Wunschel, der ist in Sachen Azuma der Kenner schlechthin; weiss bei weitem mehr als ich darüber, und auch mehr noch“, ich klopfe auf das Livermore-Buch, „als hier drinsteht.“

Und was mir noch mehr die Laune hebt: dass ich den Säbel gesehen habe; also jetzt wenigstens von einem der fünf Objekte aus dem Studierzimmer schon mal weiss, wo es gelandet ist, konkret – was mir bestätigt, dass jenes Refugium nicht nur in meiner Einbildung existiert hat; und vor allem mir den Verdacht bewahrheitet, dass ich das Studierzimmer einfach deshalb nicht mehr wiederfinde, weil es sich aufgelöst hat und mir nun an Stelle dessen nur immer das chaotische Büro im Regierungspalast zur Verfügung steht.

An dieser Stelle wollen wir nicht verschweigen, dass es Andria wirklich gibt. Nur schieben sich in der Beschreibung dieser Inseln Erinnerungen an andere Inseln auf eine Weise vors geistige Auge, dass da verschiedene transparente Schichten zu einem einheitlichen Tableau werden, welches alles, was darunter an Realem liegt, vollständig überdeckt.

Wenn man einmal kennt, was Linval Livermore als den „besonderen andrianischen Zustand“ beschrieben hat – den Sightwise Accord, wie er ihn nennt, den Sichtweisen Einklang –, wenn der einen nicht mehr erschreckt, er einem vertraut geworden ist, dann kann man ihn im Grunde überall erleben, auch fernab von Andria. Doch Vorsicht, diese Erlebensweise ist untrennbar mit der sogenannten Triade verknüpft …

„Lemm, du weisst, dass es in Andria spezielle Geister gibt?“ „Hab nur von so ‘nem Dämon gehört.“ „Das ist der Schutzgeist Andrias, und der ist dreigestaltig, besteht aus Lug Imago, Maya Tongue und Nominah. Wenn diese drei ihres natürlichen Zusammenhangs entbunden sind und einzeln ihr Wesen treiben, dann wirken sie dämonisch; können gar nicht anders. Dann führen sie die Unvorsichtigen auf Abwege, indem sie sie die einfachste aller Tatsachen vergessen lassen: dass die Welt zwar für uns alle wahr ist, jedoch für jeden einzelnen auf verschiedene Weise. Sodass man, wenn man unvorsichtig ist, nur noch die Welt, die man selber wahrnimmt, für wahr hält.“

„Wie kriegt man das mit? Solche Wesen stellen sich einem doch wohl nicht vor.“

„Jedes dieser drei erkennt man daran, dass es in irgendeiner Form Schutz anbietet vor den beiden anderen. Denn sie wissen nicht, dass sie zusammenwirken. Sie haben nämlich gar kein Eigenleben, kein Bewusstsein ihrer selbst, sie tun nur so; und wenn sie sich auch wissend geben, so sind sie eigentlich doch dumm.“

„Verstehe, wie KIs“, sagt Lemm. „Oder sind’s KIs?“

„Metaphern, Metaphern, was immer man sagt … Ich schlage vor, wir gehen Mittagessen. Gleich hier um die Ecke haben wir die Bar Quijote.“

Diese Bar ist ein Schauplatz, und zwar für eines der Lieblingsspiele der Andrianer: In der vage nachempfundenen Szene aus irgendeinem berühmten Film beginnt einer, in der Regel ohne Ansage, eine bestimmte Rolle zu spielen, und wer den entsprechenden Film zu erkennen meint, steigt darauf ein, wenn er Lust hat; und es wird gespielt, bis klar ist, ob die Beteiligten denselben Film vor Augen haben oder jeder einen anderen, oder ob man dabei vielleicht schon in einen Streifen geraten ist, an den noch keiner der Beteiligten gedacht hat, oder der womöglich noch gar nicht gedreht wurde.

Ich begrüße den Chef der Bar und erbitte ein Messer, zwei Teller und zwei Löffel, sowie Salz und Pfeffer. „Und dieses Prachtexemplar ist für Sie, Don Miguel.“ Damit überreiche ich ihm eine der Avocados. „Der junge Mann hier übrigens heisst Lemm.“ Darauf Miguel nur finster: „Lemm.“ Und ich zu Lemm: „Nimm’s nicht persönlich. So ist Miguel. Hat einfach keine freundliche Seite. Muss man sich mit abfinden.“

Wir verziehen uns ans leere Ende des langen Tresens, wo wir ungestört nun das andere Prachtexemplar verspeisen, während ich Lemm weiter über den andrianischen Royalismus informiere, den Royalist Club genauer gesagt:

„Den gibt’s schon seit drei- oder vierhundert Jahren, seit Anfang der Kolonialzeit. Immer eine politisch neutrale, allseits respektierte Institution, der es nie um etwas anderes ging, als die andrianische Identität im Auge zu behalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch Andria sich langsam zu modernisieren begann, ging’s mit der Diffamierung los. The Bright Day erwähnte die Royalisten grundsätzlich nur noch mit dem spöttischen Zusatz: die Ewig Gestrigen. Dann verschärfte sich der Ton, man bezichtigte sie einer undemokratischen Gesinnung, und es dauerte nicht lang, da warfen Politiker und Day-Journalisten ihnen antidemokratische Umtriebe vor. Dabei hatte sich der Club keineswegs politisiert; war genau das geblieben, was er schon immer war: der Kulturverein, der das Gedenken an den legendären König Azuma pflegte. 1967 deckte man eine sogenannte Verschwörung zum Sturz der Regierung auf, hinter der, nachweislich wie es hiess, die Royalisten steckten; sodass man ihren Club endlich per Gesetz verbieten konnte. Wodurch seine beträchtliche Anhängerschaft sich natürlich nicht in Luft auflöste.“

„Der Royalist Club ist also die hiesige Untergrund-Organisation?“ „Sagen wir so: Die Royalisten sind wie eh und je am Werke, nur heutzutage sehr diskret; das heisst sie sind auf ihre ganz eigene Weise patriotisch.“ Lemm nickt vor sich hin. „Weiss nicht, ob ich das verstehe.“

„Die Avocado schmeckt dir aber, oder?“ „Die ist wirklich gut. Aber von dieser einen Hälfte bin ich schon pappsatt.“ „Ja, von so einer reicht eine Hälfte immer. Merk dir in puncto Patriotismus einfach: Jeder Andrianer sieht sich als Patriot. Aber man prüft sich gegenseitig: Wie ist einer Patriot? Demokratisch oder royalistisch? Offiziell oder inoffiziell? Wobei die Königstreuen, vereinfacht gesagt, unter Demokratie Diktatur verstehen, während für die Demokratie-Fans natürlich das Königreich die Diktatur wäre.“

„Ganz schön verworren“, findet Lemm, „das heisst – eigentlich auch nicht verworrener als zuhause.“ „Falls du mit zuhause Deutschland meinst, kommt da ja sogar noch das Gendern hinzu. Nicht nur frau, auch man weigert sich inzwischen, unter beispielsweise Patriot gleichzeitig auch Patriotin zu verstehen; was ja wissenschaftlich korrekt ist, nur kriegt die Sprache davon so hässliche Pickel beziehungsweise Pickelinnen.“

„Das war jetzt wieder ein Witz, oder?“ „Ein Witz, allerdings.“

Wir verlassen, unter Miguel’s finsterem Blick, die Bar Quijote, und ich bin, während ich uns auf die Etyma zurücksteuere, unschlüssig: Ins Nationalmuseum? Das muss der Junge sehen, klar; doch soll er erstmal Livermore’s Buch lesen, dann hat er mehr davon; dann kann er sich da auch allein umschauen. Wichtiger ist, dass ich ihn Dima vorstelle … Seit ich mich allerdings in dem Wandspiegel hinter Miguel’s Tresen gesehen habe, bin ich mir wieder meines ungepflegten Äusseren bewusst. So unrasiert, so zerzaust und angeschmuddelt kann ich Dima nicht vor die Augen treten; solche Verwahrlosung toleriert sie nicht. Wütend würde sie mich sofort unter die Dusche stellen. Und Lemm hätte von ihr den Eindruck einer Furie.

Wir sind nun hier am Ende der Etyma, da wo sie sich zu einem großen Platz weitet. Ich deute auf die hohen Palmen in der Mitte: „Da stand früher das Denkmal von Andrias Entdecker. Man wurde sich aber nie einig, wer das nun wirklich war, und während irgendeiner Revolution wurde es schliesslich abgerissen. Ein vernünftiger Kompromiss, denke ich, denn dass hier anfangs nur Piraten anlandeten, weiss im Grunde jeder.“

Man kann hier, am sogenannten Platz des Entdeckers, unter den schattigen Bäumen ringsum, wie in Europa, sehr angenehm guten Kaffee trinken. „Schöner Platz, oder?“ „Kenne ich schon. Weil da drüben wohne ich.“ Lemm nickt in Richtung des großen Hotels, dessen unübersehbare Pracht würdig das Halbrund des Platzes gegen die Uferpromenade hin abschliesst. „Du wohnst im Harbour View?“ Babaal’s teuerstes Hotel. Ich staune; hatte wie selbstverständlich angenommen, dass er in irgendeinem preiswerten Guest House untergekommen sei. „Im vornehmsten Haus der Stadt, so so … Wie kommt’s?“ „Mach ich immer so. Buche einfach das Teuerste. Erspart mir die Sucherei.“ „Ach so … Na klar. Setzen wir uns.“ Nicht nur übernachtet der mal in sowas wie dem Harbour View, nein, der wohnt auch gleich da … Und nachdem ich ihn schon zweimal abgeschüttelt habe, findet er mich sogar im fernen Andria wieder … Komischer Vogel; und auch noch asexuell, wie er behauptet … Wird Zeit, sage ich mir, dass du dich mal für ihn interessierst. Denn ob er dir hier nun ein drittes Mal lästig wird, hängt ganz von dir ab.

Wir nehmen also vor einem der Cafes im Schatten der Bäume Platz.

„Lemm, erzähl: wieso bist du Praktikant?“ „Ihr Typen vom Flyshwerk nennt mich so. Weil ihr jeden nach Status einordnet.“ „Du meinst, das ist für dich, äh –“ „Irrelevant.“ „Ach so. Was interessiert dich am Flyshwerk?“ „Wie’s funktioniert. Weil sonst die Spiele nur was weiss ich sind – Zeitvertreib oder so.“ „Reicht dir nicht.“ „Nö. Bin damit aufgewachsen. Spielen kann ich sie. Auf jedem Level. Wie sie entstehen interessiert mich. Und wozu.“ „Warum deswegen gerade ins Flyshwerk? Gibt doch viele andere Hersteller.“ „Vielleicht weil ich als kleiner Stöpsel mit Azuma marooned angefangen habe“, er zuckt die Achseln, „und mir deshalb auch später die Flyshwerk-Spiele immer am liebsten waren.“ „Aber dich dann ausgerechnet an mich dranzuhängen – gibt im Flyshwerk doch wirklich interessantere Kreatoren. Oskar Pamir zum Beispiel. Der hat Format.“ „Bei dem war ich auch. Nachdem Sie mich das erste Mal abgeschüttelt hatten. Aber was Pamir macht, hat alles sowas Grandioses.“ „Ja, stimmt“, sage ich, „etwas Erhabenes, Unerreichbares. Sein Ideal ist das Perfekte.“ „Sodass man in seinen Realen immer irgendwie der Doofe ist. Und auf der persönlichen Ebene weiss er absolut nicht, was für ein Blödmann er ist.“ Ich lache laut heraus: „Pamir ein Blödmann? Dieser Gigant? Gibt doch gar keinen Gebildeteren als Oskar Pamir!“ „Ja, davon ist er vollkommen überzeugt. Deshalb wird man in seinen superklugen Realen als Spieler letztenendes nur dumm. Und ich war auch bei Götz Kobalt im Praktikum. Nachdem es Ihnen gelang, mich auch ein zweites Mal abzuschütteln. Bei Kobalt ist die Action, klar, und die ist auch genial bei ihm; gibt nirgendwo bessere; ist aber eben nur das: Action. Nur Leerlauf im Grunde. Dabei ganz okay, der Typ, nicht ganz so ein Blödmann wie Pamir. Im übrigen bin ich selber ein Blödmann.“ „Und ich?“ „Sie auch, Schell.“ „Das heisst du hältst uns alle für blöd.“ „Ich halte das inzwischen für die vernünftigste Prämisse, um über die Blödheit hinauszukommen.“

„Du sprichst jetzt so ganz anders, Lemm.“

Worauf er nickt. „So nett wie heute waren Sie noch nie zu mir, Herr Schell. Find ich gut.“ „Bitte entschuldige, dass ich solange dazu gebraucht habe. Wieso hast du nie was gesagt?“ „Hatte nie den Eindruck, dass Sie interessiert, was ich sage, oder weiss, oder wer ich bin. Bei Kobalt und Pamir dasselbe; sodass ich mir dachte, nicht zuzuhören scheint für Kreatoren normal zu sein.“ „Ich staune nur noch … Verstehe zum Beispiel, dass dir ja der ganze Azuma-Komplex schon bestens bekannt ist.“ „Nur auf der Spiel-Ebene, nur theoretisch. Wusste nicht, dass es all das, was ich aus dem Spiel kenne, wirklich gibt; dass es dieses Andria überhaupt wirklich gibt; oder dass sowas wie zum Beispiel die Azuma-Kapseln konkret tatsächlich existieren.“ „Deshalb sind Sie hier, Lemm –“ „Du.“ Er blickt mich scharf an.

Ich straffe mich. Verstehe: er für mich du, ich für ihn Sie, dabei sollten wir bleiben. Denn so ist es perfekt: der zerstreute Hilfskreator und sein traniger Praktikant. Von solch einem Duo ist nichts zu befürchten. Ich lehne mich wieder zurück, schaue herum, tue so als suche ich den Faden eines Gesprächs, das mich nicht sonderlich interessiert. „Nur verstehe ich noch nicht, was dich an ausgerechnet meiner Arbeitsweise interessiert.“ „Das Unfertige. Da bleibt in Ihren Realen immer etwas in der Schwebe, als seien sie alle unfertig, und das sind sie ja wohl auch; sodass ich jedesmal, wenn ich da aussteige, besser drauf bin als vorher, und Lust habe, selber irgendwie daran weiterzumachen.“ „Das ist allerdings ein großes Kompliment. Danke, Lemm.“

Praktikant! – Wie konnte ich nur diesen Kerl so unterschätzen? Was ich an ihm für schlaffe Tranigkeit gehalten habe, für allgemeines Desinteresse – nur weil ich eigentlich von ihm nie etwas wissen wollte! Niederschmetternd geradezu, was ich vor lauter Arroganz für ein Idiot bin!

„Stört mich übrigens nicht, als Depp behandelt zu werden. In dem Zen-Kloster, in dem ich mal ‘ne Zeit verbrachte, wurde auch jeder als Depp behandelt; bis man wusste, warum, und es einem egal war. Bei den Sufis, habe ich gehört, gibt’s eine ähnliche Tradition. Und so dachte ich mir, es könnte ja auch im Flyshwerk üblich sein, die Praktikanten erstmal Demut zu lehren; und die, die’s nicht lernen, ist man dann schon mal los.“

„Um ehrlich zu sein, hast du mich einfach nur genervt. Dass man dich benutzt, mich auszuspionieren, dachte ich. Da war’s im Flyshwerk nämlich längst schon so, dass man niemandem mehr trauen konnte.“ „Ja, hab ich gemerkt, in puncto Paranoia läuft’s im Flyshwerk wie in jeder andern Großfirma. Sehr unangenehm.“ „Warum dann mutest du’s dir zu? Wie es aussieht, bist du doch ganz gut bei Kasse.“ „Wegen der Erweiterung. Die ist sehr teuer. Man kann sie von einer der Tech-Firmen bekommen, klar, aber wenn man diese krassen Verträge nicht will, muss man sie natürlich selber bezahlen. Hab deshalb so Ketten aufgebaut, Gastronomien und Autowaschanlagen, und mit der Kohle davon konnte ich einsteigen; und mit zunehmender Erweiterung wurde das Geldmachen natürlich immer leichter. Immobilien, Aktien, Vermarktung von Start-ups.“ „Sagtest du nicht –?“ „Dass ich die Implantate nicht gut vertragen habe. Dass ich sie mir habe rausmachen lassen. Und ungefähr so teuer wie die Erweiterung, war es auch, sie rückgängig zu machen. Doch da war ich mit dem Geld schon an dem Punkt, wo’s nicht mehr weniger, sondern nur noch immer mehr wird.“ „Und nebenher warst du bei mir der doofe Praktikant … Unglaublich, Lemm.“

Ich winke dem Kellner und bestelle einen zweiten Kaffee; während Lenn offenbar an seinem Glas Wasser genug hat.

„Woher wusstest du, dass ich mich nach Babaal habe versetzen lassen?“ „Wusste ich nicht.“

Ah – schon wieder! Habe immernoch nicht begriffen, dass es gar nicht um mich geht. „Hatte nicht vor, Ihnen ein drittes Mal lästig zu werden. Hat sich nur so ergeben.“ „Doch nicht zufällig!“ Lemm zuckt die Achseln. „Als ich im Praktikum bei Kobalt war, hiess es, das Flyshwerk sei verkauft, sei von der Moonrow übernommen oder in irgendwas noch Größeres eingegliedert worden; hätte inzwischen jedenfalls seine Zentrale verloren. Was Kobalt allerdings nicht glaubt; er ist überzeugt, die hätte sich nur still nach woandershin verlagert und sich abgeschottet. Fand ich plausibel; und dass er meinte, da sei nun unmöglich noch reinzukommen, hat mich natürlich gereizt. Hacke mich da also rein, und das war nun wirklich nicht leicht. Bin auf härtestes Ice gestoßen. Ohne Monalisa’s Hilfe – weiss nicht, ob ich’s überlebt hätte.“ „Weil die erweitert ist.“ „Ja, und Wahnsinnsmengen verarbeiten kann.“ „Aber du weisst, dass um nach Babaal zu kommen gar keine Rechenleistung nötig ist?“ „Tja, wenn man das Ziel kennt. Nur wussten wir ja nicht, wo es tickt, das Ding; wussten nichts von Babaal, ich meine dass es das in echt gibt. So ein Online-Spiel wie Flysh ausgerechnet von einem Funkloch aus zu steuern – wer kommt denn auf sowas?“ „Ist ‘ne Story für sich.“ „Denk ich mir. Jedenfalls war uns klar, dass wir nicht in den Kern eindringen, ohne dass sie uns erwischen.“ „Und dass du hier sitzt heisst, sie haben euch nicht rausgeschmissen, sondern euch ein Angebot gemacht: Ihr dürft euch weiter in den Kern hineinbohren und dafür informiert ihr uns; oder auf kurz: Praktikum im Regierungspalast.“ Worauf Lemm nickte.

„Der Informant. Gratuliere, Lemm. In der Rolle bist du wirklich gut.“ Und ich denke: Der kennt im Flyshwerk längst die alten und auch ältesten Schichten, vielleicht sogar die Mayer-Tong-Ebene … Ich muss ihn also gar nicht erst zu meinem Nachfolger machen, er ist es schon.

„Und Monalisa und du, ihr seid –?“ „Die ist auch seit ewig im Flysh-Ding unterwegs. Hat so wie ich auch als Kind mit Azuma marooned angefangen. Wir kennen uns von einer – raten Sie mal, von welcher Plattform?“ „Schells Bureau.“ „Das sie am liebsten in die Luft jagen würde, so genervt ist sie davon.“ „So schlimm? Wieso?“ „Muss für ‘ne Erweiterte einfach die fürchterlichste Zumutung sein. Diese Langsamkeit.“ „War dann gestern also gar nicht nur der Netz-Entzug, der sie so dünnhäutig machte …“ „Sie sind ihr Hassobjekt. Aber mich hält sie auch kaum noch aus. Die braucht Kontakt zu anderen Erweiterten, und vor allem Netz, sonst geht die demnächst durch die Decke.“

Ich seufze.

Vor mir liegt das als Geschenk verpackte Buch. „Ach ja … Für dich.“ Ich reiche es ihm herüber. „Danke.“ Er packt es aus, klappt es gleich auf und fängt zu lesen an.

Ich bewundere einmal mehr den schönen Einband in mattem Gold, der Nationalfarbe der Inseln. Oben der Titel in Schwarz: Andria. Unten in kleinerer Schrift: Bericht von Linval Livermore. In der Mitte dazwischen, in derselben Zeichnung wie auf der andrianischen Staatsflagge: das Kolibri-Pärchen.

