Der Autor

S.6

Wasser denk ich

Warum hier in Istanbul? Das ist die Frage, auf die ich mich zu konzentrieren versuche. Denke jedoch immer nur: Wasser; wieder und wieder, und zwar nur das Wort: Wasser.
Das Wort kommt mir vor wie das Tor zu einem Gedanken, der mir mit jeder Wiederholung dieses Wortes größer, umfassender, immer unfassbarer erscheint.
Ich liege bis zum Hals im Wasser, rücklings auf einer breiten gekachelten Stufe in einem großen Becken, und das Wasser ist so heiss, dass es dampft.
Ich kam ja schon sehr müde in dieses Türkische Bad, und jetzt, gründlich gereinigt, die Haut noch prickelnd nach einer rabiaten Bürstenmassage, bin ich dermaßen schläfrig, dass es auch sein könnte, ich träume hier nur, dass ich Wasser denke.
Und schrecke auf: Wo bin ich?
Jetzt habe ich wirklich geträumt, und zwar dass ich in einem Auto aufwache. Das stillsteht. Inmitten einer riesigen Herde blökender Schafe. Den Mann neben mir, den Fahrer, kenne ich. Will ihn etwas fragen. Ob das hier ein Wachtraum sei. Bekomme aber den Mund nicht auf. Er wirft mir einen Blick zu und streckt beide Zeigefinger aus; führt den einen an die Lippen – sag nichts! – und schreibt mit dem anderen in die Luft: etwas, das ich eben noch verstanden habe, jetzt aber, da ich erneut aufwache, nicht mehr verstehe.
Du liegst im Wasser, alles gut …
Wasser: es kommt dem, was ich meine, sehr nahe, ist aber nicht, was ich eigentlich meine … Oder doch, ja, es ist die stoffliche Entsprechung dessen, was ich meine, das sichtbare Gegenstück zu einem Unsichtbaren. Das heisst, wenn dieses Unsichtbare ein Aussehen hätte, ein physisches, sähe es wohl wie das Wasser aus … Doch nein, falsch gedacht! Nicht wie, es sieht nicht aus wie Wasser. Es nimmt in der stofflichen Welt diese Form an, es ist das Wasser, und als solches nimmt es alles auf, bewegt alles, ist in allem, was lebt, anwesend …
Na klar, was ich meine … Nur will es mir nicht einfallen. Egal, ob ich will, es will nicht. Und dafür hat es seine Gründe. Denn es ist nicht dumm. Und stärker als ich.

Halb träumend, halb bewusst sehe ich mich wieder auf die Bosporus-Brücke versetzt, gejagt von den zwei Mongolen auf dem Motorroller. Was war davor? Die Gedächtnislücke. Was verbirgt sie mir? Was darf ich nicht wissen?
Und wie weit kann ich gefahrlos zurück in meiner Erinnerung, um an den Punkt zu gelangen, wo beginnt, was ich nicht wissen darf?
Und was ist es, das mich daran hindert, mich zu erinnern?
„Intrusion Counterattack Equipment. I.C.E., von Kryptologen kurz Ice genannt.“
Ach, sieh an, da ist er wieder … Sie schon wieder, Ladenheuser? Jetzt bin ich mir aber sicher, dass ich träume. Allerdings höre ich nur Ihre Stimme.
„Gut. Wie es aussieht, ist der Traumkanal noch zu gebrauchen. Ob auch noch unmanipuliert, können wir aber nur hoffen. Allerdings bin ich nicht der, als der ich Ihnen erscheine. So wie Sie nicht der sind, Schell, der Sie zu sein glauben.“
Ich denke, ich weiss, was er meint. Mal bin ich dieser Schell, mal jener. Ich habe zwei Schells zur Auswahl.
„Auch drei von Ihnen reichen nicht, solange Sie glauben, Schell zu sein.“
Aber der bin ich nun mal …
„Sie werden sehen, es geht weiter.“
Wie war das? Intrusion
„… Counterattack Equipment. Eine autoaktive Software. Sehr aggressiv.“
Die diese Lücke in meiner Erinnerung verursacht? Software? Kaum zu glauben.
„Sie schottet einen Teil Ihrer Erinnerung vor Ihnen ab. Und zwar effektiv. Das ist Super-Ice, keine Chance, das zu knacken.“
Verstehe. Die Sache mit dem Zettel, mit der Kreissäge im Kopf … Bis ich ohnmächtig wurde. Und dann, noch schlimmer, die Dunkelheit und der Gestank …
„Und vorher? Fing es nicht damit an, dass auf Sie geschossen wurde? Sie erwähnten zwei Mongolen.“
Sie meinen, auch das war so ein Angriff von Ice?
„Ja, eine noch vergleichsweise harmlose Angriffsform. Sie müssen wissen: Jedesmal wenn Sie versuchen, in Ihre Erinnerungslücke einzudringen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dabei draufgehen. Dieses Ice soll Eindringlinge nicht nur abhalten, es ist darauf angelegt, sie zu vernichten; und mit jedem Versuch, es zu überwinden, lernt es dazu. Da es als Programm ja keine physischen Mittel hat, wird es Sie dazu bringen, sich selber auszuknipsen.“
Also sollte ich es lieber nicht noch einmal provozieren … Doch jetzt mal Klartext, Ladenheuser: Wie soll ich weitermachen, und mit was, wenn ich nicht weiss, warum ich hier bin? Worin besteht die Mission?
„Es gibt sie noch gar nicht. Sie haben Ihre Mission selbst zu bestimmen – sagte ich das nicht schon? Bringen Sie sich über die Runden, das dürfte zur Zeit genug Mission sein.“
Unmöglich also, in meine Gedächtnislücke einzudringen?
„Unmöglich, genau. Das müssen Sie akzeptieren.“
Das bedeutet, ich habe ohne einen Grund für mein Hiersein auszukommen …
„Zimmern Sie sich etwas zurecht, das zumindest vorläufig einen Sinn ergibt.“
Sehr witzig. Okay. Nur eines noch, Chef – Sie sagten: solange Sie glauben, Schell zu sein. Wer sollte ich sonst sein?, frage ich Sie.
„Nun, das ist jetzt die interessante Frage. Nur leider müssen wir ein andermal darauf zurückkommen, denn es wäre gut, wenn Sie jetzt wach würden – und bitte umgehend.“
Worauf ich es schaffe, meine Augenlider soweit aufzustemmen, dass ich in den Dampfschwaden vor mir zwei Gestalten erkenne, runde Schädel auf mächtigen Schultern, mongolische Gesichter: Ach nein, nicht die schon wieder, Sgyulus und Sprosbral
„Halluzination und Voreingenommenheit. Begreifen Sie das, Schell? – in Ihrer Sprache: Lug Imago und Maya Tongue.“
Sie halten jeder einen Dolch in der Hand und grinsen, und ich weiss, dass ich immernoch nicht aufgewacht bin. Sie nähern sich, durch das Wasser zwar gebremst, aber unaufhaltsam, und zwingen mich aufzuwachen …

Aus dem alten Byzanz wurde Konstantinopel, die zweite Metropole der frühen Christenheit, das Gegenzentrum zu Rom; über Jahrhunderte Schauplatz diverser Konzile, zu denen die Bischöfe zusammenkamen, um vor allem die Heilige Dreifaltigkeit zu diskutieren, denn die warf immer wieder die schwierigsten Fragen auf … Geht es darum? Ist die Trinität hier Thema? Soll ich mich etwa mit Glaubensfragen befassen? Hatte Ladenheuser deshalb Schelling ins Spiel gebracht?
Und schliesslich hatte er auf das Lug Imago und die Maya Tongue hingewiesen; hatte die mit Sgyulus und Sprosbral gleichgesetzt, mit Halluzination und Voreingenommenheit …
Na klar: Das Lug Imago lässt mich halluzinieren, die Maya Tongue macht mich voreingenommen.
Und drittens? Denn diese zwei – Prinzipien? Kräfte? Geistwesen? Was sind sie denn eigentlich? – gehören jedenfalls einer Dreiheit an, das heisst bilden zusammen mit der Nominah eine Triade. So nennen wir sie: Triade. Und die, würde ich sagen, steht doch wie gegensätzlich zur christlichen Trinität, ja ist geradezu das Gegenbild zu Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Was aber der Triade hier zu ihrer Vollständigkeit fehlt, ist das dritte Prinzip, die Nominah … Oder erkenne ich nur ihre Anwesenheit nicht?
Denk an Lavienta: wie dir da per Traumkanal das LA-Trio angekündigt wurde. Erstmal dachtest du an drei Leute aus Los Angeles. Bis sich herausstellte, dass das Trio aus Leila, Alonso und dir selbst bestand. Typisch Traumkanal, exakt wie jedes echte Orakel, nur exakt auf andere Weise als man zunächst denkt.
Wenn Sgyulus hier das Lug Imago verkörpert und Sprosbral die Maya Tongue, dann wäre die Triade vollständig, wenn die Nominah durch mich … Doch welchen Sinn ergäbe das? Wer oder was ist die Nominah? Welche Rolle spiele ich in dieser Gleichung?
Merk dir die Frage!
Dann wieder nur der Wassergedanke, das heisst ich bin wieder am Einschlafen.
Also beende ich das Bad. Lust, eine zu rauchen? Ja, schon wieder. Aber wo hier Zigaretten herkriegen? Egal, bräuchte jetzt sowieso eher eine Mahlzeit. Doch bin ich immernoch so müde, und bevor ich mich zu überhaupt etwas aufraffe, frage ich erstmal einen der jungen Angestellten: „Wo kann man sich hier, äh …“
„Hinlegen? Hier lang, Effendi …“

B.4

Beppo’s Gebärde

Des Imperators Weisung folgend, hatte er Schells Bureau also geöffnet, dabei sich seines Herzschlages bewusst, und gelesen, was da geschrieben stand unter dem Titel Dem Machtwort auf der Spur.
Leere danach; nur Leere.
Kann man sagen, dass einen Leere erfüllt? So nämlich fühlte es sich an.
Es war am frühen Abend gewesen. Er hatte den Rechner ausgeschaltet, das Licht gelöscht, und war durch den verschneiten Hof zum Hauptgebäude hinüber gegangen. In der großen Küche saßen einige der Mitbewohner beim Essen und führten, wie üblich in beträchtlicher Lautstärke, irgendeine Debatte. Er sah sich da hereinkommen; sah sich denen, die ihn bemerkten, zunicken; sah sich am Herd etwas auf einen Teller füllen und sich dazusetzen.
Und alles spielte sich in besagter Leere ab.
Er sah sich da sitzen und essen; sah sich dann auf einem der Sofas in der Fernseh-Ecke ein Bier trinken; und hörte aus seinem Mund, als man ihn ansprach, ein paar freundliche Redewendungen.
Er hatte keine Gedanken, dafür eine noch nie so klare Wahrnehmung der einzelnen Details, aus denen sich die Welt um ihn herum zusammensetzte. Und die ganze Zeit war er sich der Leere bewusst.
An dem Morgen darauf, als er sich mit einem Becher Kaffee an den Tisch setzte und den Rechner startete, hatte er das Gefühl, etwas habe sich grundlegend verändert.
Er klickte Schells Bureau an und es hiess: Vorübergehend nicht verfügbar.
So so, hatte er nur gedacht und sich kaffeeschlürfend der Leere überlassen.
Das Maßlose dieser Leere erfüllte ihn mit Bewunderung, und er verstand: Das war, was der Imperator mit Stille gemeint hatte.
Und sie war geblieben, diese Stille; während der Stunden, die er mit dem Taxi herumgekurvt war, danach beim Jogging, und den ganzen Abend über.
Auch am nächsten Tag blieb Schells Bureau „vorübergehend nicht verfügbar“.
Beim Abendessen sagte Manne zu ihm: „Schells Bureau lässt sich zur Zeit nicht öffnen.“
Schell nickte. „Ich weiss. Vor zwei Tagen bin ich da rein und hab was gelesen. Dem Machtwort auf der Spur. Seitdem ist das Ding gesperrt.“
Manne sah Schell eine Weile versonnen an. „Dieses Machtwort-Kapitel habe ich auch gelesen. Und ich ahne es schon: auch das war nicht von dir.“
„Du sagst es.“
Worauf ihn Manne wieder eine Weile schweigend anschaute. „Es ist also immernoch so? Da erscheinen Texte in diesem Blog, die nur du geschrieben haben kannst – die du aber nicht geschrieben hast?“
„Exakt.“
„Was dir völlig real erscheint, doch nicht real sein kann, und dich deshalb an den Rand des Wahnsinns treibt.“
„Ja, habe ich dem Machtwort-Kapitel auch so entnommen: dass ich wohl kurz vorm Durchknallen war.“
„Höre ich da etwa Ironie heraus?“
„Tja, Manne, was höre ich heraus, wenn du mich Herr des Flyshwerks oder Allwissender Kreator nennst?“
Sie schauten sich über ihre Teller mit Spaghetti hinweg forschend in die Augen.
„Okay, Schell. Ironie beiseite. Für mich bist du jedenfalls der Autor. Nachdem ich das Machtwort-Kapitel gelesen habe, ist mir das nur umso klarer. Es passt hundertprozentig zu deiner desolaten Verfassung in letzter Zeit. Es stellt doch ziemlich übersichtlich den ganzen mentalen Tumult dar, mit dem du dich herumschlägst. Was du Uschi und mir davon erzählt hast – vor allem das mit dem dauernden Herzrasen –, hat uns einigermaßen bedenklich gestimmt.“
„Denke ich mir. Tut mir leid. Wahrscheinlich musstet ihr euch fragen, ob ich für den Taxi-Job überhaupt noch tauge.“
„Wir kamen zu dem Schluss, dass die tägliche Routine dich stabilisiert.“
„Das tut sie. Das Alltägliche hilft am allerbesten. Diese Abende in der Küche unter Menschen. Aber auch, dass ich mit euch darüber reden konnte, über das Unerklärliche, diesen ganzen Tumult, hat mir geholfen, nicht durchzuknallen.“ Er hielt inne. „Glaube ich jedenfalls, dass ich nicht durchgeknallt bin.“
„Glaube ich auch. Und ich staune. Du wirkst inzwischen cool.“
Worauf Schell für eine Weile schwieg. Unmöglich zu reden von der maßlosen Leere, die ihn ergriffen hatte.
„Wie ich es sehe,“ fuhr Manne fort, „bist du mit deinem Tumult deshalb klargekommen, weil du ihn in Worte gefasst hast. Das Machtwort-Kapitel war deine Selbsttherapie.“
„Ach, weisst du, ist man nur lange genug kurz vorm Durchknallen, gewöhnt man sich daran. Jedenfalls hat die Sache inzwischen keinen Einfluss mehr auf meine Pulsfrequenz.“
„Man könnte auch sagen, du hast es als das durchschaut, was es ist – ein Spiel.“
„Ein Spiel?“
„Das du mit dir selber spielst.“
Stimmte das? Hatte er das vergessen? Und war das nicht eigentlich – egal? Schell guckte fragend.
„Du hast etwas in Gang gesetzt“, sagte Manne, „und das ist, was läuft.“
Lange Pause daraufhin.
Schell starrte Beppo an, der gerade den Tisch abzuräumen begann.
„Sehe ich richtig? Beppo? Mitten in diesem Getümmel?“
Sein Autismus hatte es Beppo bisher nicht erlaubt, sich derartig normal zu verhalten.
„Ausser mir scheint sich niemand darüber zu wundern …“
„Weil es schon nichts neues mehr ist“, sagte Manne. „Du hast wohl in letzter Zeit auch manch anderes nicht mitgekriegt …“
„Erklär mir erstmal das mit Beppo.“
„Eurythmie. Seit ‘nem Jahr etwa bringt Uschi ihn jede Woche zu einer Heileurythmistin. Keine Ahnung, was die mit ihm macht, jedenfalls scheint es irgendwie seinem Autismus entgegenzuwirken. Zwar sagt er noch immer nicht viel, beziehungsweise nichts, aber inzwischen isst er hier abends mit uns.“
„Das ist – fantastisch!“
„Sensationell, allerdings. Doch Uschi findet das völlig normal.“
„Ist es gar nicht, meinst du? Ein Wunder sozusagen, dass das dem Beppo hilft?“
„Na ja, weit ab von dem zumindest, was die offizielle Medizin für Autisten parat hat. Ich meine, wer hat schon von Eurythmie gehört? Uschi hat mir erklärt, was das ist, und auch, wie es als Therapie funktioniert. Nur habe ich’s nicht ganz kapiert, muss ich zugeben, und zwar wie Uschi meint: weil ich schon mein Leben lang so ein Kung-Fu-Freak bin.“
Da lachte Schell. „Hey, apropos – wir haben uns schon lange nicht mehr geprügelt.“
Manne, zurückgelehnt, legte sich beide Hände auf den Bauch: „Jederzeit, junger Freund. Nur bitte jetzt nicht.“
Manne war Anfang zwanzig gewesen, als Schell, noch Schüler zu jener Zeit, ihn kennenlernte. Wie schon vor über zwanzig Jahren so ein gewisses Grinsen in seinen Augen typisch für ihn gewesen war, eine unergründliche Mischung aus listiger Durchtriebenheit und treuherziger Unschuld, so reizte wie damals schon seine merkwürdige, an die Popkultur der 1960er erinnernde Haarpracht, die ihm topfartig auf dem Kopf saß, auch heute noch zum Lachen.
Seine gedrungene Statur hatte mit den Jahren eine gewisse Behäbigkeit angenommen, die erstaunlicherweise aber seine geschmeidige Art sich zu bewegen durchaus nicht minderte; was wohl daher kam, dass er jeden Tag Kung Fu trainierte.
„Sag mal, Manne, wie hast du damals Schells Bureau überhaupt gefunden?“
„Um mich auf dem Laufenden zu halten, lasse ich mir von den Kindern hin und wieder zeigen, was sie gerade spielen. So habe ich von Matoxa gehört, vom Service of Intelligence, von Flysh und so weiter. Das sind spezielle Reality-Spiele, die miteinander zusammenhängen, und zwar indem sie alle eine Verbindung zu Schells Bureau haben. Was mir allerdings nicht aufgefallen wäre, da dieser Zusammenhang den Kindern anscheinend gar nicht bewusst ist. Sciffi hat mich darauf aufmerksam gemacht.“
„Der Reggae-Typ?“
Manne nickte. „Was für die Kids nur Spiele sind, ist für gewisse Leute was ganz anderes. Meint Sciffi.“
„Und das erzählst du mir erst jetzt?“
„Weil du gefragt hast. Weil ich mehr darüber auch noch nicht weiss. Weil Sciffi immer so auf ‘ner Meta-Ebene unterwegs ist. Versuch den mal auszuquetschen …“
Diesen Sciffi, auch wenn der hier des öfteren zu Gast war, kannte Schell nur flüchtig. Ein hagerer junger Rastafarianer mit langen Dreadlocks und dem Gesicht eines indischen Asketen. Ausser dass er einer Reggae-Band angehörte, wusste Schell lediglich, dass Manne gern mit ihm über Science Fiction fachsimpelte und dass seine Besuche meistens auch etwas mit Cannabis-Lieferungen zu tun hatten.
Reality-Spiele, die über Schells Bureau irgendwie miteinander verbunden waren?
Schell staunte vor sich hin. „Ich bin sowas von ahnungslos … Ob du’s mir glaubst oder nicht, Manne, ich weiss nicht einmal, was überhaupt Reality-Spiele sind.“
„Glaub ich dir. Glaube aber auch, dass du es nur deshalb nicht weisst, weil du es nicht wissen willst. Und womöglich gehört das dazu – zu dem level, meine ich, auf dem du spielst.“
Ich spiele nicht, dachte Schell, und sagte „Wie auch immer“.
Während er Beppo beim Hantieren an der Spülmaschine zusah, hatte er das Gefühl, wie nach langer Zeit zurückgekehrt zu sein. Das Ereignis erschien ihm in weite Ferne gerückt.
Wie angenehm es hier ist, dachte er. Wie zuhause.

