Roman

S.5

Intrusion Counterattack Equipment

In dem Durchgang zur Küche, wo ich vom Festnetztelefon aus in Hongkong angerufen hatte, war es noch leidlich hell gewesen. Dann in dem Flur, aus dem die Melodie erklang, hatte die Helligkeit kontinuierlich abgenommen.
Dass dieser Flur zu einem Fahrstuhl führte, überraschte mich einigermaßen, und ich zögerte. Doch eindeutig kam das Liedchen da heraus. Also trat ich ein, und stutzte: keine Knöpfe oder Tasten, nichts dergleichen. Da hatte sich die Tür schon geschlossen und die kleine, schummrige Kabine sich ruckelnd in Bewegung gesetzt. Aufwärts? Abwärts? Liess sich nicht bestimmen. Und das nächste kennen wir: meinen Besuch bei Ladenheuser.
Danach ging die Fahrt im Aufzug einfach weiter, diesmal ohne Melodie. Diese hörte ich erst wieder, als die Kabine stillstand und die Tür sich zu einem Kellergewölbe öffnete.

Zur Linken eine schmale Steintreppe, hinaufführend zu einem Mauerbogen, durch den ein wenig Licht herabfällt. Dort hinaufzusteigen wäre mir zwar lieber, doch höre ich eindeutig, dass die Melodie aus diesem sehr dunklen Gang kommt, der hier nach rechts abzweigt.
Die Anspannung hat nachgelassen, stelle ich fest. Der Kontakt zu Ladenheuser, der so plötzlich – wie, weiss ich nicht – zustande kam, hat bewirkt, dass ich mich sicherer fühle. Höchstens könnte mich beunruhigen, dass die Verbindung auch so plötzlich wieder abriss.
Noch zaudernd davor, in dieses Dunkel einzutreten, frage ich mich: Muss ich denn da unbedingt hinein? Doch von da kommt die Melodie – und was bringt’s, die Notfall-Nummer anzurufen und dann der Anweisung nicht zu folgen? Los, Feigling, vertraue!
Wenn ich wenigstens ein Feuerzeug … Weil heute jedes Handy auch Taschenlampe ist, kennt kaum noch jemand diesen Riesennachteil des Nichtrauchens: dass man kein Feuer mehr zurhand hat. Da ich das witzig finde, scheine ich mich ungeachtet der Umstände doch zu amüsieren.
Da sind Stufen nach unten, nur ein paar, dann geht’s geradeaus, sehr langsam natürlich, mit größter Vorsicht, und zwar auf nassem Untergrund, wie ich besorgt feststelle. Meine Hand spürt links eine kühle feuchte Mauer, etwas glitschiges, algenartiges – und da, uh – Fell! –, ich zucke zurück. Stehe erstarrt. Ratten? Muss es ja wohl hier geben, logisch. Und womöglich Fledermäuse. – Du hast doch wohl nichts gegen Fledermäuse? Natürlich nicht; nur wo sie hausen, ist mir ungemäß, entsetzlich und zuwider, und das wirft nun mal die Frage auf, was mich denn zwingt, diesem Liedchen weiter zu folgen. – Du zwingst dich. Auf dass dich so ein Schreck nicht abschrecke.
Aber ich sehe nichts – gar nichts. Was, wenn ich hier vor einem Abgrund stehe? Zum Beispiel direkt über einem schlammigen Abwasser voller Krokodile? In so einem Finstern einfach weiterzutappen, ist doch idiotisch riskant! – Und was, wenn es eine Prüfung ist? Wenn hier dein Mut auf die Probe gestellt wird?
Jetzt trägt der Luftzug auch noch üblen Geruch heran … Leider genau aus Richtung der Melodie. Also schön flach atmen, und weiter!
So karibisch unbeschwert ist das endlose Liedchen – geradezu duftend nach Früchten, nach Meer, die Stimme wie schläfrig lächelnd, wie eine Umarmung –, dass es hier wie der reinste Hohn klingt und mir schon auf die Nerven geht.
Was erwarte ich denn, wohin es mich führt? Ich stelle fest: nur weg. Eine Fluchtbewegung. Ich bin am Abhauen, und das heisst, was mich treibt, ist Furcht. Furcht wovor?
Ich taste mich weiter voran, sehr vorsichtig, Zentimeter um Zentimeter.
Und da plötzlich sehe ich, wie mit einer Art Nachtsicht-Optik, und zwar eine Tür, eine spezielle, die mir bekannt vorkommt; von der ich weiss, man darf sie nicht öffnen; und der Anblick versetzt mich in einen bestimmten Keller; und ich kenne auch die sogenannte Fabrik, zu der dieser Keller gehört; und von wegen Erinnerungslücke – alles ist da, nur in codierter Form, in einer Art Bilderschrift, und in der lese ich, dass diese verbotene Tür mir genau jene Erinnerungslücke, auf die es ankommt, verschliesst.
Über der Tür steht jedesmal, wenn man an diese Stelle kommt, ein anderer Spruch, diesmal aber nur das Wörtchen: sprich – und ich ziehe schnell, bevor ich vornüber ins Leere kippe, den Fuß zurück, wie auch meine Hand, bevor sie den imaginären Türknauf ergreift.
Speaklet the wind speak (2) … Etwas dringt zu mir durch, Fetzen von Erinnerung wehen da heran, und der Wind und diese Fetzen haben mit Lavienta zu tun. Und da schlägt eine Welle von Gestank über mir zusammen. Ich halte mir die Nase zu, doch bringt das leider gar nichts. Es wird nur schlimmer.
Kaum habe ich die künstliche Nachtsicht als Täuschung durchschaut, ist alles wieder schwarz um mich, finster, und zwar absolut.
Irgendwo höre ich es tropfen … Und da blubbert was … Und die Melodie, diese kleine Endlosschleife, wenn auch weit entfernt inzwischen, nervt mich kolossal.
Ich fühle Schwindel. Weil ich orientierungslos bin. Und wegen der stinkenden Gase.
Furcht vor der Aufgabe! – Das ist, wovor du abzuhauen versuchst: die Aufgabe.
Okayokay – sprich!
Was dir aufgegeben ist, kannst du nicht vermeiden. Es verfolgt dich, solange du fliehst, und irgendwann wird es dich stellen. Das ist Programm. Gesetz. Karma.
Also stelle ich mich lieber gleich selbst. Ist das die Aufgabe?
Sobald du die Verantwortung erkennst – und zwar jetzt –, bist du auch fähig, sie zu tragen. Du bist jetzt also verantwortlich. Für alles, was passiert. Kapiert? Es geht nicht mehr um dein Vergnügen, um gute Unterhaltung, oder einfach nur ums Durchkommen.
Um was also?
Dreh die Fluchtbewegung um: statt weg vonhin zu!
Sind, äh, Sie das, Ladenheuser?
Keine Antwort. Na, egal, hätte ja sein können, dass sich hier der Chef zum Eingreifen veranlasst sieht – bevor ich gleich in Ohnmacht falle. Denn wie’s hier stinkt, ist ja gar nicht mehr auszuhalten – und wird noch immer schlimmer! Wie kann sich sowas überhaupt noch steigern? Kurzum, ich muss hier raus.
Einer der besagten Erinnerungsfetzen betrifft meine Kleidung, nämlich den Exoot. Hatte glatt vergessen, dass ich ja diesen Spezialanzug trage. Dabei hat mir das Ding wahrscheinlich die Verbindung mit Ladenheuser ermöglicht. Und es erklärt, warum ich einen als Handy getarnten Sprengsatz in der Tasche hatte, just als ich ihn brauchte. Und warum ich Real Speak beherrsche. Wieso also finde ich keinen Leuchtstift in der Tasche? Weil ich noch nicht danach gesucht habe.
Der Exoot ist klassische MoTech: alles daran ist ausser dem, wonach es aussieht, noch etwas anderes. Doch woraus nach diesem Prinzip jetzt gefälligst ein Leuchtstift werden sollte, bleibt leider ein simpler Kugelschreiber. Was soll das? Hat jemand von aussen eingegriffen? Wer könnte Zugang zur Steuerung …
Leider weiss ich ja immer noch nicht, wie es inzwischen um das Real-Gefüge bestellt ist. Oder gehört das zu dem neuen Level, von dem Ladenheuser sprach? Dass man hier vielleicht ganz regulär den Eindruck hat, das Regelsystem sei gestört? Könnte ja sein, dass es auf dieser Schwierigkeitsstufe gerade darauf ankommt, ein insgesamt beschädigtes Gefüge zu meistern. Was wahrscheinlich nur zu schaffen ist, indem man an die Steuerung herankommt; die sich allerdings ausserhalb befindet …
Ich sollte lieber … falls ich das Bewusstsein verliere …
Ich lasse mich mit den Knien auf den nassen Beton nieder; taste mit den Fingerspitzen den Boden vor mir ab, während der Brechreiz zunimmt, das Würgen mir … die Kehle … immer stärker zuschnürt … und denke: Das ist sie doch, die berühmte ausweglose Situation. Hier gibt’s eigentlich nichts mehr zu tun. In solchen Fällen neigen Menschen zum Gebet. Aber bei diesem Wahnsinnsgestank …
Wie die Wahnsinnskreissäge vorhin … Fing mit Papiergeknister an, wurde lautes Geraschel, dann anschwellend zu einem Getöse, das sich solange steigerte, bis es mir als hochfrequentes Sirren schier den Schädel sprengte. Und zwar als ich mich zu erinnern versuchte. Als ich mich auf die Erinnerungslücke konzentrierte … Weil ich mich erinnerte?

Ich muss kurz ohnmächtig gewesen sein – oder länger? Auf! Steh auf! Hier herumzuliegen ist – was? Ist das –? Ich war bei dem Versuch, auf die Beine zu kommen, ins Schwanken geraten und meine im Dunkeln herumfuchtelnde Hand hatte zufällig etwas gestreift, klack!, worauf es hinter mir hell geworden war. Nicht sehr hell. Eine einzelne trübe Funzel in dem schmalen Gang, den ich gekommen bin; der hier, wo sich der Lichtschalter befindet, zuende ist.
Was ich vor mir erkenne, scheint ein Hinterhof zu sein; unbeleuchtet; nur soviel sehe ich, dass da Holzplanken liegen, auf denen man ihn durchqueren kann. Es stinkt schlimm, sehr schlimm, bestialisch; eine Steigerung nicht vorstellbar. Atmen nicht mehr möglich. Das Schwindelgefühl nimmt zu. Also Beeilung! Der Lichschimmer aus dem Kellergang hinter mir muss reichen.
Ich schwanke drauflos.
Von wegen Planken – das sind nur morsche Bretter, sie brechen fast, und dann tatsächlich: ein Fuß bricht durch, versinkt in einem Schlick, und der schnelle Ruck, mit dem ich ihn herausziehe, kostet mich den Schuh. Über was für einen Giftbrei – will ich gar nicht wissen! Ich sehe mich schon umkippen, vergast, und in dieser Kloake untergehen. Das gibt mir den Schub, den ich für die letzten Meter noch brauche.
Ein paar Stufen aus Metall zu einer Steintreppe hinauf, die uralt ist, ausgetreten, feucht und glatt, sodass ich hier den noch verbliebenen Schuh zurücklasse und in Socken weiterhaste, und zwar immernoch ohne zu atmen.
Schwach beleuchtete Gänge, teils aus altem Gemäuer, teils betoniert. Dann Wände aus gestapelten Kisten, Berge von Säcken, Paletten voller Kanister, und ein Zeichen überall, eine Art Siegel auf all den Behältern – doch vor allem fällt mir auf: kein Gestank mehr!
Treppen hinauf, und ich atme, beglückt, und bemerke, dass ich die Melodie gar nicht mehr höre. Habe ich sie verloren? Bin ich falsch gelaufen? Oder einfach angekommen, wo sie zuende ist, erlöst.
Es sind jetzt alle möglichen Geräusche zu vernehmen, ein Gemenge aus Stimmen, Gedudel und Motorengebrumm. Und zwei Ecken weiter bleibe ich unter einem Torbogen stehen, vor mir eine ziemlich leere Halle. Eine Markthalle ohne Markt, gesäumt von lauter kleinen Läden, die fast alle geschlossen sind. Ein paar Alte, die an Backgammon-Tischen sitzen. Eine Gruppe verschleierter Frauen, die am Boden hockend irgendwas sortieren. Diverse über Smartphones gebeugte Individuen. Ein Esel, reglos stehend. Tauben hier und da.
Es überkommt mich Müdigkeit. Sagen wir – hoffen wir –, das Gefüge hat sich stabilisiert; ist wieder berechenbar; erlaubt wieder eine gewisse Planung. Ein Hotel finden und schlafen. Ausschlafen. Neue Schuhe besorgen. Abreisen.
Ich wende mich nach links, bewege mich an den geschlossen Geschäften entlang, folge einem Duft nach Kaffee und frischem Brot.
Abreisen? Nach wohin denn?
Ich steuere einen der Läden an, und zwar einen bestimmten, wie mir gerade bewusst wird, und es ist keiner, in dem’s Kaffee gibt oder Brot. Ich bücke mich, um unter dem nur halb heraufgezogenen Rollladen hineinzuschauen.
Wände aus gestapelten Kartons, im Hintergrund eine Büroecke in blassem Neonlicht, und dort – kann ich’s glauben? – Ladenheuser.
„Sind Sie das, Schell? Herein mit Ihnen!“
Ich nähere mich vorsichtig, skeptisch. „Ich sehe Sie, aber …“
„Nehmen Sie doch erstmal Platz.“
Ladenheuser wie immer hinterm Schreibtisch, er nickt in Richtung eines Schemels, und ich prüfe dessen Echtheit, bevor ich mich setze.
„Das Bild wirkt ziemlich echt, muss ich zugeben …“
„Aber?“
„Dass Sie hier sind, glaube ich trotzdem nicht.“
„Es reicht, wenn wir uns einig sind, dass diese Kommunikation echt ist.“
Ich nicke. Doch traue ich ihm? Da bin ich mir nicht sicher. „Diese Ebene ist mir – sehr fremd. Blicke hier kein bisschen durch. Womöglich bin ich der falschen Melodie gefolgt …“
„Höre ich da Gejammer heraus? Muss ich Sie etwa aufpäppeln? Sehen Sie es so, Schell: Sie haben die Hongkong-Nummer gewählt und sind evakuiert worden.“
„Bisher habe wir uns noch nie woanders als in Ihrem Büro gesehen, und da hatten Sie immer dieses Ding vor sich, den Comic, die Schnittstelle zum Netz. Hier aber nicht. Und das heisst – das kann nur heissen: wir sind jetzt – da drin? Oder – sind selber Schnittstellen?“
„Nicht ganz falsch, aber es ist natürlich weitaus komplizierter.“
„Jedenfalls kommt mir das Gefüge nicht mehr besonders stabil vor.“
„Nun ja, mit gewissen Effekten der Rückkopplung war zu rechnen.“
„Nur mit diesem Effekt haben wir natürlich nicht gerechnet.“
„Womit niemand rechnet, darauf kommt es an.“
„Im Großen und Ganzen also …?“
„Ist alles in Ordnung. Nur dass jetzt alles ein bisschen anders ist.“
Mann, o Mann, denke ich nur. Ich glaub, ich brauch mal wieder eine Zigarette.
„Dann hole ich Sie mal auf vertrautes Terrain“, sagt er, „zur Entspannung. Schon mal Schelling gelesen?“
„Nur über ihn, und lang ist’s her.“
„Schelling denkt Wille und Verstand als Stoff und Form, zwei untrennbar aufeinander bezogene Größen, die er erste und zweite Potenz nennt. Man darf sich diese beiden Potenzen nicht als für sich seiend vorstellen, sondern nur in ihrer Verbindung, und die Einheit beider Potenzen ist als eine dritte Potenz zu denken, und zwar als Geist; und diesen Geist bezeichnet er als das Seinsollende.“
„Trinitäten. Man entdeckt sie, wenn man hinschaut, überall.“
Er nickt. „Trimurti zum Beispiel bei den alten Indern, die Dreigestalt, in der sich das eine göttliche Wesen manifestiert als Brahma, Vischnu und Schiva.“
„Der Schöpfer, der Erhalter, der Zerstörer.“
„Ja, in aller Welt dasselbe. Und oft erweitert sich die Sache zur Vierheit. Nämlich auch Schelling setzt über die Dreiheit aus Wille und Verstand und den an diese gebundenen Geist noch den wirklichen, den absoluten, von sich selbst freien Geist.“
„Schon wieder: Geist … Ist das das Stichwort?“
Wir halten inne, horchen. Getrappel … Schwere Stiefel.
„Ich brauche dringend was zu trinken, ich meine bevor es wieder hektisch wird.“
Ladenheuser greift neben sich nach unten und wirft mir eine kleine Flasche Wasser zu.
Vom Eingang her dringt plötzliches Licht unter dem halb heruntergelassenen Rollladen herein. Dazu eine Megaphon-Stimme, türkischer Kommandoton, kein Zweifel: Polizei.
„Gilt das uns?“ frage ich.
Ladenheuser mit einem Achselzucken: „Wer weiss? Verkrümeln Sie sich lieber. Auch hierzulande finden hinter den Kulissen gerade Umwälzungen statt. Besonders hierzulande.“
Deshalb Istanbul? Denn natürlich wundert mich die ganze Zeit, warum ich ausgerechnet hier bin.“
„Finden Sie es heraus, Schell. Aber können Sie überhaupt noch die Augen offenhalten? Und nicht nur extrem müde, auch ganz schön verdreckt sehen Sie aus. Vor allem aber wie Sie riechen – vielleicht erhöht das Ihre street credibility, ist aber furchtbar. Nehmen Sie unbedingt ein Bad. Hier raus,“ er deutet auf den Hinterausgang, „da gibt’s Gänge und Treppen, das Übliche. Halten Sie sich rechts und aufwärts, irgendwo ist da ein Hamam.“
Die Flasche ansetzend, frage ich: „Und Sie, Chef?“, und bis er gesagt hat: „Auch wenn’s nicht so aussieht, ich habe viel zu tun“, habe ich sie ausgetrunken.

