Mystery Saga

S.5

Intrusion Counterattack Equipment

In dem Durchgang zur Küche, wo ich vom Festnetztelefon aus in Hongkong angerufen hatte, war es noch leidlich hell gewesen. Dann in dem Flur, aus dem die Melodie erklang, hatte die Helligkeit kontinuierlich abgenommen.
Dass dieser Flur zu einem Fahrstuhl führte, überraschte mich einigermaßen, und ich zögerte. Doch eindeutig kam das Liedchen da heraus. Also trat ich ein, und stutzte: keine Knöpfe oder Tasten, nichts dergleichen. Da hatte sich die Tür schon geschlossen und die kleine, schummrige Kabine sich ruckelnd in Bewegung gesetzt. Aufwärts? Abwärts? Liess sich nicht bestimmen. Und das nächste kennen wir: meinen Besuch bei Ladenheuser.
Danach ging die Fahrt im Aufzug einfach weiter, diesmal ohne Melodie. Diese hörte ich erst wieder, als die Kabine stillstand und die Tür sich zu einem Kellergewölbe öffnete.

Zur Linken eine schmale Steintreppe, hinaufführend zu einem Mauerbogen, durch den ein wenig Licht herabfällt. Dort hinaufzusteigen wäre mir zwar lieber, doch höre ich eindeutig, dass die Melodie aus diesem sehr dunklen Gang kommt, der hier nach rechts abzweigt.
Die Anspannung hat nachgelassen, stelle ich fest. Der Kontakt zu Ladenheuser, der so plötzlich – wie, weiss ich nicht – zustande kam, hat bewirkt, dass ich mich sicherer fühle. Höchstens könnte mich beunruhigen, dass die Verbindung auch so plötzlich wieder abriss.
Noch zaudernd davor, in dieses Dunkel einzutreten, frage ich mich: Muss ich denn da unbedingt hinein? Doch von da kommt die Melodie – und was bringt’s, die Notfall-Nummer anzurufen und dann der Anweisung nicht zu folgen? Los, Feigling, vertraue!
Wenn ich wenigstens ein Feuerzeug … Weil heute jedes Handy auch Taschenlampe ist, kennt kaum noch jemand diesen Riesennachteil des Nichtrauchens: dass man kein Feuer mehr zurhand hat. Da ich das witzig finde, scheine ich mich ungeachtet der Umstände doch zu amüsieren.
Da sind Stufen nach unten, nur ein paar, dann geht’s geradeaus, sehr langsam natürlich, mit größter Vorsicht, und zwar auf nassem Untergrund, wie ich besorgt feststelle. Meine Hand spürt links eine kühle feuchte Mauer, etwas glitschiges, algenartiges – und da, uh – Fell! –, ich zucke zurück. Stehe erstarrt. Ratten? Muss es ja wohl hier geben, logisch. Und womöglich Fledermäuse. – Du hast doch wohl nichts gegen Fledermäuse? Natürlich nicht; nur wo sie hausen, ist mir ungemäß, entsetzlich und zuwider, und das wirft nun mal die Frage auf, was mich denn zwingt, diesem Liedchen weiter zu folgen. – Du zwingst dich. Auf dass dich so ein Schreck nicht abschrecke.
Aber ich sehe nichts – gar nichts. Was, wenn ich hier vor einem Abgrund stehe? Zum Beispiel direkt über einem schlammigen Abwasser voller Krokodile? In so einem Finstern einfach weiterzutappen, ist doch idiotisch riskant! – Und was, wenn es eine Prüfung ist? Wenn hier dein Mut auf die Probe gestellt wird?
Jetzt trägt der Luftzug auch noch üblen Geruch heran … Leider genau aus Richtung der Melodie. Also schön flach atmen, und weiter!
So karibisch unbeschwert ist das endlose Liedchen – geradezu duftend nach Früchten, nach Meer, die Stimme wie schläfrig lächelnd, wie eine Umarmung –, dass es hier wie der reinste Hohn klingt und mir schon auf die Nerven geht.
Was erwarte ich denn, wohin es mich führt? Ich stelle fest: nur weg. Eine Fluchtbewegung. Ich bin am Abhauen, und das heisst, was mich treibt, ist Furcht. Furcht wovor?
Ich taste mich weiter voran, sehr vorsichtig, Zentimeter um Zentimeter.
Und da plötzlich sehe ich, wie mit einer Art Nachtsicht-Optik, und zwar eine Tür, eine spezielle, die mir bekannt vorkommt; von der ich weiss, man darf sie nicht öffnen; und der Anblick versetzt mich in einen bestimmten Keller; und ich kenne auch die sogenannte Fabrik, zu der dieser Keller gehört; und von wegen Erinnerungslücke – alles ist da, nur in codierter Form, in einer Art Bilderschrift, und in der lese ich, dass diese verbotene Tür mir genau jene Erinnerungslücke, auf die es ankommt, verschliesst.
Über der Tür steht jedesmal, wenn man an diese Stelle kommt, ein anderer Spruch, diesmal aber nur das Wörtchen: sprich – und ich ziehe schnell, bevor ich vornüber ins Leere kippe, den Fuß zurück, wie auch meine Hand, bevor sie den imaginären Türknauf ergreift.
Speaklet the wind speak (2) … Etwas dringt zu mir durch, Fetzen von Erinnerung wehen da heran, und der Wind und diese Fetzen haben mit Lavienta zu tun. Und da schlägt eine Welle von Gestank über mir zusammen. Ich halte mir die Nase zu, doch bringt das leider gar nichts. Es wird nur schlimmer.
Kaum habe ich die künstliche Nachtsicht als Täuschung durchschaut, ist alles wieder schwarz um mich, finster, und zwar absolut.
Irgendwo höre ich es tropfen … Und da blubbert was … Und die Melodie, diese kleine Endlosschleife, wenn auch weit entfernt inzwischen, nervt mich kolossal.
Ich fühle Schwindel. Weil ich orientierungslos bin. Und wegen der stinkenden Gase.
Furcht vor der Aufgabe! – Das ist, wovor du abzuhauen versuchst: die Aufgabe.
Okayokay – sprich!
Was dir aufgegeben ist, kannst du nicht vermeiden. Es verfolgt dich, solange du fliehst, und irgendwann wird es dich stellen. Das ist Programm. Gesetz. Karma.
Also stelle ich mich lieber gleich selbst. Ist das die Aufgabe?
Sobald du die Verantwortung erkennst – und zwar jetzt –, bist du auch fähig, sie zu tragen. Du bist jetzt also verantwortlich. Für alles, was passiert. Kapiert? Es geht nicht mehr um dein Vergnügen, um gute Unterhaltung, oder einfach nur ums Durchkommen.
Um was also?
Dreh die Fluchtbewegung um: statt weg vonhin zu!
Sind, äh, Sie das, Ladenheuser?
Keine Antwort. Na, egal, hätte ja sein können, dass sich hier der Chef zum Eingreifen veranlasst sieht – bevor ich gleich in Ohnmacht falle. Denn wie’s hier stinkt, ist ja gar nicht mehr auszuhalten – und wird noch immer schlimmer! Wie kann sich sowas überhaupt noch steigern? Kurzum, ich muss hier raus.
Einer der besagten Erinnerungsfetzen betrifft meine Kleidung, nämlich den Exoot. Hatte glatt vergessen, dass ich ja diesen Spezialanzug trage. Dabei hat mir das Ding wahrscheinlich die Verbindung mit Ladenheuser ermöglicht. Und es erklärt, warum ich einen als Handy getarnten Sprengsatz in der Tasche hatte, just als ich ihn brauchte. Und warum ich Real Speak beherrsche. Wieso also finde ich keinen Leuchtstift in der Tasche? Weil ich noch nicht danach gesucht habe.
Der Exoot ist klassische MoTech: alles daran ist ausser dem, wonach es aussieht, noch etwas anderes. Doch woraus nach diesem Prinzip jetzt gefälligst ein Leuchtstift werden sollte, bleibt leider ein simpler Kugelschreiber. Was soll das? Hat jemand von aussen eingegriffen? Wer könnte Zugang zur Steuerung …
Leider weiss ich ja immer noch nicht, wie es inzwischen um das Real-Gefüge bestellt ist. Oder gehört das zu dem neuen Level, von dem Ladenheuser sprach? Dass man hier vielleicht ganz regulär den Eindruck hat, das Regelsystem sei gestört? Könnte ja sein, dass es auf dieser Schwierigkeitsstufe gerade darauf ankommt, ein insgesamt beschädigtes Gefüge zu meistern. Was wahrscheinlich nur zu schaffen ist, indem man an die Steuerung herankommt; die sich allerdings ausserhalb befindet …
Ich sollte lieber … falls ich das Bewusstsein verliere …
Ich lasse mich mit den Knien auf den nassen Beton nieder; taste mit den Fingerspitzen den Boden vor mir ab, während der Brechreiz zunimmt, das Würgen mir … die Kehle … immer stärker zuschnürt … und denke: Das ist sie doch, die berühmte ausweglose Situation. Hier gibt’s eigentlich nichts mehr zu tun. In solchen Fällen neigen Menschen zum Gebet. Aber bei diesem Wahnsinnsgestank …
Wie die Wahnsinnskreissäge vorhin … Fing mit Papiergeknister an, wurde lautes Geraschel, dann anschwellend zu einem Getöse, das sich solange steigerte, bis es mir als hochfrequentes Sirren schier den Schädel sprengte. Und zwar als ich mich zu erinnern versuchte. Als ich mich auf die Erinnerungslücke konzentrierte … Weil ich mich erinnerte?