Diese große Wohnküche im Hauptgebäude ist das Zentrum der Tankstelle. Die Räume dahinter bewohnen Barumiru, der Mechaniker, und Drita, seine Frau, sowie drei von den Jugendlichen, den sogenannten Schwererziehbaren. Im Obergeschoss wohnen Manne und Uschi mit den Kindern: dem gemeinsamen Töchterlein und den Söhnen von Uschi, sechzehn- und achtzehnjährig; deren Vater, ein Künstler, auch auf dem Gelände haust, in einer Garage, die er zum Atelier umfunktioniert hat. Des weiteren wohnen, auf die Nebengebäude verteilt, noch vier weitere junge Schwererziehbare auf der Tankstelle, sowie ausser Schell und dem erwähnten Beppo noch ein gewisser Raschid, Marokkaner, und eine Hippie-Dame, Lady Rainbow genannt. Zuletzt ist noch an jenen Gottfried Nolte zu erinnern, der einen der Wohnwägen auf der Wiese hinterm Schrottplatz bewohnt, sehr oft aber auf Reisen ist.
Abends in der Küche, auch wenn nur selten alle zum gemeinsamen Essen da sind, ist Chaos der Normalzustand, und sich darin zu entspannen, bedarf es überdurchschnittlicher Nervenstärke. Entsprechend hatte Schell, als er vor bald zwei Jahren hier eingetaucht war, eine Weile gebraucht, diese chaotische Geselligkeit schätzen zu lernen; nämlich bis er begriffen hatte, worum es hier eigentlich geht.
Nicht nur ist diese Tankstelle ein Unterschlupf für gesellschaftliche Randgestalten, sondern vor allem ein Ort, an dem es jenen „schwererziehbaren“ Jugendlichen möglich wird, sich selber soweit ernst zu nehmen, dass sie es schaffen, aus ihren Karrieren als Problemfälle auszusteigen und sich von der staatlichen Fürsorge abzunabeln. Niemand versucht sie hier zu erziehen, niemand stellt ihnen Bedingungen. Dafür, dass Manne und Uschi ihnen diesen Ort bieten, mietfrei, haben sie sich lediglich an das Toleranzgebot zu halten, und das ist, weil natürlich Streitigkeiten an der Tagesordnung sind, allen geläufig, diese einzige Regel nämlich: Jeder ist okay. Wer diese Regel missachtet, ist nicht okay und fliegt raus.
Schell vermutet, dass hier das Zusammenleben deshalb so gut läuft, weil die Wesensart, die Manne und Uschi gleichermaßen auszeichnet – sie sind zwanglos, großzügig, hilfsbereit –, irgendwie auf die ganze Tankstellengemeinde abfärbt. Weshalb vermutlich auch die Firma Mannes Taxi gut floriert. Denn besagte Wesensart scheint sich irgendwie auch den Geschäftspartnern, den Fahrern und den Kunden mitzuteilen. Irgendwie? Nein. Das Gesetz, nach dem das funktioniert, ist das Gesetz der Resonanz.
Ausser den vier Autos, die den regulären Taxibetrieb bestreiten, sind zwei Luxuslimousinen für Stammkunden im Einsatz, sowie das sogenannte Retro-Taxi, das Schell meistens fährt: ein gut erhaltener schwarzer Heckflossen-Mercedes aus den 1970ern, den Manne, als er noch im Haschisch-Handel tätig war, beim Pokern gewonnen hat. Und dass diese Flotte stets bestens in Schuss ist, verdankt sich dem Werkstatt-Team, bestehend aus Barumiru, einem unkomplizierten Alleskönner aus Rumänien, und Beppo, dem stummen Elektronik-Genie.
Zwar liesse der Betrieb sich ohne weiteres vergrößern, doch haben Manne und Uschi beide nicht die Neigung, sich zu überarbeiten, und sind der Meinung, was der Laden einbringt, reicht. Daher auch die Regelung, dass wenn sie die Arbeit im Büro satt haben, Funk und Telefon einfach umgestellt werden auf die Zentrale eines anderen, größeren Taxi-Unternehmens, über welche generell auch der Nacht-Service von Mannes Taxi läuft.

In der mit Gerätschaften für Krafttraining und Kampfsport ausgestatteten ehemaligen Lkw-Werkstatt, schlicht der „Schuppen“ genannt, war es kalt. Schell wärmte sich mit Seilspringen auf, bevor er sich die Hände bandagierte und am Sandsack weitermachte.
In jungen Jahren war er im Boxverein gewesen und die Grundlagen des klassischen Boxens hatte er noch intus. Doch bevor er damit vor kurzem wieder angefangen hatte, trainingshalber, hatte er rund fünfzehn Jahre gar nicht mehr geboxt, und insofern nahm er sich selbst als Kampfsportler nicht eigentlich ernst im Vergleich zu Manne und Nolte.
Nolte war Kickboxer und als solcher auf hohem Niveau, soweit Schell das beurteilen konnte, und für Manne war ja Kung Fu so etwas wie ein way of life. Beide – Nolte, wenn er nicht gerade verreist war – trainierten hier jeden Tag, und von den Jugendlichen konnten alle, die Lust dazu hatten, mittrainieren und sich gezielt auch etwas beibringen lassen.
Während Schell gegen Manne immer wieder gern ein Kämpfchen wagte, auch wenn klar war, dass er keine Chance hatte, je eins zu gewinnen, hätte er es nicht gewagt, Nolte herauszufordern. Wenn Manne sich das gelegentlich getraute, so nur deshalb, weil er sicher sein durfte, dass Nolte sich ihm gegenüber genauso zurückhielt, wie er seinerseits sich Schell gegenüber zurückhielt.
Als Manne in den Schuppen kam, pfiff Schell die Erkennungsmelodie jener alten Fernseh-Serie, durch die das Kung Fu in den 1970er Jahren der Jugend in den westlichen Ländern bekannt wurde; sein inzwischen übliches Zeichen, dass er auf einen Kampf aus war. Manne half ihm, die Boxhandschuhe zu verschnüren – er selber benutzte nie welche –, und los ging’s.
Eine Runde dauerte bei ihnen solange, bis Schell auf irgendeine Weise zu Boden ging oder vor lauter effektlosen Schlagkombinationen so ausgepumpt war, dass er aufgeben musste. Selten schaffte er mehr als drei Runden, und während ihm das alles abverlangte, was er an Kondition hatte, war Manne kaum mehr als eine etwas vertiefte Atmung anzumerken. Und wenn es ihm sogar gelang, den einen oder anderen Treffer zu landen, so war klar, dass Manne das nur zuliess, um ihn dadurch bei Laune zu halten. Hätte Schell also ernstlich einen Ehrgeiz gehabt, hätten diese Kämpfe ihn reichlich frustriert.
Als sie nach der ersten Runde pausierten, sagte Manne: „Ich werd aus dir nicht schlau, Alter. Du wirkst inzwischen so beherrscht. Als sei für dich der ganze Spuk mit Schells Bureau schon irgendwie vorüber. Mich, ehrlich gesagt, beschäftigt das tagtäglich.“
Schell nickte erstmal nur vor sich hin. Dann gab er zur Antwort: „Ich weiss nur, dass der Schell, den du hier ‘rumboxen siehst, der Taxifahrer, zu eingeschränkt ist, zu begrenzt, zu klein, um zu begreifen, was durch das Ereignis in Gang gekommen ist. Doch haben seine vergeblichen Versuche, es zu begreifen, zu einem Resultat geführt: Er hat sich an die Beschränktheit seines Verstandes gewöhnt. Das Nichtbegreifen ist für ihn nicht mehr der Ausnahmezustand, sondern Normalität. Eine etwas andere als seine bisherige Normalität. Es ist da eine Distanz entstanden, und das jedenfalls kann er dir verraten: diese Distanz macht echt einen Unterschied.“
„Verstehe. Er spricht von sich selber in der Dritten Person Singular, das heisst: sieht sich als jemand anderen.“
Identifiziert sich also nicht mehr mit dem Protagonisten seiner Story, dachten sie beide, ohne es auszusprechen – oder genau anders herum: ist mit diesem Protagonisten jetzt etwa erst recht identisch?
Schell schlug seine Handschuhe gegeneinander. „Komm, machen wir weiter!“
Diesmal vermochte er seine Konzentration ziemlich lange aufrechtzuerhalten, bis Manne ihn mit einem Fußfeger zu Fall brachte.
Während er sich von dieser zweiten Runde erholte, nutzte Manne die Pause für ein paar Muskeldehnungen und fragte schliesslich: „Reicht’s dir eigentlich gar nicht hier? Ich meine, wird dieses Frankfurt dir nicht langweilig? Man könnte sich vorstellen, dass du mal ‘ne Abwechslung vertragen könntest.“
„Verstehe ich, worauf du anspielst?“
„Du bist doch früher viel gereist. Jetzt bist du ewig nicht mehr weg gewesen. Ob es dir nicht gut täte, frage ich mich, dein Einsiedlerleben hier mal zu unterbrechen?“
Schell nickte. „Habe ich mich auch schon gefragt. Man bräuchte allerdings das Bedürfnis, ein gewisses Fernweh oder so. Wenn ich aber in den Himmel schaue, die vielen Flugzeuge sehe, mir die ganzen Leute vorstelle, wie sie überall Urlaub machen …“
„So gesehen, klar. Doch man kann ja auch noch anders verreisen.“
„Ach, Manne.“
„Denk einfach mal drüber nach. Und dass es jedenfalls nicht am Geld scheitern sollte. Uschi hatte nämlich die Idee: Lass uns dem Schell ‘ne Reise spendieren, und die Idee ist einfach gut, finde ich.“
„Blödsinn. Ich hätte genug Geld, um zu verreisen.“ Schell schlug eine Gerade in Richtung Mannes Kopf, so ansatzlos wie ihm nur irgend möglich, und Manne, mit einem Minimum an Bewegung, wich ihr aus und grinste. „Denk trotzdem drüber nach.“ Und damit widmeten sie sich der dritten Runde.

Schell, als er später mit dem Taxi unterwegs war, stellte sich die Erdkugel vor; rief sich die Kontinente vor Augen, die größten Gebirgsketten und Flüsse, die Umrisse von verschiedenen Ländern und Inseln, und liess seinen Blick aus der Vogelperspektive über Landschaften, Küsten und Städte schweifen, die ihn besonders interessierten. Von vielen Gegenden hatte er nur sehr vage oder auch gar keine Vorstellungen, und von sehr vielem, was er bildlich vor sich sah, wusste er sofort, dass es klischeehaft war, veraltet, beschönigt, aus Fotos und Filmen hervorgegangen, und garantiert nicht der gegenwärtigen Realität entsprach. So aber wie in meiner Vorstellung, dachte er, gefällt mir unser Globus ganz gut …

Als Uschi sich abends in der Küche zum Essen neben ihn setzte, deutete er ihren fragenden Blick so, dass er sagte: „Ich ziehe es in Erwägung. Denn mal wieder zu verreisen, warum nicht? Aber da ich ja Geld verdiene, wie ihr wisst, und meine Ausgaben minimal sind, habe ich genug, um eine Reise selber zu bezahlen.“
„Verstanden“, sagte Uschi. „Sehe dich sowieso nicht im Orient Express oder einem Palace Hotel; eher im Kaukasus bei irgendwelchen Ziegenhirten am Feuer.“
„Ja, das könnte mich schon reizen …“ Er schaute zu Beppo hinüber. Der saß da zwischen Barumiru und Drita wieder ganz normal beim Essen, und Schell staunte aufs neue.
„Unglaublich“, sagte er zu Uschi, „ich war die letzten Monate sowas von weggetreten, dass ich tatsächlich bis gestern Abend nicht bemerkt habe, dass Beppo inzwischen hier wie selbstverständlich mit am Tisch sitzt.“
„Na ja, noch nicht so ganz wie selbstverständlich. Du wirst schon mitbekommen, wie er manchmal, wenn’s ihm zuviel wird, so eine bestimmte Gebärde macht, um sich zu beruhigen, oder auch abrupt einfach verschwindet.“
„Meinst du das da?“
Beppo hatte sein Essbesteck niedergelegt und hob langsam beide Hände bis in Brusthöhe, und hielt sie ausgebreitet, die Innenflächen nach unten, so als würde er etwas großes rundes halten, einen Ball etwa, und ihr Zittern dabei wirkte wie durch eine Überanstrengung hervorgerufen.
Uschi sagte leise: „Er hat irgendwie gespürt, dass wir über ihn reden. Glaube ich zumindest. Und jetzt siehst du’s … Ich finde, er drückt damit aus: Alles too much.“
„Ja“, entgegnete Schell, ebenfalls leise, „als hätte er unserem Planeten die Hände aufgelegt, und die zittern deshalb so, weil die ganze Erdkugel dermaßen am Vibrieren ist.“
„Und er muss das alles halten …“
Dem geht’s wie mir, dachte Schell. Wenn ich an das Ereignis denke und mit einer einzigen Gebärde ausdrücken sollte, wie sich das anfühlt, käme nur diese, Beppo’s Gebärde, infrage.
Uschi: „Wenn er das macht, ist ihm gerade bewusst geworden, dass er es hier und jetzt mit uns allen zusammen nicht mehr lange aushält. Du wirst sehen, gleich verzieht er sich.“
Und so war’s.
Wie wenn Barrieren, dachte Schell, die man nie bemerkt hat, plötzlich wegfallen und sich so etwas wie eine Totalerfassung unaufhaltsam anbahnt. Nichts läuft mehr schön der Reihe nach, man muss alles gleichzeitig erfassen. Als hätte man alles auf einmal vor sich. Nichts gegen so eine große Zusammenschau, sofern man sie kontrollieren kann. Doch wenn sie unkontrolliert über einen hereinbricht?
Das war es ja, was Schell sich während der letzten Monate beigebracht hatte: sich von solchen Zuständen der Zusammenschau nicht überwältigen zu lassen, sondern jedesmal, wenn sie zu einem übergroßen Alles-auf-einmal anzuwachsen drohten, einen Schlusspunkt zu setzen, indem er sich auf das Machtwort konzentrierte. Könnte doch sein, dachte er, dass wenn Beppo dergleichen ähnlich so erlebt, seine Gebärde auch diese Funktion hat: ihn vor der Überwältigung zu schützen, vorm Durchknallen …

Rund um den langen Tisch voller Teller und Töpfe gingen wie immer Gespräche und Gewitzel durcheinander; niemand sonst schien von Beppo Notiz genommen zu haben, auch Drita nicht, neben der er gesessen hatte; die lebhaft die ganze Zeit zur anderen Seite hin auf Manne einredete, der ihr zuhörte und nur hin und wieder nickte. Wie Uschi erläuterte, versuchte Drita mal wieder, Manne für ihre Pläne zu begeistern, wie sie den kleinen Gemüsegarten, den sie auf dem Gelände hinterm Schrottplatz angelegt hatte, zu vergrößern gedachte. „Letztlich will sie ein Gewächshaus, glaube ich.“ Und Schell fand: „Gute Idee.“
Sie hatten fertig gegessen und Uschi, während sie sich eine Zigarette drehte, sagte: „Du guckst irgendwie so, weiss nicht … fragend. Als ob du dich die ganze Zeit wunderst.“
„Hm, ja … Manne zum Beispiel.“ Der alte Kiffer …
„Was ist mit dem?“
„Habe ihn den ganzen Abend noch gar keinen Joint rauchen sehen.“
„Weil er mit dem Kiffen aufgehört hat.“
Schell schaute sie groß an; dann zu Manne hinüber, sprachlos.
„Ach. Das hast du auch nicht mitgekriegt?“
Schell kopfschüttelnd: „Unglaublich.“
„Tja, Schell, die Sache mit dir, dieses Internet-Ding, was du das Ereignis genannt hast, das hat auch den Manne ganz schön durchgeschüttelt; und er ist davon immernoch ziemlich irritiert; fast schon paranoid manchmal.“
„O je. Dann ist jedenfalls gut, dass er nicht mehr kifft.“
„Kann man wohl sagen. Und du selber?“
„Ein Bier. Eins. Ist, was ich höchstens noch vertrage. Und mal ‘ne Zigarette vielleicht.“
Worauf sie ihm ihren Tabak rüberschob.
„Danke“, sagte er. „Und danke überhaupt.“
Sie winkte ab; zündete ihre Selbstgedrehte an, dann schaute sie suchend umher. „Hast du Rex gesehen?“
Rex! – Schell zutiefst bestürzt: Wann hatte er den guten alten Rex zum letztenmal bewusst wahrgenommen? Das musste Monate her sein! Er bückte sich, um unterm Tisch nachzusehen. „Rex … Ja, verdammt, wo ist der?“
Rex war eigentlich immer in der Küche, wenn hier was los war.
„Zu uns nach oben, die Treppe rauf, schafft er es inzwischen nicht mehr“, sagte Uschi, „und an manchen Abenden bleibt er neuerdings auch lieber drüben im Büro liegen.“
Also ging Schell da noch rüber, wenig später, bevor er sich in seine Bude zurückzog, und hörte auch gleich das wohlbekannte Geräusch, wie der greise Rex, auf der Seite liegend, mit dem Schwanz, statt zu wedeln, gemächlich auf den Boden klopfte. „Hey, Alter“, Schell ging in die Hocke, „bin von weit, weit weg wieder zurück“, und kraulte ihn bedächtig.

