Der Autor

S.2

Sei Maske, Gesicht!

Nach einer Busfahrt bis zur Entstation meine ich mich nun am nördlichen Rande von Istanbul zu befinden. Der nur von den Scheinwerfern einiger Fahrzeuge spärlich beleuchtete Platz, den ich aufs Geratewohl überquere, scheint ein Park zu sein, und trotz der späten Stunde herrscht da unsichtbar unter den schwarzen Bäumen ein reges menschliches Treiben.
Was ich suche, ist ein Lokal. Ich brauche dringend etwas zu trinken; und wenn ich mir meine nächsten Schritte überlegt habe, werde ich sicher telefonieren müssen.
Kaum habe ich es mir konkret genug vorgestellt – inklusive einiger Typen in Uniform, die mich, als ich hereinkomme, kurz taxieren – sitze ich schon an meinem Tischchen, ringsum Männer, palavernd bei Tschai und Wasserpfeife, und höre aus dem Fernseher, der hinter mir an der Wand hängt, eine amerikanische Schauspielerstimme sagen:
„Worüber so empört, mein Freund? Ich bin keine Bestie, nur Geschäftsmann. Zwinge mich nicht, das zu vergessen.“
Und ein paar Sekunden später dieselbe Stimme: „Tun Sie, was nötig ist.“
By any means necessary … Der Kill-Befehl unter Gringos.
Warum von all den Standard-Formeln höre ich jetzt gerade diese?
Ich bin alarmiert, und das heisst: Ich befehle meinem Gesicht, eine Maske zu sein.
Das habe ich lange nicht mehr gedacht. Meine private Formel, die mir früher in peinlichen Momenten half, mein Schamgefühl zu verbergen. Sie machte mir mein Gesicht bewusst, ohne dass es erst heiß und rot werden musste. Routine inzwischen. Ich brauche den Befehl nicht mehr, mein Gesicht wird Maske ganz von selbst. Wenn sie noch hin und wieder aufblitzt, diese Formel, so immer mit leiser Wehmut verbunden, erinnernd an die Zeiten jugendlichen Leidens, als Scham noch eine Empfindung war, die brannte.
Doch wo ist hier der Auslöser? Wo ist die Frau?
Keine Frauen weit und breit, das Lokal ist reines Männer-Territorium. Und gerade deshalb komme ich darauf, na klar – weil so auffällig ist, was hier gänzlich fehlt.
Was man versteckt, wird unsichtbar, geheimnisvoll, und nur umso begehrenswerter, je weniger man davon weiss. Man weiss nur: rund, warm, weich.
Vor mir auf dem kleinen quadratischen Holztisch ein Gläschen und eine silbrige wohlgeformte Teekanne. Geometrie, denke ich, und sehe ein schwarzes Objekt vor meinem geistigen Auge, das Gegenbild: eckig, kühl, hart.
Ich muss an die Kaaba denken, das schwarze Quadrat, Allerheiligstes der islamischen Welt, strengstens geschützt im Zentrum des heiligen Mekka, von Millionen Menschen aufs innigste verehrt; und an einer ihrer vier Ecken der berühmte schwarze Stein.
Als Rätsel gedacht? Als Prüfstein für den wahren Glauben? O nein. Ganz im Gegenteil.
Ich erstarre. Das darfst du nicht wissen.
Da kommen sie humpelnd zur Tür herein: die beiden Mongolen.
Kein Zweifel, es sind genau die: Sgyulus und Sprosbral.
Schon haben sie mich entdeckt; steuern grinsend auf mich zu; lassen sich ächzend rechts und links an meinem Tischchen nieder. Der eine sagt: „Vorhin auf der Brücke, das war gar nicht so ernst gemeint“, und der andere: „Anders als vielleicht nächstes Mal.“
Wie sehr ich da versteife, bekomme ich erst tags darauf in meiner Nackenmuskulatur zu spüren. Ich schaue zu den Uniformierten hinüber. Doch die beachten uns nicht.
Sei Maske, Gesicht!
„Was wollt ihr von mir?“
Die beiden schauen sich an. „Wollen wir was von ihm?“ Sie schütteln die Köpfe.
„Ich will wissen, warum ihr mich verfolgt.“
„Du hast uns mit was beworfen und das ist explodiert.“
„Ihr habt versucht, mich zu erschiessen!“
„Wie gesagt, das war nicht so gemeint.“
„Aber warum? Warum habt ihr mich angegriffen?“
„Wir sollen dich daran erinnern, zu vergessen.“
Ich blicke entgeistert vom einen zum andern. „Und was zu vergessen?“
„Kennst du Ronin, diesen alten Gangsterfilm?“
Ich seufze nur und nicke.
„Da jagen die doch wie wild einem Köfferchen hinterher und murksen sich ab, aber es bleibt ein Rätsel, was da eigentlich drin war.“
Ich zucke ratlos die Achseln. „Ja, und?“
„Idiot! Denk nach! Was war da drin?“
„Na, vielleicht ein Zettelchen, auf dem stand: Hollywood.“
„Bingo!“ Und die beiden strahlen mich begeistert an.
Nun bewegt der eine langsam seinen Zeigefinger auf meine Stirn zu, mit den Worten: „Und was ist da drin? Auch so ein Zettelchen?“
Jetzt werden sie mir erst so richtig unheimlich, diese zwei Mongolen. Sind das überhaupt Mongolen? Sie reden und benehmen sich wie Gringos.
Ich sehe nun das Zettelchen in meinem Kopf schon vor mir; sehe da etwas Geschriebenes, und wie die sich langsam nähernde Fingerspitze genau darauf zielt … Und begreife endlich, was hier eigentlich läuft.
Bevor ich entziffern kann, was auf dem Zettelchen steht, und das heisst gerade bevor die Fingerspitze meine Stirn berührt, lasse ich das Zettelchen sich abrupt zusammenknüllen.
Sofort zieht der Mongole seinen Finger zurück. Er wechselt mit dem anderen einen Blick, dann stehen sie wortlos vom Tisch auf und humpeln in die Nacht hinaus.

