S.12

Kick inside

Vom Flur des International Maritime Bureau nehme ich die Treppe nach unten. Im Büro von Tyrus Paulson hatte ich das Gefühl gehabt, es sei bereits Nacht. Hier im Treppenhaus habe ich jetzt dagegen den Eindruck, es ist noch Nachmittag, oder erst ganz früh am Abend.
Paulson … Ich habe mir angewöhnt, auf die Namen zu achten. Der von Paul abstammt. Der Gedanke an den Apostel Paulus käme mir abwegig vor, wäre da nicht noch dieser Vorname: Tyrus. Eine Hafenstadt dieses Namens hatte doch dazumal im Leben des Saulus-Paulus eine Rolle gespielt … Was auch immer das bedeutet, sage ich mir, diesen Paulson bloß nicht unterschätzen!
In der nächst unteren Etage nehme ich nun einen Geruch wahr, der mich innehalten lässt; der mir ein Deja-vu verursacht. Jener gewisse unverwechselbare Tabakduft … Bin mir jetzt sicher, dass ich schon mal hier war; und weiss auch genau, dass es das ist, was seit damals, bis heute, unerledigt geblieben ist: die Sache mit dem Projektor; Projekt Schwarmmaschine.
Auf einer Glastür, dem Eingang zu einem leeren dämmrigen Flur, lese ich: International Seabed Authority. Ich öffne diese Tür, und in der Tat, jetzt riecht es noch eindeutiger. Nach Mapacho. Schamanenkraut. Dieser Geruch, den manche sicher einen Gestank nennen würden. Und der mich nun ins genau richtige Büro leitet.
Ich trete da wie auf Verabredung ein. Doch kenne ich den Alten, der dort sitzt? Ganz in Schwarz gekleidet; schwarz auch der Borsalino-Hut vor ihm auf dem leeren Schreibtisch. Schneeweiss aber die imposante Mähne und sein zerzauster Backenbart.
Ich tippe mir an den Schirm meiner Mütze, ziehe einen Stuhl heran und setze mich ihm gegenüber. „Schell mein Name. Und Sie sind?“ Ich Blödel – weiss es doch: Forty Operas. Chef des Service of Intelligence. Der Kick in mir – das heisst mein Notfallprogramm Kimura – kennt ihn nur allzu gut.
„Tja, Schell, Sie waren zwar damals nicht direkt dabei, aber genauso saßen wir hier schon einmal.“
„Sie und Kimura. Habe die Szene gelesen.“ Ich blicke rundum. Die Wände sind kahl wie dieser ganze Raum: Ausser dem Schreibtisch und den zwei Stühlen noch ein Aktenschrank, der offensteht und nichts als Staub enthält. So ein Büro-Gerippe, denke ich; wie plakativ das nach Abstellgleis aussieht … „Seabed Authority?“
„Die Abteilung, mit der die UNO seit 1996 die Ausbeutung der Meeresböden gesetzlich zu regeln versucht. In der Zentrale in Kingston, Jamaica, befand man vor ein paar Monaten, dass diese Istanbuler Aussenstelle nicht länger gebraucht wird; dass sich die hiesigen Seabed-Angelegenheiten profitabler über das Maritime Bureau abwickeln lassen.“
„Durch Tyrus Paulson.“
„Sie haben ihn schon getroffen? Dann wissen Sie ja Bescheid.“
„Gar nichts weiss ich. Nur dass zur Zeit doch gerade hier an diesen Küsten besonders um den Meeresgrund gestritten wird. Und da macht die Seabed Authority ihre hiesige Aussenstelle dicht?“
„Genau. Denn sie ist als Instrument langfristiger Friedenspolitik gedacht, und in eine solche wird momentan nicht investiert. Bedauerlich, ja, hat aber auch sein Gutes. Das spärliche Budget der Authority zwingt nämlich jeden ihrer Mitarbeiter zu einer persönlichen Entscheidung: ob es ums Budget geht oder um die Sache.“
„Trennt die Spreu vom Weizen, verstehe. Und Sie, Operas? Auf Null-Diät? Halten hier die Fahne hoch? Doch wohl nicht wirklich die der UNO …“
„Vertrete nebenher The Framing Company. Womit wir beim Thema sind, nämlich: Wir zwei, wo sind wir miteinander stehengeblieben?“
„Falls Sie Kimura meinen: Beim besten Willen, Mr. Operas, das ist so lange her …“
„Ich meine Sie, Schell. Sie fragten mich: wenn Sie nicht Schell sind, wer denn sonst? Doch das Auftauchen von Sgyulus und Sprosbral zwang uns, von dieser interessanten Frage abzulassen. Und ich finde nicht, dass das lange her ist.“
„Das war vorhin … Vor ein paar Stunden …“
Er nickt.