Ich muss kurz ohnmächtig gewesen sein – oder länger? Auf! Steh auf! Hier herumzuliegen ist – was? Ist das –? Ich war bei dem Versuch, auf die Beine zu kommen, ins Schwanken geraten und meine im Dunkeln herumfuchtelnde Hand hatte zufällig etwas gestreift, klack!, worauf es hinter mir hell geworden war. Nicht sehr hell. Eine einzelne trübe Funzel in dem schmalen Gang, den ich gekommen bin; der hier, wo sich der Lichtschalter befindet, zuende ist.
Was ich vor mir erkenne, scheint ein Hinterhof zu sein; unbeleuchtet; nur soviel sehe ich, dass da Holzplanken liegen, auf denen man ihn durchqueren kann. Es stinkt schlimm, sehr schlimm, bestialisch; eine Steigerung nicht vorstellbar. Atmen nicht mehr möglich. Das Schwindelgefühl nimmt zu. Also Beeilung! Der Lichschimmer aus dem Kellergang hinter mir muss reichen.
Ich schwanke drauflos.
Von wegen Planken – das sind nur morsche Bretter, sie brechen fast, und dann tatsächlich: ein Fuß bricht durch, versinkt in einem Schlick, und der schnelle Ruck, mit dem ich ihn herausziehe, kostet mich den Schuh. Über was für einen Giftbrei – will ich gar nicht wissen! Ich sehe mich schon umkippen, vergast, und in dieser Kloake untergehen. Das gibt mir den Schub, den ich für die letzten Meter noch brauche.
Ein paar Stufen aus Metall zu einer Steintreppe hinauf, die uralt ist, ausgetreten, feucht und glatt, sodass ich hier den noch verbliebenen Schuh zurücklasse und in Socken weiterhaste, und zwar immernoch ohne zu atmen.
Schwach beleuchtete Gänge, teils aus altem Gemäuer, teils betoniert. Dann Wände aus gestapelten Kisten, Berge von Säcken, Paletten voller Kanister, und ein Zeichen überall, eine Art Siegel auf all den Behältern – doch vor allem fällt mir auf: kein Gestank mehr!
Treppen hinauf, und ich atme, beglückt, und bemerke, dass ich die Melodie gar nicht mehr höre. Habe ich sie verloren? Bin ich falsch gelaufen? Oder einfach angekommen, wo sie zuende ist, erlöst.
Es sind jetzt alle möglichen Geräusche zu vernehmen, ein Gemenge aus Stimmen, Gedudel und Motorengebrumm. Und zwei Ecken weiter bleibe ich unter einem Torbogen stehen, vor mir eine ziemlich leere Halle. Eine Markthalle ohne Markt, gesäumt von lauter kleinen Läden, die fast alle geschlossen sind. Ein paar Alte, die an Backgammon-Tischen sitzen. Eine Gruppe verschleierter Frauen, die am Boden hockend irgendwas sortieren. Diverse über Smartphones gebeugte Individuen. Ein Esel, reglos stehend. Tauben hier und da.
Es überkommt mich Müdigkeit. Sagen wir – hoffen wir –, das Gefüge hat sich stabilisiert; ist wieder berechenbar; erlaubt wieder eine gewisse Planung. Ein Hotel finden und schlafen. Ausschlafen. Neue Schuhe besorgen. Abreisen.
Ich wende mich nach links, bewege mich an den geschlossen Geschäften entlang, folge einem Duft nach Kaffee und frischem Brot.
Abreisen? Nach wohin denn?
Ich steuere einen der Läden an, und zwar einen bestimmten, wie mir gerade bewusst wird, und es ist keiner, in dem’s Kaffee gibt oder Brot. Ich bücke mich, um unter dem nur halb heraufgezogenen Rollladen hineinzuschauen.
Wände aus gestapelten Kartons, im Hintergrund eine Büroecke in blassem Neonlicht, und dort – kann ich’s glauben? – Ladenheuser.
„Sind Sie das, Schell? Herein mit Ihnen!“
Ich nähere mich vorsichtig, skeptisch. „Ich sehe Sie, aber …“
„Nehmen Sie doch erstmal Platz.“
Ladenheuser wie immer hinterm Schreibtisch, er nickt in Richtung eines Schemels, und ich prüfe dessen Echtheit, bevor ich mich setze.
„Das Bild wirkt ziemlich echt, muss ich zugeben …“
„Aber?“
„Dass Sie hier sind, glaube ich trotzdem nicht.“
„Es reicht, wenn wir uns einig sind, dass diese Kommunikation echt ist.“
Ich nicke. Doch traue ich ihm? Da bin ich mir nicht sicher. „Diese Ebene ist mir – sehr fremd. Blicke hier kein bisschen durch. Womöglich bin ich der falschen Melodie gefolgt …“
„Höre ich da Gejammer heraus? Muss ich Sie etwa aufpäppeln? Sehen Sie es so, Schell: Sie haben die Hongkong-Nummer gewählt und sind evakuiert worden.“
„Bisher habe wir uns noch nie woanders als in Ihrem Büro gesehen, und da hatten Sie immer dieses Ding vor sich, den Comic, die Schnittstelle zum Netz. Hier aber nicht. Und das heisst – das kann nur heissen: wir sind jetzt – da drin? Oder – sind selber Schnittstellen?“
„Nicht ganz falsch, aber es ist natürlich weitaus komplizierter.“
„Jedenfalls kommt mir das Gefüge nicht mehr besonders stabil vor.“
„Nun ja, mit gewissen Effekten der Rückkopplung war zu rechnen.“
„Nur mit diesem Effekt haben wir natürlich nicht gerechnet.“
„Womit niemand rechnet, darauf kommt es an.“
„Im Großen und Ganzen also …?“
„Ist alles in Ordnung. Nur dass jetzt alles ein bisschen anders ist.“
Mann, o Mann, denke ich nur. Ich glaub, ich brauch mal wieder eine Zigarette.
„Dann hole ich Sie mal auf vertrautes Terrain“, sagt er, „zur Entspannung. Schon mal Schelling gelesen?“
„Nur über ihn, und lang ist’s her.“
„Schelling denkt Wille und Verstand als Stoff und Form, zwei untrennbar aufeinander bezogene Größen, die er erste und zweite Potenz nennt. Man darf sich diese beiden Potenzen nicht als für sich seiend vorstellen, sondern nur in ihrer Verbindung, und die Einheit beider Potenzen ist als eine dritte Potenz zu denken, und zwar als Geist; und diesen Geist bezeichnet er als das Seinsollende.“
„Trinitäten. Man entdeckt sie, wenn man hinschaut, überall.“
Er nickt. „Trimurti zum Beispiel bei den alten Indern, die Dreigestalt, in der sich das eine göttliche Wesen manifestiert als Brahma, Vischnu und Schiva.“
„Der Schöpfer, der Erhalter, der Zerstörer.“
„Ja, in aller Welt dasselbe. Und oft erweitert sich die Sache zur Vierheit. Nämlich auch Schelling setzt über die Dreiheit aus Wille und Verstand und den an diese gebundenen Geist noch den wirklichen, den absoluten, von sich selbst freien Geist.“
„Schon wieder: Geist … Ist das das Stichwort?“
Wir halten inne, horchen. Getrappel … Schwere Stiefel.
„Ich brauche dringend was zu trinken, ich meine bevor es wieder hektisch wird.“
Ladenheuser greift neben sich nach unten und wirft mir eine kleine Flasche Wasser zu.
Vom Eingang her dringt plötzliches Licht unter dem halb heruntergelassenen Rollladen herein. Dazu eine Megaphon-Stimme, türkischer Kommandoton, kein Zweifel: Polizei.
„Gilt das uns?“ frage ich.
Ladenheuser mit einem Achselzucken: „Wer weiss? Verkrümeln Sie sich lieber. Auch hierzulande finden hinter den Kulissen gerade Umwälzungen statt. Besonders hierzulande.“
Deshalb Istanbul? Denn natürlich wundert mich die ganze Zeit, warum ich ausgerechnet hier bin.“
„Finden Sie es heraus, Schell. Aber können Sie überhaupt noch die Augen offenhalten? Und nicht nur extrem müde, auch ganz schön verdreckt sehen Sie aus. Vor allem aber wie Sie riechen – vielleicht erhöht das Ihre street credibility, ist aber furchtbar. Nehmen Sie unbedingt ein Bad. Hier raus,“ er deutet auf den Hinterausgang, „da gibt’s Gänge und Treppen, das Übliche. Halten Sie sich rechts und aufwärts, irgendwo ist da ein Hamam.“
Die Flasche ansetzend, frage ich: „Und Sie, Chef?“, und bis er gesagt hat: „Auch wenn’s nicht so aussieht, ich habe viel zu tun“, habe ich sie ausgetrunken.