B.4

Beppo’s Gebärde

Des Imperators Weisung folgend, hatte er Schells Bureau also geöffnet, dabei sich seines Herzschlages bewusst, und gelesen, was da geschrieben stand unter dem Titel Dem Machtwort auf der Spur.
Leere danach; nur Leere.
Kann man sagen, dass einen Leere erfüllt? So nämlich fühlte es sich an.
Es war am frühen Abend gewesen. Er hatte den Rechner ausgeschaltet, das Licht gelöscht, und war durch den verschneiten Hof zum Hauptgebäude hinüber gegangen. In der großen Küche saßen einige der Mitbewohner beim Essen und führten, wie üblich in beträchtlicher Lautstärke, irgendeine Debatte. Er sah sich da hereinkommen; sah sich denen, die ihn bemerkten, zunicken; sah sich am Herd etwas auf einen Teller füllen und sich dazusetzen.
Und alles spielte sich in besagter Leere ab.
Er sah sich da sitzen und essen; sah sich dann auf einem der Sofas in der Fernseh-Ecke ein Bier trinken; und hörte aus seinem Mund, als man ihn ansprach, ein paar freundliche Redewendungen.
Er hatte keine Gedanken, dafür eine noch nie so klare Wahrnehmung der einzelnen Details, aus denen sich die Welt um ihn herum zusammensetzte. Und die ganze Zeit war er sich der Leere bewusst.
An dem Morgen darauf, als er sich mit einem Becher Kaffee an den Tisch setzte und den Rechner startete, hatte er das Gefühl, etwas habe sich grundlegend verändert.
Er klickte Schells Bureau an und es hiess: Vorübergehend nicht verfügbar.
So so, hatte er nur gedacht und sich kaffeeschlürfend der Leere überlassen.
Das Maßlose dieser Leere erfüllte ihn mit Bewunderung, und er verstand: Das war, was der Imperator mit Stille gemeint hatte.
Und sie war geblieben, diese Stille; während der Stunden, die er mit dem Taxi herumgekurvt war, danach beim Jogging, und den ganzen Abend über.
Auch am nächsten Tag blieb Schells Bureau „vorübergehend nicht verfügbar“.
Beim Abendessen sagte Manne zu ihm: „Schells Bureau lässt sich zur Zeit nicht öffnen.“
Schell nickte. „Ich weiss. Vor zwei Tagen bin ich da rein und hab was gelesen. Dem Machtwort auf der Spur. Seitdem ist das Ding gesperrt.“
Manne sah Schell eine Weile versonnen an. „Dieses Machtwort-Kapitel habe ich auch gelesen. Und ich ahne es schon: auch das war nicht von dir.“
„Du sagst es.“
Worauf ihn Manne wieder eine Weile schweigend anschaute. „Es ist also immernoch so? Da erscheinen Texte in diesem Blog, die nur du geschrieben haben kannst – die du aber nicht geschrieben hast?“
„Exakt.“
„Was dir völlig real erscheint, doch nicht real sein kann, und dich deshalb an den Rand des Wahnsinns treibt.“
„Ja, habe ich dem Machtwort-Kapitel auch so entnommen: dass ich wohl kurz vorm Durchknallen war.“
„Höre ich da etwa Ironie heraus?“
„Tja, Manne, was höre ich heraus, wenn du mich Herr des Flyshwerks oder Allwissender Kreator nennst?“
Sie schauten sich über ihre Teller mit Spaghetti hinweg forschend in die Augen.
„Okay, Schell. Ironie beiseite. Für mich bist du jedenfalls der Autor. Nachdem ich das Machtwort-Kapitel gelesen habe, ist mir das nur umso klarer. Es passt hundertprozentig zu deiner desolaten Verfassung in letzter Zeit. Es stellt doch ziemlich übersichtlich den ganzen mentalen Tumult dar, mit dem du dich herumschlägst. Was du Uschi und mir davon erzählt hast – vor allem das mit dem dauernden Herzrasen –, hat uns einigermaßen bedenklich gestimmt.“
„Denke ich mir. Tut mir leid. Wahrscheinlich musstet ihr euch fragen, ob ich für den Taxi-Job überhaupt noch tauge.“
„Wir kamen zu dem Schluss, dass die tägliche Routine dich stabilisiert.“
„Das tut sie. Das Alltägliche hilft am allerbesten. Diese Abende in der Küche unter Menschen. Aber auch, dass ich mit euch darüber reden konnte, über das Unerklärliche, diesen ganzen Tumult, hat mir geholfen, nicht durchzuknallen.“ Er hielt inne. „Glaube ich jedenfalls, dass ich nicht durchgeknallt bin.“
„Glaube ich auch. Und ich staune. Du wirkst inzwischen cool.“
Worauf Schell für eine Weile schwieg. Unmöglich zu reden von der maßlosen Leere, die ihn ergriffen hatte.
„Wie ich es sehe,“ fuhr Manne fort, „bist du mit deinem Tumult deshalb klargekommen, weil du ihn in Worte gefasst hast. Das Machtwort-Kapitel war deine Selbsttherapie.“
„Ach, weisst du, ist man nur lange genug kurz vorm Durchknallen, gewöhnt man sich daran. Jedenfalls hat die Sache inzwischen keinen Einfluss mehr auf meine Pulsfrequenz.“
„Man könnte auch sagen, du hast es als das durchschaut, was es ist – ein Spiel.“
„Ein Spiel?“
„Das du mit dir selber spielst.“
Stimmte das? Hatte er das vergessen? Und war das nicht eigentlich – egal? Schell guckte fragend.
„Du hast etwas in Gang gesetzt“, sagte Manne, „und das ist, was läuft.“
Lange Pause daraufhin.
Schell starrte Beppo an, der gerade den Tisch abzuräumen begann.
„Sehe ich richtig? Beppo? Mitten in diesem Getümmel?“
Sein Autismus hatte es Beppo bisher nicht erlaubt, sich derartig normal zu verhalten.
„Ausser mir scheint sich niemand darüber zu wundern …“
„Weil es schon nichts neues mehr ist“, sagte Manne. „Du hast wohl in letzter Zeit auch manch anderes nicht mitgekriegt …“
„Erklär mir erstmal das mit Beppo.“
„Eurythmie. Seit ‘nem Jahr etwa bringt Uschi ihn jede Woche zu einer Heileurythmistin. Keine Ahnung, was die mit ihm macht, jedenfalls scheint es irgendwie seinem Autismus entgegenzuwirken. Zwar sagt er noch immer nicht viel, beziehungsweise nichts, aber inzwischen isst er hier abends mit uns.“
„Das ist – fantastisch!“
„Sensationell, allerdings. Doch Uschi findet das völlig normal.“
„Ist es gar nicht, meinst du? Ein Wunder sozusagen, dass das dem Beppo hilft?“
„Na ja, weit ab von dem zumindest, was die offizielle Medizin für Autisten parat hat. Ich meine, wer hat schon von Eurythmie gehört? Uschi hat mir erklärt, was das ist, und auch, wie es als Therapie funktioniert. Nur habe ich’s nicht ganz kapiert, muss ich zugeben, und zwar wie Uschi meint: weil ich schon mein Leben lang so ein Kung-Fu-Freak bin.“
Da lachte Schell. „Hey, apropos – wir haben uns schon lange nicht mehr geprügelt.“
Manne, zurückgelehnt, legte sich beide Hände auf den Bauch: „Jederzeit, junger Freund. Nur bitte jetzt nicht.“
Manne war Anfang zwanzig gewesen, als Schell, noch Schüler zu jener Zeit, ihn kennenlernte. Wie schon vor über zwanzig Jahren so ein gewisses Grinsen in seinen Augen typisch für ihn gewesen war, eine unergründliche Mischung aus listiger Durchtriebenheit und treuherziger Unschuld, so reizte wie damals schon seine merkwürdige, an die Popkultur der 1960er erinnernde Haarpracht, die ihm topfartig auf dem Kopf saß, auch heute noch zum Lachen.
Seine gedrungene Statur hatte mit den Jahren eine gewisse Behäbigkeit angenommen, die erstaunlicherweise aber seine geschmeidige Art sich zu bewegen durchaus nicht minderte; was wohl daher kam, dass er jeden Tag Kung Fu trainierte.
„Sag mal, Manne, wie hast du damals Schells Bureau überhaupt gefunden?“
„Um mich auf dem Laufenden zu halten, lasse ich mir von den Kindern hin und wieder zeigen, was sie gerade spielen. So habe ich von Matoxa gehört, vom Service of Intelligence, von Flysh und so weiter. Das sind spezielle Reality-Spiele, die miteinander zusammenhängen, und zwar indem sie alle eine Verbindung zu Schells Bureau haben. Was mir allerdings nicht aufgefallen wäre, da dieser Zusammenhang den Kindern anscheinend gar nicht bewusst ist. Sciffi hat mich darauf aufmerksam gemacht.“
„Der Reggae-Typ?“
Manne nickte. „Was für die Kids nur Spiele sind, ist für gewisse Leute was ganz anderes. Meint Sciffi.“
„Und das erzählst du mir erst jetzt?“
„Weil du gefragt hast. Weil ich mehr darüber auch noch nicht weiss. Weil Sciffi immer so auf ‘ner Meta-Ebene unterwegs ist. Versuch den mal auszuquetschen …“
Diesen Sciffi, auch wenn der hier des öfteren zu Gast war, kannte Schell nur flüchtig. Ein hagerer junger Rastafarianer mit langen Dreadlocks und dem Gesicht eines indischen Asketen. Ausser dass er einer Reggae-Band angehörte, wusste Schell lediglich, dass Manne gern mit ihm über Science Fiction fachsimpelte und dass seine Besuche meistens auch etwas mit Cannabis-Lieferungen zu tun hatten.
Reality-Spiele, die über Schells Bureau irgendwie miteinander verbunden waren?
Schell staunte vor sich hin. „Ich bin sowas von ahnungslos … Ob du’s mir glaubst oder nicht, Manne, ich weiss nicht einmal, was überhaupt Reality-Spiele sind.“
„Glaub ich dir. Glaube aber auch, dass du es nur deshalb nicht weisst, weil du es nicht wissen willst. Und womöglich gehört das dazu – zu dem level, meine ich, auf dem du spielst.“
Ich spiele nicht, dachte Schell, und sagte „Wie auch immer“.
Während er Beppo beim Hantieren an der Spülmaschine zusah, hatte er das Gefühl, wie nach langer Zeit zurückgekehrt zu sein. Das Ereignis erschien ihm in weite Ferne gerückt.
Wie angenehm es hier ist, dachte er. Wie zuhause.

Diese große Wohnküche im Hauptgebäude ist das Zentrum der Tankstelle. Die Räume dahinter bewohnen Barumiru, der Mechaniker, und Drita, seine Frau, sowie drei von den Jugendlichen, den sogenannten Schwererziehbaren. Im Obergeschoss wohnen Manne und Uschi mit den Kindern: dem gemeinsamen Töchterlein und den Söhnen von Uschi, sechzehn- und achtzehnjährig; deren Vater, ein Künstler, auch auf dem Gelände haust, in einer Garage, die er zum Atelier umfunktioniert hat. Des weiteren wohnen, auf die Nebengebäude verteilt, noch vier weitere junge Schwererziehbare auf der Tankstelle, sowie ausser Schell und dem erwähnten Beppo noch ein gewisser Raschid, Marokkaner, und eine Hippie-Dame, Lady Rainbow genannt. Zuletzt ist noch an jenen Gottfried Nolte zu erinnern, der einen der Wohnwägen auf der Wiese hinterm Schrottplatz bewohnt, sehr oft aber auf Reisen ist.
Abends in der Küche, auch wenn nur selten alle zum gemeinsamen Essen da sind, ist Chaos der Normalzustand, und sich darin zu entspannen, bedarf es überdurchschnittlicher Nervenstärke. Entsprechend hatte Schell, als er vor bald zwei Jahren hier eingetaucht war, eine Weile gebraucht, diese chaotische Geselligkeit schätzen zu lernen; nämlich bis er begriffen hatte, worum es hier eigentlich geht.
Nicht nur ist diese Tankstelle ein Unterschlupf für gesellschaftliche Randgestalten, sondern vor allem ein Ort, an dem es jenen „schwererziehbaren“ Jugendlichen möglich wird, sich selber soweit ernst zu nehmen, dass sie es schaffen, aus ihren Karrieren als Problemfälle auszusteigen und sich von der staatlichen Fürsorge abzunabeln. Niemand versucht sie hier zu erziehen, niemand stellt ihnen Bedingungen. Dafür, dass Manne und Uschi ihnen diesen Ort bieten, mietfrei, haben sie sich lediglich an das Toleranzgebot zu halten, und das ist, weil natürlich Streitigkeiten an der Tagesordnung sind, allen geläufig, diese einzige Regel nämlich: Jeder ist okay. Wer diese Regel missachtet, ist nicht okay und fliegt raus.
Schell vermutet, dass hier das Zusammenleben deshalb so gut läuft, weil die Wesensart, die Manne und Uschi gleichermaßen auszeichnet – sie sind zwanglos, großzügig, hilfsbereit –, irgendwie auf die ganze Tankstellengemeinde abfärbt. Weshalb vermutlich auch die Firma Mannes Taxi gut floriert. Denn besagte Wesensart scheint sich irgendwie auch den Geschäftspartnern, den Fahrern und den Kunden mitzuteilen. Irgendwie? Nein. Das Gesetz, nach dem das funktioniert, ist das Gesetz der Resonanz.
Ausser den vier Autos, die den regulären Taxibetrieb bestreiten, sind zwei Luxuslimousinen für Stammkunden im Einsatz, sowie das sogenannte Retro-Taxi, das Schell meistens fährt: ein gut erhaltener schwarzer Heckflossen-Mercedes aus den 1970ern, den Manne, als er noch im Haschisch-Handel tätig war, beim Pokern gewonnen hat. Und dass diese Flotte stets bestens in Schuss ist, verdankt sich dem Werkstatt-Team, bestehend aus Barumiru, einem unkomplizierten Alleskönner aus Rumänien, und Beppo, dem stummen Elektronik-Genie.
Zwar liesse der Betrieb sich ohne weiteres vergrößern, doch haben Manne und Uschi beide nicht die Neigung, sich zu überarbeiten, und sind der Meinung, was der Laden einbringt, reicht. Daher auch die Regelung, dass wenn sie die Arbeit im Büro satt haben, Funk und Telefon einfach umgestellt werden auf die Zentrale eines anderen, größeren Taxi-Unternehmens, über welche generell auch der Nacht-Service von Mannes Taxi läuft.