Ach, so ist das. „Ich glaubte … Für mich war Ladenheuser immer Ladenheuser … Sie waren das? Ladenheuser: Sie? Schon immer? Und ich dachte die ganze Zeit …“
„Halluzination und Voreingenommenheit, das sind zur Zeit Ihre einzigen Verbündeten.“
„Und, äh, also: wenn nicht Schell, wer bin ich dann?“ Ich starre ihn an. Aber er schweigt. Ihm ist klar, dass ich es schon weiss; nur es noch nicht verstehe.
„Nun reicht’s wie Sie glotzen“, sagt er schliesslich. „Die Sache ist doch simpel: Für Kimura war ich immer schon der alte Forty, und für Sie, Schell, war ich bisher Ladenheuser und bin Forty Operas ab jetzt.“
„Und, äh, ich für Sie?“
„Simpel, wie gesagt: Sowohl Schell, als auch Kimura. Mag ja sein, dass sich das für Sie noch komisch anfühlt, dieser Kick inside, doch so ist nun mal ein Body Job. Zumindest wenn er notfallmäßig eingeleitet wird. Keine Sorge, übermorgen, spätestens, sind Sie daran gewöhnt. Und was Kick Kimura angeht, der hat diese Wirklichkeit schon früh durchschaut. Schon damals in San Francisco. Als er entdeckte, dass er eine Romanfigur ist. Wenn auch die Kategorie Roman inzwischen etwas aus der Mode ist, metaphorisch lässt sie sich noch gut gebrauchen.“
„Fragt sich, für was. Die Real-Technik lässt sich mit Romanliteratur nur noch im Hinblick aufs Wesentliche vergleichen. Das Unwesentliche hat sich allerdings enorm verändert.“
„Das technische Brimborium. Kann man wohl sagen. Man kann sogar sagen, das Unwesentliche ist zum Wesentlichen geworden. In einem Roman hätten Sie jedenfalls mit einem bloßen Anruf in Hongkong kaum so einen Wirbel auslösen können.“
„Einen Wirbel?“
„Wirbel wörtlich: Was bisher verdeckt war, ist aufgewirbelt worden und liegt nun aufgedeckt da. Dafür ist jetzt das, was bisher offen lag, verdeckt. Von Ice umgeben; undurchdringlich.“
„Weiss nicht, ob ich das verstehe. Ich war quasi nicht ich, als ich in Hongkong anrief – nicht Kimura, meine ich. Ich hätte mich sonst doch wohl nicht selber angerufen.“
„Das wird in Zukunft nicht mehr funktionieren.“
„Mich selber anzurufen? Mir selbst zur Hilfe zu eilen?“
„Ja. Nein. Das heisst Sie haben es noch nicht kapiert. Und du auch noch nicht, Kimura.“
„Und Sie, Forty?“
„Vielleicht hat es noch keiner von uns kapiert. Jedenfalls hat das Hongkong-Telefon seinen Zweck erfüllt. Und der Exoot auch, wie’s aussieht. Sie tragen ihn nicht mehr.“
„Und doch beherrsche ich noch Real Speak. Darüber habe ich mich schon gewundert. Dachte immer, es sei dieser Anzug, der zum Real Speak befähigt.“
„Ja, Real Speak ist die wichtigste Funktion des Exoot. Und offenbar hat die sich auf Sie übertragen. Ein Wunder sozusagen. Ist mir selber aber auch so widerfahren. In Wirklichkeit gar kein Wunder, man kann es erklären.“
„Und zwar?“
„Ich erkläre Ihnen nicht, was Sie schon wissen.“
Dass Real Speak die Ursprache ist.