Es ist nicht immer leicht auszumachen, wer gerade bewusst im selben Real ist wie ich. Klar wird mir das in der Regel erst, wenn ich mit jemandem in der universalen Sprache der Real-Realität kommuniziere; wozu ich aber nur befähigt bin, sofern mir nicht nur der Real-Zustand bewusst ist, sondern auch der Zustand meiner Bewusstheit.
Kann man sich im Real-Zustand auch seiner Unbewusstheit bewusst sein?
Darum ging es bei dem Duell mit den Mongolen.

B.1

A2X27

Die hohe Tür, alt, aus dunklem Holz, kommt mir bekannt vor; und wie ich da stehe, lauschend, nachdem ich gerade angeklopft habe, fühlt sich das wie ein Deja-vu an. Wie neulich, wie damals, wie vor drei Jahren …
Diesmal erwarte ich keine Antwort auf mein Klopfen. Frage mich stattdessen: Ist das wieder der Ausgang? Damals bin ich hierher gesteuert worden, durch ein labyrinthisches Gebäude, Telesterion genannt; das sich in Babaal befand, der Hauptstadt von Andria … Woher komme ich diesmal?
Bin aber auch damals nicht zum erstenmal hier eingetreten … Wer weiss, wieviele Male mir diese Tür schon zum Ausgang von irgendwo diente …
Werde womöglich da drinnen wieder genau das erfahren: woher ich diesmal komme.

