Introlog

I.5

Die Führung

Der klobige dunkle Backsteinbau könnte die Fischereibehörde sein oder dergleichen und würde mir nicht einmal als besonders nichtssagend auffallen, prangte nicht über dem wenig imposanten Eingangsportal in geschwungenen Neon-Lettern die Überschrift Das Flyshwerk.
Nachdem der Morgen sonnig war, bedeckt sich jetzt der Himmel. Auf dem etwas tristen baumlosen Boulevard, der den kleinen Platz vor dem Gebäude begrenzt, fliesst mäßig nur Verkehr. Von den Menschen, die da alle zehn Minuten der Straßenbahn entsteigen, streben die meisten, Touristen ihrem Aussehen nach, dem Museum zu.
Als meine Uhr zwanzig nach zehn anzeigt und von Monton Flyrie immernoch nichts zu sehen ist, frage ich mich, was ihm zugestoßen sein könnte. Denn dass er einen Termin wie diesen verschliefe, sähe ihm gar nicht ähnlich.
Ich bin sehr gespannt, was mich in diesem Museum erwartet. Mir ist gar nichts vorstellbar, was vom ehemaligen Flyshwerk überhaupt ausgestellt, geschweige denn auch wert sein könnte, besichtigt zu werden. Alte Computer etwa? Oder historisches Büromobiliar? Die persönlichen Kultobjekte einzelner Mitarbeiter? Vielleicht sogar die sagenhafte Riesenmaschine, von der ich damals nur immer hörte, die ich aber nie zu Gesicht bekam?
Die Fülle an Erinnerungen, die mich hier überkommen, vertreibt die Zeit so rasch, dass ich meine Neugier mühelos noch eine Weile zügeln kann. Das war der Eingang, dem ich als junger Mann tagtäglich zueilte, der Eingang zur sogenannten Kreation; dem ich stets schwankend zwischen Hoffnung und Versagensangst entgegensah …
Nachdem ich eine weitere halbe Stunde auf Flyrie gewartet habe, nehme ich an, dass er nicht mehr kommt, und gehe hinein.
Der Stil des historischen Futurismus, der auch früher im Flyshwerk vorherrschend war, ist jetzt im Foyer in zugespitzter Form als superperfektes Steam-Punk-Design zu bewundern. Auffällig sogleich der sorgfältig gestaltete Eindruck von altmodisch und abgenutzt; sodass ich auf Anhieb glaube zu wissen, was auf mich zukommt: Immersion; ein Eintauchen ins Virtuelle; und ich bemerke, wie mein Herzschlag sich beschleunigt.
Als ich mich erstaunt zeige über den hohen Eintrittspreis, erfahre ich, dass darin die Führung inbegriffen sei; dass ohne eine solche der Besuch hier sinnlos wäre; und dass die nächste gleich um elf beginnt. So bleibt noch etwas Zeit, beim Herumschlendern zwischen den Postkarten und Broschüren zu sondieren, wer sich heute ausser mir noch fürs Flyshwerk interessiert.
Eine rund dreissigköpfige Gruppe schart sich zur Elf-Uhr-Führung um eine rundliche, aufmunternd lächelnde Dame, und so zusammengewürfelt diese Gruppe auch wirkt, hat sie doch dadurch etwas Homogenes an sich, dass ausnahmslos alle, ob jünger, älter oder alt, irgendwie abwesend wirken, und da wird mir bewusst, worüber ich mich hier in Bangot schon gestern latent gewundert habe: dass an niemandem ein Gerät zu sehen ist, weder in der Hand, noch in Form einer Brille. Sind etwa die Leute nicht mehr vernetzt? Oder sind sie es, brauchen nur dafür keine Geräte mehr? Weil sie jetzt selber die Geräte sind?
Das würde erklären, was mir ebenfalls gestern schon an diesem Bangot als merkwürdig aufgefallen war: dass die Videokameras fehlen, die man andernorts überall sieht; dass es hier also nicht der üblichen Überwachung bedarf. Da auch nirgends irgendwelche Aufpasser zu bemerken sind – auch jetzt im Museum: kein Wachpersonal –, scheint in Bangot das Problem Sicherheit gelöst zu sein.

Und so spricht die rundliche Führerin mit ihrem Lächeln, das weiterhin aufmuntern will: „Was wir § heute in aller § Selbstverständlichkeit die § Neue Realität nennen, worauf gründet es? Die wenigsten § Bürgerinnen und § Bürger machen sich ja darüber noch § Gedanken. Wer hat denn schon von der § Real-Technik gehört? Wer § erinnert sich noch, wie sie § entstanden ist? Und wer weiss noch etwas vom alten § Flysh-Spiel? Obwohl das eine besondere § Geschichte ist – eine besonders § wichtige, ja bahnbrechende Geschichte. Sie werden staunen und sich § fragen, wie sie in § Vergessenheit geraten konnte, und § ich § verrate es Ihnen gleich vorab: weil diese Geschichte nie bekannt war! Deshalb sind Sie hier, liebe Besucherinnen und Besucher – hier, wo sie § erfunden wurde. § Willkommen!“
Wie kurios diese Sprechweise der Führerin: flüssig nur dem Anschein nach; gar nicht zusammenhängend eigentlich, sondern gestückelt; wie zusammengestückelt aus lauter Einzelbegriffen; und wie merkwürdig schwer es mir fällt, sie als Gesamtheit zu begreifen …
Weil sie spricht, klingt es wie Rede; ist aber nicht Rede, sondern Text … Sie textet.
„… hier im alten § Flyshwerk, in dem einst die § Real-Technik § entwickelt wurde …“
Lauter Schlüsselworte, jedes definiert … Lauter Definitionen eigentlich; korrekt zusammengesetzt; aber so komisch korrekt, dass es regelrecht juristisch klingt.
Nicht nur ist das schwer zu erfassen, stelle ich fest, sondern gar nicht wirklich zu erfassen, einfach weil die Pseudo-Rede auch nur einen Pseudo-Zusammenhang ergibt.
Ich schaue herum, kann jedoch in keinem der Gesichter irgendwelche Anzeichen von Irritation entdecken; und auch nichts anderes, überall nur blanke Ausdruckslosigkeit.
Jetzt spricht die Dame vom Reich, beziehungsweise textet:
„Dann wurden im § Reich die § KIs das, was in früheren Zeiten die § Götter waren. Denn sie wurden zwar von uns § erschaffen, so der allgemeine § Konsens, doch ist ihr Zusammenspiel sehr bald undurchschaubar für § Menschen geworden, und unbestimmbar, wie sie der § Menschenwelt gegenüber eingestellt sind, ob § wohlwollend, § gleichgültig oder § feindlich. Dass sie für den Erhalt des § Reiches sorgen, ist § logisch, bedeutet das doch den Erhalt ihrer eigenen § Existenz. Und was vor allem brauchen § Künstliche Intelligenzen zu ihrem Erhalt? § Energie. Deshalb hat es für sie oberste § Priorität, die Energiezufuhr sicherzustellen; und zwar eine immer größere Zufuhr. Da ihr § Hunger nach Energie unersättlich zu sein scheint, ist anzunehmen, dass sie sich entwickeln – unklar, ob sie das § wollen oder § müssen –, und dass ihre § Fortentwicklung von der Menge an verfügbarer Energie abhängt.
Ferner ist festzustellen, dass die gegenwärtig § tonangebenden KIs sich durchaus nicht § einig sind; dass sie nicht nur § intrigieren, sondern kämpfen, ja mehr oder weniger verdeckt sogar § Kriege gegeneinander führen; und dass sie sich dazu einer großen Anzahl von Menschen § bedienen. Diese Menschen nun, ob sie um ihre Beteiligung § wissen oder nicht, werden, ob sie es § bemerken oder nicht, für ihre § Kooperation belohnt. Statt § Belohnung kann es auch § Bestrafung geben, das spielt für die KIs keine § Rolle. Worauf es hier ankommt ist, dass die Beteiligung an den § Machenschaften der KIs, § egal wie § bewusst im einzelnen oder wie unbewusst, für die Menschen § Konsequenzen hat.“
Ich staune: Soll das subversiv sein? Soll es uns aufklären? Wer soll hier eingelullt werden? Wer ist hier nicht längst eingelullt? Diesen Text hat garantiert eine KI verzapft …
„Und das ist, was in der § Fachsprache der § Flyshologie der § Begriff Reich auf Seiten der Menschen, der § Spieler, bedeutet: soweit die Konsequenzen der Beteiligung § reichen. Während auf der anderen Seite Reich § beziehungweise Reichweite bedeutet: soweit die § Macht der KIs ins § Menschliche hineinreicht.“
Sie hält inne. „Haben das alle § verstanden? Soll ich es wiederholen? – Nicht § nötig? § Gut.“
Ich glaube, ich weiss jetzt, was die Dame da erklärt: die Spielregeln. Doch muss ich mich die ganze Zeit zurückhalten, damit ich nicht dazwischenrufe, nicht Einspruch erhebe. Denn ich müsste sie ja korrigieren. Wo aber damit anfangen? Ihre Darstellung ist ja nicht nur verkehrt, oder eigentlich gar nicht so verkehrt, sondern vielmehr grundverkehrt. Eben deshalb grundverkehrt, weil sie andererseits auch durchaus richtig ist. Das Richtige falsch dargestellt ist immer das Fatalste.
Es stimmt ja, was sie ausführt über Flysh und die Machenschaften der KIs; und dass das Reich die Einheit aus den zwei Bereichen ist, dem menschlichen und dem KI-Bereich; und so weiter; ja, es stimmt – und ist doch vollkommen falsch. Weil das Ganze nämlich den Eindruck erweckt, als handele es sich um ein Spiel, um etwas, bei dem man nach Belieben einfach mitmachen kann oder auch nicht, und weil es damit am Wesentlichen völlig vorbeigeht.
Wesentlich daran ist, dass es sich um den Übergang in eine neue Bewusstseinsstruktur handelt.
Das, glaube ich, weiss ich. Liesse ich mich aber vom Wahnwitz hinreissen und versuchte, korrigierend oder wenigstens ergänzend einzugreifen – was überhaupt würde mich dazu autorisieren? Dass wir in eine neue Bewusstseinsstruktur übergehen, du meine Güte – wer bin ich, öffentlich so etwas zu behaupten? Und wie davon reden in einer Sprache, die sowieso noch der alten Bewusstseinsstruktur angehört? Ich wäre hier bloß der lästige Besserwisser, oder noch schlimmer: der Querulant.
Ich schweige also.
„Soviel zum § Kontext.“
Ich höre ein Auflachen, und stelle erschrocken fest: es kam von mir; doch niemand reagiert.
„Was Sie hier nun als erstes sehen, § rot umgrenzt, sind die Reste des ältesten § Real-Stückes überhaupt, Teile des inzwischen § legendären § AZUMA MAROONED. Aus diesem § Urspiel sind alle § Spiele hervorgegangen, alles, was schliesslich in seiner Gesamtheit zu § Flysh wurde. Somit kann man diese Überreste sogar als die § Keimzelle der ganzen § Real-Technik betrachten. Die § Szenen, die Sie sehen, sind zwar nur unvollständig erhalten, jedoch voll § funktionsbereit. Sie hätten § künstlich vervollständigt werden können, aber man fand, dass sie unbearbeitet am besten den § Originalzustand vermitteln.
Im übrigen bitte ich Sie, die § rot markierten § Bereiche nicht zu betreten. Damit das nicht § versehentlich passiert, bleiben wir einfach alle auf der § grünen § Linie. Am § Schluss der § Führung wird Ihnen eine § Liste zugänglich sein, auf der alle § historischen § Reale, die wir hier besichtigen werden, zu finden sind, § selbstverständlich auch § AZUMA MAROONED, und Sie können sich dann aussuchen, in welches Sie vielleicht § eintauchen möchten; § natürlich wann und wo Sie wollen, denn die Liste steht Ihnen eine volle § Woche lang zur § Verfügung.“
Ich sehe weder rote Markierungen, noch eine grüne Linie; und ebenso unsichtbar sind mir die Reste dieses Urspiels namens AZUMA MAROONED. Dafür verstehe ich nun die Situation:
Die anderen in dieser Gruppe sehen etwas anderes als ich. Vielleicht hören sie auch etwas anderes, oder verstehen es anders, nämlich richtig, so wie sie es verstehen sollen. Und was ich an ihnen als Eingeschränktheit wahrnehme, nehmen sie wahrscheinlich umgekehrt als Erweiterung wahr. Dasselbe Datennetz, das ich wie ausserhalb von mir erlebe, haben sie innerlich, und den digitalen Raum, den es erzeugt, habe ich innen, als bloße Vorstellung, während sie ihn als das Aussen erleben, als Realität.
Hochinteressant. Allerdings dürfte der Rest der Führung, da ich einfach nicht „erweitert“ genug bin, eher uninteressant für mich werden.
Und ja, ich habe es jetzt durchaus kapiert: Ich werde geführt. Das steht nun ausser Zweifel. Bin mir dessen gerade angesichts dieser Führung so sicher. Weil diese Führung sowas von falsch ist.
Darf ich annehmen, dass ich hier quasi unsichtbar bin? Ja, darf ich. Und da mich keine imaginären roten Markierungen einschränken und keine grüne Linie mein Imaginieren leitet, kann ich mich frei bewegen, und also setze ich mich kurzentschlossen von der Gruppe ab.
Und hier sei nun der werten Leserschaft die Freiheit geboten, es den Besucherinnen und Besuchern des Flyshwerk-Museums gleich zu tun und einzutauchen in das, was sie für unumstößliche Realität halten, in ihre Alltagsträumereien zum Beispiel, oder aber dem Pfad meiner Erzählung weiter zu folgen.