In der mit Gerätschaften für Krafttraining und Kampfsport ausgestatteten ehemaligen Lkw-Werkstatt, schlicht der „Schuppen“ genannt, war es kalt. Schell wärmte sich mit Seilspringen auf, bevor er sich die Hände bandagierte und am Sandsack weitermachte.
In jungen Jahren war er im Boxverein gewesen und die Grundlagen des klassischen Boxens hatte er noch intus. Doch bevor er damit vor kurzem wieder angefangen hatte, trainingshalber, hatte er rund fünfzehn Jahre gar nicht mehr geboxt, und insofern nahm er sich selbst als Kampfsportler nicht eigentlich ernst im Vergleich zu Manne und Nolte.
Nolte war Kickboxer und als solcher auf hohem Niveau, soweit Schell das beurteilen konnte, und für Manne war ja Kung Fu so etwas wie ein way of life. Beide – Nolte, wenn er nicht gerade verreist war – trainierten hier jeden Tag, und von den Jugendlichen konnten alle, die Lust dazu hatten, mittrainieren und sich gezielt auch etwas beibringen lassen.
Während Schell gegen Manne immer wieder gern ein Kämpfchen wagte, auch wenn klar war, dass er keine Chance hatte, je eins zu gewinnen, hätte er es nicht gewagt, Nolte herauszufordern. Wenn Manne sich das gelegentlich getraute, so nur deshalb, weil er sicher sein durfte, dass Nolte sich ihm gegenüber genauso zurückhielt, wie er seinerseits sich Schell gegenüber zurückhielt.
Als Manne in den Schuppen kam, pfiff Schell die Erkennungsmelodie jener alten Fernseh-Serie, durch die das Kung Fu in den 1970er Jahren der Jugend in den westlichen Ländern bekannt wurde; sein inzwischen übliches Zeichen, dass er auf einen Kampf aus war. Manne half ihm, die Boxhandschuhe zu verschnüren – er selber benutzte nie welche –, und los ging’s.
Eine Runde dauerte bei ihnen solange, bis Schell auf irgendeine Weise zu Boden ging oder vor lauter effektlosen Schlagkombinationen so ausgepumpt war, dass er aufgeben musste. Selten schaffte er mehr als drei Runden, und während ihm das alles abverlangte, was er an Kondition hatte, war Manne kaum mehr als eine etwas vertiefte Atmung anzumerken. Und wenn es ihm sogar gelang, den einen oder anderen Treffer zu landen, so war klar, dass Manne das nur zuliess, um ihn dadurch bei Laune zu halten. Hätte Schell also ernstlich einen Ehrgeiz gehabt, hätten diese Kämpfe ihn reichlich frustriert.
Als sie nach der ersten Runde pausierten, sagte Manne: „Ich werd aus dir nicht schlau, Alter. Du wirkst inzwischen so beherrscht. Als sei für dich der ganze Spuk mit Schells Bureau schon irgendwie vorüber. Mich, ehrlich gesagt, beschäftigt das tagtäglich.“
Schell nickte erstmal nur vor sich hin. Dann gab er zur Antwort: „Ich weiss nur, dass der Schell, den du hier ‘rumboxen siehst, der Taxifahrer, zu eingeschränkt ist, zu begrenzt, zu klein, um zu begreifen, was durch das Ereignis in Gang gekommen ist. Doch haben seine vergeblichen Versuche, es zu begreifen, zu einem Resultat geführt: Er hat sich an die Beschränktheit seines Verstandes gewöhnt. Das Nichtbegreifen ist für ihn nicht mehr der Ausnahmezustand, sondern Normalität. Eine etwas andere als seine bisherige Normalität. Es ist da eine Distanz entstanden, und das jedenfalls kann er dir verraten: diese Distanz macht echt einen Unterschied.“
„Verstehe. Er spricht von sich selber in der Dritten Person Singular, das heisst: sieht sich als jemand anderen.“
Identifiziert sich also nicht mehr mit dem Protagonisten seiner Story, dachten sie beide, ohne es auszusprechen – oder genau anders herum: ist mit diesem Protagonisten jetzt etwa erst recht identisch?
Schell schlug seine Handschuhe gegeneinander. „Komm, machen wir weiter!“
Diesmal vermochte er seine Konzentration ziemlich lange aufrechtzuerhalten, bis Manne ihn mit einem Fußfeger zu Fall brachte.
Während er sich von dieser zweiten Runde erholte, nutzte Manne die Pause für ein paar Muskeldehnungen und fragte schliesslich: „Reicht’s dir eigentlich gar nicht hier? Ich meine, wird dieses Frankfurt dir nicht langweilig? Man könnte sich vorstellen, dass du mal ‘ne Abwechslung vertragen könntest.“
„Verstehe ich, worauf du anspielst?“
„Du bist doch früher viel gereist. Jetzt bist du ewig nicht mehr weg gewesen. Ob es dir nicht gut täte, frage ich mich, dein Einsiedlerleben hier mal zu unterbrechen?“
Schell nickte. „Habe ich mich auch schon gefragt. Man bräuchte allerdings das Bedürfnis, ein gewisses Fernweh oder so. Wenn ich aber in den Himmel schaue, die vielen Flugzeuge sehe, mir die ganzen Leute vorstelle, wie sie überall Urlaub machen …“
„So gesehen, klar. Doch man kann ja auch noch anders verreisen.“
„Ach, Manne.“
„Denk einfach mal drüber nach. Und dass es jedenfalls nicht am Geld scheitern sollte. Uschi hatte nämlich die Idee: Lass uns dem Schell ‘ne Reise spendieren, und die Idee ist einfach gut, finde ich.“
„Blödsinn. Ich hätte genug Geld, um zu verreisen.“ Schell schlug eine Gerade in Richtung Mannes Kopf, so ansatzlos wie ihm nur irgend möglich, und Manne, mit einem Minimum an Bewegung, wich ihr aus und grinste. „Denk trotzdem drüber nach.“ Und damit widmeten sie sich der dritten Runde.

Schell, als er später mit dem Taxi unterwegs war, stellte sich die Erdkugel vor; rief sich die Kontinente vor Augen, die größten Gebirgsketten und Flüsse, die Umrisse von verschiedenen Ländern und Inseln, und liess seinen Blick aus der Vogelperspektive über Landschaften, Küsten und Städte schweifen, die ihn besonders interessierten. Von vielen Gegenden hatte er nur sehr vage oder auch gar keine Vorstellungen, und von sehr vielem, was er bildlich vor sich sah, wusste er sofort, dass es klischeehaft war, veraltet, beschönigt, aus Fotos und Filmen hervorgegangen, und garantiert nicht der gegenwärtigen Realität entsprach. So aber wie in meiner Vorstellung, dachte er, gefällt mir unser Globus ganz gut …

Als Uschi sich abends in der Küche zum Essen neben ihn setzte, deutete er ihren fragenden Blick so, dass er sagte: „Ich ziehe es in Erwägung. Denn mal wieder zu verreisen, warum nicht? Aber da ich ja Geld verdiene, wie ihr wisst, und meine Ausgaben minimal sind, habe ich genug, um eine Reise selber zu bezahlen.“
„Verstanden“, sagte Uschi. „Sehe dich sowieso nicht im Orient Express oder einem Palace Hotel; eher im Kaukasus bei irgendwelchen Ziegenhirten am Feuer.“
„Ja, das könnte mich schon reizen …“ Er schaute zu Beppo hinüber. Der saß da zwischen Barumiru und Drita wieder ganz normal beim Essen, und Schell staunte aufs neue.
„Unglaublich“, sagte er zu Uschi, „ich war die letzten Monate sowas von weggetreten, dass ich tatsächlich bis gestern Abend nicht bemerkt habe, dass Beppo inzwischen hier wie selbstverständlich mit am Tisch sitzt.“
„Na ja, noch nicht so ganz wie selbstverständlich. Du wirst schon mitbekommen, wie er manchmal, wenn’s ihm zuviel wird, so eine bestimmte Gebärde macht, um sich zu beruhigen, oder auch abrupt einfach verschwindet.“
„Meinst du das da?“
Beppo hatte sein Essbesteck niedergelegt und hob langsam beide Hände bis in Brusthöhe, und hielt sie ausgebreitet, die Innenflächen nach unten, so als würde er etwas großes rundes halten, einen Ball etwa, und ihr Zittern dabei wirkte wie durch eine Überanstrengung hervorgerufen.
Uschi sagte leise: „Er hat irgendwie gespürt, dass wir über ihn reden. Glaube ich zumindest. Und jetzt siehst du’s … Ich finde, er drückt damit aus: Alles too much.“
„Ja“, entgegnete Schell, ebenfalls leise, „als hätte er unserem Planeten die Hände aufgelegt, und die zittern deshalb so, weil die ganze Erdkugel dermaßen am Vibrieren ist.“
„Und er muss das alles halten …“
Dem geht’s wie mir, dachte Schell. Wenn ich an das Ereignis denke und mit einer einzigen Gebärde ausdrücken sollte, wie sich das anfühlt, käme nur diese, Beppo’s Gebärde, infrage.
Uschi: „Wenn er das macht, ist ihm gerade bewusst geworden, dass er es hier und jetzt mit uns allen zusammen nicht mehr lange aushält. Du wirst sehen, gleich verzieht er sich.“
Und so war’s.
Wie wenn Barrieren, dachte Schell, die man nie bemerkt hat, plötzlich wegfallen und sich so etwas wie eine Totalerfassung unaufhaltsam anbahnt. Nichts läuft mehr schön der Reihe nach, man muss alles gleichzeitig erfassen. Als hätte man alles auf einmal vor sich. Nichts gegen so eine große Zusammenschau, sofern man sie kontrollieren kann. Doch wenn sie unkontrolliert über einen hereinbricht?
Das war es ja, was Schell sich während der letzten Monate beigebracht hatte: sich von solchen Zuständen der Zusammenschau nicht überwältigen zu lassen, sondern jedesmal, wenn sie zu einem übergroßen Alles-auf-einmal anzuwachsen drohten, einen Schlusspunkt zu setzen, indem er sich auf das Machtwort konzentrierte. Könnte doch sein, dachte er, dass wenn Beppo dergleichen ähnlich so erlebt, seine Gebärde auch diese Funktion hat: ihn vor der Überwältigung zu schützen, vorm Durchknallen …

Rund um den langen Tisch voller Teller und Töpfe gingen wie immer Gespräche und Gewitzel durcheinander; niemand sonst schien von Beppo Notiz genommen zu haben, auch Drita nicht, neben der er gesessen hatte; die lebhaft die ganze Zeit zur anderen Seite hin auf Manne einredete, der ihr zuhörte und nur hin und wieder nickte. Wie Uschi erläuterte, versuchte Drita mal wieder, Manne für ihre Pläne zu begeistern, wie sie den kleinen Gemüsegarten, den sie auf dem Gelände hinterm Schrottplatz angelegt hatte, zu vergrößern gedachte. „Letztlich will sie ein Gewächshaus, glaube ich.“ Und Schell fand: „Gute Idee.“
Sie hatten fertig gegessen und Uschi, während sie sich eine Zigarette drehte, sagte: „Du guckst irgendwie so, weiss nicht … fragend. Als ob du dich die ganze Zeit wunderst.“
„Hm, ja … Manne zum Beispiel.“ Der alte Kiffer …
„Was ist mit dem?“
„Habe ihn den ganzen Abend noch gar keinen Joint rauchen sehen.“
„Weil er mit dem Kiffen aufgehört hat.“
Schell schaute sie groß an; dann zu Manne hinüber, sprachlos.
„Ach. Das hast du auch nicht mitgekriegt?“
Schell kopfschüttelnd: „Unglaublich.“
„Tja, Schell, die Sache mit dir, dieses Internet-Ding, was du das Ereignis genannt hast, das hat auch den Manne ganz schön durchgeschüttelt; und er ist davon immernoch ziemlich irritiert; fast schon paranoid manchmal.“
„O je. Dann ist jedenfalls gut, dass er nicht mehr kifft.“
„Kann man wohl sagen. Und du selber?“
„Ein Bier. Eins. Ist, was ich höchstens noch vertrage. Und mal ‘ne Zigarette vielleicht.“
Worauf sie ihm ihren Tabak rüberschob.
„Danke“, sagte er. „Und danke überhaupt.“
Sie winkte ab; zündete ihre Selbstgedrehte an, dann schaute sie suchend umher. „Hast du Rex gesehen?“
Rex! – Schell zutiefst bestürzt: Wann hatte er den guten alten Rex zum letztenmal bewusst wahrgenommen? Das musste Monate her sein! Er bückte sich, um unterm Tisch nachzusehen. „Rex … Ja, verdammt, wo ist der?“
Rex war eigentlich immer in der Küche, wenn hier was los war.
„Zu uns nach oben, die Treppe rauf, schafft er es inzwischen nicht mehr“, sagte Uschi, „und an manchen Abenden bleibt er neuerdings auch lieber drüben im Büro liegen.“
Also ging Schell da noch rüber, wenig später, bevor er sich in seine Bude zurückzog, und hörte auch gleich das wohlbekannte Geräusch, wie der greise Rex, auf der Seite liegend, mit dem Schwanz, statt zu wedeln, gemächlich auf den Boden klopfte. „Hey, Alter“, Schell ging in die Hocke, „bin von weit, weit weg wieder zurück“, und kraulte ihn bedächtig.

S.6

Wasser denk ich

Warum hier in Istanbul? Das ist die Frage, auf die ich mich zu konzentrieren versuche. Denke jedoch immer nur: Wasser; wieder und wieder, und zwar nur das Wort: Wasser.
Das Wort kommt mir vor wie das Tor zu einem Gedanken, der mir mit jeder Wiederholung dieses Wortes größer, umfassender, immer unfassbarer erscheint.
Ich liege bis zum Hals im Wasser, rücklings auf einer breiten gekachelten Stufe in einem großen Becken, und das Wasser ist so heiss, dass es dampft.
Ich kam ja schon sehr müde in dieses Türkische Bad, und jetzt, gründlich gereinigt, die Haut noch prickelnd nach einer rabiaten Bürstenmassage, bin ich dermaßen schläfrig, dass es auch sein könnte, ich träume hier nur, dass ich Wasser denke.
Und schrecke auf: Wo bin ich?
Jetzt habe ich wirklich geträumt, und zwar dass ich in einem Auto aufwache. Das stillsteht. Inmitten einer riesigen Herde blökender Schafe. Den Mann neben mir, den Fahrer, kenne ich. Will ihn etwas fragen. Ob das hier ein Wachtraum sei. Bekomme aber den Mund nicht auf. Er wirft mir einen Blick zu und streckt beide Zeigefinger aus; führt den einen an die Lippen – sag nichts! – und schreibt mit dem anderen in die Luft: etwas, das ich eben noch verstanden habe, jetzt aber, da ich erneut aufwache, nicht mehr verstehe.
Du liegst im Wasser, alles gut …
Wasser: es kommt dem, was ich meine, sehr nahe, ist aber nicht, was ich eigentlich meine … Oder doch, ja, es ist die stoffliche Entsprechung dessen, was ich meine, das sichtbare Gegenstück zu einem Unsichtbaren. Das heisst, wenn dieses Unsichtbare ein Aussehen hätte, ein physisches, sähe es wohl wie das Wasser aus … Doch nein, falsch gedacht! Nicht wie, es sieht nicht aus wie Wasser. Es nimmt in der stofflichen Welt diese Form an, es ist das Wasser, und als solches nimmt es alles auf, bewegt alles, ist in allem, was lebt, anwesend …
Na klar, was ich meine … Nur will es mir nicht einfallen. Egal, ob ich will, es will nicht. Und dafür hat es seine Gründe. Denn es ist nicht dumm. Und stärker als ich.