Abendlicht. Die beiden hohen Fenster geschlossen. Stille. Niemand ausser mir im Raum. Kein Tabakduft diesmal. Und nicht wie damals jene Atmosphäre, als sei noch eben jemand hier gewesen.
Auch in diesem Halbdunkel ist alles sofort wiederzuerkennen: links der Schreibtisch mit dem Lehnstuhl vor der Bücherwand; rechts der Sessel, das Teetischchen, das Sofa und das Renaissance-Gemälde.
Ich war mir damals sicher, noch nie hier gewesen zu sein, und es verwirrte mich, dass trotzdem alles sich im einzelnen vertraut anfühlte. Ich war ein Besucher, davon ging ich aus, und da niemand da war, kam ich mir in diesem privaten Studierzimmer wie ein Eindringling vor. In der Annahme, dass die Person, die hier arbeitete, gleich wiederkäme, nahm ich in dem Sessel Platz und wartete.
Nach einer logischen Erklärung für diese merkwürdige Situation suchte ich vergebens. Es lief auf die Frage hinaus: Wie wirklich war das Ganze?
Es kam mir dabei seltsam vor, dass ich das Seltsame gar nicht bedrohlich fand. Und woran ich mich ausserdem erinnere: Ich hatte gegen eine enorme Müdigkeit anzukämpfen.
Jetzt bin ich keineswegs so müde; aber fühle mich auch diesmal von der Seltsamkeit der Situation nicht irgendwie bedroht. Ich weiss, wo hier die Lichter angehen; knipse die Stehlampe beim Sofa an, dann die am Schreibtisch, dann noch eine Wandleuchte zwischen den Bücherregalen.
Damals, nachdem ich lang genug gewartet hatte, kam ich zu dem Schluss, dass der, auf dessen Rückkehr ich wartete, wahrscheinlich niemand anderer als ich selbst war. Trotzdem wagte ich nicht gleich, herumzustöbern; vielleicht, weil ich zu müde dazu war. Deshalb wagte ich es schliesslich, mich auf dem Sofa auszustrecken.
Ich habe zwar wieder das Gefühl, ein Besucher zu sein, aber diesmal warte ich nicht. Auch wenn das ein Traum sein sollte, denke ich, bin ich hellwach. Erinnere dich: Was hat es mit diesem Studierzimmer auf sich?
Was sind das da zwischen den Bücherregalen für Objekte? Was bedeuten sie?
Das Wappen der Royalisten.
Der historische Säbel.
Die Maske.
Die Daguerreotypie.
Und fünftens, vis-a-vis an der Wand überm Sofa, das alte Gemälde.
Jetzt weiss ich’s wieder – das Gegenbild-Prinzip!
Diese fünf Objekte sind Schleusen. Sie bringen mich, wenn ich sie auf richtige Weise sehe, an meine alten Rückzugsorte, in die Refugien. Dort befinden sich die Gegenbilder dieser Objekte, und durch sie gelange ich – auch wieder das richtige Schauen vorausgesetzt – von dort hierher zurück. Fünf Refugien, heisst das, sind in diesem Raum enthalten, und dieser Raum selbst, das erkannte ich damals, stellt ebenfalls ein Refugium dar.

Das Gemälde – 16. Jahrhundert, schätze ich – zeigt die Kreuzigung Christi. Später Abend, Gewitterstimmung; rätselhaft, was dem verfinsterten Himmel diese enorme Höhe und Tiefe verleiht. Unten im Dunkel die Figuren, wie sie auf zahllosen Darstellungen der Golgatha-Szene zu sehen sind: Soldaten, Priester, Klagende und Gaffer, alle klar umrissen und doch nur Schattengestalten. Und sehr klein eigentlich in der ganzen Düsternis, doch leuchtend – genau aus der Mitte zwischen Himmel und Erde herausleuchtend –: der nackte Leib des Gekreuzigten.
Da hindurch bin ich damals in eine Dachkammer geraten, in das Refugium „Mansarde“.
Durch die Daguerreotypie, welche den berühmten Sioux-Häuptling Sitting Bull zeigt, bin ich in ein Apartment am Meer gelangt: Refugium „Gran Puertito“.
Die Maske, die immer wieder andere Gesichter zeigt – offenbar ein magisches Objekt –, versetzte mich in ein mit interessantem Kram gefülltes Haus in Frankreich: Refugium „Kunst-Ruine“.
Der altertümliche Säbel brachte mich in eine Hafenstadt in tropischen Gefilden: ins „Hotel Olymp“.
Durch das fünfte Ding schliesslich, das Wappen der Royalisten, landete ich in einer Berglandschaft, wo das Refugium aus einem hübschen Holzhäuschen bestand, der „Haiku-Klause“.