S.4

Meine Art Chef

Ein Geräusch aus Richtung des Fahrstuhls, das in einem menschlichen Gehör wie eine beschwingt gepfiffene Melodie klingen würde, vage erinnernd an südliche Gefilde, an Palmenschatten und Mangoduft, veranlasst die kleinen, die sehr kleinen und auch die winzigen Kreaturen, die den fensterlosen, schwach beleuchteten Flur bevölkern, sich fluchtartig zurückzuziehen hinter Leisten, Einfassungen und Wandverputz. Und als sich der Fahrstuhl öffnet, etwas ruckelnd, wer betritt da diesen recht schäbigen Flur?
Ich.
Und weiter jenes Liedchen pfeifend, aber immer leiser, steuere ich geradewegs eine bestimmte Tür an. Das heisst, ich scheine mich hier auszukennen.
Es ist dies der ziemlich abgelegene, fast schon vergessener Teil einer riesigen labyrinthischen Struktur, Affa genannt, in dem die ehemals so wichtige und berühmte Abteilung Technik-Folgen-Abschätzung, kurz TFA, ihre sozusagen letzte Ruhestätte gefunden hat.
Hier residiert Ladenheuser, mein Chef. Chef, nun ja … Genau genommen ist Ladenheuser nur ein Sachbearbeiter, doch habe ich gelernt, ihn nicht zu unterschätzen. Wie man diese komische Abteilung insgesamt nicht unterschätzen sollte. Was die TFA inzwischen wirklich treibt, wer weiss das schon? Wenn der ganze gigantische Machtblock, den das Affa repräsentiert, einmal untergeht, dann wird, wie ich vermute, die TFA dahinterstecken. Und vielleicht weil die Intelligenz, die das Affa steuert, auch zu diesem Schluss gekommen ist, hat man die TFA ins Abseits befördert, sie abgekapselt wie einen schädlichen Fremdkörper.
Jedenfalls war ich lange nicht mehr hier; wundere mich sogar, dass es diesen vergammelten Flur überhaupt noch gibt und dass auf dem Schild an der Tür immernoch Ladenheuser steht.
Ich massiere mir kurz das Gesicht, um etwaige Spuren von guter Laune daraus zu tilgen, dann – etwas nostalgisch, ja gar ein bisschen andächtig gestimmt – klopfe ich an. Ladenheuser hat noch nie „Herein!“ gerufen, trotzdem warte ich ein paar Sekunden, bevor ich nochmals klopfe und eintrete. „Herr Ladenheuser? Wie geht’s?“
„Ach Schell, Sie sind’s. Wo kommen Sie schon wieder her?“
„Ich war auf Lavienta. Im Urlaub quasi.“
„Kommen jetzt aber aus Istanbul …“ Ladenheuser wischt in dem Büro-Comic herum, der vor ihm auf dem Schreibtisch flackert. „Was war da los?“
„Man hat versucht, mich zu erschiessen.“
„Darf man fragen …“
„Keine Ahnung. Es fehlt mir da leider ein Stück Erinnerung.“
Worauf Ladenheuser schweigt; mich anschaut. Skeptisch.
In all den Jahren, in denen ich hier bei Ladenheuser zum Rapport anzutreten hatte, bin ich von ihm immer nur auf drei Arten angeschaut worden: entweder müde, oder ausdruckslos, oder so wie jetzt, skeptisch. Ich nehme an, er hat nur diese drei Optionen. Weil er mehr für die Interaktion mit Kunden wie mich offenbar nicht braucht. Inzwischen bin ich mir nämlich ziemlich sicher, dass Ladenheuser eine Maschine ist, eine Büromaschine.
„Ist so,“ sage ich mit einem Achselzucken. „Was zwischen Lavienta und Istanbul war, ist wie ausradiert. Kein Fitzelchen mehr davon übrig.“
„Erzählen Sie von Lavienta.“
„Ich war erholungsbedürftig; wollte surfen und mich endlich mal wieder meinem Hobby widmen,“ und füge schön beiläufig locker hinzu: „Sie wissen ja, Schriftsteller spielen … Funktioniert Ihre Kaffeemaschine noch?“
Ladenheuser nickt. „Auch die funktioniert noch.“ Sein Gesichtsausdruck wechselt von skeptisch zu ausdruckslos. Ich schalte die Maschine an, sie brummt und das Licht im Büro wird merklich trüber.
Der Kaffee sieht gut aus, dampft und duftet, und als ich den Automat ausschalte, fliesst wieder mehr Energie in die Beleuchtung. Mit Blick auf den Büro-Comic sage ich: „Erstaunlich, dass man Sie den Strom für das Ding noch nicht selber produzieren lässt. Ihnen einen Pedalantrieb unter den Schreibtisch zu basteln, dürfte doch kein Problem sein. Und würde Ihnen sicher gut tun. Dem Fitness-Büro gehört die Zukunft.“
„Der lustige Schell … Wieso glaubt jeder Agent, er muss, wenn er hier zum Rapport aufkreuzt, den Spaßvogel mimen?“
„Ich glaube eher, dass kaum noch einer aufkreuzt.“
Pause. Es beginnt das übliche Schachspiel im Geiste. Wer liest die Gedanken des anderen präziser? Ladenheuser ist darin Meister.
„Zur Sache, Schell. Lavienta. Ihr sogenannter Urlaub.“
Ich unterdrücke ein Seufzen. Ladenheuser vom Thema abzulenken, ist so gut wie unmöglich.
„Ja, Urlaub, was blieb mir anderes übrig? Von Ihnen kam ja nichts mehr. Ich habe Anfragen genug geschickt, doch weder Sie noch sonstwer im Hause reagierte. Die TFA hat mich abgeschrieben, dachte ich. Wegen Ineffizienz. Hatte ja wirklich lange nichts mehr zustande gebracht. Mich endlich rauszuschmeissen, war insofern nur folgerichtig.“