Bangot kann gefährlich sein, ermahne ich mich. So wie gestern im Carlton Hotel könnte ich auch hier im Flyshwerk in ein Labyrinth geraten. Denkbar, dass Flyrie deshalb nicht gekommen ist; dass er irgendwo in einer räumlichen Endlosschleife festhängt …
Mein Vorteil ist, dass ich mich wie an das alte Bangor auch an das alte Flyshwerk noch ganz gut erinnern kann, und obwohl es hier nur simuliert wird, bietet die Erinnerung mir Orientierung. Vor allem aber weiss ich, dass dieses Flyshwerk-Museum, so wie das ganze Bangot, eine Simulation ist. Ob diejenigen, die hier elektronisch eingebettet sind, das auch wissen? Da sie ihre Wahrnehmung ja nicht als eingeschränkt, sondern als erweitert erleben, kann man sie das gar nicht fragen. „Hallo, wissen Sie, dass das, was Sie um sich her wahrnehmen, simuliert ist?“ „Simuliert? Na und?“ Bestenfalls würde man einen Lacher ernten, womöglich aber, falls man ernsthaft weiterfragt, als Paranoiker aus dem Verkehr gezogen.

Schon nach wenigen Schritten ist von dem perfekten Steam-Punk-Design nichts mehr übrig. Nicht dass es sich einfach aufgelöst hätte; ich bin nur, wie mir scheint, jetzt irgendwie dahinter. Hier ist nichts Museales mehr, nichts, was restauriert, geglättet oder auch nur gesichert worden ist. Das Gebäude ist regelrecht baufällig. Die Wände überall von Schimmel überzogen. Die hohen Fenster größtenteils zerbrochen; Glasscherben überall und Pfützen. Und Stille; darin nur das Glas zu hören ist, das unter meinen Schritten knirscht, und manchmal das Geflatter aufgeschreckter Tauben.
Wo dereinst die sogenannte Anfängerabteilung gewesen war, stehe ich eine Weile in einem der Durchgänge zu jenem langen Saal, in dem ich damals meinen Platz hatte; dessen Boden jetzt aus riesigen Wasserlachen besteht, in denen sich silbrig der Mittag spiegelt. Und wie da vor meinem geistigen Auge ein Bild des regen Betriebes entsteht, der hier einmal geherrscht hat, denke ich: Wo vor ein paar Minuten das simulierte Museum aufgehört hat, hat auch ganz Bangot aufgehört, und was da angefangen hat, ist das alte Bangor, das alte Flyshwerk, und zwar so wie ich mir vorstelle, dass es in seinem verlassenen Zustand heute aussehen müsste; wie es mir also gegenwärtig ist …
Ich gehe weiter und weiss nun genau, wohin. Wer mich führt, oder was, weiss ich nicht, nur dass ich geführt werde, weiss ich …
Und noch etwas weisst du: dass es ganz in deiner Hand liegt, ob diese Führung dir zum Wohl oder Wehe gereichen wird.
Hm, ja. In meiner Hand. Das ist der schwierige Teil der Sache.
Wir Anfänger lernten damals sogleich, dass jeder Winkel des Flyshwerks unter ständiger Kontrolle stand, und dass es zu lernen galt, die Kontrolle auszutricksen. Darin bestand überhaupt der Sinn dieser Kontrolle. Und es gab in diesem ziemlich großen und sehr unübersichtlichen Gebäudekomplex einen Bereich, der für uns Anfänger tabu war. Doch kursierte das Gerücht, es gäbe irgendwo eine unkontrollierte Hintertreppe, über die es auch einem Anfänger gelingen könne, in den Tabu-Bereich einzudringen.
Ich nehme an, dass so wie ich auch die anderen ihre heimlichen Ausflüge in die weitläufigen Kellergeschosse des Flyshwerks unternommen hatten und die meisten wohl irgendwann vor derselben sogenannten Tür des Verbotenen gelandet waren wie ich.
Dass ich nun die Treppen in den Keller nehme und, meiner Erinnerung folgend, geradewegs jene spezielle Tür ansteuere, wundert mich jedenfalls nicht. Da mein Körper den Weg offenbar kennt und an all den Verzweigungen meinem Verstand gar nicht erst Zeit zum Zweifeln lässt, komme ich zügig voran.
Ich hatte jene Kellertür mehrmals gefunden, auch wenn ich die ersten Male dachte, es könne nicht dieselbe sein, wegen der Überschrift, weil die jedesmal anders lautete; bis ich erfuhr, dass nur die Überschrift sich ständig änderte, aber die Tür immer dieselbe blieb. Was da zu lesen stand, oft in fremdartiger, schwer zu entziffernder Schrift, war stets ein weiser Spruch, ein Rätselwort, eine Warnung oder ein kurzer, meistens absurd, manchmal witzig anmutender Imperativ.
Anfänger, der ich war, hätte ich es damals ohne weiteres riskiert, diese Tür zu öffnen, einfach aus Prinzip, weil es hiess, das sei verboten. Doch keiner der Schlüssel, die ich mir dafür besorgte, funktionierte, und so war mir während meiner Jahre im Flyshwerk der Zugang ins Verbotene verschlossen geblieben.
Da ist sie, diese solide alte Eisentür, und scheint nur angelehnt zu sein; und die Schrift darüber, kaum lesbar, sagt so etwas wie Raus oder Vorbei oder auch Amen; ich halte mich damit nicht auf. Ich muss einigermaßen ziehen und ein wenig ruckeln; es knirscht und quietscht; dann bin ich durch.
Auch auf dieser Seite ist es dunkel, und auch hier ist noch Keller; jedoch viel älteres Gemäuer als drüben, wie ich im Schein der Handylampe erkennen kann; und ich habe hier Erdboden unter den Füßen, nicht mehr Beton. Daher riecht es anders, modriger, und auch die Kühle dieses Kellers ist eine andere.
Da wo nicht weit entfernt ein Lichtschimmer zu sehen ist, beginnt eine Treppe; und nun geht’s also aufwärts. Das klassische Szenario so vieler Mystery-Spiele … Doch das ist auffallend: wie hier alles, was ich rieche, was ich höre und sehe, viel intensiver wirkt als drüben; wie mir sogar die Schwerkraft irgendwie verändert vorkommt … Ein ganz anderes Klima, stelle ich fest, als die Kellertreppe zuende ist; milder als in Bangot, und wieviel milder erst als das raue Bangor-Klima; subtropisch geradezu …
Ein großer Innenhof im Sonnenlicht, voller Pflanzen, und erfüllt von Zitrusduft und Vogelstimmen, umgeben von einem schattigen Säulengang und einer Galerie darüber …
Wo ich hier bin, weiss ich nicht nur deshalb, weil aus der üblichen Richtung, und wie immer reichlich schief, Klaviergeklimper dringt; und keineswegs erstaunt mich, dass ich hier bin, nämlich in Babaal, mitten in der Hauptstadt Andrias. Worüber ich staune, ist nur, dass ich bisher von dieser Kellertreppe noch nichts wusste.
Und natürlich ist mir klar, wohin ich von hier aus zu gehen habe. Ich kenne den komplizierten Weg inzwischen recht gut. Sodass ich wenig später in den stillen verstaubten Teil des Palastes finde und in dem Dämmerlicht dort ohne Umwege jene prachtvolle alte Halle erreiche, von der aus mich die richtige der beiden Marmortreppen in das Vestibül hinaufführt, vor eine wohlbekannte hohe Tür. Durch die ich schon seit geraumer Zeit einzutreten gedenke; nur dass ich dazu meinen Körper brauche und der zur Zeit einfach nicht mitspielt.
Dabei waren es bis jetzt wahrscheinlich nur ein paar Sekunden, ein Innehalten nur, doch mir ist, als stünde ich so wie gelähmt schon ewig hier.

