Roman

I.10

Eine Runde mit Lemm

Im Regierungspalast ist heute zur Abwechslung mal richtig was los, zumindest in diesem Trakt des Gebäudes; regelrecht ein Gesumm in der Eingangshalle, Leute im Eilschritt, Leute beieinander stehend, munter debattierend; auch auf den Treppen und oben entlang der ganzen Galerie. Das Verstaubte, Düstere, die ganze Atmospäre der Verlassenheit, die hier normalerweise lastet, ist wie weggeblasen. Ich nicke grüßend da- und dorthin, Kollegen zu, die ich schon mal gesehen zu haben meine, und entnehme dem, was ich unterwegs zu meinem Büro an Geprächsfetzen aufschnappe, dass anscheinend in ganz Babaal seit nun schon vierundzwanzig Stunden die Stromzufuhr stabil ist.

Ich will mich nicht ablenken lassen, will von all dem, was ich dauernd vergesse, das Wichtigste wenigstens festhalten, so wie es mir eben beim Frühstück in der Bar gekommen war: Nicht vergessen, dass ich andauernd vergesse! – Das ist ja wohl – sag mal, bist du blöd? Ich lache: Weiss ich noch nicht; ist erst zu beurteilen, wenn ich mich besser erinnere; wenn es ist, wie ich hoffe: dass es nur das Schell-Etikett ist, was mir das Gedächtnis verklebt, und dass es, da es sich schon loszulösen angefangen hat, sich auch weiter abziehen lässt.

Die Aufgabe, die vor mir liegt, lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Der offizielle Teil: Detective Brains aufstöbern. Wobei meinem Vorgesetzten Paley nicht wirklich daran gelegen ist, wie ich vermute; nur daran, dass es mir nicht gelingt, sodass er einen Anlass hätte, mich wegen Versagens aus der Abteilung auszusondern. Der inoffizielle Teil: Monton Flyrie aus Bangot herauszuhelfen. Doch um von hier nach Bangot zu finden, würde ich Brains’ Hilfe brauchen. Ausserdem habe ich hier noch den jungen Lemm einzuarbeiten, als meinen Nachfolger; vorher kann ich hier nicht weg.

Vor lauter Schwung halte ich gar nicht, wie sonst, respektvoll inne vor der hohen dunklen Tür, sondern bezweifle keine Sekunde, dass sich dahinter mein chaotisches Büro befindet. Und weil ich da also eintrete, ohne daran irgend etwas zu bedenken, ist es auch tatsächlich so. Nur habe ich nicht erwartet, dass jemand am Schreibtisch sitzt – der junge Lemm – und dass da der Computer läuft. „Tag, Lemm. Monalisa nicht da?“ „Nö.“ „Sehr gut. Woher hast du die Zugangsdaten?“ „Verstehe nicht.“ „Um da reinzukommen“, ich deute auf den Computer, „Passwort und so.“ „Ähm, wer braucht sowas?“ „Braucht man gar nicht? Ach …“ „Aber ist wirklich ein Witz, das Netz hier.“ „Nicht mehr lange. Wie es aussieht, gibt’s Fortschritte in der Stromversorgung.“ „Nur ist die ja nicht das Problem.“ „Nicht? Dachte ich immer.“ „Deebee hat hier stark investiert in den letzten paar Jahren. In Windkraft, Sonne, was weiss ich; Energie ist längst genug da.“ „Deebee?“ „Deadler/bloom. Buttert Geld hier rein, seit sich die Chinesen auch für diese Inseln interessieren.“ „Du hast dich informiert, Lemm … Hey, und bist mit dem Ding jetzt etwa online?“ „War ich kurz; bis wieder Schluss mit der Verbindung war.“ „Was treibst du dann?“ „Versuche, was zu schreiben. Gedanken. Sollte ich mir doch machen, sagten Sie.“ „Sagte ich? Kann sein. Lies vor.“ „Hab bis jetzt nur den Titel: Banal wie existentiell.“ „Komischer Titel.“ „Ist von Ihnen. Frage, was das heissen soll. Ob existentiell wie banal das gleiche bedeuten würde.“ „Ob existentiell wie banal genauso banal wie existentiell ist? Klingt nach Schwachsinn. Oder soll das was Philosophisches werden?“ „Eher nicht. Geht um den Elektromagnetismus. Warum der in Andria nicht so funktioniert wie sonstwo auf der Welt.“ „Das ist interessant, Lemm. Darüber halte mich bitte auf dem Laufenden. Ansonsten – wie geht’s mit dem Entzug? Dem Netz-Entzug meine ich.“ „Kein Problem. Bin nicht erweitert. Nicht mehr.“ „Erweitert?“ „Modifiziert. So wie Monalisa. Die ist mit Implantaten vollgestopft, gechipt und alles. Hat unglaubliche Möglichkeiten. Nur hier, ohne Netz, natürlich nicht.“ „Deshalb kam die mir auch gleich so posthuman vor … Und warum du nicht?“ „Nicht jeder verträgt so Implantate. Epilepsie und so weiter. Hab mir alles wieder rausmachen lassen.“