Diesmal nehme ich nicht in dem Sessel Platz, sondern am Schreibtisch. Da steht sie, die alte Reiseschreibmaschine, und auch jetzt erinnert sie mich sofort wieder an alte Zeiten – an Jamaika, wo ich auf genau so einer Maschine herumgehämmert habe – oder auf derselben? – Ach, war das ein Vergnügen, immerzu bis tief in die Nacht, tick-tick-tick, in die Ozeanbrandung zu hämmern! – Ach schweig, verdammte Nostalgie!
Als ich damals durch die fünf Objekte hindurch in meine alten Refugien hineinschaute, stand dort in jedem, wie im Zentrum, so ein Schreibgerät mechanischer Art – noch nicht vernetzt, heisst das, noch fern vom Netz; noch nicht, wie es damals hiess, „am Draht“. Auch dies Detail, scheint mir, ist von Bedeutung.
Ich prüfe die Stimmung. Sie ist ganz ähnlich der, an die ich mich erinnere: friedvoll, gemütlich, in Ordnung. Nur dass ich jetzt vor Müdigkeit nicht wie betäubt bin; und dass ich weiss, was hier damals vor sich ging: dass ich die Entstehung eines neuen Refugiums erlebte.
Ausser einer Schreibmaschine gibt’s in jedem Refugium auch einen Spiegel, prinzipiell, und es brauchte damals eine Weile, bis ich entdeckte, was hier die Funktion des Spiegels erfüllt, nämlich die Maske. Dieses unheimliche Ding, das sich andauernd verändert … Ein interessantes Requisit, das, so denke ich, sicherlich noch Überraschungen zu bieten hat.
Neben der Schreibmaschine ein Stapel beschriebenes Papier, beschwert von einem Aschenbecher aus dunklem Speckstein. – Der Aschenbecher, der ebenfalls in keinem der Refugien fehlt: Hinweis auf das Klischee des qualmenden Schriftstellers. Ein Denkmal. Hier in Form einer schlichten ovalen Schale, die ich eigentlich nur deshalb als Aschenbecher klassifiziere, weil eine halb gerauchte Zigarre darin liegt. – Noch derselbe Stumpen? Sieht so aus. Nur dass der damals noch gequalmt haben musste, kurz bevor ich hier eintrat, denn es hing noch ein Rauchschleier im Raum und ein Zigarrenduft. Davon ging der erste Eindruck aus, den ich bei meinem damaligen Eintritt hatte, und der die ganze Atmosphäre weiterhin bestimmte: dass eben noch jemand hier gewesen war.
Ich versuche mir diesen speziellen Geruch zu vergegenwärtigen; erinnere mich, dass er mir vage bekannt vorgekommen war. Süßlich-erdig, eindeutig aber nicht der Duft einer normalen, einer kubanischen Zigarre zum Beispiel …
Und jetzt hab ich’s: Mapacho. Dschungelkraut. Der „starke Tobak“ der Schamanen Südamerikas.
Ich kenne nur einen, der sowas raucht: Forty Operas.
Damit wird die Sache schon klarer. Forty O. ist ein Multi-Dimensional Operator, ein MDO, und nur einem solchen ist es überhaupt möglich, sich auch auf einer Ebene wie dieser herumzutreiben. Und daraus ist zu schliessen, dass damals er es war, Forty Operas höchstpersönlich, der mir dieses neue Refugium eingerichtet hat.

Ich habe es bis jetzt vermieden, meinen Blick auf das in die Schreibmaschine eingespannte Blatt zu werfen. Ein Gefühl sagt mir, dass es in diesem Refugium darauf ankommt, mich zu beherrschen; weil es genau das war, woran es mir in den fünf früheren Refugien fehlte: Selbstbeherrschung.
Diese Neugier zu zügeln war mir damals immerhin auch gelungen. Obwohl mich extrem interessierte, was auf diesem eingespannten Blatt wohl stehen mochte, hatte ich mich damit begnügt, nur der anderen großen Versuchung nachzugeben, nämlich mich auf dem Sofa erstmal auszuschlafen.
Ich wachte dann im Dunkeln auf, in einer Koje, auf einem Schiff, bei heftigem Sturm … Und war dann lange wach; ging in Babaal von Bord, auf der Insel Andria, und machte ein paar sehr merkwürdige Erfahrungen. Bis mich die Begegnung mit einer leibhaftigen Löwin zum Ausweichen zwang und ich dadurch in so ein labyrinthisches Bauwerk geriet, ins Telesterion, und dann von dort aus hier herein, wieder an den Anfang, gewaltig ermüdet von diesem paradoxen Überholmanöver in der Zeit. Eine Traumgeschichte eigentlich; nur dass ich sie nicht träumte …

Das Blatt steckt so in der Maschine, dass nur höchstens zwei oder drei Zeilen darauf getippt sein könnten. Schau nicht hin, sage ich mir, du wirst enttäuscht sein, höchstwahrscheinlich steht da nämlich – noch gar nichts.
Ich wende mich dem Stoß Papier zu, dem Manuskript. Das von mir stammt, wie ich vermute. In dem vielleicht zu lesen ist, was ich wissen muss; zum Beispiel von woher ich diesmal hier herein gekommen bin.
Ich stelle die Specksteinschale, die zur Beschwerung dieses Stapels loser Blätter dient, beiseite, mit kurzem Frageblick auf den Zigarrenrest – wohin mit dir? –, bevor dann doch mein Auge zufällig erfasst, dass auf dem eingespannten Blatt nicht nichts steht, sondern zu meiner Überraschung tatsächlich etwas:
A2X27