I.4

Bangot a la Bangor

Wie oft bin ich schon diese monumentale alte Steintreppe in das Vestibül hinaufgestiegen und habe da vor dieser hohen dunklen Tür gestanden? Oft genug, um mir sicher zu sein, dass es die Tür zum sogenannten Studierzimmer ist.
Doch bin ich hier immer nur eingetreten; kann mich nicht erinnern, je durch diese Tür auch hinausgegangen zu sein.
Es ist wichtig, so weiss ich inzwischen, dass ich, bevor ich erneut hier eintrete, mir klar mache, woher ich gerade komme.
Aus dem alten Bangor.
In der Rolle des Heimgekehrten … Abends … Ich war in einer Künstlerkneipe gewesen. War dort mit einer Japanerin ins Gespräch gekommen …
Sie hatte das Carlton Hotel erwähnt. Dass da eine Party stattfand. Für die man keine Einladung bräuchte. Es reichte, rechtzeitig davon zu hören. Dann musste ich auf Toilette. Wo ich Ureal entdeckte. Und als ich von dort wiederkam, war die Japanerin weg.
Was hatte sie veranlasst, mich auf die Party hinzuweisen? Da ich nichts besseres zu tun hatte, machte ich mich auf den Weg, es herauszufinden.
Das sollte zur Orientierung reichen, denke ich.
Jetzt will ich eintreten. Doch meine Hand, die nach der Türklinke greifen soll, gehorcht mir nicht.
Wie jedesmal vor dieser Tür, fällt mir auf, wie still es ist. Diesmal aber ist die Stille absolut. Unglaublich. Stille so still, dass alles stillsteht. Bin willentlich zu keiner körperlichen Regung fähig; stillgestellt.
Und wieder in Bangor. Wie festgehalten dort. Hier. Denn ich bin hier. Gegenwart. Doch wie ich bemerke, ist hier nun alles ureal. Ich bemerke, heisst das, was man normalerweise nicht bemerkt, und auch nicht bemerken soll: den Real-Effekt. Dass ich genauso real hier bin, wie auch dort. Gleichzeitig. Was man Bilokation nennt. Wie wenn einem im Traum plötzlich bewusst wird, dass man träumt; ein immer wieder besonderer, zum Lachen reizender und doch erhabener Moment.

Ich fand zum Carlton Hotel, doch nicht, soviel ich weiss, zu der besagten Party.
Dafür bin ich hier gelandet, vor der Tür zum Studierzimmer. Als Stichwort zur Erinnerung sage ich mir ureal und stelle mir vor, wie ich eintrete.
Und in meiner Vorstellung ist alles wie erwartet:
Der Geruch nach Schamanen-Tabak, der von dem Zigarrenstummel ausgeht, der da immernoch in der kleinen Steinschale auf dem Schreibtisch liegt … Dieser Geruch erinnert mich sofort an Forty Operas. Und beim Anblick der Schreibmaschine fällt mir ein, was letztesmal dort auf dem eingespannten Blatt gestanden hatte:
A2X27.
Das zu entschlüsseln, vergiss es, sagte ich mir. Diese Sorte Code lässt sich kryptologisch nicht erfassen. Nimm es auf und lass es sacken. Verdau es und gedulde dich. Es wird sich im Gedächtnis mit diesem und jenem verknüpfen, von selbst, und es wird, je nachdem wie und wo es wieder auftaucht, seine Bedeutung haben.
Der Zigarrenrest und dessen Duftspur sollte mir Hinweis sein, dass es Forty Operas gewesen war, der mir das auf dieses Blatt getippte A2X27 hinterlassen hatte. Müßig zu fragen, was das sollte. Es dürfte die Essenz dessen sein, was er mir zu überliefern hat.
Und weil ich davon ausgehe, dass er es war, Forty, der mir dieses Studierzimmer als neues Refugium eingerichtet hatte, komme ich mir hier nicht mehr wie ein Eindringling vor; auch wenn ich mich noch nicht hier wie zuhause fühle.
So stell ich’s mir in etwa vor.
Und vergiss das Stichwort nicht, wenn du da drinnen bist, ureal, das dich daran erinnern soll, wo du gerade herkommst.
Ich versuche erneut meine Hand zu bewegen.
Vergeblich. Immernoch der Stillstand.

Ich kenne das Carlton Hotel. Habe dort mal gewohnt vor langer Zeit, während meiner Ausbildung in Bangor. Als ich meine Lehrjahre im sogenannten Flyshwerk absolvierte. Ein riesiges altes Prachtgebäude, aber heruntergekommen; nicht mehr Hotel, eher eine Art Wohnheim. Hat mich immer an den Film Blade Runner erinnert: das Bradbury Building in dauernder Regennacht.
Im Gegensatz zu früher sieht jetzt alles nach normalem Hotelbetrieb aus. Ich frage an der Rezeption, ob es gerade irgendeine Festivität im Hause gäbe. Man weiss von keiner. „Und seit wann ist das hier wieder so ein schönes Hotel?“
„Oh. War es mal nicht so schön?“ Offenbar hat man die Frage nicht verstanden.
Also versuche ich einfach mal, das Zimmer zu finden, in dem ich damals wohnte. Doch verlaufe ich mich nur heillos in diesem Riesenbau, und wie gesagt, finde auch die angekündigte Party nicht. Auf die es mir aber auch gar nicht mehr ankommt. Dafür drängt sich mir immer stärker die Frage auf, was das eigentlich für Erinnerungen sind, an denen ich mich hier orientiere … Bis mir komisch zumute wird, weil ich merke, dass ich einen Irrweg gehe … in ein verdammtes Labyrinth geraten bin!
Überspringen wir die Einzelheiten. Die wiederholen sich bereits, und was abstrakt Endlosigkeit heisst, ist schon weitaus konkreter als überhaupt vorstellbar. Ich gehe und gehe, ohne irgendwo anzukommen; erkenne Zeichen, ja, und folge ihnen auch, doch keines führt zu dem, was es bedeutet, nur immer zum nächsten Zeichen, das sich dann auch nur wieder als bedeutungslos erweist.
Panik. Das ist Panik, wird mir bewusst, und ich bleibe stehen; schaue mir aufs genaueste meine Hände an und sage mir: Schluss jetzt. Du träumst. Wach auf!
Leider funktioniert das nicht. Dieses Ding ist viel konsistenter als jeder Traum, den ich je hatte. Trotzdem. Denn was käme sonst infrage? Die Wirkung einer halluzinogenen Droge. Die man mir allerdings, da ich keine Dogen nehme, heimlich verabreicht haben müsste. Sowas kann vorkommen. Und da fällt mir die Japanerin ein. Und da nehme ich in einiger Entfernung vor mir eine Bewegung wahr. Da hinten, am Ende dieses matt beleuchteten Flures – das ist sie! Sehe sie nur einen kurzen Moment lang, aber deutlich genug. Wie sie gerade in einen der alten Aufzüge schlüpft.
Der Aufzug hat sich nach unten bewegt, und nachdem ich den einzig vorhandenen Knopf gedrückt habe, dauert es ziemlich lange, bis er hier oben wieder ankommt, leer, und ich endlich einsteigen und hinabfahren kann. Ganz einfach. Und da ich ja nicht abergläubisch bin und doch auf Nummer Sicher gehen will – denn noch immer ist mir mehr als unheimlich zumute –, halte ich die Augen geschlossen, um, bis ich wieder unten bin, in den Wandspiegeln nicht etwa eine böse Überraschung zu erleben.
Die Lobby unverändert. Dieselbe Rezeption, an der ich mich vorhin nach der Party erkundigt hatte. Wenig Betrieb, nichts auffälliges, und keine Japanerin weit und breit. Nur an mir selbst fällt mir etwas auf: Wachsamkeit; und dass ich schärfer als gewohnt wahrnehme.
Ich schaue auf die Uhr. Kaum Zeit vergangen. Erst kurz nach zehn. Trotzdem, irgendetwas bedeutsames ist vor sich gegangen, während ich da oben herumgeirrt bin; etwas, dessentwegen ich vorübergehend ausgeschaltet war, das heisst etwas, wovon mich das Labyrinth perfekt abgeschirmt hat. Und nicht etwa, dass ich das nur vermute – ich weiss es. Woher, weiss ich allerdings nicht, ebensowenig was da geschehen ist. Was ich habe, ist der bloße Umriss eines Wissens. Das reicht aber, um mich zu fragen, als ich an dem Ständer mit touristischen Gratis-Broschüren vorbeikomme: Bin ich überhaupt in Bangor?
Ich greife mir einen dieser kleinen Stadtpläne, in denen die Sehenswürdigkeiten angezeigt sind, und tatsächlich: betitelt ist der nicht mit Bangor, sondern mit Bangot.
Interessant. Nicht ganz das alte Bangor, nicht das echte. Nur dem sehr ähnlich. Nicht das selbe also, nur das gleiche. Daher dieses Gefühl der Befremdung, das ich hier die ganze Zeit verspüre. Seit vorhin auf der Toilette, wo ich Ureal entdeckte, u real … So wie dieses Carlton zwar eindeutig das Carlton ist, und doch nicht jenes, das hier stand, als ich damals darin wohnte … Interessant? Nun ja, mindestens. Eine Anomalie, ein Unding. Und deswegen bin ich überhaupt hier: diesem Unding auf den Grund zu gehen.
Ich stecke mir das Stadtplänchen ein, schlendere durch die Drehtür nach draussen und atme durch, zutiefst erleichtert, und fühl mich nach der überstandenen Gefahr hellwach, ein bisschen gar wie neu geboren.