Halb träumend, halb bewusst sehe ich mich wieder auf die Bosporus-Brücke versetzt, gejagt von den zwei Mongolen auf dem Motorroller. Was war davor? Die Gedächtnislücke. Was verbirgt sie mir? Was darf ich nicht wissen?
Und wie weit kann ich gefahrlos zurück in meiner Erinnerung, um an den Punkt zu gelangen, wo beginnt, was ich nicht wissen darf?
Und was ist es, das mich daran hindert, mich zu erinnern?
„Intrusion Counterattack Equipment. I.C.E., von Kryptologen kurz Ice genannt.“
Ach, sieh an, da ist er wieder … Sie schon wieder, Ladenheuser? Jetzt bin ich mir aber sicher, dass ich träume. Allerdings höre ich nur Ihre Stimme.
„Gut. Wie es aussieht, ist der Traumkanal noch zu gebrauchen. Ob auch noch unmanipuliert, können wir aber nur hoffen. Allerdings bin ich nicht der, als der ich Ihnen erscheine. So wie Sie nicht der sind, Schell, der Sie zu sein glauben.“
Ich denke, ich weiss, was er meint. Mal bin ich dieser Schell, mal jener. Ich habe zwei Schells zur Auswahl.
„Auch drei von Ihnen reichen nicht, solange Sie glauben, Schell zu sein.“
Aber der bin ich nun mal …
„Sie werden sehen, es geht weiter.“
Wie war das? Intrusion
„… Counterattack Equipment. Eine autoaktive Software. Sehr aggressiv.“
Die diese Lücke in meiner Erinnerung verursacht? Software? Kaum zu glauben.
„Sie schottet einen Teil Ihrer Erinnerung vor Ihnen ab. Und zwar effektiv. Das ist Super-Ice, keine Chance, das zu knacken.“
Verstehe. Die Sache mit dem Zettel, mit der Kreissäge im Kopf … Bis ich ohnmächtig wurde. Und dann, noch schlimmer, die Dunkelheit und der Gestank …
„Und vorher? Fing es nicht damit an, dass auf Sie geschossen wurde? Sie erwähnten zwei Mongolen.“
Sie meinen, auch das war so ein Angriff von Ice?
„Ja, eine noch vergleichsweise harmlose Angriffsform. Sie müssen wissen: Jedesmal wenn Sie versuchen, in Ihre Erinnerungslücke einzudringen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dabei draufgehen. Dieses Ice soll Eindringlinge nicht nur abhalten, es ist darauf angelegt, sie zu vernichten; und mit jedem Versuch, es zu überwinden, lernt es dazu. Da es als Programm ja keine physischen Mittel hat, wird es Sie dazu bringen, sich selber auszuknipsen.“
Also sollte ich es lieber nicht noch einmal provozieren … Doch jetzt mal Klartext, Ladenheuser: Wie soll ich weitermachen, und mit was, wenn ich nicht weiss, warum ich hier bin? Worin besteht die Mission?
„Es gibt sie noch gar nicht. Sie haben Ihre Mission selbst zu bestimmen – sagte ich das nicht schon? Bringen Sie sich über die Runden, das dürfte zur Zeit genug Mission sein.“
Unmöglich also, in meine Gedächtnislücke einzudringen?
„Unmöglich, genau. Das müssen Sie akzeptieren.“
Das bedeutet, ich habe ohne einen Grund für mein Hiersein auszukommen …
„Zimmern Sie sich etwas zurecht, das zumindest vorläufig einen Sinn ergibt.“
Sehr witzig. Okay. Nur eines noch, Chef – Sie sagten: solange Sie glauben, Schell zu sein. Wer sollte ich sonst sein?, frage ich Sie.
„Nun, das ist jetzt die interessante Frage. Nur leider müssen wir ein andermal darauf zurückkommen, denn es wäre gut, wenn Sie jetzt wach würden – und bitte umgehend.“
Worauf ich es schaffe, meine Augenlider soweit aufzustemmen, dass ich in den Dampfschwaden vor mir zwei Gestalten erkenne, runde Schädel auf mächtigen Schultern, mongolische Gesichter: Ach nein, nicht die schon wieder, Sgyulus und Sprosbral
„Halluzination und Voreingenommenheit. Begreifen Sie das, Schell? – in Ihrer Sprache: Lug Imago und Maya Tongue.“
Sie halten jeder einen Dolch in der Hand und grinsen, und ich weiss, dass ich immernoch nicht aufgewacht bin. Sie nähern sich, durch das Wasser zwar gebremst, aber unaufhaltsam, und zwingen mich aufzuwachen …

Aus dem alten Byzanz wurde Konstantinopel, die zweite Metropole der frühen Christenheit, das Gegenzentrum zu Rom; über Jahrhunderte Schauplatz diverser Konzile, zu denen die Bischöfe zusammenkamen, um vor allem die Heilige Dreifaltigkeit zu diskutieren, denn die warf immer wieder die schwierigsten Fragen auf … Geht es darum? Ist die Trinität hier Thema? Soll ich mich etwa mit Glaubensfragen befassen? Hatte Ladenheuser deshalb Schelling ins Spiel gebracht?
Und schliesslich hatte er auf das Lug Imago und die Maya Tongue hingewiesen; hatte die mit Sgyulus und Sprosbral gleichgesetzt, mit Halluzination und Voreingenommenheit …
Na klar: Das Lug Imago lässt mich halluzinieren, die Maya Tongue macht mich voreingenommen.
Und drittens? Denn diese zwei – Prinzipien? Kräfte? Geistwesen? Was sind sie denn eigentlich? – gehören jedenfalls einer Dreiheit an, das heisst bilden zusammen mit der Nominah eine Triade. So nennen wir sie: Triade. Und die, würde ich sagen, steht doch wie gegensätzlich zur christlichen Trinität, ja ist geradezu das Gegenbild zu Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Was aber der Triade hier zu ihrer Vollständigkeit fehlt, ist das dritte Prinzip, die Nominah … Oder erkenne ich nur ihre Anwesenheit nicht?
Denk an Lavienta: wie dir da per Traumkanal das LA-Trio angekündigt wurde. Erstmal dachtest du an drei Leute aus Los Angeles. Bis sich herausstellte, dass das Trio aus Leila, Alonso und dir selbst bestand. Typisch Traumkanal, exakt wie jedes echte Orakel, nur exakt auf andere Weise als man zunächst denkt.
Wenn Sgyulus hier das Lug Imago verkörpert und Sprosbral die Maya Tongue, dann wäre die Triade vollständig, wenn die Nominah durch mich … Doch welchen Sinn ergäbe das? Wer oder was ist die Nominah? Welche Rolle spiele ich in dieser Gleichung?
Merk dir die Frage!
Dann wieder nur der Wassergedanke, das heisst ich bin wieder am Einschlafen.
Also beende ich das Bad. Lust, eine zu rauchen? Ja, schon wieder. Aber wo hier Zigaretten herkriegen? Egal, bräuchte jetzt sowieso eher eine Mahlzeit. Doch bin ich immernoch so müde, und bevor ich mich zu überhaupt etwas aufraffe, frage ich erstmal einen der jungen Angestellten: „Wo kann man sich hier, äh …“
„Hinlegen? Hier lang, Effendi …“

I.4

Bangot a la Bangor

Wie oft bin ich schon diese monumentale alte Steintreppe in das Vestibül hinaufgestiegen und habe da vor dieser hohen dunklen Tür gestanden? Oft genug, um mir sicher zu sein, dass es die Tür zum sogenannten Studierzimmer ist.
Doch bin ich hier immer nur eingetreten; kann mich nicht erinnern, je durch diese Tür auch hinausgegangen zu sein.
Es ist wichtig, so weiss ich inzwischen, dass ich, bevor ich erneut hier eintrete, mir klar mache, woher ich gerade komme.
Aus dem alten Bangor.
In der Rolle des Heimgekehrten … Abends … Ich war in einer Künstlerkneipe gewesen. War dort mit einer Japanerin ins Gespräch gekommen …
Sie hatte das Carlton Hotel erwähnt. Dass da eine Party stattfand. Für die man keine Einladung bräuchte. Es reichte, rechtzeitig davon zu hören. Dann musste ich auf Toilette. Wo ich Ureal entdeckte. Und als ich von dort wiederkam, war die Japanerin weg.
Was hatte sie veranlasst, mich auf die Party hinzuweisen? Da ich nichts besseres zu tun hatte, machte ich mich auf den Weg, es herauszufinden.
Das sollte zur Orientierung reichen, denke ich.
Jetzt will ich eintreten. Doch meine Hand, die nach der Türklinke greifen soll, gehorcht mir nicht.
Wie jedesmal vor dieser Tür, fällt mir auf, wie still es ist. Diesmal aber ist die Stille absolut. Unglaublich. Stille so still, dass alles stillsteht. Bin willentlich zu keiner körperlichen Regung fähig; stillgestellt.
Und wieder in Bangor. Wie festgehalten dort. Hier. Denn ich bin hier. Gegenwart. Doch wie ich bemerke, ist hier nun alles ureal. Ich bemerke, heisst das, was man normalerweise nicht bemerkt, und auch nicht bemerken soll: den Real-Effekt. Dass ich genauso real hier bin, wie auch dort. Gleichzeitig. Was man Bilokation nennt. Wie wenn einem im Traum plötzlich bewusst wird, dass man träumt; ein immer wieder besonderer, zum Lachen reizender und doch erhabener Moment.

Ich fand zum Carlton Hotel, doch nicht, soviel ich weiss, zu der besagten Party.
Dafür bin ich hier gelandet, vor der Tür zum Studierzimmer. Als Stichwort zur Erinnerung sage ich mir ureal und stelle mir vor, wie ich eintrete.
Und in meiner Vorstellung ist alles wie erwartet:
Der Geruch nach Schamanen-Tabak, der von dem Zigarrenstummel ausgeht, der da immernoch in der kleinen Steinschale auf dem Schreibtisch liegt … Dieser Geruch erinnert mich sofort an Forty Operas. Und beim Anblick der Schreibmaschine fällt mir ein, was letztesmal dort auf dem eingespannten Blatt gestanden hatte:
A2X27.
Das zu entschlüsseln, vergiss es, sagte ich mir. Diese Sorte Code lässt sich kryptologisch nicht erfassen. Nimm es auf und lass es sacken. Verdau es und gedulde dich. Es wird sich im Gedächtnis mit diesem und jenem verknüpfen, von selbst, und es wird, je nachdem wie und wo es wieder auftaucht, seine Bedeutung haben.
Der Zigarrenrest und dessen Duftspur sollte mir Hinweis sein, dass es Forty Operas gewesen war, der mir das auf dieses Blatt getippte A2X27 hinterlassen hatte. Müßig zu fragen, was das sollte. Es dürfte die Essenz dessen sein, was er mir zu überliefern hat.
Und weil ich davon ausgehe, dass er es war, Forty, der mir dieses Studierzimmer als neues Refugium eingerichtet hatte, komme ich mir hier nicht mehr wie ein Eindringling vor; auch wenn ich mich noch nicht hier wie zuhause fühle.
So stell ich’s mir in etwa vor.
Und vergiss das Stichwort nicht, wenn du da drinnen bist, ureal, das dich daran erinnern soll, wo du gerade herkommst.
Ich versuche erneut meine Hand zu bewegen.
Vergeblich. Immernoch der Stillstand.

Ich kenne das Carlton Hotel. Habe dort mal gewohnt vor langer Zeit, während meiner Ausbildung in Bangor. Als ich meine Lehrjahre im sogenannten Flyshwerk absolvierte. Ein riesiges altes Prachtgebäude, aber heruntergekommen; nicht mehr Hotel, eher eine Art Wohnheim. Hat mich immer an den Film Blade Runner erinnert: das Bradbury Building in dauernder Regennacht.
Im Gegensatz zu früher sieht jetzt alles nach normalem Hotelbetrieb aus. Ich frage an der Rezeption, ob es gerade irgendeine Festivität im Hause gäbe. Man weiss von keiner. „Und seit wann ist das hier wieder so ein schönes Hotel?“
„Oh. War es mal nicht so schön?“ Offenbar hat man die Frage nicht verstanden.
Also versuche ich einfach mal, das Zimmer zu finden, in dem ich damals wohnte. Doch verlaufe ich mich nur heillos in diesem Riesenbau, und wie gesagt, finde auch die angekündigte Party nicht. Auf die es mir aber auch gar nicht mehr ankommt. Dafür drängt sich mir immer stärker die Frage auf, was das eigentlich für Erinnerungen sind, an denen ich mich hier orientiere … Bis mir komisch zumute wird, weil ich merke, dass ich einen Irrweg gehe … in ein verdammtes Labyrinth geraten bin!
Überspringen wir die Einzelheiten. Die wiederholen sich bereits, und was abstrakt Endlosigkeit heisst, ist schon weitaus konkreter als überhaupt vorstellbar. Ich gehe und gehe, ohne irgendwo anzukommen; erkenne Zeichen, ja, und folge ihnen auch, doch keines führt zu dem, was es bedeutet, nur immer zum nächsten Zeichen, das sich dann auch nur wieder als bedeutungslos erweist.
Panik. Das ist Panik, wird mir bewusst, und ich bleibe stehen; schaue mir aufs genaueste meine Hände an und sage mir: Schluss jetzt. Du träumst. Wach auf!
Leider funktioniert das nicht. Dieses Ding ist viel konsistenter als jeder Traum, den ich je hatte. Trotzdem. Denn was käme sonst infrage? Die Wirkung einer halluzinogenen Droge. Die man mir allerdings, da ich keine Dogen nehme, heimlich verabreicht haben müsste. Sowas kann vorkommen. Und da fällt mir die Japanerin ein. Und da nehme ich in einiger Entfernung vor mir eine Bewegung wahr. Da hinten, am Ende dieses matt beleuchteten Flures – das ist sie! Sehe sie nur einen kurzen Moment lang, aber deutlich genug. Wie sie gerade in einen der alten Aufzüge schlüpft.
Der Aufzug hat sich nach unten bewegt, und nachdem ich den einzig vorhandenen Knopf gedrückt habe, dauert es ziemlich lange, bis er hier oben wieder ankommt, leer, und ich endlich einsteigen und hinabfahren kann. Ganz einfach. Und da ich ja nicht abergläubisch bin und doch auf Nummer Sicher gehen will – denn noch immer ist mir mehr als unheimlich zumute –, halte ich die Augen geschlossen, um, bis ich wieder unten bin, in den Wandspiegeln nicht etwa eine böse Überraschung zu erleben.
Die Lobby unverändert. Dieselbe Rezeption, an der ich mich vorhin nach der Party erkundigt hatte. Wenig Betrieb, nichts auffälliges, und keine Japanerin weit und breit. Nur an mir selbst fällt mir etwas auf: Wachsamkeit; und dass ich schärfer als gewohnt wahrnehme.
Ich schaue auf die Uhr. Kaum Zeit vergangen. Erst kurz nach zehn. Trotzdem, irgendetwas bedeutsames ist vor sich gegangen, während ich da oben herumgeirrt bin; etwas, dessentwegen ich vorübergehend ausgeschaltet war, das heisst etwas, wovon mich das Labyrinth perfekt abgeschirmt hat. Und nicht etwa, dass ich das nur vermute – ich weiss es. Woher, weiss ich allerdings nicht, ebensowenig was da geschehen ist. Was ich habe, ist der bloße Umriss eines Wissens. Das reicht aber, um mich zu fragen, als ich an dem Ständer mit touristischen Gratis-Broschüren vorbeikomme: Bin ich überhaupt in Bangor?
Ich greife mir einen dieser kleinen Stadtpläne, in denen die Sehenswürdigkeiten angezeigt sind, und tatsächlich: betitelt ist der nicht mit Bangor, sondern mit Bangot.
Interessant. Nicht ganz das alte Bangor, nicht das echte. Nur dem sehr ähnlich. Nicht das selbe also, nur das gleiche. Daher dieses Gefühl der Befremdung, das ich hier die ganze Zeit verspüre. Seit vorhin auf der Toilette, wo ich Ureal entdeckte, u real … So wie dieses Carlton zwar eindeutig das Carlton ist, und doch nicht jenes, das hier stand, als ich damals darin wohnte … Interessant? Nun ja, mindestens. Eine Anomalie, ein Unding. Und deswegen bin ich überhaupt hier: diesem Unding auf den Grund zu gehen.
Ich stecke mir das Stadtplänchen ein, schlendere durch die Drehtür nach draussen und atme durch, zutiefst erleichtert, und fühl mich nach der überstandenen Gefahr hellwach, ein bisschen gar wie neu geboren.