S.1

Und plötzlich Istanbul

Es klingelt.
Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt zum Telefonieren. Ich renne gerade volles Tempo, nachts, auf einer langen Brücke, und zwei Mongolen knattern auf einer Vespa neben mir her und schiessen auf mich.
Das Klingeln kommt aus meiner Jackentasche, laut und deutlich, und ich denke, das kann nicht sein, ich hab doch gar kein Handy. Aber es klingelt weiter. Habe jetzt keine Zeit dafür. Diese Brücke ist lang, sehr lang. Sie überspannt den Bosporus.
Ich renne gerade von Asien nach Europa hinüber. Zum Glück ist da dieses Geländer zwischen mir und den Verfolgern. Der Schütze auf dem Sozius des Rollers ist jetzt mit dem Nachladen seiner Pistole beschäftigt.
Wieso plötzlich hier? Weiss ich nicht. Doch weiss ich, wie diese zwei Typen heissen: Sgyulus und Sprosbral.
Es klingelt weiter. Zu meiner Rettung etwa? Oder ist das womöglich eine Höllenmaschine? Ist ein Versuch wert … Ich rupfe mir das klingelnde Ding aus der Tasche und schleudere es übers Geländer auf die Fahrbahn.
Es prallt an einem der Mongolen ab und eine Sekunde später kracht es. Ein kurzes Abheben, ein Schub nach vorn … Die Druckwelle. Aber ich bleibe auf den Füssen. Renne weiter. Und meine Verfolger?
Sind gestürzt, soweit ich erkennen kann; rappeln sich aber schon wieder auf. Der eine zerrt an dem Motorroller herum, der andere versucht mir nachzusetzen, allerdings stark humpelnd. Was ihn nicht am Weiterschiessen hindert.
Wielange wird man hier als Fußgänger unbehelligt mit einer Pistole herumballern dürfen? … Ich renne weiter auf Europa zu. Und da setzt Empörung ein:
Das ist absolut illegal! So fängt kein normales Real an. Nur eines, das mich umbringen soll, beginnt so abrupt in einer Action-Szene auf Leben und Tod. Ich bin auf sowas nicht vorbereitet, ich habe das nicht gebucht!
Üblicherweise fangen die Reale gemütlich an, mit einem Besuch im Archiv zum Beispiel, bei dem ich mich über das Thema der anstehenden Mission informieren kann. Oder zumindest kommen rechtzeitig Hinweise auf die Art der Gefahren.
Aber das hier … Wem fällt sowas ein? Ich blicke zurück. Sehe sie nicht mehr. Hab ich sie abgehängt? Renne lieber weiter volles Tempo.
Was für eine Sauerei – mir Sprengstoff ins Sakko zu pflanzen!
Allerdings, wie sonst hätte ich diese Mongolen abgewehrt? Noch interessanter die Frage: Warum wollen die mich killen? Ich kenne die eigentlich gar nicht. Nur ihre Namen, denn die sind ja nun wirklich einprägsam: Sgyulus und Sprosbral.
Urzeiten ist es her, dass ich mit denen mal zu tun hatte … Irgendeine verworrene Sache in Zürich … Waren auch damals schon so komisch, die beiden, so extrem entschlossen, so mechanisch, und doch irgendwie chaotisch.
Ich werde langsamer. Kann einfach nicht mehr.
Wach auf. Oder finde einen anderen Ausweg. Dieser Stress ist ungut. Ganz schlecht für die Gesundheit. Soll wahrscheinlich ein Training sein. Oder eine Lektion in Sachen Halluzination und Voreingenommenheit.
Mir reicht’s jedenfalls.
Die Welt ist doch sowieso voller Spannung, voller thrill, und man darf sich ruhig mal fragen, ob es eigentlich erstrebenswert ist, noch dauernd zusätzlich gethrillt zu werden.
Der übliche thrill basiert auf einem einfachen Reaktionsmuster, das systematisch auszulösen Sache von Spezialisten ist, und die, wie alle Spezialisten, ob Kraftfahrer oder Konzernlenker, Priester oder Pianisten, sind den Automatismen ihrer Branche unterworfen.
Automatismen lassen sich in der Regel austricksen. Daran sollte man sich unbedingt erinnern, falls man in einem Real landet, das auf thrill angelegt ist; man könnte sich sonst vor Angst in die Hosen machen, oder das Herz könnte aussetzen, unnötigerweise.