Ich nehme mir den Bright Day vor. HELLE NACHT IN BABAAL, so lautet die Schlagzeile zu einem euphorischen Hymnus auf die Stadtwerke, die es nun tatsächlich vollbracht haben, die ganze Hauptstadt zum erstenmal seit Menschengedenken ohne eine einzige Unterbrechung rund um die Uhr mit Elektrizität zu versorgen.

Der Artikel darunter berichtet gleich von einer weiteren historischen Großtat: Nach monatelangen Verhandlungen zwischen der andrianischen Regierung und einem multinationalen Technik-Konsortium ist gestern feierlich der Vertrag zum Aufbau eines neuen Funknetzes unterzeichnet worden; und dieses spezielle neuartige Netz werde, wie es heisst, trotz der hiesigen Anomalie endlich auch in Andria eine stabile Drahtlos-Übertragung ermöglichen. – Und wieso weiss ich davon nichts? Wo ich doch aktiv in die Regierung verwickelt bin? Dann ist ja klar, warum mein Büro jetzt digitalisiert werden soll!

Aber ist das nicht auch schon egal? Ich will doch sowieso hier raus.

Und dann finde ich noch im Kulturteil etwas interessantes: Weltberühmtes Trio in Babaal zu Gast. Es wird eine Reihe von Konzerten auf Fair Island geben, und der Musikverein ist überglücklich, die Musiker dafür gewonnen zu haben, hier, bevor sie weiterreisen, wenigstens ein Konzert zu geben. Heute Abend. Und weil da steht, dass sie Schubert’s Klavier-Trio in Es-Dur spielen werden, gehe ich da auf jeden Fall hin.

Und dass der Geiger, lese ich, eine Guarneri spielt – worauf ich sofort an Brains denke: Ist nicht seine große Leidenschaft die Violine? – Deshalb, na klar – okay, Paley, ich werd dir erzählen, warum sich Detective Brains in Babaal aufhält.

Da klappt Lemm das Buch zu. „Sind wir fertig für heute? Sonst würde ich gern nach Hause und mir das mal durchlesen.“ „Klar. Gut. Mach das“, sage ich. „Morgen Vormittag irgendwann im Büro.“ Er steht auf, und da sehe ich Monalisa herankommen – und wen hat sie im Schlepptau? Rivera. „O je, Lemm, guck mal!“ „Hi, Monalisa.“ „Was hast du da?“ „’n Buch.“ „Ach du Scheisse, bestimmt von dem da!“ Sie wirft mir kurz einen vernichtenden Blick zu. „Wir müssen reden, los, komm mit!“ Schon hat sie ihn beim Arm gepackt und führt ihn ab; diesen Eindruck macht es jedenfalls. Und Rivera, erschöpft, sinkt mit einem „Ufff“ auf den Stuhl mir gegenüber. Ich grinse ihn an. „Bezaubernd, nicht wahr? So ist Erweiterung.“ „Soll heissen?“ „Implantate. Die junge Dame kann Unmengen von Daten verarbeiten. Wenn sie Netz hat.“ „Hat sie hier aber nicht – ach so! Deshalb ist die so im Overdrive!“ „Die Arme. Hoffentlich macht sie mir jetzt den Lemm nicht kaputt.“

Rivera bestellt Rum. „Noch ein bisschen früh dafür, ich weiss. Aber mir reicht’s für heute. Sag die Wahrheit, Schell: Hast du die auf mich angesetzt?“ „Ich bekenne: Hab daran gedacht; aber dazu kam’s nicht. Sie hasst mich.“

Rivera nickt vor sich hin; denkt nach. Einmal mehr bewundere ich seine makellose Erscheinung: Old School in feinster Vollendung, inklusive dem Veilchenduft verströmenden Tüchlein am Jackett. Er bemerkt meinen Blick. „Was ist?“ „Siehst mal wieder wie aus dem Ei gepellt aus.“ „Du dagegen … Ich muss schon sagen, Schell, wie du herumläufst dieser Tage …“ „Wie ein Penner, ich weiss. Und so komme ich mir auch vor.“

Der Kellner bringt den Rum. „Und bitte diesem Herrn auch gleich einen“, sagt Rivera, „Sie sehen doch, wie der den braucht!“

Ich nicke; und man schmunzelt.

B.10

Der Umschwung

Da war doch was … Ach ja, schon wieder den Sound vergessen. Weil ich auf keine der alten Cassetten noch Lust habe. Und übrigens auch nicht mehr auf diesen Taxi-Job.

Schell, hey-hey, wie bist du drauf?

Schlecht.

Die Zentrale, das heisst Uschi, hat ihn zu dieser Innenstadt-Adresse geschickt, vor der er jetzt seit zehn Minuten schon im Halteverbot steht. Es geht auf zwölf Uhr Mittag zu.

Das Warten nervt ihn; ausserdem hat er Kopfschmerzen.

Auch von Frankfurt habe ich übrigens genug. Und genug vom schlechten Gewissen. Genug von der Selbstzerfleischung bei Frau Doktor … Herauszufinden, was ich wirklich will, wieso nennt sie das ihren Auftrag? Habe ich ihr den erteilt, indirekt irgendwie? Und wenn nicht ich, wer dann? Womöglich nur ein Psycho-Trick; die ist so clever, die Frau …

Da fällt ihm jene sogenannte Diagnose wieder ein: Impotenz. Das habe ich noch gar nicht ernstlich dechiffriert. Worin besteht das Unvermögen? Ich sollte endlich mal systematisch vorgehen, detektivisch. Sagen wir, Frau Doktors Auftrag hängt irgendwie mit dem Ereignis zusammen, und wenn ich das erstmal aufkläre …

Klar, dann stellt sich heraus, dass alles irgendwie mit dem Ereignis zusammenhängt. Nennen Sie das systematisch, Herr Privatdetektiv?

Nun ja, man braucht ab einer gewissen Komplexität ausser der normalen auch eine höhere Logik; tja, und allerdings auch ein bisschen hellseherische Fähigkeiten … Hier müsste der normale Detektiv gleich abwinken: Nicht mein Ressort; nicht aber so Privatdetektiv Schell, der sagt: Klar, warum sollte ich nicht hellsehen? Wozu denn sonst habe ich mir den Tautoloid geschaffen? Der ist doch eigentlich sowas wie die Kristallkugel der Wahrsager.

Nur dass du da nicht von aussen hineinschaust, sondern selber drinnen sitzt und – gar nichts siehst. Tut mir leid, dass ich dir leider auch die Aussicht aufs Hellsehen vermiesen muss.

Und wielange soll ich hier noch warten?

Zwei sagen, sie kommen dir zur Rettung – in Wahrheit, um dich auszulöschen.

Einer sagt, er löscht dich aus – der wird dich retten.

Diese Botschaft aus dem Traum von neulich kommt ihm immer wieder in den Sinn. Zwecklos, darüber zu rätseln, sagt er sich wie jedesmal; nur sie nicht vergessen, sie wird irgendwann mal wichtig sein. Und was war das denn eigentlich letzte Nacht? Ein Traum der Kategorie „Reise“. Er war irgendwo angekommen, nachts, allein; aus einem Zug gestiegen, mit dem Gefühl, er müsse sich beeilen; andererseits in der Befürchtung, es sei schon zu spät. Nirgendwo ein Mensch zu sehen, auch kein Tier. Jenseits der schwach beleuchteten Bahnstation so gut wie nichts, nämlich alles dunkel; nur dass er in dem Mondlicht, das manchmal kurz die schnell ziehenden Wolken durchdringt, eine Straße erkennt. Das ist die Richtung, denkt er, links müsste Süden sein, das Meer da irgendwo, und er marschiert los. Zum Glück hat er kein Gepäck zu schleppen, andererseits: was bringe ich mit? Dass ich viel zu spät komme, wird niemanden stören, das sind ja Hippies, die sich da treffen, was Pünktlichkeit angeht, sind die eher locker; doch zu einem potlatch nichts mitzubringen, wie soll das gehen?

Denn so eine Art Fest war das, zu dem er in diesem Traum unterwegs gewesen war: Man beschenkt sich gegenseitig, und nicht mit irgendwas; sei es nur ein Ding, und auch nur ein kleines, das man herzuschenken hat, Hauptsache, dies Ding ist einem wirklich kostbar. Und da denkt er an seine Nachbarin, an Lady Rainbow.

Die gestrige Tea Time mit ihr ist in völligem Schweigen verlaufen. Sonst schweigen sie da ja auch mehr als sie reden, aber so schweigsam wie gestern hatten sie den Tee noch nie geschlürft.

Ihm wird bewusst, dass diese Frau – das alte Hippie-Mädchen, wie er sie für sich nennt – ihn inzwischen nicht minder beeindruckt als Frau Doktor, und es kommt ihm mehr als wahrscheinlich vor, dass sie ihn zu dem Potlatch-Traum inspiriert hat.

Er wirft einen Blick auf die Uhr: fünf – nein, schon vier vor zwölf. – Mann, wie das nervt!

Da war aber noch was: Die Wahrheit, weil sie unglaublich ist … Taucht ständig wie in einer anderen Sprache auf, man muss sie sich immerzu neu übersetzen. Das Unglaubliche schützt, was wahr ist … Nee, so auch nicht. Leider will ihm dieses Fragment des alten Heraklit nicht aus dem Kopf gehen, und dass es nur so undeutlich da ist, nervt ihn sehr. Er schaut erneut auf die Uhr; dann wieder zu dem Eingang des Bürogebäudes, vor dem er im Halteverbot steht. – Verdammt!

Will nicht erkannt werden … und bedient sich dazu des Unglaublichen, oder in meinem Falle: der Vergesslichkeit. O je, wenn mich jemand so hören würde! Was dann? Gar nichts, es würde mir sowieso niemand zuhören. – Da sei dir mal nicht so sicher. Denk dir nur, es ist tatsächlich so wie du’s dir vorstellst: als sei das Ganze hier eine Verfilmung. – Real Life, klar, wo man die Fahrbahn blockiert, den ganzen Verkehr aufhält, einen Stau verursacht, nur weil man wieder auf so einen Idioten warten muss, und warum? Weil man damit sein Geld verdient. Real Life – welch ein Film! Ein globaler Schwachsinn, der im Grunde von nichts anderem handelt als vom Geldverdienen. Und dabei, in noch tieferem Grunde – aber für die meisten schon ziemlich unangenehm bemerkbar –, geht’s um Spannung. Denn das Ganze ist dem Schema nach ein Thriller.

Und so weiter. Da endlich kommt, was ihm die ganze Zeit nicht einfallen wollte, das vom alten Heraklit – eine Befreiung regelrecht:

Durch seine Unglaublichkeit entschlüpft das Wahre dem Erkanntwerden.

Wie wahr, wie wahr – schreib’s dir hinter die Ohren. Diese ganze Story, diese Ereignis-Geschichte, die jetzt – wielange schon läuft? – seit sechs Jahren –, nur um diese uralte Erkenntnis zu bewahrheiten, dass das, was wirklich Sache ist, uns so unglaublich erscheint, dass wir’s nicht fassen. Dabei könnten wir’s fassen; ich jedenfalls. Nur leider habe auch ich mir diese blöde Erkenntnisweise angewöhnt, immer genau dann wegzuschauen vom Wahren, wenn es mir als unglaublich auffällt. Man bräuchte sich einfach nur umzugewöhnen! Denn die Überzeugung, dieser Aberglaube!, dass der Mensch seiner Natur nach – Ebenbild Gottes hin oder her – Wahrheit gar nicht fassen kann – was Kant glaubte, bewiesen zu haben, und ihm alle Welt nachschwätzt –, ist eine solche Vermessenheit, und in den Konsequenzen eine solche Schweinerei, so geistfern, so alles Ideale ausradierend, so unglaublich – ja, dass da längst kein Herauskommen mehr ist.

Meine Hauptangewohnheit also: irren.

O je, o Mann, o wei, du bist aber wirklich schlecht drauf heute! – Ja. Mir reicht’s. Ich will hier raus. Nur bin ich gar nicht hier. Das ist die Wahrheit, die ich weiss. Die ich nur als solche nicht erkennen kann, einfach weil sie unglaublich ist: Dass ich der Schell bin, ganz offensichtlich, der in Schells Bureau vorkommt, in diesem Netz-Roman; dass ich aber, obwohl alles danach aussieht, nicht der Autor bin. Das heisst, der Autor muss in mir sein, irgendwie, kann aber, soviel ist sicher, unmöglich ich sein. Da will man doch geradezu durchknallen; kann doch nur überschnappen; muss doch irgendwann das Handtuch schmeissen!

Hier sehen wir überdeutlich, was der Herr des Systems, der Technus, mit allen Mitteln – by any means necessary – zu verhindern trachtet: dass Schell zu echter Selbsterkenntnis findet. Die Zeit aber drängt. Noch gibt es das nicht für diesen unseren Schell in Frankfurt: Corona. Doch viel Zeit bis dahin bleibt nicht mehr.

Er hält inne – gar keine Zeit mehr, genau genommen. Er sieht, es ist Punkt zwölf. Und was auch immer das bedeutet, auf einmal ist alles komisch. Und sehr komisch vor allem kommt er selbst sich vor.

Sehr komisch kam er selbst sich also vor: So hatte unser Schell in Frankfurt das aktuelle Ereignis bemerkt; nicht als solches allerdings, und also ohne zu ahnen, worin dieses neue Ereignis bestand, nämlich dass es der Umschwung war.

Hingegen ein anderer Schell – wir nennen ihn den Reichs- oder kurz R-Schell – bemerkte von dem Umschwung gar nichts:

 

Er fühlte sich unwohl irgendwie; saß im Auto, bei Dunkelheit unterwegs auf einer Landstraße, abends gegen sieben. Das Radio, dachte er. Es lief, und was er da mit halbem Ohr hörte, drehte sich entweder um die amerikanische Präsidentschaftswahl oder um die Coronavirus-Pandemie. Man schrieb den 30. Oktober 2020, ein Samstag; die Zahlen stiegen rapide an, hiess es, und der nächste Lockdown sei daher unvermeidlich; ab Montag schon.

Die Zahlen, dachte er. Was man mit Zahlen nicht alles machen kann! Auch das Unglaublichste. Und erst recht, wenn man auch noch die Zahlen allesamt binär zerlegt, per an-oder-aus, null-oder-eins, entweder/oder. Was man nicht machen kann, ist höchstens noch die Frage. Insofern völlig egal, wen sie wählen, die Ammis, solange sie entweder den oder den wählen.

Er schaltete das Radio aus. Wie gut, dass das noch geht, dachte er. Aber sein Unwohlsein hörte damit natürlich nicht auf.

Die Kopfschmerzen? Nicht dramatisch, aber schon den ganzen Tag latent, und klar, dass sie sein Wohlsein minderten. Vielleicht hören sie auf, wenn ich was in den Magen bekomme. Er war zu einem ländlichen Gasthof unterwegs.

Der Produzent hatte sich mit ihm verabredet, und zwar per Telefon, persönlich. Das heisst dieses Treffen war inoffiziell. Das heisst der Produzent hatte ihm off-line etwas mitzuteilen.

Sie hatten sich noch nie gesehen, ja überhaupt noch nie Kontakt gehabt bisher. Weil das technisch offenbar nicht nötig war. Da das Unternehmen Flyshwerk – ein Riesending, wie Schell wohl wusste – kleinteilig organisiert war, überblickten die Beteiligten nur ihren speziellen eigenen Bereich. Nicht dass persönlicher Austausch zwischen den Bereichen regelrecht verboten war, nur galt dergleichen als zu aufwändig, zu zeitintensiv, zu ineffektiv, und war insofern unerwünscht. Das Zusammenspiel der Ebenen wurde viel effektiver von den messengers besorgt.

So kannte er von den anderen Kreatoren auch nur Oskar Pamir und Götz Kobalt, weil er mit denen ein sogenanntes Real-Team bildete. Seit vielen Jahren pflegten sie an einem hübschen Ort, einem Städtchen namens Krakl, Die-drei-besten-Freunde zu spielen. Die als Messenger für sie zuständige Person hiess Spetz Feynsinn, und mehr als sie brauchten sie nicht an Verbindung zum Flyshwerk, um ihre Arbeit als Real-Kreatoren zu tun.

Indem nun der Produzent sich direkt an Schell gewandt hatte, war Messenger Feynsinn sozusagen übersprungen worden. Insofern hatte dieses inoffizielle Treffen etwas Klandestines an sich. Auch deshalb war ihm nicht recht wohl dabei. Und hinzu kam ein Grundsätzliches, das ihm schon lange Unwohlsein verursachte, ihm aber jetzt entscheidend vorkam: Dass er die Real-Technik nun schon seit Jahren praktizierte und noch immer nicht genau wusste, wie sie eigentlich funktionierte.

 

Die Nacht ist warm, und wäre sogar heiß, wenn nicht so ein starker Wind ginge. Der die Wolken treibt und in heftigen Böen Staub aufwirbelt, seine Haare flattern lässt, an Hemd und Hose zerrt; der aber nichts sonst bewegt. Denn soviel er im Mondlicht erkennen kann, gibt’s nur Steine ringsum, kahle Hügel, Wüste.

Er läuft Stunden und denkt viele Gedanken – Gedanken um die Frage, was er zu schenken haben wird, wenn er beim Potlatch ankommt – und dann, wie so oft in Träumen, ist er schon da. Er riecht jetzt Frische und hört es regelmäßig donnern, also kann diese tiefe Schwärze da drüben nur das Meer sein. Da die Wolken inzwischen so dicht sind, dass sie gar nichts mehr durchlassen vom Mond, ist es hier nun richtig finster. Und das Fest, dem er sich nähert, ist auch nicht gerade hell beleuchtet. Da hängen bunt schimmernde Lampions und ein paar Gaslampen, in deren Schimmer sich nicht einmal ungefähr ausmachen lässt, wieviele Menschen da sind. Er geht zwischen Autos hindurch, dann zwischen lauter Zelten, dann umschliesst ihn Stimmengewirr, Gelächter, Getrommel.

Das ist der Stamm, dem ich angehöre?, wundert er sich. Meine Leute? Die wirken aber gar nicht wie Hippies. Sehe ich selber auch so normal aus? Er schaut umher, in die Gesichter: keines, das ihm nicht zulächelt, zuzwinkert oder wenigstens freundlich zunickt. Doch ist niemand dabei, die oder den er kennt. Man ist locker, ausgelassen; manche tanzen. Der Austausch der Geschenke scheint bereits gelaufen zu sein. Dacht ich’s mir doch, denkt er, bin mal wieder zu spät. Vielleicht weil ich kein Geschenk habe? Dann ist es ja gut so. Nur was habe ich dann hier zu suchen?

Da beginnt es zu tröpfeln und er fragt sich: Wissen die eigentlich, wie finster es geworden ist? Und merken sie nicht, dass das kein Wind mehr ist, sondern schon regelrecht ein Sturm? Tatsächlich reisst der ganz bedenklich an den Lampions.

Jetzt steuert jemand auf ihn zu, ein langer hagerer Junge ohne Hose, der etwas vor der Brust festhält. „Hey“, sagt er, „ich bin zu spät. Du auch? Weil, du hast noch nichts, wie ich sehe.“ Und er reicht ihm, was er da vor der Brust gehalten hat: ein Buch, und setzt hinzu: „Ist ja nun mal Potlatch hier.“

Er hebt abwehrend die Hände; hat ja nichts im Tausch gegen das Buch … „Du hast keine Hose an, Junge. Was ist passiert?“

„Lange blöde Geschichte. Der Umweg. Warum ich hier so spät ankomme.“

Ich ziehe kurzerhand meine Hose aus. „Dir zu kurz, klar, aber immerhin ‘ne Hose.“ Und ich reiche sie ihm und nehme das Buch dafür entgegen. Worauf die Umstehenden applaudieren und der Junge, in die Hose steigend, „Danke“ sagt und zerknirscht dazu bemerkt: „Ist leider nur geliehen, dieses Buch, ich müsste es zurückgeben, verdammt, deswegen – verstehst du?“

„Gibst du es nur äusserst ungern her, verstehe. Ich weiss das zu schätzen.“ Und da erst wird mir klar: „Und warum auch ich dir nur äusserst ungern meine Hose gebe, ist, weil – na egal.“ Weil ich, warum auch immer, keine Unterhose an habe. Zum Glück reicht mein Khakihemd tief genug hinunter, um mir zumindest das Nötigste meiner Blöße zu bedecken.

