Der Autor

S.3

Folgen Sie der Melodie

Auf jemanden zu schiessen, um ihn daran zu erinnern, zu vergessen … Ist das mongolischer Humor oder was? Ich meine, muss man sowas ernst nehmen?
Dass mir irgendwer ein Telefon ins Sakko steckt, okay. Dass sich das Ding als Sprengsatz erweist, nun ja, auch noch halbwegs okay, wenn dieses Real auf thrill angelegt ist.
Dann aber der Trick mit dem Zettel, dass der funktionierte … Wusste ja von dem Trick nicht mal, dass es ihn gibt.
Ich versuche diesen selben Zettel, der sich in meiner Vorstellung zusammenknüllte, zu entknüllen. Was darauf geschrieben steht, könnte mir erklären, was all das hier soll.
Der entknüllte Zettel ist unbeschrieben. Und da sind weitere zerknüllte Zettel …
Ich lasse jeden sich glätten, und sie sind alle leer.
Mein Kopf ist plötzlich voll von zerknüllten Zetteln … Tausende von Zetteln und keiner davon ist genau der, den ich zusammenknüllte … Ich verstehe: ein Bild für das Vergessen.
Höre das Geraschel; höre es knistern. Nur noch leere Zettel, die sich glätten.
Aber auf dem einen, dem ersten, stand etwas geschrieben, soviel ist sicher; und ich musste ihn zusammenknüllen, bevor es zu entziffern war, sonst hätten die Mongolen … Warum hört das nicht mehr auf, dieses Geknister? Es wird immer lauter.
Das mit dem Zettel war ein Trick von mir, so dachte ich bis jetzt. Doch habe nicht ich damit die Mongolen ausgetrickst, sondern sie mich. Anschwellendes Geknister.
Sie sollten mich ans Vergessen erinnern, und diesen Auftrag haben sie perfekt erledigt.
Kann bei diesem Geknister kaum noch denken. Höre auch nichts mehr von der Umgebung, nichts von diesem großen türkischen Teehaus voller Männer. Und es fängt an weh zu tun.
Das seltsamste, unangenehmste Real, das ich je erlebt habe. Das ist jetzt schon kein Knistern mehr, nur noch ein einziges tosendes Papiergeräusch.
Schon der Anfang auf der Bosporus-Brücke war ja eine Schweinerei … Ist das hier überhaupt ein Real? Wenn ja, muss es einen Zusammenhang geben mit irgendwas zuvor … Da hört sich jetzt der Krach gar nicht mehr nach Papier an; wird so komisch sirrend, kreischend, und immerzu lauter … Das ist kaum noch von Schmerz zu unterscheiden.
Illusion, denke ich. Reiss dich zusammen. Das kann nicht wirklich sein.
Was war vor der Brücke? Was auf der asiatischen Seite von Istanbul? Und was vorher? Konzentrier dich!

Ich schaue in besorgte Gesichter. Man hilft mir auf die Beine. Bin wohl vom Stuhl gekippt.
Die Schärfe einer Kreissäge, ins Akustische übertragen, das war es in etwa, was meine Konzentration abrupt beendet hatte.
Ich signalisiere: alles in Ordnung, und gebe zu verstehen, dass ich mal telefonieren muss.
Das Papiergeknister ist vorbei. Die Kakophonie, die jetzt noch meinen Schädel ausfüllt, ist unangenehm, jedoch erträglich; darin ein leises Sirren, wie zur Mahnung, dass die Kreissäge noch in Bereitschaft ist.
Mein Kopf schmerzt ziemlich schlimm, und zumindest soviel ist mir klar: Meine Orientierung ist gleich null.
Ist das ein Notfall? Für Notfälle gibt’s die Hongkong-Nummer.
Ein Junge zeigt mir, wo in dem Durchgang zur Küche das Telefon hängt.
Ich zögere noch; taste durch meine Innentaschen. Da ist mein Reisepass; und auch noch Geld genug. Ein stressiges Erlebnis, das mir Kopfweh beschert hat, ist ja wohl kein Notfall; und dass ich gerade ohne Orientierung bin, nun ja, das hatten wir schon oft genug …
Doch irgendwas ist faul hier. Vielleicht auch nicht. Das herauszufinden heisst: Wenn die Hongkong-Nummer funktioniert, dürfte das Real-Gefüge noch stabil sein.
Über diese Nummer kontaktiert man Kick Kimura.
Sofern das Gefüge stabil ist.
Ich zögere immernoch. Was, wenn nicht?
Kimura ist der Spezialist für ausweglose Fälle. Sollte er nicht zu kontaktieren sein, dann – gibt es vielleicht gar kein Real-Gefüge mehr. Dann ist Notfall.
Die Kakophonie in meinem Kopf ebbt langsam ab und damit auch der Schmerz. Jetzt merke ich, da ist so etwas wie, ganz leise noch, so wie … Ist das Musik?
Wie angenehm, erlösend … Ja, eine Melodie.
Nur ein Anrufbeantworter, soviel ich weiss; und dass man korrekt verbunden ist, erkennt man an der automatischen Ansage, die da lautet: „Man fasst sich kurz am Hongkong-Telefon.“
Noch ist die Melodie nur fetzenweise hörbar. Ich horche, und sie wird immer deutlicher; kommt mir wie aus ferner Zeit bekannt vor … Lässt mich an Palmen und an blauen Himmel denken. Indem ich tief Luft hole, nehme ich den Hörer auf.
Die Nummer, die ich wähle, weiss ich auswendig.
Tu-tuuuttu-tuuut … Höre jetzt eine Frauenstimme singen, eine lächelnde Stimme, und soviel ich verstehe, singt sie von Früchten, Mangos, Bananen, Mandarinen, und von Kokosnüssen … Tu-tuuut … Und nun die automatische Ansage, nicht die jedoch, die ich erwarte, sondern: „Folgen Sie der Melodie.“
Kommt da noch was? Ich warte.
Man kann da offenbar keine Nachricht mehr hinterlassen … Haben wir ihn also, den Notfall?
Das karibische Liedchen dudelt gar nicht in meinem Innern, stelle ich fest, es dringt von aussen an mein Ohr.
Da aus dem Hörer nichts weiter kommt, lege ich auf.
Folgen Sie der Melodie. Das war’s.

B.2

Die Durststrecke

Seit das Weblog Schells Bureau auftauchte, befinde ich mich im Ausnahmezustand. Wie kann es sein, dass in diesem Internet-Ding sich meine gedankliche Gegenwart von selbst formuliert? Ist das nicht Zauberei? Muss ich an Zauberei glauben?

Zeitgleich dazu die Sache mit dem Schlüssel, über den ich an die sogenannte Azuette kam, jene Comic-Version der Azuma-Statuette: Wer hat mich dieses fiktive Objekt aus meiner Romanwelt in einem realen Bahnhofsschliessfach finden lassen? Wer inszeniert so etwas? Mit welchem Ziel?

Mein Verstand, obwohl hochtourig aktiv, hat bisher noch keine Antworten gefunden, dafür immer mehr Fragen. Sicher ist nur, dass zwischen Schells Bureau und der Azuette ein Zusammenhang besteht; dass das eine nur im Zusammenhang mit dem anderen einen Sinn ergibt. Darauf, auf diesen rätselhaften Sinnzusammenhang, lässt sich reduzieren, was ich Das Ereignis nenne; und da herum kreisen meine Gedanken, immerzu und immer dieselben.

Um nicht verrückt zu werden, muss man das begrenzen, muss die Rotation durchbrechen, indem man wieder und immer wieder ein inneres Machtwort spricht; Selbstbeherrschung vorausgesetzt. Doch wie sich selbst beherrschen ohne jahrelange Übung? Ich musste es auf die Schnelle lernen, per Crashkurs sozusagen. Was den Erfolg angeht, nun ja, bin ich bis hierher durchgekommen. Zumindest kann ich jetzt an Das Ereignis denken, ohne es zu müssen, ohne den unbedingten Zwang und daher ohne Angst vor Wahnsinn.

 

Die Sache hatte sich im Frühjahr ereignet. Inzwischen ist der Sommer vergangen. Es regnet. Ich sitze am Tisch und schaue nach draussen. Das Grün der Trauerweide ist verblasst, das Birkenlaub schon gelblich … Später Nachmittag. Bin gerade vom Joggen zurück. Bei Regen laufe ich besonders gern. Wenn ich nicht jogge, gehe ich in die Sporthalle und verausgabe mich beim Boxtraining. Oft brauche ich beides, das Jogging und das Boxen, und betätige mich ausserdem noch an den Eisenhanteln. Die sportliche Verausgabung hilft mir, meine Unruhe auszuhalten.

Als ich eingesehen hatte, dass mein Verstand von dem Ereignis überfordert war, lag das Nächstliegende auf der Hand: ich durfte mir nicht mehr erlauben, Schells Bureau zu öffnen. Das kostete mich anfangs all meine Willenskraft; und tatsächlich erlag ich nur zweimal der Versuchung.

Das eine Mal – unter dem Titel Und plötzlich Instanbul – platzte ich unvermittelt in eine Verfolgungsjagd hinein. Offenbar ging es um das Gefühl akuter Gefahr, und da wurde mir bewusst, dass das Herzrasen, das jedesmal einsetzte, wenn ich gedanklich dem Ereignis zu nahe kam, bedenklich auf meinen Blutkreislauf zu wirken begann.

Und auch als ich zum zweiten Mal nicht widerstehen konnte, Schells Bureau zu öffnen, hing das, was ich da las, mit meiner strapaziösen Situation zusammen, mit der Haltung unerklärlichen Tatsachen gegenüber und mit Selbstbeherrschung.