So wie ich das Carlton Hotel gleich wiedererkannte, und zuvor auch schon jenes Künstlercafe, das Shwimm’s, wo ich zu Abend gegessen und mich mit der Japanerin unterhalten hatte, so erkenne ich, auch jetzt bei Nacht, die ganze Stadt wieder. Nur dass die Straßen, scheint mir, heller beleuchtet sind und viel mehr los ist als früher.
Es regnet nicht, ist sommerlich, der Wind eher mild. Im alten Bangor regnete es immer – na ja, meistens, zumindest doch sehr oft; und auch im Sommer war der Wind nie mild, immer ungemütlich, zerrend. Das war das Typische an Bangor, die nasse Kälte, die scharfen salzigen Böen, das Möwengeschrei; dass man nie vergaß, an welch rauer Küste, wie weit draussen man hier lebte, wie sehr dem Nordmeer ausgesetzt, und wochenlangem Nebel, einer Düsternis, die stark auf die Gemüter wirkte.
All das ist irgendwie geglättet, stell ich fest. Dieses Bangot, obgleich immernoch Hafenstadt, immernoch bestehend aus klotzigen dunklen Mauern, hat etwas Fassadenhaftes, Scheinbares, und obwohl alles noch da ist, was es im alten Bangor gab, ist mein Verdacht der, dass nichts mehr davon da ist.
Schon bin ich auf dem Weg zum Flyshwerk, denn das natürlich interessiert mich hier am meisten; doch jetzt, bei Nacht? Mir stecken die Schrecken des Labyrinths noch in den Knochen und ich beschliesse: Lieber bei Tageslicht. Ich biege rechts ein. Diese Gasse kenne ich gut, hier geht’s hinunter zu den Grachten. Immernoch, wie damals auch, sieht dieses enge schummrige Viertel wie Amsterdam aus. Noch ein paar Ecken weiter, an dem Kopfsteinpflastersträßchen am Ufer dieser Gracht da unten, dort müsste es sein … Hiess damals Morituri; ein Antiquariat, in dem ich eine Zeitlang fast täglich ein und aus ging … Ob da immernoch ein Antiquariat ist?
Schon damals wurde man oft in den Gassen dieser Gegend von lungernden Gestalten angepfiffen oder angezischt, oder halblaut angesprochen, so wie jetzt: „Beau Sire verzeihen, darf’s sein eine affaire?“
Ich stocke – diese Stimme, kenne ich die nicht? Von der Gestalt in dem dunklen Hauseingang ist kaum mehr als ihr Umriss zu erkennen. Geh weiter, sage ich mir, sowas endet in der Regel ungut, denn um was geht’s schon, wenn nicht um Drogen oder Sex?
„Schlank oder üppig? Blond oder schwarz? Oder rothaarig? Oder kahlgeschoren? Schön blank rasiert?“ Worauf ich staune: der Typ spricht völlig akzentfrei meine Sprache. Und mir fällt ein, wie ich genau darüber schon einmal gestaunt habe – und in dem Moment weiss ich, wer er ist.
„Zierlich“, sage ich, „ist die Frau, die ich suche. Zierlich und fein. Japanisch. Und nicht mehr ganz jung.“
„Verstehe, Sire. Die berühmte alte Namenlose aus Fernost.“
„Genau die. Hab sie was zu fragen.“
„Aha. Der Detektiv.“
„Forscher, würde ich eher sagen. Und du, Flyrie, was suchst du hier?“
„Was zu tun. Neue Aufgaben. Anknüpfungspunkte. Die Lage hat sich ziemlich stark verändert, wie du wahrscheinlich weisst.“
„Habe nur ein paar Gerüchte gehört. Eines zum Beispiel, demzufolge du in Istanbul im Knast säßest.“
„Ach ja, das … Klar, und jetzt fragst du dich, was sich natürlich alle fragen müssen: Mit wem ich wohl welchen Deal eingegangen bin, um da wieder rauszukommen.“
„Und wenn ich dieser Frage widerstehe? Den ganzen Geheimdienstkram einfach mal beiseite lasse?“ Ich halte ihm meine Rechte hin und er schlägt ein. „Dann haben wir ‘ne Basis“, sagt er.
Monton Flyrie ist ein Freerunner, das heisst mal mehr, mal weniger im Service of Intelligence. „Zur Zeit mehr? Oder weniger?“ frage ich. Er weiss, was ich meine, und sagt: „Zur Zeit ist weniger mal wieder mehr.“
Bei Begegnungen mit Typen wie ihm hat alles Bedeutung; so auch, dass er mich genau hier abgepasst hat, auf dem Weg zum Antiquariat. Das lässt mich nämlich an die Bücher denken, nach denen er studiert hat; die er mich wie per Zufall einmal finden liess, in einem sumpfigen Rückzugsgebiet für Schmuggler und Alligatoren; um mich auf die Probe zu stellen – ob ich kapieren würde, welcher speziellen uralten Tradition er entstammt. Seitdem vertraue ich ihm; lege immer ein gutes Wort für ihn ein, auch wenn manchmal aller Anschein gegen ihn spricht; manchmal so sehr gegen ihn, dass ich schon mehrmals zu befürchten hatte, von ihm enttäuscht zu werden.
Dass er es für nötig hält, mir seine Tradition in Erinnerung zu bringen und damit an mein Vertrauen zu appellieren, beunruhigt mich. In der nächstgelegenen Rotlicht-Bar klemmen wir uns auf ein Bier in die hinterste Ecke.
Flyrie trägt ein schwarzes Lederjacket und reichlich Goldschmuck, und auch in dieser Verkleidung hat er etwas Vornehmes an sich. Ob er als Rasta-Hippie auftritt, als Geschäftsmann oder Intellektueller, oder wie jetzt als Zuhälter, immer ist er der schwarze Prinz, der Hochgeborene, der von Natur aus über allem drübersteht.
„Mal die Heimat besucht in letzter Zeit?“ frage ich.
Er schüttelt nur den Kopf, und das dürfte heissen, er steht in Jamaika immernoch auf der Fahndungsliste der Polizei.
Da uns beiden die hiesigen Verhältnisse in puncto Überwachung noch nicht geläufig sind, reden wir vorsichtshalber Krypt; sodass jeder Aussenstehende, der uns zuhören würde, den Eindruck hätte, da quatschen einfach zwei angesäuselte Typen belangloses Zeug. Es ergäbe daher keinen Sinn, das Gespräch, das ich mit Flyrie führte, wiederzugeben. Nur soviel: es drehte sich um den sogenannten Liebestod, eine verworrene Kriminalsache, die sich im alten Bangor abgespielt hatte, gegen Ende meiner dortigen Lehrlingszeit.
Die lokalen Medien nannten es damals den Carlton-Fall und ergingen sich wochenlang über dessen besondere Rätselhaftigkeit, solcherart, dass auch die süchtigsten der vielen krimisüchtigen Bangorianer froh waren, als endlich die Polizei genug davon hatte und die Carlton-Akte unter unaufklärbar im Archiv versenkte. Erst recht froh darüber waren jene wie ich, die man, nur weil sie im Carlton wohnten, als potentiell in den Fall Verwickelte betrachtete.
Das Ganze war unangenehm gewesen, und ist heute, Jahrzehnte später, immernoch unangenehm. Das Mysteriöse, Unaufklärbare daran hat nicht nur etwas Bodenloses an sich, das mir Schwindel verursacht, auch etwas sehr Übles, Finsteres, das ich gar nicht ausloten mag. Daher wende ich mich dieser Sache überhaupt nur zu, wenn es unumgänglich wird, und nenne sie anstatt Liebestod eher den Carlton-Fall, das kling harmloser. Unumgänglich, mich dem zuzuwenden, wird es immer dann, wenn mir Detective Brains begegnet.
Brains war der Spezialist, den man damals von ausserhalb hinzugezogen hatte, als die Polizei von Bangor nicht mehr weiterwusste. Man kann sich denken, wie erleichtert die örtlichen Ermittler waren, als auch dieser Spezialbulle es nicht vermochte, den Fall zu lösen. Ein Irrtum allerdings, zu glauben, Brains habe damals das Handtuch geworfen. Ich kenne ihn inzwischen gut genug, der wirft niemals das Handtuch. Je kniffliger ein Fall, je geringer die Aussicht, ihn zu lösen, umso zäher bleibt er dran. Er ist damals nur abgereist, weil es vor Ort nichts mehr in der Sache zu ermitteln gab; nur um, wie ich heute weiss, seine Jagd woanders fortzusetzen.
Deshalb, weil jener Fall ungelöst blieb, bin ich ihn nie losgeworden, diesen Detective Brains. Dass er sich ausgerechnet eine so finstere Angelegenheit wie das Rätsel Liebestod zu seinem Hobby gemacht hat – oder sollte ich sagen: davon besessen ist? –, entspricht seinem pessimistischen, ja depressiven Charakter. Er ist durch und durch Kriminalist, stets geneigt, alles als Hinweis auf etwas Geheimgehaltenes zu deuten, auf etwas, dass es dringend ans Licht zu bringen gilt. Ein Wahrheitsfanatiker, könnte man sagen; der deshalb dauernd so resigniert erscheint, weil sich auf seinem Weg natürlich nur immer mehr und mehr auftut von dem, was unbedingt im Dunkeln bleiben will.
Solange er in irgendeinem Fall ermittelt, macht er niemals Pause. Sobald ein Fall abgeschlossen ist, übernimmt er den nächsten; und da er immer an mehreren Fällen gleichzeitig arbeitet, und ja auch noch, falls mal nichts los ist, seine ungelösten Fälle hat, plus sein Hobby, den ewigen Carlton-Fall, ist so gut wie ausgeschlossen, dass er irgendwann mal Pause machen muss. Denn für Brains ist Verbrecher zu jagen kein Job, und er sieht das auch nicht sportlich, sonst könnte er sich ja auch mal geschlagen geben; nein, die Bekämpfung des Verbrechens ist für ihn existentiell, an ihr hängt seine Daseinsberechtigung, sie ist sein Lebenselixier. Und klar, dass man geneigt ist, ihn, weil er einem lästig fällt, wenn man wie ich zum Kreis der permanent von ihm Verdächtigten gehört, als krank einzustufen. Das aber, denke ich, wäre ein Vorurteil, und allzu billig.