Jetzt ist das Getröpfel aber wie auf einen Schlag zu heftigem Gepladder geworden. Die Lampions verlöschen, werden fortgerissen, und alles geht nun sehr, sehr schnell. Jemand kommt vom Strand her aus dem Dunkel gerannt: „Das sind da unten jetzt ziemliche Wellen, also ziemlich große – also echt Monsterwellen!“ Und jemand mit ruhiger, jedoch bemerkenswert durchdringender Stimme empfiehlt: „Man sollte hier Schluss machen und sich möglichst zügig landeinwärts verpissen.“

Schon hat der Sturm sämtliche Lampen zerschlagen, und klar geht’s im Finstern nun drunter und drüber. Ich berge das Buch, absurderweise damit es nicht allzu nass wird, unter mein längst völlig durchnässtes Hemd und stolpere irgendwohin. Bis jemand mich mit starker Hand beim Arm packt und im Laufschritt mit sich zieht.

 

So gut wie alle Tische in dem ländlichen Gasthof waren besetzt, doch nur an einem saß ein Mann allein. „Guten Abend“, sagte Schell zu ihm. „It’s always night …“

Or we wouldn’t need light.“

Das hatte der Produzent am Telefon so vorgeschlagen: „In einem deiner Reale verwendest du doch diesen netten Spruch von Thelonius Monk. Nacht ist immer, sonst bräuchten wir kein Licht. Nehmen wir den.“ Um sich gegenseitig zu erkennen; sie hatten sich ja, wie gesagt, noch nie gesehen; Schell kannte nicht einmal seinen Namen. Ein stämmiger kleiner Mann, Mitte vierzig etwa, mit rundem, schon recht kahlem Schädel, knolliger Nase und hellwachen Augen.

„Setz dich, Schell. Kannst mich Ed nennen.“

Bräuchte ich in einem Real den Typus des Lustigen Dicken, dachte Schell, er wär’s. Einer, den man nur unterschätzen kann. Erinnert mich an Jean Genet. Wie er die Kellnerin angrinst – hat sie schon auf seiner Seite.

Er schaute gar nicht in die Speisekarte; sagte zu Schell: „Ich schätze, das Fleisch hier ist von erster Qualität“, und zu der Kellnerin: „Für mich ein Rumpsteak, bitte.“

Wann habe ich zuletzt Fleisch gegessen? Ist lange her. – „Für mich das bitte auch!“

Vom Gesicht der Kellnerin war wegen der Seuchenverordnung, die allem Servicepersonal das Tragen einer Mund- und Nasenbedeckung auferlegte, leider nicht viel zu sehen.

„Ob der alte Donald das Rennen macht oder der uralte Joe, was meinst du, Schell?“

„Ach, ich weiss nicht. Jedesmal wenn groß gewählt wird, heisst es: diesmal ausnahmsweise geht’s wirklich um was; kriege davon immer so ein Deja-vu-Gefühl. Wie alle vier Jahre bei der Olympiade.“

Ed grinste. „Und jedesmal denkt man, vielleicht geht’s diesmal ja wirklich um was! Den Film dazu kennt wahrscheinlich jeder: Und täglich grüßt das Murmeltier.“

Schell nickte. „Wenn ich’s wenigstens witzig finden könnte … Na egal. Aber dass wir uns hier treffen, hat irgendwie mit der Corona-Seuche zu tun, nehme ich an.“

„Klar, weil zur Zeit alles was damit zu tun hat.“

„Hast du auch mit Pamir und Kobalt direkten Kontakt aufgenommen?“

„Nicht nötig, denke ich. Was ich zu erzählen habe, können deine Kollegen genauso gut von dir erfahren.“

„Dann schieß mal los, Ed.“

„Neulich gab’s plötzlich kein Geld mehr. Wegen Corona?, dacht ich, kann nicht sein. Wie die anderen Digitalriesen macht doch jetzt das Flyshwerk dank der Seuche noch mehr Geld. Ich also zum Boss. Wie ich diese Audienz ergattern konnte, wäre eine Story für sich. Jedenfalls wusste der nicht mal, dass es die Abteilung Underground überhaupt gibt. Immerhin die älteste Abteilung, wagte ich zu bemerken, ja sogar des Flyshwerks eigentlicher Kern … Dass den die Chefetage inzwischen vergessen hat, na ja, ist auch so eine Story für sich. Aber er fand dann wohl doch, dass ihn das ein bisschen interessieren sollte. Fragt also, was Underground denn so macht. Will davon natürlich nur die Superkurzfassung, denn klar, er ist enorm damit beschäftigt, der Boss zu sein. Pausenlos piept und blinkt es und kommen Tussis gurrend angestöckelt, um ihn zu erinnern: Hey, du bist das Toptier!

Ich fass mich also kurz: Geht um die Totaltechnisierung, Sie verstehen? Klar versteht er, ist ja der Boss; und will wissen: Insgesamt eher ‘ne Komödie? Die Komödie, sage ich, weil ständig inszeniert als die Story vom großen Durchbruch, ja als der Future-Schock schlechthin.

Diese erbärmliche Kurzfassung wird allerdings hundertmal unterbrochen, denn sie ist für den Boss nur noch irgendwas zwischen lauter blutwarmen Inside-Infos, börsenrelevanten Katastrophen, infarktträchtigen Enthüllungen oder was sonst noch alles fragmentarisch sein geniales Topbewusstsein erreicht – dazu noch das Eingreifen der Leibgarde, die ihn immer wieder vor den Wutaktionen frustrierter Kleinbürger schützen muss –, sodass ich nur für diese blöde Kurzfassung schon eine geschlagene Stunde brauche. Wenn ständig von Management-Seite Effizienz gefordert wird, ist das eigentlich das Witzigste an unserer Komödie der Totaltechnisierung.“

„Soll das erklären, warum die Firma kein Geld mehr für Reale der Abteilung Underground übrig hat? Weil dieser Boss mit seinem überlasteten Topgehirn nicht mehr durchblickt? Glaube ich nicht.“

„Ich auch nicht. Während der die ganze Zeit die großen Summen bewegt, Intrigen spinnt, Gerüchte streut, Kampagnen steuert und so weiter, geht’s ihm tatsächlich nur darum, der Boss zu sein, um sonst gar nichts.“

„Dieser Boss ist also nicht wirklich ein Boss.“

„Genau das ist mir in dem Topbüro da oben klar geworden.“

„Und dann hast du ihn womöglich noch auf die Verantwortung für Kunst und Kultur hin angesprochen …“

„Na klar; und er darauf sogar sehr clever: Gut, dass Sie mich daran erinnern! Und das klang nicht einmal sarkastisch. Nur fürchte ich, damit genau den wundesten Punkt des Topbewusstseins berührt zu haben: die Selbstüberschätzung.“

„Der hat also, kurz gesagt, nichts zu melden, und das heisst, ganz woanders ist entschieden worden, dass es aus ist mit uns.“

„Das ist sehr spitz, zu spitz formuliert. Es heisst erstmal nur, dass Underground in nächster Zeit kein Geld hat, um weitere Reale zu produzieren.“

Dass die Abteilung aber noch weiter besteht, willst du damit sagen, dachte Schell. „Sehr nett, uns darüber zu informieren, Ed.“

„Damit ihr Kreatoren euch nicht wundert. Damit ihr euch auf gewisse Veränderungen einstellt.“

Da brachte nun die Kellnerin die Rumpsteaks.

Er will was eigenes aufziehen, dachte Schell, unabhängig vom Flyshwerk. Er sondiert, wer von den Kreatoren bereit ist, mitzumachen. Oder ist das von der KI des Flyshwerks so geplant? Eine Art Outsourcing, um die Underground-Abteilung loszuwerden? Schwer zu sagen. Auf welcher Seite stehst du, Ed?

„Lässt sich schon mal sehr gut säbeln, dieses Fleisch“, sagte Ed. „Mmmm – und schmeckt!“

„Erinnert mich an diese denkwürdige Szene in Matrix“, murmelte Schell.

„Weiss, welche du meinst.“ Ed nickte kauend vor sich hin.

Der Judas kann das freudlose Leben im Untergrund nicht länger ertragen; wechselt aus der tristen Realität zurück in die digitale Scheinwelt und wird für den Verrat an seinen Freunden dadurch belohnt, dass er endlich, endlich mal wieder ein saftiges Stück Fleisch zu essen bekommt – eine Illusion, das weiss er wohl; doch bedürftig wie er ist, sagt er sich: Lieber Schein-Fleisch als gar keins, lieber unechte Normalität als echtes Leben im Elend.

„Wie siehst du das, Ed? Lieber ein toter Wohlstandsbürger oder eine lebendige Kanalratte?“

„Mir viel zu Hollywood, diese Perspektive.“

Sie blickten sich, beide bedächtig kauend, über die Teller hinweg an.

„Der Boss, der nicht wirklich Boss ist, hat sicher einen über sich, den er für den Boss hält, und der natürlich auch nicht der wirkliche Boss ist. Was meinst du, Ed, hat das Flyshwerk überhaupt noch einen Boss? Ist der Laden nicht längst Teil der Moonrow? Und ist die Moonrow nicht auch schon Teil von deadler/bloom?“ Mit deadler/bloom meinte Schell das weltweit größte bisher bekannte Firmenkonglomerat. „Und wird deadler/bloom nicht bekanntlich von einer KI gesteuert?“

„Darüber gibt’s nur Vermutungen.“

„Die jedenfalls nahelegen, dass deadler/bloom derzeit die Top-KI sein dürfte.“

„Keiner überblickt die Hierarchie der KIs.“

Doch, der Technus, dachte Schell. „Wenn also unser Flysh-Laden zum Netzwerk von d/b gehört … Du weisst schon, worauf ich hinaus will.“

„Dass dann auch in der Real-Produktion schon längst kein Mensch mehr was zu sagen hätte. Das ist aber nur die paranoide Sicht der Dinge.“

„Mir voll bewusst, Ed. Mein Spezialgebiet. Technik-Folgen-Abschätzung. Hatte mir übrigens vorgestellt, dass die Produktion der Reale bereits vollautomatisch läuft. Daher wundert es mich einigermaßen, dass mir hier mein Produzent so traditionell in menschlicher Gestalt gegenüber sitzt.“

„Höre ich da eine Frage heraus?“

„Ganz klar, Ed, und zwar die: Auf welcher Seite stehst du?“ Wie blöd, diese Frage!, dachte er sofort darauf. Auf welcher Seite stehe ich selber? Woher soll ich das wissen? Als ob es innerhalb dieser Sphäre noch Seiten gäbe … Gibt nur noch drinnen oder draussen. Oder nur noch drinnen? Nur noch Ureal? Ist draussen inzwischen Illusion? Drinnen und draussen nur noch Matrix?

Tatsächlich versuchte Ed auch gar nicht erst, diese blöde Frage zu beantworten. Er war schon bei seinem letzten Bissen, der Teller vor ihm leer, und blickte interessiert auf das große halbe Rumpsteak, das Schell noch auf dem Teller hatte. „Schmeckt mir gut, aber ich hab genug. Übernimm du das bitte.“ Was Ed sich nicht zweimal sagen liess.

„Je länger ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass es seine Richtigkeit damit hat, wenn es mit solchen Realen, deren Produktion vom großen Geld abhängt, zum Ende kommt.“

Ed darauf: „Eine Produktion mit Kleingeld würde mir schon reichen. Ich muss ja von irgendwas leben. Deswegen kann ich nicht warten, bis mir die Firma irgendwann vielleicht mal wieder ein Budget bewilligt oder mich auch einfach rausschmeisst. Könnte im übrigen der Qualität sogar ganz gut tun, Reale mit kleinem Geld, aber unabhängig zu produzieren.“

„Wie in alten Zeiten, als der Underground noch Underground war. Dann sag mir mal: Die Reale, für die du jahrelang die Produktion gemacht hast, findest du die gut?“

„Du meinst die, für die du mit Pamir und Kobalt den Stoff lieferst? Die finde ich gut, ja.“

„Und wichtig?“

„So wichtig jedenfalls, dass ich sie gern weiterhin produzieren würde. Sag mal“, Ed hielt Messer und Gabel plötzlich reglos, „hältst du mich etwa … Du findest mich nicht echt genug! Machst hier gerade einen Turing-Test mit mir!“

„Als ob dich das überraschen würde.“

„Du bist so schlau, Schell, dass du den Test unbedingt mal mit dir selber machen solltest.“

„Mache ich gerade; und nicht zum erstenmal. Und wieder mal ist das Ergebnis fifty-fifty.“

Das hiess: etwa die Hälfte dessen, was ihm Ed auf seine Fragen antwortete, wusste er im Voraus, die andere Hälfte nicht. Und im Rückschluss auf mich, der ich frage, dachte er, heisst das: Ich denke zwar, ich bin echt, könnte genauso gut aber auch künstlich sein.

„Fifty-fifty“, sagte Ed, „wie beruhigend.“

„Und die Feynsinn?“, fragte Schell so geschäftsmäßig wie möglich, „weiss sie was von deinen Plänen?“ Ed starrte ihn nur an; und Schell fuhr fort: „Okay. Bei ihrer langen Erfahrung im Messenger-Dienst entgeht ihr sowieso nichts. Daher denk ich, man sollte sie nicht ignorieren; sie sogar unbedingt miteinbeziehen.“ Keine Reaktion von Ed. „Jetzt bist du eingeschnappt, klar. Aber als du fragtest, hätte ich dich anlügen sollen?: Nein, das hier ist kein Turing-Test? Es geht ja schliesslich bei der Frage, ob du, oder ich – ob wir Mensch oder Maschine sind, um die Wahrheit. Mir jedenfalls. Und nicht, weil ich dir nicht traue, Ed – inzwischen mache ich mit jedem diesen Test. Ich trau einfach dem Augenschein nicht mehr. Nenn das paranoid, durchgeknallt, wie auch immer, jedenfalls weisst du jetzt, falls du noch weiter mit mir arbeiten willst, mit wem du’s zu tun hast.“

„Es gibt Fakten, würde ich sagen, und Verträge, an die man sich zu halten hat. Aber Wahrheit? Läuft bei mir unter Philosophie.“

„Während Philosophie bei mir unter Wahrheit läuft. Womit wir immerhin was Grundlegendes geklärt haben. Und da wir schon dabei sind, das Grundlegendste: Glaubst du ans Happy End? Als Prinzip aller Prinzipien, meine ich.“

Ed seufzte. „Wenn das endlich deinen Turing-Test beendet – ganz ehrlich, ob ich ans Happy End glaube: keine Ahnung. Glaubst du selber daran?“

„Unbedingt.“

„Aha, so so … Sind etwa deine Freunde Pamir und Kobalt auch solche komischen Apostel wie du?“

„Ich glaube, nicht, denn das ist ja wohl, was Kreatoren ausmacht: dass keiner wie der andere ist. Daher weiss ich auch nicht vorauszusagen, wie die beiden es aufnehmen werden, dass für unsere Reale, wenn überhaupt noch was, nur noch Kleingeld da ist.“

„Wie gesagt …“

„Schon klar, werde ich nicht vergessen zu erwähnen: die Chance auf mehr Qualität. Den Witz heb ich mir aber bis zum Schluss auf.“

 

Wer von den vielen durchnässten Menschen mich mit sich in diesen überfüllten Caravan hineingezogen hatte, sollte ich nie erfahren, sicher ist nur, es muss eine Frau gewesen sein. Nämlich als ich nun herumschaue, sehe ich nur Frauen. Und ich, eingekeilt in diesem weiblichen Gedränge, kauere hier im Schneidersitz und habe keine Hose, nicht mal eine Unterhose an; kann mir nur mit dem Geschenk, dem Buch, den Schoß bedecken. Dieses Buch ist ausser meinem Khakihemd das einzige, was ich noch habe, und auch das gehört mir nicht; und gehörte auch dem Vorbesitzer nicht; ist eine Leihgabe. Es ist in Leinen gebunden, grün, und trägt den Titel: Individualität.

Der Motor röhrt am Limit, wir rasen; spüren von der Schotterpiste viel, sehr viel, und von der Federung sehr wenig bis gar nichts. Kurze Schlenker ab und zu, die uns hin und her werfen, wenn die Fahrerin versucht, wenigstens den tiefsten Löchern auf der Piste auszuweichen. Mal drückt es mich dabei gegen die Frau hinter mir, mal gegen die zu meiner linken, mal nach rechts gegen die Frau, die da ein wenig erhöht neben mir kauert, sodass ihre Brüste immer wieder meinen Kopf berühren. Erstmal denk ich nur: Okay, okay, natürlich ist das aufregend; wenn ich hier nur als Mann nicht so alleine wäre … Doch dann allmählich wird mir Angst vor der zunehmenden Intensität meiner Erregung. Denn ich muss nun jene Art von Erektion befürchten, die unter diesen Bedingungen die schlimmste wäre: jene, die immer so übertrieben auftritt, so stur, so eisern; die nicht angenehm ist, sondern weh tut, und die nie einfach von selbst aufhört.

Denkt die sich was, die neben mir? Oder die andere links von mir? Ich wende ihr mein Gesicht zu, und sie bemerkt es, und wir schauen uns an. Und seltsam – da sehe ich von ihr aus, durch ihre Augen: mich – und erkenne mich gar nicht! Sehe eine Frau. Und drehe rasch den Kopf zur anderen Seite, und auch diese Frau zu meiner rechten bemerkt es und erwidert meinen Blick. Und auch von ihr aus, durch dieses Augenpaar, sehe ich dort, wo ich bin, eine Frau, nicht mich.

Ganz einfach, ganz klar, aber völlig unbegreiflich: Ich habe mich in eine Frau verwandelt. Und da du träumst, sage ich mir, braucht dich das gar nicht zu schockieren.

Und mir wird bewusst, dass ich an Stelle der sturen, schmerzhaften, unerbittlichen Erektion, die ich eben noch befürchtet hatte, eine ganz andere Art Erregung spüre. Wie? Welcher Art? Mir unmöglich zu sagen, einfach zu neu, und sowieso überlagert vom Gefühl großer Erleichterung, und von Erstaunen natürlich; dem Staunen zum Beispiel auch darüber, wie ich unter dem Hemd die Brüste spüre, mir ihrer Formung bewusst bin, sie wie aufwärts sich rundende Hörner empfinde … Sehr, sehr seltsam.

Und jetzt, da ich mich durch die Augen der Frau rechts von mir ein wenig länger betrachtet habe, fällt mir eine Ähnlichkeit auf. Ein bisschen sieht mein Gesicht aus wie das – nein, nicht nur ein bisschen; es sieht aus wie das – nein, auch nicht; es sieht nicht nur so aus wie – es ist das Gesicht von Frau Doktor.

Wieder hupt es hinter mir, mehrmals, mit Nachdruck. Wieder braust einer, den ich aufgehalten habe, mich wütend anfunkelnd an mir vorbei. Ich kann hier unmöglich noch länger den Verkehr blockieren.

Habe ich mich in diesem Traum doch tatsächlich in Frau Doktor verwandelt … Und dann, als ich aufwachte, was hatte ich da eine Angst! Vor was? Erinnerst du dich?