So wie ich das Carlton Hotel gleich wiedererkannte, und zuvor auch schon jenes Künstlercafe, das Shwimm’s, wo ich zu Abend gegessen und mich mit der Japanerin unterhalten hatte, so erkenne ich, auch jetzt bei Nacht, die ganze Stadt wieder. Nur dass die Straßen, scheint mir, heller beleuchtet sind und viel mehr los ist als früher.
Es regnet nicht, ist sommerlich, der Wind eher mild. Im alten Bangor regnete es immer – na ja, meistens, zumindest doch sehr oft; und auch im Sommer war der Wind nie mild, immer ungemütlich, zerrend. Das war das Typische an Bangor, die nasse Kälte, die scharfen salzigen Böen, das Möwengeschrei; dass man nie vergaß, an welch rauer Küste, wie weit draussen man hier lebte, wie sehr dem Nordmeer ausgesetzt, und wochenlangem Nebel, einer Düsternis, die stark auf die Gemüter wirkte.
All das ist irgendwie geglättet, stell ich fest. Dieses Bangot, obgleich immernoch Hafenstadt, immernoch bestehend aus klotzigen dunklen Mauern, hat etwas Fassadenhaftes, Scheinbares, und obwohl alles noch da ist, was es im alten Bangor gab, ist mein Verdacht der, dass nichts mehr davon da ist.
Schon bin ich auf dem Weg zum Flyshwerk, denn das natürlich interessiert mich hier am meisten; doch jetzt, bei Nacht? Mir stecken die Schrecken des Labyrinths noch in den Knochen und ich beschliesse: Lieber bei Tageslicht. Ich biege rechts ein. Diese Gasse kenne ich gut, hier geht’s hinunter zu den Grachten. Immernoch, wie damals auch, sieht dieses enge schummrige Viertel wie Amsterdam aus. Noch ein paar Ecken weiter, an dem Kopfsteinpflastersträßchen am Ufer dieser Gracht da unten, dort müsste es sein … Hiess damals Morituri; ein Antiquariat, in dem ich eine Zeitlang fast täglich ein und aus ging … Ob da immernoch ein Antiquariat ist?
Schon damals wurde man oft in den Gassen dieser Gegend von lungernden Gestalten angepfiffen oder angezischt, oder halblaut angesprochen, so wie jetzt: „Beau Sire verzeihen, darf’s sein eine affaire?“
Ich stocke – diese Stimme, kenne ich die nicht? Von der Gestalt in dem dunklen Hauseingang ist kaum mehr als ihr Umriss zu erkennen. Geh weiter, sage ich mir, sowas endet in der Regel ungut, denn um was geht’s schon, wenn nicht um Drogen oder Sex?
„Schlank oder üppig? Blond oder schwarz? Oder rothaarig? Oder kahlgeschoren? Schön blank rasiert?“ Worauf ich staune: der Typ spricht völlig akzentfrei meine Sprache. Und mir fällt ein, wie ich genau darüber schon einmal gestaunt habe – und in dem Moment weiss ich, wer er ist.
„Zierlich“, sage ich, „ist die Frau, die ich suche. Zierlich und fein. Japanisch. Und nicht mehr ganz jung.“
„Verstehe, Sire. Die berühmte alte Namenlose aus Fernost.“
„Genau die. Hab sie was zu fragen.“
„Aha. Der Detektiv.“
„Forscher, würde ich eher sagen. Und du, Flyrie, was suchst du hier?“
„Was zu tun. Neue Aufgaben. Anknüpfungspunkte. Die Lage hat sich ziemlich stark verändert, wie du wahrscheinlich weisst.“
„Habe nur ein paar Gerüchte gehört. Eines zum Beispiel, demzufolge du in Istanbul im Knast säßest.“
„Ach ja, das … Klar, und jetzt fragst du dich, was sich natürlich alle fragen müssen: Mit wem ich wohl welchen Deal eingegangen bin, um da wieder rauszukommen.“
„Und wenn ich dieser Frage widerstehe? Den ganzen Geheimdienstkram einfach mal beiseite lasse?“ Ich halte ihm meine Rechte hin und er schlägt ein. „Dann haben wir ‘ne Basis“, sagt er.
Monton Flyrie ist ein Freerunner, das heisst mal mehr, mal weniger im Service of Intelligence. „Zur Zeit mehr? Oder weniger?“ frage ich. Er weiss, was ich meine, und sagt: „Zur Zeit ist weniger mal wieder mehr.“
Bei Begegnungen mit Typen wie ihm hat alles Bedeutung; so auch, dass er mich genau hier abgepasst hat, auf dem Weg zum Antiquariat. Das lässt mich nämlich an die Bücher denken, nach denen er studiert hat; die er mich wie per Zufall einmal finden liess, in einem sumpfigen Rückzugsgebiet für Schmuggler und Alligatoren; um mich auf die Probe zu stellen – ob ich kapieren würde, welcher speziellen uralten Tradition er entstammt. Seitdem vertraue ich ihm; lege immer ein gutes Wort für ihn ein, auch wenn manchmal aller Anschein gegen ihn spricht; manchmal so sehr gegen ihn, dass ich schon mehrmals zu befürchten hatte, von ihm enttäuscht zu werden.
Dass er es für nötig hält, mir seine Tradition in Erinnerung zu bringen und damit an mein Vertrauen zu appellieren, beunruhigt mich. In der nächstgelegenen Rotlicht-Bar klemmen wir uns auf ein Bier in die hinterste Ecke.
Flyrie trägt ein schwarzes Lederjacket und reichlich Goldschmuck, und auch in dieser Verkleidung hat er etwas Vornehmes an sich. Ob er als Rasta-Hippie auftritt, als Geschäftsmann oder Intellektueller, oder wie jetzt als Zuhälter, immer ist er der schwarze Prinz, der Hochgeborene, der von Natur aus über allem drübersteht.
„Mal die Heimat besucht in letzter Zeit?“ frage ich.
Er schüttelt nur den Kopf, und das dürfte heissen, er steht in Jamaika immernoch auf der Fahndungsliste der Polizei.
Da uns beiden die hiesigen Verhältnisse in puncto Überwachung noch nicht geläufig sind, reden wir vorsichtshalber Krypt; sodass jeder Aussenstehende, der uns zuhören würde, den Eindruck hätte, da quatschen einfach zwei angesäuselte Typen belangloses Zeug. Es ergäbe daher keinen Sinn, das Gespräch, das ich mit Flyrie führte, wiederzugeben. Nur soviel: es drehte sich um den sogenannten Liebestod, eine verworrene Kriminalsache, die sich im alten Bangor abgespielt hatte, gegen Ende meiner dortigen Lehrlingszeit.
Die lokalen Medien nannten es damals den Carlton-Fall und ergingen sich wochenlang über dessen besondere Rätselhaftigkeit, solcherart, dass auch die süchtigsten der vielen krimisüchtigen Bangorianer froh waren, als endlich die Polizei genug davon hatte und die Carlton-Akte unter unaufklärbar im Archiv versenkte. Erst recht froh darüber waren jene wie ich, die man, nur weil sie im Carlton wohnten, als potentiell in den Fall Verwickelte betrachtete.
Das Ganze war unangenehm gewesen, und ist heute, Jahrzehnte später, immernoch unangenehm. Das Mysteriöse, Unaufklärbare daran hat nicht nur etwas Bodenloses an sich, das mir Schwindel verursacht, auch etwas sehr Übles, Finsteres, das ich gar nicht ausloten mag. Daher wende ich mich dieser Sache überhaupt nur zu, wenn es unumgänglich wird, und nenne sie anstatt Liebestod eher den Carlton-Fall, das kling harmloser. Unumgänglich, mich dem zuzuwenden, wird es immer dann, wenn mir Detective Brains begegnet.
Brains war der Spezialist, den man damals von ausserhalb hinzugezogen hatte, als die Polizei von Bangor nicht mehr weiterwusste. Man kann sich denken, wie erleichtert die örtlichen Ermittler waren, als auch dieser Spezialbulle es nicht vermochte, den Fall zu lösen. Ein Irrtum allerdings, zu glauben, Brains habe damals das Handtuch geworfen. Ich kenne ihn inzwischen gut genug, der wirft niemals das Handtuch. Je kniffliger ein Fall, je geringer die Aussicht, ihn zu lösen, umso zäher bleibt er dran. Er ist damals nur abgereist, weil es vor Ort nichts mehr in der Sache zu ermitteln gab; nur um, wie ich heute weiss, seine Jagd woanders fortzusetzen.
Deshalb, weil jener Fall ungelöst blieb, bin ich ihn nie losgeworden, diesen Detective Brains. Dass er sich ausgerechnet eine so finstere Angelegenheit wie das Rätsel Liebestod zu seinem Hobby gemacht hat – oder sollte ich sagen: davon besessen ist? –, entspricht seinem pessimistischen, ja depressiven Charakter. Er ist durch und durch Kriminalist, stets geneigt, alles als Hinweis auf etwas Geheimgehaltenes zu deuten, auf etwas, dass es dringend ans Licht zu bringen gilt. Ein Wahrheitsfanatiker, könnte man sagen; der deshalb dauernd so resigniert erscheint, weil sich auf seinem Weg natürlich nur immer mehr und mehr auftut von dem, was unbedingt im Dunkeln bleiben will.
Solange er in irgendeinem Fall ermittelt, macht er niemals Pause. Sobald ein Fall abgeschlossen ist, übernimmt er den nächsten; und da er immer an mehreren Fällen gleichzeitig arbeitet, und ja auch noch, falls mal nichts los ist, seine ungelösten Fälle hat, plus sein Hobby, den ewigen Carlton-Fall, ist so gut wie ausgeschlossen, dass er irgendwann mal Pause machen muss. Denn für Brains ist Verbrecher zu jagen kein Job, und er sieht das auch nicht sportlich, sonst könnte er sich ja auch mal geschlagen geben; nein, die Bekämpfung des Verbrechens ist für ihn existentiell, an ihr hängt seine Daseinsberechtigung, sie ist sein Lebenselixier. Und klar, dass man geneigt ist, ihn, weil er einem lästig fällt, wenn man wie ich zum Kreis der permanent von ihm Verdächtigten gehört, als krank einzustufen. Das aber, denke ich, wäre ein Vorurteil, und allzu billig.

Flyrie gähnt und ich ebenso. Dabei ist mir gar nicht nach gähnen. Zwar ist Konzentration erforderlich, wenn man brisante Mitteilungen in Belanglosigkeiten zu verpacken hat, doch bin ich davon gerade alles andere als ermüdet, ja bin, ganz entgegen des Eindrucks eines potentiellen Zuhörers, der wahrscheinlich vor Langeweile längst eingenickt wäre, sogar höchst alarmiert. Mir hätte das, was ich da an Einzelheiten über den Carlton-Fall erfahren habe, schon gereicht; zum Beispiel der Grund, warum ich vorhin die Party nicht finden konnte: weil sie gar nicht hier und heute in Bangot stattgefunden hatte, sondern in Bangor, damals … Wie soll ich so eine Zeit-Raum-Verschiebung mit meinem simplen Realitätskonzept in Einklang bringen?
Aber das ist ja fast nebensächlich, verglichen mit dem Grund, weshalb plötzlich diese Einzelheiten – und noch viele andere – überhaupt ans Licht gekommen sind: weil irgendwo etwas passiert ist, das anscheinend Auswirkungen auf das Gesamte hat, aufs Ganze des Real-Gefüges; Effekte solcherart, dass viel bisher Geheimes, Unbekanntes, auf einmal offenbar ist, und dass Verhältnisse, die bis heute unbezweifelt gültig waren, plötzlich wie umgedreht erscheinen.
Jetzt wundert mich auch gar nicht mehr die Schwierigkeit, die ich damit habe, ins Studierzimmer einzutreten.
„Genug für heute“, sage ich. „Sehen wir uns morgen? Ich habe vor, das Flyshwerk zu besuchen. Laut Stadtplan gibt’s das noch.“
„O ja, ist inzwischen ein Museum; die große Attraktion von Bangot.“
Wir verabreden uns auf zehn Uhr am Haupteingang und sagen Gute Nacht.
Ist von der Bar nicht weit zum Sträßchen unten an der Gracht; und in der Tat, da ist es noch, das Antiquariat, nur heisst es nicht mehr Morituri, sondern Nautilus. So, so, denk ich, jetzt also eine Filiale. Denn Nautilus, so heisst die Kette, die unter dem Slogan Unverwechselbar! weltweit die Antiquariate kontrolliert; gehört der Moonrow, einem großen Medienkonzern; und der, soviel ich weiss, ist Teil des deadler/bloom-Netzwerks.
Im Schaufester natürlich alte Bücher, golden beleuchtet, authentisch angestaubt, und dahinter – wo früher eine schmucklose Höhle aus Wissen sich entmutigend ins schiere Endlos wölbte – ein gediegenes Interieur, Teppiche und dunkles Holz, gedimmte Lampen, einladende Sessel, eine kostbare Kaffeemaschine. Die Schmökerstube schlechthin, regelgerecht wie aus dem Bilderbuch. Ja, denke ich, das ist Bangot in Miniatur, ein hyperrestauriertes altes Bangor, und trotte leicht wehmütig davon.
Jetzt will ich nur noch schlafen, und suche also die kleine Pension am Hafen auf, in der ich schon, als ich am frühen Abend angekommen war, Quartier bezogen hatte. Wo ich beim Aufwachen, so hoffe ich, das Geschrei der Möwen hören werde.

Nach der Erzählung, wie ich Ureal entdeckte, war eigentlich geplant, den Begriff Das Reich zu klären, weil der eng mit dem zusammenhängt, was ureal bedeutet. Beides erst erhellt, was Flysh ist, und das wiederum erhellt, was alles den Umkreis der Real-Technik zum Gesamtzusammenhang verknüpft.
Was hat mich abgelenkt vom Reich? Nichts; ich habe es die ganze Zeit im Hinterkopf. Doch da mir das Refugium Studierzimmer den weitesten Überblick bietet und es also der am besten geeignete Ort zu sein scheint, den Reichsbegriff zu klären, wollte ich da hinein; und fand ja auch die richtige Tür; nur war es nun mal nötig, um sie zu öffnen, vorher diese kleine Exkursion nach Bangor zu unternehmen, die deshalb etwas länger wurde, weil was ich fand, ja gar nicht Bangor war, sondern Bangot. Wo ich auf Ureal gestoßen war und dann entdeckte, dass der Ort, an den ich mich erinnere, einem seltsam pseudo-identischen Ort gewichen ist; der sich quasi im Handumdrehen aufsuchen lässt, während man damals, um Bangor zu erreichen, eine lange Reise unternehmen musste.
Das alles bringt mich etwas durcheinander, zugegeben; jedoch ganz klar daran ist, dass es schon sehr viel mit dem sogenannten Reich zu tun hat und dass insofern diese Bangor/Bangot-Exkursion durchaus kein Umweg war.
Wie scherzt man doch so treffend? Das Ziel ist im Weg. Oder James Joyce etwas umständlicher: Der längste Umweg ist der kürzeste nachhause. Bringt jedenfalls auf den Punkt, was uns der alte Homer von Odysseus erzählt: dass seine Irrfahrt sowohl ein Umweg, als auch kein Umweg war.

S.7

Darum am Bosporus

Nach dem heissen Bad habe ich, bequem gelagert in einer kühlen stillen Marmorhalle, ungestört geschlummert. Nun, mit nur einem Tuch um die Lenden, frage ich den für mich zuständigen Jungen nach meiner Kleidung. Er habe sie zur Reinigung gebracht, sagt er, denn das sei dringend nötig gewesen.
„Und was in den Taschen war? Mein Geld zum Beispiel?“
Da könne ich ganz unbesorgt sein, versichert er mit und eilt davon.
Dann, als er mir wenig später den Anzug bringt, muss ich allerdings feststellen: „Das ist nicht meiner.“
„Nicht? O weh.“
Ich durchsuche die Taschen. „Nichts drin. Auch das Hemd ist übrigens nicht meins, und diese Unterwäsche schon gar nicht.“
„Ein Versehen. Eine Verwechslung. Warten Sie bitte, Effendi!“
Ich schaue an meiner Nacktheit herunter. „Ja, ich warte.“
Wenig später taucht der Patron auf. „Ein Schlamassel! Sowas ist noch nie passiert! Hier, bitte, ziehen Sie vorerst diesen Kaftan über und kommen Sie mit, alles wird sich klären.“
Ein sympathischer rundlicher Herr, der Patron, mit beachtlichem Schnurrbart. Ich folge ihm aus dem Badehaus einige Treppen hinab in einen Bazar; vom Eisenwaren- in den Elektro- bis in den Elektronikbereich; in einen winzigen Laden und dort in den durch eine Wand aus Kartons vom vorderen Verkaufsbereich getrennten hinteren Raum; wo er mich auf einen Hocker platziert, mir Tee bringen lässt und verschwindet.
Der Raum ist Warenlager und Büro in einem; fensterlos; beleuchtet von diversen orientalischen Wunderlampen. Keine Ahnung, was die Tageszeit betrifft. Es ist jedenfalls ziemlich warm. Was an Geld hatte ich noch gehabt? Drei-, viertausend Euro, schätze ich, oder fünf? Oder sechstausend, wer weiss. Was aus den Taschen dieses speziellen Anzugs zutage kam, hat mich immer wieder überrascht. Denkbar ist, dass jemand in der Wäscherei erkannt hat, dass man es mit einem Exoot zu tun hat, jemand, der weiss, was so ein Ding wert ist … Wobei mich doch stark wundert, dass ich auch jetzt, ohne den Exoot, mich mühelos mit den Leuten hier verständigen kann; dabei dachte ich, das Beherrschen von Real Speak sei von diesem Anzug abhängig … Heisst das also, ich brauche ihn gar nicht mehr unbedingt?
Hin und wieder schaut der Patron herein und bittet um noch ein bisschen Geduld.
Denkbar, dass ich den Exoot loswerden sollte … Denkbar, dass die Sache gelenkt wird. Immerhin habe ich über die Hongkong-Nummer das Notfallprogramm aktiviert; habe damit Kontakt zu Kick Kimura aufgenommen. Kimura ist der Spezialist fürs Ausweglose. Der unangefochtene Meister im Abhauen. Es heisst, ihm sei es sogar mal gelungen, aus einer extraterrestrischen Strafkolonie zu entkommen.
Ich höre den Patron telefonieren, zunehmend laut und aufgebracht. Spielt er mir was vor?
Apropos, spielst du nicht selber hier Theater? Und in der Tat wird mir bewusst, dass ich mich eigentlich die ganze Zeit beobachtet fühle. Als führte ich vor einem unsichtbaren Publikum ein Stück auf.