Ich bemerkte, woran ich mich die ganze Zeit noch klammerte: an die Möglichkeit nämlich, dass dieser Schell von Schells Bureau vielleicht doch ein anderer sei als ich.

Natürlich hatte ich den Blog nach Angaben über den Autor durchsucht, mehrfach, akribisch, doch vergeblich; während für meinen Freund Manne es sich von Anfang an von selbst verstand, dass ich der Autor bin.

Manne hält Schells Bureau unter Beobachtung und so weiss ich, dass sich da nichts mehr getan hat, seit ich es nicht mehr öffnete – abgesehen von den besagten zwei Malen, als ich der Versuchung nicht hatte widerstehen können. Und das hätte mir Beweis genug dafür sein müssen, dass ich der Autor bin. Doch war damit ja nur etwas Unmögliches bewiesen. Wenn ich in Schells Bureau mich lese – nicht über mich, sondern von mir, in der Ich-Form –, ich es aber nicht bin, der das schreibt: dann muss es einen anderen „Ich“ geben! Was logisch zu der Frage führt: Wer ist realer, ich oder das andere Ich?

Die eigene Echtheit rein theoretisch in Frage zu stellen, ist eines; etwas ganz anderes aber ist es, das Gefühl für seine ureigenste Echtheit zu verlieren. Das Fundamentalste, die ganze Tragweite dessen, was strukturelle Integrität bedeutet, beginnt sich ja überhaupt erst zu erschließen, wenn man es schwinden fühlt. Da wird zur notwendigsten Frage natürlich: Wem schwindet das Fundament? Wer sieht es schwinden? Und von wo aus?

Der Standpunkt, als ich mich so fragte, war mir alles andere als bewusst, und noch gänzlich verborgen der Vorgang, wie sich durch eben dieses Fragen ein neues Fundament zu bilden begann. Nur soviel war mir gerade einmal klar, dass ich mit der üblichen Ich-Auffassung nicht mehr als ein formales Konstrukt hatte, ein grammatisches Phantom, mit dem in einer erweiterten Realität nichts anzufangen war.

Jetzt, da ich das einigermaßen in Worte zu kleiden vermag, ist klar, warum das Ereignis einen Tumult in mir auslösen musste: Ich hatte keine Begriffe; nicht nur dafür keine Begriffe, sondern gar keine; keinen Begriff überhaupt davon, was ein Begriff eigentlich ist. – O nein, ich werde jetzt nicht Begriff definieren, und auch nicht die Grundvoraussetzung des Begreifens: Distanz – welche es mir überhaupt erlaubt, dieses sprachlich zu erfassen.

Immernoch ist später Nachmittag und immernoch regnet es, und ich bin immernoch gerade eben vom Joggen zurück. Doch an der Trauerweide da draussen hat sich das vergilbte Laub inzwischen sehr gelichtet und die Birken sind schon gänzlich kahl … Da sind offenbar viele Nachmittage zu einem einzigen verschmolzen, und das bedeutet wohl, ich komme nur langsam, sehr langsam voran.

 

Einfach das Unerklärliche nicht wahrhaben zu wollen, hilft nicht weiter, soviel ist klar. Bleibt nur, sich den Voraussetzungen dessen zuzuwenden, was man Urteilskraft nennt, oder Vernunft, und im Bereich des Selbstverständlichen nach einer haltbaren Grundlage zu suchen, auf der sich „wirklich“ von „unwirklich“, „erklärbar“ von „unerklärbar“ unterscheiden lässt.

Bist du womöglich schon verrückt? Dieser Verdacht beschlich mich natürlich immer wieder. Allein einen Zugang zum bloßen Begriff des Selbstverständlichen zu finden, kostete mich Stunden …

Von diesen Ausflügen in die Abstraktion versprach ich mir keineswegs Antworten auf meine Fragen; doch halfen sie mir, mein Denken vom Ereignis abzulenken. Im Gegensatz zu jener Meditationsform, durch die man seine Gedankenkraft stärkt, indem man sich auf eine Sache konzentriert, übte ich mich darin, um genau die eine Sache herumzudenken, mich sozusagen von ihr wegzukonzentrieren, zentrifugal. Eine Notlösung, ein Trick, dessen bin ich mir bewusst; aber leider vonnöten, solange ich nicht das Nichtdenken beherrsche.

Oft funktioniert der Trick auch gar nicht …

Wenn das Ereignis inszeniert worden ist: Von wem? Mit welchen Mitteln? Wer bringt es fertig, die absolute Konvergenz meiner Raum-Zeit-Realität mit einem Internet-Blog herzustellen? Nur ich selbst könnte das fertigbringen. Aber ich weiss davon nichts. Heisst das, mich gibt’s doppelt? Oder lebe ich gleichzeitig in zwei Realitäten? Das hiesse, es gäbe sie gar nicht, die Realität, die eine

Und wenn es mich in doppelter Ausführung gäbe: Wie käme die Verbindung zustande zwischen mir hier und mir dort? Ist da Magie im Spiel? Oder eine Technologie, die mir wie Magie erscheint, weil sie mein Vorstellungsvermögen übersteigt?

Spekulationen, Spekulationen … Ich stelle mir vor, wie ich das alles einfach vom Tisch wische, „Schluss für heute“ sage und auf Normalbewusstsein umschalte. Zu sehr aber hat das Ereignis mein Realitätsbewusstsein erschüttert, als dass ich mich ironisch irgendwie darüberstellen könnte. Es ist stattdessen alles aufzufahren, was mir an Geistesstärke zur Verfügung steht. Nur um einfach einen Punkt machen zu können …

 

Immernoch bin ich weit davon entfernt, all das, was mich bestürmt, mich überflutet, an mir rüttelt, auch nur ansatzweise systematisch zu bewältigen. Systematisch daran ist allein die Form, nämlich dass ich schreibend mein gedankliches Chaos zu bändigen versuche.

Natürlich ist das alles hier Fiktion, sage ich mir zum Beispiel; und dass es mir so absolut real vorkommt, ist einfach Teil dieser Fiktion. Doch bleibt die Frage: Ist die Tastatur, auf der ich schreibe, etwa realer als die Schrift, die auf dem Bildschirm erscheint? Und ist diese Schrift wiederum realer als das Gedankliche, das sich durch sie manifestiert?

Es lebt.

So unbestimmt verschwommen dieser Eindruck, so stark und wirklich das Gefühl dabei, so unbezweifelbar das Herzklopfen, das es mir verursacht.

Und jetzt, weil mir beim Schreiben das Es lebt so deutlich zu Bewusstsein kommt, wird mir bemerkbar, dass ich mich eigentlich schon lange wie gestorben fühle.

Etwas hat sich da verschoben, plötzlich; befindet sich jetzt hinter mir, wie ausserhalb; gehörte eben noch zu meinem Inneren, zu dem mir Selbstverständlichen, undurchdringlich und sehr schwer, von dem eine Art Kälte ausging –: Angst.

Deine Angst jetzt ausserhalb von dir? Nun pass aber bloß auf!

Schon gut. Alles nur Fiktion, beschwichtige ich mich. Ich schreib ja gar nicht über mich – jedenfalls nicht über mich „in echt“. Das Schell-Ich war immer rein fiktiv gemeint.

Und im übrigen will ich eigentlich an meiner Bent-Geschichte weiterschreiben. Der arme Manes Bent, der hängt mit seinem Professor Pentshak ja schon wer weiss wielange in Las Vegas fest und wartet auf den Fortgang seines ägyptologischen Abenteuers. Doch wann immer ich dazu ansetze, kommt mir die aktuelle Forschung dazwischen, ein nächster Ausflug ins Reich der Abstraktion, stets dringender als alles andere: das Selbstverständliche mir zu erhellen.

Was ich als Selbstverständliches erkenne, ist nicht mehr selbstverständlich. Ziel eines jeden Ausflugs ins Abstrakte ist sozusagen Entselbstverständlichung.

Zunächst wurde mir die Sucht bewusst; dass ich süchtig bin; dass nämlich schon lange nicht mehr zählte, was ich suche, sondern nur mehr das Suchen selbst; dass der Modus Suche mir zur Droge geworden ist. Was einmal Motivation gewesen war, bestand nur noch um seiner selbst willen, hatte sich, wie es bei jeder Sucht geschieht, in einen Automatismus der Selbsterhaltung verwandelt. Und der Stoff, von dem ich abhing, Unwissen, Mangel an Durchblick, war überall im Überfluss vorhanden, sodass ich mich an das Gefühl, das dieser „Stoff“ hervorrief, nämlich schwach und gering zu sein, so vollkommen gewöhnt hatte, dass jeder lichte Moment der Erkenntnis, des Findens, den Sucher in mir sofort veranlasste, sich Sorgen um den Nachschub zu machen.

Das Selbstverständliche ist eine Abstraktion, es lässt in mir kein Bild entstehen.

Ist keine Abstraktion, denn wenn ich schreibe: selbstverständlich, bilden die Buchstaben ein Bild, ein Schriftbild. Versteht sich das von selbst?

Ich ziehe alles ab und schreibe: Ich sitze da und schreibe, dass ich dasitze und schreibe.

Um die Tautologie noch tautologischer zu machen, ziehe ich noch das Dasitzen ab und schreibe nur noch, dass ich schreibe.

Dann ziehe ich auch den letzten Rest Beschreibung ab: Ich schreibe.

Ende der Geschichte. Ende allen Sinns. Die Tautologie ist perfekt.

Es ist dies die gedankliche Figur, in der ich jedesmal unweigerlich lande, wenn ich beim Sinnieren über das Ereignis mein Denken beobachte. Das rein Formale daran erscheint mir als eine kristalline Struktur, und ich nenne sie tautoloid. Man ist gänzlich von Spiegelflächen eingeschlossen; sitzt darin wie in der Falle.