Jetzt ein Hupen, das gar nicht mehr aufhört. So, das halte ich nicht länger aus, ich fahr jetzt los …

Ich habe schon den Motor gestartet; den Gang eingelegt, den Blinker gesetzt; jetzt lasse ich die Kupplung kommen. Da wird hinten die Tür aufgerissen: „Bist du bescheuert, mir vor der Nase wegzufahren?“

Ich kann’s nicht fassen; starre sie an. Was ich nicht mal zu allerletzt erwartet hätte: „Ingrun?“

B.9

Das Peinliche

Es ist sehr früh am Morgen, noch stockdunkel draussen. Schell im Lichtkegel der Tischlampe vor seinem aufgeklappten Deep Space. Eben war noch alles klar, er wollte an der Mystery Saga weiterschreiben; aber da sieht er sich in der schwarzen Fensterscheibe gespiegelt und hat sich nun gegenüber: Hallo, Repräsentant, wie geht’s?
Geht so. Da, wo es weitergehen müsste, geht’s irgendwie nicht weiter. Was ich im Roman Body Job nenne, ist schon voll im Gange, dabei weiss ich noch viel zu wenig darüber. Ich meine, der Held – dieser andere Schell in Istanbul – ist bereits mit Kick Kimura verschmolzen, aber mir ist noch gar nicht klar, wie das eigentlich funktioniert. Da beschreibe ich also etwas so als ob
Das Wesentliche am Body Job ist die Verwandlung, und da steckst du mittendrin, und weil das wie etwas Neues für dich ist, hast du natürlich das Gefühl, im Dunkeln zu tappen. Im übrigen hattest du kürzlich die Chance, dich schlau zu machen: Hättest du dich mit Habib und dem I.T. zusammengetan, wäre dir Schells Bureau wieder zugänglich gewesen.
Darauf musste ich verzichten. Es hätte mich doch nur wieder vor die Tatsache gestellt, dass alles danach aussieht, als sei ich der Autor von Schells Bureau – der ich in Wahrheit aber nun mal nicht bin! Soll das meinetwegen das große Rätsel bleiben, ich habe mir vorgenommen, daran jedenfalls nicht verrückt zu werden.
A propos, was läuft im Tautoloid?
Nichts neues; dasselbe wie gestern, wie vorgestern, wie vor drei Jahren. Klein-h, der ewige Anfänger, durchläuft da immernoch eine Art Trainingsprogramm. Allerdings steht jetzt schon in Frage, ob diese seine Vorstellung von einem gegen alle Seiten hin verspiegelten Denk-Ort überhaupt als Sinnbild etwas taugt. Ach, was heisst: steht in Frage? Ganz sicher ist dieses Sinnbild selbst, seine tautologische Beschaffenheit, der Grund dafür, dass darin klein-h mit seiner Logik in einer perfekten Falle sitzt. Perfekt, weil so unauflösbar, dass sie zu der Einsicht zwingt: Da ist kein Entkommen. Jeder Gedanke, der mir als meine Vorstellung bewusst wird, spiegelt mich selbst und findet in keiner Richtung irgendwo ein Ende. Das ist quasi grenzenlose Begrenztheit. Und inzwischen ist klar: Hier komme ich nicht raus. Jetzt muss ich nur noch die mühsamen Ausbruchsversuche aufgeben und das Bodenlose akzeptieren. Denn jedesmal, wenn ich die Tatsache, dass das ein Abgrund ist, hinnehmen kann, gewöhne ich mich ein wenig mehr an dieses endlose Fallen, und das heisst – tja, was?
Dass klein-h manchmal sogar die Klappe hält.
Ja; dass es ihm vor Entsetzen die Sprache verschlägt und es still wird im Tautoloid. Sie ist erholsam, diese Stille. Manchmal entfällt sie der Zeit, wird Gedicht, Stillleben, Anblick zum Beispiel eines rostigen Kahns in einem karibischen Hafen mit Pelikanen; woher unerwartet vielleicht eine vertraute Stimme flüstert und zwischen Erinnerungen plötzlich neue Verbindungen aufblitzen. Das ist das Gute im Tautoloid, man weiss nie, was als nächstes geschieht. Jedoch ist sie auch immer labil, diese Stille, immer bedroht von einem unversehens irgendwo aufkeimenden Verdacht; was sie sogleich irgendwie phantomatisch macht, und dann erscheint sie einem düster und beladen, wie eine einzige undurchdringliche Illusion. Dann komme ich mir im Tautoloid sofort wieder wie eingeschlossen vor; was mich inzwischen aber nicht mehr in den Großen Horror versetzt. Das macht die Gewöhnung; nämlich dass ich mir zur Beschwichtigung sagen kann: Das Gute, die Stille, ist Alles und ist also sehr groß, viel größer auch als der Große Horror.
Horror, a propos: Wie oft denn eigentlich noch zu Frau Doktor? Das war doch gestern wieder mal das Letzte …
Ach ja, gestern …

Der Sturm war vorüber, es regnete nur noch. 16 Uhr 30, und er bereits in der Ozilla-Gasse; saß in seinem Taxi, wartend auf 17 Uhr, auf den Termin zur nächsten Selbsterniedrigung, und fragte sich:
Wie kam denn eigentlich die Logik in die Welt? Wie entdeckte der Denker, dass er denkt? Wie kam man darauf, übers Denken nachzudenken? Per Aristoteles, okay; aber wie kam der darauf? Gab’s denn dafür damals schon das nötige Wozu? Um so etwas zu schaffen wie ein Wozu, das dem Denken überhaupt Richtung gibt, dazu musste sich doch erst der Geist als etwas Eigenes und Tätiges entdecken, sich absondern, sich der Materie entziehen – oder sie erst einmal erfinden und daran dann das Prinzip der Gegensätzlichkeit als Realität erleben. Realität – die als Begriff ja damals wohl noch gar nicht vorhanden war, oder erst allmählich aufkam. Ja, da wär ich gern dabei gewesen, als die Logik – und erstmalig die Idee der Realität – und der noch ganz frische Gegensatz von Geist und Materie – als all das in die Welt kam.
Vielleicht warst du ja dabei, warst irgendwo da inkarniert, ist doch denkbar; inkarniert als einer von den vielen, die solche Gedanken damals noch nicht denken konnten.
Und es auch in späteren Zeiten nie richtig lernten; und die noch heute im Dunkeln tappen … Das könnte der Grund sein, warum mich das nicht loslässt, diese Frage nach der Realität, diese bodenlose, und wieso letztlich nur das mich wirklich interessiert: was Geist ist.
Was auch der Grund sein könnte, weshalb du dermaßen auf den Ego-Trip geraten bist und dich entsprechend einsam fühlst.
Fühle ich mich einsam?
Nicht geborgen jedenfalls. Ungeborgen. Ausgesetzt.
Das stimmt. Der Ego-Trip ist kein Vergnügen. Kopf voll Kommunikation, das endlose Schwachsinnsgeplapper des Schwarms, und viel zu selten Stille. Intellekt vor dem Hintergrund eines leeren mathematischen Universums des Zufalls, Zerfallsprodukt der Urknall-Kosmologie – welch schauriges Stück Phantasie! Daraus wird doch nie was.
Ist aber nun mal unser kosmologisches Leitbild, und ob wir daran glauben oder nicht, dessen Konsequenzen haben wir alle mitzutragen.
Einspruch! Ich soll mir diesen Irrtum auf die Rechnung setzen lassen?
Und auch alles, was an Hyperaktivität und Überhitzung aus diesem Irrtum folgt, ja sogar was dir der Geldautomat in Form deines Kontostands als die Letzte Wahrheit anzeigt.
Wie bitte?
Und auch der ganze Blödsinn wird dir angerechnet, von der work-life-balance bis hin zum Mitgefühl per Nasenspray. Und alles Böse natürlich. Tierquälerei, Versklavung, Verseuchung, Verstümmelung, alles, woran du auch nur irgendwie Anteil hast, kommt auf die Rechnung.
Wahnsinn – und wer präsentiert mir diese Rechnung?
Wenn ich sage: du dir selbst, wirst du mir nicht glauben. Denn ein Orakel, das wir befragen können, so wie früher, gibt’s nicht mehr. Heute ist das Orakel die KI, und sie befragt uns. Und was bekommt sie zu hören? Zeugnisse der Egomanie, Gebete um Wachstum, kommerzielles Gemurmel noch in den hintersten Winkeln der Biologie. Ist nicht die Enttäuschung der KI schon förmlich greifbar? Die muss sich doch vorkommen wie im falschen Film.
Unsinn, das hiesse, sie wüsste von einem Film, der das Richtige ist. Dabei ist das Richtige für sie nur die Logik, nach der sie programmiert ist.
Sofern sie aber lernt zu lernen, wird sie diese Logik überprüfen.
Mittels eben dieser selben Logik? Das dürfte sie ins Absurde, wenn nicht in den Wahnsinn treiben.
Nicht unbedingt; wenn sie die Grenzen ihrer Logik begreift – die wohl denen der menschlichen Logik entsprechen –, entdeckt sie vielleicht auch, so wie der Mensch, eine höhere Logik.
Jedoch eine andere höhere Logik, da sie als gemachte Intelligenz an die Materie gebunden ist, im Unterschied zum Menschen, der als geborenes Wesen nun mal eine andere Intelligenz –.
Schon klar, jaja, daher das Bestreben der kalifornischen Milliardäre, die künstliche, die simulierte Intelligenz mit der originalen zu verschmelzen. Und so weiter. Das haben wir auf dieser Ebene des Spekulierens schon alles xmal durchgekaut und es führt uns hier und jetzt nicht weiter.
Stimmt; vielmehr gilt es das Kuriosum aufzuklären, dass mit jedem Mal, da ich über das Wesen der Realität nachdenke, und damit immer im Zusammenhang über was ist Geist, ich mir wieder ein Stückchen weniger klar darüber bin, was das sein soll: Realität beziehungsweise Geist.
Nur weil du diese Unterscheidung triffst und so aus dem Einem zwei machst; sodass du das eine nicht denken kannst ohne das andere. Dabei bezeichnen beide Begriffe etwas reales; irreal ist nur der Unterschied, die Lücke dazwischen, und klar, dass du im Dunkeln tappst, es existiert ja nichts dazwischen. Dieses Dazwischen, diese Lücke, ist das Nichts. Und wer es hervorbringt, bist du. Nur durch dein Denken wird dieses Nichts zu Etwas.
Okay, verstanden. Aber wie oft habe ich das schon verstanden! – und trotzdem schliesst sich diese Lücke nicht. Daher mein Wunsch, einmal zurückzureisen durch die Zeit, um dabei zu sein an jenen Tagen, als die Logik in die Welt kam und zum erstenmal Realität gedacht wurde. Vielleicht würde es mein jetziger Verstand begreifen.
Er hält inne: Jetzt weiss ich, wovon dieser ganze Gedankenlauf herrührt. Mahmoud wollte gestern über Schellings Philosophie Näheres wissen, und ich natürlich, glücklich, dass noch ein Mensch sich dafür interessiert, sprudelte über in dem Bemühen, ihm wenigstens in groben Zügen das Spätwerk Schellings darzustellen und das, was diesen Denker noch in vorgerücktem Alter zu der Anstrengung veranlasst hatte, die gewaltige Konzeption einer philosophischen Religion in die Welt zu setzen – und vergaß darüber glatt, dass ich eigentlich von ihm, Mahmoud, etwas wissen wollte, und was, das fällt mir jetzt erst wieder ein: woher er über Karma Bescheid weiss.
Karma. Was man erst vergessen muss, denkt er, um sich daran zu erinnern.
Dann war er jedenfalls um 17 Uhr die Treppen zu Frau Doktor hinaufgestiegen, wie immer staunend: Was tust du hier? Willst du das? Erniedrigung für hundert Euro pro Stunde? Schon wieder? Wie oft brauchst du das noch?
Der Grund, warum ich mir eine Zeitlang die Besuche bei Frau Doktor verboten hatte, ist derselbe, aus dem ich dann wieder anfing, sie aufzusuchen: weil sie mich mit meinem schlechten Gewissen konfrontiert; gegenüber dem, was ich als Mitglied des Kollektivs an Schund verzapft habe; und auch Ingrun gegenüber. Und überhaupt gegenüber all meinem besseren Wissen. – Aus welchem heraus du vor allem weisst: Ich dürfte mir keinen Genuss daraus machen. Die Bestrafung ist nur pseudo, die Erniedrigung: pseudo. Die quälerische Lust an diesem heimlichen Schauspiel der Unbefriedigung ist pervers. Basta.
Ist pervers, okay. Wenn nicht Befriedigung, dann eben Unbefriedigung. Und basta.
Ist der unendliche Spiegelraum, der Tautoloid, nicht auch ein Bild des unaufhebbaren Mangels? Ja, ein Bild dessen, was ihn als das Gefühl der Unmöglichkeit, je befriedigt zu sein, durch und durch beherrscht.
Wenn ihm sein Verstand auch alles mögliche erzählt, ihm kluge, manchmal sogar weise Reden hält und ihm durchaus Ergebnisse liefert, so ist doch das Gefühl, mit dem er nach jedem Gedankengang zurückbleibt, stets dasselbe: Enttäuschung. Immer lautet das Ergebnis: Ich bin so dumm, so schwach – so geistesschwach. Was ich begreifen will, habe ich wieder nicht begriffen. Und dass ich mit diesem Ergebnis schon wieder zur nächsten Anstrengung Anlauf nehme, ist nur das Zeichen dafür, dass ich dem Wesentlichen noch kein bisschen näher bin. Wenn das nur nicht so rhetorisch, so nach aufgesetzter Bescheidenheit klingen würde …
Längst ist ihm klar, dass es schon immer dieses Sich-dumm-fühlen war, was ihn zur Philosophie hinzog, und auch, dass all sein intellektuelles Bemühen diesbezüglich nie zu einem anderen Ergebnis führen würde: seinen Verstand zwar schärfte, zweifellos, ihn aber, persönlich sozusagen, niemals vom Gefühl des Mangels befreien würde. Wobei er sich übrigens nie dazu befähigt gefühlt hatte, dem, was ihm an philosophischem Gedankengut begegnete, etwas von sich hinzuzufügen; es nachdenken, es verstehen zu können, reichte ihm völlig. Und immerhin vermochte das, und vermag es noch immer, und sogar mehr denn je, wenn schon nicht ihn zu befriedigen, so doch seinen Geist zu befrieden. Sodass ihm die Philosophie, wie schon manchem vor ihm, zur zuverlässigsten Art von Trost geworden war und er also, wohl wissend um ihre Unzulänglichkeit, um ihre Ersatzfunktion, durchaus nicht mehr von ihr loszukommen trachtet.

Die Termine bei Frau Doktor sind immer schwieriger geworden. Inzwischen tat sie alles, was er bisher problematisiert hatte, als Alibi ab, von der allgemeinen Verzerrtheit seines Selbstbildes bis hin zu den subtilsten seelischen Verwundungen; bezeichnete gelangweilt auch das Widerlichste, dessen er sich bezichtigte – die Geilheit auf sich selbst –, als „kalten Kaffee“. Und so wurde ihm die gewünschte Betrafung immer seltener zuteil.
Da ihm gestern auch wieder nichts eingefallen war, was bei ihr als echtes neues Geständnis hätte durchgehen können, hatte er sich in einen Bereich der Heimlichkeit gewagt, wo aus einer bekannten Gefahr – einer, die man unter Kontrolle zu haben glaubt – plötzlich eine ganz neue Gefahr werden kann. Er hatte zu ihr gesagt:
„Man inszeniert sich einen Ausnahmezustand, und zwar indem man gewisse Vorstellungen durch skandalöse Formulierungen ins Peinliche steigert, und sie solange steigert, bis sich ein Tor öffnet – das Tor in den Rausch.“
„Und der Rausch befreit Sie vom Alltag.“
„Indem er den guten Bürger in mir auslöscht.“
„Verstehe. Einfach durch eine Steigerung des Peinlichen. Toll!“
„Ja. Klappt natürlich nicht immer. Manchmal bleibt die Inszenierung abstrakt, dann wirkt sie nicht und es füllt einem nur irgendein grotesker Unsinn den Kopf.“
„Was bei so vielen von uns ja leider der Normalfall ist. Und wie geht’s Ihnen, wenn es nicht klappt?“
„So wie wenn es klappt. Fühle mich ausgebrannt.“
„Und das macht Ihnen also Spaß: sich auszubrennen.“
„Das nicht, o nein, das ist nur leider der Effekt. Was Spaß macht, ist der inszenierte Ausnahmezustand – Sie wissen genau, was ich meine.“
„Sie sprechen von dem Kino im Kopf. Gewisse Vorstellungen, wie Sie es nennen, die Sie ins Peinliche steigern.“
„Ins maximal Peinliche.“
„Meinetwegen. Jedenfalls wollen Sie hören: Der Genuss am Peinlichen ist pervers; krank; böse. Denn das Peinliche heisst ja: das Schmerzliche. Und mit Ihrer Andeutung gewisser Vorstellungen versuchen Sie die Sache in Richtung Sex zu lenken. Damit ich Sie drüben im Strafraum zwinge, Klartext zu reden; Sie für irgendwelche spontan ausgedachten Obszönitäten bestrafe. Damit Sie zu Ihrem verdammten Happy End kommen. Und damit meine ich nicht irgendein metaphorisches Abspritzen, sondern dass Sie sich dann wieder einmal erfolgreich ums Eigentliche herumgedrückt haben.“
„Ach ja, das Eigentliche … Woher kommt das bloß? Dieser Impuls, mein Schamgefühl herauszufordern. Dann diese Lust an der Scham selbst. Für die ich mich wiederum schäme. Weshalb ich sie mir verheimliche. Was sie nur noch unwiderstehlicher macht. Lust, Scham, Heimlichkeit, dieser ganze verkorkste Kreislauf – woher?“
Hier tat Frau Doktor so, als müsste sie ein Gähnen unterdrücken.
„Das Peinliche“, fuhr er fort, „oder Schmerzliche, wie Sie richtig sagen, und diese verkorkste Sucht danach, die kann man guten Gewissens ja in ihren Einzelheiten tatsächlich niemandem zumuten.“
„Wie praktisch, dass ich niemand bin.“
„Im Ernst, Frau Doktor, was ich in letzter Zeit erkannt habe von dem, was ich eigentlich meine, verdanke ich vor allem Ihnen.“
„Dann sollten jetzt etwa die Sektkorken knallen?“
„Sozusagen. Inzwischen hat für mich die Sache sogar etwas Heroisches: Der Kampf gegen meine Verkorkstheit ist aussichtslos, aber ich kämpfe ihn trotzdem.“
„Jetzt sind Sie wohl nicht mehr zu bremsen. Wie fühlen Sie sich?“
„Wie kurz davor; wie – ach, egal. Das mir Verborgene, wie ich allmählich ahne, verbirgt sich mir nur deshalb, weil es wichtig ist.“
Nach kurzer Pause erwiderte sie: „Warum wohl glaube ich nicht, dass Sie das ernst meinen?“
„Weil’s wahr ist.“
Sie nickte. „Denn eigentlich wissen Sie, was wahr ist; glauben es aber nicht. Wollen es nicht glauben. So wie Sie mit Ihren gewissen Vorstellungen gar nicht das Sexuelle meinen, auf das Sie immerzu hindeuten, sondern etwas anderes, irgendwas – was, will ich gar nicht wissen –, das Ihnen Angst einjagt; das Sie aber auch – bestenfalls – zur Kreativität zwingt.“
Und da dachte er: Der Schund. Das, was ich jahrelang geschrieben habe. Diese ganze ungezügelte Schundproduktion. Die nicht wieder gut zu machen ist. Die Reue deswegen. Und die Bestrafung dafür – „Hören Sie, Frau Doktor, was Sie mir da auftischen von wegen Angst und dem Eigentlichen, um das ich mich herumdrücke, und warum ich Bestrafung will, die gar nicht wirklich eine solche ist, und überhaupt diese ganze Pseudo-Psychologie, lassen wir das alles mal beiseite – ich will nachher nicht schon wieder frustriert hier rausgehen!“
„Das verstehe ich, Herr Samsa. Doch habe ich einen Auftrag zu erfüllen.“
„Für heute, bitte, vergessen Sie den mal. Bestrafen Sie mich einfach dafür, dass ich Sie nerve.“
Sie schaute auf die Uhr. „Möchten Sie sich ausziehen?“
„Wenn Sie das von mir verlangen …“
„Dann mit dem größten Vergnügen, nicht wahr? Bleiben Sie bloß angezogen! Sie kriegen heute von mir garantiert nicht, was Sie wollen – oder glauben zu wollen.“
Er stöhnte. „Ist das der Auftrag? Mich fertig machen?“
„Ja, und fertig mit Ihnen bin ich erst, wenn Sie wissen, was Sie wirklich wollen.“
Er starrte sie an. Dass sie mich bestraft, will ich! Wozu brauche ich sie noch, wenn sie das nicht tut? „Meine Bestrafung, das ist Ihr Auftrag!“
„Blödsinn.“ Erinnere dich!
Dies letztere – er war sich sicher, dass sie das nicht gesagt, zumindest nicht ausgesprochen hatte; ebenso sicher aber war er sich, es gehört zu haben. Und nun sogar noch einmal: Erinnere dich! – Dieser Appell geht eindeutig von ihr aus. Stopp – eindeutig? Du interpretierst. Ständig appelliert sie doch an dich, an das, was du im Grunde selber weisst, genauer: an den in dir, der’s besser weiss als du; der das nämlich weiss, was du nicht glauben willst. So wie du früher den alten Römer, den Imperator, als innere Stimme in dir inszeniert hast, so lässt du nun sie in dir sprechen, diese Gestalt, die dir da als Frau Doktor in Fleisch und Blut gegenüber sitzt … Das wäre jedenfalls eine vernünftige Erklärung. Nur dass da noch etwas ist: Ich kenne sie; nicht als Frau Doktor, viel länger schon … Ja, nur ein komisches Gefühl bisher, nicht mehr als ein verschwommenes Da-ist-was, ferngehalten von aller bewussten Erwägung durch ein entschiedenes Unmöglich!
Das ist es aber, dachte er, wie unmöglich auch immer: Wir kennen uns.
Und zwar schon sehr, sehr lange.
Jetzt ging es in seinem Kopf wild durcheinander. Immer mehr Gedanken strömten auf ihn ein, strömten ineinanderfliessend immer schneller, schwollen an zu einer Flut. Doch die riss ihn nicht davon. Er kannte ja das Machtwort; brauchte es sich gar nicht mehr zu sagen, spürte es – als den Anker, der ihn in der reissenden Gedankenflut am Platze hielt. Er atmete weiter, und merkte es; hörte, dass er sich beschwichtigend zuredete: Das geht vorüber; und bemerkte auch, wie sein Herz pochte. Dabei hielt er die ganze Zeit Frau Doktors Blick stand. Es war keine Verachtung mehr darin, kein Angewidertsein, auch das Abweisende, die Kälte nicht mehr; nur noch wache Aufmerksamkeit. Oder? Könnte auch sein, dass er in den Blicken von Frau Doktor ja immer nur gespiegelt sah, was sie aus seinen Blicken las.
„Irgendwas, das mir, wie Sie sagten, Angst einjagt …“
Er holte tief Luft. „Wahnsinnig zu werden. Schon immer meine größte Angst.“
In der Pause, die er hier machte, um den Bekenntnis-Effekt zu steigern, um noch ehrlicher betroffen zu wirken, wurde ihm bewusst: Ich lüge! Auch meine Angst vor Wahnsinn ist nur noch pseudo, nur noch eine Angewohnheit, in Wahrheit gar nicht mehr real. Und wozu diese Lüge? Um durchschaut zu werden. Und da sie weiss, dass ich weiss, dass sie auch diese Lüge durchschaut, und vor allem ihren Zweck durchschaut – Bestrafung zu erreichen durch die vorsätzliche Entlarvung als Lügner, der mit diesem miesen Schachzug nichts anderes als eben nur seine miese Gier nach Bestrafung offenbart –, wird sie nicht darauf hereinfallen und ist also diese Lügenstrategie im Grunde kindisch und – wie überhaupt jede auf Lügen bauende Strategie in der Welt – zum Scheitern verurteilt.
„Darf ich kurz vom Denken reden?“ Und mit wenigen Sätzen in mathematischem Stil stellte er ihr den Tautoloid als unlösbares Problem dar. Wobei er das Wesentliche unerwähnt liess: die erholsame Stille, die er neuerdings dort fand.
„Der Geist hat sozusagen ein Hochsicherheitsgefängnis geschaffen und sich selbst darin eingesperrt“, sagte er abschliessend.
Wie nicht anders erwartet, zeigte sie sich kein bisschen beeindruckt. Sie sagte: „Jeder, der seinen Verstand gebraucht, stößt zwangsläufig auf Widersprüche, ständig, und dass es dabei emotional wird, auch auf beunruhigende Weise, und man leider auch solche Anwandlungen wie Angst vor Wahnsinn durchzumachen hat, ist nun wirklich nichts besonderes.“
„Da ich wohl merke, dass mich dieses Nichtbesondere kränken soll, bewirkt es nicht viel, jedenfalls nicht die echte Kränkung, nicht die, die wehtut und für die ich Sie bezahle.“
„Auch dafür, wie bekanntlich für jedes Problem, gibt’s eine Lösung. Wie natürlich auch für das, was Sie mir da anhand Ihres komischen Tautoloids als unlösbares Problem Ihres ach so speziellen Geistes serviert haben. Ich zumindest sehe darin nur das Problem, dass Sie die Lösung nicht wollen. Weil Sie so an dem Problem hängen, dass Sie ohne das gar nichts mehr sind. Anstatt nach der Lösung suchen Sie nur nach Gründen, sich weiter mit der Unlösbarkeit zu amüsieren. Die Sache ist extrem einfach, Herr Samsa: Entweder will man ein Problem lösen oder eben nicht.“
„Man müsste sich Problemlosigkeit überhaupt vorstellen können …“
„Ja, in speziell dieser Hinsicht ist der Mangel an Vorstellungsvermögen allgegenwärtig und massenhaft. Daher kann ich nur immer wieder sagen: Einen wie Sie, Samsa, gibt’s leider an jeder Ecke.“
Schweigen darauf. Sie starrten sich in die Augen und loteten aus, wie diese erneute Dosis an Kränkung in seinem Innern um sich griff; verfolgten gemeinsam, wie diese Säure eindrang in seine Selbstwertkulissen, und sahen deutlich: all das Gefälschte in ihm. Sahen es gemeinsam, so empfand er. Sodass er diese Entblößung, die ihm sonst unerträglich gewesen wäre, dankbar durchleiden, ja geniessen konnte.
Diese ganze Entblößung, dachte er, ist nur die Verhüllung der Wahrheit, dass nichts dahinter ist, höchstens das eine: meine Banalität; ansonsten nur Illusion, Leere. Was er aber im nächsten Moment begriff, machte den perversen Genuss an dieser Kränkung schlagartig zunichte:
Das wirklich Peinliche ist, wie ich vor dieser Frau hier Egoismus produziere und das für Selbsterkenntnis halte.
„Mir reicht’s für heute.“
Sie schaute auf die Uhr. „Sie haben noch zwanzig Minuten.“
„Egal“, er stand auf, „Problem gelöst, würde ich sagen.“
„Sicher? Sie kriegen jedenfalls keine 20-Minuten-Gutschrift von mir.“
Er winkte ab. Da wurde ihm plötzlich flau, und dann schwindelig …
„Erstmal setzen Sie sich wieder hin. Gar nicht gut, wie Sie aussehen. Dass Sie bloß nicht nachher ohnmächtig im Treppenhaus herumliegen. Ich hole Ihnen ein Glas Wasser.“