„Effizienz, Evidenz, Kompetenz … Wenn wir Sie je nach solchen Kriterien beurteilt hätten, wäre es schon immer folgerichtig gewesen, Sie rauszuschmeissen, Schell.“
„Okay, fürs Protokoll: Ich hatte nie etwas dagegen, aus der TFA beziehungsweise aus dem ganzen Affa-Apparat rauszufliegen; und hätte auch jetzt nichts dagegen.“
Pause. Schweigen. Ladenheuser ausdruckslos; doch habe ich das Gefühl, dass er mir nonverbal etwas mitzuteilen versucht.
„Ich weiss ja, Schell, Sie halten sich für echt, und dem entsprechend glauben Sie alles mögliche von sich; dass Sie aufrichtig sind, bescheiden, das Richtige wollen, das Gute und so weiter. Doch woran es Ihnen tatsächlich fehlt … Wissen Sie, woran?“
„An Durchblick?“
„An Demut.“
Das von Herrn Ladenheuser … Ich erstarre in Staunen, befehle meinem Gesicht: Sei Maske!
Das ist nicht die Art Tadel, die ich von Ladenheuser gewöhnt bin. Die Kritik von ihm, die ich normalerweise ernte, wenn ich hier zum Rapport antrete, wird mal durch Ironie gemildert, mal sarkastisch verschärft, manchmal sogar mit etwas Pathos gewürzt, aber sie ist immer hintersinnig verklausuliert auf eine Weise, die insbesondere allem, was einen moralischen Anklang hat, jegliche Eindeutigkeit entzieht.
Gerade weil ich Ladenheuser bisher für eine Schablone hielt, für ein Sprachrohr jener künstlichen Intelligenz, die das Affa steuert, fand ich es meistens interessant, ihn über den „menschlichen Standpunkt“ sinnieren zu hören. Kann er tatsächlich erkennen, woran es mir fehlt? Dann wäre er womöglich doch … ein richtiger Mensch?
„Demut, Herr Ladenheuser? Darf ich fragen …“
„Das war eine rein private Bemerkung. Berichten Sie von Lavienta.“
„Haben Sie darüber nichts vorliegen?“ Dabei deute ich auf seinen Büro-Comic.
„Lavienta gehört zum Andrianischen Archipel und wie Sie wissen müssten, sind die digitalen Signale von dort unzuverlässig. Deshalb interessiert mich Ihr Bericht. Sie waren da, auch wenn Sie dachten, Sie hätten dort keinen Auftrag gehabt.“
Ich glotze ihn an. „Sie meinen, ich hatte einen?“
„Schell, habe ich Sie je zum Rapport bestellt, um mir Urlaubsgeschichten anzuhören? Sie müssen endlich kapieren, dass sich einige Bedingungen für Sie geändert haben. Von mir, das heisst von der TFA bekommen Sie keine Aufträge mehr. Sie arbeiten auf eigene Verantwortung. Soll heissen, Sie sind in Ihrer Karriere ein gutes Stück vorangekommen.“
„Ach so? Und nun?“
„Es betrifft zum Beispiel den Schwierigkeitsgrad. Null Orientierung. Krasse Symptome. Black-out. Oder plötzlich fliegen Ihnen Kugeln um die Ohren. Eine Kostprobe davon haben Sie in Istanbul gerade erlebt.“
„Sie nennen das: ein gutes Stück vorangekommen? Solche Beförderungen lehne ich entschieden ab. Mich zu entlassen, okay – denn darauf läuft’s ja wohl hinaus, wenn Sie mir keine Aufträge mehr erteilen; doch gar nicht okay, mich ungefragt auf so einem irren Krisen-Level einzusetzen!“ Ich starre Ladenheuser finster an. „Haben Sie gehört? Ich protestiere!“
Doch er tut so, als sei er ganz in seinen Comic vertieft, und gerade als ich aufstehen will, um zu gehen, sagt er: „Vielleicht habe ich voreilig entschieden. Vielleicht habe ich Sie wirklich überschätzt. Vielleicht sind Sie noch nicht soweit. Denn sonst wären Sie gar nicht hier. Wären nicht in Panik geraten. Hätten nicht in Hongkong angerufen.“
Ach so … Na klar: Die Hongkong-Nummer wählt man nur im Notfall …
„Mir kam das Real, ich meine, das ganze Dingens, Sie wissen schon … es kam mir falsch vor, so falsch, dass ich dachte, womöglich ist das Gefüge insgesamt kaputt oder so, und nicht weil ich in Panik war, nein, sondern einfach um zu testen, ob die Realität noch … Ach, ist doch egal. Glauben Sie, was Sie wollen. Aber wozu habe ich mir denn die Hongkong-Nummer irgendwann mal eingeprägt?“
„Keine Ahnung. Wo haben Sie die überhaupt her?“
„Das wäre eine lange Geschichte … Ist so ‘ne Hotline, dachte ich.“
„Ist sie auch. Für äusserste Notfälle. Bis jetzt. Gewesen. Ein geheimer Kanal, eine Art Schlupfloch. Nicht eigentlich für Sie gedacht, Schell, sondern für andere. Jetzt leider unbrauchbar für alle. Jetzt dem System nämlich bekannt, und das heisst: Teil ab jetzt von Ureal.“ Er schaut mich müde an.
Ureal? War das ein Versehen? Ist ihm das herausgerutscht? Davon spricht man in der TFA doch nicht! So wie „Real-Technik“ ist unter uns auch „Ureal“ tabu.
Ich überlege unter Hochdruck. Was gibt’s hier dringend zu kapieren?
„Jetzt komme ich mir wie der letzte Trottel vor,“ sage ich.
„Könnte ein guter Ansatz sein.“
Eine Anspielung auf meinen Mangel an Demut? Wahrscheinlich. Nach dem Motto: Sich mies zu fühlen ist ein guter Anfang.
„Ich weiss auch nicht weiter,“ sagt Ladenheuser. „Werde einfach nicht schlau aus dieser Koinzidenz: Während Sie sich in Istanbul den Jux erlauben, in Hongkong anzurufen – “