S.5

Intrusion Counterattack Equipment

In dem Durchgang zur Küche, wo ich vom Festnetztelefon aus in Hongkong angerufen hatte, war es noch leidlich hell gewesen. Dann in dem Flur, aus dem die Melodie erklang, hatte die Helligkeit kontinuierlich abgenommen.
Dass dieser Flur zu einem Fahrstuhl führte, überraschte mich einigermaßen, und ich zögerte. Doch eindeutig kam das Liedchen da heraus. Also trat ich ein, und stutzte: keine Knöpfe oder Tasten, nichts dergleichen. Da hatte sich die Tür schon geschlossen und die kleine, schummrige Kabine sich ruckelnd in Bewegung gesetzt. Aufwärts? Abwärts? Liess sich nicht bestimmen. Und das nächste kennen wir: meinen Besuch bei Ladenheuser.
Danach ging die Fahrt im Aufzug einfach weiter, diesmal ohne Melodie. Diese hörte ich erst wieder, als die Kabine stillstand und die Tür sich zu einem Kellergewölbe öffnete.

Zur Linken eine schmale Steintreppe, hinaufführend zu einem Mauerbogen, durch den ein wenig Licht herabfällt. Dort hinaufzusteigen wäre mir zwar lieber, doch höre ich eindeutig, dass die Melodie aus diesem sehr dunklen Gang kommt, der hier nach rechts abzweigt.
Die Anspannung hat nachgelassen, stelle ich fest. Der Kontakt zu Ladenheuser, der so plötzlich – wie, weiss ich nicht – zustande kam, hat bewirkt, dass ich mich sicherer fühle. Höchstens könnte mich beunruhigen, dass die Verbindung auch so plötzlich wieder abriss.
Noch zaudernd davor, in dieses Dunkel einzutreten, frage ich mich: Muss ich denn da unbedingt hinein? Doch von da kommt die Melodie – und was bringt’s, die Notfall-Nummer anzurufen und dann der Anweisung nicht zu folgen? Los, Feigling, vertraue!
Wenn ich wenigstens ein Feuerzeug … Weil heute jedes Handy auch Taschenlampe ist, kennt kaum noch jemand diesen Riesennachteil des Nichtrauchens: dass man kein Feuer mehr zurhand hat. Da ich das witzig finde, scheine ich mich ungeachtet der Umstände doch zu amüsieren.
Da sind Stufen nach unten, nur ein paar, dann geht’s geradeaus, sehr langsam natürlich, mit größter Vorsicht, und zwar auf nassem Untergrund, wie ich besorgt feststelle. Meine Hand spürt links eine kühle feuchte Mauer, etwas glitschiges, algenartiges – und da, uh – Fell! –, ich zucke zurück. Stehe erstarrt. Ratten? Muss es ja wohl hier geben, logisch. Und womöglich Fledermäuse. – Du hast doch wohl nichts gegen Fledermäuse? Natürlich nicht; nur wo sie hausen, ist mir ungemäß, entsetzlich und zuwider, und das wirft nun mal die Frage auf, was mich denn zwingt, diesem Liedchen weiter zu folgen. – Du zwingst dich. Auf dass dich so ein Schreck nicht abschrecke.
Aber ich sehe nichts – gar nichts. Was, wenn ich hier vor einem Abgrund stehe? Zum Beispiel direkt über einem schlammigen Abwasser voller Krokodile? In so einem Finstern einfach weiterzutappen, ist doch idiotisch riskant! – Und was, wenn es eine Prüfung ist? Wenn hier dein Mut auf die Probe gestellt wird?
Jetzt trägt der Luftzug auch noch üblen Geruch heran … Leider genau aus Richtung der Melodie. Also schön flach atmen, und weiter!
So karibisch unbeschwert ist das endlose Liedchen – geradezu duftend nach Früchten, nach Meer, die Stimme wie schläfrig lächelnd, wie eine Umarmung –, dass es hier wie der reinste Hohn klingt und mir schon auf die Nerven geht.
Was erwarte ich denn, wohin es mich führt? Ich stelle fest: nur weg. Eine Fluchtbewegung. Ich bin am Abhauen, und das heisst, was mich treibt, ist Furcht. Furcht wovor?
Ich taste mich weiter voran, sehr vorsichtig, Zentimeter um Zentimeter.
Und da plötzlich sehe ich, wie mit einer Art Nachtsicht-Optik, und zwar eine Tür, eine spezielle, die mir bekannt vorkommt; von der ich weiss, man darf sie nicht öffnen; und der Anblick versetzt mich in einen bestimmten Keller; und ich kenne auch die sogenannte Fabrik, zu der dieser Keller gehört; und von wegen Erinnerungslücke – alles ist da, nur in codierter Form, in einer Art Bilderschrift, und in der lese ich, dass diese verbotene Tür mir genau jene Erinnerungslücke, auf die es ankommt, verschliesst.
Über der Tür steht jedesmal, wenn man an diese Stelle kommt, ein anderer Spruch, diesmal aber nur das Wörtchen: sprich – und ich ziehe schnell, bevor ich vornüber ins Leere kippe, den Fuß zurück, wie auch meine Hand, bevor sie den imaginären Türknauf ergreift.
Speaklet the wind speak (2) … Etwas dringt zu mir durch, Fetzen von Erinnerung wehen da heran, und der Wind und diese Fetzen haben mit Lavienta zu tun. Und da schlägt eine Welle von Gestank über mir zusammen. Ich halte mir die Nase zu, doch bringt das leider gar nichts. Es wird nur schlimmer.
Kaum habe ich die künstliche Nachtsicht als Täuschung durchschaut, ist alles wieder schwarz um mich, finster, und zwar absolut.
Irgendwo höre ich es tropfen … Und da blubbert was … Und die Melodie, diese kleine Endlosschleife, wenn auch weit entfernt inzwischen, nervt mich kolossal.
Ich fühle Schwindel. Weil ich orientierungslos bin. Und wegen der stinkenden Gase.
Furcht vor der Aufgabe! – Das ist, wovor du abzuhauen versuchst: die Aufgabe.
Okayokay – sprich!
Was dir aufgegeben ist, kannst du nicht vermeiden. Es verfolgt dich, solange du fliehst, und irgendwann wird es dich stellen. Das ist Programm. Gesetz. Karma.
Also stelle ich mich lieber gleich selbst. Ist das die Aufgabe?
Sobald du die Verantwortung erkennst – und zwar jetzt –, bist du auch fähig, sie zu tragen. Du bist jetzt also verantwortlich. Für alles, was passiert. Kapiert? Es geht nicht mehr um dein Vergnügen, um gute Unterhaltung, oder einfach nur ums Durchkommen.
Um was also?
Dreh die Fluchtbewegung um: statt weg vonhin zu!
Sind, äh, Sie das, Ladenheuser?
Keine Antwort. Na, egal, hätte ja sein können, dass sich hier der Chef zum Eingreifen veranlasst sieht – bevor ich gleich in Ohnmacht falle. Denn wie’s hier stinkt, ist ja gar nicht mehr auszuhalten – und wird noch immer schlimmer! Wie kann sich sowas überhaupt noch steigern? Kurzum, ich muss hier raus.
Einer der besagten Erinnerungsfetzen betrifft meine Kleidung, nämlich den Exoot. Hatte glatt vergessen, dass ich ja diesen Spezialanzug trage. Dabei hat mir das Ding wahrscheinlich die Verbindung mit Ladenheuser ermöglicht. Und es erklärt, warum ich einen als Handy getarnten Sprengsatz in der Tasche hatte, just als ich ihn brauchte. Und warum ich Real Speak beherrsche. Wieso also finde ich keinen Leuchtstift in der Tasche? Weil ich noch nicht danach gesucht habe.
Der Exoot ist klassische MoTech: alles daran ist ausser dem, wonach es aussieht, noch etwas anderes. Doch woraus nach diesem Prinzip jetzt gefälligst ein Leuchtstift werden sollte, bleibt leider ein simpler Kugelschreiber. Was soll das? Hat jemand von aussen eingegriffen? Wer könnte Zugang zur Steuerung …
Leider weiss ich ja immer noch nicht, wie es inzwischen um das Real-Gefüge bestellt ist. Oder gehört das zu dem neuen Level, von dem Ladenheuser sprach? Dass man hier vielleicht ganz regulär den Eindruck hat, das Regelsystem sei gestört? Könnte ja sein, dass es auf dieser Schwierigkeitsstufe gerade darauf ankommt, ein insgesamt beschädigtes Gefüge zu meistern. Was wahrscheinlich nur zu schaffen ist, indem man an die Steuerung herankommt; die sich allerdings ausserhalb befindet …
Ich sollte lieber … falls ich das Bewusstsein verliere …
Ich lasse mich mit den Knien auf den nassen Beton nieder; taste mit den Fingerspitzen den Boden vor mir ab, während der Brechreiz zunimmt, das Würgen mir … die Kehle … immer stärker zuschnürt … und denke: Das ist sie doch, die berühmte ausweglose Situation. Hier gibt’s eigentlich nichts mehr zu tun. In solchen Fällen neigen Menschen zum Gebet. Aber bei diesem Wahnsinnsgestank …
Wie die Wahnsinnskreissäge vorhin … Fing mit Papiergeknister an, wurde lautes Geraschel, dann anschwellend zu einem Getöse, das sich solange steigerte, bis es mir als hochfrequentes Sirren schier den Schädel sprengte. Und zwar als ich mich zu erinnern versuchte. Als ich mich auf die Erinnerungslücke konzentrierte … Weil ich mich erinnerte?

Ich muss kurz ohnmächtig gewesen sein – oder länger? Auf! Steh auf! Hier herumzuliegen ist – was? Ist das –? Ich war bei dem Versuch, auf die Beine zu kommen, ins Schwanken geraten und meine im Dunkeln herumfuchtelnde Hand hatte zufällig etwas gestreift, klack!, worauf es hinter mir hell geworden war. Nicht sehr hell. Eine einzelne trübe Funzel in dem schmalen Gang, den ich gekommen bin; der hier, wo sich der Lichtschalter befindet, zuende ist.
Was ich vor mir erkenne, scheint ein Hinterhof zu sein; unbeleuchtet; nur soviel sehe ich, dass da Holzplanken liegen, auf denen man ihn durchqueren kann. Es stinkt schlimm, sehr schlimm, bestialisch; eine Steigerung nicht vorstellbar. Atmen nicht mehr möglich. Das Schwindelgefühl nimmt zu. Also Beeilung! Der Lichschimmer aus dem Kellergang hinter mir muss reichen.
Ich schwanke drauflos.
Von wegen Planken – das sind nur morsche Bretter, sie brechen fast, und dann tatsächlich: ein Fuß bricht durch, versinkt in einem Schlick, und der schnelle Ruck, mit dem ich ihn herausziehe, kostet mich den Schuh. Über was für einen Giftbrei – will ich gar nicht wissen! Ich sehe mich schon umkippen, vergast, und in dieser Kloake untergehen. Das gibt mir den Schub, den ich für die letzten Meter noch brauche.
Ein paar Stufen aus Metall zu einer Steintreppe hinauf, die uralt ist, ausgetreten, feucht und glatt, sodass ich hier den noch verbliebenen Schuh zurücklasse und in Socken weiterhaste, und zwar immernoch ohne zu atmen.
Schwach beleuchtete Gänge, teils aus altem Gemäuer, teils betoniert. Dann Wände aus gestapelten Kisten, Berge von Säcken, Paletten voller Kanister, und ein Zeichen überall, eine Art Siegel auf all den Behältern – doch vor allem fällt mir auf: kein Gestank mehr!
Treppen hinauf, und ich atme, beglückt, und bemerke, dass ich die Melodie gar nicht mehr höre. Habe ich sie verloren? Bin ich falsch gelaufen? Oder einfach angekommen, wo sie zuende ist, erlöst.
Es sind jetzt alle möglichen Geräusche zu vernehmen, ein Gemenge aus Stimmen, Gedudel und Motorengebrumm. Und zwei Ecken weiter bleibe ich unter einem Torbogen stehen, vor mir eine ziemlich leere Halle. Eine Markthalle ohne Markt, gesäumt von lauter kleinen Läden, die fast alle geschlossen sind. Ein paar Alte, die an Backgammon-Tischen sitzen. Eine Gruppe verschleierter Frauen, die am Boden hockend irgendwas sortieren. Diverse über Smartphones gebeugte Individuen. Ein Esel, reglos stehend. Tauben hier und da.
Es überkommt mich Müdigkeit. Sagen wir – hoffen wir –, das Gefüge hat sich stabilisiert; ist wieder berechenbar; erlaubt wieder eine gewisse Planung. Ein Hotel finden und schlafen. Ausschlafen. Neue Schuhe besorgen. Abreisen.
Ich wende mich nach links, bewege mich an den geschlossen Geschäften entlang, folge einem Duft nach Kaffee und frischem Brot.
Abreisen? Nach wohin denn?
Ich steuere einen der Läden an, und zwar einen bestimmten, wie mir gerade bewusst wird, und es ist keiner, in dem’s Kaffee gibt oder Brot. Ich bücke mich, um unter dem nur halb heraufgezogenen Rollladen hineinzuschauen.
Wände aus gestapelten Kartons, im Hintergrund eine Büroecke in blassem Neonlicht, und dort – kann ich’s glauben? – Ladenheuser.
„Sind Sie das, Schell? Herein mit Ihnen!“
Ich nähere mich vorsichtig, skeptisch. „Ich sehe Sie, aber …“
„Nehmen Sie doch erstmal Platz.“
Ladenheuser wie immer hinterm Schreibtisch, er nickt in Richtung eines Schemels, und ich prüfe dessen Echtheit, bevor ich mich setze.
„Das Bild wirkt ziemlich echt, muss ich zugeben …“
„Aber?“
„Dass Sie hier sind, glaube ich trotzdem nicht.“
„Es reicht, wenn wir uns einig sind, dass diese Kommunikation echt ist.“
Ich nicke. Doch traue ich ihm? Da bin ich mir nicht sicher. „Diese Ebene ist mir – sehr fremd. Blicke hier kein bisschen durch. Womöglich bin ich der falschen Melodie gefolgt …“
„Höre ich da Gejammer heraus? Muss ich Sie etwa aufpäppeln? Sehen Sie es so, Schell: Sie haben die Hongkong-Nummer gewählt und sind evakuiert worden.“
„Bisher habe wir uns noch nie woanders als in Ihrem Büro gesehen, und da hatten Sie immer dieses Ding vor sich, den Comic, die Schnittstelle zum Netz. Hier aber nicht. Und das heisst – das kann nur heissen: wir sind jetzt – da drin? Oder – sind selber Schnittstellen?“
„Nicht ganz falsch, aber es ist natürlich weitaus komplizierter.“
„Jedenfalls kommt mir das Gefüge nicht mehr besonders stabil vor.“
„Nun ja, mit gewissen Effekten der Rückkopplung war zu rechnen.“
„Nur mit diesem Effekt haben wir natürlich nicht gerechnet.“
„Womit niemand rechnet, darauf kommt es an.“
„Im Großen und Ganzen also …?“
„Ist alles in Ordnung. Nur dass jetzt alles ein bisschen anders ist.“
Mann, o Mann, denke ich nur. Ich glaub, ich brauch mal wieder eine Zigarette.
„Dann hole ich Sie mal auf vertrautes Terrain“, sagt er, „zur Entspannung. Schon mal Schelling gelesen?“
„Nur über ihn, und lang ist’s her.“
„Schelling denkt Wille und Verstand als Stoff und Form, zwei untrennbar aufeinander bezogene Größen, die er erste und zweite Potenz nennt. Man darf sich diese beiden Potenzen nicht als für sich seiend vorstellen, sondern nur in ihrer Verbindung, und die Einheit beider Potenzen ist als eine dritte Potenz zu denken, und zwar als Geist; und diesen Geist bezeichnet er als das Seinsollende.“
„Trinitäten. Man entdeckt sie, wenn man hinschaut, überall.“
Er nickt. „Trimurti zum Beispiel bei den alten Indern, die Dreigestalt, in der sich das eine göttliche Wesen manifestiert als Brahma, Vischnu und Schiva.“
„Der Schöpfer, der Erhalter, der Zerstörer.“
„Ja, in aller Welt dasselbe. Und oft erweitert sich die Sache zur Vierheit. Nämlich auch Schelling setzt über die Dreiheit aus Wille und Verstand und den an diese gebundenen Geist noch den wirklichen, den absoluten, von sich selbst freien Geist.“
„Schon wieder: Geist … Ist das das Stichwort?“
Wir halten inne, horchen. Getrappel … Schwere Stiefel.
„Ich brauche dringend was zu trinken, ich meine bevor es wieder hektisch wird.“
Ladenheuser greift neben sich nach unten und wirft mir eine kleine Flasche Wasser zu.
Vom Eingang her dringt plötzliches Licht unter dem halb heruntergelassenen Rollladen herein. Dazu eine Megaphon-Stimme, türkischer Kommandoton, kein Zweifel: Polizei.
„Gilt das uns?“ frage ich.
Ladenheuser mit einem Achselzucken: „Wer weiss? Verkrümeln Sie sich lieber. Auch hierzulande finden hinter den Kulissen gerade Umwälzungen statt. Besonders hierzulande.“
Deshalb Istanbul? Denn natürlich wundert mich die ganze Zeit, warum ich ausgerechnet hier bin.“
„Finden Sie es heraus, Schell. Aber können Sie überhaupt noch die Augen offenhalten? Und nicht nur extrem müde, auch ganz schön verdreckt sehen Sie aus. Vor allem aber wie Sie riechen – vielleicht erhöht das Ihre street credibility, ist aber furchtbar. Nehmen Sie unbedingt ein Bad. Hier raus,“ er deutet auf den Hinterausgang, „da gibt’s Gänge und Treppen, das Übliche. Halten Sie sich rechts und aufwärts, irgendwo ist da ein Hamam.“
Die Flasche ansetzend, frage ich: „Und Sie, Chef?“, und bis er gesagt hat: „Auch wenn’s nicht so aussieht, ich habe viel zu tun“, habe ich sie ausgetrunken.