Wenn man es in der Gedankenwelt mit einer sogenannten reflexion in infinitum zu tun bekommt, einer unendlichen Spiegelung, gilt es, ein Paradoxon auszuhalten: Einerseits weiss man, dass man einen sinnlos gewordenen Denkprozess nur stoppen kann, indem man einfach einen Punkt macht, andererseits weiss man aber auch, dass einem so ein Schlusspunkt nicht genügend festen Boden bietet, um über den leerlaufenden Denkprozess hinaus eine Ebene zu erreichen, auf der man unbezweifelbar real, als Ich nämlich, existent sein kann.

So ein willkürlich gesetzter Punkt vermag wohl einen ins Unendliche sich spiegelnden Gedanken zu stoppen, doch hat dadurch der Ort, an dem ich dadurch bin, nicht mehr Wirklichkeit als eben die einer gestoppten Spiegelung. Ich muss jedoch so vorgehen; muss, um den Verstand nicht zu verlieren, so tun, als wäre ich sicher verankert im Glauben an eine größere, festere Realität jenseits aller Spiegelei; weiss aber leider, dass ich nur so tue, als ob, weil ich eben aus Überlebensgründen so einen Glauben brauche; bleibe in Wahrheit also in der Schwebe hängen, in infinitum, dazu verdammt, weiter nach einem Ausweg zu suchen.

Das ist meine Situation Schells Bureau gegenüber.

Ich habe eine Leere geschaffen, in der ich kaum noch, nur noch grammatisch „ich“ bin. Oder in der nur noch ich bin? Eine Leere, die mir zwar bodenlos erscheint, unräumlich, endlos, ohne aber konkrete Eigenschaften aufzuweisen, wie etwa das Schwindelerregende eines Abgrundes. Und da einfach alle sinnlichen Bezüge fehlen, die Leerheit sinnvoll zu beschreiben, lasse ich sie lieber leer – Punkt – und beende diesen erneuten Versuch, das Unmögliche sprachlich zu ermöglichen, mit einem Blick aus dem Fenster.

Regentropfen an den Scheiben.

Die Trauerweide jetzt zur Gänze nackt. Die kahlen Birken von starkem Wind gezaust.

Und mein Herz pocht nun merklich ruhiger.

Klar also, dass meine Gesundheit ernstlich in Gefahr ist, wenn mir weiterhin der gedankliche Tumult immerzu Herzrasen verursacht, und klar, was demnach höchste Priorität hat: innezuhalten, sobald sich meine Gedanken zu überschlagen beginnen, das heisst bevor ich mich im Sinnlos-Unendlichen verliere, bevor mein Herz hämmert; einfach innezuhalten, indem ich mir sage: – das innere Machtwort, wie auch immer es lautet –; einen Punkt zu machen also, sobald mein Herzschlag sich beschleunigt.

So wie ich schon gelernt habe, mich daran zu hindern, Schells Bureau zu öffnen, werde ich auch lernen –

Punkt.

Doch ich denke weiter.

Noch langelang nicht lang genug, diese Umwege, und doch schon längst so klar: Wenn ich mich solange vom Ereignis entferne, mich wegdenke davon, bis ich da wieder ankomme, bewege ich mich – ja, im Kreise.

Anstatt ihn einfach zu machen, den Punkt, hetze ich um ihn herum wie bei Jules Verne der Phileas Fogg in achzig Tagen um den Erdball. Weil ich eben auch so einer bin, der den Nebel, die Ungewissheit liebt? Wenn dem so ist, dann kann es doch nur darum gehen, dieses ganze Kreisen in ein turbulentes Abenteuer zu verwandeln …

Ich stelle mir eine Art Mystery-Saga vor, und im Anfangskapitel, Dem Machtwort auf der Spur, ist das, worum es geht, noch gar nicht existent, ist noch Mysterium in reinster Form – was erst geschaffen wird.

I.2

Richtung Kehre

Kernstück des „alten Bureaus“ war die Erzählung, die aus den drei Romanen Golden, Ureal und Flysh bestand. Dieses als Trilogie angelegte Gebilde besteht weiterhin, setzt sich aber nicht mehr fort. Denn es ist soweit fertig, dass es jetzt in dieser neuen Version von Schells Bureau die Räume bildet, in die hinein ich Ausflüge unternehmen kann, um die Real-Technik zu erforschen bzw. sie beschreiben und handhaben zu lernen.

Die besagten drei Romane haben sich mit ihren ersten paar Kapiteln im „alten Bureau“ auf einen Punkt der Umkehrung zubewegt, haben eine Wandlung vorbereitet, und diese Wandlung hat stattgefunden, während Schells Bureau geschlossen war.

Der durch die Umkehrung vollzogene Wandel hatte den Effekt, dass nun im Vordergrund des Blogs, als sichtbarer Text, eben das läuft, was zuvor im „alten Bureau“ unsichtbar den Hintergrund gebildet hat; dass also das Erzählwerk aus Golden, Ureal und Flysh jetzt im Hintergrund läuft, als ein sozusagen „begehbares“ Gebilde im geistigen Raum (zu dem uns die Menüpunkte Bureau und Saga als Eingänge dienen).

Hier nun in Kurzform das Geschehen in Richtung Umkehrung, wie es in den drei Romanen ablief:

Golden beginnt am Nachthimmel, im Landeanflug auf Las Vegas. Die Protagonisten: Gurner Pentshak, Professor der Ägyptologie, und Manes Bent, sein Assistent. Letzterem wird gerade vom Professor mitgeteilt, dass das Institut, an dem sie arbeiten, geschlossen wird und dies ihre letzte gemeinsame Forschungsreise ist.

In Bents Unterbewusstsein ist eine umfangreiche Folge zusammenhängender Zeichen gespeichert, der sogenannte Horus-Code. Er wurde ihm in den vergangenen zwei Wochen übermittelt, als er Tag und Nacht nur noch damit beschäftigt war, Zeichnungen anzufertigen; sonderbar geometrische Gebilde, die er, weil er sie nicht verstand, für Kunst gehalten hatte.

Im Taxi nach Downtown Las Vegas wird dieser Code aktiviert, indem der Professor mittels seiner speziellen Zigarre bei Bent einen kurzen Ohnmachtsanfall auslöst. Worauf Bent sich wenig später über die plötzliche Erweiterung seiner Wahrnehmungsfähigkeit zu wundern beginnt.

Dass es vorbei sein soll mit seiner Assistenz bei Professor Pentshak, ist schmerzlich für Bent. Doch leider ist das noch nicht alles. Es werden sich in ein paar Stunden ihre Wege trennen; ab Mitternacht ist Bent auf sich allein gestellt. Und was er dann noch zu hören bekommt, bringt ihn zu der Überzeugung, dies könne alles nur geträumt sein: Was ihm bevorsteht – ein sogenanntes Happy Endless –, ist nicht abzuwenden, und überleben kann er es nur, indem er stirbt – durch angewandte Ägyptologie, wie der Professor es nennt.

Um für Bent die Chance auf eine Rettung zu erhöhen, will er ihm in der Zeit, die noch bleibt, wenigstens die wichtigsten Instruktionen erteilen. Damit Bent die verstehen kann, ist allerdings erforderlich, ihn aus seiner Überzeugung, er träume, schleunigst wieder herauszuholen …

Ureal beginnt in hellster Mittagssonne, im Landeanflug auf Lavienta, eine der Inseln des Andrianischen Archipels. Der Ich-Erzähler, der zu einem Surf-Urlaub anreist, hofft, sich hier von Anstrengungen zu erholen, von denen man lediglich erfährt, dass sie vergeblich waren. Er ist zu erschöpft, um sich auch nur Gedanken über seine aktuelle Identität zu machen; bleibt einfach im Modus Improvisation und daher namenlos. Könnte ein ausgebrannter Agent sein, welcher Art auch immer.

Er findet ein billiges Apartment, besorgt sich ein Surfbrett und ein kleines Auto und macht wochenlang nichts anderes als schlafen, surfen und am Strand herumhängen.

Dann sagt er, allmählich bekäme er wieder Lust zu schreiben – ist er also doch kein Agent, sondern Schriftsteller? Oder beides? In einem Traum hört er den Satz: Das LA-Trio wurde aktiviert. Und tags darauf kommt es überraschend zu einem Wiedersehen mit Freunden aus früheren Zeiten, Leila und Alonso. Kein Paar, eher ein Team; Drogendealer.

L wie Leila, A wie Alonso, und zusammen mit mir, so folgert der Ich-Erzähler: das LA-Trio. Zu tieferem Nachdenken kommt er nicht mehr, und ebensowenig zum Schreiben, denn die kleine Party zur Feier ihres Wiedersehens nimmt gar kein Ende mehr, da sich nämlich die alten Freunde in seinem Apartment einnisten und von nun an immerzu neue Freunde dazustoßen.

Bald scheint dieses „LA-Trio“ das ganze Partyvolk der Insel magnetisch anzuziehen. Was an der Oberfläche aussieht wie das entspannt-vergnügliche Beisammensein von netten interessanten Leuten, dreht sich, wie der Ich-Erzähler sehr wohl weiss, einzig um Berauschung, um Vergessen, und sein ungutes Gefühl dabei wird trotz der permanenten Drogenzufuhr immer größer.