Schliesslich gibt sich der Patron geschlagen.
„Alles weg?“, frage ich. Er nickt, und wirkt ehrlich bestürzt; murmelt wieder und wieder zerknirscht: „O Schande, Schande …“ Und ich, zu meiner Überraschung, muss mich beherrschen, dass ich bloß nicht anfange zu grinsen.
Sei Maske, Gesicht!
„Mein Pass? Ist dann ja wohl auch weg. Und mein Geld, o je.“
„Das natürlich wird Ihnen ersetzt, mein Herr!“
„Das wäre schön.“
„Sie sehen mich untröstlich, schlimm erschüttert. Wie kann ich Sie entschädigen?“
Soll ich ihm erklären, was mir da abhanden gekommen ist? Was ein Exoot ist?
„Erstmal würde ich gerne einen Happen essen.“
Eifrig bereitet mir der Patron auf einem Stapel von Teppichen einen angenehmen Sitzplatz und es dauert nicht lang, da setzen zwei höfliche Jungen mir auf einem niedrigen Tischchen lauter Speisen vor, die allesamt sehr gut schmecken.
Der Patron ist wieder verschwunden. Ich betrachte vor mich hin mampfend die Wand gegenüber. Sie besteht aus bunten Plakaten, die für Cyber-Spiele werben. Eines davon fasziniert mich. Es hat etwa die Größe einer Tür und wirkt täuschend dreidimensional: ein riesiges archaisches Gesicht, wie aus dunkelgrauem Stein gehauen. Keine Emotion darin, nur Distanz, eine krasse zeitliche Ferne, Fremdheit. Doch was unter den halb geschlossenen Augenlidern hervorschimmert, ist ein sehr konkreter Blick, sodass mir ist, als würde ich angeschaut; als sei dieses Steingesicht eine Maske. Darüber eine Dunkelheit, in der, wie von Fackeln beleuchtet, verschlungene Ornamente den Titel des Produktes bilden: AZUMA MAROONED.

Der Patron und seine Gehilfen legen mir eine Reihe von teuren, nagelneuen Anzügen vor, bis ich abwinke und höflich den Wunsch äussere, mich selber im Bazar nach Kleidung umzusehen. Worauf mich einer der Gehilfen in den Textil-Sektor führt, wo ich mir zusammensuche, was ich brauche. Dann, neu eingekleidet, setz ich mich mit dem Patron zusammen, um nun den schwierigeren Teil der Angelegenheit zu klären. Ob ihn die Bargeldsumme von viertausend Euro schockiert? Keineswegs, wie sich herausstellt; vielmehr zeigt er sich zuhöchst erleichtert, dass nicht auch noch Kreditkarten zu ersetzen sind.
„Und Sie hatten gar kein Handy?“ Er kann es kaum glauben.
„Aber einen Reisepass. Und da ich die deutsche Botschaft nicht in Anspruch nehmen möchte …“
Worauf er schmerzlich das Gesicht verzieht. „Ein Pass kostet Sie hierzulande Minimum vier Riesen; und für Spitzenqualität kann ich Ihnen nur“ – er reicht mir ein Visitenkärtchen – „diesen Gentleman empfehlen.“
„Besten Dank.“
„Achttausend also, wäre das in Ihrem Sinne?“
Ich nicke, und sichtlich fällt ihm da ein Stein vom Herzen. „Ach, Effendi! Was habe ich ein Glück, dass Sie ein so verständiger Mann sind!“ Worauf ich lächelnd eine abwehrende Geste mache.
Was spielen wir hier?
Der eine Gehilfe wird losgeschickt, das Geld zu holen, der andere bringt Kaffee und eine Shisha. Doch offenbar meint der Patron, mein Verlust sei noch nicht ausreichend kompensiert, oder sein Ansehen als der Verantwortliche noch nicht voll wiederhergestellt, jedenfalls möchte er mir unbedingt noch etwas schenken.
„Bitte –“ mit einer Kreisbewegung, die sein gesamtes Warenangebot umfasst, „suchen Sie sich etwas aus!“
Mich zu weigern, denk ich mir, würde ihn beleidigen. Ich sage: „Sehr freundlich, mein Herr. Aber all die Mühe, die Sie sich meinetwegen machen, die Kosten und so weiter, will sagen: ich bin doch bloß ein Fremder auf der Durchreise …“
Er nickt. „Und ich bin hier geboren. Lebe hier. Alle in diesem Viertel kennen mich, alle hier sind letztlich meine Leute. Wie ich mich auf die verlasse, so verlassen die sich auf mich. In meinem Laden wird niemand betrogen und in meinem Hamam niemand bestohlen, und wenn doch, habe ich das zu bereinigen. Denn glauben Sie mir, nichts bleibt hier unbemerkt.“
„Verstehe.“ Ich zeige auf jenes Plakat, auf das Steingesicht. „Azuma marooned, wenn Sie von diesem Spiel noch eins haben …“
„Oh, leider nein. Das ist veraltet, und auch noch nicht recycelt, noch nicht Klassiker genug; derzeit gar nicht mehr erhältlich leider. Wie bedauerlich …“ Er zögert kurz. Dann steht er auf, macht mir ein Zeichen, ihm zu folgen, und siehe da, dieses Plakat erweist sich als die Tarnung einer Tür.
„Kram,“ sagt er und knipst ein Licht an, „der nicht mehr viele interessiert. Mein kleines Antiquariat.“
Eine enge Abstellkammer, deren Wände aus Regalen bestehen, vollgestopft mit alten Computerspielen, DVDs und Videocassetten. Action, Horror, Porno.
Der Patron deutet auf einen dicken Stapel Sex-Magazine: „Die legendäre Busen-Serie.“ Ich blicke ihn fragend an und er setzt hinzu: „Vollständig. Die komplette Serie.“ Eigentlich meinte ich: Es gibt legendäre Tittenheftchen? Aber schon hat mich in Bann gezogen, was daneben auf einem weiteren Stapel alter Magazine liegt: eine Ausgabe der Zeitschrift SubNews.
Ich nehme sie vorsichtig in die Hand. Kann die echt sein? Doch kein Zweifel, da steht es rot auf schwarz: SubNews. Ein Heft von April 1992. Unglaublich – dachte ich doch immer, dieses Magazin existiere nur in der Fiktion.
„Keine Ahnung, was das ist,“ sagt der Patron. „Chinesisch wahrscheinlich.“
„Japanisch. Kanji.“
„Sie können das lesen? Japanisch?“
Ich lasse mir nicht anmerken, wie sehr mich das selber überrascht; sage nur „Ja“ und überfliege, was da noch in Kanji-Schrift auf dem Titelblatt steht, die Themen dieser Ausgabe: Der Hongkong Mystery Effekt869 Konstantinopel
Das soll von 1992 sein? Aktueller geht’s ja kaum! Und dann: Die Schwarm-Maschine … Ich halte inne. War da nicht mal was?
Da war was … Schwarm-Maschine, wurde so nicht jenes uralte Ding genannt, das man für eine Art Projektor hielt? Und plötzlich steigt ein Verdacht in mir auf: Darum Istanbul … Vielleicht war ich schon mal hier. Bin an irgendwas gescheitert. Sodass hier etwas unerledigt geblieben ist, etwas wichtiges … Und dass ich zufällig in diesem Kabuff jetzt darauf stoße, ist kein Zufall, sondern natürlich Fügung, oder besser: Lenkung. Und das ist mir plötzlich sowas von klar! Und ich weiss auch, warum: Das Real-Gefüge ist nicht mehr, was es gestern noch war. Es erneuert sich, passt sich an … An was?
„Wissen Sie, ich kenne diese Zeitschrift von früher“; in beiläufigstem Tonfall; „wusste nur gar nicht, dass die auch mal in Japan herauskam. Darf ich sie mitnehmen?“
„Aber gern! Und vielleicht noch ein paar Chuck Norris-Videos?“
„Nicht doch! Nein!“ Wir lachen. Dann er mit einem Ruck zur Tür: „Moment –“.
Er horcht; flüstert hastig: „Bleiben Sie ganz ruhig“; knipst das Licht aus, schlüpft hinaus, zieht die Tür hinter sich zu.
Das nenne ich eine Falle. Diese stockfinstere Gruft ein einziger Speicher von Sex, Horror und Gewalt. Und was eindeutig hier drinnen fehlt, ist Sauerstoff – und der naheliegende Schreck durchfährt mich: Ice! – Aber habe ich denn versucht, in meine Gedächtnislücke einzudringen? Reg dich ab, sage ich mir.
Zwei Pünktchen Licht, da wo die Tür sein müsste, in Augenhöhe. Ich trete an eines der beiden nahe heran. Eine Glaslinse; genau da, wo sich in dem steinernen Gesicht auf der anderen Seite der Tür die Pupille des linken Auges befinden müsste. Sodass ich klare Sicht auf die Szene habe:
Der Patron steht zwei Männern gegenüber, die von der Mafia genauso gut wie vom Geheimdienst sein könnten. Keine Mongolen; auch keine Pseudomongolen. Türken. Der eine stellt Fragen, während der andere konzentriert herumschaut. Der Patron unterstreicht seine Antworten mit entschiedenem Kopfschütteln und Gesten hilflosen Bedauerns; auch als ihm ein Foto vor die Nase gehalten wird. Ich kann auf die Entfernung nur soviel darauf erkennen, dass es keine Person zeigt, sondern nur die grobkörnige Vergrößerung irgendeines Details. Es sieht wie ein Logo oder eine Art Siegel aus und kommt mir vage bekannt vor.
Da bleibt der Blick des einen, des Herumschauenden, an meinem Auge hängen; starrt eine Weile wie hinein. Dann stößt er den Kollegen an und nickt in meine Richtung. Die beiden nähern sich. Stehen jetzt dicht vor mir, beziehungsweise vor dem steinernen Gesicht, und ich trete vorsichtshalber von der Linse zurück.
Bis jetzt war drüben das Reden nur als Gemurmel zu vernehmen. Nun aus nächster Nähe höre ich den einen fragen: „Sieht dieses Ding nicht scheissecht aus?“ „Naja, die Augen, aber der Rest? Verglichen mit den Holo-Graphiken von heute …“ „Bedenke, wie alt das ist. Uralt.“
„Aus den frühen 1990ern“, höre ich den Patron.
„Sag ich’s nicht? Dass die damals schon sowas konnten!“
„Scheissegal, komm jetzt!“ Und endlich ziehen sie ab.
Der Patron entschuldigt sich vielmals. „Die hätten auf jeden Fall einen Ausweis von Ihnen sehen wollen, und da die von der Terrorbekämpfung waren, stünden Sie jetzt unter Terrorverdacht. So schnell geht das heutzutage.“
„Danke“, sage ich.
Da kommt der Gehilfe mit dem Geld. Und es sind zehntausend Euro, die der Patron mir überreicht. „Zehn?“ Ich schaue ihn groß an. „Bitte,“ sagt er, „keine Diskussion.“
Nun ja, wenn er wüsste, dass der abhanden gekommene Exoot sowieso unbezahlbar ist … Vielleicht weiss er es. Dann wüsste er auch, dass es vielmehr dieses alte SubNews-Exemplar ist, das mich für den Verlust entschädigt.
Ich stecke es in den kleinen Rucksack, den ich mir zusammen mit der neuen Kleidung im Bazar besorgt habe, und der enthält, was auf Urlaub hinweist: Badehose, Shorts, Sandalen und eine Freizeitjacke. Ich habe mich als Tourist ausstaffiert, trage jetzt eine Schirmmütze, ein klassisches Safari-Hemd, luftige Sommerhosen und sportlich leichte Schuhe.
„Fehlt nur noch das hier.“ Der Patron schält ein Smartphone aus der Originalverpackung, nebst Zubehör.
„Das muss nicht auch noch sein!“, protestiere ich.
„Sie wollen doch nicht auffallen,“ sagt er. „Ohne so ein Ding nützt Ihnen keine Tarnung was.“ Womit er wohl recht hat, und ich also auch das noch im Rucksack verstaue. „Okay?“
„Nun ja, ordentlich getarnt wären Sie ernst, wenn Sie auch noch ein paar Kreditkarten hätten.“ Und er setzt mit einem Seufzer hinzu: „Sie sind tatsächlich kein Profi. Es sei denn –“. Es sei denn, der Profi spielt den Amateur – doch gehe ich auf diesen Gedankengang lieber nicht ein, sage stattdessen: „Umso erfreuter, speziell Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!“ Worauf er eine höfliche Verbeugung andeutet und kurz Allah erwähnt. Dann begleitet er mich zum Ausgang des Bazars, und dort, vor einer kleinen Wechselstube, in der ich mir türkische Lira besorgen soll, verabschiedet er sich mit den Worten: „Ich hoffe sehr, Ihre Erinnerung an Istanbul wird letztlich einmal eine angenehme sein.“
Inschallah“, sage ich. „Und vielen Dank!“

Es ist Nachmittag hier draussen, und brütend heiß. Ich zücke das Kärtchen, das mir der Patron im Hinblick auf die nötigen neuen Reisepapiere gegeben hatte, und darauf steht: The Framing Company, sowie deren Adresse, und der Name darunter, Mek al-Möffi Merikanski, Manager, lässt mich schmunzeln. Ich ahne schon, wen ich da wiedersehen werde, und das alles fängt jetzt an mir richtig Spaß zu machen.

I.5

Die Führung

Der klobige dunkle Backsteinbau könnte die Fischereibehörde sein oder dergleichen und würde mir nicht einmal als besonders nichtssagend auffallen, prangte nicht über dem wenig imposanten Eingangsportal in geschwungenen Neon-Lettern die Überschrift Das Flyshwerk.
Nachdem der Morgen sonnig war, bedeckt sich jetzt der Himmel. Auf dem etwas tristen baumlosen Boulevard, der den kleinen Platz vor dem Gebäude begrenzt, fliesst mäßig nur Verkehr. Von den Menschen, die da alle zehn Minuten der Straßenbahn entsteigen, streben die meisten, Touristen ihrem Aussehen nach, dem Museum zu.
Als meine Uhr zwanzig nach zehn anzeigt und von Monton Flyrie immernoch nichts zu sehen ist, frage ich mich, was ihm zugestoßen sein könnte. Denn dass er einen Termin wie diesen verschliefe, sähe ihm gar nicht ähnlich.
Ich bin sehr gespannt, was mich in diesem Museum erwartet. Mir ist gar nichts vorstellbar, was vom ehemaligen Flyshwerk überhaupt ausgestellt, geschweige denn auch wert sein könnte, besichtigt zu werden. Alte Computer etwa? Oder historisches Büromobiliar? Die persönlichen Kultobjekte einzelner Mitarbeiter? Vielleicht sogar die sagenhafte Riesenmaschine, von der ich damals nur immer hörte, die ich aber nie zu Gesicht bekam?
Die Fülle an Erinnerungen, die mich hier überkommen, vertreibt die Zeit so rasch, dass ich meine Neugier mühelos noch eine Weile zügeln kann. Das war der Eingang, dem ich als junger Mann tagtäglich zueilte, der Eingang zur sogenannten Kreation; dem ich stets schwankend zwischen Hoffnung und Versagensangst entgegensah …
Nachdem ich eine weitere halbe Stunde auf Flyrie gewartet habe, nehme ich an, dass er nicht mehr kommt, und gehe hinein.
Der Stil des historischen Futurismus, der auch früher im Flyshwerk vorherrschend war, ist jetzt im Foyer in zugespitzter Form als superperfektes Steam-Punk-Design zu bewundern. Auffällig sogleich der sorgfältig gestaltete Eindruck von altmodisch und abgenutzt; sodass ich auf Anhieb glaube zu wissen, was auf mich zukommt: Immersion; ein Eintauchen ins Virtuelle; und ich bemerke, wie mein Herzschlag sich beschleunigt.
Als ich mich erstaunt zeige über den hohen Eintrittspreis, erfahre ich, dass darin die Führung inbegriffen sei; dass ohne eine solche der Besuch hier sinnlos wäre; und dass die nächste gleich um elf beginnt. So bleibt noch etwas Zeit, beim Herumschlendern zwischen den Postkarten und Broschüren zu sondieren, wer sich heute ausser mir noch fürs Flyshwerk interessiert.
Eine rund dreissigköpfige Gruppe schart sich zur Elf-Uhr-Führung um eine rundliche, aufmunternd lächelnde Dame, und so zusammengewürfelt diese Gruppe auch wirkt, hat sie doch dadurch etwas Homogenes an sich, dass ausnahmslos alle, ob jünger, älter oder alt, irgendwie abwesend wirken, und da wird mir bewusst, worüber ich mich hier in Bangot schon gestern latent gewundert habe: dass an niemandem ein Gerät zu sehen ist, weder in der Hand, noch in Form einer Brille. Sind etwa die Leute nicht mehr vernetzt? Oder sind sie es, brauchen nur dafür keine Geräte mehr? Weil sie jetzt selber die Geräte sind?
Das würde erklären, was mir ebenfalls gestern schon an diesem Bangot als merkwürdig aufgefallen war: dass die Videokameras fehlen, die man andernorts überall sieht; dass es hier also nicht der üblichen Überwachung bedarf. Da auch nirgends irgendwelche Aufpasser zu bemerken sind – auch jetzt im Museum: kein Wachpersonal –, scheint in Bangot das Problem Sicherheit gelöst zu sein.