Flyrie gähnt und ich ebenso. Dabei ist mir gar nicht nach gähnen. Zwar ist Konzentration erforderlich, wenn man brisante Mitteilungen in Belanglosigkeiten zu verpacken hat, doch bin ich davon gerade alles andere als ermüdet, ja bin, ganz entgegen des Eindrucks eines potentiellen Zuhörers, der wahrscheinlich vor Langeweile längst eingenickt wäre, sogar höchst alarmiert. Mir hätte das, was ich da an Einzelheiten über den Carlton-Fall erfahren habe, schon gereicht; zum Beispiel der Grund, warum ich vorhin die Party nicht finden konnte: weil sie gar nicht hier und heute in Bangot stattgefunden hatte, sondern in Bangor, damals … Wie soll ich so eine Zeit-Raum-Verschiebung mit meinem simplen Realitätskonzept in Einklang bringen?
Aber das ist ja fast nebensächlich, verglichen mit dem Grund, weshalb plötzlich diese Einzelheiten – und noch viele andere – überhaupt ans Licht gekommen sind: weil irgendwo etwas passiert ist, das anscheinend Auswirkungen auf das Gesamte hat, aufs Ganze des Real-Gefüges; Effekte solcherart, dass viel bisher Geheimes, Unbekanntes, auf einmal offenbar ist, und dass Verhältnisse, die bis heute unbezweifelt gültig waren, plötzlich wie umgedreht erscheinen.
Jetzt wundert mich auch gar nicht mehr die Schwierigkeit, die ich damit habe, ins Studierzimmer einzutreten.
„Genug für heute“, sage ich. „Sehen wir uns morgen? Ich habe vor, das Flyshwerk zu besuchen. Laut Stadtplan gibt’s das noch.“
„O ja, ist inzwischen ein Museum; die große Attraktion von Bangot.“
Wir verabreden uns auf zehn Uhr am Haupteingang und sagen Gute Nacht.
Ist von der Bar nicht weit zum Sträßchen unten an der Gracht; und in der Tat, da ist es noch, das Antiquariat, nur heisst es nicht mehr Morituri, sondern Nautilus. So, so, denk ich, jetzt also eine Filiale. Denn Nautilus, so heisst die Kette, die unter dem Slogan Unverwechselbar! weltweit die Antiquariate kontrolliert; gehört der Moonrow, einem großen Medienkonzern; und der, soviel ich weiss, ist Teil des deadler/bloom-Netzwerks.
Im Schaufester natürlich alte Bücher, golden beleuchtet, authentisch angestaubt, und dahinter – wo früher eine schmucklose Höhle aus Wissen sich entmutigend ins schiere Endlos wölbte – ein gediegenes Interieur, Teppiche und dunkles Holz, gedimmte Lampen, einladende Sessel, eine kostbare Kaffeemaschine. Die Schmökerstube schlechthin, regelgerecht wie aus dem Bilderbuch. Ja, denke ich, das ist Bangot in Miniatur, ein hyperrestauriertes altes Bangor, und trotte leicht wehmütig davon.
Jetzt will ich nur noch schlafen, und suche also die kleine Pension am Hafen auf, in der ich schon, als ich am frühen Abend angekommen war, Quartier bezogen hatte. Wo ich beim Aufwachen, so hoffe ich, das Geschrei der Möwen hören werde.

Nach der Erzählung, wie ich Ureal entdeckte, war eigentlich geplant, den Begriff Das Reich zu klären, weil der eng mit dem zusammenhängt, was ureal bedeutet. Beides erst erhellt, was Flysh ist, und das wiederum erhellt, was alles den Umkreis der Real-Technik zum Gesamtzusammenhang verknüpft.
Was hat mich abgelenkt vom Reich? Nichts; ich habe es die ganze Zeit im Hinterkopf. Doch da mir das Refugium Studierzimmer den weitesten Überblick bietet und es also der am besten geeignete Ort zu sein scheint, den Reichsbegriff zu klären, wollte ich da hinein; und fand ja auch die richtige Tür; nur war es nun mal nötig, um sie zu öffnen, vorher diese kleine Exkursion nach Bangor zu unternehmen, die deshalb etwas länger wurde, weil was ich fand, ja gar nicht Bangor war, sondern Bangot. Wo ich auf Ureal gestoßen war und dann entdeckte, dass der Ort, an den ich mich erinnere, einem seltsam pseudo-identischen Ort gewichen ist; der sich quasi im Handumdrehen aufsuchen lässt, während man damals, um Bangor zu erreichen, eine lange Reise unternehmen musste.
Das alles bringt mich etwas durcheinander, zugegeben; jedoch ganz klar daran ist, dass es schon sehr viel mit dem sogenannten Reich zu tun hat und dass insofern diese Bangor/Bangot-Exkursion durchaus kein Umweg war.
Wie scherzt man doch so treffend? Das Ziel ist im Weg. Oder James Joyce etwas umständlicher: Der längste Umweg ist der kürzeste nachhause. Bringt jedenfalls auf den Punkt, was uns der alte Homer von Odysseus erzählt: dass seine Irrfahrt sowohl ein Umweg, als auch kein Umweg war.

I.3

Ist u real?

Jener Sachbearbeiter namens Ladenheuser hat den Agenten, der sich gerade vor ihm aufgelöst hat, Schell genannt. Und dieser Name kommt uns schon bekannt vor. So heisst doch der Taxifahrer in Frankfurt … Den das Auftauchen von Schells Bureau im Netz so sehr aus der Fassung gebracht hat. Derselbe Schell? Schwer zu sagen, denn was da in dem Büro geredet wurde, klang durchweg mehrdeutig. Und so klingt’s bei Ladenheuser immer: hintersinnig; wie verschlüsselt. Oft aber ist da gar nichts verschlüsselt – es soll nur möglichst so klingen. Und zwar weil Ladenheusers Büro sich im Kontrollbereich befindet.
Die ganze Abteilung, sämtliche Flure der TFA – wie verwaist und irrelevant sie inzwischen auch sein mögen – und der gesamte Büroklomplex, sowie das komplette Amt für Arbeitsteilung, das sogenannte Affa, mit seinen weltweiten Einrichtungen, das alles gehört dem Kontrollbereich an, das heisst ist unter Kontrolle, und zwar nicht nur pro forma, sondern tatsächlich und total.
Kontrollbereich, Totalkontrolle, Kontrollprozess usw.: das sind nur schwache Ausdrücke für etwas, das sich durch immer neue megatechnische Projekte ständig aktualisiert; bei dem es schon seit Jahrtausenden um das Eine geht, ums Ganze, um Totalisierung.
Zu verstehen, was dieses Prinzip der Totalisierung eigentlich bedeutet – inwiefern darin das Wesen der Technik besteht –, das war einmal das Grundanliegen der Abteilung Technik-Folgen-Abschätzung, genauer gesagt der gemeinsame Nenner aller divers spezialisierten Technikforscher. Welche jene sind, deren Geschäft nicht die Anwendung von Technik ist, sondern das Nachdenken darüber.
Nun ja, so gewaltig ausgedehnt es auch schon ist, dieses bürokratische Gespinst, das wir Affa nennen, die Kontrolle macht an dessen Aussengrenzen natürlich nicht Halt. Andere, dem Affa ähnliche Strukturen, unterstehen derselben Kontrolle. Wie weit diese insgesamt reicht, darüber lässt sich nur spekulieren. Was von ihrem Gesamtumfang aber als der uns bekannte Bereich gilt, das nennen wir in der Branche Ureal.
Ureal ist das vorläufige Endprodukt des Kontrollprozesses.

Obwohl Ureal zweifelsohne ein mentaler Zustand ist, eine Bewusstseinsebene, wird es eher wie ein Ort erlebt, räumlich, denn es hat eine konkrete, sehr überzeugende Konsistenz. Man kann sich derartig ureal fühlen oder auf ureale Weise denken, das heisst derartig total in Ureal sein, dass man das Ureale gar nicht mehr bemerkt. Deshalb existiert der Begriff Ureal überhaupt nur für diejenigen, die wissen, dass sie dort sind. Was mich angeht, so bin ich mir dessen eher zufällig bewusst geworden.
ist u real?
Oder: bist du real?
Vielleicht auch: are u real
Ist schon lange her, dass man im Klo einer Kneipe soetwas auf der Kachelwand veröffentlicht fand; und auch räumlich ziemlich weit weg: Es muss in – Bangor? – ja, wohl in Bangor gewesen sein. So richtig deutlich ist mir nur noch ein Farbton in Erinnerung, blass-gelbes Sepia, und ein Licht ohne Quelle, als käme es nicht reflektiert von den Oberflächen, sondern aus ihnen hervor, wie eine allen Gegenständen gemeinsame Eigenschaft.
Vielleicht sogar stellte jene schwarze Handschrift auf der Kachelwand einen noch anderen Wortlaut dar. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit war meine Wahrnehmung und entsprechend mein Bewusstsein zu dem Zeitpunkt eingetrübt durch mindestens irgendeine Art Alkohol. Doch was auch immer ich dort wortwörtlich las, es machte mir schlagartig Ureal klar.
Der Ort verwandelte sich in einen Zustand; ein Äusseres in ein Inneres. Wodurch mein innerer Zustand gleichsam zu einem äusseren Ort wurde. Gewissermaßen. Annähernd. Ganz ähnlich der Traumwelt, nur dass man sich im Gegensatz zu dieser in Ureal der Tageswelt bewusst bleibt.
Ich kann nicht behaupten, dass ich damals dieses Erlebnis in seiner Besonderheit erkannte, im Gegenteil. Der Moment war nur deshalb nicht völlig profan, weil mich ein alarmierendes Gefühl beschlich, ein kaum halbbewusster Verdacht, dass hier, hey, irgendwas komisches läuft. Wozu sicher die Örtlichkeit ihren Teil beitrug: keineswegs verdreckt oder gar eklig, war doch ihre Bestimmung deutlich zu riechen, und etwas sträubt sich in mir noch heute, wenn sich diese Eindrücke höchster Profanität mit der Erinnerung an einen so wichtigen Erkenntnismoment verbinden.
Natürlich hat es Bedeutung, dass die Entdeckung Ureals so auffällig direkt mit dem Ort der Ausscheidung verknüpft ist. Diese Bedeutung – Siehe das Alltäglichste! Siehe Ureal auch am alleralltäglichsten Ort! – war von Anfang an Bestandteil des Rätsels. Vor welchem ich, damals am Pissoir, erstmal nur leicht verwundert stand, und dann erst darüber in immer größeres Staunen geriet, weil jene spezielle Beleuchtung seitdem nie mehr ganz aus meiner Welt verschwand.
Ich fand Höhlenlicht die richtige Bezeichnung für diese Beleuchtung; und dass ich in Ureal bin, erkenne ich jeweils daran: am Höhlenlicht. Und damit, dass ich mir dessen gewahr werde, geht jedesmal eine Art Umstülpung einher, so wie damals, als ich die Schrift auf der Klowand entdeckte: die Aussenwelt wird zur Innenwelt und also gleichzeitig diese Innen- zur Aussenwelt. Wobei mich diese Wiederholung der ursprünglichen Entdeckung ständig daran erinnert, dass die mir immer wieder so aussergewöhnlich erscheinende Umstülpung tatsächlich das Allergewöhnlichste ist, so banal wie ein jeglicher Akt der Ausscheidung.