I.3

Ist u real?

Jener Sachbearbeiter namens Ladenheuser hat den Agenten, der sich gerade vor ihm aufgelöst hat, Schell genannt. Und dieser Name kommt uns schon bekannt vor. So heisst doch der Taxifahrer in Frankfurt … Den das Auftauchen von Schells Bureau im Netz so sehr aus der Fassung gebracht hat. Derselbe Schell? Schwer zu sagen, denn was da in dem Büro geredet wurde, klang durchweg mehrdeutig. Und so klingt’s bei Ladenheuser immer: hintersinnig; wie verschlüsselt. Oft aber ist da gar nichts verschlüsselt – es soll nur möglichst so klingen. Und zwar weil Ladenheusers Büro sich im Kontrollbereich befindet.
Die ganze Abteilung, sämtliche Flure der TFA – wie verwaist und irrelevant sie inzwischen auch sein mögen – und der gesamte Büroklomplex, sowie das komplette Amt für Arbeitsteilung, das sogenannte Affa, mit seinen weltweiten Einrichtungen, das alles gehört dem Kontrollbereich an, das heisst ist unter Kontrolle, und zwar nicht nur pro forma, sondern tatsächlich und total.
Kontrollbereich, Totalkontrolle, Kontrollprozess usw.: das sind nur schwache Ausdrücke für etwas, das sich durch immer neue megatechnische Projekte ständig aktualisiert; bei dem es schon seit Jahrtausenden um das Eine geht, ums Ganze, um Totalisierung.
Zu verstehen, was dieses Prinzip der Totalisierung eigentlich bedeutet – inwiefern darin das Wesen der Technik besteht –, das war einmal das Grundanliegen der Abteilung Technik-Folgen-Abschätzung, genauer gesagt der gemeinsame Nenner aller divers spezialisierten Technikforscher. Welche jene sind, deren Geschäft nicht die Anwendung von Technik ist, sondern das Nachdenken darüber.
Nun ja, so gewaltig ausgedehnt es auch schon ist, dieses bürokratische Gespinst, das wir Affa nennen, die Kontrolle macht an dessen Aussengrenzen natürlich nicht Halt. Andere, dem Affa ähnliche Strukturen, unterstehen derselben Kontrolle. Wie weit diese insgesamt reicht, darüber lässt sich nur spekulieren. Was von ihrem Gesamtumfang aber als der uns bekannte Bereich gilt, das nennen wir in der Branche Ureal.
Ureal ist das vorläufige Endprodukt des Kontrollprozesses.

Obwohl Ureal zweifelsohne ein mentaler Zustand ist, eine Bewusstseinsebene, wird es eher wie ein Ort erlebt, räumlich, denn es hat eine konkrete, sehr überzeugende Konsistenz. Man kann sich derartig ureal fühlen oder auf ureale Weise denken, das heisst derartig total in Ureal sein, dass man das Ureale gar nicht mehr bemerkt. Deshalb existiert der Begriff Ureal überhaupt nur für diejenigen, die wissen, dass sie dort sind. Was mich angeht, so bin ich mir dessen eher zufällig bewusst geworden.
ist u real?
Oder: bist du real?
Vielleicht auch: are u real
Ist schon lange her, dass man im Klo einer Kneipe soetwas auf der Kachelwand veröffentlicht fand; und auch räumlich ziemlich weit weg: Es muss in – Bangor? – ja, wohl in Bangor gewesen sein. So richtig deutlich ist mir nur noch ein Farbton in Erinnerung, blass-gelbes Sepia, und ein Licht ohne Quelle, als käme es nicht reflektiert von den Oberflächen, sondern aus ihnen hervor, wie eine allen Gegenständen gemeinsame Eigenschaft.
Vielleicht sogar stellte jene schwarze Handschrift auf der Kachelwand einen noch anderen Wortlaut dar. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit war meine Wahrnehmung und entsprechend mein Bewusstsein zu dem Zeitpunkt eingetrübt durch mindestens irgendeine Art Alkohol. Doch was auch immer ich dort wortwörtlich las, es machte mir schlagartig Ureal klar.
Der Ort verwandelte sich in einen Zustand; ein Äusseres in ein Inneres. Wodurch mein innerer Zustand gleichsam zu einem äusseren Ort wurde. Gewissermaßen. Annähernd. Ganz ähnlich der Traumwelt, nur dass man sich im Gegensatz zu dieser in Ureal der Tageswelt bewusst bleibt.
Ich kann nicht behaupten, dass ich damals dieses Erlebnis in seiner Besonderheit erkannte, im Gegenteil. Der Moment war nur deshalb nicht völlig profan, weil mich ein alarmierendes Gefühl beschlich, ein kaum halbbewusster Verdacht, dass hier, hey, irgendwas komisches läuft. Wozu sicher die Örtlichkeit ihren Teil beitrug: keineswegs verdreckt oder gar eklig, war doch ihre Bestimmung deutlich zu riechen, und etwas sträubt sich in mir noch heute, wenn sich diese Eindrücke höchster Profanität mit der Erinnerung an einen so wichtigen Erkenntnismoment verbinden.
Natürlich hat es Bedeutung, dass die Entdeckung Ureals so auffällig direkt mit dem Ort der Ausscheidung verknüpft ist. Diese Bedeutung – Siehe das Alltäglichste! Siehe Ureal auch am alleralltäglichsten Ort! – war von Anfang an Bestandteil des Rätsels. Vor welchem ich, damals am Pissoir, erstmal nur leicht verwundert stand, und dann erst darüber in immer größeres Staunen geriet, weil jene spezielle Beleuchtung seitdem nie mehr ganz aus meiner Welt verschwand.
Ich fand Höhlenlicht die richtige Bezeichnung für diese Beleuchtung; und dass ich in Ureal bin, erkenne ich jeweils daran: am Höhlenlicht. Und damit, dass ich mir dessen gewahr werde, geht jedesmal eine Art Umstülpung einher, so wie damals, als ich die Schrift auf der Klowand entdeckte: die Aussenwelt wird zur Innenwelt und also gleichzeitig diese Innen- zur Aussenwelt. Wobei mich diese Wiederholung der ursprünglichen Entdeckung ständig daran erinnert, dass die mir immer wieder so aussergewöhnlich erscheinende Umstülpung tatsächlich das Allergewöhnlichste ist, so banal wie ein jeglicher Akt der Ausscheidung.

S.4

Meine Art Chef

Ein Geräusch aus Richtung des Fahrstuhls, das in einem menschlichen Gehör wie eine beschwingt gepfiffene Melodie klingen würde, vage erinnernd an südliche Gefilde, an Palmenschatten und Mangoduft, veranlasst die kleinen, die sehr kleinen und auch die winzigen Kreaturen, die den fensterlosen, schwach beleuchteten Flur bevölkern, sich fluchtartig zurückzuziehen hinter Leisten, Einfassungen und Wandverputz. Und als sich der Fahrstuhl öffnet, etwas ruckelnd, wer betritt da diesen recht schäbigen Flur?
Ich.
Und weiter jenes Liedchen pfeifend, aber immer leiser, steuere ich geradewegs eine bestimmte Tür an. Das heisst, ich scheine mich hier auszukennen.
Es ist dies der ziemlich abgelegene, fast schon vergessener Teil einer riesigen labyrinthischen Struktur, Affa genannt, in dem die ehemals so wichtige und berühmte Abteilung Technik-Folgen-Abschätzung, kurz TFA, ihre sozusagen letzte Ruhestätte gefunden hat.
Hier residiert Ladenheuser, mein Chef. Chef, nun ja … Genau genommen ist Ladenheuser nur ein Sachbearbeiter, doch habe ich gelernt, ihn nicht zu unterschätzen. Wie man diese komische Abteilung insgesamt nicht unterschätzen sollte. Was die TFA inzwischen wirklich treibt, wer weiss das schon? Wenn der ganze gigantische Machtblock, den das Affa repräsentiert, einmal untergeht, dann wird, wie ich vermute, die TFA dahinterstecken. Und vielleicht weil die Intelligenz, die das Affa steuert, auch zu diesem Schluss gekommen ist, hat man die TFA ins Abseits befördert, sie abgekapselt wie einen schädlichen Fremdkörper.
Jedenfalls war ich lange nicht mehr hier; wundere mich sogar, dass es diesen vergammelten Flur überhaupt noch gibt und dass auf dem Schild an der Tür immernoch Ladenheuser steht.
Ich massiere mir kurz das Gesicht, um etwaige Spuren von guter Laune daraus zu tilgen, dann – etwas nostalgisch, ja gar ein bisschen andächtig gestimmt – klopfe ich an. Ladenheuser hat noch nie „Herein!“ gerufen, trotzdem warte ich ein paar Sekunden, bevor ich nochmals klopfe und eintrete. „Herr Ladenheuser? Wie geht’s?“
„Ach Schell, Sie sind’s. Wo kommen Sie schon wieder her?“
„Ich war auf Lavienta. Im Urlaub quasi.“
„Kommen jetzt aber aus Istanbul …“ Ladenheuser wischt in dem Büro-Comic herum, der vor ihm auf dem Schreibtisch flackert. „Was war da los?“
„Man hat versucht, mich zu erschiessen.“
„Darf man fragen …“
„Keine Ahnung. Es fehlt mir da leider ein Stück Erinnerung.“
Worauf Ladenheuser schweigt; mich anschaut. Skeptisch.
In all den Jahren, in denen ich hier bei Ladenheuser zum Rapport anzutreten hatte, bin ich von ihm immer nur auf drei Arten angeschaut worden: entweder müde, oder ausdruckslos, oder so wie jetzt, skeptisch. Ich nehme an, er hat nur diese drei Optionen. Weil er mehr für die Interaktion mit Kunden wie mich offenbar nicht braucht. Inzwischen bin ich mir nämlich ziemlich sicher, dass Ladenheuser eine Maschine ist, eine Büromaschine.
„Ist so,“ sage ich mit einem Achselzucken. „Was zwischen Lavienta und Istanbul war, ist wie ausradiert. Kein Fitzelchen mehr davon übrig.“
„Erzählen Sie von Lavienta.“
„Ich war erholungsbedürftig; wollte surfen und mich endlich mal wieder meinem Hobby widmen,“ und füge schön beiläufig locker hinzu: „Sie wissen ja, Schriftsteller spielen … Funktioniert Ihre Kaffeemaschine noch?“
Ladenheuser nickt. „Auch die funktioniert noch.“ Sein Gesichtsausdruck wechselt von skeptisch zu ausdruckslos. Ich schalte die Maschine an, sie brummt und das Licht im Büro wird merklich trüber.
Der Kaffee sieht gut aus, dampft und duftet, und als ich den Automat ausschalte, fliesst wieder mehr Energie in die Beleuchtung. Mit Blick auf den Büro-Comic sage ich: „Erstaunlich, dass man Sie den Strom für das Ding noch nicht selber produzieren lässt. Ihnen einen Pedalantrieb unter den Schreibtisch zu basteln, dürfte doch kein Problem sein. Und würde Ihnen sicher gut tun. Dem Fitness-Büro gehört die Zukunft.“
„Der lustige Schell … Wieso glaubt jeder Agent, er muss, wenn er hier zum Rapport aufkreuzt, den Spaßvogel mimen?“
„Ich glaube eher, dass kaum noch einer aufkreuzt.“
Pause. Es beginnt das übliche Schachspiel im Geiste. Wer liest die Gedanken des anderen präziser? Ladenheuser ist darin Meister.
„Zur Sache, Schell. Lavienta. Ihr sogenannter Urlaub.“
Ich unterdrücke ein Seufzen. Ladenheuser vom Thema abzulenken, ist so gut wie unmöglich.
„Ja, Urlaub, was blieb mir anderes übrig? Von Ihnen kam ja nichts mehr. Ich habe Anfragen genug geschickt, doch weder Sie noch sonstwer im Hause reagierte. Die TFA hat mich abgeschrieben, dachte ich. Wegen Ineffizienz. Hatte ja wirklich lange nichts mehr zustande gebracht. Mich endlich rauszuschmeissen, war insofern nur folgerichtig.“
„Effizienz, Evidenz, Kompetenz … Wenn wir Sie je nach solchen Kriterien beurteilt hätten, wäre es schon immer folgerichtig gewesen, Sie rauszuschmeissen, Schell.“
„Okay, fürs Protokoll: Ich hatte nie etwas dagegen, aus der TFA beziehungsweise aus dem ganzen Affa-Apparat rauszufliegen; und hätte auch jetzt nichts dagegen.“
Pause. Schweigen. Ladenheuser ausdruckslos; doch habe ich das Gefühl, dass er mir nonverbal etwas mitzuteilen versucht.
„Ich weiss ja, Schell, Sie halten sich für echt, und dem entsprechend glauben Sie alles mögliche von sich; dass Sie aufrichtig sind, bescheiden, das Richtige wollen, das Gute und so weiter. Doch woran es Ihnen tatsächlich fehlt … Wissen Sie, woran?“
„An Durchblick?“
„An Demut.“
Das von Herrn Ladenheuser … Ich erstarre in Staunen, befehle meinem Gesicht: Sei Maske!
Das ist nicht die Art Tadel, die ich von Ladenheuser gewöhnt bin. Die Kritik von ihm, die ich normalerweise ernte, wenn ich hier zum Rapport antrete, wird mal durch Ironie gemildert, mal sarkastisch verschärft, manchmal sogar mit etwas Pathos gewürzt, aber sie ist immer hintersinnig verklausuliert auf eine Weise, die insbesondere allem, was einen moralischen Anklang hat, jegliche Eindeutigkeit entzieht.
Gerade weil ich Ladenheuser bisher für eine Schablone hielt, für ein Sprachrohr jener künstlichen Intelligenz, die das Affa steuert, fand ich es meistens interessant, ihn über den „menschlichen Standpunkt“ sinnieren zu hören. Kann er tatsächlich erkennen, woran es mir fehlt? Dann wäre er womöglich doch … ein richtiger Mensch?
„Demut, Herr Ladenheuser? Darf ich fragen …“
„Das war eine rein private Bemerkung. Berichten Sie von Lavienta.“
„Haben Sie darüber nichts vorliegen?“ Dabei deute ich auf seinen Büro-Comic.
„Lavienta gehört zum Andrianischen Archipel und wie Sie wissen müssten, sind die digitalen Signale von dort unzuverlässig. Deshalb interessiert mich Ihr Bericht. Sie waren da, auch wenn Sie dachten, Sie hätten dort keinen Auftrag gehabt.“
Ich glotze ihn an. „Sie meinen, ich hatte einen?“
„Schell, habe ich Sie je zum Rapport bestellt, um mir Urlaubsgeschichten anzuhören? Sie müssen endlich kapieren, dass sich einige Bedingungen für Sie geändert haben. Von mir, das heisst von der TFA bekommen Sie keine Aufträge mehr. Sie arbeiten auf eigene Verantwortung. Soll heissen, Sie sind in Ihrer Karriere ein gutes Stück vorangekommen.“
„Ach so? Und nun?“
„Es betrifft zum Beispiel den Schwierigkeitsgrad. Null Orientierung. Krasse Symptome. Black-out. Oder plötzlich fliegen Ihnen Kugeln um die Ohren. Eine Kostprobe davon haben Sie in Istanbul gerade erlebt.“
„Sie nennen das: ein gutes Stück vorangekommen? Solche Beförderungen lehne ich entschieden ab. Mich zu entlassen, okay – denn darauf läuft’s ja wohl hinaus, wenn Sie mir keine Aufträge mehr erteilen; doch gar nicht okay, mich ungefragt auf so einem irren Krisen-Level einzusetzen!“ Ich starre Ladenheuser finster an. „Haben Sie gehört? Ich protestiere!“
Doch er tut so, als sei er ganz in seinen Comic vertieft, und gerade als ich aufstehen will, um zu gehen, sagt er: „Vielleicht habe ich voreilig entschieden. Vielleicht habe ich Sie wirklich überschätzt. Vielleicht sind Sie noch nicht soweit. Denn sonst wären Sie gar nicht hier. Wären nicht in Panik geraten. Hätten nicht in Hongkong angerufen.“
Ach so … Na klar: Die Hongkong-Nummer wählt man nur im Notfall …
„Mir kam das Real, ich meine, das ganze Dingens, Sie wissen schon … es kam mir falsch vor, so falsch, dass ich dachte, womöglich ist das Gefüge insgesamt kaputt oder so, und nicht weil ich in Panik war, nein, sondern einfach um zu testen, ob die Realität noch … Ach, ist doch egal. Glauben Sie, was Sie wollen. Aber wozu habe ich mir denn die Hongkong-Nummer irgendwann mal eingeprägt?“
„Keine Ahnung. Wo haben Sie die überhaupt her?“
„Das wäre eine lange Geschichte … Ist so ‘ne Hotline, dachte ich.“
„Ist sie auch. Für äusserste Notfälle. Bis jetzt. Gewesen. Ein geheimer Kanal, eine Art Schlupfloch. Nicht eigentlich für Sie gedacht, Schell, sondern für andere. Jetzt leider unbrauchbar für alle. Jetzt dem System nämlich bekannt, und das heisst: Teil ab jetzt von Ureal.“ Er schaut mich müde an.
Ureal? War das ein Versehen? Ist ihm das herausgerutscht? Davon spricht man in der TFA doch nicht! So wie „Real-Technik“ ist unter uns auch „Ureal“ tabu.
Ich überlege unter Hochdruck. Was gibt’s hier dringend zu kapieren?
„Jetzt komme ich mir wie der letzte Trottel vor,“ sage ich.
„Könnte ein guter Ansatz sein.“
Eine Anspielung auf meinen Mangel an Demut? Wahrscheinlich. Nach dem Motto: Sich mies zu fühlen ist ein guter Anfang.
„Ich weiss auch nicht weiter,“ sagt Ladenheuser. „Werde einfach nicht schlau aus dieser Koinzidenz: Während Sie sich in Istanbul den Jux erlauben, in Hongkong anzurufen – “
Jux? Wenn gewisse Naturgesetze offensichtlich nicht mehr – “
„– frage ich, hier sitzend, mich zufällig gerade: Ob der Schell sich je wieder blicken lässt? Hat er die TFA nun wirklich hinter sich? Ist er endlich unabhängig? Und just da schneien Sie hier rein. Wie selbstverständlich; wie zum üblichen Rapport. Ich meine, was hat Sie hierher gebracht? Ich meine,“ und er zeigt auf den Büro-Comic, „da sind Sie zu sehen – in Istanbul! In einer ganz anderen Welt – ach, was sag ich – Dimension! Und aus der verschwinden Sie urplötzlich und kommen hier hereinspaziert. Fast authentisch. Wie in Fleisch und Blut. Also auch wenn ich schon einiges gewöhnt bin …“
„Wie ich schon sagte, etwas mit den Naturgesetzen stimmt nicht mehr so ganz …“ Fast authentisch? Also nicht authentisch. Nicht wirklich Fleisch und Blut … Schon wieder so eine Anspielung auf Ureal, wie wir sie uns normalerweise nicht erlauben. Er wirkt tatsächlich aufgeregt, emotional … Wird doch wohl nicht aus der Rolle fallen? Oder will er mich nur aus der Reserve locken?
Offenbar war’s das aber auch schon mit der Emotion. Ladenheuser lehnt sich zurück, schaltet auf sachlich um: „Halten wir uns an die Fakten. Dass Sie plötzlich in Ure- – ich meine hier auftauchen, hat nichts damit zu tun, dass Sie kurz vorher in Hongkong angerufen haben.“
„Warum nicht? Schon in den 1880er Jahren bekam es so mancher Bühnenzauberer mit dem berüchtigten Hongkong Mystery Effect zu tun. Hat sich wahrscheinlich weiterentwickelt, dieses Phänomen, über die üblichen Zauber-Shows hinaus. Was uns in virtuellen Zeiten wie diesen …“
„Schon klar, Schell. Was war wesentlich auf Lavienta?“
Ach, Lavienta … Soll ich ihm von der Dauerparty erzählen? „Ich traf Bekannte von früher, zufällig. Leila und Alonso. Wir waren eine Zeitlang das LA-Trio. Hatten stark mit Drogen zu tun, daher bin ich mir der Echtheit der Details, an die ich mich erinnere, nicht sicher. Wir warteten auf einen Kurier, der uns irgendwas überbringen sollte. Angeblich was von Geo Rey … Ergibt das für Sie einen Sinn?“
„Allerdings. Offiziell ging’s um eine Spezialdroge. Inoffiziell um – na, was wohl? MoTech. Und worum es eigentlich ging – das wissen nur Sie, Schell. Worauf haben Sie da wirklich gewartet?“
„Keine Ahnung. Kann sein, dass der Kurier tatsächlich kam; wenn ja, habe ich ihn als solchen nicht erkannt. Habe weder von einer Spezialdroge, noch von irgendeiner MoTech was mitgekriegt, und auch nichts von einem geheimen Eigentlichen. – Bitte, Herr Ladenheuser, starren Sie mich nicht so an. Da ist nichts, wirklich nichts interessantes, das ich Ihnen verschweige. Ich weiss nur, dass ich irgendwann von den Drogen genug hatte; dass ich mich von Leila und Alonso lossagte und es mal wieder dringend nötig war, zu regenerieren. Ich fand ein ideales Plätzchen, um endlich in Ruhe wieder meinem Hobby nachzugehen – Sie wissen schon – und im übrigen: die Wellen zu reiten. Und damit bin ich schon beim letzten, was ich von Lavienta noch weiss: dass eine enorme, eine Wahnsinns-, eine Monsterwelle auf mich zu rollte … Und das war’s. Was danach kam, weiss ich nicht. Bis ich dann plötzlich nachts über den Bosporus flitze …“
„Was war vorher?“
„Wie gesagt …“
„Oder so gefragt: Wohin trug Sie die große Welle? Konzentrieren Sie sich!“
Ich blicke ins Leere. Ist da was? Nichts deutliches, nur ein Gefühl. Atmosphäre. Eine Beleuchtung. Zuviel noch vom Eindruck der mächtigen Welle. „Nur ein paar vage Bilder, denen ich nicht traue; die sich wiederholen, künstlich, filmartig irgendwie, retrokoloriert, falls es sowas gibt … Ein Gebäude von innen, komisch verschachtelt, und gegen aussen komplett verbarrikadiert.“
„Ein sicherer Ort.“
„Doch sicher genug? Man wartet. Und jetzt: leise Musik dazu, Calypso, eine Frauenstimme, dieselbe, die … Sagen Sie mal, Ladenheuser, glauben Sie etwa, was ich Ihnen hier auftische?“
„Welchen Grund hätten Sie, zu fantasieren? Klingt alles plausibel. Sie haben den Kontrollbereich verlassen und waren offenbar eine ganze Weile dem ausgesetzt, was wir in der Branche Rough Magic nennen – und wie ich sehe, klingelt es da bei Ihnen.“
„Wie Sie sehen?“ – Irre, dieser Ladenheuser! Mir immer zwei, drei Schritte voraus. Bin mir fast sicher, er weiss längst, an was ich mich nicht erinnern kann.
„Hören Sie auf, so zu gucken,“ sage ich, „was soll das?“
Er betrachtet mich wie noch nie, neugierig, jedoch so wie einen Gegenstand.
„Sie haben Recht, Rough Magic, das ist die Form, die es annimmt, wenn wir uns mit einer Naturgewalt zu befassen haben, einem Hurricane oder so …“
„Schell … Sie werden immer, äh, unschärfer.“
„Deshalb gucken Sie so?“
„Ja. An den Rändern sind Sie schon gar nicht mehr da. Sehr interessant.“
„Was sagen Sie da?“
„Dass Sie sich gerade auflösen. Wir müssen unsere Sitzung jetzt also unterbr–“