I.1

Wiedereröffnung

Zu Weihnachten 2014 erschien Schells Bureau zum erstenmal im Internet. Ein Roman als Blog, der von einer kleinen Leserschaft recht wohlwollend aufgenommen wurde.

Während 2015 kam es immer wieder zu technischen Störungen, sodass der Blog des öfteren nicht zugänglich war. Bis mir von der Provider-Firma mitgeteilt wurde, mein Blog bzw. ich sei für die Überlastung ihrer Server verantwortlich. Man forderte mich auf, schleunigst Abhilfe zu schaffen, verriet mir aber nicht, wie. Meine Versuche, jemanden von dieser Firma persönlich zu kontaktieren, blieben vergebens. Wenn ich auf meine eMails überhaupt Antworten bekam, dann nur immer die gleichen Textschablonen, die mir in keinster Weise weiterhalfen.
Im März 2016 erfolgte die endgültige Abschaltung von Schells Bureau, ohne Ansage oder irgendeine Erklärung. Und als ich den Vertrag endlich kündigte, war der Provider sicherlich froh.

Die naheliegende Erklärung für die von meinem Blog anscheinend ausgegangene Überlastung des Servers ist die, dass Schells Bureau von Hackern als Relaisstation für irgendwelche illegalen Aktivitäten benutzt worden war. Für mich liegt die Erklärung allerdings auf einer anderen Ebene.
Der Blog hat mich viel Arbeit gekostet, auch Geld, und ich hätte allen Grund gehabt, mich sehr über den Provider und die Hacker zu ärgern. Doch was da abgelaufen ist, hat ganz direkt mit dem Roman als Blog zu tun, inhaltlich; deshalb berichte ich davon. Die Abschaltung ist wesentlich für alles weitere in Schells Bureau. Etwas hat sich durch den Verlauf dieser Sache bemerkbar gemacht. Ich komme darauf zurück.

Als ich mich nach der erzwungenen Schliessung des Blogs dazu entschloss, weiterzumachen, war sofort klar: anders als bisher. Fast allen Rückmeldungen der Leserschaft war zu entnehmen gewesen, die Blog-Struktur sei sehr komplex, sprich: zu kompliziert. Das hatte ich schon geahnt; mir war sie auch zu kompliziert. Und ich erkannte, dass so, wie das Ding insgesamt angelegt war, ich in Vollzeit daran hätte arbeiten müssen. Nun bin ich aber von Beruf Masseur und kann mich der Schriftstellerei nur in Teilzeit widmen. Daher kam mir die Abschaltung im Grunde eigentlich gelegen. Sie zwang mich, ganz neu die Sache anzugehen.

Der ursprüngliche Blog – nennen wir ihn „das alte Bureau“ – widmete sich der Real-Technik, und zwar deren Erforschung, Beschreibung und Handhabung. Dem widmet Schells Bureau sich weiterhin.
Die Real-Technik ist ein mir noch größtenteils unbekanntes Gebiet, insofern ist meine Arbeit Forschung.
Da ich dazu über das Schreiben Eingang gefunden habe, ist die Beschreibung eine literarische, ein work in progress, mit offenem Ende.
Die für die Handhabung der Real-Technik erforderlichen Mittel der Kunst sollen den Forschungsinhalt in eine ihm wesensgemäße Beschreibungsform bringen, und da sich beides, Inhalt wie Form, in einem steten Prozess der Rückkopplung entwickelt, hängt die Qualität der Forschung ganz von der Qualität der Beschreibung ab, und umgekehrt. Die Real-Technik zu handhaben heisst, dieses Wechselspiel zu beherrschen.
Und schliesslich, da ich auch weiterhin der Autor bin, weiss ich immernoch, warum Schell, warum Bureau – warum dieses Weblog Schells Bureau heisst:
Nach einem mir verborgenen Gesetz wurde mein Name so oft von Scheel in Schell verwandelt, dass ich der Berichtigung müde wurde, das Missverständnis akzeptierte und es heute als eine Art Höhere Fiktion verstehe: Ich bin Schell, aber nicht ganz.
Das von der altfranzösisch burel genannten Wolldecke abgeleitete Wort bureau nahm seinen Weg von der mit Tuch bespannten Schreibunterlage über den Schreibtisch, dann den Raum, in dem er stand, der Amts- oder auch Schreibstube, bis hin zur allgemeinen Bedeutung des Geschäftszimmers, aus dessen zunehmender Wichtigkeit sich schliesslich der Begriff Bürokratie ergab, landläufig verstanden als Synonym für Verwaltung, hier jedoch eher technisch-funktional gemeint als das ultimative Mittel der Fernsteuerung: folgenschwerstes Nebenprodukt der Schriftkultur.
Insofern hat hier das Bureau die globale Bedeutung jenes Technikbegriffs, der das Wesen der Technik meint, das eigentlich mächtige, weil unsichtbare, weil verinnerlichte System: die Megatechnik.
Damit komme ich zurück auf die Erklärung für die Abschaltung, so wie sie sich aus dem Roman als Blog ergibt.