Ich sage mit einem Rundblick über das Chaos: „Unsere Top-Priorität heisst Aufräumen, und entweder bedienen wir uns eines Schredders oder wir machen auf sportlich und schleppen alles zur Vernichtung in den Keller. Aber einen so schönen Tag wie heute sollten wir nicht damit vertun; und da du sowieso baldigst mit Babaal vertraut werden solltest, drehen wir jetzt erstmal eine Runde.“

„Gestern habe ich dir gedroht, du müsstest viele Bücher lesen. Blödsinn, musst du nicht. Wichtiger ist, du schaust dir die Insel an; und nicht nur diese hier, die größte; auch die kleineren Inseln sind interessant. Zum Beispiel von Fair Island schon gehört?“ „Die Trauminsel.“ „Genau. Wo die Hotels Shambala oder Ocean Park oder The Regent heissen. Heile Welt, ein Paradies der Reichen. Gepflegtes High Life, intakte Park-Natur. Idyllisch, sauber, sicher. Pure organic. Beliebt bei Tauchern, bei Atlantis-Forschern, Walfisch-Guckern und Gourmets. Musst du unbedingt mal hin. Auch wenn du Hochkultur brauchst – da gastiert die Oberliga, des Jazz und auch der klassischen Musik. Doch zu Fair Island das Kontrastprogramm, nämlich ein Besuch auf Konkju oder Antaros, ist auch sehr lehrreich, da gibt’s Tourismus auf brutal, die All-inclusive-Masse: Fast Food, Club-Kultur, Müll und Kriminalität. Interessant ist vor allem aber Lavienta, die entlegendste der Andrianen. Die Doppelgesichtige genannt; quasi das Hollywood von Andria. Übrigens die einzige Insel des Archipels, die Livermore nicht beschrieben hat; die er nur flüchtig erwähnt. Ach ja, das Andria-Buch von Linval Livermore, das allerdings musst du lesen. Und das werden wir dir jetzt besorgen.“

Wir sind jetzt auf Babaal’s Prachtstraße, der breiten, sehr langen Avenida Etyma. Ich steuere einen der Zeitungskioske an. „Den Binocle, bitte.“ „Bedaure“, entgegnet der Verkäufer. „So ist das mit dem Binocle“, sage ich zu Lemm, „so gut wie immer ausverkauft. Dann muss uns wohl der Tag reichen.“ Der Verkäufer grinst und ich nehme ein Exemplar der Tageszeitung vom Stapel. Im Weiterschlendern erläutere ich: „The Bright Day, den gibt’s immer, hier und überall auf den Inseln. Der spiegelt wider, wie Andria aus Sicht des Bürgertums sein sollte: fortschrittlich, aufstrebend, seriös. Das Wochenblatt hingegen, The Binocle, wird vom Fußvolk gelesen, und das will wissen, was der Tag verschweigt, und will vor allem sich vergnügen. Wenn du’s öde willst, liest du also den Tag, und den Binocle, wenn du’s lustig möchtest; nur ist der eben immer sehr schnell weg.“