B.3

Dem Machtwort auf der Spur

Mit dem Ereignis hat das gewohnte Leben aufgehört. Mein Sinn für das, was wirklich ist – gelähmt. Das mir bisher Alltägliche, Normale, ist unwirklich, mysteriös geworden; und was mir als besonders unwirklich-mysteriös daran erscheint, ist, dass es schlicht weiterläuft so wie gehabt.
Freund Manne hat an jenem Abend, als „es sich ereignete“, jene alte Anschauung ins Spiel gebracht, derzufolge wir eigentlich alle Gestorbene sind, und warum, wird mir immer klarer. So herum die Welt zu sehen, hat für den Alltagsverstand keinen Gebrauchswert, und bevor er nicht erst gehörig erschüttert wird, dieser Alltagsverstand, liegt ihm bestimmt nichts ferner als sich freiwillig dafür zu interessieren, was jene Anschauung eigentlich meint – dass nämlich, wenn das hier das Totenreich ist, wir auch einem Reich der Lebenden angehören, weil wir sonst uns gar nicht als Gestorbene erkennen könnten.
Dich als gestorben zu betrachten, ist jedenfalls mal ein Anfang.
Es ist der Imperator, der das zum besten gibt, der Römer Marc Aurel, durch den ich in puncto Selbstbeherrschung die größte Unterstützung erfahre. Seine berühmten Selbstbetrachtungen, ein handliches Büchlein, hatte ich während der Jahre, in denen ich viel auf Reisen war, immer im Gepäck, und so ist mir mit der Zeit wie nebenbei die Zwiesprache mit ihm zur Selbstverständlichkeit geworden.
Es war ihm kein Vergnügen, den Kaiser zu spielen, vielmehr eine Bürde. Damals, im zweiten Jahrhundert nach Christi, hatte das Römische Reich seine größte Ausdehnung erreicht. Die Dekadenz war schon in vollem Gange, in den Katakomben gärte das Neue; die Idee „Rom“ als Vorbild für die anderen Völker war verbraucht. Entsprechend wagte man Aufstände überall, und weil dadurch für den Kaiser als Oberbefehlshaber der Armee die militärische Sicherung des Imperiums von höchster Priorität war, sah er sich gezwungen, so ziemlich seine gesamte Regierungszeit in den diversen Kriegsgebieten zu verbringen.
Was er da in seinen Mußestunden zu Papier brachte, immer schwankend zwischen Idealismus und Zweifel, Resignation und Zuversicht, zeugt von dem ständigen Versuch, sich gedanklich klar seines Standpunktes zu vergewissern und dadurch, aus der eigenen Denkkraft heraus, Trost, Erbauung und Antrieb zu schöpfen. Es drückt sich da eine Haltung aus, die der ursprünglichen Philosophie noch nahe genug ist, um den menschlichen Verstand als Teil der kosmisch-göttlichen Vernunft zu verstehen, die andererseits aber schon ganz in dem sich seiner selbst bewussten Einzel-Ich verankert ist; eine Geisteshaltung, die verlangt, permanent Rechenschaft abzulegen vor sich selbst, sich anzuschauen im Lichte der Selbstbewusstheit und sich zu verantworten vor der eigenen Erkenntnis.
Was sich mit einer derart ernsthaften Selbsterkenntnis am wenigsten verträgt, ist die Selbstsucht, und entsprechend gibt es für den, der diesen Weg beschreitet, kein höheres Ideal als die Selbstüberwindung. Verständlich also, dass es nicht Sache dieses Mannes sein konnte, einfach das Leben zu genießen – er hätte sich ja ohne weiteres auf einem wohltemperierten Inselchen im schönen Mittelmeer der philosophischen Literatur widmen können –, sondern dass er es vorzog, seine ungeliebte Pflicht als Oberhaupt Roms zu erfüllen, nämlich von ungemütlichen Feldlagern aus die imperiale Politik zu leiten, das heisst den Dauerkrieg, und dieses ihm durchaus Ungelegene sich zur Gelegenheit zu machen, seine Weltanschauung zu verwirklichen, sich also als stoischer Philosoph zu bewähren.
Mögen wohl formale Brillanz, Systematik und logischer Gehalt stark beitragen zur Überzeugungskraft philosophischer Gedanken, ihr Wahrheitswert aber erweist sich erst in dem, was sie im Alltäglichen bewirken. Jemand wie Marc Aurel, der im Geiste der Stoa vor allem auf ein moralisch richtiges Handeln bedacht war, musste sich sagen: Die Rolle, die zu spielen ich berufen bin, ist Sache der Geburt, ist Schicksal; darin aber, wie ich sie ausfülle, bin ich frei. Ich kann darin Meisterschaft anstreben oder es auch verderben, indem ich dieses Potenzial schnöde ignoriere. Er, der Autor der Selbstbetrachtungen, in der Rolle des Imperators, wollte es auf keinen Fall verderben, und warum, das verstand sich nicht von selbst, das musste er sich immer wieder klar machen. Dazu diente ihm das Schreiben.
Diese Art des Marc Aurel, per Selbstgespräch immer wieder wie einzukehren ins eigene denkende Ich und dadurch beruhigend auf die Seele einzuwirken, hat für mich die Vorbildfunktion nicht erst, seit mich das Ereignis durchschüttelt, sondern hatte sie auch schon vorher, insbesondere während der Zeit mit Ingrun, meiner Ex. Denn wie mir unlängst auffiel, ist das Ereignis nicht das erste Etwas, über das nachzudenken ich mich weigere, indem ich versuche, um es herum zu denken …
Als ich mit Ingrun zusammen lebte, mochte ich nicht zurückblicken auf das, was für mich vorher von großer Bedeutung war, nämlich meine Mitarbeit im Mayer-Tong-Kollektiv. Das änderte sich erst nach unserer Trennung, da blickte ich dann auf jene Mayer-Tong-Sache zurück, um mich vom Rückblick auf die Zeit mit Ingrun abzulenken. Während mir nun, gut ein Jahr später, dieser Rückblick auf die Ingrun-Ära gerade recht kommt, um mich vom Ereignis abzulenken.
Hat es vielleicht schon immer etwas gegeben, an das ich nicht denken wollte? Gehört womöglich die Methode, durch Drumherumdenken das Wesentliche zu vermeiden, auch zum Selbstverständlichen? Ich ahne, dass es auch schon damals, als ich dem Mayer-Tong-Kollektiv angehörte, etwas gab, auf das ich nicht zurückzublicken wagte, und davor ebenfalls etwas, wie womöglich auch schon davor …

So wie ich schliesslich davon überzeugt war, Ingrun sei einem Wahn verfallen, war sie, wie sich herausstellte, was mich anging zu derselben Überzeugung gekommen. So einfach plötzlich, was über Jahre hin ein aufreibender, unerklärlicher Konflikt gewesen war: Wenn zwei Menschen sich gegenseitig für wahnsinnig halten – und beide sich selbst natürlich für völlig normal –, heisst das doch, beide sind wahnsinnig. Und was musste ich daraus folgern? Dass ich tatsächlich allen Grund hatte, an meinem Verstand zu zweifeln.
Wie es dazu kommen konnte, ist eine längere Geschichte; eine, die sich aufgrund ihrer exotischen Details zwar zu einer interessanten Erzählung machen ließe, die aber doch nur dem klassischen Muster folgte: In der anfänglichen Verliebtheit empfanden wir die gegenseitige Beeinflussung genussvoll als Steigerung, Entgrenzung, ja Erlösung. Doch wie jedem Rausch folgte auch diesem die Ernüchterung. Bald fühlten wir uns nicht mehr liebevoll beeinflusst, sondern egoistisch seitens des anderen manipuliert. Was uns zuvor Genuss war, schlug um ins Gegenteilige, machte uns beschränkt, berechnend, abhängig. Aus dem Verliebtsein war Verstrickung geworden, und ohne dass wir es bemerkten, befanden wir uns gegeneinander im Kampf. Während wir nach aussen hin das perfekte Paar präsentierten – und uns das auch selber noch durchaus vorzuspielen wussten –, war unser gemeinsamer Alltag schon gänzlich von Zwanghaftigkeit bestimmt, von Vorsicht, von kleinlichem Taktieren und doppeltem Spiel. So entpuppte sich das, was wir vor kaum zwei Jahren für Liebe gehalten hatten, als ein Irrtum, folgenschwer genug, dass wir fast noch einmal zwei Jahre brauchten, um da wieder herauszufinden.
So sehe ich es heute. Doch bin ich wirklich schon in sicherem Abstand dazu? Dass sich meine Pulsfrequenz gerade erhöht, spricht eindeutig dagegen. Wenn eine so kluge Frau wie Ingrun es darauf anlegt, jemanden in den Wahnsinn zu treiben, dann …
Womöglich hatte ich damals allen Grund, paranoid zu sein.
Einmal hatten wir uns eine Streiterei um den Begriff des Ich geleistet – einen Schlagabtausch der Serie Psychologie-versus-Philosophie –, und um meinen Ich-Begriff auf den Punkt zu bringen, las ich ihr aus meinem Marc Aurel den schönen Satz über den „führenden Seelenteil“ vor; worauf sie mir verächtlich hinwarf, ich hätte ja alles nur aus Büchern, wohl wissend, dass das kein Argument, sondern ein Angriff war; wohl wissend vor allem, dass ich genau verstand, worauf dieses ihr bewusstes Missverstehen berechnet war: mich in Ohnmacht zu versetzen, in Wut und Rachestimmung.
Ein Jammer, dass ich das noch alles so genau erinnere, dafür aber das mit dem „führenden Seelenteil“ gar nicht mehr zusammenbringe … Würde das jetzt gerne nachlesen, zur Beruhigung, doch sämtliche Bücher, und leider auch den Marc Aurel, musste ich damals bei meinem fluchtartigen Abgang in Ingrun’s Wohnung zurücklassen; wie im übrigen, vom Laptop abgesehen, alles, was ich an jenem Abend nicht gerade am Leibe trug.
Ich habe zwar mit ihr noch telefoniert, doch eine Übergabe meiner Sachen kam dadurch nicht zustande. Kein Wunder, denn ungeachtet der Frage, was davon ich wirklich brauchte, lag mir daran, ihr zu demonstrieren: ich brauche das alles nicht!
Zuletzt hatte sie behauptet, sie habe meinen ganzen Kram in Kartons gepackt und von Mahmoud, einem gemeinsamen Freund, abholen lassen. Unter der Telefonnummer, die sie mir nannte, konnte ich Mahmoud allerdings nie erreichen. Da meldete sich immer nur eine anonyme Mailbox, und es kam bis heute noch kein Rückruf. Ich kann mir vorstellen, dass Mahmoud – falls Ingrun ihm wirklich meine Sachen übergeben hat – mich hin und wieder über dieselbe falsche Nummer zu erreichen versucht.
Leider hatte ich diesen Mahmoud nicht so oft getroffen, als dass er mir schon Freund genug geworden wäre, um auch ausserhalb von Ingrun’s Umkreis mit ihm zu verkehren; leider, denn er war der einzige in diesem Kreis, der mir auf Anhieb höchst sympathisch gewesen war. Da wir uns immer nur auf Partys gesehen und uns da stets nur über weltgeschichtliche Themen ausgetauscht hatten, weiss ich an Faktischem über Mahmoud nur wenig. Er ist Perser; in Wien aufgewachsen; Facharzt für Nierenheilkunde; spielt Trompete und hat ein Faible für Bauchtanz-Darbietungen.
Dass ich Mahmoud wiedersehe und also meiner Sachen wieder habhaft werde, wird immer unwahrscheinlicher. Doch vermisse ich überhaupt etwas? Habe ich etwas verloren? Tatsächlich ja all das, was ich bisher geschrieben hatte, mein Werk. Alles übrige war nicht schwer zu verschmerzen, meine Büchersammlung zum Beispiel, die Erinnerungsfotos oder allerlei wichtige Dokumente – im Grunde bin ich sogar froh, den ganzen Krempel los zu sein. Mich hingegen mit dem Verlust meines Schreibwerks abzufinden, scheint mir für die Loslösung von Ingrun ein Preis zu sein, der mir immernoch als der denkbar höchste vorkommt. Wenn ich mir auch sage: Es sind nur Worte auf Papier, aus denen dein Verlust besteht, so kann ich doch nicht absehen vom Teil des Lebens, der darin steckt, von all der Zeit.
Es musste aber letztlich so sein, damit ich nach der Ära Ingrun wirklich neu beginnen konnte. Dafür ist mir jener Moment an unserem letzten Abend zum Sinnbild geworden: Wir hatten heftig gestritten und ich war, von ihrem Gesichtsausdruck entsetzt, zurückgewichen; ins Arbeitszimmer, um mir meine Jacke zu schnappen, die Brieftasche und meinen Rechner – denn ich ahnte es: Endstation –; und langsam, rückwärts, wie benommen, aus der Wohnung, und dann hastig die Treppen hinunter. Ich schaute von der Straße aus nach oben – es regnete – und wie erwartet warf sie mir aus dem Fenster etwas hinterher. Es segelte herab und ich wusste sogleich: meine geliebte alte Kapuzenjacke, in der mir beim Schreiben immer so schön gemütlich war. Kurz war ich versucht, sie aufzuheben, doch befahl ich mir: Lass sie liegen, besiegele damit das Ende!, und machte mich ohne sie davon.
Bisweilen überlege ich, wie es anzustellen wäre, Mahmoud aufzustöbern. Zwar ist mir sein Familienname unbekannt, doch allzu viele Nephrologen mit Vornamen Mahmoud gibt’s in Frankfurt sicher nicht. Ich unternehme in dieser Richtung deshalb nichts, weil der Wunsch, wieder an meine Sachen zu kommen, sich mit dem Wunsch, ihrer ledig zu bleiben, genau die Waage hält.
Auch wenn ich von Mahmoud vielleicht etwas über Ingrun erfahren würde, das ich wissen müsste – denn wenn das Ereignis inszeniert wurde – und das steht ausser Zweifel – und damit also jemand einen Plan verfolgt – und zu diesem Plan gehört, dass ich durchdrehe – dann, ja dann komme ich immer wieder nur auf sie, auf Ingrun – auch wenn klar ist, dass eine solche Inszenierung ihre Möglichkeiten überschreitet – auch wenn, denn das heisst trotzdem – wer weiss mit wem sie sich verbündet hat – wer noch wollen könnte, dass ich mich um den Verstand – oder sollte ich direkt mit ihr Kontakt – oh, mein Puls jetzt aber signifikant
Stop!
Punkt
Wie diese Verfolgungsjagden im Traum, man rennt, rennt und kommt nicht vom Fleck. Qualvoll, meinem Denken dabei zusehen zu müssen, wie es sich in einem Sirup bewegt, einer gewissen Helligkeit entgegen, die mit jedem Schritt vor mir zurückzuweichen scheint, und das ständig drängende Gefühl dabei: Jetzt kommt’s! Bin kurz davor! Gleich wach ich auf! Vergeblich fokussierend auf Bedeutung, auf klaren Sinn, Konkretes, ganz ähnlich wie in jenem Istanbul-Real, in der Szene mit den zwei Mongolen, als ich auf den Zettel fokussierte, der sich kurz bevor zu lesen war, was darauf geschrieben stand, in meinem Kopf zusammenknüllte –
Genug! Erinnere dich, worum es eigentlich geht!
Um das Drumherumdenken. Ums Ablenken vom Unerklärlichen. Um das Ereignis zu ertragen.
Falsch gedacht!
Dann darum, aus dem falschen Denken ins richtige zu kommen. Um das Ereignis zu begreifen.
Ha! Noch lange nicht!
Um Selbstüberwindung? Nein – zu groß, darum geht’s ja prinzipiell und immer. Dann vielleicht darum: Meinen Blutkreislauf zu regulieren. Eine kardiologische Angelegenheit.
Schon besser!
Ah, ich verstehe: das innere Machtwort. Es geht um –
Punkt!