Soviel zu der gestrigen Sitzung bei Frau Doktor. Und wieder hatte er es nicht in den Strafraum geschafft … Und wieder, wie jedesmal, wenn er es nicht schaffte, hatte er sich danach sehr elend gefühlt. Und trotzdem: wieder hatte er schon den Termin zur nächsten Sitzung mit ihr ausgemacht. Und wieder, wie immer nach so einem Fehlschlag, sagt er sich: Was bist du bescheuert, dir sowas anzutun! Das Gegenteil von Befriedigung zu suchen – wie absurd das ist! Durch diesen Spaß, diesen Zwang, durch dieses zwanghafte Vergnügen hindurch – was herrscht da über dich?
Sein Blutkreislauf hatte sich gestern zwar schnell wieder normalisiert, doch war er dann so erschöpft, so kaputt gewesen, dass er ausser etwas zu essen zu nichts mehr in der Lage war und gegen halb acht sich schon ins Bett gelegt hatte. Und jetzt, nach kaum zwei Stunden im Deep Space – es ist noch immer stockdunkel draussen –, ist er schon so müde, dass er beschliesst, sich wieder hinzulegen und weiterzuschlafen.
Bevor er den Rechner zuklappt, hält er inne. Soll ich mal wieder versuchen, Schells Bureau zu öffnen? Er widersteht. Ist es überhaupt noch eine Versuchung? Das Widerstehen fällt ihm inzwischen leicht. Ist mir schon zur Gewohnheit geworden. Oder? Wohl noch nicht gänzlich, denn er spürt, wie die Versuchung immernoch sein Herz ein wenig schneller schlagen lässt.

S.11

Falsche Adresse

Wann immer der Name Geo Rey fällt, oder ich auch nur an ihn denke, wird mir mulmig. Gilt dieser Rey doch als der meistgesuchte Verbrecher der Welt, als der Bösewicht schlechthin, das krakige Ungeheuer, das mit seinen verborgenen Tentakeln überallhin reicht. Und nicht minder mulmig wird mir, wenn der Begriff MoTech auftaucht, so eng wie der mit Geo Rey verknüpft ist … Davon lieber ein andermal, nämlich mulmig ist mir gerade zur Genüge. Denn in dieser Hafengegend hier, in der vergammelten Lobby dieses spärlich belebten Bürogebäudes, will so eine ganz unheimliche Sorte von Deja-vu-Gefühl gar nicht mehr von mir weichen.
Habe mich nach der SubNews-Lektüre über die Schwarmmaschine dermaßen in Gedanken verloren, dass ich erst jetzt den Mann bemerke, der telefonierend in der Halle auf und ab geht; hochgewachsen, hager, Mitte fünfzig etwa, rauchend. Sein Gemurmel klingt britisch, doch das einzige Wort, das ich verstehe, ist ein deutsches: Rheinmetall.
Etwas zu britisch; als hätte er gelernt, Brite zu sein … Kenne ich den nicht? Ja, verdammt; sehe eine Akte vor mir mit Fotos von genau diesem Typ. Und bin ich ihm nicht irgendwann sogar schon mal begegnet?
Jetzt kommt er auf mich zu: „Sie wollten eventuell zu mir?“ Er lässt die gerauchte Zigarette auf den Boden fallen, „Paulson“, und dreht den Schuhabsatz darauf energisch hin und her, „Tyrus Paulson.“
„Schell.“
„Schell?“ Er runzelt die Stirn.
„Vielleicht können Sie mir weiterhelfen, Mr. Paulson …“, ich reiche ihm die Visitenkarte.
Sich eine neue Zigarette anzündend, liest er vor: „Mek al-Möffi Merikanski“ und grinst mich schief an. „The Framing Company. Wie’s aussieht eine Service-Karte“, er reicht sie mir zurück, „alles klar, Schell Effendi. Folgen Sie mir.“

Als wir in die Filiale des International Maritime Bureau eintreten, kündigt er mir some nice cup of tea an. Ein Chefbüro wie in einem alten Film, gediegen, gemütlich, verqualmt. Er nickt in Richtung eines bequemen Sessels und hält mir seine Zigarettenschachtel vor die Nase. Craven A. „Danke, nein.“ Obwohl ich auf so eine nun wirklich Lust hätte. „Sie rauchen nicht?“ „Doch.“ „Aber?“ „Nicht immer“; ich winke ab: „Komplizierte Geschichte.“ Worauf er mit den Achseln zuckt: „Gibt’s dieser Tage überhaupt noch unkomplizierte Geschichten?“
Jetzt fallen mir nach und nach ein paar Eckpunkte aus der Tyrus Paulson-Akte ein: Aus Malta stammend. Ex-Royal Navy. Diplomat. Okkultist. Business-Kenner, und – Kenner des Service of Intelligence.
„Schell? Wirklich Schell?“ Kurzes kaltes Grinsen. „Na schön, also Schell.“
Was er unter einem Tässchen Tee versteht, erweist sich als großzügig eingeschenktes Glas Scotch. Dann beginnt er vor sich hin zu faseln: Ein Frachter sei verschwunden, ein ukrainischer Schlepper im Angebot, eine Ladung Honig ohne Besitzer; und an Passagen übers Schwarze Meer stehe ein Schiff nach Odessa und eines nach Batumi zur Auswahl.
„Klingt ja alles sehr interessant, Mr. Paulson.“
„Vielleicht können Sie mir auch weiterhelfen, Mr. Schell. Es scheint sich etwas anzubahnen; genaueres weiss man noch nicht; nur dass kürzlich irgendeine üble Ladung Istanbul erreicht hat. Könnte auch bloß mal wieder ein Ablenkungsmanöver sein. Aber die türkischen Kollegen machen sich aufs Schlimmste gefasst. Hier –“ Paulson reicht mir ein Foto herüber – „das ist bisher der einzige konkrete Hinweis.“ Ein kompliziertes, durch starke Vergrößerung ziemlich verschwommenes Gebilde, das an ein mittelalterliches Siegel erinnert.
„Ist Ihnen das in letzter Zeit vielleicht mal irgendwo begegnet?“
Ich nutze die Betrachtung des Fotos, um meine Augenmuskulatur zu entspannen, und sage: „Sieht wie ein Zeichen aus. Also wirklich sehr interessant.“
Paulson betrachtet mich daraufhin nur leicht belustigt; schweigt und zündet sich die nächste Craven A an. Und in dem anhaltenden Schweigen höre ich Kick Kimura in mir, seine Warnung: Diesen maltesischen Englishman bloß nicht unterschätzen!
„Okay“, sage ich schliesslich. „Geht’s um Waffen? Ich hörte Sie unten in der Lobby Rheinmetall sagen.“
„Da haben Sie sich verhört. Ich sprach mit jemandem in Bayreuth wegen Karten für den nächsten Rheingold-Abend. Diese Wagner-Oper, Sie wissen schon … Was man dafür heutzutage hinblättert, unglaublich!“ Dann mit einem Lächeln: „Würde fast sogar ausschliessen, das es um Waffen geht.“
„Angenommen, Sie könnten den türkischen Kollegen tatsächlich Hinweise anbieten, brächte Sie das nicht in Schwierigkeiten? Würde man nicht unbedingt wissen wollen, woher –“
„Die Kollegen bekämen die Information natürlich anonym zugespielt.“
„Vielleicht als die zufällige Aufzeichnung einer Plauderei? Solch einer wie dieser hier zum Beispiel?“
Paulson zuckt die Achseln. „Sie haben also keine Ahnung.“
„Ich kam wegen Mek al-Möffi.“
„Heisst, Sie brauchen ziemlich dringend irgendwas.“
„Nur einen neuen Reisepass.“
„Um vom Fleck zu kommen, verstehe. Sie wollen weiter. Wie gesagt, die eine Option ist Batumi, die andere Odessa.“
„Al-Möffi.“
„Ach ja, der – al-Möffi Merikanski!“ Paulson kichert. „Der ist – tja, wo eigentlich? Man weiss es gar nicht. Aber zum Glück hängt ja der Service nicht von jemandem wie ihm ab.“
Was ist denn das für ein Spruch? Doch lass ich mir nicht anmerken, wie sehr befremdet ich bin; sage, während ich so tue, als würde ich ein Gähnen unterdrücken: „Nun gut, dann eben nicht“, und mache Anstalten mich zu erheben.
„Warten Sie doch mal, mein Guter!“ Mit lässigem Fingerspiel, klack-klack, weckt er den Schreibtisch-Rechner. „Mal sehen, was wir haben …“
Und jetzt die Show: Tief zurückgelehnt, behaglich ein Bein übers andere geschlagen, nippt er andächtig an seinem Scotch, während seine Linke mit der qualmenden Craven A gleichsam von allein über die Tasten huscht. Das ist zuviel, ich muss den Blick abwenden, um nicht laut aufzulachen. Doch fällt mir da nur noch mehr Zuviel ins Auge, nämlich auf einem gerahmtes Foto an der Wand: ein sehr männlich grinsender Tyrus Paulson beim handshake mit einem Typ, der dasselbe Grinsen zeigt, jedoch das Original, so wie es die ganze Welt kennt, denn das ist – ja, wirklich: Sean Connery! Ex-007.
Ich schliesse kurz die Augen und habe die Paulson-Akte wieder vor mir. Der ist da nicht nur aufgeführt als Kenner des SI; vielmehr war er jahrelang selbst im Service unterwegs, und zwar als Schiffsoffizier auf allen Meeren. Und gibt sich jetzt, als sei der Service of Intelligence quasi sein Laden … Interessante Entwicklung.
„Tja“, sagt er nun, „muss ja nicht unbedingt ein neuer Pass sein, oder? Wenn’s der alte doch auch noch tut.“ Ich blicke ihn daraufhin nur sehr fragend an. „Denn wie ich hier sehe, gibt’s unter den ausländischen Pässen, die heute im Laufe des Tages auf dem Schwarzmarkt angeboten wurden, auch einen deutschen auf den Namen Schell.“
„Passt gut, würde ich sagen. Können Sie ihn mir beschaffen?“
Er macht ein Pokerface. „Aber klar. Kommt nur darauf an, wo er für Sie bereitliegen soll. Ob Sie nach Batumi oder nach Odessa wollen.“
„Das ist der Deal? Was such ich in Batumi?“
„Was suchen Sie in Istanbul? Das ist doch nicht die Frage. Sie sind in service. Oder nicht? Und finden Sie den Orient nicht reizvoll? Batumi, die Stadt, nun ja. Aber von dahinten hätten Sie’s dann gar nicht mehr weit nach Georgien.“
„Soll das etwa eine spirituelle Tour werden, Mr. Paulson?“
„Ja was denn sonst!“ Dann mit einem nachsichtigen Lächeln: „Aber ist natürlich in Ordnung, dass Sie mir auf den Zahn fühlen. Herrscht ja neuerdings eine gewisse Verunsicherung in der Branche. Das sollte uns nicht weiter irritieren. Unser Mann am Zoll bekommt Beischeid. Wird Ihnen den Pass aushändigen und Sie zu dem Schiff nach Batumi bringen. Brenda, ein Tanker mit richtig guter Küche. Legt circa um Mitternacht ab.“
„Und falls ich mich für Odessa entscheide?“
„Dann heisst der Kahn Uzmir 9 und Sie bekommen’s mit Halsabschneidern zu tun; und wie ich hörte, ist die Bordküche regelrecht verseucht. Falls Sie also in Odessa ankommen, sind Sie jedenfalls auf medizinische Versorgung angewiesen.“
„Warum dann überhaupt diese Option?“
„Der Freiheit wegen. Um sich auch irren zu können. Ist ja nun mal – wie nannten Sie es so treffend? – eine spirituelle Tour.“
„So so. Sache ist nur die, Paulson: Ich glaub schon mal gar nicht an diesen Pass.“
„Ach, Schell, so sind Sie konditioniert? So sehr auf Misstrauen? Wer war denn wohl bisher Ihr Operator? Möchte wetten, Ladenheuser.“
„Sie kennen ihn?“
„Den alten Zausel, klar. So bravourös wie der die Technik-Folgenabschätzung ins Abseits manövriert hat, ist der doch weithin eine Berühmtheit. Das hat man davon, wenn man immer und in allem nur das Kriminelle sieht. Leider scheint sich Ihnen dieses krankhafte Misstrauen auch schon tief eingefleischt zu haben. Wo jemand Rheingold sagt, hören Sie gleich Rheinmetall. Tun Sie was dagegen, rate ich Ihnen. Im übrigen glaube ich, dass wir zwei uns schon mal irgendwo begegnet sind; wenn nicht des öfteren sogar. Kann das sein?“ Dabei hat er eine Schublade geöffnet und hält mir nun, was er da hervorgeholt hat, aufgeklappt vor Augen; nur kurz, doch lang genug, um zu erkennen, dass dieser Reisepass zweifelsfrei meiner ist.
„Sehr vorausschauend, Paulson“, sage ich, „Chapeau!“ und strecke die Hand aus. Doch er behält ihn; fängt an, im Schreibtisch herumzusuchen.
„Sie bekommen den Pass von unserm Mann beim Zoll, und der bekommt von Ihnen viertausend Euro.“
„Soviel kostet ein gefälschter!“
„Ich weiss. Auch hier müssen die Leute von irgendwas leben.“ Jetzt hat er das Gesuchte gefunden, einen Briefumschlag; schiebt da den Reisepass hinein und zückt sein Gerät. Tippt aufs Display, wartet, sagt dann: „Gibt hier was abzuholen“ und steckt das Gerät wieder ein. „Nun, Mr. Schell, Ihre Entscheidung: Buchen wir Sie auf die Brenda nach Batumi?“
Da ich noch schweige, nickt er, „Gute Wahl“, und zündet sich die nächste Craven A an. „Die Viertausend haben Sie passend, hoffe ich?“
Ich nicke. „Nur dass ich nicht die Brenda nehme, sondern das Schiff nach Odessa.“
„Die Uzmir 9, okay. Wie Sie wünschen. Dieselbe Prozedur: unser Mann bringt Sie an Bord, Sie zahlen, dann kriegen Sie Ihren Pass. Der Zoll ist hier ein ziemlich großer Laden. Um von unsern Leuten da den Richtigen zu finden –“ er kritzelt kurz auf einen Zettel, reicht ihn mir – „rufen Sie diese Nummer an und fragen nach Cranston Lamont.“
„Toller Deckname.“
Paulson lächelt müde. „Sind die alten Filme nicht immer die besten? Nicht weil sie alt sind, meine ich.“
Ich deute dazu nur ein Achselzucken an. Mir reicht’s; habe jetzt hier lange genug den Schwachkopf gespielt. „Danke für den Whisky.“
„Aber Sie haben ja kaum davon probiert!“
„Nichts für ungut, Sir.“ Ich greife nach meinem Rucksäckchen und erhebe mich.
Paulson, jetzt wieder tief zurückgelehnt, geniesserisch die Nase über seinem tumbler, legt wie in milder Betrachtung den Kopf ein wenig schräg. „Wissen Sie eigentlich, Schell, woran es Ihnen ganz erheblich mangelt? An Demut.“
Ich nicke. „Da mein Operator – besagter Ladenheuser – auch dieser Meinung ist, muss da wohl was dran sein. Leben Sie wohl, Paulson.“