Jux? Wenn gewisse Naturgesetze offensichtlich nicht mehr – “
„– frage ich, hier sitzend, mich zufällig gerade: Ob der Schell sich je wieder blicken lässt? Hat er die TFA nun wirklich hinter sich? Ist er endlich unabhängig? Und just da schneien Sie hier rein. Wie selbstverständlich; wie zum üblichen Rapport. Ich meine, was hat Sie hierher gebracht? Ich meine,“ und er zeigt auf den Büro-Comic, „da sind Sie zu sehen – in Istanbul! In einer ganz anderen Welt – ach, was sag ich – Dimension! Und aus der verschwinden Sie urplötzlich und kommen hier hereinspaziert. Fast authentisch. Wie in Fleisch und Blut. Also auch wenn ich schon einiges gewöhnt bin …“
„Wie ich schon sagte, etwas mit den Naturgesetzen stimmt nicht mehr so ganz …“ Fast authentisch? Also nicht authentisch. Nicht wirklich Fleisch und Blut … Schon wieder so eine Anspielung auf Ureal, wie wir sie uns normalerweise nicht erlauben. Er wirkt tatsächlich aufgeregt, emotional … Wird doch wohl nicht aus der Rolle fallen? Oder will er mich nur aus der Reserve locken?
Offenbar war’s das aber auch schon mit der Emotion. Ladenheuser lehnt sich zurück, schaltet auf sachlich um: „Halten wir uns an die Fakten. Dass Sie plötzlich in Ure- – ich meine hier auftauchen, hat nichts damit zu tun, dass Sie kurz vorher in Hongkong angerufen haben.“
„Warum nicht? Schon in den 1880er Jahren bekam es so mancher Bühnenzauberer mit dem berüchtigten Hongkong Mystery Effect zu tun. Hat sich wahrscheinlich weiterentwickelt, dieses Phänomen, über die üblichen Zauber-Shows hinaus. Was uns in virtuellen Zeiten wie diesen …“
„Schon klar, Schell. Was war wesentlich auf Lavienta?“
Ach, Lavienta … Soll ich ihm von der Dauerparty erzählen? „Ich traf Bekannte von früher, zufällig. Leila und Alonso. Wir waren eine Zeitlang das LA-Trio. Hatten stark mit Drogen zu tun, daher bin ich mir der Echtheit der Details, an die ich mich erinnere, nicht sicher. Wir warteten auf einen Kurier, der uns irgendwas überbringen sollte. Angeblich was von Geo Rey … Ergibt das für Sie einen Sinn?“
„Allerdings. Offiziell ging’s um eine Spezialdroge. Inoffiziell um – na, was wohl? MoTech. Und worum es eigentlich ging – das wissen nur Sie, Schell. Worauf haben Sie da wirklich gewartet?“
„Keine Ahnung. Kann sein, dass der Kurier tatsächlich kam; wenn ja, habe ich ihn als solchen nicht erkannt. Habe weder von einer Spezialdroge, noch von irgendeiner MoTech was mitgekriegt, und auch nichts von einem geheimen Eigentlichen. – Bitte, Herr Ladenheuser, starren Sie mich nicht so an. Da ist nichts, wirklich nichts interessantes, das ich Ihnen verschweige. Ich weiss nur, dass ich irgendwann von den Drogen genug hatte; dass ich mich von Leila und Alonso lossagte und es mal wieder dringend nötig war, zu regenerieren. Ich fand ein ideales Plätzchen, um endlich in Ruhe wieder meinem Hobby nachzugehen – Sie wissen schon – und im übrigen: die Wellen zu reiten. Und damit bin ich schon beim letzten, was ich von Lavienta noch weiss: dass eine enorme, eine Wahnsinns-, eine Monsterwelle auf mich zu rollte … Und das war’s. Was danach kam, weiss ich nicht. Bis ich dann plötzlich nachts über den Bosporus flitze …“
„Was war vorher?“
„Wie gesagt …“
„Oder so gefragt: Wohin trug Sie die große Welle? Konzentrieren Sie sich!“
Ich blicke ins Leere. Ist da was? Nichts deutliches, nur ein Gefühl. Atmosphäre. Eine Beleuchtung. Zuviel noch vom Eindruck der mächtigen Welle. „Nur ein paar vage Bilder, denen ich nicht traue; die sich wiederholen, künstlich, filmartig irgendwie, retrokoloriert, falls es sowas gibt … Ein Gebäude von innen, komisch verschachtelt, und gegen aussen komplett verbarrikadiert.“
„Ein sicherer Ort.“
„Doch sicher genug? Man wartet. Und jetzt: leise Musik dazu, Calypso, eine Frauenstimme, dieselbe, die … Sagen Sie mal, Ladenheuser, glauben Sie etwa, was ich Ihnen hier auftische?“
„Welchen Grund hätten Sie, zu fantasieren? Klingt alles plausibel. Sie haben den Kontrollbereich verlassen und waren offenbar eine ganze Weile dem ausgesetzt, was wir in der Branche Rough Magic nennen – und wie ich sehe, klingelt es da bei Ihnen.“
„Wie Sie sehen?“ – Irre, dieser Ladenheuser! Mir immer zwei, drei Schritte voraus. Bin mir fast sicher, er weiss längst, an was ich mich nicht erinnern kann.
„Hören Sie auf, so zu gucken,“ sage ich, „was soll das?“
Er betrachtet mich wie noch nie, neugierig, jedoch so wie einen Gegenstand.
„Sie haben Recht, Rough Magic, das ist die Form, die es annimmt, wenn wir uns mit einer Naturgewalt zu befassen haben, einem Hurricane oder so …“
„Schell … Sie werden immer, äh, unschärfer.“
„Deshalb gucken Sie so?“
„Ja. An den Rändern sind Sie schon gar nicht mehr da. Sehr interessant.“
„Was sagen Sie da?“
„Dass Sie sich gerade auflösen. Wir müssen unsere Sitzung jetzt also unterbr–“