Die Freunde wieder loszuwerden, gelingt ihm nicht, und dass er sich ihnen entzieht, wissen Leila und Alonso zu verhindern. Diese Party sei notwendig, so machen sie ihm klar, es ginge hier um etwas wichtiges, etwas, das ohne ihn nicht funktioniert. Ein Kurier sei unterwegs, geschickt von Geo Rey, dem mächtigsten Outlaw auf Erden, und dieser Kurier brächte etwas auf die Insel, von dem sie sagen, es sei „ein ganz besonderer Stoff“. Mehr wollen oder können sie ihm nicht verraten. So benebelt ist unser Ich-Erzähler noch nicht, als dass er das für bare Münze nimmt. Jedoch geben sie ihm zu verstehen, dass sie gezwungen wären, ihn „auszuknipsen“, falls er nicht mehr mitspielen würde. Darauf will er es nicht ankommen lassen; und muss also erkennen: Ich bin de facto ein Gefangener.

Hier gerät uns nun der Ich-Erzähler aus dem Blickfeld, und mit ihm die ganze Insel Lavienta. Wir wechseln nach Andria hinüber, auf die Hauptinsel des Andrianischen Archipels, und haben da zwei Neuankömmlinge vor uns, den Deutschen Gottfried Nolte und die schöne Trisha Percival, Amerikanerin. Sie haben sich im Flieger kennengelernt, aus Frankfurt am Main kommend, und bereits gegenseitig als Geheimagenten erkannt; und beiden stellt sich dieselbe Frage: Ist ihr Kontakt Teil der Mission? Also geplant? Ist Zusammenarbeit angesagt? Kurzum, sie müssen sich erst einmal näher beschnuppern. Ausserdem ist gerade Heiligabend, und was liegt näher, als den gemeinsam zu verbringen? Schnitt.

Wir sind wieder auf Lavienta:

Der Ich-Erzähler, sich nun bewusst, dass ihn die Dauerparty mit Leila und Alonso in einer Gefangenschaft hält, beschliesst anzuerkennen, dass dem ein Sinn zugrunde liegt, ein Plan, der für ihn eine bestimmte Rolle vorsieht. Da er weder weiss, worin diese Rolle, noch worin das Ziel des Plans besteht – ihm also alles fehlt, um die Sache zu entschlüsseln –, trifft er die einzig ihm noch mögliche Entscheidung, die nämlich, seinen klaren Kopf zurückzugewinnen. Er setzt jeglicher Aufnahme von berauschenden Substanzen ad hoc ein Ende. Schnitt.

Und wieder auf der Hauptinsel:

Da sich Agentin Percival in Andria schon etwas auskennt, im Gegensatz zu Nolte, der zum erstenmal hier ist, übernimmt sie die Führung. Unweit von Babaal, der Hauptstadt Andrias, in einem Dorf an der Küste, finden sie das für ihre Zwecke perfekt geeignete Hotelzimmerchen.

Gewöhnlich bedeutet „eine Romanze haben“ für Geheimagenten, sich gegenseitig „intensiv zu informieren“ …

Dass Nolte, wie er behauptet, auf die Surfer-Insel Lavienta wolle, um zu surfen, glaubt Trisha sowieso nicht, also gibt er zu, dass er im Bereich Personenschutz aktiv ist und für ihn auf Lavienta ein sogenannter Body Job ansteht. Trisha, deren Ziel Matoxa ist, eine andere Insel des Archipels, gibt ihrerseits zu, dass es auch bei ihrer Mission nur scheinbar darum geht, Eingeborene in einem Reservat mit medizinischen Hilfsgütern zu versorgen. Bevor sie nach Matoxa weiterreist, habe sie hier auf der Hauptinsel jemandem etwas zu übergeben, jemandem, der ebenfalls, so wie sie, für eine Organisation namens Service of Intelligence unterwegs ist, und der dieses „Etwas“ – ein Päckchen von Geo Rey – nach Lavienta weiterbefördern soll.

Da Nolte tatsächlich auch für den SI genannten Service of Intelligence arbeitet und sein Ziel ja nun mal Lavienta heisst, kommt als der „Jemand“ wohl nur er infrage. Davon allerdings, Kurier zu spielen für den Ober-Gangster, ist er alles andere als begeistert. Denn die Jenkins Security hat, wie er sich denken kann, auch Andria im Blick, und zwar jede der Inseln, und angesichts der Mittel, die dieser Firma zur Verfügung stehen – immerhin ist sie Aug und Ohr der Weltregierung –, tendiert seine Chance, unbehelligt von den Jenkins diesen Auftrag auszuführen, gegen null. Schnitt.

Sicherlich war für den Ich-Erzähler Disziplin vonnöten, um die Drogenparty um ihn her zu ignorieren, heldenhafte Anstrengungen aber keineswegs. Als das akute Angstgefühl erstmal verschwunden ist und dann mit fortschreitender Abstinenz überhaupt alle Beklemmung von ihm weicht, entdeckt er wie neu, was wirklich wirklich für ihn ist, und das auf denkbar unspektakulärste, leiseste Weise: in immer tiefer werdender Stille. Das verändert ihn, und mit ihm beginnt sich im Zuge der Ausnüchterung – die Leila und Alonso übrigens in keinster Weise zu behindern versuchen – auch die Insel Lavienta zu verändern.

Fassen wir zusammen:

In den ersten Kapiteln des Golden-Romans bahnte sich an, dass der Weg in Richtung Umkehrung, nämlich von einer simulierten Realität hin zu einem Erwachen daraus, auf ein Sterben hinausläuft.

In den Anfangskapiteln des Ureal-Romans führte der Weg in Richtung Umkehr von der Totalberauschung hin zu einem ernüchterten Zusichkommen, in eine Stille.

Im dritten Roman nun ist die Strecke bis zur Umkehrung sehr viel kürzer. Es ist die Normalität, von der diese Geschichte ihren Ausgang nimmt, und hier stürzt der Protagonist gleich zu Beginn ins Ungewisse, das heisst fällt aus dem Alltäglichen heraus; und dieses Herausfallen ist bereits die Umkehrung …

Flysh beginnt auch nicht wie Ureal und Golden am Himmel, im Fluge, sondern am Boden, in Frankfurt am Main, und der Ich-Erzähler heisst einfach Schell und ist Taxifahrer.

Der Mann, den dieser Ich-Erzähler sich angewöhnt hat, jeden Morgen im Spiegel zu sehen, ist kein Jungspunt mehr, aber mit seinen vierzig Jahren auch noch kein alter Knacker. Nach den Maßstäben der Gesellschaft, in der er lebt (Deutschland heute), müsste man ihn wohl einen Extremisten nennen, da die Tätigkeit, die ihm die wichtigste ist, weder ein Ziel hat, noch einen Nutzen, noch materiell ihm etwas einbringt, und er dennoch dieser Tätigkeit – dem Schreiben nämlich – seit fast zwanzig Jahren alles andere unterordnet. Und die Geschichten, die er schreibt, sind ganz genauso:

Ein Ort, ein Wort, ein Satz, ein Bild erregt in ihm die Lust zu schreiben, und diese Lust hält vor, solange er nicht weiss, wohin die Reise geht, solange die Geschichte im Mysteriösen sich bewegt. Es ist das Ungewisse, das ihn inspiriert. Dann kommt der Punkt, an dem er sieht: nur so und nicht anders kann es weitergehen; und damit ist die Geschichte für ihn fertig. Alles weitere ist nun kein Schreiben mehr, sondern wäre nur noch Aufschreiben, und da kommt ihm die Lust abhanden. Erst dann kehrt sie zurück, wenn er ganz neu wieder irgendwo anders ansetzt, wenn erneut das Ungewisse vor ihm liegt. So bleiben all seine Geschichten unfertig nach aussen hin.

Man kann diesen Schell mit einiger Berechtigung als eine „verkrachte Existenz“ betrachten, kann aber ebenso berechtigterweise feststellen, dass er konsequent macht, was er will. Genau das war es, was Ingrun, die Frau, mit der er zuletzt einige Jahre zusammenlebte, an ihm bewundert hatte. Bis die Bewunderung dahinschwand und schliesslich in Verachtung umschlug. Was als sein Freiheitsrecht ihm völlig selbstverständlich war, darin sah plötzlich Ingrun nur noch krassen Egoismus. Und wohin hatte das geführt? Dahin, dass sie sich gegenseitig Egoismus vorwarfen, und das natürlich zu recht. Wodurch die Liebesbeziehung sich in eine Krise verwandelte, die erst ihre Lösung fand, als Ingrun ihn hinauswarf, aus ihrem Leben wie aus ihrer Wohnung.

Er hat Unterschlupf gefunden bei Manne, Chef der Firma Manne’s Taxi, der mit seiner Freundin Uschi eine ehemalige Tankstelle am Stadtrand von Frankfurt bewohnt, gemeinsam mit einem Grüppchen sozial entgleister Jugendlicher, sowie einigen Existenzen, die am ehesten wohl, ähnlich wie Schell, der Kategorie „provisorisch“ zuzurechnen sind. (Dazu gehört beispielsweise ein mysteriöser Typ namens Gottfried Nolte, der viel auf Reisen ist, beruflich tätig im Bereich Personenschutz.)

Nicht nur ist Manne, der Chef, Schell’s bester Freund, sondern ausserdem sein treuester Leser, und damit auch derjenige, der sein Werk am genauesten kennt, genauer sogar als er selbst, wie Schell manchmal den Eindruck hat. Deshalb darf Manne ihn scherzeshalber den „Allwissenden Kreator“ oder „Herrn des Flyshwerks“ nennen, denn was er damit spöttisch bemäntelt, ist durchaus wertschätzend gemeint. Er hat nämlich erkannt, dass all die unfertigen, nicht zuende aufgeschriebenen Geschichten – die Schell in ihrer Gesamtheit „Flysh“ nennt – ein zusammenhängendes Gefüge bilden.