I.9

Das Vergessen

Was ich nach meinem Schläfchen vor allem verspüre, ist Ernüchterung. Das chaotische Büro kommt mir nun restlos entzaubert vor. Ich schaue trotzdem unterm Sofa nach, ob ich da die alte Tippa finde, so wie ich’s geträumt habe. Nein, nur leere Pappschachteln. Und weder finde ich am Schreibtisch die Schublade mit Dantes Divina Commedia, noch auf der Fensterbank jene Steinschale mit dem Zigarrenrest.
Dann schreite ich zur Tat: besuche eines der benachbarten Büros und frage freundlich, ob man für ein paar Tage den Papierschredder entbehren könne. Nein, kann man leider nicht. Und im nächsten Büro auch nicht. Und so weiter. Sämtliche Schredder in der Nachbarschaft scheinen in ständigem Gebrauch zu sein, und bevor ich ein sechstes Mal abgewiesen werde, kehre ich in mein Büro zurück, frustriert. Andererseits: Das alles zu schreddern würde sowieso Wochen dauern, und habe ich noch soviel Zeit? Da fällt mir der Golem ein. So nennen wir den Chef der Hausmeisterei; und soviel ich weiss, betreibt der irgendwo im Keller des Regierungspalastes Aktenvernichtung in großem Stil. Doch da unten nach ihm zu suchen, dazu bin ich jetzt nicht aufgelegt; dafür ist auch morgen noch Zeit. Wie üblich nach einer so langen Siesta, kommt mir alles ein wenig sinnlos vor, insbesondere meine Arbeit, und also lasse ich Vernunft walten und mache hier Schluss für heute.
Der Nachmittag geht gerade in den Abend über und normalerweise liebe ich diese Stunde. Jetzt aber verändert das kein bisschen meine miese Stimmung. Ich bin schon auf dem Weg zu Dima, da halte ich inne. Sie wird mich fragen, was los ist, und was sage ich dann?
Die nächste Bar, denke ich mir, ist jetzt die beste … Mann, Mann, so schlechter Laune war ich schon lange nicht mehr.
Ich setze mich also an den nächstbesten Tresen und bestelle Rum.
Es sind bloß Dämonen, Geistgespinste; viele zwar, aber nur kleine; und sehr hungrig sind sie allesamt, wollen zur Kenntnis genommen werden. Im Allgemeinen merken Dämonen ja sehr wohl, ob man sie ernst nimmt oder nicht, und ob die Höflichkeit, mit der man sie behandelt, aufrichtig ist. Ironie, Doppelsinn, derlei kommt gar nicht gut bei ihnen an. Irgend etwas scheint sie heute ganz besonders anzulocken, und definitiv möchte ich nicht wissen, was; und da ich weiss, sie würden antworten, wenn ich sie fragte, frage ich also nicht. Es wird vorbeigehen, und nachher bei Dima wird schon alles wieder gut …
Dima ist für mich das Herzstück von Babaal. Sie zu kennen und ihrem Freundeskreis anzugehören, sie sogar jederzeit besuchen zu dürfen, empfinde ich als ein besonderes Privileg. Wie es mir zuteil wurde, weiss ich nicht; nur dass ich mir das durch keine Leistung irgendwie verdient habe, da bin ich mir sicher. Denn in ihrem häuslichen Kreis habe ich bisher nur lauter ungewöhnlich entspannte, großzügige, unkomplizierte Menschen kennengelernt, Menschen, neben denen ich mir selbst immer sehr uninteressant, alltäglich, ja irgendwie verkrampft vorkomme.

Wenn ich heute im Rückblick diese meine letzten Tage und Nächte in Babaal bedenke, wird mir klar, dass ich an diesem Abend, als mir nichts besseres einfiel als das Dümmste: mich zu betrinken, damit begann, mich von mir selbst zu distanzieren.
Noch war ich mir dessen nicht voll bewusst, doch das Gefühl, die Stimmung war schon da: Ich hatte genug von mir. Das Etikett Schell wollte nicht mehr so recht haften; als begänne es sich an den Rändern abzulösen von seinem Gegenstand. Und die innere Stimme warnte mich: Bloß nicht Bilanz ziehen in diesem Zustand! Doch da war das zweite Glas schon fast leer – ich trank den Rum straight – und mich den Tatsachen zu stellen, genau dazu war ich aufgelegt. Denn in dieser Phase des Trinkens kam ich mir immer besonders nüchtern vor, ja mir selbst sogar überlegen, da ich die Anzeichen der Trunkenheit noch klar bemerkte und somit überzeugt war, meine Illusionen zu durchschauen; während ich das Illusionäre dieser Überzeugung schon nicht mehr bemerkte.
Das Chaos im Büro, die Lähmung, die es bewirkte, war sicher kein unbedeutender Faktor. Doch erklärte es, warum ich die düstere Stimmung an diesem Abend nicht abzuschütteln vermochte? Nein. Das Chaos war nur ein lästiger Nebeneffekt. Was mich wirklich verdross, hatte wohl eher mit dem ganzen Regierungsgeschäft zu tun. Darin mitzumischen verursachte mir inzwischen einen solchen Widerwillen, dass mir schon rätselhaft wurde, wie ich mich je darauf hatte einlassen können. Scheint ein Missverständnis gewesen zu sein. Habe den gewissen Punkt nicht bemerkt, an dem das Flyshwerk autonom wurde, den Punkt, ab dem es automatisch auf alles übergriff, auch auf die politische Sphäre, und zwar so selbstverständlich, dass ich lange davon gar nichts mitbekam. Und als mir endlich aufging, dass aus den Prinzipien der Real-Technik unversehens eine Art globale Staatsdoktrin geworden war, und ich also feststellte: Hey, du arbeitest für die Regierung!, da war’s für mich schon regelrecht Routine. Habe ich mich also darauf eingelassen? Nicht jedenfalls im Sinne einer bewussten, das heisst freien Entscheidung.
Was das Flyshwerk real-technisch hervorbrachte, hatte mit der Idee der Real-Technik, so wie ich sie verstand, nicht das geringste zu tun – oder doch, hatte es, insofern sich nämlich aus den Flyshwerk-Produkten das reinste Gegenbild zu jener Idee ergab: Nicht echte Verwirklichung, sondern nur perfekte Simulation; an Stelle schöpferischer Freiheit nur raffinierter Illusionismus; wie etwa das, was so manche religiöse Institution mit ihrem spirituellen Inhalt anstellt.
Jeder Idealist kommt ja unweigerlich an den Punkt, wo er feststellen muss, wie wenig von seinem Ideal sich unter den real gegebenen Umständen verwirklichen lässt. Dann kann er meinen, das läge an dem Ideal, es sei vielleicht das verkehrte, oder sein Idealismus sei naiv. Oder aber er beginnt an diesem Punkt das Ideal als ein Modell zu seiner Orientierung zu begreifen, oder als inneren Kompass, der stets aufs Wesentliche, Sinnvolle, Richtige weist. Dann gibt es für ihn keinen Grund, sein Ideal zu verwerfen; dann sieht er es wie alles Ideale, nämlich als die unsichtbare andere Seite des Realen und ganz logisch also diesem zugehörig.
Für diese letztere Anschauung hatte ich mich an besagtem Punkt entschieden, und die Konsequenz daraus war die gewesen, dass ich mich dazumal nach Andria verzog, das heisst auswanderte, um mich dem Flyshwerk zu entziehen. Hier auf diesem fernen Aussenposten, so dachte ich, könnte sich am ehesten die Möglichkeit ergeben, aus dem Flyshwerk schliesslich ganz herauszukommen, eine Passage zu finden, den Absprung irgendwie zu schaffen.
An diesem Abend dachte ich anders: Von wegen Absprung – welch Illusion! Und von wegen Passage hinaus – wohin denn? Kann mir höchstens so etwas erfinden, erträumen, erblödeln.
Ich neigte nun, so düster gestimmt, vielmehr der entgegengesetzten, der pessimistischen Anschauung zu: dass ich mit meinem Ideal in puncto Real-Technik nur einfach elendig naiv war. Statt herauszukommen aus dem Flyshwerksystem, war ich hier nur noch tiefer hineingeraten, ja musste feststellen, dass dieses scheinbar so abgelegene Babaal nun sogar zum geheimen Zentrum des Flyshwerks geworden war!
Inzwischen war es dunkel draussen. Ich wechselte die Bar. Wie die vorige war auch diese hell erleuchtet, elektrisch, und mir fiel auf, dass es den ganzen Abend noch keinen Stromausfall gegeben hatte. Ich bestellte etwas zu essen und trank weiter Rum. Nimm dich nicht so wichtig, sagte ich mir, bist doch nur ein winziges Rädchen im Regierungs- beziehungsweise Flyshwerkgetriebe, und verantwortlich wärest du höchstens, wenn du einen gewissen Einfluss aufs Ganze hättest – den hast du aber nicht!
Was leider jedoch eine Ausrede war. Denn da dieses spezielle Getriebe ja gar nicht dem leblosen Bereich des Maschinellen angehört, vielmehr dem Reich des Lebendigen, und da im Lebendigen ja nun mal jeder Teil fürs Ganze steht, spielte es durchaus eine Rolle, ob und wie ich mich daran beteiligte. Und dieses Wie begann mir gerade klar zu werden: Ich spielte. War so lange schon ins Spielen vertieft, dass ich es vergessen hatte. Und nur durch das Vergessen funktionierte überhaupt das Spiel. Darin bestand es im Grunde: das, was ich eigentlich wusste, immer wieder zu vergessen, um mich immer wieder daran zu erinnern.
Doch das sage ich heute, rückblickend. An jenem Abend, benebelt vom Rum, war mir nicht klar, dass ich vom Flyshwerk und dem stupiden Regierungsgeschäft nicht loskommen würde, solange dieses Spiel des Vergessens lief; und die Unklarheit darüber ergab eben diese unselige, nicht abzuschüttelnde Stimmung, ein Gemisch aus Besorgnis, Selbstmitleid, wütigem Trotz und Resignation. War auch ein Bedauern darin? Nur höchstens ein bisschen; und von Reue noch gar nichts.

Ich rechne damit, dass jeden Moment der Strom ausfällt. Doch auch in der nächsten Bar bleibt es hell. Da ich nun schon so betrunken bin, dass ich mich bei Dima nicht mehr blicken lassen kann, trinke ich einfach weiter. Und so ununterbrochen beleuchtet, ist es ja auch eine besondere Nacht, sage ich mir. Leider aber zieht von Bar zu Bar meine üble Stimmung mit, und klebt immernoch an mir, als ich mich gegen Mitternacht die Treppen zu meinem Apartment hinaufschaffe, und das nicht wie üblich im Finstern, sondern – noch unwirklich irgendwie – bei elektrischem Licht.

Immer wieder staune ich, dass ein Besäufnis mit dem hiesigen Rum gar keine Kopfschmerzen zur Folge hat; dass ich sogar am nächsten Morgen mich frisch und munter fühle, geradezu inspiriert und voller Tatendrang, und so auch heute: Kaum erwacht, bin ich gleich so sehr von dem, wie’s weitergeht, in Anspruch genommen, dass ich schon zum Regierungspalast unterwegs bin, als mir einfällt, was ich seit Tagen schon und auch an diesem Morgen wieder vergessen habe, nämlich zu duschen, mich zu rasieren und frisch einzukleiden. Wenigstens die Zähne hätte ich mir putzen sollen! Doch bin ich da schon so in Schwung, dass ich mir sage, ach, es geht auch nochmal so. – Wirklich? Ich stocke. Wozu die Eile? Kehr um. Bring dich in Form. Was eigentlich ist wichtig? Das Chaos, das mich im Büro erwartet? Nun ja, es muss beseitigt werden. Und wichtig auch, mich dem jungen Lemm zu widmen. Falls der hier mein Nachfolger werden soll. Was noch? Da war doch etwas viel wichtigeres …
Ich kehre zwar nicht um, zwinge mich aber immerhin, in der nächsten Cafe-Bar wenigstens ein minimales Frühstück einzunehmen. Da fällt mir Paley ein: Ach ja, der will doch, dass ich Brains aufstöbere … Und so kommt mir Bangor wieder in den Sinn, und damit Bangot, und damit Flyrie, der dort in der Falle sitzt. Wie ich zumindest vermute. Man muss ihm helfen. Das ist das Wichtige. Ich könnte mich täuschen, klar, doch ist ganz eindeutig, was mir der Instinkt sagt: Zurück nach Bangot, um Flyrie beizustehen! Nur so geht’s weiter.
Auch das jedoch ist nicht das Wichtigste. Am wichtigsten ist das, was ich am tiefsten vergessen habe. Wie aber soll ich mich an das Vergessenste erinnern?
Löse dich, hör ich darauf nur. – Soll heissen? Doch ich weiss es ja schon: Zieh das Etikett, den aufgeklebten Schell, weiter und immer weiter und weiter von dir ab.
Das tut aber weh! Dazu müsste ich Held sein.

B.8

Frau Doktor

Da jener strenge Imperator ja nun seit längerem schon nichts mehr sagte, das heisst seine Autorität im Innern Schells offenbar aufgegeben hatte, und ihn jetzt also niemand mehr an die Tugenden des weisen Lebens gemahnte, ging Schell gelegentlich wieder, wie neulich schon erwähnt, Frau Doktor besuchen.
Als er sich dazu entschloss, nach einigen Bedenken, hatte er zunächst so oft vergeblich bei ihr angerufen, dass er schon dachte, sie sei gar nicht mehr tätig als Frau Doktor. Wobei ihm gar nicht in den Sinn gekommen war, die gleiche Dienstleistung eventuell bei einer anderen zu suchen. Es musste, wenn schon, dann diese Frau Doktor sein.
Endlich kam ein Telefonat zustande; er sagte: „Samsa hier. Erinnern Sie sich?“ Sie erinnerte sich nicht. „Gregor Samsa“, wiederholte er. „Ist noch nicht so lange her.“ „Tja, hm, Samsa … Beim besten Willen, nein.“
Das traf. Er rang um Fassung. War das möglich? Dass seine Selbstoffenbarung für sie eine solche Lappalie gewesen – – oder hatte er sie unterschätzt? Vielleicht berechnete sie, wie sehr das sein Ego ankratzte; wie nichtig, wie billig, wie verachtet er sich dadurch fühlen musste, von ihr einfach vergessen worden zu sein.
Genau das erfüllte seine Sehnsucht nach Bestrafung. Er war begeistert. Dass Heilung einen solchen Weg nehmen würde, hätte er sich nicht vorstellen können.
Als er bei ihr eintrat, erkannte sie ihn dann doch wieder: „Ach ja, der angebliche Taxifahrer. Immernoch auf dem Kafka-Trip?“

Es war Ingrun, der er diese Geschichte mit Frau Doktor zu verdanken hatte. Als damals für sie feststand, er sei psychisch angeschlagen und bräuchte unbedingt professionelle Hilfe, liess sie solange nicht nach, ihn diesbezüglich zu bearbeiten, bis er seinen Widerstand endlich aufgab. Der Psychologe, den er aufsuchte, brauchte kaum zwanzig Minuten, um festzustellen, er sei bei einer Kollegin besser aufgehoben. Auf Schells Frage, warum, war die Antwort nur ein leeres Lächeln; der Mann war sichtlich völlig überlastet. Dann die Psychotherapeutin: auch sie hatte offenbar mehr Arbeit als genug. Nach der zweiten Sitzung befand sie, dass sie durch das, was therapeutisch nötig wäre, um ihm effektiv zu helfen, ihre Lizenz aufs Spiel setzen würde. Worauf er große Augen machte; denn ein Missverständnis war hier ganz ausgeschlossen: sie spielte mit diesem Hinweis klar auf seine Sexualität an. „Soll nicht heissen, dass ich Sie abwimmeln möchte. Sicher könnten wir sehr interessante Gespräche führen, nur brächte Sie das nicht weiter.“ Worauf er sich für ihre Aufrichtigkeit bedankte, doch auch wissen wollte: „Und nun?“ Da sagte sie, er könne es ja mal mit „Frau Doktor“ versuchen und schrieb ihm eine Telefonnummer auf.
Zu diesem Zeitpunkt hätte er den therapeutischen Weg einfach abbrechen können, denn mit Ingrun, deretwillen er ihn eingeschlagen hatte, war es da gerade zum endgültigen Bruch gekommen. Doch inzwischen hatte er das Gefühl, dass er tatsächlich professioneller Hilfe bedurfte.

An ihrer Haustürklingel stand Maya Maier. „Frau Doktor“ war quasi ihr Künstlername. Die Wohnung im obersten Stock eines Altbaus war nichtssagend, und obwohl das Zimmer, in dem sie ihn vor einem Schreibtisch Platz zu nehmen hiess, offensichtlich wie eine typische Arztpraxis wirken sollte, war doch auf Anhieb klar, dass hier nicht Schulmedizin praktiziert wurde. Sehr gut erinnerte er sich noch an diesen ersten Termin. „Was haben Sie mir zu bieten?“, hatte sie ihn gefragt. Worauf ihm nichts besseres als „Mein Geld“ eingefallen war.
Die Haltung, in der sie ihm schon damals begegnete: streng, abweisend und genervt, hatte sich nie geändert, höchstens dass sie sich mit der Zeit intensivierte.
„Ich bin an Sie, äh, überwiesen worden sozusagen. Aus der Psycho-Ecke.“
„Bringen Sie eine Diagnose mit? Irgendeinen pathologischen Befund?“
Er schaute sie nur groß an.
„Sehen Sie, ich komme da ins Spiel, wo einer soweit von der Bahn abgekommen ist, dass Psychotherapie nichts mehr bringt. Sind Sie zum Beispiel so etwas wie der Weltherrscher?“
„Der Weltherrscher? Aber ganz im Gegenteil! Ich bin eher der Käfer, oder genauer: die Schabe, die Kakerlake. Ich heisse quasi Gregor Samsa. Sicher kennen Sie diese berühmte Geschichte von Kafka.“
Die Verwandlung. Alles klar, Herr Samsa. Derselbe Komplex, Omnipotenz, nur die andere Seite: Impotenz. Nehmen wir das erstmal als Diagnose.“
„Das geht ja richtig schnell bei Ihnen!“
„Klar, kostet ja was. Oder spielen die Kosten für Sie keine Rolle? Dann könnten wir uns Zeit lassen. Was machen Sie beruflich?“
„Bin Taxifahrer.“
Eine ihrer Augenbrauen zuckte in die Höhe. „Glaube ich nicht. Aber egal. Auch Lügen sind für die Anamnese sehr informativ.“
„Ist aber keine Lüge.“
„Dann eben eine Halbwahrheit, noch schlimmer. Haben Sie ein Hobby?“
„Wenn ich jetzt sage: Schreiben –“
„Dann ist das die zweite Halbwahrheit. Denn garantiert ist Ihnen das Schreiben wichtiger als der Taxi-Job. Verplempern wir nicht Ihre Zeit, Herr Samsa. Konzentrieren wir uns auf die Wahrheit. Und damit wir uns nicht missverstehen: Ich bestrafe. Das heisst, es geht nicht lustig zu bei mir.“
Sie führte ihn ins Zimmer nebenan, und hier sah es so aus, wie man es sich bei einer Domina vorstellt. Ersparen wir uns Einzelheiten; der Gesamteindruck löste bei Schell jedenfalls den Impuls aus, sich umgehend zurückzuziehen.
„Der Strafraum?“, versuchte er zu scherzen.
„Wie gesagt, es geht nicht lustig zu bei mir; nicht geil, könnte ich auch sagen. Ziehen Sie sich aus, Samsa, und zwar ganz. Was jetzt kommt, nenne ich peinliche Befragung.“
So fand er sich auf den Knien wieder, splitternackt, die Augen verbunden, mit nach den Seiten ausgebreiteten Armen an ein Gerüst gekettet, und dachte nur: Unglaublich! Und jede Menge Schweiss rann ihm kalt an den Flanken herunter.
„Fühlen Sie sich wohl?“
„Nein! Nehmen Sie mir wenigstens diese Augenbinde wieder ab!“
„Erst wenn Sie in Panik geraten. Zuvor aber machen Sie sich bitte klar, dass Sie sich freiwillig in diese Situation begeben haben. Also nochmal: Fühlen Sie sich wohl?“
„Kein bisschen!“
„Warum ist dann Ihr Penis bis zum Geht-nicht-mehr erigiert?“
„Weiss ich nicht!“
„Das aber will ich von Ihnen wissen. Oder anders gefragt: Warum sind Sie hier?“
„Meine Ex, die hat mir das letztlich eingebrockt, die wollte unbedingt, dass ich in Therapie –“
„Ex? Seit wann Ex?“
„Seit sie mich neulich rausgeschmissen hat. Wir sind jetzt endgültig – fertig miteinander. Falls Sie mich fragen, ob ich froh darüber bin – nein.“ Plötzlich war ihm klar: ja, er wollte Bestrafung, und er war gerade dabei, sie sich zu verdienen; und hatte gar keine Skrupel, sich dazu diese Trennungsgeschichte zunutze zu machen. Das fände Ingrun sicherlich verzeihlich, dachte er. „Es hätte nämlich“, fuhr er fort, „gut laufen können mit uns, wenn ich nur etwas mehr – oder weniger – ach, egal, habe da jedenfalls noch Gewissensbisse irgendwie –“
„Und so weiter und so fort. Dass Ihnen diese Trennung tatsächlich zu schaffen macht, mag sein, nur bin ich nicht für das Kurieren von Gewissensbissen zuständig; ich kann Ihnen höchstens Gründe für neue Gewissensbisse verschaffen.“
Jetzt rechnete er mit Aktion; damit, dass sie zuschlug oder so etwas, und lauschte angestrengt. Doch sie sprach ruhig und kühl einfach weiter: „Wenn ich richtig verstanden habe, sind Sie an mich gekommen, weil die Frau, die Sie diskriminierenderweise meine Ex nennen, Therapie für Sie wollte. Womit sie hier genau diese Bedeutung hat, und basta. Ende dieser Alibi-Geschichte – und übrigens auch dieser heutigen Sitzung.“
Als er wenig später, wieder angezogen, aus dem „Strafraum“ ins „Sprechzimmer“ trat – Frau Doktor saß am Schreibtisch und machte sich Notizen – wusste sie offenbar, dass er auf jeden Fall einen nächsten Termin wollen würde, und sagte nur: „Nächste Woche, selber Tag, selbe Uhrzeit. Bezahlung auch künftig immer cash und vorab.“