S.3

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Auf jemanden zu schiessen, um ihn daran zu erinnern, zu vergessen … Ist das mongolischer Humor oder was? Ich meine, muss man sowas ernst nehmen?
Dass mir irgendwer ein Telefon ins Sakko steckt, okay. Dass sich das Ding als Sprengsatz erweist, nun ja, auch noch halbwegs okay, wenn dieses Real auf thrill angelegt ist.
Dann aber der Trick mit dem Zettel, dass der funktionierte … Wusste ja von dem Trick nicht mal, dass es ihn gibt.
Ich versuche diesen selben Zettel, der sich in meiner Vorstellung zusammenknüllte, zu entknüllen. Was darauf geschrieben steht, könnte mir erklären, was all das hier soll.
Der entknüllte Zettel ist unbeschrieben. Und da sind weitere zerknüllte Zettel …
Ich lasse jeden sich glätten, und sie sind alle leer.
Mein Kopf ist plötzlich voll von zerknüllten Zetteln … Tausende von Zetteln und keiner davon ist genau der, den ich zusammenknüllte … Ich verstehe: ein Bild für das Vergessen.
Höre das Geraschel; höre es knistern. Nur noch leere Zettel, die sich glätten.
Aber auf dem einen, dem ersten, stand etwas geschrieben, soviel ist sicher; und ich musste ihn zusammenknüllen, bevor es zu entziffern war, sonst hätten die Mongolen … Warum hört das nicht mehr auf, dieses Geknister? Es wird immer lauter.
Das mit dem Zettel war ein Trick von mir, so dachte ich bis jetzt. Doch habe nicht ich damit die Mongolen ausgetrickst, sondern sie mich. Anschwellendes Geknister.
Sie sollten mich ans Vergessen erinnern, und diesen Auftrag haben sie perfekt erledigt.
Kann bei diesem Geknister kaum noch denken. Höre auch nichts mehr von der Umgebung, nichts von diesem großen türkischen Teehaus voller Männer. Und es fängt an weh zu tun.
Das seltsamste, unangenehmste Real, das ich je erlebt habe. Das ist jetzt schon kein Knistern mehr, nur noch ein einziges tosendes Papiergeräusch.
Schon der Anfang auf der Bosporus-Brücke war ja eine Schweinerei … Ist das hier überhaupt ein Real? Wenn ja, muss es einen Zusammenhang geben mit irgendwas zuvor … Da hört sich jetzt der Krach gar nicht mehr nach Papier an; wird so komisch sirrend, kreischend, und immerzu lauter … Das ist kaum noch von Schmerz zu unterscheiden.
Illusion, denke ich. Reiss dich zusammen. Das kann nicht wirklich sein.
Was war vor der Brücke? Was auf der asiatischen Seite von Istanbul? Und was vorher? Konzentrier dich!