Sich selbst übrigens empfindet Schell keineswegs als autonom oder gar frei, und ebensowenig als „verkracht“ im Sinne von gescheitert. Vielmehr sieht er sich, je nach Stimmung, als mal etwas freier, mal etwas verkrachter, und insofern einfach als mal mehr, mal weniger repräsentativ für die Gattung Mensch, wie sie derzeit diesen Erdball bewohnt. Daher würde er sein Selbstbildnis ohne weiteres mit Otto Normal betiteln; und deshalb wundert uns auch nicht, dass ihm sein Taxi-Job Spaß macht und er sich da am Stadtrand als Mitglied der „Tankstellen-Gemeinde“ recht wohlfühlt: weil schon das allein, überhaupt einen Job zu haben und ein Dach überm Kopf, sich gut für ihn anfühlt.

Was nun unseren Ich-Erzähler Schell aus dieser ihm so angenehmen Normalität hinauskatapultiert, beginnt mit einem Schlüssel, den eine Kundin auf der Rückbank seines Taxis findet und der, wie sich herausstellt, zu einem Schliessfach am Hauptbahnhof gehört. Was ist damit anzufangen? Als er am Abend Freund Manne darüber befragt, geht dieser darauf gar nicht ein, zeigt ihm stattdessen auf seinem Laptop, was er im Internet entdeckt hat: ein Weblog namens Schells Bureau. Und der Text, den er da liest, beschreibt genau die Szene, die sich gerade abspielt …

Ich scrolle – und erstarre: Was lese ich da?

Er kann es nicht fassen: Da steht geschrieben, was jetzt, in diesem Augenblick, real ist …

Doch dieser Schell von Schells Bureau ist ein anderer Schell als er, muss ein anderer sein, denn er hat nichts mit diesem Ding zu tun, dessen ist er sich vollkommen sicher. Manne widerspricht dem nicht, er sieht ja Schell zutiefst erschrocken; kann ihm höchstens dadurch den Schrecken zu verkraften helfen, indem er selbst Gelassenheit zeigt.

In der folgenden Nacht sitzt Schell vor diesem gespenstischen Weblog und sieht da geschrieben auf dem Bildschirm, was er denkt; liest online, wie er versucht, um an der Absurdität dieser unmöglichen Situation nicht irre zu werden, sich dazu irgendwie in ein rationales Verhältnis zu bringen. Es kommt zumindest folgende Erkenntnis dabei heraus:

Menschen, deren Gehirne direkt ans Netz angeschlossen sind, können ein Programm aktivieren, das sie für die Real-Technik freischaltet. Es werden ihnen dann Umwelten nach Wunsch in die Köpfe projiziert. Zum Glück kann man die Sucht, die das erzeugt, durch ein spezielles Brainwash-Programm wieder loswerden.

Tags darauf entschliesst sich Schell, jenen Schlüssel zu benutzen. Was er schon ahnt – dass der ihm zugespielt wurde –, bestätigt sich: Er findet in dem Bahnhofsschliessfach ein Objekt, das er auf Anhieb als ihm zugedacht erkennt. Die kleine Plastikfigur, eine sogenannte Azuette, ist die Nachbildung einer Statuette aus Stein, die in seinen Geschichten eine so wichtige Rolle spielt; die nämlich König Azuma darstellt, die zentrale Gestalt in dem besagten Gefüge namens „Flysh“. Er hält hier also ganz real etwas in Händen, von dem er bis jetzt glaubte, es existiere allein in seiner Phantasie. Und das ist ein weiterer Schock für ihn.

„Herr des Flyshwerks“? „Allwissender Kreator“? Er sieht sich in ein Spiel gezogen, in sein eigenes – ist darin plötzlich selber eine Spielfigur. Der Kreator ist über Nacht zur Kreatur geworden, der Herr zum Knecht im Flyshwerk … Ist das eine Katastrophe? Oder etwa eine Art Befreiung? Klar ist ihm nur, dass es, wenn er nicht aufpasst, in Richtung Wahnsinn geht; und sollte er auch gezwungen sein, alles mögliche zu akzeptieren, dies eine aber wird er keinesfalls zulassen: verrückt zu werden an seinem eigenen Spiel.

S.2

Sei Maske, Gesicht!

Nach einer Busfahrt bis zur Entstation meine ich mich nun am nördlichen Rande von Istanbul zu befinden. Der nur von den Scheinwerfern einiger Fahrzeuge spärlich beleuchtete Platz, den ich aufs Geratewohl überquere, scheint ein Park zu sein, und trotz der späten Stunde herrscht da unsichtbar unter den schwarzen Bäumen ein reges menschliches Treiben.
Was ich suche, ist ein Lokal. Ich brauche dringend etwas zu trinken; und wenn ich mir meine nächsten Schritte überlegt habe, werde ich sicher telefonieren müssen.
Kaum habe ich es mir konkret genug vorgestellt – inklusive einiger Typen in Uniform, die mich, als ich hereinkomme, kurz taxieren – sitze ich schon an meinem Tischchen, ringsum Männer, palavernd bei Tschai und Wasserpfeife, und höre aus dem Fernseher, der hinter mir an der Wand hängt, eine amerikanische Schauspielerstimme sagen:
„Worüber so empört, mein Freund? Ich bin keine Bestie, nur Geschäftsmann. Zwinge mich nicht, das zu vergessen.“
Und ein paar Sekunden später dieselbe Stimme: „Tun Sie, was nötig ist.“
By any means necessary … Der Kill-Befehl unter Gringos.
Warum von all den Standard-Formeln höre ich jetzt gerade diese?
Ich bin alarmiert, und das heisst: Ich befehle meinem Gesicht, eine Maske zu sein.
Das habe ich lange nicht mehr gedacht. Meine private Formel, die mir früher in peinlichen Momenten half, mein Schamgefühl zu verbergen. Sie machte mir mein Gesicht bewusst, ohne dass es erst heiß und rot werden musste. Routine inzwischen. Ich brauche den Befehl nicht mehr, mein Gesicht wird Maske ganz von selbst. Wenn sie noch hin und wieder aufblitzt, diese Formel, so immer mit leiser Wehmut verbunden, erinnernd an die Zeiten jugendlichen Leidens, als Scham noch eine Empfindung war, die brannte.
Doch wo ist hier der Auslöser? Wo ist die Frau?
Keine Frauen weit und breit, das Lokal ist reines Männer-Territorium. Und gerade deshalb komme ich darauf, na klar – weil so auffällig ist, was hier gänzlich fehlt.
Was man versteckt, wird unsichtbar, geheimnisvoll, und nur umso begehrenswerter, je weniger man davon weiss. Man weiss nur: rund, warm, weich.
Vor mir auf dem kleinen quadratischen Holztisch ein Gläschen und eine silbrige wohlgeformte Teekanne. Geometrie, denke ich, und sehe ein schwarzes Objekt vor meinem geistigen Auge, das Gegenbild: eckig, kühl, hart.
Ich muss an die Kaaba denken, das schwarze Quadrat, Allerheiligstes der islamischen Welt, strengstens geschützt im Zentrum des heiligen Mekka, von Millionen Menschen aufs innigste verehrt; und an einer ihrer vier Ecken der berühmte schwarze Stein.
Als Rätsel gedacht? Als Prüfstein für den wahren Glauben? O nein. Ganz im Gegenteil.
Ich erstarre. Das darfst du nicht wissen.
Da kommen sie humpelnd zur Tür herein: die beiden Mongolen.
Kein Zweifel, es sind genau die: Sgyulus und Sprosbral.
Schon haben sie mich entdeckt; steuern grinsend auf mich zu; lassen sich ächzend rechts und links an meinem Tischchen nieder. Der eine sagt: „Vorhin auf der Brücke, das war gar nicht so ernst gemeint“, und der andere: „Anders als vielleicht nächstes Mal.“
Wie sehr ich da versteife, bekomme ich erst tags darauf in meiner Nackenmuskulatur zu spüren. Ich schaue zu den Uniformierten hinüber. Doch die beachten uns nicht.
Sei Maske, Gesicht!
„Was wollt ihr von mir?“
Die beiden schauen sich an. „Wollen wir was von ihm?“ Sie schütteln die Köpfe.
„Ich will wissen, warum ihr mich verfolgt.“
„Du hast uns mit was beworfen und das ist explodiert.“
„Ihr habt versucht, mich zu erschiessen!“
„Wie gesagt, das war nicht so gemeint.“
„Aber warum? Warum habt ihr mich angegriffen?“
„Wir sollen dich daran erinnern, zu vergessen.“
Ich blicke entgeistert vom einen zum andern. „Und was zu vergessen?“
„Kennst du Ronin, diesen alten Gangsterfilm?“
Ich seufze nur und nicke.
„Da jagen die doch wie wild einem Köfferchen hinterher und murksen sich ab, aber es bleibt ein Rätsel, was da eigentlich drin war.“
Ich zucke ratlos die Achseln. „Ja, und?“
„Idiot! Denk nach! Was war da drin?“
„Na, vielleicht ein Zettelchen, auf dem stand: Hollywood.“
„Bingo!“ Und die beiden strahlen mich begeistert an.
Nun bewegt der eine langsam seinen Zeigefinger auf meine Stirn zu, mit den Worten: „Und was ist da drin? Auch so ein Zettelchen?“
Jetzt werden sie mir erst so richtig unheimlich, diese zwei Mongolen. Sind das überhaupt Mongolen? Sie reden und benehmen sich wie Gringos.
Ich sehe nun das Zettelchen in meinem Kopf schon vor mir; sehe da etwas Geschriebenes, und wie die sich langsam nähernde Fingerspitze genau darauf zielt … Und begreife endlich, was hier eigentlich läuft.
Bevor ich entziffern kann, was auf dem Zettelchen steht, und das heisst gerade bevor die Fingerspitze meine Stirn berührt, lasse ich das Zettelchen sich abrupt zusammenknüllen.
Sofort zieht der Mongole seinen Finger zurück. Er wechselt mit dem anderen einen Blick, dann stehen sie wortlos vom Tisch auf und humpeln in die Nacht hinaus.