Das Flirten gehört für Andrianer so zum Alltag, wie für die Online-Menschen anderswo der Blick ins Smartphone. Als ich bemerke, dass Lemm auf die Frauen, die uns anflirten, kein bisschen reagiert, sage ich: „Monalisa, die ist ja recht hübsch. Findest du sie eigentlich anziehend?“ „Sexuell, meinen Sie? Nein. Ich bin asexuell.“ „Ach –“ da wäre ich fast stehen geblieben. „Das behaupte ich ja auch immer gern von mir. Aber du? In deinem Alter?“ „Weiss nicht, was Sie meinen.“

Wir sind vor einer Buchhandlung angekommen. „Hier geh ich mal kurz rein. Siehst du den, der da an der Ecke Avocados verkauft? Der hat die guten, die’s nicht alle Tage gibt. Hol uns bitte zwei davon. Hast du Andria-Dollars?“ Lemm nickt.

In der Buchhandlung frage ich nach dem Andria-Buch von Linval Livermore. Die Verkäuferin zieht es sogleich aus dem Regal. Ich schüttle leicht den Kopf. „Haben Sie es?“ Und sie versteht. Nämlich dass ich keines von den neuen will, das heisst keins von der bereinigten Sorte, von der jeder Buchladen in Babaal jede Menge vorrätig hat. Für Lemm brauche ich ein Exemplar der alten, der Original-Version. Die ist zwar nicht direkt verboten worden, nur verschwand sie einfach irgendwann und wurde durch die neue Version ersetzt; und nach einem alten Exemplar zu fragen, ist inzwischen eine heikle Angelegenheit. Ich kenne die Buchläden von Babaal und mehr oder weniger auch deren Besitzer und ihre Angestellten; sodass es nicht lange braucht, bis das Schwätzchen, das ich mit der Verkäuferin halte, an den Punkt kommt, wo die in Andria allseits beliebte Floskel angebracht ist: „Sind wir nicht alle Patrioten?“ Worauf dann der Witz folgen kann, der nun auch hier folgt: „Besonders alle.“ Sowie darauf der Zusatz: „Und ganz besonders nicht alle.“

Wir grinsen uns an und sie verschwindet; kehrt nach einer kleinen Weile zurück und überreicht mir ein als Geschenk verpacktes Buch. Ich bedanke mich, bezahle das andere, das neue, und während sie es ins Regal zurückstellt, wünschen wir uns einen schönen Tag.

Als ich herauskomme, steht Lemm da mit zwei Riesenavocados in den Händen, und wie er die so mit angewinkelten Armen in Brusthöhe hält, muss ich lachen. „Mein lieber Lemm, das sieht aber gar nicht asexuell aus!“ Er wirkt kurz verdattert, dann: „Soll ein Witz sein? Okay, verstehe.“

Wir spazieren weiter. „Die Andrianer sind große Patrioten, muss man wissen. Allerdings ist ihr Patriotismus recht speziell; nur zu verstehen, wenn man etwas über den hiesigen Royalismus weiss, wenigstens das Grundlegende.“ Ich klopfe auf das verpackte Livermore-Buch. „Nur können wir nicht warten, bis du das gelesen hast. Denn wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Und ich denke: Deshalb muss ich ihn baldigst in den Royalist Club einführen.

„Zeit? Bitte um Erklärung, Chef.“ „Chef? Das ist witzig, Lemm! Ist dir das klar?“ „Äh, nee – das nennen Sie witzig?“ „Weil ich als Chef sowas von nicht der Chef bin. Aber egal; und egal auch, warum uns nicht viel Zeit bleibt. Worauf’s ankommt ist, dass du schnell kapierst. Nicht nur, was Real-Technik überhaupt ist, sondern auch, wie man sie handhabt.“