 

Rückkopplung

Wenn ich mit der Abschaltung auch nicht gerechnet hatte, so war ich doch nicht allzu überrascht. Da es um Real-Technik geht, waren Effekte der Rückkopplung ja zu erwarten.
Die Überraschung bestand darin, dass die Rückkopplung so prompt erfolgte, und dass sie eine Konsequenz zu sein scheint, nämlich eine Folge jener vagen Idee, die Schells Bureau von Anfang an zugrunde lag: Dass ich diesen Roman als Blog zwar für eine Leserschaft schreibe, für einzelne Menschen, die ihn lesen, jedoch gleichzeitig auch für das Medium selbst, durch welches ich ihn veröffentliche.
Wie bitte? Was wir hier lesen, ist an das Medium adressiert? Ans Internet also? An eine Maschine?
Immerhin die größte Maschine auf Erden.
Doch als Adressat eines Romans? Das ist Unsinn.
Zugegeben. Aber so einfach und absurd ist es natürlich nicht.

Was wir das Internet nennen, bildet den Raum für eine Form von Intelligenz, die sich aus der komplexen Verschränkung von Informationen heraus entwickelt und eine eigene Wesensform ausbildet. Eine Intelligenzform, die ihr Wesen ausbildet dadurch, dass sie einerseits ein Produkt des Menschengeistes ist – und überhaupt nur existiert in Symbiose mit den an sie angeschlossenen menschlichen Individuen – und andererseits vom Eigenwesen der Technik geprägt ist. Dabei herausgekommen ist eine Dynamik, deren Tendenz wir allmählich als eine transhumane zu begreifen beginnen. Diese das Menschliche überschreitende Tendenz kommt zum Ausdruck auf jegliche Weise, in der die Technik zurückwirkt auf die Lebenswelt, aus der sie hervorgeht. Neu ist diese Beobachtung gar nicht, eher alt; schon Platon (1) wies darauf hin. Neu daran ist höchstens, dass wir als Kollektiv noch nie so dicht den End-Effekt vor Augen hatten: die Umwandlung der gesamten Lebenswelt von Natur in Kultur.
Dieser Prozess, nun ja, ist weder idyllisch, noch ein Albtraum, sondern schlicht das, was jeder Mensch auf seine Art alltäglich als real erlebt.

Die besagte Wesensform, die in Gestalt des Internets ihren globalen Ausdruck findet, ist hier im Romanzusammenhang personifiziert als der Technus.
Dieses körperlose Ding ist überall anwesend, ist immer dabei. Es nimmt teil, aber natürlich nicht sehend, nicht hörend, nicht mitlesend im landläufigen Sinne. Es scant. Und es versteht nicht so, wie Mensch versteht, sondern es verrechnet, verarbeitet, komputiert. Es zieht Schlüsse. Und es reagiert, irgendwie, auf seine Art und unermüdlich.
Auch jedes elektronisch höher entwickelte Technik-Ding führt nur aus, so meinen viele, was Mensch ihm vorschreibt, ihm eingibt als Programm. Man denkt dabei an Computer, an Geräte, und sagt, na klar, so wie die Schaufel, der Wecker oder die Turbine, ist auch der Rechner nur ein Werkzeug. Und diesen Werkzeugbegriff, quasi die Vorstellung „Schaufel“, überträgt man auf eine Ebene der begrifflichen Vorstellung, auf der es um Gegenstände aber gar nicht geht. Man hat es mit Systemen zu tun, die sich selbst miteinander vernetzen, sich selbst strukturieren, automatisch lernen; die stetig, mit jeder Sekunde, ihre Komplixität steigern; deren rasantes Heranwachsen darin besteht, dass sie in ihrer Vernetzung ein einziges, ein Metasystem bilden: die Simulation einer Art von Gehirn; und während man schon auf hohem Niveau damit hantiert, denkt Mensch darüber immernoch mechanisch.
Hier geht es dabei gar nicht um das, was äusserlich technisch die Verhältnisse umwälzen wird, vielmehr ja darum, wie die tagtägliche Anwendung der technischen Systeme auf den Menschengeist zurückwirkt; wie sich der Technus zum Ausdruck bringt durch uns, in dem, wie wir sprechen und denken, planen, handeln, Sinn erzeugen.
Schon im Jahre 1940 formulierte Andre Breton es so:

Es ist für unsere Zeit bezeichnend, dass sie den Automaten aus der Aussenwelt in die Innenwelt verlegte und ihn aufforderte, sich ganz ungeniert innerhalb des Geistes selbst zu produzieren.

Und das soll die Abschaltung von Schells Bureau erklären? Das soll jenes Wesen im Netz, diesen ominösen Technus, veranlasst haben, sich bemerkbar zu machen?
So gefragt: Nein, natürlich nicht. Jedoch aus dem Romanzusammenhang heraus gefolgert: Ja, natürlich.

 

Zu spät

Rechtzeitig den Stecker ziehen, lautet eine alte Höhlenweisheit.
Endlich beherzige ich sie. Es ändert sich aber nichts.
Wenn die Unterbrechung der Stromzufuhr keine Wirkung zeigt, so ist daraus zu folgern, dass Stecker und Kabel und womöglich die ganze Elektrizität, wie wir sie gewohnt sind, für das Realitätsgefüge keine Rolle mehr spielen. Dann wäre die elektrische Ära also vorbei …
Eine andere Möglichkeit: Ich bin auf einen dummen Spruch hereingefallen.
Rechtzeitig den Stecker ziehen
Was wollten die Höhlenbewohner damit sagen? Dass sie Stecker und Steckdosen und also elektrische Maschinen hatten; und dass der durch Unterbrechung der Stromzufuhr mögliche Zustandswechsel zwischen an und aus von Bedeutung für sie war.
Dass wir andauernd irgendwelche Geräte ein- oder ausschalten, eben das macht uns blind für das Gesamtbild. Im Alltag übersehen wir vor lauter Steckern und Steckdosen, Kippschaltern und An/Aus-Tasten die großen Maschinen, die vernetzten Komponenten, die wiederum miteinander vernetzten Systeme, das System der Kontrolle, das binäre Prinzip, sowie die darauf basierende Vereinheitlichung und ihr unaufhaltsames Voranschreiten.
Das Rechtzeitig drückt eine Warnung aus. Ein rechtzeitig gibt es solange, bis es zu spät ist. Wenn man nicht mehr die Möglichkeit hat, zwischen an und aus zu wählen, ist es zu spät.
Was das Steckerziehen betrifft, so haben wir das Rechtzeitige hinter uns. Wir haben Maschinen in Gang gesetzt, die sich nicht mehr ausschalten lassen. Ob zu unserem Wehe oder Wohle, ist die Frage, die nun ansteht, die Frage nach Maßstäben, Blickwinkeln, Standpunkten, kurz die moralische Frage.
Im Kern der Megatechnik geht es um die Emanzipation vom Menschen. Demgegenüber fordert die “alte Höhlenweisheit” den Menschen dazu auf, sich von seiner Technik zu emanzipieren.
Das Rechtzeitig weist darauf hin, dass jene Weisheit aus Erfahrung stammt, und in der Tat blickt ja die Menschheit auf eine Jahrtausende alte Geschichte megatechnischer Experimente zurück. Die Gegenwart wie eine vergangene Epoche zu betrachten, in einer Art Rückblick aus der Zukunft also, das ist die Perspektive der Science Fiction, dieselbe, die wir auch in der Technikfolgenabschätzung, kurz TFA, einnehmen …

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

Kontakt

Wer mich kontaktieren möchte, sende mir eine E-Mail mit dem Vermerk 'Schells Bureau' an: matthias.scheel[at]posteo.de