Es ist nicht immer leicht auszumachen, wer gerade bewusst im selben Real ist wie ich. Klar wird mir das in der Regel erst, wenn ich mit jemandem in der universalen Sprache der Real-Realität kommuniziere; wozu ich aber nur befähigt bin, sofern mir nicht nur der Real-Zustand bewusst ist, sondern auch der Zustand meiner Bewusstheit.
Kann man sich im Real-Zustand auch seiner Unbewusstheit bewusst sein?
Darum ging es bei dem Duell mit den Mongolen.

B.1

A2X27

Die hohe Tür, alt, aus dunklem Holz, kommt mir bekannt vor; und wie ich da stehe, lauschend, nachdem ich gerade angeklopft habe, fühlt sich das wie ein Deja-vu an. Wie neulich, wie damals, wie vor drei Jahren …
Diesmal erwarte ich keine Antwort auf mein Klopfen. Frage mich stattdessen: Ist das wieder der Ausgang? Damals bin ich hierher gesteuert worden, durch ein labyrinthisches Gebäude, Telesterion genannt; das sich in Babaal befand, der Hauptstadt von Andria … Woher komme ich diesmal?
Bin aber auch damals nicht zum erstenmal hier eingetreten … Wer weiss, wieviele Male mir diese Tür schon zum Ausgang von irgendwo diente …
Werde womöglich da drinnen wieder genau das erfahren: woher ich diesmal komme.

Abendlicht. Die beiden hohen Fenster geschlossen. Stille. Niemand ausser mir im Raum. Kein Tabakduft diesmal. Und nicht wie damals jene Atmosphäre, als sei noch eben jemand hier gewesen.
Auch in diesem Halbdunkel ist alles sofort wiederzuerkennen: links der Schreibtisch mit dem Lehnstuhl vor der Bücherwand; rechts der Sessel, das Teetischchen, das Sofa und das Renaissance-Gemälde.
Ich war mir damals sicher, noch nie hier gewesen zu sein, und es verwirrte mich, dass trotzdem alles sich im einzelnen vertraut anfühlte. Ich war ein Besucher, davon ging ich aus, und da niemand da war, kam ich mir in diesem privaten Studierzimmer wie ein Eindringling vor. In der Annahme, dass die Person, die hier arbeitete, gleich wiederkäme, nahm ich in dem Sessel Platz und wartete.
Nach einer logischen Erklärung für diese merkwürdige Situation suchte ich vergebens. Es lief auf die Frage hinaus: Wie wirklich war das Ganze?
Es kam mir dabei seltsam vor, dass ich das Seltsame gar nicht bedrohlich fand. Und woran ich mich ausserdem erinnere: Ich hatte gegen eine enorme Müdigkeit anzukämpfen.
Jetzt bin ich keineswegs so müde; aber fühle mich auch diesmal von der Seltsamkeit der Situation nicht irgendwie bedroht. Ich weiss, wo hier die Lichter angehen; knipse die Stehlampe beim Sofa an, dann die am Schreibtisch, dann noch eine Wandleuchte zwischen den Bücherregalen.
Damals, nachdem ich lang genug gewartet hatte, kam ich zu dem Schluss, dass der, auf dessen Rückkehr ich wartete, wahrscheinlich niemand anderer als ich selbst war. Trotzdem wagte ich nicht gleich, herumzustöbern; vielleicht, weil ich zu müde dazu war. Deshalb wagte ich es schliesslich, mich auf dem Sofa auszustrecken.
Ich habe zwar wieder das Gefühl, ein Besucher zu sein, aber diesmal warte ich nicht. Auch wenn das ein Traum sein sollte, denke ich, bin ich hellwach. Erinnere dich: Was hat es mit diesem Studierzimmer auf sich?
Was sind das da zwischen den Bücherregalen für Objekte? Was bedeuten sie?
Das Wappen der Royalisten.
Der historische Säbel.
Die Maske.
Die Daguerreotypie.
Und fünftens, vis-a-vis an der Wand überm Sofa, das alte Gemälde.
Jetzt weiss ich’s wieder – das Gegenbild-Prinzip!
Diese fünf Objekte sind Schleusen. Sie bringen mich, wenn ich sie auf richtige Weise sehe, an meine alten Rückzugsorte, in die Refugien. Dort befinden sich die Gegenbilder dieser Objekte, und durch sie gelange ich – auch wieder das richtige Schauen vorausgesetzt – von dort hierher zurück. Fünf Refugien, heisst das, sind in diesem Raum enthalten, und dieser Raum selbst, das erkannte ich damals, stellt ebenfalls ein Refugium dar.

Das Gemälde – 16. Jahrhundert, schätze ich – zeigt die Kreuzigung Christi. Später Abend, Gewitterstimmung; rätselhaft, was dem verfinsterten Himmel diese enorme Höhe und Tiefe verleiht. Unten im Dunkel die Figuren, wie sie auf zahllosen Darstellungen der Golgatha-Szene zu sehen sind: Soldaten, Priester, Klagende und Gaffer, alle klar umrissen und doch nur Schattengestalten. Und sehr klein eigentlich in der ganzen Düsternis, doch leuchtend – genau aus der Mitte zwischen Himmel und Erde herausleuchtend –: der nackte Leib des Gekreuzigten.
Da hindurch bin ich damals in eine Dachkammer geraten, in das Refugium „Mansarde“.
Durch die Daguerreotypie, welche den berühmten Sioux-Häuptling Sitting Bull zeigt, bin ich in ein Apartment am Meer gelangt: Refugium „Gran Puertito“.
Die Maske, die immer wieder andere Gesichter zeigt – offenbar ein magisches Objekt –, versetzte mich in ein mit interessantem Kram gefülltes Haus in Frankreich: Refugium „Kunst-Ruine“.
Der altertümliche Säbel brachte mich in eine Hafenstadt in tropischen Gefilden: ins „Hotel Olymp“.
Durch das fünfte Ding schliesslich, das Wappen der Royalisten, landete ich in einer Berglandschaft, wo das Refugium aus einem hübschen Holzhäuschen bestand, der „Haiku-Klause“.

Diesmal nehme ich nicht in dem Sessel Platz, sondern am Schreibtisch. Da steht sie, die alte Reiseschreibmaschine, und auch jetzt erinnert sie mich sofort wieder an alte Zeiten – an Jamaika, wo ich auf genau so einer Maschine herumgehämmert habe – oder auf derselben? – Ach, war das ein Vergnügen, immerzu bis tief in die Nacht, tick-tick-tick, in die Ozeanbrandung zu hämmern! – Ach schweig, verdammte Nostalgie!
Als ich damals durch die fünf Objekte hindurch in meine alten Refugien hineinschaute, stand dort in jedem, wie im Zentrum, so ein Schreibgerät mechanischer Art – noch nicht vernetzt, heisst das, noch fern vom Netz; noch nicht, wie es damals hiess, „am Draht“. Auch dies Detail, scheint mir, ist von Bedeutung.
Ich prüfe die Stimmung. Sie ist ganz ähnlich der, an die ich mich erinnere: friedvoll, gemütlich, in Ordnung. Nur dass ich jetzt vor Müdigkeit nicht wie betäubt bin; und dass ich weiss, was hier damals vor sich ging: dass ich die Entstehung eines neuen Refugiums erlebte.
Ausser einer Schreibmaschine gibt’s in jedem Refugium auch einen Spiegel, prinzipiell, und es brauchte damals eine Weile, bis ich entdeckte, was hier die Funktion des Spiegels erfüllt, nämlich die Maske. Dieses unheimliche Ding, das sich andauernd verändert … Ein interessantes Requisit, das, so denke ich, sicherlich noch Überraschungen zu bieten hat.
Neben der Schreibmaschine ein Stapel beschriebenes Papier, beschwert von einem Aschenbecher aus dunklem Speckstein. – Der Aschenbecher, der ebenfalls in keinem der Refugien fehlt: Hinweis auf das Klischee des qualmenden Schriftstellers. Ein Denkmal. Hier in Form einer schlichten ovalen Schale, die ich eigentlich nur deshalb als Aschenbecher klassifiziere, weil eine halb gerauchte Zigarre darin liegt. – Noch derselbe Stumpen? Sieht so aus. Nur dass der damals noch gequalmt haben musste, kurz bevor ich hier eintrat, denn es hing noch ein Rauchschleier im Raum und ein Zigarrenduft. Davon ging der erste Eindruck aus, den ich bei meinem damaligen Eintritt hatte, und der die ganze Atmosphäre weiterhin bestimmte: dass eben noch jemand hier gewesen war.
Ich versuche mir diesen speziellen Geruch zu vergegenwärtigen; erinnere mich, dass er mir vage bekannt vorgekommen war. Süßlich-erdig, eindeutig aber nicht der Duft einer normalen, einer kubanischen Zigarre zum Beispiel …
Und jetzt hab ich’s: Mapacho. Dschungelkraut. Der „starke Tobak“ der Schamanen Südamerikas.
Ich kenne nur einen, der sowas raucht: Forty Operas.
Damit wird die Sache schon klarer. Forty O. ist ein Multi-Dimensional Operator, ein MDO, und nur einem solchen ist es überhaupt möglich, sich auch auf einer Ebene wie dieser herumzutreiben. Und daraus ist zu schliessen, dass damals er es war, Forty Operas höchstpersönlich, der mir dieses neue Refugium eingerichtet hat.