Es dunkelt vor dem Fenster und ich erkenne gerade noch, dass ein wenig Schnee die Trauerweide ziert.
Endlich Stille, denke ich, und bemerke, wie tief erschöpft ich bin.
Das Bemühen die ganze Zeit, meinen Gedanken gegenüber so aufmerksam zu sein, dass ich sie anzuhalten vermag, bevor sie sich in Spekulationen über das Ereignis verlieren, strengt mich enorm an. Mein Denken kommt mir wie ein Labyrinth vor, und diese Spekulationen bilden darin nochmal ein separates Labyrinth, ein kleineres sozusagen, welches das größere, das Denklabyrinth, auf einer höheren Schwierigkeitsstufe wiederholt. Das ist das Gefühl: da etwas wie ein neues geistiges Gravitationszentrum in mir zu haben, dem ich noch nicht gewachsen bin.
Und da, wie um die Vergeblichkeit all meiner Ablenkungsmanöver zu bestätigen, habe ich es plötzlich wieder vor mir, riesiger, chaotischer denn je – das Unerklärliche.
Ich starre dieses Wort an: das Unerklärliche. Repräsentiert durch Schells Bureau. So nah ist es – nur ein paar Klicks, schon wäre ich darin, schon wär’ das Unerklärliche – real.
Und wieder rast mein Herz.
Beruhige dich, so höre ich in mir den Imperator. Vieles ist doch unerklärlich; das meiste sogar; genau genommen eigentlich alles. Und du regst dich auf über ein spezielles Unerklärliches?
Es regte mich nicht auf, würde das eine Unerklärliche ins unerklärliche Gesamtbild passen. Doch kommt das Ereignis einem Riss im Gesamtbild gleich. Wie ist das dem großen Imperator klarzumachen? Schmerzlich wird mir bewusst, dass der Beistand, den ich durch ihn erfahre, seine Grenzen hat. Das Ereignis, für dessen Bedeutsamkeit mir nicht einmal der Begriff der Singularität als übertrieben erscheint, ist für den weisen Alten bloß ein Sturm im Wasserglas.
So ist es – und das sollte dir Beistand genug sein.
Ja, aber –
Ja, aber – der dauernde Einwand – nur dieses einzige kleine Hindernis ist noch zu überwinden. Dann öffne Schells Bureau.
Wie bitte das denn plötzlich? Ich bin doch noch keinen Schritt weiter gekommen, alles in mir ist Tumult!
Du brauchst dir das nicht länger einzureden. Es ist vorbei.
Aber mein Herz rast und ich schreie gleich!
Nichts dergleichen. Einbildung. Selten warst du ferner einem Wahn als jetzt.
Aber mein Herz –
Pocht ganz normal.
– Tatsächlich. Aber das Machtwort, das den Tumult beendet – ich habe es noch nicht gefunden!
Machst du davon nicht längst Gebrauch? Ich bin doch da, der Imperator – ich, der dir gebietet.
Wohl wahr. Verzeih! Aber ich fürchte, der Tumult geht weiter.
Nur zu deinem Besten. Denn damit schützt du das Geheimnis. Erst wenn du aus eigener Kraft imstande bist, deinen Gedanken Stille zu gebieten, brauchst du, um nicht länger auszusprechen, was nicht ausgesprochen werden kann, den Tumult nicht mehr.
Brauche dann aber auch dich nicht mehr, o Imperator.
Wir haben uns verstanden. Das heisst, nun ist es soweit: Öffne Schells Bureau!

S.3

Folgen Sie der Melodie

Auf jemanden zu schiessen, um ihn daran zu erinnern, zu vergessen … Ist das mongolischer Humor oder was? Ich meine, muss man sowas ernst nehmen?
Dass mir irgendwer ein Telefon ins Sakko steckt, okay. Dass sich das Ding als Sprengsatz erweist, nun ja, auch noch halbwegs okay, wenn dieses Real auf thrill angelegt ist.
Dann aber der Trick mit dem Zettel, dass der funktionierte … Wusste ja von dem Trick nicht mal, dass es ihn gibt.
Ich versuche diesen selben Zettel, der sich in meiner Vorstellung zusammenknüllte, zu entknüllen. Was darauf geschrieben steht, könnte mir erklären, was all das hier soll.
Der entknüllte Zettel ist unbeschrieben. Und da sind weitere zerknüllte Zettel …
Ich lasse jeden sich glätten, und sie sind alle leer.
Mein Kopf ist plötzlich voll von zerknüllten Zetteln … Tausende von Zetteln und keiner davon ist genau der, den ich zusammenknüllte … Ich verstehe: ein Bild für das Vergessen.
Höre das Geraschel; höre es knistern. Nur noch leere Zettel, die sich glätten.
Aber auf dem einen, dem ersten, stand etwas geschrieben, soviel ist sicher; und ich musste ihn zusammenknüllen, bevor es zu entziffern war, sonst hätten die Mongolen … Warum hört das nicht mehr auf, dieses Geknister? Es wird immer lauter.
Das mit dem Zettel war ein Trick von mir, so dachte ich bis jetzt. Doch habe nicht ich damit die Mongolen ausgetrickst, sondern sie mich. Anschwellendes Geknister.
Sie sollten mich ans Vergessen erinnern, und diesen Auftrag haben sie perfekt erledigt.
Kann bei diesem Geknister kaum noch denken. Höre auch nichts mehr von der Umgebung, nichts von diesem großen türkischen Teehaus voller Männer. Und es fängt an weh zu tun.
Das seltsamste, unangenehmste Real, das ich je erlebt habe. Das ist jetzt schon kein Knistern mehr, nur noch ein einziges tosendes Papiergeräusch.
Schon der Anfang auf der Bosporus-Brücke war ja eine Schweinerei … Ist das hier überhaupt ein Real? Wenn ja, muss es einen Zusammenhang geben mit irgendwas zuvor … Da hört sich jetzt der Krach gar nicht mehr nach Papier an; wird so komisch sirrend, kreischend, und immerzu lauter … Das ist kaum noch von Schmerz zu unterscheiden.
Illusion, denke ich. Reiss dich zusammen. Das kann nicht wirklich sein.
Was war vor der Brücke? Was auf der asiatischen Seite von Istanbul? Und was vorher? Konzentrier dich!

Ich schaue in besorgte Gesichter. Man hilft mir auf die Beine. Bin wohl vom Stuhl gekippt.
Die Schärfe einer Kreissäge, ins Akustische übertragen, das war es in etwa, was meine Konzentration abrupt beendet hatte.
Ich signalisiere: alles in Ordnung, und gebe zu verstehen, dass ich mal telefonieren muss.
Das Papiergeknister ist vorbei. Die Kakophonie, die jetzt noch meinen Schädel ausfüllt, ist unangenehm, jedoch erträglich; darin ein leises Sirren, wie zur Mahnung, dass die Kreissäge noch in Bereitschaft ist.
Mein Kopf schmerzt ziemlich schlimm, und zumindest soviel ist mir klar: Meine Orientierung ist gleich null.
Ist das ein Notfall? Für Notfälle gibt’s die Hongkong-Nummer.
Ein Junge zeigt mir, wo in dem Durchgang zur Küche das Telefon hängt.
Ich zögere noch; taste durch meine Innentaschen. Da ist mein Reisepass; und auch noch Geld genug. Ein stressiges Erlebnis, das mir Kopfweh beschert hat, ist ja wohl kein Notfall; und dass ich gerade ohne Orientierung bin, nun ja, das hatten wir schon oft genug …
Doch irgendwas ist faul hier. Vielleicht auch nicht. Das herauszufinden heisst: Wenn die Hongkong-Nummer funktioniert, dürfte das Real-Gefüge noch stabil sein.
Über diese Nummer kontaktiert man Kick Kimura.
Sofern das Gefüge stabil ist.
Ich zögere immernoch. Was, wenn nicht?
Kimura ist der Spezialist für ausweglose Fälle. Sollte er nicht zu kontaktieren sein, dann – gibt es vielleicht gar kein Real-Gefüge mehr. Dann ist Notfall.
Die Kakophonie in meinem Kopf ebbt langsam ab und damit auch der Schmerz. Jetzt merke ich, da ist so etwas wie, ganz leise noch, so wie … Ist das Musik?
Wie angenehm, erlösend … Ja, eine Melodie.
Nur ein Anrufbeantworter, soviel ich weiss; und dass man korrekt verbunden ist, erkennt man an der automatischen Ansage, die da lautet: „Man fasst sich kurz am Hongkong-Telefon.“
Noch ist die Melodie nur fetzenweise hörbar. Ich horche, und sie wird immer deutlicher; kommt mir wie aus ferner Zeit bekannt vor … Lässt mich an Palmen und an blauen Himmel denken. Indem ich tief Luft hole, nehme ich den Hörer auf.
Die Nummer, die ich wähle, weiss ich auswendig.
Tu-tuuuttu-tuuut … Höre jetzt eine Frauenstimme singen, eine lächelnde Stimme, und soviel ich verstehe, singt sie von Früchten, Mangos, Bananen, Mandarinen, und von Kokosnüssen … Tu-tuuut … Und nun die automatische Ansage, nicht die jedoch, die ich erwarte, sondern: „Folgen Sie der Melodie.“
Kommt da noch was? Ich warte.
Man kann da offenbar keine Nachricht mehr hinterlassen … Haben wir ihn also, den Notfall?
Das karibische Liedchen dudelt gar nicht in meinem Innern, stelle ich fest, es dringt von aussen an mein Ohr.
Da aus dem Hörer nichts weiter kommt, lege ich auf.
Folgen Sie der Melodie. Das war’s.

B.2

Die Durststrecke

Seit das Weblog Schells Bureau auftauchte, befinde ich mich im Ausnahmezustand. Wie kann es sein, dass in diesem Internet-Ding sich meine gedankliche Gegenwart von selbst formuliert? Ist das nicht Zauberei? Muss ich an Zauberei glauben?

Zeitgleich dazu die Sache mit dem Schlüssel, über den ich an die sogenannte Azuette kam, jene Comic-Version der Azuma-Statuette: Wer hat mich dieses fiktive Objekt aus meiner Romanwelt in einem realen Bahnhofsschliessfach finden lassen? Wer inszeniert so etwas? Mit welchem Ziel?

Mein Verstand, obwohl hochtourig aktiv, hat bisher noch keine Antworten gefunden, dafür immer mehr Fragen. Sicher ist nur, dass zwischen Schells Bureau und der Azuette ein Zusammenhang besteht; dass das eine nur im Zusammenhang mit dem anderen einen Sinn ergibt. Darauf, auf diesen rätselhaften Sinnzusammenhang, lässt sich reduzieren, was ich Das Ereignis nenne; und da herum kreisen meine Gedanken, immerzu und immer dieselben.

Um nicht verrückt zu werden, muss man das begrenzen, muss die Rotation durchbrechen, indem man wieder und immer wieder ein inneres Machtwort spricht; Selbstbeherrschung vorausgesetzt. Doch wie sich selbst beherrschen ohne jahrelange Übung? Ich musste es auf die Schnelle lernen, per Crashkurs sozusagen. Was den Erfolg angeht, nun ja, bin ich bis hierher durchgekommen. Zumindest kann ich jetzt an Das Ereignis denken, ohne es zu müssen, ohne den unbedingten Zwang und daher ohne Angst vor Wahnsinn.

 

Die Sache hatte sich im Frühjahr ereignet. Inzwischen ist der Sommer vergangen. Es regnet. Ich sitze am Tisch und schaue nach draussen. Das Grün der Trauerweide ist verblasst, das Birkenlaub schon gelblich … Später Nachmittag. Bin gerade vom Joggen zurück. Bei Regen laufe ich besonders gern. Wenn ich nicht jogge, gehe ich in die Sporthalle und verausgabe mich beim Boxtraining. Oft brauche ich beides, das Jogging und das Boxen, und betätige mich ausserdem noch an den Eisenhanteln. Die sportliche Verausgabung hilft mir, meine Unruhe auszuhalten.

Als ich eingesehen hatte, dass mein Verstand von dem Ereignis überfordert war, lag das Nächstliegende auf der Hand: ich durfte mir nicht mehr erlauben, Schells Bureau zu öffnen. Das kostete mich anfangs all meine Willenskraft; und tatsächlich erlag ich nur zweimal der Versuchung.

Das eine Mal – unter dem Titel Und plötzlich Instanbul – platzte ich unvermittelt in eine Verfolgungsjagd hinein. Offenbar ging es um das Gefühl akuter Gefahr, und da wurde mir bewusst, dass das Herzrasen, das jedesmal einsetzte, wenn ich gedanklich dem Ereignis zu nahe kam, bedenklich auf meinen Blutkreislauf zu wirken begann.

Und auch als ich zum zweiten Mal nicht widerstehen konnte, Schells Bureau zu öffnen, hing das, was ich da las, mit meiner strapaziösen Situation zusammen, mit der Haltung unerklärlichen Tatsachen gegenüber und mit Selbstbeherrschung.

Ich bemerkte, woran ich mich die ganze Zeit noch klammerte: an die Möglichkeit nämlich, dass dieser Schell von Schells Bureau vielleicht doch ein anderer sei als ich.

Natürlich hatte ich den Blog nach Angaben über den Autor durchsucht, mehrfach, akribisch, doch vergeblich; während für meinen Freund Manne es sich von Anfang an von selbst verstand, dass ich der Autor bin.

Manne hält Schells Bureau unter Beobachtung und so weiss ich, dass sich da nichts mehr getan hat, seit ich es nicht mehr öffnete – abgesehen von den besagten zwei Malen, als ich der Versuchung nicht hatte widerstehen können. Und das hätte mir Beweis genug dafür sein müssen, dass ich der Autor bin. Doch war damit ja nur etwas Unmögliches bewiesen. Wenn ich in Schells Bureau mich lese – nicht über mich, sondern von mir, in der Ich-Form –, ich es aber nicht bin, der das schreibt: dann muss es einen anderen „Ich“ geben! Was logisch zu der Frage führt: Wer ist realer, ich oder das andere Ich?

Die eigene Echtheit rein theoretisch in Frage zu stellen, ist eines; etwas ganz anderes aber ist es, das Gefühl für seine ureigenste Echtheit zu verlieren. Das Fundamentalste, die ganze Tragweite dessen, was strukturelle Integrität bedeutet, beginnt sich ja überhaupt erst zu erschließen, wenn man es schwinden fühlt. Da wird zur notwendigsten Frage natürlich: Wem schwindet das Fundament? Wer sieht es schwinden? Und von wo aus?

Der Standpunkt, als ich mich so fragte, war mir alles andere als bewusst, und noch gänzlich verborgen der Vorgang, wie sich durch eben dieses Fragen ein neues Fundament zu bilden begann. Nur soviel war mir gerade einmal klar, dass ich mit der üblichen Ich-Auffassung nicht mehr als ein formales Konstrukt hatte, ein grammatisches Phantom, mit dem in einer erweiterten Realität nichts anzufangen war.

Jetzt, da ich das einigermaßen in Worte zu kleiden vermag, ist klar, warum das Ereignis einen Tumult in mir auslösen musste: Ich hatte keine Begriffe; nicht nur dafür keine Begriffe, sondern gar keine; keinen Begriff überhaupt davon, was ein Begriff eigentlich ist. – O nein, ich werde jetzt nicht Begriff definieren, und auch nicht die Grundvoraussetzung des Begreifens: Distanz – welche es mir überhaupt erlaubt, dieses sprachlich zu erfassen.