„Ist mir einfach zu irre“, sage ich. „Aber sehr praktisch, dass es funktioniert.“
„Und so wie Sie deshalb den Exoot nicht mehr nötig haben, ist für uns alle auch der SI eigentlich nicht mehr nötig. So wie wir uns entwickelt haben, hat sich auch der SI entwickelt, und was davon jetzt noch als ein Geheimdienst übrig ist, hat mit unserem aktuellen SI nicht mehr viel zu tun. Das zum Beispiel hat dieser Wirbel aufgedeckt, den Sie mit Ihrem Hongkong-Anruf ausgelöst haben. Was jetzt noch als Service of Intelligence auftritt im Sinne einer Organisation, ist bestenfalls ein Romantiker-Verein, meint schlimmstenfalls aber sogar das Gegenteil – sowohl von Romantik das Gegenteil, als auch von Service. Als auch von Intelligence.“
„Also gibt es ihn noch, den SI? Oder nicht mehr?“
„Es gibt ihn nun offiziell. Ist nur nicht mehr unser Laden. Wenn Sie ihm trotzdem die Treue halten wollen, muss Ihnen klar sein, dass da jetzt Gentlemen wie Paulson das Sagen haben.“
Ich zwirbele mir nachdenklich die Kinnspitze. „Offiziell sagen Sie? Im Filmgeschäft? Oder im Waffenhandel? Man weiss nicht so recht …“
„Mal Filme, mal Waffen. Was auch immer; auf jeden Fall: Geschäft.“
„Verstehe. Im Mainstream angekommen. Und Sie, Operas? Und die ganze alte Garde?“
„Sie kennen doch die Oberste Direktive für alle, die im SI arbeiten.“
„Dass es den SI gar nicht gibt.“
„Nun büßen wir dafür, dass es ihn dann doch irgendwann gab. Weil wohl zuviele von uns von dieser Direktive überfordert waren. Sinnlos, das jetzt zu beklagen; sinnvoll jedoch, uns das klar zu machen. Denn die weitere Existenz des SI hängt davon ab.“
„Nur um sicher zu gehen, dass ich Sie richtig verstehe: Der SI existiert nur weiter, wenn es ihn nicht gibt.“
„Haargenau. Vom SI kann nur die Rede sein, wenn es nicht der wahre ist; beziehungsweise kann vom wahren SI keine Rede mehr sein.“
„Klar, wäre es anders, würden Sie nicht davon reden. Haben Sie mich deshalb hierher dirigiert?“
„Ich wusste lediglich, dass von Istanbul aus jemand über die Hongkong-Nummer das Notfallprogramm aktiviert hat. Sie haben sich selbst hierher dirigiert, genauer gesagt Kimura.“
Sein Blick, der mich bis jetzt fixiert hat, verändert sich: durchdringt mich; geht wie durch mich hindurch, in eine Ferne hinter mir, und nimmt mich mit, sodass ich mehr und mehr, wie losgelöst von mir, das sehen kann, was er sieht. Jetzt überblicke ich sogar Gebiete, die von Ice umgeben sind – und da! – auch dieses ganz spezielle Areal – meine Gedächtnislücke. Erkenne nun, was sich in ihr verbirgt: dass es nur mich betrifft – eine winzige Einzelheit, die aus dieser beträchtlichen Distanz gesehen keine Rolle mehr spielt; die nur noch eine Bedeutung hat als der Punkt, der mich mit dem Ganzen verbindet, und der jetzt, da ich nicht da bin, nur eine leere Stelle ist, zwar angefüllt mit allerhand Persönlichem, sogar randvoll davon, jedoch ohne mein Ich, und damit ohne Relevanz.
Dieses Überschauen des Gesamtgefüges wie von ausserhalb kann nur vorübergehend sein, das ist Bedingung, solange ich in diesem Körper stecke. Und schon bin ich mit diesem Gedanken wieder in meine Person eingetaucht und das Persönliche hat wieder volle Relevanz. Und mein Bewusstsein, auf Normalformat zurückgeschrumpft, hat nun diffus die Komplikationen einer doppelten Identität vor sich: ich bin sowohl Schell, als auch Kimura, und somit weder richtig der eine, noch richtig der andere.
Ich denke zurück an das, was ich vorhin unten in der Lobby in dem alten SubNews-Heft gelesen habe, an die entscheidende Stelle in dieser Projektor-Geschichte: Sodass alle durch das Gerät dasselbe sahen: sich selbst; nicht so jedoch, wie sie sich „Selbst“ bisher gedacht hatten – das war plötzlich gar nicht mehr vorhanden.