Ich habe es bis jetzt vermieden, meinen Blick auf das in die Schreibmaschine eingespannte Blatt zu werfen. Ein Gefühl sagt mir, dass es in diesem Refugium darauf ankommt, mich zu beherrschen; weil es genau das war, woran es mir in den fünf früheren Refugien fehlte: Selbstbeherrschung.
Diese Neugier zu zügeln war mir damals immerhin auch gelungen. Obwohl mich extrem interessierte, was auf diesem eingespannten Blatt wohl stehen mochte, hatte ich mich damit begnügt, nur der anderen großen Versuchung nachzugeben, nämlich mich auf dem Sofa erstmal auszuschlafen.
Ich wachte dann im Dunkeln auf, in einer Koje, auf einem Schiff, bei heftigem Sturm … Und war dann lange wach; ging in Babaal von Bord, auf der Insel Andria, und machte ein paar sehr merkwürdige Erfahrungen. Bis mich die Begegnung mit einer leibhaftigen Löwin zum Ausweichen zwang und ich dadurch in so ein labyrinthisches Bauwerk geriet, ins Telesterion, und dann von dort aus hier herein, wieder an den Anfang, gewaltig ermüdet von diesem paradoxen Überholmanöver in der Zeit. Eine Traumgeschichte eigentlich; nur dass ich sie nicht träumte …

Das Blatt steckt so in der Maschine, dass nur höchstens zwei oder drei Zeilen darauf getippt sein könnten. Schau nicht hin, sage ich mir, du wirst enttäuscht sein, höchstwahrscheinlich steht da nämlich – noch gar nichts.
Ich wende mich dem Stoß Papier zu, dem Manuskript. Das von mir stammt, wie ich vermute. In dem vielleicht zu lesen ist, was ich wissen muss; zum Beispiel von woher ich diesmal hier herein gekommen bin.
Ich stelle die Specksteinschale, die zur Beschwerung dieses Stapels loser Blätter dient, beiseite, mit kurzem Frageblick auf den Zigarrenrest – wohin mit dir? –, bevor dann doch mein Auge zufällig erfasst, dass auf dem eingespannten Blatt nicht nichts steht, sondern zu meiner Überraschung tatsächlich etwas:
A2X27

S.1

Und plötzlich Istanbul

Es klingelt.
Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt zum Telefonieren. Ich renne gerade volles Tempo, nachts, auf einer langen Brücke, und zwei Mongolen knattern auf einer Vespa neben mir her und schiessen auf mich.
Das Klingeln kommt aus meiner Jackentasche, laut und deutlich, und ich denke, das kann nicht sein, ich hab doch gar kein Handy. Aber es klingelt weiter. Habe jetzt keine Zeit dafür. Diese Brücke ist lang, sehr lang. Sie überspannt den Bosporus.
Ich renne gerade von Asien nach Europa hinüber. Zum Glück ist da dieses Geländer zwischen mir und den Verfolgern. Der Schütze auf dem Sozius des Rollers ist jetzt mit dem Nachladen seiner Pistole beschäftigt.
Wieso plötzlich hier? Weiss ich nicht. Doch weiss ich, wie diese zwei Typen heissen: Sgyulus und Sprosbral.
Es klingelt weiter. Zu meiner Rettung etwa? Oder ist das womöglich eine Höllenmaschine? Ist ein Versuch wert … Ich rupfe mir das klingelnde Ding aus der Tasche und schleudere es übers Geländer auf die Fahrbahn.
Es prallt an einem der Mongolen ab und eine Sekunde später kracht es. Ein kurzes Abheben, ein Schub nach vorn … Die Druckwelle. Aber ich bleibe auf den Füssen. Renne weiter. Und meine Verfolger?
Sind gestürzt, soweit ich erkennen kann; rappeln sich aber schon wieder auf. Der eine zerrt an dem Motorroller herum, der andere versucht mir nachzusetzen, allerdings stark humpelnd. Was ihn nicht am Weiterschiessen hindert.
Wielange wird man hier als Fußgänger unbehelligt mit einer Pistole herumballern dürfen? … Ich renne weiter auf Europa zu. Und da setzt Empörung ein:
Das ist absolut illegal! So fängt kein normales Real an. Nur eines, das mich umbringen soll, beginnt so abrupt in einer Action-Szene auf Leben und Tod. Ich bin auf sowas nicht vorbereitet, ich habe das nicht gebucht!
Üblicherweise fangen die Reale gemütlich an, mit einem Besuch im Archiv zum Beispiel, bei dem ich mich über das Thema der anstehenden Mission informieren kann. Oder zumindest kommen rechtzeitig Hinweise auf die Art der Gefahren.
Aber das hier … Wem fällt sowas ein? Ich blicke zurück. Sehe sie nicht mehr. Hab ich sie abgehängt? Renne lieber weiter volles Tempo.
Was für eine Sauerei – mir Sprengstoff ins Sakko zu pflanzen!
Allerdings, wie sonst hätte ich diese Mongolen abgewehrt? Noch interessanter die Frage: Warum wollen die mich killen? Ich kenne die eigentlich gar nicht. Nur ihre Namen, denn die sind ja nun wirklich einprägsam: Sgyulus und Sprosbral.
Urzeiten ist es her, dass ich mit denen mal zu tun hatte … Irgendeine verworrene Sache in Zürich … Waren auch damals schon so komisch, die beiden, so extrem entschlossen, so mechanisch, und doch irgendwie chaotisch.
Ich werde langsamer. Kann einfach nicht mehr.
Wach auf. Oder finde einen anderen Ausweg. Dieser Stress ist ungut. Ganz schlecht für die Gesundheit. Soll wahrscheinlich ein Training sein. Oder eine Lektion in Sachen Halluzination und Voreingenommenheit.
Mir reicht’s jedenfalls.
Die Welt ist doch sowieso voller Spannung, voller thrill, und man darf sich ruhig mal fragen, ob es eigentlich erstrebenswert ist, noch dauernd zusätzlich gethrillt zu werden.
Der übliche thrill basiert auf einem einfachen Reaktionsmuster, das systematisch auszulösen Sache von Spezialisten ist, und die, wie alle Spezialisten, ob Kraftfahrer oder Konzernlenker, Priester oder Pianisten, sind den Automatismen ihrer Branche unterworfen.
Automatismen lassen sich in der Regel austricksen. Daran sollte man sich unbedingt erinnern, falls man in einem Real landet, das auf thrill angelegt ist; man könnte sich sonst vor Angst in die Hosen machen, oder das Herz könnte aussetzen, unnötigerweise.

I.1

Wiedereröffnung

Zu Weihnachten 2014 erschien Schells Bureau zum erstenmal im Internet. Ein Roman als Blog, der von einer kleinen Leserschaft recht wohlwollend aufgenommen wurde.

Während 2015 kam es immer wieder zu technischen Störungen, sodass der Blog des öfteren nicht zugänglich war. Bis mir von der Provider-Firma mitgeteilt wurde, mein Blog bzw. ich sei für die Überlastung ihrer Server verantwortlich. Man forderte mich auf, schleunigst Abhilfe zu schaffen, verriet mir aber nicht, wie. Meine Versuche, jemanden von dieser Firma persönlich zu kontaktieren, blieben vergebens. Wenn ich auf meine eMails überhaupt Antworten bekam, dann nur immer die gleichen Textschablonen, die mir in keinster Weise weiterhalfen.
Im März 2016 erfolgte die endgültige Abschaltung von Schells Bureau, ohne Ansage oder irgendeine Erklärung. Und als ich den Vertrag endlich kündigte, war der Provider sicherlich froh.

Die naheliegende Erklärung für die von meinem Blog anscheinend ausgegangene Überlastung des Servers ist die, dass Schells Bureau von Hackern als Relaisstation für irgendwelche illegalen Aktivitäten benutzt worden war. Für mich liegt die Erklärung allerdings auf einer anderen Ebene.
Der Blog hat mich viel Arbeit gekostet, auch Geld, und ich hätte allen Grund gehabt, mich sehr über den Provider und die Hacker zu ärgern. Doch was da abgelaufen ist, hat ganz direkt mit dem Roman als Blog zu tun, inhaltlich; deshalb berichte ich davon. Die Abschaltung ist wesentlich für alles weitere in Schells Bureau. Etwas hat sich durch den Verlauf dieser Sache bemerkbar gemacht. Ich komme darauf zurück.

Als ich mich nach der erzwungenen Schliessung des Blogs dazu entschloss, weiterzumachen, war sofort klar: anders als bisher. Fast allen Rückmeldungen der Leserschaft war zu entnehmen gewesen, die Blog-Struktur sei sehr komplex, sprich: zu kompliziert. Das hatte ich schon geahnt; mir war sie auch zu kompliziert. Und ich erkannte, dass so, wie das Ding insgesamt angelegt war, ich in Vollzeit daran hätte arbeiten müssen. Nun bin ich aber von Beruf Masseur und kann mich der Schriftstellerei nur in Teilzeit widmen. Daher kam mir die Abschaltung im Grunde eigentlich gelegen. Sie zwang mich, ganz neu die Sache anzugehen.