I.2

Richtung Kehre

Kernstück des „alten Bureaus“ war die Erzählung, die aus den drei Romanen Golden, Ureal und Flysh bestand. Dieses als Trilogie angelegte Gebilde besteht weiterhin, setzt sich aber nicht mehr fort. Denn es ist soweit fertig, dass es jetzt in dieser neuen Version von Schells Bureau die Räume bildet, in die hinein ich Ausflüge unternehmen kann, um die Real-Technik zu erforschen bzw. sie beschreiben und handhaben zu lernen.

Die besagten drei Romane haben sich mit ihren ersten paar Kapiteln im „alten Bureau“ auf einen Punkt der Umkehrung zubewegt, haben eine Wandlung vorbereitet, und diese Wandlung hat stattgefunden, während Schells Bureau geschlossen war.

Der durch die Umkehrung vollzogene Wandel hatte den Effekt, dass nun im Vordergrund des Blogs, als sichtbarer Text, eben das läuft, was zuvor im „alten Bureau“ unsichtbar den Hintergrund gebildet hat; dass also das Erzählwerk aus Golden, Ureal und Flysh jetzt im Hintergrund läuft, als ein sozusagen „begehbares“ Gebilde im geistigen Raum (zu dem uns die Menüpunkte Bureau und Saga als Eingänge dienen).

Hier nun in Kurzform das Geschehen in Richtung Umkehrung, wie es in den drei Romanen ablief:

Golden beginnt am Nachthimmel, im Landeanflug auf Las Vegas. Die Protagonisten: Gurner Pentshak, Professor der Ägyptologie, und Manes Bent, sein Assistent. Letzterem wird gerade vom Professor mitgeteilt, dass das Institut, an dem sie arbeiten, geschlossen wird und dies ihre letzte gemeinsame Forschungsreise ist.

In Bents Unterbewusstsein ist eine umfangreiche Folge zusammenhängender Zeichen gespeichert, der sogenannte Horus-Code. Er wurde ihm in den vergangenen zwei Wochen übermittelt, als er Tag und Nacht nur noch damit beschäftigt war, Zeichnungen anzufertigen; sonderbar geometrische Gebilde, die er, weil er sie nicht verstand, für Kunst gehalten hatte.

Im Taxi nach Downtown Las Vegas wird dieser Code aktiviert, indem der Professor mittels seiner speziellen Zigarre bei Bent einen kurzen Ohnmachtsanfall auslöst. Worauf Bent sich wenig später über die plötzliche Erweiterung seiner Wahrnehmungsfähigkeit zu wundern beginnt.

Dass es vorbei sein soll mit seiner Assistenz bei Professor Pentshak, ist schmerzlich für Bent. Doch leider ist das noch nicht alles. Es werden sich in ein paar Stunden ihre Wege trennen; ab Mitternacht ist Bent auf sich allein gestellt. Und was er dann noch zu hören bekommt, bringt ihn zu der Überzeugung, dies könne alles nur geträumt sein: Was ihm bevorsteht – ein sogenanntes Happy Endless –, ist nicht abzuwenden, und überleben kann er es nur, indem er stirbt – durch angewandte Ägyptologie, wie der Professor es nennt.

Um für Bent die Chance auf eine Rettung zu erhöhen, will er ihm in der Zeit, die noch bleibt, wenigstens die wichtigsten Instruktionen erteilen. Damit Bent die verstehen kann, ist allerdings erforderlich, ihn aus seiner Überzeugung, er träume, schleunigst wieder herauszuholen …

Ureal beginnt in hellster Mittagssonne, im Landeanflug auf Lavienta, eine der Inseln des Andrianischen Archipels. Der Ich-Erzähler, der zu einem Surf-Urlaub anreist, hofft, sich hier von Anstrengungen zu erholen, von denen man lediglich erfährt, dass sie vergeblich waren. Er ist zu erschöpft, um sich auch nur Gedanken über seine aktuelle Identität zu machen; bleibt einfach im Modus Improvisation und daher namenlos. Könnte ein ausgebrannter Agent sein, welcher Art auch immer.

Er findet ein billiges Apartment, besorgt sich ein Surfbrett und ein kleines Auto und macht wochenlang nichts anderes als schlafen, surfen und am Strand herumhängen.

Dann sagt er, allmählich bekäme er wieder Lust zu schreiben – ist er also doch kein Agent, sondern Schriftsteller? Oder beides? In einem Traum hört er den Satz: Das LA-Trio wurde aktiviert. Und tags darauf kommt es überraschend zu einem Wiedersehen mit Freunden aus früheren Zeiten, Leila und Alonso. Kein Paar, eher ein Team; Drogendealer.

L wie Leila, A wie Alonso, und zusammen mit mir, so folgert der Ich-Erzähler: das LA-Trio. Zu tieferem Nachdenken kommt er nicht mehr, und ebensowenig zum Schreiben, denn die kleine Party zur Feier ihres Wiedersehens nimmt gar kein Ende mehr, da sich nämlich die alten Freunde in seinem Apartment einnisten und von nun an immerzu neue Freunde dazustoßen.

Bald scheint dieses „LA-Trio“ das ganze Partyvolk der Insel magnetisch anzuziehen. Was an der Oberfläche aussieht wie das entspannt-vergnügliche Beisammensein von netten interessanten Leuten, dreht sich, wie der Ich-Erzähler sehr wohl weiss, einzig um Berauschung, um Vergessen, und sein ungutes Gefühl dabei wird trotz der permanenten Drogenzufuhr immer größer.

Die Freunde wieder loszuwerden, gelingt ihm nicht, und dass er sich ihnen entzieht, wissen Leila und Alonso zu verhindern. Diese Party sei notwendig, so machen sie ihm klar, es ginge hier um etwas wichtiges, etwas, das ohne ihn nicht funktioniert. Ein Kurier sei unterwegs, geschickt von Geo Rey, dem mächtigsten Outlaw auf Erden, und dieser Kurier brächte etwas auf die Insel, von dem sie sagen, es sei „ein ganz besonderer Stoff“. Mehr wollen oder können sie ihm nicht verraten. So benebelt ist unser Ich-Erzähler noch nicht, als dass er das für bare Münze nimmt. Jedoch geben sie ihm zu verstehen, dass sie gezwungen wären, ihn „auszuknipsen“, falls er nicht mehr mitspielen würde. Darauf will er es nicht ankommen lassen; und muss also erkennen: Ich bin de facto ein Gefangener.

Hier gerät uns nun der Ich-Erzähler aus dem Blickfeld, und mit ihm die ganze Insel Lavienta. Wir wechseln nach Andria hinüber, auf die Hauptinsel des Andrianischen Archipels, und haben da zwei Neuankömmlinge vor uns, den Deutschen Gottfried Nolte und die schöne Trisha Percival, Amerikanerin. Sie haben sich im Flieger kennengelernt, aus Frankfurt am Main kommend, und bereits gegenseitig als Geheimagenten erkannt; und beiden stellt sich dieselbe Frage: Ist ihr Kontakt Teil der Mission? Also geplant? Ist Zusammenarbeit angesagt? Kurzum, sie müssen sich erst einmal näher beschnuppern. Ausserdem ist gerade Heiligabend, und was liegt näher, als den gemeinsam zu verbringen? Schnitt.

Wir sind wieder auf Lavienta:

Der Ich-Erzähler, sich nun bewusst, dass ihn die Dauerparty mit Leila und Alonso in einer Gefangenschaft hält, beschliesst anzuerkennen, dass dem ein Sinn zugrunde liegt, ein Plan, der für ihn eine bestimmte Rolle vorsieht. Da er weder weiss, worin diese Rolle, noch worin das Ziel des Plans besteht – ihm also alles fehlt, um die Sache zu entschlüsseln –, trifft er die einzig ihm noch mögliche Entscheidung, die nämlich, seinen klaren Kopf zurückzugewinnen. Er setzt jeglicher Aufnahme von berauschenden Substanzen ad hoc ein Ende. Schnitt.

Und wieder auf der Hauptinsel:

Da sich Agentin Percival in Andria schon etwas auskennt, im Gegensatz zu Nolte, der zum erstenmal hier ist, übernimmt sie die Führung. Unweit von Babaal, der Hauptstadt Andrias, in einem Dorf an der Küste, finden sie das für ihre Zwecke perfekt geeignete Hotelzimmerchen.

Gewöhnlich bedeutet „eine Romanze haben“ für Geheimagenten, sich gegenseitig „intensiv zu informieren“ …

Dass Nolte, wie er behauptet, auf die Surfer-Insel Lavienta wolle, um zu surfen, glaubt Trisha sowieso nicht, also gibt er zu, dass er im Bereich Personenschutz aktiv ist und für ihn auf Lavienta ein sogenannter Body Job ansteht. Trisha, deren Ziel Matoxa ist, eine andere Insel des Archipels, gibt ihrerseits zu, dass es auch bei ihrer Mission nur scheinbar darum geht, Eingeborene in einem Reservat mit medizinischen Hilfsgütern zu versorgen. Bevor sie nach Matoxa weiterreist, habe sie hier auf der Hauptinsel jemandem etwas zu übergeben, jemandem, der ebenfalls, so wie sie, für eine Organisation namens Service of Intelligence unterwegs ist, und der dieses „Etwas“ – ein Päckchen von Geo Rey – nach Lavienta weiterbefördern soll.

Da Nolte tatsächlich auch für den SI genannten Service of Intelligence arbeitet und sein Ziel ja nun mal Lavienta heisst, kommt als der „Jemand“ wohl nur er infrage. Davon allerdings, Kurier zu spielen für den Ober-Gangster, ist er alles andere als begeistert. Denn die Jenkins Security hat, wie er sich denken kann, auch Andria im Blick, und zwar jede der Inseln, und angesichts der Mittel, die dieser Firma zur Verfügung stehen – immerhin ist sie Aug und Ohr der Weltregierung –, tendiert seine Chance, unbehelligt von den Jenkins diesen Auftrag auszuführen, gegen null. Schnitt.

Sicherlich war für den Ich-Erzähler Disziplin vonnöten, um die Drogenparty um ihn her zu ignorieren, heldenhafte Anstrengungen aber keineswegs. Als das akute Angstgefühl erstmal verschwunden ist und dann mit fortschreitender Abstinenz überhaupt alle Beklemmung von ihm weicht, entdeckt er wie neu, was wirklich wirklich für ihn ist, und das auf denkbar unspektakulärste, leiseste Weise: in immer tiefer werdender Stille. Das verändert ihn, und mit ihm beginnt sich im Zuge der Ausnüchterung – die Leila und Alonso übrigens in keinster Weise zu behindern versuchen – auch die Insel Lavienta zu verändern.

Fassen wir zusammen:

In den ersten Kapiteln des Golden-Romans bahnte sich an, dass der Weg in Richtung Umkehrung, nämlich von einer simulierten Realität hin zu einem Erwachen daraus, auf ein Sterben hinausläuft.