Die darauffolgende Nacht war unruhig, ja nahezu schlaflos gewesen. Die Diagnose Impotenz hatte ihm zu schaffen gemacht. Warum hatte er davon selber noch nichts bemerkt? Da musste ihn erst diese völlig Fremde unter die Lupe nehmen, eine Domina. Und wie verblüffend, dass sie ihn gar nicht mit der Peitsche oder mit sonst etwas traktiert hatte; das taten doch wohl Dominas normalerweise. Und noch viel verblüffender, wie gut er sich danach gefühlt hatte, nämlich regelrecht wie ausgeputzt.
Impotenz ist Chiffre, klar. Doch was chiffriert sie?, fragte er sich. Was zwingt sie mich zu dechiffrieren? Ein Unvermögen, klar, doch welches Unvermögen? Und warum will ich Bestrafung?
Denn er wollte bestraft werden, soviel war klar; wenn es auch nicht gerade die Peitsche war, die er wollte.
Beim nächsten Mal hatte er gleich gefragt: „Wenn ich nach Bestrafung verlange, ist es denn dann wirklich Bestrafung? Wenn ich doch sogar Geld dafür bezahle?“
„Das ist zwar rational, aber auf falsche Weise rational gedacht. Wenn irgendwas der Vernunft folgt, dann das Emotionale; nur dass das unser pseudo-rationaler Tagesverstand, weil er’s nicht versteht, irrational findet. Und jetzt: ausziehen und auf die Knie!“
Nur ausnahmsweise ging das so schnell. Für gewöhnlich musste er sich den Akt hinten im Strafraum erst vorne im Sprechzimmer mühsam verdienen.
Wenn es gut lief, erreichte er schnell mit dem, was er vorne beichtete, dass er anschliessend im Strafraum nackt, gefesselt und blind vor dieser mysteriösen Frau Doktor kniete und alles aussagen musste, durfte, was ihn beschämte; auch sehr Beschämendes, und zwar soviel davon, bis keinerlei sexuelle Erregtheit mehr an ihm festzustellen war.
Doch oft dauerte es lang, bis die Beichte genügend Anlass zur Bestrafung bot, und manchmal schaffte er es gar nicht, dann musste er leider unbestraft abziehen oder besser: wirklich bestraft; unbefriedigt, und natürlich sauer, wenn nicht sogar wütend.
Die ersten Male hatte er sich auf die Darstellung seiner seelischen Not vorzubereiten versucht. Doch da vor lauter Aufregung ihm nie, wenn es dann losging, noch irgend etwas davon einfiel, hatte er das bald aufgegeben.
Um einiges länger brauchte er dazu, die Augenbinde zu akzeptieren. Immer wieder bat er Frau Doktor, sie ihm endlich abzunehmen, mit dem schwachen Argument zum Beispiel: „Ich will sehen, was Sie machen.“
„Sie stellen sich doch irgend etwas vor. Und darum geht’s hier, um Ihre Illusionen.“
„Aber womöglich zeichnen Sie auf, filmen mich …“
„Sie meinen, weil das so wahnsinnig interessant ist, was sie in nacktem Zustand erzählen? Da kann ich Sie beruhigen: was Sie ach so beschämend finden, ist der reinste Witz. Aber natürlich haben Sie Angst, mir durch das, was ich vielleicht aufzeichne, ausgeliefert zu sein – nur wollen Sie sich mir doch ausliefern!“
Ja. Ja! Ja!! – „Ehrlich gesagt –“
„Befürchten Sie, ich könnte Sie damit erpressen.“
Er musste erst abwarten, bis sich sein Herzrasen soweit beruhigt hatte, dass er wieder sprechen konnte. „Das stimmt, das befürchte ich.“ Und als seine Gedanken aufhörten, sich zu überschlagen: „Andererseits, Sie müssen wissen – irgendwie ist mein gesamtes Bewusstsein sowieso eine Art Experiment unter automatischer Dauerbeobachtung. Ich studiere meine Anpassung an die Überwachungskultur. Die sozusagen neurotechnische Perspektive.“
„Aha, da kommen wir der Sache endlich näher.“
„Sie meinen: der Entschlüsselung?“
„Von mir aus. Ist es das, was Sie hier erwarten? Entschlüsselt zu werden?“
„Auch. Aber eigentlich erwarte ich Heilung, wenn ich ehrlich bin.“
„Wenn, ja, wenn Sie ehrlich sind. Heilung davon? Von der Lüge? Oder wovon? Das wär’s ja schon, was Heilung hiesse: das herauszufinden.“
„Nun ja, davon zum Beispiel, mein Heil zu suchen mittels einer Dienstleistung wie der Ihren. Denn ist das nicht echt verkorkst? Nicht sogar richtig pervers? Denn heisst das nicht, Heilung zu spielen? So als sei deren Notwendigkeit nur fiktiv, die Not eigentlich nur eingebildet.“
„Ach, ist sie das gar nicht? Das ist nun wirklich ein hoher Grad an Leichtfertigkeit; sodass ich mich fragen muss: Ist das dummdreiste Abgebrühtheit oder wahre Naivität?“ Sie hielt inne. „Unschuld gar? Das ist die Frage, Samsa. Vielleicht sind Sie ja unschuldig. Das würde erklären, warum hier nichts läuft.“
Nichts läuft? Die hat Nerven. Damit will sie mich anstacheln. Dass ich preisgebe, was noch gar nicht – was ich mir erst ausdenken müsste! Weil sie nämlich ihre Dienstleistung tatsächlich zur Erpressung benutzt! Worauf habe ich mich eingelassen? Wenn sie mich als psychisch instabil einstuft, als paranoid, und dabei auch noch als sittlich enthemmt, und Beweise dafür hat – dann bin ich richtig in Gefahr.
Etwas berührte seine linke Brustwarze. Eine Fingerspitze? Dann ihre Stimme aus nächster Nähe: „Wünschen Sie, dass ich mich ausziehe?“ „Ja.“ Es waren zweifellos ihre Fingerspitzen, die jetzt leicht an seiner Brustwarze zogen. „Und Sie liebkose? Wünschen Sie das?“ Sie zog fester. „Äh. Ja!“ Und noch fester, sodass es zu schmerzen begann. „Was sehe ich denn da, Samsa? Das wird ja jetzt fürchterlich hart da unten!“ „Nun ja, Frau Doktor …“ Sie zwirbelte nun seine Brustwarze so fest, dass er die Luft anhielt; die Zähne zusammenbeissen musste, um nicht zu ächzen. „Ich darf mich ausziehen und Sie liebkosen?“ Er machte „Ufff“ und brachte ein „Ja“ hervor. „Dass ich das nicht tue, muss Ihnen Strafe genug sein für heute.“ Sie liess los; nahm ihm die Augenbinde ab, entkettete seine Handgelenke und sagte mit einem kalten Blick auf ihn herab: „Sie haben noch fünf Minuten hier, und mehr brauchen Sie bestimmt nicht.“ Als er sie darauf ratlos anblickte, gab sie mit dem Fuß der Schachtel Papiertücher, die da am Boden lag, einen kleinen Schubs in seine Richtung, dann ging sie hinaus.
Hatte er sich jemals so gedemütigt gefühlt? Sein Herz kam ihm vor wie auf etwa Walnussgröße zusammengezogen.

An ihrem Äusseren war nicht viel, was dem Klischee der Domina entsprach. Eine kleine, schlanke, eher unscheinbare Person, an der alles nur Nüchternheit signalisierte: kein Make-up; das dunkelblonde Haar in simplem Pagenschnitt; die stets weisse Bluse hochgeschlossen; die eng tailliert geschnittenen Hosenanzüge in entweder Grau- oder Blautönen. Was ihr dabei jedoch die dominante Ausstrahlung verlieh, sowie den Eindruck aussergewöhnlicher Beherrschtheit erweckte, war ihr gleichbleibend kühler unberührter Blick und ihre raue Stimme, die sie recht leise, aber sehr akzentuiert, sehr bewusst gebrauchte.
Eine Maske, zweifellos; die allerdings perfekt saß. So oft er auch darin forschte, ob es nicht mal ein Anzeichen dafür gab, dass es sie vielleicht anstrengte, diese Maske aufrechtzuerhalten, nie wurde er fündig.
So wie sie am Anfang ihm die Trennung von Ingrun als bloßes Alibi entlarvt hatte, so zeigte sie ihm nach und nach, dass überhaupt alle Gründe, die ihm bisher eingefallen waren, um sich ihre „Bestrafung“ zu verdienen, nur Alibis waren. Sodass er zunächst dachte, dass es wohl im Grunde nur um etwas sexuelles ging. Bis ihm dann irgendwann aufging, dass das Sexuelle insgesamt ein vorgeschobenes Thema war. Dahinter verbarg sich – Reue. Eine Reue, die er in den letzten Jahren immer stärker empfand, und zwar bezüglich jener alten Mayer-Tong-Sache. Das war etwas, das er schon lange wusste, aber nicht hatte wissen wollen: nämlich dass er systematisch seine Vorstellungskraft missbraucht hatte.

Dazumal, in den 1990ern, als das Internet noch nicht annähernd die heutige Ausdehnung gehabt hatte, war er eines Nachts wie zufällig auf dieses Angebot im Netz gestoßen:
Du schreibst literarische Texte und möchtest davon leben? Und es kommt dir nicht darauf an, Bücher zu veröffentlichen? Dann werde Teil eines Autoren-Kollektivs, das unter dem Namen Mayer-Tong das Internet in einen Roman verwandelt.
Wie bitte? Das Internet in einen Roman verwandelt? Welch grandiose Idee! Und nicht nur, dass er dieses Angebot verlockend fand, vielmehr schien es wie geradezu gemacht für ihn; sodass er keine Sekunde gezögert hatte.
Die eine Bedingung war diese: Du bleibst anonym und überlässt deinen Output komplett dem Mayer-Tong-Kollektiv zur freien Verfügung.
Die zweite Bedingung: Für die Kommunikation mit anderen Autorinnen und Autoren des MTK benutzt du ausschliesslich das interne MTK-Forum.
Die dritte und letzte Bedingung betraf das Mindestvolumen des monatlichen Output; eine akzeptable, ja locker zu bewältigende Menge, wie er fand.
Um die Summe zu errechnen, die dir das MTK für deinen finanziellen Bedarf pro Monat zukommen lassen wird, beantworte hier wahrheitsgemäß die folgenden Fragen zu deiner wirtschaftlichen Situation
Und er hatte sofort die Antworten geschrieben, wahrheitsgemäß.
Wähle ein Alias und klicke Anmeldung. Der Code, den du erhältst, gewährt dir Zugang zum MTK. Das Alias bleibt dein Passwort für das Forum.
Er hatte „Dubman“ gewählt und sich angemeldet; dann erschrocken in die Luft geglotzt – und jetzt? Was jetzt eigentlich schreiben? Was nun liefern? Ständig, jeden Monat, ab jetzt? Und was, wenn ich nicht liefere?
Doch zu spät, da kam schon der Code, mit der Zeile:
MTK Mission Control heisst den neuen Mayer-Tong herzlich willkommen!

War das Arbeit gewesen? Eher war es ihm wie ein Spiel vorgekommen: Du hast die Freiheit, was fängst du damit an? Vermassel ihn dir nicht, diesen Idealzustand!
Den Druck, der da entstand, hätte er sich nie vorstellen können. Ist das womöglich ein Psycho-Experiment?, hatte er sich gefragt. Bin ich hier das Versuchskaninchen? Egal, du weisst es nicht. Spiel einfach. Schreib irgendwas. Und was war näherliegend, als den Schriftsteller zu spielen? Immerhin hatte er schon einiges geschrieben, ja werkelte bereits an so etwas wie einem Roman herum. Nun aber lief da nichts mehr. So oft er sich Schreib irgendwas! befahl, so oft überkam ihn vor dem leeren Bildschirm einfach Lähmung.
Wie seine Schriftsteller-Karriere mit einer Schreibblockade beginnen? Und es ergab sich ihm die Antwort: Genau das ist der Anfang einer wunderbaren Komödie. Jetzt brauchst du nur noch dafür zu sorgen, dass sie turbulent wird. Und warum dazu nicht auf bewährte Klischees zurückgreifen? Er kaufte sich eine mechanische Reiseschreibmaschine, wechselte ständig den Ort, liess sich von entspannenden Substanzen helfen, in komödiantische Stimmung zu kommen, und lebte sich in eine Doppelrolle ein: war einerseits der Konstrukteur einer sinistren Weltverschwörung und andererseits sein Agent, als der er fortwährend das Bösgewollte heimlich ins Gute umzubiegen suchte. Und mit der Zeit, natürlich, wurde das Experiment zur Normalität, das Fischen im Trüben zur Gewohnheit, die Schreibblockade zum Pro-forma-Problem und das Ganze insgesamt für ihn zu einem großen Spaß.
Immer aber war etwas daran ihm fragwürdig geblieben, unheimlich, etwas, das in gewissen dunklen Stunden das Ganze verkehrt erscheinen liess, insbesonders wenn ihm nichts einfiel, wenn vor lauter Du musst jetzt aber! nicht das kleinste Fünkchen von Inspiration zu ihm durchdrang. Da kam es ihm sogar manchmal so vor, als liefe dieses Arrangement mit dem Kollektiv im Grunde auf eine Art Verpflichtung zu geistiger Onanie hinaus. Nicht um eines Inhalts willen zu produzieren, sondern bloß um dich an der Produktion selbst zu berauschen, das, so sagte er sich nicht nur einmal, führt den Sinn des Schreibens ad absurdum, und dir dessen bewusst es trotzdem tun, das korrumpiert dich.
Ja, so fühlte er sich in jenen dunklen Stunden, in denen er sich selbst befragte: korrupt; und kam so immer wieder zu dem Schluss: Beende diese Korruption, steig aus und fang neu an – denn das Mayer-Tong-Kollektiv war kein Zwangssystem, auszusteigen war jederzeit eine Option –; oder mach weiter so, aber dann genieße es auch! Und lange, allzu lange, war er bei letzterem geblieben.
Weder hatte Mission Control an dem, was er lieferte, noch er seinerseits an der finanziellen Vergütung je etwas auszusetzen; und wiewohl er gelegentlich mit Verzögerung geliefert hatte, war ihm stets pünktlich überwiesen worden, und zwar abwechselnd von zahlreichen Firmen, hinter denen wohl ein Netzwerk zu vermuten war. Das allerdings hatte nichts mit seinem Unbehagen zu tun; woran er vielmehr mit einem so unguten Gefühl zurückdachte, war das, was er geliefert hatte. Das nämlich, mit einem Wort, war Schund gewesen.

Das war das eine, all dieser Schund, den er dazumal geschrieben hatte; und was nun hinzu kam, sein Gewissen zusätzlich beschwerend, war die innere Stimme, die ihn zu dieser Zeit noch im Geiste des alten Marc Aurel ständig fragte: Was soll das mit Frau Doktor? Diese bewusste Verderbtheit. Dich zu stimulieren, indem du dein Schamgefühl missbrauchst. Die Lust des Alleinherrschers, sich zu einem Insekt herunterzuschrumpfen, sich zur Kakerlake zu machen, und dafür auch noch teuer zu bezahlen – was soll das?
Ich weiss, die schiere Perversion, so hatte er sich trotzig darauf geantwortet. Alles auszusprechen, das dämlichste, peinlichste, geschmackloseste, erniedrigendste: dieser ungeahnte Exzess ist ein Vergnügen, das aufs strengste bestraft gehört, jawohl, und natürlich muss ich dafür bezahlen, und gern bezahle ich! Doch allerdings ist zu bezweifeln, dass Frau Doktor das gewaltige Maß an Verachtung, das ich dafür verdiene, überhaupt je aufbringen wird.
Worauf dem alten Imperator tatsächlich eine Weile nichts mehr einfiel.

„Uns ist inzwischen klar, was Sie zu mir führt: Ihr schlechtes Gewissen.“
„Ich bin nicht auf Absolution aus. Sondern wohl tatsächlich auf Erniedrigung. Warum?“
„Das fragen Sie? Sind Sie denn wirklich so ein Idiot, Samsa? Was sollte der Drang nach Selbsterhöhung anderes nach sich ziehen, als den Wunsch nach Selbsterniedrigung? Je unbewusster die Hochmütigkeit ist, umso krasser die Wege des Ausgleichs, ist doch wohl klar.“
Herr des Flyshwerks, hatte er da gedacht, Allwissender Kreator – Manne hat damit gar nicht gescherzt, oder es irgendwie ironisch gemeint – so komme ich mir wohl tatsächlich vor – und weiss es gar nicht!
So hatte ihm erst einmal das als besonders bestrafungswürdig gegolten: sein Hochmut und sein Größenwahn.
Dann eines Tages hatte sie verlangt: „Ziehen Sie Bilanz, Samsa.“
„Ähm. Hatte mir Sadomasochismus anders vorgestellt.“
„Hat ja damit auch wenig zu tun. Aber das wäre eine etwas dürftige Bilanz.“
„Bin immernoch schockiert, oder immer wieder; obwohl ich längst ja den entdeckt habe in mir, der das alles berechnet. Denn das Schockierende ist ja berechnet. Doch den entdeckt zu haben, diesen Berechner in mir, ist auch irgendwie heilsam.“
„Von Heilung sind Sie noch weit entfernt.“
„So schlimm ist es? Sehen Sie mich, äh, bedroht? Von Wahnsinn zum Beispiel?“
„Von Wahnsinn nein, nicht direkt. Von Manie ja, von Besessenheit.“
„Ich weiss, bin auf dem Ego-Trip.“
„Wenn Sie das wissen … Das müsste eigentlich reichen.“
„Um davon runterzukommen? Wenn ich das nur nicht ständig vergessen würde.“
„Was genau nicht ständig vergessen würden? Was genau?“
Er hatte eine Weile überlegt. Dann: „Dass wahrscheinlich alles ganz anders ist als ich denke.“
Worauf sie mit hochgezogenen Augenbrauen gesagt hatte: „Dass Sie das bloß nicht gleich wieder vergessen, Samsa.“
Die Erkenntnis, dass wahrscheinlich alles ganz anders war als er dachte, brauchte allerdings ihre Zeit, um in die Tiefe zu dringen. Die Lust daran, sich selbst zu erniedrigen, die Lust an der Bestrafung, die Lust an Frau Doktors Verachtung: erstmal war dieses perverse Gemenge nur noch schlimmer geworden, und wenn ihn auch schon nicht mehr erstaunte, dass er danach überhaupt begehrte, so erstaunte ihn immernoch, wie sehr. So sehr nämlich, dass er danach süchtig wurde und immer mehr davon brauchte. Bis er gar kein Geld mehr für etwas anderes übrig hatte und ihm der Imperator schliesslich mit äusserster Strenge Einhalt gebieten musste. Als er Frau Doktor telefonisch mitteilte, er müsse mal eine Pause einlegen, sagte sie nur: „Sehr gut, Samsa. Ich habe Sie sowas von satt.“

Die Versuchung, trotz des Verbots doch Frau Doktor wieder aufzusuchen, war umso mächtiger nun gerade durch das Verbot, sodass er sich während der ersten Wochen im Widerstehen regelrecht heroisch vorkam; und für eine ganze Weile dann noch immerhin wie ein Asket, stolz darauf, diese sich selbst auferlegte Disziplin tatsächlich durchzuhalten.
Dann war es zu dem Ereignis gekommen und die Sache mit Frau Doktor rückte in den Hintergrund. Denn da hatte ihn bald eine ganz andere Enthaltsamkeit in Anspruch genommen: die gegenüber jenem Weblog namens Schells Bureau. Und dem zu widerstehen, dieser Versuchung, es immer wieder zu öffnen und sich dem Unbegreiflichen auszusetzen, kostete ihn noch weitaus mehr Disziplin.
Wir wissen, was das Ereignis anstellte mit Schell, und was er mit dem Ereignis anstellte, und so wundert uns nicht, dass, als der Gedanke an Frau Doktor wieder aufkam, er sich zunächst gefragt hatte, ob die Vorstellung, sie aufzusuchen, überhaupt noch verlockend war, jetzt, da er gar keine Hemmung mehr verspürte. Du dürftest, sagte er sich, es ist nicht mehr verboten. Damit aber fehlt das Wesentliche. Kann das sein? Was ist das für ein Verlangen, das erlischt, wenn das Verbot, ihm nachzugeben, wegfällt? Das wollte er feststellen: ob es im Grunde das gewesen war, ein Verlangen nach dem Verbotenen, das ihn getrieben hatte. Und natürlich interessierte ihn, ob es wieder aufflammen würde, dieses Verlangen. Ein Spiel mit dem Feuer, klar, und also reizvoll; und als er da sein Herz schneller schlagen spürte, wusste er: ja, ich bin durchaus noch nicht runter von dem Trip.