„Plötzlich weiss ich Dinge, die ich bisher, nun ja, so gar nicht für möglich hielt –“ ich stocke. „Dinge, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie wissen könnte. Jene sogenannte Schwarmmaschine – Sie erinnern sich? Sie sprachen mit Kimura darüber, hier in diesem Büro. Und dieses Ding – man stellt sich darunter eine Art Projektor vor – ist so etwas wie ein Selbsterkenntnis-Apparat? Ist man also, äh – bin ich also –?“
„Ja, ganz recht, dieses Ding sind Sie selbst.“
„Heisst das –? Ich bring das alles noch nicht ganz zusammen.“
„Dass Kimura ihn endlich erledigt hat, diesen alten Auftrag, nichts anderes heisst das. Indem er jetzt Sie ist, Schell; oder auch so: Indem du jetzt Schell bist, Kimura. Warum kapiert ihr das nicht einfach?“
„Weil das einfach – unglaublich ist.“ Als Kick Kimura, der ich mich schon seit langem als Romanfigur verstehe, kenne ich diese Romanwelt von innen. Es ist dieselbe Welt – die Welt der Reale –, auf die ich als Schell, der Autor, wie von aussen zu schauen gewohnt bin. Wie soll ich mit diesen konträren Perspektiven gleichzeitig umgehen? Muss ich nicht abwechselnd die eine zugunsten der anderen aufgeben? Wo wäre denn ich dabei wirklich? Nein, so wie kein Ich ein echtes Ich ist, wenn es sich teilen lässt – Moment mal! Echtes Ich? Ist es das überhaupt, echt, was die ganze Zeit hier so geläufig „ich“ sagt?
„Ich soll dasselbe – gleichzeitig – wissen und nicht wissen – da macht bei mir die Logik einfach noch nicht mit.“
„Sie praktizieren es doch schon. Sind sich dessen nur noch nicht bewusst. Wer sagt denn, Sie müssen irgendwie zwischen zwei konträren Perspektiven hin und her hüpfen? Sie sind doch jetzt in aller Ruhe Schell, oder nicht?“
„Ja, doch, kann sein.“
„Und genauso, wenn es an der Zeit ist, sind Sie ganz in Ruhe einfach Kick Kimura.“
„Und werde nicht irgendwann schizophren davon?“
„Im Gegenteil. Jetzt lässt die Schizophrenie überhaupt erst nach. Aus der Schell- und der Kimura-Perspektive wird ein Gemeinsames entstehen, und daraus dürfte, wenn es glatt läuft, eine eigenständige dritte Ich-Perspektive werden.“
„Und wenn es nicht glatt läuft?“
„Das malen wir uns gar nicht erst aus.“
Wir betrachten eine Weile schweigend, wie das orangene Abendlicht in diesem Raum an Intensität gewinnt …
„Das alles hat sich lange angebahnt“, sagt Forty Operas.
Ich nicke. „Und musste also irgendwann so kommen. Und zwar jetzt, weil hier ein Kreis sich schliesst, wie man so schön sagt.“
„Wie einer dieser Tricks, die von den Zauberern im alten Ägypten ins Werk gesetzt wurden und erst heute ihre Wirkung entfalten.“ Er lehnt sich zurück, zupft an einem Silberkettchen seine Uhr aus der Westentasche, wirft einen Blick darauf und steckt sie zurück.
„Die Sache, die so einfach ist, wie Sie jetzt ja wohl begriffen haben – dass Sie sowohl Schell, als auch Kimura sind –, hat natürlich auch eine überaus komplizierte Seite.“
Um ein Aufstöhnen zu unterdrücken, sage ich: „Dacht ich’s mir doch.“
„Wie ich damals sagte – laut jener SubNews-Geschichte – lesen Sie die nochmal –, hat man mit der Schwarmmaschine informatisches Neuland vor sich. Natural Computing. Dabei ist die Sache, wie ich sagte, ur-uralt.“
„Uraltes Neuland. Verstehe. Das Alte wurde neu codiert.“
„Genau. Eine Aktualisierung. Des altägyptischen Zaubertricks, könnte man metaphorisch sagen. A2X27 – das haben Sie sicher schon mal gehört.“
Ich nicke. „Ein Code, der irgendwas mit einem Reality-Spiel namens Flysh zu tun hat. Und das war’s auch schon, was ich darüber weiss.“
„Weil A2X27 ganz einfach Flysh heisst. Nur das zu wissen bringt nichts, solange man nicht weiss, was Flysh bedeutet.“
„Und Sie – verraten mir das jetzt?“
„Man kann es nicht verraten. Das aber kann ich Ihnen sagen: Sie sind nur hier, weil Sie es – zumindest ungefähr – schon wissen. Oder anders gesagt: Was Sie wissen, Schell, muss sich irgendwie mit dem ergänzen, was Kimura weiss. Wie, weiss ich nicht; ist eure Sache. Solange jedenfalls nicht klar ist, wie Flysh ganz konkret im Einzelnen durch A2X27 codiert ist, lässt sich nichts anfangen mit diesem Code. Solange bleibt es – na ja –“
„Schizophren? Pathologisch?“
„Sagen wir so: In dem, was glatt laufen sollte, aber auch leicht schiefgehen könnte, gibt’s jedenfalls kein Zurück mehr.“

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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