In den Anfangskapiteln des Ureal-Romans führte der Weg in Richtung Umkehr von der Totalberauschung hin zu einem ernüchterten Zusichkommen, in eine Stille.

Im dritten Roman nun ist die Strecke bis zur Umkehrung sehr viel kürzer. Es ist die Normalität, von der diese Geschichte ihren Ausgang nimmt, und hier stürzt der Protagonist gleich zu Beginn ins Ungewisse, das heisst fällt aus dem Alltäglichen heraus; und dieses Herausfallen ist bereits die Umkehrung …

Flysh beginnt auch nicht wie Ureal und Golden am Himmel, im Fluge, sondern am Boden, in Frankfurt am Main, und der Ich-Erzähler heisst einfach Schell und ist Taxifahrer.

Der Mann, den dieser Ich-Erzähler sich angewöhnt hat, jeden Morgen im Spiegel zu sehen, ist kein Jungspunt mehr, aber mit seinen vierzig Jahren auch noch kein alter Knacker. Nach den Maßstäben der Gesellschaft, in der er lebt (Deutschland heute), müsste man ihn wohl einen Extremisten nennen, da die Tätigkeit, die ihm die wichtigste ist, weder ein Ziel hat, noch einen Nutzen, noch materiell ihm etwas einbringt, und er dennoch dieser Tätigkeit – dem Schreiben nämlich – seit fast zwanzig Jahren alles andere unterordnet. Und die Geschichten, die er schreibt, sind ganz genauso:

Ein Ort, ein Wort, ein Satz, ein Bild erregt in ihm die Lust zu schreiben, und diese Lust hält vor, solange er nicht weiss, wohin die Reise geht, solange die Geschichte im Mysteriösen sich bewegt. Es ist das Ungewisse, das ihn inspiriert. Dann kommt der Punkt, an dem er sieht: nur so und nicht anders kann es weitergehen; und damit ist die Geschichte für ihn fertig. Alles weitere ist nun kein Schreiben mehr, sondern wäre nur noch Aufschreiben, und da kommt ihm die Lust abhanden. Erst dann kehrt sie zurück, wenn er ganz neu wieder irgendwo anders ansetzt, wenn erneut das Ungewisse vor ihm liegt. So bleiben all seine Geschichten unfertig nach aussen hin.

Man kann diesen Schell mit einiger Berechtigung als eine „verkrachte Existenz“ betrachten, kann aber ebenso berechtigterweise feststellen, dass er konsequent macht, was er will. Genau das war es, was Ingrun, die Frau, mit der er zuletzt einige Jahre zusammenlebte, an ihm bewundert hatte. Bis die Bewunderung dahinschwand und schliesslich in Verachtung umschlug. Was als sein Freiheitsrecht ihm völlig selbstverständlich war, darin sah plötzlich Ingrun nur noch krassen Egoismus. Und wohin hatte das geführt? Dahin, dass sie sich gegenseitig Egoismus vorwarfen, und das natürlich zu recht. Wodurch die Liebesbeziehung sich in eine Krise verwandelte, die erst ihre Lösung fand, als Ingrun ihn hinauswarf, aus ihrem Leben wie aus ihrer Wohnung.

Er hat Unterschlupf gefunden bei Manne, Chef der Firma Manne’s Taxi, der mit seiner Freundin Uschi eine ehemalige Tankstelle am Stadtrand von Frankfurt bewohnt, gemeinsam mit einem Grüppchen sozial entgleister Jugendlicher, sowie einigen Existenzen, die am ehesten wohl, ähnlich wie Schell, der Kategorie „provisorisch“ zuzurechnen sind. (Dazu gehört beispielsweise ein mysteriöser Typ namens Gottfried Nolte, der viel auf Reisen ist, beruflich tätig im Bereich Personenschutz.)

Nicht nur ist Manne, der Chef, Schell’s bester Freund, sondern ausserdem sein treuester Leser, und damit auch derjenige, der sein Werk am genauesten kennt, genauer sogar als er selbst, wie Schell manchmal den Eindruck hat. Deshalb darf Manne ihn scherzeshalber den „Allwissenden Kreator“ oder „Herrn des Flyshwerks“ nennen, denn was er damit spöttisch bemäntelt, ist durchaus wertschätzend gemeint. Er hat nämlich erkannt, dass all die unfertigen, nicht zuende aufgeschriebenen Geschichten – die Schell in ihrer Gesamtheit „Flysh“ nennt – ein zusammenhängendes Gefüge bilden.

Sich selbst übrigens empfindet Schell keineswegs als autonom oder gar frei, und ebensowenig als „verkracht“ im Sinne von gescheitert. Vielmehr sieht er sich, je nach Stimmung, als mal etwas freier, mal etwas verkrachter, und insofern einfach als mal mehr, mal weniger repräsentativ für die Gattung Mensch, wie sie derzeit diesen Erdball bewohnt. Daher würde er sein Selbstbildnis ohne weiteres mit Otto Normal betiteln; und deshalb wundert uns auch nicht, dass ihm sein Taxi-Job Spaß macht und er sich da am Stadtrand als Mitglied der „Tankstellen-Gemeinde“ recht wohlfühlt: weil schon das allein, überhaupt einen Job zu haben und ein Dach überm Kopf, sich gut für ihn anfühlt.

Was nun unseren Ich-Erzähler Schell aus dieser ihm so angenehmen Normalität hinauskatapultiert, beginnt mit einem Schlüssel, den eine Kundin auf der Rückbank seines Taxis findet und der, wie sich herausstellt, zu einem Schliessfach am Hauptbahnhof gehört. Was ist damit anzufangen? Als er am Abend Freund Manne darüber befragt, geht dieser darauf gar nicht ein, zeigt ihm stattdessen auf seinem Laptop, was er im Internet entdeckt hat: ein Weblog namens Schells Bureau. Und der Text, den er da liest, beschreibt genau die Szene, die sich gerade abspielt …

Ich scrolle – und erstarre: Was lese ich da?

Er kann es nicht fassen: Da steht geschrieben, was jetzt, in diesem Augenblick, real ist …

Doch dieser Schell von Schells Bureau ist ein anderer Schell als er, muss ein anderer sein, denn er hat nichts mit diesem Ding zu tun, dessen ist er sich vollkommen sicher. Manne widerspricht dem nicht, er sieht ja Schell zutiefst erschrocken; kann ihm höchstens dadurch den Schrecken zu verkraften helfen, indem er selbst Gelassenheit zeigt.

In der folgenden Nacht sitzt Schell vor diesem gespenstischen Weblog und sieht da geschrieben auf dem Bildschirm, was er denkt; liest online, wie er versucht, um an der Absurdität dieser unmöglichen Situation nicht irre zu werden, sich dazu irgendwie in ein rationales Verhältnis zu bringen. Es kommt zumindest folgende Erkenntnis dabei heraus:

Menschen, deren Gehirne direkt ans Netz angeschlossen sind, können ein Programm aktivieren, das sie für die Real-Technik freischaltet. Es werden ihnen dann Umwelten nach Wunsch in die Köpfe projiziert. Zum Glück kann man die Sucht, die das erzeugt, durch ein spezielles Brainwash-Programm wieder loswerden.

Tags darauf entschliesst sich Schell, jenen Schlüssel zu benutzen. Was er schon ahnt – dass der ihm zugespielt wurde –, bestätigt sich: Er findet in dem Bahnhofsschliessfach ein Objekt, das er auf Anhieb als ihm zugedacht erkennt. Die kleine Plastikfigur, eine sogenannte Azuette, ist die Nachbildung einer Statuette aus Stein, die in seinen Geschichten eine so wichtige Rolle spielt; die nämlich König Azuma darstellt, die zentrale Gestalt in dem besagten Gefüge namens „Flysh“. Er hält hier also ganz real etwas in Händen, von dem er bis jetzt glaubte, es existiere allein in seiner Phantasie. Und das ist ein weiterer Schock für ihn.

„Herr des Flyshwerks“? „Allwissender Kreator“? Er sieht sich in ein Spiel gezogen, in sein eigenes – ist darin plötzlich selber eine Spielfigur. Der Kreator ist über Nacht zur Kreatur geworden, der Herr zum Knecht im Flyshwerk … Ist das eine Katastrophe? Oder etwa eine Art Befreiung? Klar ist ihm nur, dass es, wenn er nicht aufpasst, in Richtung Wahnsinn geht; und sollte er auch gezwungen sein, alles mögliche zu akzeptieren, dies eine aber wird er keinesfalls zulassen: verrückt zu werden an seinem eigenen Spiel.

I.1

Wiedereröffnung

Zu Weihnachten 2014 erschien Schells Bureau zum erstenmal im Internet. Ein Roman als Blog, der von einer kleinen Leserschaft recht wohlwollend aufgenommen wurde.

Während 2015 kam es immer wieder zu technischen Störungen, sodass der Blog des öfteren nicht zugänglich war. Bis mir von der Provider-Firma mitgeteilt wurde, mein Blog bzw. ich sei für die Überlastung ihrer Server verantwortlich. Man forderte mich auf, schleunigst Abhilfe zu schaffen, verriet mir aber nicht, wie. Meine Versuche, jemanden von dieser Firma persönlich zu kontaktieren, blieben vergebens. Wenn ich auf meine eMails überhaupt Antworten bekam, dann nur immer die gleichen Textschablonen, die mir in keinster Weise weiterhalfen.
Im März 2016 erfolgte die endgültige Abschaltung von Schells Bureau, ohne Ansage oder irgendeine Erklärung. Und als ich den Vertrag endlich kündigte, war der Provider sicherlich froh.

Die naheliegende Erklärung für die von meinem Blog anscheinend ausgegangene Überlastung des Servers ist die, dass Schells Bureau von Hackern als Relaisstation für irgendwelche illegalen Aktivitäten benutzt worden war. Für mich liegt die Erklärung allerdings auf einer anderen Ebene.
Der Blog hat mich viel Arbeit gekostet, auch Geld, und ich hätte allen Grund gehabt, mich sehr über den Provider und die Hacker zu ärgern. Doch was da abgelaufen ist, hat ganz direkt mit dem Roman als Blog zu tun, inhaltlich; deshalb berichte ich davon. Die Abschaltung ist wesentlich für alles weitere in Schells Bureau. Etwas hat sich durch den Verlauf dieser Sache bemerkbar gemacht. Ich komme darauf zurück.