Ich schwenke das Buch vor und zurück. „Worauf wir wandeln – solche schönen langen Prachtstraße gibt’s ja so in aller Welt –, heisst hier Avenida Etyma. Wichtig daran: du kannst sie auch anders nennen. Aber nicht irgendwie anders; nur so, dass der Name, den du ihr gibst, möglichst genau besagt, was du von ihr erkennst: was für dich ihr Wesen ist.“ Ich deute hinter uns. „Dieser Berg da in der Ferne, mit der Spitze in den Wolken, ist der Ras Azuma. So nennen die Leute ihn; auf der Landkarte heisst er Mount Malvalo. Und diese Avenida ist der letzte Abschnitt einer geraden Linie zwischen der Bergspitze dort und einer Stelle da –“ ich deute nach vorn, die Avenida hinunter –, „wo du am Ende das Denkmal siehst.“

Lemm starrt suchend in die gewiesene Richtung. „Sehe aber kein Denkmal.“ „Irgendwas siehst du doch, oder?“ „Ein paar Palmen – und dann nur noch das Meer.“ Ich nicke. „Denk einfach mal: Meer.“ „Ach so, denk mal – klar. Was heisst Etyma?“

„Merk dir die Frage. Ganz unermesslich übrigens, was ich über Babaal, überhaupt über Andria, nicht weiss. Daran erkennt jeder eingeborene Andrianer immer auf Anhieb den Fremden. Denn egal wie tief man hier auch eintaucht, wenn man Andria nicht schon mit der Muttermilch in sich aufgenommen hat, bleibt man immer einer von auswärts. Dabei ist die Rolle, in der man hier auftritt, erstmal gar nicht entscheidend; was vielmehr zuallererst geprüft wird, ist: Weisst du um das Besondere von Andria? Weisst du, dass es ein Geheimnis gibt? Erst wenn die Leute das entschieden haben – und das geht blitzschnell bei denen – differenzieren sie: Gehörst du zu den Ausnutzern? Oder bist du einer von denen, die hier lernen wollen? Und in beiden Fällen ist die nächste Frage: Weisst du es selber? Das heisst bist du dir der Ausnutzerei oder andererseits des Lernenwollens bewusst? Oder bist du überhaupt ein Ahnungsloser? Dementsprechend nämlich begegnen sie dir. Mach dir das klar, Lemm. Sonst wunderst du dich, falls du hier Ärger bekommst.“

Ich lege eine Pause ein. Ob er das soweit verstanden hat? Ich muss lachen – wie er mit diesen beiden riesigen Avocados seine liebe Mühe hat. So in jeder Hand eine, sieht es aus, als ob sie ihn im Gleichgewicht halten.

Wir sind jetzt in einer kleinen Seitenstraße. „Hier haben wir so einen typischen babaalianischen Trödelladen, eine Art Pfandleihe. Hier kann man loswerden, was man für wertvoll hält. In der Regel sehr enttäuschend, was man an Geld dafür bekommt. Aber selten, dass man in solchen Läden nichts interessantes findet.“

Ich brauche eine Weile, bis ich in der Masse von zusammengewürfelten alten Dingen das hutzelige Mütterchen entdecke, das den Plunder bewacht. Ich nicke ihr zu. „Nur mal –“, „Jaja“, krächzt sie, „immer nur gucken, nix kaufen.“

Und schon werde ich fündig: Der Säbel!

Ich nehme ihn aufs genaueste in Augenschein: Wirklich der Säbel? Der historische, der im Refugium Studierzimmer an der Wand hing? Nicht nur erkenne ich gewisse markante Scharten an der Klinge; auch taucht, sobald ich den Blick unscharf stelle, das Gegenbild dieses Objektes vor meinem geistigen Auge auf: die Vogelfeder; und damit finde ich mich sogleich in einem der alten Refugien wieder: im Hotel Olympia.

Bin allein dort in dem hohen Zimmer. Sommerhitze; grelle Helligkeit zwischen den Lamellen der geschlossenen Fensterläden; und auch alles übrige wie immer; Siesta-Atmosphäre. Da auf dem Tisch, sehr einladend, die Schreibmaschine. – Halt! Verlier dich nicht. Kehr nach Babaal zurück. Und es funktioniert; sogar ohne dass ich die Vogelfeder erst fixieren muss. Schon habe ich den alten Säbel wieder vor mir.