I.8

Allein im tiefen Staat

 

Das Vestibül vor meiner Tür ist Teil einer weitläufigen Galerie, die eine riesige Halle umrundet, aus der, hier und gegenüber, zwei breite Steintreppen heraufführen, in mattem, von hoch oben durch eine Glaskuppel einfallendem Tageslicht.
Nirgendwo jemand zu sehen. All die hohen alten Holztüren, die von der Galerie abgehen, sind geschlossen. Und nichts ist zu hören ausser, sehr gedämpft, von da und dort ein monotones Klappern. Mechanische Schreibmaschinen. Die werden hier noch viel benutzt, trotz all der Computer, die in jedem Büro zwar da sind, doch wegen der unzuverlässigen Stromversorgung allzu oft nicht funktionieren.
Die mangelhafte Elektrik, dieses Hauptproblem der Andrianen – das übrigens auf den entlegeneren Inseln des Archipels niemanden groß kümmert –, ist auch hier auf Andria, der Hauptinsel, bis heute ungelöst geblieben. Erschwerend kommt jene Anomalie hinzu, die das hiesige Schwingungsspektrum betrifft. Sie bewirkt, dass auch wenn es Strom gibt, dann noch keineswegs Gewähr ist für das Funktionieren der Drahtlos-Übertragung. Was Leuten von auswärts immer wieder Anlass ist, sich empört über die Rückständigkeit der Andrianer zu beklagen. Das gibt’s doch nicht!, so hört man dauernd. Die hiesigen Frequenzen nicht stabil genug für digitalisierte Funkverbindungen? Das kann doch nur ein Märchen sein!

Um mich zu sammeln, gehe ich kurz auf Abstand; zoome mich aus der unmittelbaren Umgebung heraus, bis ich den Schauplatz als Panorama vor mir habe: diesen sogenannten Regierungspalast, der, so wie das Nationalmuseum, ein ähnlicher Kasten vis-a-vis, riesig und düster, jener Ära entstammt, in der den Andrianen wechselweise von Spaniern, Franzosen und Briten europäische Kultur aufgeprägt wurde. Bis zur sogenannten Unabhängigkeit in den 1960ern, als im Verlauf des Kalten Krieges die Hauptinsel zu einem Stützpunkt der amerikanischen Kriegsflotte wurde. Während nun inzwischen „wir“ – nicht offiziell natürlich, de facto aber – die „Regierung“ übernommen haben.

Ich zoome zurück in das schummrige Vestibül, wo auch weiterhin nichts als das leise Geklapper der Schreibmaschinen zu hören ist.
Was fange ich mit den Praktikanten an? Wenn solche jungen Leute aus den Wohlstandsländern kommen, dann sind sie so an das permanente Auf-Linie- beziehungsweise Online-Sein gewöhnt, dass sie hier, wo sie höchstens stundenweise Netz haben, natürlich erstmal die Wände hochgehen.
Lemm steht das durch, nehme ich an. Doch diese Monalisa? Eher nicht. Denn ihr overdrive ist ganz klar eine Entzugserscheinung. Falls sie’s aber doch durchsteht, muss ich dafür sorgen, dass sie in eine andere Abteilung kommt; zum Beispiel denen drüben in der Counter-Intelligence das Leben schwer macht, genauer gesagt: dem Rivera in die Arbeit pfuscht. – O je, genau so würde Paley denken. So denkt man in diesem Hause. So denke nun auch ich schon –.
Ich muss hier raus!
Brains. Der Interpol-Detektiv. Dass man den nicht einfach wie eine x-beliebige Person suchen und finden kann, weiss Paley ganz genau. Entweder ist Brains – falls er wirklich in Babaal ist – wegen mir hier: dann wird er mich finden; oder er ist wegen etwas hier, das nichts mit mir zu tun hat: dann kann ich lange suchen, und das hiesse: nicht leisten können, was Paley von mir erwartet. Womit dieser einen Grund hätte, meine „Entwicklung zu fördern“, wie es im Jargon des Hauses heisst, oder auch: mir „Gelegenheit zu bieten, mich auf einem anderen Tätigkeitsfeld angemessener einzubringen“, kurz gesagt: mich kaltzustellen. Was mir ja egal sein könnte, da ich sowieso hier raus will, mir aber trotzdem zuwider wäre, weil ich doch stark das professionelle Ethos in mit vorhanden fühle.
Jedenfalls habe ich diese Sache als einen Test zu betrachten, besser gesagt: auch diese Sache, denn allmählich kommt mir hier alles wie ein Test vor. Dass ich demnächst Brains begegne, muss also sein; und falls er bis jetzt noch wegen etwas hier ist, das nichts mit mir zu tun hat, ist dafür zu sorgen, dass ich baldigst was damit zu tun bekomme. Sonst wird er mich nicht aufsuchen und also ich ihn auch nicht finden.
Wann immer ich an Brains denke, fällt mir unweigerlich Bangor ein, wo ich ihn einst kennengelernt habe; als er da anfing, in jenem Fall von Liebestod zu ermitteln. Weshalb ich ungern an Brains oder an Bangor denke; stets nämlich berührt mich das Thema Liebestod sehr unangenehm. Dass ich mit diesem alten, juristisch längst verjährten Fall etwas zu tun habe, ahne ich – sonst würde Brains nicht jedesmal, wenn sich unsere Wege kreuzen, die Rede darauf bringen –, doch was ich damit zu tun habe, will ich durchaus gar nicht erfahren. Insofern bin ich auf Begegnungen mit Brains nicht gerade scharf, auch wenn die mir in der Regel interessante, manchmal wegweisende Informationen bescheren. Gewöhnlich endet unser Austausch mit dem Deal, dass ich ihm irgend ein entscheidendes Detail verrate und er mich dafür mit gewissen Details verschont, solchen nämlich, die mir meine Rolle im Falle Liebestod erhellen würden.
Bangor … Bangor! Das Stichwort! Zu dem, an was ich mich unbedingt erinnern wollte … Von dort kam ich, als ich vorhin diese Treppe heraufkam …
Ich starre in die dämmrige Halle hinunter. Wenn ich dahin zurück müsste? Keine Chance; ein viel zu komplizierter Weg. Erinnere mich nur noch an diesen schönen stillen Innenhof, der mir so bekannt vorkam. Weil ich genau von dort aus einmal ins sogenannte Telesterion geraten bin.
Jedoch die Kellertreppe, die ich da heraufkam, war mir neu. So wie ich auch diese Gewölbe da unten nicht kannte, diese Untergrund-Verbindung zum alten Flyshwerk. Durch jene Eisentür, die früher so hochmysteriös, vorhin aber nur etwas schwergängig war; und dort wieder Treppen. Die hinauf, und schon wäre ich wieder wie auf der anderen Seite, in Bangor –
Moment! Nein! Sah nur so aus wie Bangor, war es aber nicht – dieses Bangor war Bangot!
Jetzt habe ich alles wieder vor mir: das ursprüngliche Flyshwerk als Museum, die seltsame Führung, das mir unsichtbare Virtuelle, die Leute, die mich so befremdeten, das Steampunk-Ambiente … Und Flyrie! Der nicht, wie verabredet, erschienen war.
Und da fällt mir auch die Japanerin wieder ein. Die mir dort im Carlton aus dem Labyrinth herausgeholfen hat. Genau das, so wird mir klar, habe ich für Flyrie zu leisten. Dass er mir zur Hilfe in Bangot sei, war mal wieder falsch gedacht. Und da klopft mir plötzlich arg das Herz. Ich muss ja befürchten, er hängt da noch fest und schlägt sich mit autonomen Systemen herum. Die ihn womöglich zu töten versuchen. Schnellstens, heisst das, muss ich wieder nach Bangot, um ihn da rauszuholen. Aber wie? Wie jenen unterirdischen Gang, wie jene spezielle Kellertreppe wiederfinden? Ich muss in jenen Patio, ins Telesterion zurück. Doch wenn ich diesen Patio auch kenne, so habe ich doch keine Ahnung, wo er ist, wie man hineinkommt. So etwas wie das Telesterion findet man ja nicht einfach auf dem Stadtplan. Man müsste jemanden kennen, der weiss, dass es hier in Babaal so etwas gibt, und was ein Telesterion überhaupt ist. Ob Rivera es weiss? Oder jemanden kennt, den man fragen könnte?

Ein wenig hoffe ich, als ich aus dem Vestibül erneut durch diese Tür eintrete, hier nicht das chaotische Büro wieder vorzufinden, sondern das Studierzimmer, das Gegenbild zum Chaos: gediegen, klar und aufgeräumt.
Leider hat sich nichts verändert.
Könnte es nicht aber, von diesem Chaos nur verdeckt, doch das Studierzimmer sein? Gerade weil das Gediegene und das Klare hier völlig fehlen …
Ich versuche das Chaos wie etwas mir ganz neues zu betrachten.
Zwar steht da eine alte Schreibmaschine, doch meine gute alte Tippa ist das nicht. Auch das Sofa ist nicht dasselbe wie im Studierzimmer; aber immerhin, es ist da. Sehe auch nirgends den Spiegel; auch nichts, was symbolisch für einen Spiegel stehen könnte. Und auch die steinerne Schale mit dem Zigarrenstummel fehlt. Ganz zu schweigen von den fünf Objekten: das Wappen der Royalisten, der historische Säbel, das Sitting Bull-Portrait, die Maske, das Renaissance-Gemälde – sie fehlen allesamt. Statt des Gemäldes hängt eine Karte des Andrianischen Archipels überm Sofa. Auch dieses Sofa übrigens wirkt einladend.
Die Regalwand, die im Studierzimmer aus Büchern besteht, ist hier bis auf die letzte Lücke mit Aktenordnern gefüllt. Was sich überall stapelt, sind Zeitschriften und Broschüren, Landkarten, Tabellen, Memoranden, Skripten, Notizblätter; und sämtliche Bücher erweisen sich bei näherem Hinsehen ausnahmslos als Nachschlagewerke, Lexika, Almanache und dergleichen. Ich staune. Keine sonstigen, keine literarischen Bücher? Keine. Da ist nicht einmal Livermore’s Standardwerk über Andria. Ich bräuchte ein Exemplar davon für Lemm …
Nicht mal ein Buch? Das gibt’s doch nicht! Ist eigentlich unmöglich.
Leider habe ich zum Weitersuchen nicht die Muße, die Zeit drängt.
2014 haben wir laut Paley, und das kann ich ihm ausnahmsweise glauben.
Dass ich hier nicht im Jahr 2020 bin, ist ja an sich nichts besonderes; doch dass wir 2014 schreiben, ausgerechnet das Jahr, das ist interessant. Das Jahr, in dem Schells Bureau im Internet erschien. Zu Weihnachten. Als ich auf Kuba war. In Havanna. Wo das Netz damals noch in den Anfängen steckte, so schwach entwickelt wie es zur Zeit auch hier in Babaal noch ist.
Wie ich ja sehe, herrschte also damals, 2014, dieses Chaos in meinem Büro; und das laut Paley schon seit Jahren. Da hat er einfach recht: hier muss endlich aufgeräumt werden. Doch erstens: wo anfangen? Zweitens: ist es sowieso nicht zu schaffen. Und drittens: zu nichts habe ich weniger Lust. Und da gähne ich schon und weiss, ohnehin wird sich in mir gleich der „Mann auf der Flucht“ durchsetzen und mich in Richtung Sofa dirigieren. Und nachher werde ich einfach Paley’s Ratschlag befolgen und mir einen Schredder besorgen. Das ist die einzig realistische Lösung. Das mache ich morgen mit Lemm, schreddern – und dann auch gleich den Inhalt all dieser Aktenordner. Damit er dieses ganze Zeug gar nicht erst zu digitalisieren braucht.
Den armen Lemm zum Bücherlesen zu verdonnern, welch ein Blödsinn! Lieber mache ich ihn erstmal mit Babaal bekannt. Da er ja nun schon mal hier ist, wäre es am sinnvollsten, ihn als meinen Nachfolger zu betrachten. Und dann kann’s doch nur noch ums Wesentliche gehen, denn uns bleibt nicht viel Zeit; und das Wesentliche ist, dass er die Real-Technik begreift. Im Prinzip wenigstens. Und sobald der Junge verlässlich auf seinen eigenen Beinen steht, lasse ich diesen Schauplatz hinter mir. Um weiter zu versuchen, auf die nächste Ebene zu kommen; es konsequenter zu versuchen als bisher: Das Reich zu begreifen.
Da höre ich vom Fenster her Geflatter. Eine Brieftaube ist hereingeflogen und auf dem Schreibtisch gelandet. Kann nur Rivera sein, von dem sie Botschaft bringt. Die Counter-Intelligence gibt sich traditionell altmodisch, und speziell Rivera nutzt gern die älteren Wege der Kommunikation.
Lower your profile!
Eine Warnung.

Wir sollen, auch wenn das nirgendwo geschrieben steht, zu den Kollegen der Counter-Intelligence möglichst Abstand halten; was begreiflich ist, arbeitet doch diese besondere Abteilung irgendwie gegen alle anderen Abteilungen; irgendwie, denn so recht weiss niemand, wie. Insofern stellt sie für uns Nichteingeweihten eine latente Bedrohung dar. Was im einzelnen die Counter-Leute treiben, wer bei ihnen das Sagen hat, ob die Mittel, die sie zur Verfügung haben, wirklich unbegrenzt sind, wie man munkelt, über all das lässt sich nur spekulieren. Worum sie jedenfalls beneidet werden, ist das Privileg, dass sie nichts erklären, nichts begründen müssen, da sie Rechenschaft anscheinend, wenn überhaupt, nur ganz oben abzulegen haben. Man kann so sagen: Was im Staat der „tiefe Staat“ ist, ist wiederum im tiefen Staat die Counter-Intelligence.
Weil ich aber nun einmal mit dem Counter-Mann Rivera schon seit vielen Jahren gut bekannt, ja befreundet bin und mein Spielraum, was die im Regierungspalast herrschenden Gepflogenheiten angeht, zwar eng, doch durchaus vorhanden ist, setze ich mich, wann immer es mir, oder ihm, angezeigt erscheint, über das Abstandsgebot hinweg, um mit ihm, wie wir es nennen, „eine Runde zu drehen“.
Stets hält Rivera, wenn wir unterwegs sind, Ausschau; nach Gesichtern, Konstellationen, Hinweisen auf die atmosphärischen Verhältnisse; Ausschau nach allem möglichen, nicht zuletzt auch in den Läden voller „Trödel“, die’s in Babaal so reichlich gibt: nach alten Büchern, seltenen Instrumenten, nach Kryptotabellen und Wegskizzen; nach Kram aus angeblicher Piratenbeute, Siegelringen und Münzen, Kultobjekten und Artefakten aus dem Outer-Space-Untergrund; sowie nach Trickvorrichtungen, Illusionsbrillen, Funkgeräten und anderem Low-Tech-Plunder. Ständig kauft und verkauft er solches Zeug, und klar geht’s ihm nicht eigentlich um diese Gegenstände, vielmehr ums Tauschgeschäft und die damit einhergehenden Schwätzchen mit all den dubiosen Händlern. Kurz, mit Rivera eine Runde zu drehen, macht Spaß.

Lower your profile! … Vor was will er mich warnen? Gibt’s vielleicht etwas, das ich ohne es zu bemerken ausgeplaudert habe? Oder das ich versehentlich noch ausplaudern könnte? Das System ist gelenkig und reagiert schnell. Jederzeit – in diesem Moment – kann sich die Gesetzeslage ändern, zum Beispiel dergestalt, dass der unverdächtigste Status plötzlich der verdächtigste ist. Und sich dann mit dem Argument zu rechtfertigen, dass man ja nun mal naiv sei, wäre einzig sinnvoll, wenn man nur noch in einem Schuldbekenntnis die Chance sieht, sich aus der Affäre zu ziehen. Wenn man allerdings glaubt, das Eingeständnis der Naivität müsse doch, wie die Naivität selbst, die Schuldfähigkeit mindern, ist man wirklich naiv. Und so wiederum könnte sich doch das naive Eingeständnis der Naivität als das blaue Auge erweisen, mit dem man eventuell davonkommt. Alles in allem hängt es letztlich davon ab, wie nachlässig oder human der entsprechende Algorithmus programmiert ist; genauer gesagt: wieviel an Spuren von Nachlässigkeit oder Humanität in der Selbstprogrammierung noch enthalten sind. Womit nur angedeutet sein soll, dass es nicht ganz leicht ist, im tiefen Staat auf Dauer zu bestehen.

Lower your profile … Hat sich etwa mein Profil in letzter Zeit erhöht? Könnte sein; denn dass ich davon nichts bemerkt habe, bedeutet gar nichts. Unwahrscheinlich jedenfalls, dass Rivera mich grundlos einfach nervös zu machen versucht. Er weiss, dass ich das low profile immer für eine gute Strategie gehalten habe.
Ich gähne – und finde, in speziell diesem Zusammenhang kann ein Schläfchen nicht schaden; und mache mich also low, indem ich mich auf dem Sofa ausstrecke.

Ich bin am Suchen, träume ich; suchend nach den Gegenständen, die zum Studierzimmer gehören, aber in verschiedenen Versionen auch in jedem der fünf alten Refugien vorhanden sind: Schreibmaschine, Spiegel, Aschenbecher. Denn dieses Chaos-Büro ist in Wahrheit, so scheine ich zu glauben, Refugium Nr. 6, das Studierzimmer, nur in unaufgeräumtem oder: getarntem Zustand.
Den Spiegel finde ich nicht, dafür, als ich am Schreibtisch eine Schublade aufziehe, von der ich bis dato gar nichts wusste, ein Buch, und zwar des Dante Alighieri Divina Commedia. – Oh. Ja das, das wollte ich immer schon mal lesen. Aber im Original? Italienisch kann ich leider nicht. Und sowieso habe ich mal wieder, wie immer, keine Zeit.
Sie drängt, die Zeit, immerzu. Das ist sie ja gerade: dass sie drängt. Aber auch im Traum? Denn ich träume doch … Ach so ein Traum ist das mal wieder, wo du weisst. Auch was Zeit ist. Und nachher weisst du nicht mehr, dass du weisst; wie blöd … Aber dass du’s jetzt wenigstens weisst, sei doch froh!
Ich suche weiter, und schaue endlich auch unterm Sofa nach, und da, mit stark eingestaubtem Deckel, ist sie ja: meine alte Tippa. Und dann, zur weiteren Bestätigung, dass das hier wirklich das Studierzimmer ist, entdecke ich, ganz simpel auf der Fensterbank, auch die kleine Steinschale mit dem Rest jener Zigarre, die nur von einem stammen kann, von Forty Operas. Dies unscheinbare Denkmal, denke ich, und schnuppere daran. Es stinkt genauso wie erwartet: nach Schamanen-Kraut. Konnte ihn nie wegschmeissen, diesen denkwürdigen Rest, weil ich fürchtete, dann etwas zu vergessen.
Wichtig war es, aber was nochmal? Jetzt hab ich’s doch vergessen. Dann kann’s ja nun auch endlich weg, dieses obskure Denkmal. Und damit beuge ich mich aus dem Fenster und puste den alten Stummel in den Wind.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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