Immernoch ist später Nachmittag und immernoch regnet es, und ich bin immernoch gerade eben vom Joggen zurück. Doch an der Trauerweide da draussen hat sich das vergilbte Laub inzwischen sehr gelichtet und die Birken sind schon gänzlich kahl … Da sind offenbar viele Nachmittage zu einem einzigen verschmolzen, und das bedeutet wohl, ich komme nur langsam, sehr langsam voran.

 

Einfach das Unerklärliche nicht wahrhaben zu wollen, hilft nicht weiter, soviel ist klar. Bleibt nur, sich den Voraussetzungen dessen zuzuwenden, was man Urteilskraft nennt, oder Vernunft, und im Bereich des Selbstverständlichen nach einer haltbaren Grundlage zu suchen, auf der sich „wirklich“ von „unwirklich“, „erklärbar“ von „unerklärbar“ unterscheiden lässt.

Bist du womöglich schon verrückt? Dieser Verdacht beschlich mich natürlich immer wieder. Allein einen Zugang zum bloßen Begriff des Selbstverständlichen zu finden, kostete mich Stunden …

Von diesen Ausflügen in die Abstraktion versprach ich mir keineswegs Antworten auf meine Fragen; doch halfen sie mir, mein Denken vom Ereignis abzulenken. Im Gegensatz zu jener Meditationsform, durch die man seine Gedankenkraft stärkt, indem man sich auf eine Sache konzentriert, übte ich mich darin, um genau die eine Sache herumzudenken, mich sozusagen von ihr wegzukonzentrieren, zentrifugal. Eine Notlösung, ein Trick, dessen bin ich mir bewusst; aber leider vonnöten, solange ich nicht das Nichtdenken beherrsche.

Oft funktioniert der Trick auch gar nicht …

Wenn das Ereignis inszeniert worden ist: Von wem? Mit welchen Mitteln? Wer bringt es fertig, die absolute Konvergenz meiner Raum-Zeit-Realität mit einem Internet-Blog herzustellen? Nur ich selbst könnte das fertigbringen. Aber ich weiss davon nichts. Heisst das, mich gibt’s doppelt? Oder lebe ich gleichzeitig in zwei Realitäten? Das hiesse, es gäbe sie gar nicht, die Realität, die eine

Und wenn es mich in doppelter Ausführung gäbe: Wie käme die Verbindung zustande zwischen mir hier und mir dort? Ist da Magie im Spiel? Oder eine Technologie, die mir wie Magie erscheint, weil sie mein Vorstellungsvermögen übersteigt?

Spekulationen, Spekulationen … Ich stelle mir vor, wie ich das alles einfach vom Tisch wische, „Schluss für heute“ sage und auf Normalbewusstsein umschalte. Zu sehr aber hat das Ereignis mein Realitätsbewusstsein erschüttert, als dass ich mich ironisch irgendwie darüberstellen könnte. Es ist stattdessen alles aufzufahren, was mir an Geistesstärke zur Verfügung steht. Nur um einfach einen Punkt machen zu können …

 

Immernoch bin ich weit davon entfernt, all das, was mich bestürmt, mich überflutet, an mir rüttelt, auch nur ansatzweise systematisch zu bewältigen. Systematisch daran ist allein die Form, nämlich dass ich schreibend mein gedankliches Chaos zu bändigen versuche.

Natürlich ist das alles hier Fiktion, sage ich mir zum Beispiel; und dass es mir so absolut real vorkommt, ist einfach Teil dieser Fiktion. Doch bleibt die Frage: Ist die Tastatur, auf der ich schreibe, etwa realer als die Schrift, die auf dem Bildschirm erscheint? Und ist diese Schrift wiederum realer als das Gedankliche, das sich durch sie manifestiert?

Es lebt.

So unbestimmt verschwommen dieser Eindruck, so stark und wirklich das Gefühl dabei, so unbezweifelbar das Herzklopfen, das es mir verursacht.

Und jetzt, weil mir beim Schreiben das Es lebt so deutlich zu Bewusstsein kommt, wird mir bemerkbar, dass ich mich eigentlich schon lange wie gestorben fühle.

Etwas hat sich da verschoben, plötzlich; befindet sich jetzt hinter mir, wie ausserhalb; gehörte eben noch zu meinem Inneren, zu dem mir Selbstverständlichen, undurchdringlich und sehr schwer, von dem eine Art Kälte ausging –: Angst.

Deine Angst jetzt ausserhalb von dir? Nun pass aber bloß auf!

Schon gut. Alles nur Fiktion, beschwichtige ich mich. Ich schreib ja gar nicht über mich – jedenfalls nicht über mich „in echt“. Das Schell-Ich war immer rein fiktiv gemeint.

Und im übrigen will ich eigentlich an meiner Bent-Geschichte weiterschreiben. Der arme Manes Bent, der hängt mit seinem Professor Pentshak ja schon wer weiss wielange in Las Vegas fest und wartet auf den Fortgang seines ägyptologischen Abenteuers. Doch wann immer ich dazu ansetze, kommt mir die aktuelle Forschung dazwischen, ein nächster Ausflug ins Reich der Abstraktion, stets dringender als alles andere: das Selbstverständliche mir zu erhellen.

Was ich als Selbstverständliches erkenne, ist nicht mehr selbstverständlich. Ziel eines jeden Ausflugs ins Abstrakte ist sozusagen Entselbstverständlichung.

Zunächst wurde mir die Sucht bewusst; dass ich süchtig bin; dass nämlich schon lange nicht mehr zählte, was ich suche, sondern nur mehr das Suchen selbst; dass der Modus Suche mir zur Droge geworden ist. Was einmal Motivation gewesen war, bestand nur noch um seiner selbst willen, hatte sich, wie es bei jeder Sucht geschieht, in einen Automatismus der Selbsterhaltung verwandelt. Und der Stoff, von dem ich abhing, Unwissen, Mangel an Durchblick, war überall im Überfluss vorhanden, sodass ich mich an das Gefühl, das dieser „Stoff“ hervorrief, nämlich schwach und gering zu sein, so vollkommen gewöhnt hatte, dass jeder lichte Moment der Erkenntnis, des Findens, den Sucher in mir sofort veranlasste, sich Sorgen um den Nachschub zu machen.

Das Selbstverständliche ist eine Abstraktion, es lässt in mir kein Bild entstehen.

Ist keine Abstraktion, denn wenn ich schreibe: selbstverständlich, bilden die Buchstaben ein Bild, ein Schriftbild. Versteht sich das von selbst?

Ich ziehe alles ab und schreibe: Ich sitze da und schreibe, dass ich dasitze und schreibe.

Um die Tautologie noch tautologischer zu machen, ziehe ich noch das Dasitzen ab und schreibe nur noch, dass ich schreibe.

Dann ziehe ich auch den letzten Rest Beschreibung ab: Ich schreibe.

Ende der Geschichte. Ende allen Sinns. Die Tautologie ist perfekt.

Es ist dies die gedankliche Figur, in der ich jedesmal unweigerlich lande, wenn ich beim Sinnieren über das Ereignis mein Denken beobachte. Das rein Formale daran erscheint mir als eine kristalline Struktur, und ich nenne sie tautoloid. Man ist gänzlich von Spiegelflächen eingeschlossen; sitzt darin wie in der Falle.

Wenn man es in der Gedankenwelt mit einer sogenannten reflexion in infinitum zu tun bekommt, einer unendlichen Spiegelung, gilt es, ein Paradoxon auszuhalten: Einerseits weiss man, dass man einen sinnlos gewordenen Denkprozess nur stoppen kann, indem man einfach einen Punkt macht, andererseits weiss man aber auch, dass einem so ein Schlusspunkt nicht genügend festen Boden bietet, um über den leerlaufenden Denkprozess hinaus eine Ebene zu erreichen, auf der man unbezweifelbar real, als Ich nämlich, existent sein kann.

So ein willkürlich gesetzter Punkt vermag wohl einen ins Unendliche sich spiegelnden Gedanken zu stoppen, doch hat dadurch der Ort, an dem ich dadurch bin, nicht mehr Wirklichkeit als eben die einer gestoppten Spiegelung. Ich muss jedoch so vorgehen; muss, um den Verstand nicht zu verlieren, so tun, als wäre ich sicher verankert im Glauben an eine größere, festere Realität jenseits aller Spiegelei; weiss aber leider, dass ich nur so tue, als ob, weil ich eben aus Überlebensgründen so einen Glauben brauche; bleibe in Wahrheit also in der Schwebe hängen, in infinitum, dazu verdammt, weiter nach einem Ausweg zu suchen.

Das ist meine Situation Schells Bureau gegenüber.

Ich habe eine Leere geschaffen, in der ich kaum noch, nur noch grammatisch „ich“ bin. Oder in der nur noch ich bin? Eine Leere, die mir zwar bodenlos erscheint, unräumlich, endlos, ohne aber konkrete Eigenschaften aufzuweisen, wie etwa das Schwindelerregende eines Abgrundes. Und da einfach alle sinnlichen Bezüge fehlen, die Leerheit sinnvoll zu beschreiben, lasse ich sie lieber leer – Punkt – und beende diesen erneuten Versuch, das Unmögliche sprachlich zu ermöglichen, mit einem Blick aus dem Fenster.

Regentropfen an den Scheiben.

Die Trauerweide jetzt zur Gänze nackt. Die kahlen Birken von starkem Wind gezaust.

Und mein Herz pocht nun merklich ruhiger.

Klar also, dass meine Gesundheit ernstlich in Gefahr ist, wenn mir weiterhin der gedankliche Tumult immerzu Herzrasen verursacht, und klar, was demnach höchste Priorität hat: innezuhalten, sobald sich meine Gedanken zu überschlagen beginnen, das heisst bevor ich mich im Sinnlos-Unendlichen verliere, bevor mein Herz hämmert; einfach innezuhalten, indem ich mir sage: – das innere Machtwort, wie auch immer es lautet –; einen Punkt zu machen also, sobald mein Herzschlag sich beschleunigt.

So wie ich schon gelernt habe, mich daran zu hindern, Schells Bureau zu öffnen, werde ich auch lernen –

Punkt.

Doch ich denke weiter.

Noch langelang nicht lang genug, diese Umwege, und doch schon längst so klar: Wenn ich mich solange vom Ereignis entferne, mich wegdenke davon, bis ich da wieder ankomme, bewege ich mich – ja, im Kreise.

Anstatt ihn einfach zu machen, den Punkt, hetze ich um ihn herum wie bei Jules Verne der Phileas Fogg in achzig Tagen um den Erdball. Weil ich eben auch so einer bin, der den Nebel, die Ungewissheit liebt? Wenn dem so ist, dann kann es doch nur darum gehen, dieses ganze Kreisen in ein turbulentes Abenteuer zu verwandeln …

Ich stelle mir eine Art Mystery-Saga vor, und im Anfangskapitel, Dem Machtwort auf der Spur, ist das, worum es geht, noch gar nicht existent, ist noch Mysterium in reinster Form – was erst geschaffen wird.

I.2

Richtung Kehre

Kernstück des „alten Bureaus“ war die Erzählung, die aus den drei Romanen Golden, Ureal und Flysh bestand. Dieses als Trilogie angelegte Gebilde besteht weiterhin, setzt sich aber nicht mehr fort. Denn es ist soweit fertig, dass es jetzt in dieser neuen Version von Schells Bureau die Räume bildet, in die hinein ich Ausflüge unternehmen kann, um die Real-Technik zu erforschen bzw. sie beschreiben und handhaben zu lernen.

Die besagten drei Romane haben sich mit ihren ersten paar Kapiteln im „alten Bureau“ auf einen Punkt der Umkehrung zubewegt, haben eine Wandlung vorbereitet, und diese Wandlung hat stattgefunden, während Schells Bureau geschlossen war.

Der durch die Umkehrung vollzogene Wandel hatte den Effekt, dass nun im Vordergrund des Blogs, als sichtbarer Text, eben das läuft, was zuvor im „alten Bureau“ unsichtbar den Hintergrund gebildet hat; dass also das Erzählwerk aus Golden, Ureal und Flysh jetzt im Hintergrund läuft, als ein sozusagen „begehbares“ Gebilde im geistigen Raum (zu dem uns die Menüpunkte Bureau und Saga als Eingänge dienen).

Hier nun in Kurzform das Geschehen in Richtung Umkehrung, wie es in den drei Romanen ablief:

Golden beginnt am Nachthimmel, im Landeanflug auf Las Vegas. Die Protagonisten: Gurner Pentshak, Professor der Ägyptologie, und Manes Bent, sein Assistent. Letzterem wird gerade vom Professor mitgeteilt, dass das Institut, an dem sie arbeiten, geschlossen wird und dies ihre letzte gemeinsame Forschungsreise ist.

In Bents Unterbewusstsein ist eine umfangreiche Folge zusammenhängender Zeichen gespeichert, der sogenannte Horus-Code. Er wurde ihm in den vergangenen zwei Wochen übermittelt, als er Tag und Nacht nur noch damit beschäftigt war, Zeichnungen anzufertigen; sonderbar geometrische Gebilde, die er, weil er sie nicht verstand, für Kunst gehalten hatte.

Im Taxi nach Downtown Las Vegas wird dieser Code aktiviert, indem der Professor mittels seiner speziellen Zigarre bei Bent einen kurzen Ohnmachtsanfall auslöst. Worauf Bent sich wenig später über die plötzliche Erweiterung seiner Wahrnehmungsfähigkeit zu wundern beginnt.

Dass es vorbei sein soll mit seiner Assistenz bei Professor Pentshak, ist schmerzlich für Bent. Doch leider ist das noch nicht alles. Es werden sich in ein paar Stunden ihre Wege trennen; ab Mitternacht ist Bent auf sich allein gestellt. Und was er dann noch zu hören bekommt, bringt ihn zu der Überzeugung, dies könne alles nur geträumt sein: Was ihm bevorsteht – ein sogenanntes Happy Endless –, ist nicht abzuwenden, und überleben kann er es nur, indem er stirbt – durch angewandte Ägyptologie, wie der Professor es nennt.

Um für Bent die Chance auf eine Rettung zu erhöhen, will er ihm in der Zeit, die noch bleibt, wenigstens die wichtigsten Instruktionen erteilen. Damit Bent die verstehen kann, ist allerdings erforderlich, ihn aus seiner Überzeugung, er träume, schleunigst wieder herauszuholen …

Ureal beginnt in hellster Mittagssonne, im Landeanflug auf Lavienta, eine der Inseln des Andrianischen Archipels. Der Ich-Erzähler, der zu einem Surf-Urlaub anreist, hofft, sich hier von Anstrengungen zu erholen, von denen man lediglich erfährt, dass sie vergeblich waren. Er ist zu erschöpft, um sich auch nur Gedanken über seine aktuelle Identität zu machen; bleibt einfach im Modus Improvisation und daher namenlos. Könnte ein ausgebrannter Agent sein, welcher Art auch immer.

Er findet ein billiges Apartment, besorgt sich ein Surfbrett und ein kleines Auto und macht wochenlang nichts anderes als schlafen, surfen und am Strand herumhängen.

Dann sagt er, allmählich bekäme er wieder Lust zu schreiben – ist er also doch kein Agent, sondern Schriftsteller? Oder beides? In einem Traum hört er den Satz: Das LA-Trio wurde aktiviert. Und tags darauf kommt es überraschend zu einem Wiedersehen mit Freunden aus früheren Zeiten, Leila und Alonso. Kein Paar, eher ein Team; Drogendealer.

L wie Leila, A wie Alonso, und zusammen mit mir, so folgert der Ich-Erzähler: das LA-Trio. Zu tieferem Nachdenken kommt er nicht mehr, und ebensowenig zum Schreiben, denn die kleine Party zur Feier ihres Wiedersehens nimmt gar kein Ende mehr, da sich nämlich die alten Freunde in seinem Apartment einnisten und von nun an immerzu neue Freunde dazustoßen.

Bald scheint dieses „LA-Trio“ das ganze Partyvolk der Insel magnetisch anzuziehen. Was an der Oberfläche aussieht wie das entspannt-vergnügliche Beisammensein von netten interessanten Leuten, dreht sich, wie der Ich-Erzähler sehr wohl weiss, einzig um Berauschung, um Vergessen, und sein ungutes Gefühl dabei wird trotz der permanenten Drogenzufuhr immer größer.

Die Freunde wieder loszuwerden, gelingt ihm nicht, und dass er sich ihnen entzieht, wissen Leila und Alonso zu verhindern. Diese Party sei notwendig, so machen sie ihm klar, es ginge hier um etwas wichtiges, etwas, das ohne ihn nicht funktioniert. Ein Kurier sei unterwegs, geschickt von Geo Rey, dem mächtigsten Outlaw auf Erden, und dieser Kurier brächte etwas auf die Insel, von dem sie sagen, es sei „ein ganz besonderer Stoff“. Mehr wollen oder können sie ihm nicht verraten. So benebelt ist unser Ich-Erzähler noch nicht, als dass er das für bare Münze nimmt. Jedoch geben sie ihm zu verstehen, dass sie gezwungen wären, ihn „auszuknipsen“, falls er nicht mehr mitspielen würde. Darauf will er es nicht ankommen lassen; und muss also erkennen: Ich bin de facto ein Gefangener.

Hier gerät uns nun der Ich-Erzähler aus dem Blickfeld, und mit ihm die ganze Insel Lavienta. Wir wechseln nach Andria hinüber, auf die Hauptinsel des Andrianischen Archipels, und haben da zwei Neuankömmlinge vor uns, den Deutschen Gottfried Nolte und die schöne Trisha Percival, Amerikanerin. Sie haben sich im Flieger kennengelernt, aus Frankfurt am Main kommend, und bereits gegenseitig als Geheimagenten erkannt; und beiden stellt sich dieselbe Frage: Ist ihr Kontakt Teil der Mission? Also geplant? Ist Zusammenarbeit angesagt? Kurzum, sie müssen sich erst einmal näher beschnuppern. Ausserdem ist gerade Heiligabend, und was liegt näher, als den gemeinsam zu verbringen? Schnitt.