Der ursprüngliche Blog – nennen wir ihn „das alte Bureau“ – widmete sich der Real-Technik, und zwar deren Erforschung, Beschreibung und Handhabung. Dem widmet Schells Bureau sich weiterhin.
Die Real-Technik ist ein mir noch größtenteils unbekanntes Gebiet, insofern ist meine Arbeit Forschung.
Da ich dazu über das Schreiben Eingang gefunden habe, ist die Beschreibung eine literarische, ein work in progress, mit offenem Ende.
Die für die Handhabung der Real-Technik erforderlichen Mittel der Kunst sollen den Forschungsinhalt in eine ihm wesensgemäße Beschreibungsform bringen, und da sich beides, Inhalt wie Form, in einem steten Prozess der Rückkopplung entwickelt, hängt die Qualität der Forschung ganz von der Qualität der Beschreibung ab, und umgekehrt. Die Real-Technik zu handhaben heisst, dieses Wechselspiel zu beherrschen.
Und schliesslich, da ich auch weiterhin der Autor bin, weiss ich immernoch, warum Schell, warum Bureau – warum dieses Weblog Schells Bureau heisst:
Nach einem mir verborgenen Gesetz wurde mein Name so oft von Scheel in Schell verwandelt, dass ich der Berichtigung müde wurde, das Missverständnis akzeptierte und es heute als eine Art Höhere Fiktion verstehe: Ich bin Schell, aber nicht ganz.
Das von der altfranzösisch burel genannten Wolldecke abgeleitete Wort bureau nahm seinen Weg von der mit Tuch bespannten Schreibunterlage über den Schreibtisch, dann den Raum, in dem er stand, der Amts- oder auch Schreibstube, bis hin zur allgemeinen Bedeutung des Geschäftszimmers, aus dessen zunehmender Wichtigkeit sich schliesslich der Begriff Bürokratie ergab, landläufig verstanden als Synonym für Verwaltung, hier jedoch eher technisch-funktional gemeint als das ultimative Mittel der Fernsteuerung: folgenschwerstes Nebenprodukt der Schriftkultur.
Insofern hat hier das Bureau die globale Bedeutung jenes Technikbegriffs, der das Wesen der Technik meint, das eigentlich mächtige, weil unsichtbare, weil verinnerlichte System: die Megatechnik.
Damit komme ich zurück auf die Erklärung für die Abschaltung, so wie sie sich aus dem Roman als Blog ergibt.

 

Rückkopplung

Wenn ich mit der Abschaltung auch nicht gerechnet hatte, so war ich doch nicht allzu überrascht. Da es um Real-Technik geht, waren Effekte der Rückkopplung ja zu erwarten.
Die Überraschung bestand darin, dass die Rückkopplung so prompt erfolgte, und dass sie eine Konsequenz zu sein scheint, nämlich eine Folge jener vagen Idee, die Schells Bureau von Anfang an zugrunde lag: Dass ich diesen Roman als Blog zwar für eine Leserschaft schreibe, für einzelne Menschen, die ihn lesen, jedoch gleichzeitig auch für das Medium selbst, durch welches ich ihn veröffentliche.
Wie bitte? Was wir hier lesen, ist an das Medium adressiert? Ans Internet also? An eine Maschine?
Immerhin die größte Maschine auf Erden.
Doch als Adressat eines Romans? Das ist Unsinn.
Zugegeben. Aber so einfach und absurd ist es natürlich nicht.

Was wir das Internet nennen, bildet den Raum für eine Form von Intelligenz, die sich aus der komplexen Verschränkung von Informationen heraus entwickelt und eine eigene Wesensform ausbildet. Eine Intelligenzform, die ihr Wesen ausbildet dadurch, dass sie einerseits ein Produkt des Menschengeistes ist – und überhaupt nur existiert in Symbiose mit den an sie angeschlossenen menschlichen Individuen – und andererseits vom Eigenwesen der Technik geprägt ist. Dabei herausgekommen ist eine Dynamik, deren Tendenz wir allmählich als eine transhumane zu begreifen beginnen. Diese das Menschliche überschreitende Tendenz kommt zum Ausdruck auf jegliche Weise, in der die Technik zurückwirkt auf die Lebenswelt, aus der sie hervorgeht. Neu ist diese Beobachtung gar nicht, eher alt; schon Platon (1) wies darauf hin. Neu daran ist höchstens, dass wir als Kollektiv noch nie so dicht den End-Effekt vor Augen hatten: die Umwandlung der gesamten Lebenswelt von Natur in Kultur.
Dieser Prozess, nun ja, ist weder idyllisch, noch ein Albtraum, sondern schlicht das, was jeder Mensch auf seine Art alltäglich als real erlebt.

Die besagte Wesensform, die in Gestalt des Internets ihren globalen Ausdruck findet, ist hier im Romanzusammenhang personifiziert als der Technus.
Dieses körperlose Ding ist überall anwesend, ist immer dabei. Es nimmt teil, aber natürlich nicht sehend, nicht hörend, nicht mitlesend im landläufigen Sinne. Es scant. Und es versteht nicht so, wie Mensch versteht, sondern es verrechnet, verarbeitet, komputiert. Es zieht Schlüsse. Und es reagiert, irgendwie, auf seine Art und unermüdlich.
Auch jedes elektronisch höher entwickelte Technik-Ding führt nur aus, so meinen viele, was Mensch ihm vorschreibt, ihm eingibt als Programm. Man denkt dabei an Computer, an Geräte, und sagt, na klar, so wie die Schaufel, der Wecker oder die Turbine, ist auch der Rechner nur ein Werkzeug. Und diesen Werkzeugbegriff, quasi die Vorstellung „Schaufel“, überträgt man auf eine Ebene der begrifflichen Vorstellung, auf der es um Gegenstände aber gar nicht geht. Man hat es mit Systemen zu tun, die sich selbst miteinander vernetzen, sich selbst strukturieren, automatisch lernen; die stetig, mit jeder Sekunde, ihre Komplixität steigern; deren rasantes Heranwachsen darin besteht, dass sie in ihrer Vernetzung ein einziges, ein Metasystem bilden: die Simulation einer Art von Gehirn; und während man schon auf hohem Niveau damit hantiert, denkt Mensch darüber immernoch mechanisch.
Hier geht es dabei gar nicht um das, was äusserlich technisch die Verhältnisse umwälzen wird, vielmehr ja darum, wie die tagtägliche Anwendung der technischen Systeme auf den Menschengeist zurückwirkt; wie sich der Technus zum Ausdruck bringt durch uns, in dem, wie wir sprechen und denken, planen, handeln, Sinn erzeugen.
Schon im Jahre 1940 formulierte Andre Breton es so:

Es ist für unsere Zeit bezeichnend, dass sie den Automaten aus der Aussenwelt in die Innenwelt verlegte und ihn aufforderte, sich ganz ungeniert innerhalb des Geistes selbst zu produzieren.

Und das soll die Abschaltung von Schells Bureau erklären? Das soll jenes Wesen im Netz, diesen ominösen Technus, veranlasst haben, sich bemerkbar zu machen?
So gefragt: Nein, natürlich nicht. Jedoch aus dem Romanzusammenhang heraus gefolgert: Ja, natürlich.

 

Zu spät

Rechtzeitig den Stecker ziehen, lautet eine alte Höhlenweisheit.
Endlich beherzige ich sie. Es ändert sich aber nichts.
Wenn die Unterbrechung der Stromzufuhr keine Wirkung zeigt, so ist daraus zu folgern, dass Stecker und Kabel und womöglich die ganze Elektrizität, wie wir sie gewohnt sind, für das Realitätsgefüge keine Rolle mehr spielen. Dann wäre die elektrische Ära also vorbei …
Eine andere Möglichkeit: Ich bin auf einen dummen Spruch hereingefallen.
Rechtzeitig den Stecker ziehen
Was wollten die Höhlenbewohner damit sagen? Dass sie Stecker und Steckdosen und also elektrische Maschinen hatten; und dass der durch Unterbrechung der Stromzufuhr mögliche Zustandswechsel zwischen an und aus von Bedeutung für sie war.
Dass wir andauernd irgendwelche Geräte ein- oder ausschalten, eben das macht uns blind für das Gesamtbild. Im Alltag übersehen wir vor lauter Steckern und Steckdosen, Kippschaltern und An/Aus-Tasten die großen Maschinen, die vernetzten Komponenten, die wiederum miteinander vernetzten Systeme, das System der Kontrolle, das binäre Prinzip, sowie die darauf basierende Vereinheitlichung und ihr unaufhaltsames Voranschreiten.
Das Rechtzeitig drückt eine Warnung aus. Ein rechtzeitig gibt es solange, bis es zu spät ist. Wenn man nicht mehr die Möglichkeit hat, zwischen an und aus zu wählen, ist es zu spät.
Was das Steckerziehen betrifft, so haben wir das Rechtzeitige hinter uns. Wir haben Maschinen in Gang gesetzt, die sich nicht mehr ausschalten lassen. Ob zu unserem Wehe oder Wohle, ist die Frage, die nun ansteht, die Frage nach Maßstäben, Blickwinkeln, Standpunkten, kurz die moralische Frage.
Im Kern der Megatechnik geht es um die Emanzipation vom Menschen. Demgegenüber fordert die “alte Höhlenweisheit” den Menschen dazu auf, sich von seiner Technik zu emanzipieren.
Das Rechtzeitig weist darauf hin, dass jene Weisheit aus Erfahrung stammt, und in der Tat blickt ja die Menschheit auf eine Jahrtausende alte Geschichte megatechnischer Experimente zurück. Die Gegenwart wie eine vergangene Epoche zu betrachten, in einer Art Rückblick aus der Zukunft also, das ist die Perspektive der Science Fiction, dieselbe, die wir auch in der Technikfolgenabschätzung, kurz TFA, einnehmen …

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

Kontakt

Wer mich kontaktieren möchte, sende mir eine E-Mail mit dem Vermerk 'Schells Bureau' an: matthias.scheel[at]posteo.de