Ich schaue in besorgte Gesichter. Man hilft mir auf die Beine. Bin wohl vom Stuhl gekippt.
Die Schärfe einer Kreissäge, ins Akustische übertragen, das war es in etwa, was meine Konzentration abrupt beendet hatte.
Ich signalisiere: alles in Ordnung, und gebe zu verstehen, dass ich mal telefonieren muss.
Das Papiergeknister ist vorbei. Die Kakophonie, die jetzt noch meinen Schädel ausfüllt, ist unangenehm, jedoch erträglich; darin ein leises Sirren, wie zur Mahnung, dass die Kreissäge noch in Bereitschaft ist.
Mein Kopf schmerzt ziemlich schlimm, und zumindest soviel ist mir klar: Meine Orientierung ist gleich null.
Ist das ein Notfall? Für Notfälle gibt’s die Hongkong-Nummer.
Ein Junge zeigt mir, wo in dem Durchgang zur Küche das Telefon hängt.
Ich zögere noch; taste durch meine Innentaschen. Da ist mein Reisepass; und auch noch Geld genug. Ein stressiges Erlebnis, das mir Kopfweh beschert hat, ist ja wohl kein Notfall; und dass ich gerade ohne Orientierung bin, nun ja, das hatten wir schon oft genug …
Doch irgendwas ist faul hier. Vielleicht auch nicht. Das herauszufinden heisst: Wenn die Hongkong-Nummer funktioniert, dürfte das Real-Gefüge noch stabil sein.
Über diese Nummer kontaktiert man Kick Kimura.
Sofern das Gefüge stabil ist.
Ich zögere immernoch. Was, wenn nicht?
Kimura ist der Spezialist für ausweglose Fälle. Sollte er nicht zu kontaktieren sein, dann – gibt es vielleicht gar kein Real-Gefüge mehr. Dann ist Notfall.
Die Kakophonie in meinem Kopf ebbt langsam ab und damit auch der Schmerz. Jetzt merke ich, da ist so etwas wie, ganz leise noch, so wie … Ist das Musik?
Wie angenehm, erlösend … Ja, eine Melodie.
Nur ein Anrufbeantworter, soviel ich weiss; und dass man korrekt verbunden ist, erkennt man an der automatischen Ansage, die da lautet: „Man fasst sich kurz am Hongkong-Telefon.“
Noch ist die Melodie nur fetzenweise hörbar. Ich horche, und sie wird immer deutlicher; kommt mir wie aus ferner Zeit bekannt vor … Lässt mich an Palmen und an blauen Himmel denken. Indem ich tief Luft hole, nehme ich den Hörer auf.
Die Nummer, die ich wähle, weiss ich auswendig.
Tu-tuuuttu-tuuut … Höre jetzt eine Frauenstimme singen, eine lächelnde Stimme, und soviel ich verstehe, singt sie von Früchten, Mangos, Bananen, Mandarinen, und von Kokosnüssen … Tu-tuuut … Und nun die automatische Ansage, nicht die jedoch, die ich erwarte, sondern: „Folgen Sie der Melodie.“
Kommt da noch was? Ich warte.
Man kann da offenbar keine Nachricht mehr hinterlassen … Haben wir ihn also, den Notfall?
Das karibische Liedchen dudelt gar nicht in meinem Innern, stelle ich fest, es dringt von aussen an mein Ohr.
Da aus dem Hörer nichts weiter kommt, lege ich auf.
Folgen Sie der Melodie. Das war’s.

S.2

Sei Maske, Gesicht!

Nach einer Busfahrt bis zur Entstation meine ich mich nun am nördlichen Rande von Istanbul zu befinden. Der nur von den Scheinwerfern einiger Fahrzeuge spärlich beleuchtete Platz, den ich aufs Geratewohl überquere, scheint ein Park zu sein, und trotz der späten Stunde herrscht da unsichtbar unter den schwarzen Bäumen ein reges menschliches Treiben.
Was ich suche, ist ein Lokal. Ich brauche dringend etwas zu trinken; und wenn ich mir meine nächsten Schritte überlegt habe, werde ich sicher telefonieren müssen.
Kaum habe ich es mir konkret genug vorgestellt – inklusive einiger Typen in Uniform, die mich, als ich hereinkomme, kurz taxieren – sitze ich schon an meinem Tischchen, ringsum Männer, palavernd bei Tschai und Wasserpfeife, und höre aus dem Fernseher, der hinter mir an der Wand hängt, eine amerikanische Schauspielerstimme sagen:
„Worüber so empört, mein Freund? Ich bin keine Bestie, nur Geschäftsmann. Zwinge mich nicht, das zu vergessen.“
Und ein paar Sekunden später dieselbe Stimme: „Tun Sie, was nötig ist.“
By any means necessary … Der Kill-Befehl unter Gringos.
Warum von all den Standard-Formeln höre ich jetzt gerade diese?
Ich bin alarmiert, und das heisst: Ich befehle meinem Gesicht, eine Maske zu sein.
Das habe ich lange nicht mehr gedacht. Meine private Formel, die mir früher in peinlichen Momenten half, mein Schamgefühl zu verbergen. Sie machte mir mein Gesicht bewusst, ohne dass es erst heiß und rot werden musste. Routine inzwischen. Ich brauche den Befehl nicht mehr, mein Gesicht wird Maske ganz von selbst. Wenn sie noch hin und wieder aufblitzt, diese Formel, so immer mit leiser Wehmut verbunden, erinnernd an die Zeiten jugendlichen Leidens, als Scham noch eine Empfindung war, die brannte.
Doch wo ist hier der Auslöser? Wo ist die Frau?
Keine Frauen weit und breit, das Lokal ist reines Männer-Territorium. Und gerade deshalb komme ich darauf, na klar – weil so auffällig ist, was hier gänzlich fehlt.
Was man versteckt, wird unsichtbar, geheimnisvoll, und nur umso begehrenswerter, je weniger man davon weiss. Man weiss nur: rund, warm, weich.
Vor mir auf dem kleinen quadratischen Holztisch ein Gläschen und eine silbrige wohlgeformte Teekanne. Geometrie, denke ich, und sehe ein schwarzes Objekt vor meinem geistigen Auge, das Gegenbild: eckig, kühl, hart.
Ich muss an die Kaaba denken, das schwarze Quadrat, Allerheiligstes der islamischen Welt, strengstens geschützt im Zentrum des heiligen Mekka, von Millionen Menschen aufs innigste verehrt; und an einer ihrer vier Ecken der berühmte schwarze Stein.
Als Rätsel gedacht? Als Prüfstein für den wahren Glauben? O nein. Ganz im Gegenteil.
Ich erstarre. Das darfst du nicht wissen.
Da kommen sie humpelnd zur Tür herein: die beiden Mongolen.
Kein Zweifel, es sind genau die: Sgyulus und Sprosbral.
Schon haben sie mich entdeckt; steuern grinsend auf mich zu; lassen sich ächzend rechts und links an meinem Tischchen nieder. Der eine sagt: „Vorhin auf der Brücke, das war gar nicht so ernst gemeint“, und der andere: „Anders als vielleicht nächstes Mal.“
Wie sehr ich da versteife, bekomme ich erst tags darauf in meiner Nackenmuskulatur zu spüren. Ich schaue zu den Uniformierten hinüber. Doch die beachten uns nicht.
Sei Maske, Gesicht!
„Was wollt ihr von mir?“
Die beiden schauen sich an. „Wollen wir was von ihm?“ Sie schütteln die Köpfe.
„Ich will wissen, warum ihr mich verfolgt.“
„Du hast uns mit was beworfen und das ist explodiert.“
„Ihr habt versucht, mich zu erschiessen!“
„Wie gesagt, das war nicht so gemeint.“
„Aber warum? Warum habt ihr mich angegriffen?“
„Wir sollen dich daran erinnern, zu vergessen.“
Ich blicke entgeistert vom einen zum andern. „Und was zu vergessen?“
„Kennst du Ronin, diesen alten Gangsterfilm?“
Ich seufze nur und nicke.
„Da jagen die doch wie wild einem Köfferchen hinterher und murksen sich ab, aber es bleibt ein Rätsel, was da eigentlich drin war.“
Ich zucke ratlos die Achseln. „Ja, und?“
„Idiot! Denk nach! Was war da drin?“
„Na, vielleicht ein Zettelchen, auf dem stand: Hollywood.“
„Bingo!“ Und die beiden strahlen mich begeistert an.
Nun bewegt der eine langsam seinen Zeigefinger auf meine Stirn zu, mit den Worten: „Und was ist da drin? Auch so ein Zettelchen?“
Jetzt werden sie mir erst so richtig unheimlich, diese zwei Mongolen. Sind das überhaupt Mongolen? Sie reden und benehmen sich wie Gringos.
Ich sehe nun das Zettelchen in meinem Kopf schon vor mir; sehe da etwas Geschriebenes, und wie die sich langsam nähernde Fingerspitze genau darauf zielt … Und begreife endlich, was hier eigentlich läuft.
Bevor ich entziffern kann, was auf dem Zettelchen steht, und das heisst gerade bevor die Fingerspitze meine Stirn berührt, lasse ich das Zettelchen sich abrupt zusammenknüllen.
Sofort zieht der Mongole seinen Finger zurück. Er wechselt mit dem anderen einen Blick, dann stehen sie wortlos vom Tisch auf und humpeln in die Nacht hinaus.