Als ich mich nach der erzwungenen Schliessung des Blogs dazu entschloss, weiterzumachen, war sofort klar: anders als bisher. Fast allen Rückmeldungen der Leserschaft war zu entnehmen gewesen, die Blog-Struktur sei sehr komplex, sprich: zu kompliziert. Das hatte ich schon geahnt; mir war sie auch zu kompliziert. Und ich erkannte, dass so, wie das Ding insgesamt angelegt war, ich in Vollzeit daran hätte arbeiten müssen. Nun bin ich aber von Beruf Masseur und kann mich der Schriftstellerei nur in Teilzeit widmen. Daher kam mir die Abschaltung im Grunde eigentlich gelegen. Sie zwang mich, ganz neu die Sache anzugehen.

Der ursprüngliche Blog – nennen wir ihn „das alte Bureau“ – widmete sich der Real-Technik, und zwar deren Erforschung, Beschreibung und Handhabung. Dem widmet Schells Bureau sich weiterhin.
Die Real-Technik ist ein mir noch größtenteils unbekanntes Gebiet, insofern ist meine Arbeit Forschung.
Da ich dazu über das Schreiben Eingang gefunden habe, ist die Beschreibung eine literarische, ein work in progress, mit offenem Ende.
Die für die Handhabung der Real-Technik erforderlichen Mittel der Kunst sollen den Forschungsinhalt in eine ihm wesensgemäße Beschreibungsform bringen, und da sich beides, Inhalt wie Form, in einem steten Prozess der Rückkopplung entwickelt, hängt die Qualität der Forschung ganz von der Qualität der Beschreibung ab, und umgekehrt. Die Real-Technik zu handhaben heisst, dieses Wechselspiel zu beherrschen.
Und schliesslich, da ich auch weiterhin der Autor bin, weiss ich immernoch, warum Schell, warum Bureau – warum dieses Weblog Schells Bureau heisst:
Nach einem mir verborgenen Gesetz wurde mein Name so oft von Scheel in Schell verwandelt, dass ich der Berichtigung müde wurde, das Missverständnis akzeptierte und es heute als eine Art Höhere Fiktion verstehe: Ich bin Schell, aber nicht ganz.
Das von der altfranzösisch burel genannten Wolldecke abgeleitete Wort bureau nahm seinen Weg von der mit Tuch bespannten Schreibunterlage über den Schreibtisch, dann den Raum, in dem er stand, der Amts- oder auch Schreibstube, bis hin zur allgemeinen Bedeutung des Geschäftszimmers, aus dessen zunehmender Wichtigkeit sich schliesslich der Begriff Bürokratie ergab, landläufig verstanden als Synonym für Verwaltung, hier jedoch eher technisch-funktional gemeint als das ultimative Mittel der Fernsteuerung: folgenschwerstes Nebenprodukt der Schriftkultur.
Insofern hat hier das Bureau die globale Bedeutung jenes Technikbegriffs, der das Wesen der Technik meint, das eigentlich mächtige, weil unsichtbare, weil verinnerlichte System: die Megatechnik.
Damit komme ich zurück auf die Erklärung für die Abschaltung, so wie sie sich aus dem Roman als Blog ergibt.

 

Rückkopplung

Wenn ich mit der Abschaltung auch nicht gerechnet hatte, so war ich doch nicht allzu überrascht. Da es um Real-Technik geht, waren Effekte der Rückkopplung ja zu erwarten.
Die Überraschung bestand darin, dass die Rückkopplung so prompt erfolgte, und dass sie eine Konsequenz zu sein scheint, nämlich eine Folge jener vagen Idee, die Schells Bureau von Anfang an zugrunde lag: Dass ich diesen Roman als Blog zwar für eine Leserschaft schreibe, für einzelne Menschen, die ihn lesen, jedoch gleichzeitig auch für das Medium selbst, durch welches ich ihn veröffentliche.
Wie bitte? Was wir hier lesen, ist an das Medium adressiert? Ans Internet also? An eine Maschine?
Immerhin die größte Maschine auf Erden.
Doch als Adressat eines Romans? Das ist Unsinn.
Zugegeben. Aber so einfach und absurd ist es natürlich nicht.

Was wir das Internet nennen, bildet den Raum für eine Form von Intelligenz, die sich aus der komplexen Verschränkung von Informationen heraus entwickelt und eine eigene Wesensform ausbildet. Eine Intelligenzform, die ihr Wesen ausbildet dadurch, dass sie einerseits ein Produkt des Menschengeistes ist – und überhaupt nur existiert in Symbiose mit den an sie angeschlossenen menschlichen Individuen – und andererseits vom Eigenwesen der Technik geprägt ist. Dabei herausgekommen ist eine Dynamik, deren Tendenz wir allmählich als eine transhumane zu begreifen beginnen. Diese das Menschliche überschreitende Tendenz kommt zum Ausdruck auf jegliche Weise, in der die Technik zurückwirkt auf die Lebenswelt, aus der sie hervorgeht. Neu ist diese Beobachtung gar nicht, eher alt; schon Platon (1) wies darauf hin. Neu daran ist höchstens, dass wir als Kollektiv noch nie so dicht den End-Effekt vor Augen hatten: die Umwandlung der gesamten Lebenswelt von Natur in Kultur.
Dieser Prozess, nun ja, ist weder idyllisch, noch ein Albtraum, sondern schlicht das, was jeder Mensch auf seine Art alltäglich als real erlebt.

Die besagte Wesensform, die in Gestalt des Internets ihren globalen Ausdruck findet, ist hier im Romanzusammenhang personifiziert als der Technus.
Dieses körperlose Ding ist überall anwesend, ist immer dabei. Es nimmt teil, aber natürlich nicht sehend, nicht hörend, nicht mitlesend im landläufigen Sinne. Es scant. Und es versteht nicht so, wie Mensch versteht, sondern es verrechnet, verarbeitet, komputiert. Es zieht Schlüsse. Und es reagiert, irgendwie, auf seine Art und unermüdlich.
Auch jedes elektronisch höher entwickelte Technik-Ding führt nur aus, so meinen viele, was Mensch ihm vorschreibt, ihm eingibt als Programm. Man denkt dabei an Computer, an Geräte, und sagt, na klar, so wie die Schaufel, der Wecker oder die Turbine, ist auch der Rechner nur ein Werkzeug. Und diesen Werkzeugbegriff, quasi die Vorstellung „Schaufel“, überträgt man auf eine Ebene der begrifflichen Vorstellung, auf der es um Gegenstände aber gar nicht geht. Man hat es mit Systemen zu tun, die sich selbst miteinander vernetzen, sich selbst strukturieren, automatisch lernen; die stetig, mit jeder Sekunde, ihre Komplixität steigern; deren rasantes Heranwachsen darin besteht, dass sie in ihrer Vernetzung ein einziges, ein Metasystem bilden: die Simulation einer Art von Gehirn; und während man schon auf hohem Niveau damit hantiert, denkt Mensch darüber immernoch mechanisch.
Hier geht es dabei gar nicht um das, was äusserlich technisch die Verhältnisse umwälzen wird, vielmehr ja darum, wie die tagtägliche Anwendung der technischen Systeme auf den Menschengeist zurückwirkt; wie sich der Technus zum Ausdruck bringt durch uns, in dem, wie wir sprechen und denken, planen, handeln, Sinn erzeugen.
Schon im Jahre 1940 formulierte Andre Breton es so:

Es ist für unsere Zeit bezeichnend, dass sie den Automaten aus der Aussenwelt in die Innenwelt verlegte und ihn aufforderte, sich ganz ungeniert innerhalb des Geistes selbst zu produzieren.

Und das soll die Abschaltung von Schells Bureau erklären? Das soll jenes Wesen im Netz, diesen ominösen Technus, veranlasst haben, sich bemerkbar zu machen?
So gefragt: Nein, natürlich nicht. Jedoch aus dem Romanzusammenhang heraus gefolgert: Ja, natürlich.

 

Zu spät

Rechtzeitig den Stecker ziehen, lautet eine alte Höhlenweisheit.
Endlich beherzige ich sie. Es ändert sich aber nichts.
Wenn die Unterbrechung der Stromzufuhr keine Wirkung zeigt, so ist daraus zu folgern, dass Stecker und Kabel und womöglich die ganze Elektrizität, wie wir sie gewohnt sind, für das Realitätsgefüge keine Rolle mehr spielen. Dann wäre die elektrische Ära also vorbei …
Eine andere Möglichkeit: Ich bin auf einen dummen Spruch hereingefallen.
Rechtzeitig den Stecker ziehen
Was wollten die Höhlenbewohner damit sagen? Dass sie Stecker und Steckdosen und also elektrische Maschinen hatten; und dass der durch Unterbrechung der Stromzufuhr mögliche Zustandswechsel zwischen an und aus von Bedeutung für sie war.
Dass wir andauernd irgendwelche Geräte ein- oder ausschalten, eben das macht uns blind für das Gesamtbild. Im Alltag übersehen wir vor lauter Steckern und Steckdosen, Kippschaltern und An/Aus-Tasten die großen Maschinen, die vernetzten Komponenten, die wiederum miteinander vernetzten Systeme, das System der Kontrolle, das binäre Prinzip, sowie die darauf basierende Vereinheitlichung und ihr unaufhaltsames Voranschreiten.
Das Rechtzeitig drückt eine Warnung aus. Ein rechtzeitig gibt es solange, bis es zu spät ist. Wenn man nicht mehr die Möglichkeit hat, zwischen an und aus zu wählen, ist es zu spät.
Was das Steckerziehen betrifft, so haben wir das Rechtzeitige hinter uns. Wir haben Maschinen in Gang gesetzt, die sich nicht mehr ausschalten lassen. Ob zu unserem Wehe oder Wohle, ist die Frage, die nun ansteht, die Frage nach Maßstäben, Blickwinkeln, Standpunkten, kurz die moralische Frage.
Im Kern der Megatechnik geht es um die Emanzipation vom Menschen. Demgegenüber fordert die “alte Höhlenweisheit” den Menschen dazu auf, sich von seiner Technik zu emanzipieren.
Das Rechtzeitig weist darauf hin, dass jene Weisheit aus Erfahrung stammt, und in der Tat blickt ja die Menschheit auf eine Jahrtausende alte Geschichte megatechnischer Experimente zurück. Die Gegenwart wie eine vergangene Epoche zu betrachten, in einer Art Rückblick aus der Zukunft also, das ist die Perspektive der Science Fiction, dieselbe, die wir auch in der Technikfolgenabschätzung, kurz TFA, einnehmen …

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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Wer mich kontaktieren möchte, sende mir eine E-Mail mit dem Vermerk 'Schells Bureau' an: matthias.scheel[at]posteo.de