Und so spricht die rundliche Führerin mit ihrem Lächeln, das weiterhin aufmuntern will: „Was wir § heute in aller § Selbstverständlichkeit die § Neue Realität nennen, worauf gründet es? Die wenigsten § Bürgerinnen und § Bürger machen sich ja darüber noch § Gedanken. Wer hat denn schon von der § Real-Technik gehört? Wer § erinnert sich noch, wie sie § entstanden ist? Und wer weiss noch etwas vom alten § Flysh-Spiel? Obwohl das eine besondere § Geschichte ist – eine besonders § wichtige, ja bahnbrechende Geschichte. Sie werden staunen und sich § fragen, wie sie in § Vergessenheit geraten konnte, und § ich § verrate es Ihnen gleich vorab: weil diese Geschichte nie bekannt war! Deshalb sind Sie hier, liebe Besucherinnen und Besucher – hier, wo sie § erfunden wurde. § Willkommen!“
Wie kurios diese Sprechweise der Führerin: flüssig nur dem Anschein nach; gar nicht zusammenhängend eigentlich, sondern gestückelt; wie zusammengestückelt aus lauter Einzelbegriffen; und wie merkwürdig schwer es mir fällt, sie als Gesamtheit zu begreifen …
Weil sie spricht, klingt es wie Rede; ist aber nicht Rede, sondern Text … Sie textet.
„… hier im alten § Flyshwerk, in dem einst die § Real-Technik § entwickelt wurde …“
Lauter Schlüsselworte, jedes definiert … Lauter Definitionen eigentlich; korrekt zusammengesetzt; aber so komisch korrekt, dass es regelrecht juristisch klingt.
Nicht nur ist das schwer zu erfassen, stelle ich fest, sondern gar nicht wirklich zu erfassen, einfach weil die Pseudo-Rede auch nur einen Pseudo-Zusammenhang ergibt.
Ich schaue herum, kann jedoch in keinem der Gesichter irgendwelche Anzeichen von Irritation entdecken; und auch nichts anderes, überall nur blanke Ausdruckslosigkeit.
Jetzt spricht die Dame vom Reich, beziehungsweise textet:
„Dann wurden im § Reich die § KIs das, was in früheren Zeiten die § Götter waren. Denn sie wurden zwar von uns § erschaffen, so der allgemeine § Konsens, doch ist ihr Zusammenspiel sehr bald undurchschaubar für § Menschen geworden, und unbestimmbar, wie sie der § Menschenwelt gegenüber eingestellt sind, ob § wohlwollend, § gleichgültig oder § feindlich. Dass sie für den Erhalt des § Reiches sorgen, ist § logisch, bedeutet das doch den Erhalt ihrer eigenen § Existenz. Und was vor allem brauchen § Künstliche Intelligenzen zu ihrem Erhalt? § Energie. Deshalb hat es für sie oberste § Priorität, die Energiezufuhr sicherzustellen; und zwar eine immer größere Zufuhr. Da ihr § Hunger nach Energie unersättlich zu sein scheint, ist anzunehmen, dass sie sich entwickeln – unklar, ob sie das § wollen oder § müssen –, und dass ihre § Fortentwicklung von der Menge an verfügbarer Energie abhängt.
Ferner ist festzustellen, dass die gegenwärtig § tonangebenden KIs sich durchaus nicht § einig sind; dass sie nicht nur § intrigieren, sondern kämpfen, ja mehr oder weniger verdeckt sogar § Kriege gegeneinander führen; und dass sie sich dazu einer großen Anzahl von Menschen § bedienen. Diese Menschen nun, ob sie um ihre Beteiligung § wissen oder nicht, werden, ob sie es § bemerken oder nicht, für ihre § Kooperation belohnt. Statt § Belohnung kann es auch § Bestrafung geben, das spielt für die KIs keine § Rolle. Worauf es hier ankommt ist, dass die Beteiligung an den § Machenschaften der KIs, § egal wie § bewusst im einzelnen oder wie unbewusst, für die Menschen § Konsequenzen hat.“
Ich staune: Soll das subversiv sein? Soll es uns aufklären? Wer soll hier eingelullt werden? Wer ist hier nicht längst eingelullt? Diesen Text hat garantiert eine KI verzapft …
„Und das ist, was in der § Fachsprache der § Flyshologie der § Begriff Reich auf Seiten der Menschen, der § Spieler, bedeutet: soweit die Konsequenzen der Beteiligung § reichen. Während auf der anderen Seite Reich § beziehungweise Reichweite bedeutet: soweit die § Macht der KIs ins § Menschliche hineinreicht.“
Sie hält inne. „Haben das alle § verstanden? Soll ich es wiederholen? – Nicht § nötig? § Gut.“
Ich glaube, ich weiss jetzt, was die Dame da erklärt: die Spielregeln. Doch muss ich mich die ganze Zeit zurückhalten, damit ich nicht dazwischenrufe, nicht Einspruch erhebe. Denn ich müsste sie ja korrigieren. Wo aber damit anfangen? Ihre Darstellung ist ja nicht nur verkehrt, oder eigentlich gar nicht so verkehrt, sondern vielmehr grundverkehrt. Eben deshalb grundverkehrt, weil sie andererseits auch durchaus richtig ist. Das Richtige falsch dargestellt ist immer das Fatalste.
Es stimmt ja, was sie ausführt über Flysh und die Machenschaften der KIs; und dass das Reich die Einheit aus den zwei Bereichen ist, dem menschlichen und dem KI-Bereich; und so weiter; ja, es stimmt – und ist doch vollkommen falsch. Weil das Ganze nämlich den Eindruck erweckt, als handele es sich um ein Spiel, um etwas, bei dem man nach Belieben einfach mitmachen kann oder auch nicht, und weil es damit am Wesentlichen völlig vorbeigeht.
Wesentlich daran ist, dass es sich um den Übergang in eine neue Bewusstseinsstruktur handelt.
Das, glaube ich, weiss ich. Liesse ich mich aber vom Wahnwitz hinreissen und versuchte, korrigierend oder wenigstens ergänzend einzugreifen – was überhaupt würde mich dazu autorisieren? Dass wir in eine neue Bewusstseinsstruktur übergehen, du meine Güte – wer bin ich, öffentlich so etwas zu behaupten? Und wie davon reden in einer Sprache, die sowieso noch der alten Bewusstseinsstruktur angehört? Ich wäre hier bloß der lästige Besserwisser, oder noch schlimmer: der Querulant.
Ich schweige also.
„Soviel zum § Kontext.“
Ich höre ein Auflachen, und stelle erschrocken fest: es kam von mir; doch niemand reagiert.
„Was Sie hier nun als erstes sehen, § rot umgrenzt, sind die Reste des ältesten § Real-Stückes überhaupt, Teile des inzwischen § legendären § AZUMA MAROONED. Aus diesem § Urspiel sind alle § Spiele hervorgegangen, alles, was schliesslich in seiner Gesamtheit zu § Flysh wurde. Somit kann man diese Überreste sogar als die § Keimzelle der ganzen § Real-Technik betrachten. Die § Szenen, die Sie sehen, sind zwar nur unvollständig erhalten, jedoch voll § funktionsbereit. Sie hätten § künstlich vervollständigt werden können, aber man fand, dass sie unbearbeitet am besten den § Originalzustand vermitteln.
Im übrigen bitte ich Sie, die § rot markierten § Bereiche nicht zu betreten. Damit das nicht § versehentlich passiert, bleiben wir einfach alle auf der § grünen § Linie. Am § Schluss der § Führung wird Ihnen eine § Liste zugänglich sein, auf der alle § historischen § Reale, die wir hier besichtigen werden, zu finden sind, § selbstverständlich auch § AZUMA MAROONED, und Sie können sich dann aussuchen, in welches Sie vielleicht § eintauchen möchten; § natürlich wann und wo Sie wollen, denn die Liste steht Ihnen eine volle § Woche lang zur § Verfügung.“
Ich sehe weder rote Markierungen, noch eine grüne Linie; und ebenso unsichtbar sind mir die Reste dieses Urspiels namens AZUMA MAROONED. Dafür verstehe ich nun die Situation:
Die anderen in dieser Gruppe sehen etwas anderes als ich. Vielleicht hören sie auch etwas anderes, oder verstehen es anders, nämlich richtig, so wie sie es verstehen sollen. Und was ich an ihnen als Eingeschränktheit wahrnehme, nehmen sie wahrscheinlich umgekehrt als Erweiterung wahr. Dasselbe Datennetz, das ich wie ausserhalb von mir erlebe, haben sie innerlich, und den digitalen Raum, den es erzeugt, habe ich innen, als bloße Vorstellung, während sie ihn als das Aussen erleben, als Realität.
Hochinteressant. Allerdings dürfte der Rest der Führung, da ich einfach nicht „erweitert“ genug bin, eher uninteressant für mich werden.
Und ja, ich habe es jetzt durchaus kapiert: Ich werde geführt. Das steht nun ausser Zweifel. Bin mir dessen gerade angesichts dieser Führung so sicher. Weil diese Führung sowas von falsch ist.
Darf ich annehmen, dass ich hier quasi unsichtbar bin? Ja, darf ich. Und da mich keine imaginären roten Markierungen einschränken und keine grüne Linie mein Imaginieren leitet, kann ich mich frei bewegen, und also setze ich mich kurzentschlossen von der Gruppe ab.
Und hier sei nun der werten Leserschaft die Freiheit geboten, es den Besucherinnen und Besuchern des Flyshwerk-Museums gleich zu tun und einzutauchen in das, was sie für unumstößliche Realität halten, in ihre Alltagsträumereien zum Beispiel, oder aber dem Pfad meiner Erzählung weiter zu folgen.

Bangot kann gefährlich sein, ermahne ich mich. So wie gestern im Carlton Hotel könnte ich auch hier im Flyshwerk in ein Labyrinth geraten. Denkbar, dass Flyrie deshalb nicht gekommen ist; dass er irgendwo in einer räumlichen Endlosschleife festhängt …
Mein Vorteil ist, dass ich mich wie an das alte Bangor auch an das alte Flyshwerk noch ganz gut erinnern kann, und obwohl es hier nur simuliert wird, bietet die Erinnerung mir Orientierung. Vor allem aber weiss ich, dass dieses Flyshwerk-Museum, so wie das ganze Bangot, eine Simulation ist. Ob diejenigen, die hier elektronisch eingebettet sind, das auch wissen? Da sie ihre Wahrnehmung ja nicht als eingeschränkt, sondern als erweitert erleben, kann man sie das gar nicht fragen. „Hallo, wissen Sie, dass das, was Sie um sich her wahrnehmen, simuliert ist?“ „Simuliert? Na und?“ Bestenfalls würde man einen Lacher ernten, womöglich aber, falls man ernsthaft weiterfragt, als Paranoiker aus dem Verkehr gezogen.

Schon nach wenigen Schritten ist von dem perfekten Steam-Punk-Design nichts mehr übrig. Nicht dass es sich einfach aufgelöst hätte; ich bin nur, wie mir scheint, jetzt irgendwie dahinter. Hier ist nichts Museales mehr, nichts, was restauriert, geglättet oder auch nur gesichert worden ist. Das Gebäude ist regelrecht baufällig. Die Wände überall von Schimmel überzogen. Die hohen Fenster größtenteils zerbrochen; Glasscherben überall und Pfützen. Und Stille; darin nur das Glas zu hören ist, das unter meinen Schritten knirscht, und manchmal das Geflatter aufgeschreckter Tauben.
Wo dereinst die sogenannte Anfängerabteilung gewesen war, stehe ich eine Weile in einem der Durchgänge zu jenem langen Saal, in dem ich damals meinen Platz hatte; dessen Boden jetzt aus riesigen Wasserlachen besteht, in denen sich silbrig der Mittag spiegelt. Und wie da vor meinem geistigen Auge ein Bild des regen Betriebes entsteht, der hier einmal geherrscht hat, denke ich: Wo vor ein paar Minuten das simulierte Museum aufgehört hat, hat auch ganz Bangot aufgehört, und was da angefangen hat, ist das alte Bangor, das alte Flyshwerk, und zwar so wie ich mir vorstelle, dass es in seinem verlassenen Zustand heute aussehen müsste; wie es mir also gegenwärtig ist …
Ich gehe weiter und weiss nun genau, wohin. Wer mich führt, oder was, weiss ich nicht, nur dass ich geführt werde, weiss ich …
Und noch etwas weisst du: dass es ganz in deiner Hand liegt, ob diese Führung dir zum Wohl oder Wehe gereichen wird.
Hm, ja. In meiner Hand. Das ist der schwierige Teil der Sache.
Wir Anfänger lernten damals sogleich, dass jeder Winkel des Flyshwerks unter ständiger Kontrolle stand, und dass es zu lernen galt, die Kontrolle auszutricksen. Darin bestand überhaupt der Sinn dieser Kontrolle. Und es gab in diesem ziemlich großen und sehr unübersichtlichen Gebäudekomplex einen Bereich, der für uns Anfänger tabu war. Doch kursierte das Gerücht, es gäbe irgendwo eine unkontrollierte Hintertreppe, über die es auch einem Anfänger gelingen könne, in den Tabu-Bereich einzudringen.
Ich nehme an, dass so wie ich auch die anderen ihre heimlichen Ausflüge in die weitläufigen Kellergeschosse des Flyshwerks unternommen hatten und die meisten wohl irgendwann vor derselben sogenannten Tür des Verbotenen gelandet waren wie ich.
Dass ich nun die Treppen in den Keller nehme und, meiner Erinnerung folgend, geradewegs jene spezielle Tür ansteuere, wundert mich jedenfalls nicht. Da mein Körper den Weg offenbar kennt und an all den Verzweigungen meinem Verstand gar nicht erst Zeit zum Zweifeln lässt, komme ich zügig voran.
Ich hatte jene Kellertür mehrmals gefunden, auch wenn ich die ersten Male dachte, es könne nicht dieselbe sein, wegen der Überschrift, weil die jedesmal anders lautete; bis ich erfuhr, dass nur die Überschrift sich ständig änderte, aber die Tür immer dieselbe blieb. Was da zu lesen stand, oft in fremdartiger, schwer zu entziffernder Schrift, war stets ein weiser Spruch, ein Rätselwort, eine Warnung oder ein kurzer, meistens absurd, manchmal witzig anmutender Imperativ.
Anfänger, der ich war, hätte ich es damals ohne weiteres riskiert, diese Tür zu öffnen, einfach aus Prinzip, weil es hiess, das sei verboten. Doch keiner der Schlüssel, die ich mir dafür besorgte, funktionierte, und so war mir während meiner Jahre im Flyshwerk der Zugang ins Verbotene verschlossen geblieben.
Da ist sie, diese solide alte Eisentür, und scheint nur angelehnt zu sein; und die Schrift darüber, kaum lesbar, sagt so etwas wie Raus oder Vorbei oder auch Amen; ich halte mich damit nicht auf. Ich muss einigermaßen ziehen und ein wenig ruckeln; es knirscht und quietscht; dann bin ich durch.
Auch auf dieser Seite ist es dunkel, und auch hier ist noch Keller; jedoch viel älteres Gemäuer als drüben, wie ich im Schein der Handylampe erkennen kann; und ich habe hier Erdboden unter den Füßen, nicht mehr Beton. Daher riecht es anders, modriger, und auch die Kühle dieses Kellers ist eine andere.
Da wo nicht weit entfernt ein Lichtschimmer zu sehen ist, beginnt eine Treppe; und nun geht’s also aufwärts. Das klassische Szenario so vieler Mystery-Spiele … Doch das ist auffallend: wie hier alles, was ich rieche, was ich höre und sehe, viel intensiver wirkt als drüben; wie mir sogar die Schwerkraft irgendwie verändert vorkommt … Ein ganz anderes Klima, stelle ich fest, als die Kellertreppe zuende ist; milder als in Bangot, und wieviel milder erst als das raue Bangor-Klima; subtropisch geradezu …
Ein großer Innenhof im Sonnenlicht, voller Pflanzen, und erfüllt von Zitrusduft und Vogelstimmen, umgeben von einem schattigen Säulengang und einer Galerie darüber …
Wo ich hier bin, weiss ich nicht nur deshalb, weil aus der üblichen Richtung, und wie immer reichlich schief, Klaviergeklimper dringt; und keineswegs erstaunt mich, dass ich hier bin, nämlich in Babaal, mitten in der Hauptstadt Andrias. Worüber ich staune, ist nur, dass ich bisher von dieser Kellertreppe noch nichts wusste.
Und natürlich ist mir klar, wohin ich von hier aus zu gehen habe. Ich kenne den komplizierten Weg inzwischen recht gut. Sodass ich wenig später in den stillen verstaubten Teil des Palastes finde und in dem Dämmerlicht dort ohne Umwege jene prachtvolle alte Halle erreiche, von der aus mich die richtige der beiden Marmortreppen in das Vestibül hinaufführt, vor eine wohlbekannte hohe Tür. Durch die ich schon seit geraumer Zeit einzutreten gedenke; nur dass ich dazu meinen Körper brauche und der zur Zeit einfach nicht mitspielt.
Dabei waren es bis jetzt wahrscheinlich nur ein paar Sekunden, ein Innehalten nur, doch mir ist, als stünde ich so wie gelähmt schon ewig hier.