Es ist nicht immer leicht auszumachen, wer gerade bewusst im selben Real ist wie ich. Klar wird mir das in der Regel erst, wenn ich mit jemandem in der universalen Sprache der Real-Realität kommuniziere; wozu ich aber nur befähigt bin, sofern mir nicht nur der Real-Zustand bewusst ist, sondern auch der Zustand meiner Bewusstheit.
Kann man sich im Real-Zustand auch seiner Unbewusstheit bewusst sein?
Darum ging es bei dem Duell mit den Mongolen.

S.1

Und plötzlich Istanbul

Es klingelt.
Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt zum Telefonieren. Ich renne gerade volles Tempo, nachts, auf einer langen Brücke, und zwei Mongolen knattern auf einer Vespa neben mir her und schiessen auf mich.
Das Klingeln kommt aus meiner Jackentasche, laut und deutlich, und ich denke, das kann nicht sein, ich hab doch gar kein Handy. Aber es klingelt weiter. Habe jetzt keine Zeit dafür. Diese Brücke ist lang, sehr lang. Sie überspannt den Bosporus.
Ich renne gerade von Asien nach Europa hinüber. Zum Glück ist da dieses Geländer zwischen mir und den Verfolgern. Der Schütze auf dem Sozius des Rollers ist jetzt mit dem Nachladen seiner Pistole beschäftigt.
Wieso plötzlich hier? Weiss ich nicht. Doch weiss ich, wie diese zwei Typen heissen: Sgyulus und Sprosbral.
Es klingelt weiter. Zu meiner Rettung etwa? Oder ist das womöglich eine Höllenmaschine? Ist ein Versuch wert … Ich rupfe mir das klingelnde Ding aus der Tasche und schleudere es übers Geländer auf die Fahrbahn.
Es prallt an einem der Mongolen ab und eine Sekunde später kracht es. Ein kurzes Abheben, ein Schub nach vorn … Die Druckwelle. Aber ich bleibe auf den Füssen. Renne weiter. Und meine Verfolger?
Sind gestürzt, soweit ich erkennen kann; rappeln sich aber schon wieder auf. Der eine zerrt an dem Motorroller herum, der andere versucht mir nachzusetzen, allerdings stark humpelnd. Was ihn nicht am Weiterschiessen hindert.
Wielange wird man hier als Fußgänger unbehelligt mit einer Pistole herumballern dürfen? … Ich renne weiter auf Europa zu. Und da setzt Empörung ein:
Das ist absolut illegal! So fängt kein normales Real an. Nur eines, das mich umbringen soll, beginnt so abrupt in einer Action-Szene auf Leben und Tod. Ich bin auf sowas nicht vorbereitet, ich habe das nicht gebucht!
Üblicherweise fangen die Reale gemütlich an, mit einem Besuch im Archiv zum Beispiel, bei dem ich mich über das Thema der anstehenden Mission informieren kann. Oder zumindest kommen rechtzeitig Hinweise auf die Art der Gefahren.
Aber das hier … Wem fällt sowas ein? Ich blicke zurück. Sehe sie nicht mehr. Hab ich sie abgehängt? Renne lieber weiter volles Tempo.
Was für eine Sauerei – mir Sprengstoff ins Sakko zu pflanzen!
Allerdings, wie sonst hätte ich diese Mongolen abgewehrt? Noch interessanter die Frage: Warum wollen die mich killen? Ich kenne die eigentlich gar nicht. Nur ihre Namen, denn die sind ja nun wirklich einprägsam: Sgyulus und Sprosbral.
Urzeiten ist es her, dass ich mit denen mal zu tun hatte … Irgendeine verworrene Sache in Zürich … Waren auch damals schon so komisch, die beiden, so extrem entschlossen, so mechanisch, und doch irgendwie chaotisch.
Ich werde langsamer. Kann einfach nicht mehr.
Wach auf. Oder finde einen anderen Ausweg. Dieser Stress ist ungut. Ganz schlecht für die Gesundheit. Soll wahrscheinlich ein Training sein. Oder eine Lektion in Sachen Halluzination und Voreingenommenheit.
Mir reicht’s jedenfalls.
Die Welt ist doch sowieso voller Spannung, voller thrill, und man darf sich ruhig mal fragen, ob es eigentlich erstrebenswert ist, noch dauernd zusätzlich gethrillt zu werden.
Der übliche thrill basiert auf einem einfachen Reaktionsmuster, das systematisch auszulösen Sache von Spezialisten ist, und die, wie alle Spezialisten, ob Kraftfahrer oder Konzernlenker, Priester oder Pianisten, sind den Automatismen ihrer Branche unterworfen.
Automatismen lassen sich in der Regel austricksen. Daran sollte man sich unbedingt erinnern, falls man in einem Real landet, das auf thrill angelegt ist; man könnte sich sonst vor Angst in die Hosen machen, oder das Herz könnte aussetzen, unnötigerweise.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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Wer mich kontaktieren möchte, sende mir eine E-Mail mit dem Vermerk 'Schells Bureau' an: matthias.scheel[at]posteo.de