Wir sind wieder auf Lavienta:

Der Ich-Erzähler, sich nun bewusst, dass ihn die Dauerparty mit Leila und Alonso in einer Gefangenschaft hält, beschliesst anzuerkennen, dass dem ein Sinn zugrunde liegt, ein Plan, der für ihn eine bestimmte Rolle vorsieht. Da er weder weiss, worin diese Rolle, noch worin das Ziel des Plans besteht – ihm also alles fehlt, um die Sache zu entschlüsseln –, trifft er die einzig ihm noch mögliche Entscheidung, die nämlich, seinen klaren Kopf zurückzugewinnen. Er setzt jeglicher Aufnahme von berauschenden Substanzen ad hoc ein Ende. Schnitt.

Und wieder auf der Hauptinsel:

Da sich Agentin Percival in Andria schon etwas auskennt, im Gegensatz zu Nolte, der zum erstenmal hier ist, übernimmt sie die Führung. Unweit von Babaal, der Hauptstadt Andrias, in einem Dorf an der Küste, finden sie das für ihre Zwecke perfekt geeignete Hotelzimmerchen.

Gewöhnlich bedeutet „eine Romanze haben“ für Geheimagenten, sich gegenseitig „intensiv zu informieren“ …

Dass Nolte, wie er behauptet, auf die Surfer-Insel Lavienta wolle, um zu surfen, glaubt Trisha sowieso nicht, also gibt er zu, dass er im Bereich Personenschutz aktiv ist und für ihn auf Lavienta ein sogenannter Body Job ansteht. Trisha, deren Ziel Matoxa ist, eine andere Insel des Archipels, gibt ihrerseits zu, dass es auch bei ihrer Mission nur scheinbar darum geht, Eingeborene in einem Reservat mit medizinischen Hilfsgütern zu versorgen. Bevor sie nach Matoxa weiterreist, habe sie hier auf der Hauptinsel jemandem etwas zu übergeben, jemandem, der ebenfalls, so wie sie, für eine Organisation namens Service of Intelligence unterwegs ist, und der dieses „Etwas“ – ein Päckchen von Geo Rey – nach Lavienta weiterbefördern soll.

Da Nolte tatsächlich auch für den SI genannten Service of Intelligence arbeitet und sein Ziel ja nun mal Lavienta heisst, kommt als der „Jemand“ wohl nur er infrage. Davon allerdings, Kurier zu spielen für den Ober-Gangster, ist er alles andere als begeistert. Denn die Jenkins Security hat, wie er sich denken kann, auch Andria im Blick, und zwar jede der Inseln, und angesichts der Mittel, die dieser Firma zur Verfügung stehen – immerhin ist sie Aug und Ohr der Weltregierung –, tendiert seine Chance, unbehelligt von den Jenkins diesen Auftrag auszuführen, gegen null. Schnitt.

Sicherlich war für den Ich-Erzähler Disziplin vonnöten, um die Drogenparty um ihn her zu ignorieren, heldenhafte Anstrengungen aber keineswegs. Als das akute Angstgefühl erstmal verschwunden ist und dann mit fortschreitender Abstinenz überhaupt alle Beklemmung von ihm weicht, entdeckt er wie neu, was wirklich wirklich für ihn ist, und das auf denkbar unspektakulärste, leiseste Weise: in immer tiefer werdender Stille. Das verändert ihn, und mit ihm beginnt sich im Zuge der Ausnüchterung – die Leila und Alonso übrigens in keinster Weise zu behindern versuchen – auch die Insel Lavienta zu verändern.

Fassen wir zusammen:

In den ersten Kapiteln des Golden-Romans bahnte sich an, dass der Weg in Richtung Umkehrung, nämlich von einer simulierten Realität hin zu einem Erwachen daraus, auf ein Sterben hinausläuft.

In den Anfangskapiteln des Ureal-Romans führte der Weg in Richtung Umkehr von der Totalberauschung hin zu einem ernüchterten Zusichkommen, in eine Stille.

Im dritten Roman nun ist die Strecke bis zur Umkehrung sehr viel kürzer. Es ist die Normalität, von der diese Geschichte ihren Ausgang nimmt, und hier stürzt der Protagonist gleich zu Beginn ins Ungewisse, das heisst fällt aus dem Alltäglichen heraus; und dieses Herausfallen ist bereits die Umkehrung …

Flysh beginnt auch nicht wie Ureal und Golden am Himmel, im Fluge, sondern am Boden, in Frankfurt am Main, und der Ich-Erzähler heisst einfach Schell und ist Taxifahrer.

Der Mann, den dieser Ich-Erzähler sich angewöhnt hat, jeden Morgen im Spiegel zu sehen, ist kein Jungspunt mehr, aber mit seinen vierzig Jahren auch noch kein alter Knacker. Nach den Maßstäben der Gesellschaft, in der er lebt (Deutschland heute), müsste man ihn wohl einen Extremisten nennen, da die Tätigkeit, die ihm die wichtigste ist, weder ein Ziel hat, noch einen Nutzen, noch materiell ihm etwas einbringt, und er dennoch dieser Tätigkeit – dem Schreiben nämlich – seit fast zwanzig Jahren alles andere unterordnet. Und die Geschichten, die er schreibt, sind ganz genauso:

Ein Ort, ein Wort, ein Satz, ein Bild erregt in ihm die Lust zu schreiben, und diese Lust hält vor, solange er nicht weiss, wohin die Reise geht, solange die Geschichte im Mysteriösen sich bewegt. Es ist das Ungewisse, das ihn inspiriert. Dann kommt der Punkt, an dem er sieht: nur so und nicht anders kann es weitergehen; und damit ist die Geschichte für ihn fertig. Alles weitere ist nun kein Schreiben mehr, sondern wäre nur noch Aufschreiben, und da kommt ihm die Lust abhanden. Erst dann kehrt sie zurück, wenn er ganz neu wieder irgendwo anders ansetzt, wenn erneut das Ungewisse vor ihm liegt. So bleiben all seine Geschichten unfertig nach aussen hin.

Man kann diesen Schell mit einiger Berechtigung als eine „verkrachte Existenz“ betrachten, kann aber ebenso berechtigterweise feststellen, dass er konsequent macht, was er will. Genau das war es, was Ingrun, die Frau, mit der er zuletzt einige Jahre zusammenlebte, an ihm bewundert hatte. Bis die Bewunderung dahinschwand und schliesslich in Verachtung umschlug. Was als sein Freiheitsrecht ihm völlig selbstverständlich war, darin sah plötzlich Ingrun nur noch krassen Egoismus. Und wohin hatte das geführt? Dahin, dass sie sich gegenseitig Egoismus vorwarfen, und das natürlich zu recht. Wodurch die Liebesbeziehung sich in eine Krise verwandelte, die erst ihre Lösung fand, als Ingrun ihn hinauswarf, aus ihrem Leben wie aus ihrer Wohnung.

Er hat Unterschlupf gefunden bei Manne, Chef der Firma Manne’s Taxi, der mit seiner Freundin Uschi eine ehemalige Tankstelle am Stadtrand von Frankfurt bewohnt, gemeinsam mit einem Grüppchen sozial entgleister Jugendlicher, sowie einigen Existenzen, die am ehesten wohl, ähnlich wie Schell, der Kategorie „provisorisch“ zuzurechnen sind. (Dazu gehört beispielsweise ein mysteriöser Typ namens Gottfried Nolte, der viel auf Reisen ist, beruflich tätig im Bereich Personenschutz.)

Nicht nur ist Manne, der Chef, Schell’s bester Freund, sondern ausserdem sein treuester Leser, und damit auch derjenige, der sein Werk am genauesten kennt, genauer sogar als er selbst, wie Schell manchmal den Eindruck hat. Deshalb darf Manne ihn scherzeshalber den „Allwissenden Kreator“ oder „Herrn des Flyshwerks“ nennen, denn was er damit spöttisch bemäntelt, ist durchaus wertschätzend gemeint. Er hat nämlich erkannt, dass all die unfertigen, nicht zuende aufgeschriebenen Geschichten – die Schell in ihrer Gesamtheit „Flysh“ nennt – ein zusammenhängendes Gefüge bilden.

Sich selbst übrigens empfindet Schell keineswegs als autonom oder gar frei, und ebensowenig als „verkracht“ im Sinne von gescheitert. Vielmehr sieht er sich, je nach Stimmung, als mal etwas freier, mal etwas verkrachter, und insofern einfach als mal mehr, mal weniger repräsentativ für die Gattung Mensch, wie sie derzeit diesen Erdball bewohnt. Daher würde er sein Selbstbildnis ohne weiteres mit Otto Normal betiteln; und deshalb wundert uns auch nicht, dass ihm sein Taxi-Job Spaß macht und er sich da am Stadtrand als Mitglied der „Tankstellen-Gemeinde“ recht wohlfühlt: weil schon das allein, überhaupt einen Job zu haben und ein Dach überm Kopf, sich gut für ihn anfühlt.

Was nun unseren Ich-Erzähler Schell aus dieser ihm so angenehmen Normalität hinauskatapultiert, beginnt mit einem Schlüssel, den eine Kundin auf der Rückbank seines Taxis findet und der, wie sich herausstellt, zu einem Schliessfach am Hauptbahnhof gehört. Was ist damit anzufangen? Als er am Abend Freund Manne darüber befragt, geht dieser darauf gar nicht ein, zeigt ihm stattdessen auf seinem Laptop, was er im Internet entdeckt hat: ein Weblog namens Schells Bureau. Und der Text, den er da liest, beschreibt genau die Szene, die sich gerade abspielt …

Ich scrolle – und erstarre: Was lese ich da?

Er kann es nicht fassen: Da steht geschrieben, was jetzt, in diesem Augenblick, real ist …

Doch dieser Schell von Schells Bureau ist ein anderer Schell als er, muss ein anderer sein, denn er hat nichts mit diesem Ding zu tun, dessen ist er sich vollkommen sicher. Manne widerspricht dem nicht, er sieht ja Schell zutiefst erschrocken; kann ihm höchstens dadurch den Schrecken zu verkraften helfen, indem er selbst Gelassenheit zeigt.

In der folgenden Nacht sitzt Schell vor diesem gespenstischen Weblog und sieht da geschrieben auf dem Bildschirm, was er denkt; liest online, wie er versucht, um an der Absurdität dieser unmöglichen Situation nicht irre zu werden, sich dazu irgendwie in ein rationales Verhältnis zu bringen. Es kommt zumindest folgende Erkenntnis dabei heraus:

Menschen, deren Gehirne direkt ans Netz angeschlossen sind, können ein Programm aktivieren, das sie für die Real-Technik freischaltet. Es werden ihnen dann Umwelten nach Wunsch in die Köpfe projiziert. Zum Glück kann man die Sucht, die das erzeugt, durch ein spezielles Brainwash-Programm wieder loswerden.

Tags darauf entschliesst sich Schell, jenen Schlüssel zu benutzen. Was er schon ahnt – dass der ihm zugespielt wurde –, bestätigt sich: Er findet in dem Bahnhofsschliessfach ein Objekt, das er auf Anhieb als ihm zugedacht erkennt. Die kleine Plastikfigur, eine sogenannte Azuette, ist die Nachbildung einer Statuette aus Stein, die in seinen Geschichten eine so wichtige Rolle spielt; die nämlich König Azuma darstellt, die zentrale Gestalt in dem besagten Gefüge namens „Flysh“. Er hält hier also ganz real etwas in Händen, von dem er bis jetzt glaubte, es existiere allein in seiner Phantasie. Und das ist ein weiterer Schock für ihn.

„Herr des Flyshwerks“? „Allwissender Kreator“? Er sieht sich in ein Spiel gezogen, in sein eigenes – ist darin plötzlich selber eine Spielfigur. Der Kreator ist über Nacht zur Kreatur geworden, der Herr zum Knecht im Flyshwerk … Ist das eine Katastrophe? Oder etwa eine Art Befreiung? Klar ist ihm nur, dass es, wenn er nicht aufpasst, in Richtung Wahnsinn geht; und sollte er auch gezwungen sein, alles mögliche zu akzeptieren, dies eine aber wird er keinesfalls zulassen: verrückt zu werden an seinem eigenen Spiel.

S.2

Sei Maske, Gesicht!

Nach einer Busfahrt bis zur Entstation meine ich mich nun am nördlichen Rande von Istanbul zu befinden. Der nur von den Scheinwerfern einiger Fahrzeuge spärlich beleuchtete Platz, den ich aufs Geratewohl überquere, scheint ein Park zu sein, und trotz der späten Stunde herrscht da unsichtbar unter den schwarzen Bäumen ein reges menschliches Treiben.
Was ich suche, ist ein Lokal. Ich brauche dringend etwas zu trinken; und wenn ich mir meine nächsten Schritte überlegt habe, werde ich sicher telefonieren müssen.
Kaum habe ich es mir konkret genug vorgestellt – inklusive einiger Typen in Uniform, die mich, als ich hereinkomme, kurz taxieren – sitze ich schon an meinem Tischchen, ringsum Männer, palavernd bei Tschai und Wasserpfeife, und höre aus dem Fernseher, der hinter mir an der Wand hängt, eine amerikanische Schauspielerstimme sagen:
„Worüber so empört, mein Freund? Ich bin keine Bestie, nur Geschäftsmann. Zwinge mich nicht, das zu vergessen.“
Und ein paar Sekunden später dieselbe Stimme: „Tun Sie, was nötig ist.“
By any means necessary … Der Kill-Befehl unter Gringos.
Warum von all den Standard-Formeln höre ich jetzt gerade diese?
Ich bin alarmiert, und das heisst: Ich befehle meinem Gesicht, eine Maske zu sein.
Das habe ich lange nicht mehr gedacht. Meine private Formel, die mir früher in peinlichen Momenten half, mein Schamgefühl zu verbergen. Sie machte mir mein Gesicht bewusst, ohne dass es erst heiß und rot werden musste. Routine inzwischen. Ich brauche den Befehl nicht mehr, mein Gesicht wird Maske ganz von selbst. Wenn sie noch hin und wieder aufblitzt, diese Formel, so immer mit leiser Wehmut verbunden, erinnernd an die Zeiten jugendlichen Leidens, als Scham noch eine Empfindung war, die brannte.
Doch wo ist hier der Auslöser? Wo ist die Frau?
Keine Frauen weit und breit, das Lokal ist reines Männer-Territorium. Und gerade deshalb komme ich darauf, na klar – weil so auffällig ist, was hier gänzlich fehlt.
Was man versteckt, wird unsichtbar, geheimnisvoll, und nur umso begehrenswerter, je weniger man davon weiss. Man weiss nur: rund, warm, weich.
Vor mir auf dem kleinen quadratischen Holztisch ein Gläschen und eine silbrige wohlgeformte Teekanne. Geometrie, denke ich, und sehe ein schwarzes Objekt vor meinem geistigen Auge, das Gegenbild: eckig, kühl, hart.
Ich muss an die Kaaba denken, das schwarze Quadrat, Allerheiligstes der islamischen Welt, strengstens geschützt im Zentrum des heiligen Mekka, von Millionen Menschen aufs innigste verehrt; und an einer ihrer vier Ecken der berühmte schwarze Stein.
Als Rätsel gedacht? Als Prüfstein für den wahren Glauben? O nein. Ganz im Gegenteil.
Ich erstarre. Das darfst du nicht wissen.
Da kommen sie humpelnd zur Tür herein: die beiden Mongolen.
Kein Zweifel, es sind genau die: Sgyulus und Sprosbral.
Schon haben sie mich entdeckt; steuern grinsend auf mich zu; lassen sich ächzend rechts und links an meinem Tischchen nieder. Der eine sagt: „Vorhin auf der Brücke, das war gar nicht so ernst gemeint“, und der andere: „Anders als vielleicht nächstes Mal.“
Wie sehr ich da versteife, bekomme ich erst tags darauf in meiner Nackenmuskulatur zu spüren. Ich schaue zu den Uniformierten hinüber. Doch die beachten uns nicht.
Sei Maske, Gesicht!
„Was wollt ihr von mir?“
Die beiden schauen sich an. „Wollen wir was von ihm?“ Sie schütteln die Köpfe.
„Ich will wissen, warum ihr mich verfolgt.“
„Du hast uns mit was beworfen und das ist explodiert.“
„Ihr habt versucht, mich zu erschiessen!“
„Wie gesagt, das war nicht so gemeint.“
„Aber warum? Warum habt ihr mich angegriffen?“
„Wir sollen dich daran erinnern, zu vergessen.“
Ich blicke entgeistert vom einen zum andern. „Und was zu vergessen?“
„Kennst du Ronin, diesen alten Gangsterfilm?“
Ich seufze nur und nicke.
„Da jagen die doch wie wild einem Köfferchen hinterher und murksen sich ab, aber es bleibt ein Rätsel, was da eigentlich drin war.“
Ich zucke ratlos die Achseln. „Ja, und?“
„Idiot! Denk nach! Was war da drin?“
„Na, vielleicht ein Zettelchen, auf dem stand: Hollywood.“
„Bingo!“ Und die beiden strahlen mich begeistert an.
Nun bewegt der eine langsam seinen Zeigefinger auf meine Stirn zu, mit den Worten: „Und was ist da drin? Auch so ein Zettelchen?“
Jetzt werden sie mir erst so richtig unheimlich, diese zwei Mongolen. Sind das überhaupt Mongolen? Sie reden und benehmen sich wie Gringos.
Ich sehe nun das Zettelchen in meinem Kopf schon vor mir; sehe da etwas Geschriebenes, und wie die sich langsam nähernde Fingerspitze genau darauf zielt … Und begreife endlich, was hier eigentlich läuft.
Bevor ich entziffern kann, was auf dem Zettelchen steht, und das heisst gerade bevor die Fingerspitze meine Stirn berührt, lasse ich das Zettelchen sich abrupt zusammenknüllen.
Sofort zieht der Mongole seinen Finger zurück. Er wechselt mit dem anderen einen Blick, dann stehen sie wortlos vom Tisch auf und humpeln in die Nacht hinaus.

Es ist nicht immer leicht auszumachen, wer gerade bewusst im selben Real ist wie ich. Klar wird mir das in der Regel erst, wenn ich mit jemandem in der universalen Sprache der Real-Realität kommuniziere; wozu ich aber nur befähigt bin, sofern mir nicht nur der Real-Zustand bewusst ist, sondern auch der Zustand meiner Bewusstheit.
Kann man sich im Real-Zustand auch seiner Unbewusstheit bewusst sein?
Darum ging es bei dem Duell mit den Mongolen.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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Wer mich kontaktieren möchte, sende mir eine E-Mail mit dem Vermerk 'Schells Bureau' an: matthias.scheel[at]posteo.de