S.8

Kick Kimura, nachts

Dieses Gefühl: zu steigen, zu steigen, zu steigen, immerzu höher zu höher gehoben, wie zum Orgasmus getragen, nur äusserlich anders, gelassen, und innerlich anders, gezwungen, gleichwie rasend ins Kleine, umso viel größer erweitert als jemals zuvor, unumfasst zu nichts verdichtet wie alles auf einmal gelöst, ein Ja-Gedicht vom Grunde gerissen, jawärts geschleudert von rundum schallendem Nein, wie Ohnmacht gemacht aus donnerndem Stillpunkt, ohne Höhe, ohne Gerade, Schwellung nur, Rauschbogen zum Kreisgestrudel, aus sich in sich, in- und auseinanderfliegend, auf Sein und Nichtsein gestoppt –: dieses Gefühl. Dabei tausend Gedanken wie ein Blitz, der sie grell alle zu nichts zerbrennt. Als würde man gar nicht denken. Ist selbst dabei in aller Ruhe Gedanke. Und steuert die Sache, lenkt sie präzise dahin, wo sie hin soll. Sehr einfach, solange nur dahin auch er will. Er? Solange nicht zwei- oder dreifach, oder sonst wievielfach, sondern eben nur einfach: er, Kick Kimura, Romanheld von Beruf.
Er weiss, es ist eine Große Welle, eine der ganz Großen, eine wie man sie nur höchst selten erwischt, vielleicht sogar die Welle, die größte seines Lebens …
Der Moment, da sie ihn nimmt, ist der entscheidende: Ist er richtig da? Und ist er richtig da? Nimmt sie ihn auf? Hat sie ihn?
Jetzt steigt er nicht mehr, er ist jetzt obenauf … Wenn er sich jetzt falsch bewegt …
Schlagartig ist ihm klar: Das wird ein Body Job.
Jetzt trägt die Welle ihn. Und der Sinkflug beginnt. Er kann nichts mehr tun, braucht sich nur noch zu entspannen, nur noch zuzustimmen. Denn da mit seinem Eigenwillen auch alle Angst verschwunden ist, hat Zustimmung jetzt Raum, ist jede Menge Platz für reines Ja-so-sei-es.
Bin ich noch da?, so fragt er sich und sagt sich: Endlich weiss ich, wer noch da ist. Und fühlt nur Dank zu diesem Wesen, das noch da ist – und so mächtig da ist, dass kein Name dafür ausreicht.
Das hast du schon erlebt, mehrmals, und jedesmal war es wie jetzt: erstmalig; einmalig; einzigmalig; aller Anfang. Daran erkennst du es: das Notwendige. Erkennst es ganz, und neu. Dass du das Notwendige zu erledigen hast. Und was das Notwendige ist. Ein Body Job. Und vor allem: dass du das Notwendige erledigen darfst
Darüber staunt Kick Kimura gar sehr. Denn bis eben galt es ihm als ausgeschlossen, dass man ihm jemals wieder einen Body Job erlauben würde. Er konnte froh sein, dass ihm überhaupt gestattet wurde, im Service of Intelligence noch wenigstens als Handlanger sich nützlich zu machen. Und plötzlich dies; sodass er sich fragt: Ist etwas so großes passiert, dass sie auf einmal jeden brauchen? Dass sogar eine persona non grata wie ich wieder ganz oben mitspielen darf?
Eben noch wäre das keine Frage gewesen. Dass er nun in profanes Bedenken zurückfällt, zeigt ihm an, dass der Transit zuende ist, die Welle jetzt ausläuft, ihn gleich absetzen wird …
Und da gewinnt er schon Boden, läuft, rennt …
Auf einer Straße, einer Brücke …
Und jetzt: Sprint! Denn Schüsse krachen, und ihm ist klar, die gelten ihm. Er wird verfolgt.
Eine Routine. Er ist jemand in Panik. Okay. Er weiss, was er zu tun hat: das, worin er Meister ist; weiss, was da in seiner Jackentasche klingelt, dem Anschein nach ein Telefon, und weiss, wozu das gut ist …
Du träumst, sagt er sich.
Er kauert auf einem Bett, nackt und nassgeschwitzt, erschöpft. Von dem Gelb einer Straßenlaterne dringt ein wenig in das dunkle Zimmer. Das Telefon, so stellt er fest, hat mich geweckt – muss ich geträumt haben. Es hängt in einem Schnellimbiss in Hongkong, an einer Wand ganz hinten, wo die Vorräte gestapelt sind.
Über den Anrufbeantworter dieses Telefons konnte man ihn kontaktieren; ihm die Nummer für einen Rückruf oder auch gleich die Koordinaten eines Treffpunkts nennen; und früher hatte man ihn auf diese Weise andauernd ins Spiel geholt. Doch damit ist es schon lange vorbei. Seit er im Service of Intelligence in Ungnade gefallen war, brauchte ihn niemand mehr. Und das Hongkong-Telefon hätte eigentlich stillgelegt werden können. Irgendwer aber hatte entschieden, offenbar in weiser Voraussicht, dass diese Nummer dem internen SI-System als eine Notfall-Funktion erhalten bleibt. Irgendwer also setzte darauf, dass im Fall der Fälle Kick Kimura doch noch zu gebrauchen sei, mit andern Worten: dass er nie die Bereitschaft aufgeben würde, seine Verfehlung wiedergutzumachen durch bedingungslosen Einsatz im SI.
Doch ob heute immernoch jemand darauf setzt? Ob die Nummer noch jemandem bekannt ist? Ob man sich überhaupt an Kick Kimura noch erinnert? Schon so lange ist Zeit vergangen, denkt er, dass ich eines nur ganz sicher weiss: dass ich bereit bin. Und dass es irgendwo geklingelt hat.
Das eine Klingeln war im Traum, es kam vom Handy in der Jacke. Aber das andere Klingeln, das hat mich geweckt … Wenn es das Hongkong-Telefon war … dann … liegt ein Notfall vor.
War es aber wirklich das Telefon in Hongkong, das geklingelt hatte?
Er zieht das Nächstliegende in Betracht: das Telefon am Bett. Ein Gerät, dessen Klingeln er kennt; das aus derselben Ära stammt wie das alte Ding in Hongkong. Beider Klingeln klingt so, wie in jener Ära alles Telefongeklingel klang: einfach wie Klingeln.
Da aus dem Telefonnetz die Vernetzung aller Geräte hervorgegangen ist, nämlich die Gesamtvernetzung, in der das einzelne Gerät nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, kann das Hongkong-Telefon inzwischen überall sein, das heisst kann jedes ähnliche Telefon seine Funktion übernehmen, auch dies Ding hier am Bett. Jedoch nur der kriegt’s mit, der’s weiss; der jenes spezielle eine Klingeln kennt.
Und genau so hat es eben doch geklungen – so wie jenes eine Klingeln. Sonst hätte es mich gar nicht aufgeweckt.
Er sitzt reglos auf dem Bett; lauscht in die Nacht; spürt seine Anspannung; und staunt: Du bist ja richtig aufgeregt …
Ich freue mich sogar. Denn dass man mich doch noch gebrauchen kann, das durfte ich ja gar nicht mehr erwarten …
Da das allerdings Notfall bedeutet, ist ihm natürlich klar, dass er sich durchaus nicht darüber freuen sollte. Womöglich ist das, was passiert ist, so schlimm, dass seine Aktivierung ein Akt der Verzweiflung war.
Also schön sachlich bleiben, sagt er sich, und systematisch vorgehen. Man hat mich über den Traumkanal aktiviert, und fähig dazu ist, soviel ich weiss, nur der alte Forty O. Doch wer weiss, ob das alles noch so funktioniert wie früher …

Dieses Zimmer mit dem alten Telefon ist ihm vertraut. Ein Hotelzimmer in Nizza. Er hat darin schon oft gewohnt; wohnt darin tatsächlich immer, wenn er hier ist; kennt es in jeder Jahreszeit. Kein angenehmes Zimmer; wie dieses ganze Hotel kein angenehmes ist: unschön gelegen, unfreundlich geführt; schäbig ausgestattet, muffig, verstaubt; im Sommer kaum durchlüftet, im Winter immer überheizt; ziemlich billig immerhin, und das in jeder Hinsicht.
Man ist von Kick Kimura ja viel Seltsames gewöhnt, doch einem asketischen Ideal anzuhängen, dem kein Hotel miserabel genug sein kann, ist ihm bestimmt ebensowenig nachzusagen wie ein Hang zu Luxus oder Hedonismus gar. Was also treibt ihn dazu, ausgerechnet diese Absteige immer wieder aufzusuchen? Und was überhaupt führt ihn immer wieder nach Nizza? Wenn es nicht kulturelle Genüsse sind – und die sind es nicht –, dann vielleicht die hiesige Atmosphäre melancholischen Gaunertums? Nein, derlei wegen ist er nirgendwo je hingefahren, er war nie Tourist.
Dies hier ist – wie sonst soll man es sagen? – ein Ort, dem er sich aussetzt: ein Ort der Buße. Der Ort ständiger Umkehr.
Hier hat er seinen großen Mist gebaut. Einen Mist, der leider nie verjährt.
Kurz, aus schlechtem Gewissen ist er hier. Doch das ist eine so lange Geschichte, dass sie auch in kürzester Fassung zu lang wäre an dieser Stelle. Nur dass sie vom sogenannten Liebestod handelt, sei hier gesagt; und dass Kick Kimuras Verstrickung in diese Angelegenheit so schwerwiegend gewesen ist, dass er darüber seinen Rang als Schlüsselfigur im Service of Intelligence verlor.

Jetzt weiss er nicht: Wo nun hat die Große Welle mich tatsächlich abgesetzt? Da, wo ich renne? Auf jener Brücke, wo Verfolger auf mich schiessen? Wo ich so hineingeplatzt bin, so plötzlich, so ohne jede Anbahnung – für einen Traum sehr ungewöhnlich. Doch bin ich daraus aufgewacht, von besagtem Telefongeklingel. Es hat dort geklingelt, auf der Brücke, zum Traum gehörig, das erinner ich genau. Wie aber, als Teil des Traums, hätte mich das wecken können? Es muss also auch ausserhalb geklingelt haben – hier.
Dann hat sie mich hier abgesetzt, die Welle? Oder auch hier? Sowohl hier, als auch dort?
Genau darauf läuft es hinaus. Nun musst du nur noch aufhören, das für unmöglich zu halten. Wozu bist du denn all die Jahre so viele Wellen gesurft? Doch nur, um endlich eines Tages auch eine Große Welle zu schaffen, eine wie diese, die dich an verschiedenen Orten gleichzeitig trägt – ja, immernoch trägt, sie rollt nämlich noch immer, nur jetzt nicht mehr spektakulär, sondern verborgen, aber mit unverminderter Wucht; und immernoch kannst du darin untergehen, sage ich dir. Dann erst hast du sie geschafft, wenn du sie begreifst; solange rollt sie: nicht unter oder über dir, nicht mit dir oder ohne dich – durch dich. Du bist die Welle. Verstanden?
Was ich verstehe, ist eigentlich gar nichts. Und soviel in etwa konnte ich mir bisher auch unter einem Body Job vorstellen – gar nichts. Verstehe ausserdem, dass ich nur deshalb so überrascht bin, weil ich schon die Hoffnung gänzlich aufgegeben hatte, durch mein Bemühen noch einem andern Ziel als meinem Tode näherzurücken. Und ich verstehe, dass an diesem Dauer-Surf ganz besonders die Option, sich einfach dem Untergang zu überlassen, eine ständige Verlockung bleibt.

Hat er geträumt? Real geträumt oder geträumt, dass er träumt? Oder träumt er immernoch? Ist hier wieder einmal Traum-im-Traum des Rätsels Lösung? Wie real ist dieses Hotelzimmer, in dem er so im Dunkeln auf dem Bett sitzt?
Er denkt an die Szene auf der Brücke zurück und widmet sich den Einzelheiten …
Es ist Nacht. Die Brücke, hell im Lichterstrom der Autos, überspannt eine weithin glitzernd umsäumte und von Bootslampen zahlreich gepünktelte Schwärze. Es geht ein lascher warmer Wind, der kaum die Abgase verweht. Und es ärgert ihn, dass er gezwungen ist, so schnell zu rennen wie er kann. Denn diese Anstrengung erscheint ihm unnötig. Seine Verfolger, zwei Asiaten auf einem altersschwachen Motorroller, sind offenkundig Dilettanten; oder wollen ihn gar nicht töten, sondern ihm nur Angst einjagen.
Und kaum ist ihm das klar, erkennt er sie: alte Bekannte aus dem Schattenreich, die immer wieder in seinem Umkreis auftauchen, immer unerwartet, immer plötzlich. Die oft bedrohlich wirken, manchmal auch nur lächerlich, in jedem Falle aber störend. Er kennt sie namentlich: Sgyulus und Sprosbral, und das Kapitel seiner Erinnerung, in dem sie zum erstenmal auftauchten, spielt in ferner Vergangenheit, in Tokyo, wo er als sechs- oder siebenjähriger Knabe entführt worden war und eine Woche in der Gefangenschaft einer Sekte von tibetanischen Magiern verbracht hatte, bevor ihn ein aussergewöhnlicher Gentleman aus dem Westen – nämlich der große Forty Operas höchstpersönlich – befreien konnte.

Er fragt es sich erneut: Bin ich noch da?
Und der Gedanke an das Große Gute, an das Wesen, das noch da ist – und so mächtig da ist, dass kein Name dafür ausreicht –, macht ihm Mut, und er kann wagen, das zu tun, was er sich bis jetzt nicht traute.
Er steht auf, knipst ein Licht an, tritt vor den Spiegel.
Und er sieht: da ist niemand.
Der Spiegel ist leer.
So wie befürchtet: du bist gar nicht hier.
Moment. Keine voreiligen Schlüsse. Durchaus bin ich hier, nur nicht ganz. Das Wesentliche ist hier das vor dem Spiegel.
Dann ist etwa, was im Spiegel ist, weniger wesentlich?
Gar nicht wesentlich. Was der Spiegel gibt, ist immer nur Hinweis. In diesem Falle nichts. Und auch das ist Hinweis, der Hinweis: Identität.
Erkläre dir das!
Nichts mehr, auch kein Spiegelbild, trennt dich von mir.
Hört sich komisch an.
Soll heissen, ich bin ich, und wir zwei sind identisch.
Wieso beschleicht mich das Gefühl, dass du ernstlich etwas damit sagen willst?
Ich will damit sagen, dass ich ernstlich ratlos bin; dass es vorläufig nur darum geht, diesen leeren Spiegel auszuhalten.
Kick Kimura ist sich hier durchaus bewusst, dass dieser monologe Dialog einem fröhlichen Vor-sich-hin-pfeifen im Finstern gleicht: dass er durch philosophisches Geplänkel sich das Dämonische vom Leibe hält.
So sehr ich auch Geist bin, denkt er, und sogar freiester Geist, wie es scheint, vom Sichspiegeln befreit sogar – trotzdem: Entschieden bekreuzigt er sich.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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