„Was soll denn das sein?“, höre ich Lemm fragen. Er steht, mit den Avocados in den Händen, über ein Glaskästchen gebeugt.

Ich staune: „Eine A-Kapsel – na sowas!“; blicke zu der Alten hinüber: „Ist die verkäuflich?“ „Teuer, teuer! Hundert Dollar“, gibt sie zur Antwort. Ich strecke ihr umgehend einhundert Andria-Dollars entgegen; doch da rümpft sie nur die Nase. „Merika-Dollar.“

„Hast du US?“, frage ich Lemm. Hat er. Und nachdem sie den US-Dollar-Schein, den er ihr reicht, eingehend geprüft hat, öffnet sie das Kästchen. Ich hole die kleine Kapsel heraus und halte sie Lemm vor die Nase. „Ist jetzt deine. Ich bewahre sie nur erstmal für dich auf.“ Worauf er nur mit den Achseln zuckt. „Brauch ich die?“ „Wer weiss.“ Wir verlassen den Laden.

„Kaum in Andria, schon bist du im Besitz einer A-Kapsel! Das ist großartig.“ „Wieso A? Was macht man damit?“ „A wie Azuma. Weil solche Dinger im Zusammenhang mit dem Mythos von König Azuma eine Rolle spielen. Demnächst – falls uns noch Zeit bleibt – fahren wir mal in die Berge, da gibt’s so einen alten Knacker, Heimito Wunschel, der ist in Sachen Azuma der Kenner schlechthin; weiss bei weitem mehr als ich darüber, und auch mehr noch“, ich klopfe auf das Livermore-Buch, „als hier drinsteht.“

Und was mir noch mehr die Laune hebt: dass ich den Säbel gesehen habe; also jetzt wenigstens von einem der fünf Objekte aus dem Studierzimmer schon mal weiss, wo es gelandet ist, konkret – was mir bestätigt, dass jenes Refugium nicht nur in meiner Einbildung existiert hat; und vor allem mir den Verdacht bewahrheitet, dass ich das Studierzimmer einfach deshalb nicht mehr wiederfinde, weil es sich aufgelöst hat und mir nun an Stelle dessen nur immer das chaotische Büro im Regierungspalast zur Verfügung steht.

An dieser Stelle wollen wir nicht verschweigen, dass es Andria wirklich gibt. Nur schieben sich in der Beschreibung dieser Inseln Erinnerungen an andere Inseln auf eine Weise vors geistige Auge, dass da verschiedene transparente Schichten zu einem einheitlichen Tableau werden, welches alles, was darunter an Realem liegt, vollständig überdeckt.

Wenn man einmal kennt, was Linval Livermore als den „besonderen andrianischen Zustand“ beschrieben hat – den Sightwise Accord, wie er ihn nennt, den Sichtweisen Einklang –, wenn der einen nicht mehr erschreckt, er einem vertraut geworden ist, dann kann man ihn im Grunde überall erleben, auch fernab von Andria. Doch Vorsicht, diese Erlebensweise ist untrennbar mit der sogenannten Triade verknüpft …

„Lemm, du weisst, dass es in Andria spezielle Geister gibt?“ „Hab nur von so ‘nem Dämon gehört.“ „Das ist der Schutzgeist Andrias, und der ist dreigestaltig, besteht aus Lug Imago, Maya Tongue und Nominah. Wenn diese drei ihres natürlichen Zusammenhangs entbunden sind und einzeln ihr Wesen treiben, dann wirken sie dämonisch; können gar nicht anders. Dann führen sie die Unvorsichtigen auf Abwege, indem sie sie die einfachste aller Tatsachen vergessen lassen: dass die Welt zwar für uns alle wahr ist, jedoch für jeden einzelnen auf verschiedene Weise. Sodass man, wenn man unvorsichtig ist, nur noch die Welt, die man selber wahrnimmt, für wahr hält.“

„Wie kriegt man das mit? Solche Wesen stellen sich einem doch wohl nicht vor.“

„Jedes dieser drei erkennt man daran, dass es in irgendeiner Form Schutz anbietet vor den beiden anderen. Denn sie wissen nicht, dass sie zusammenwirken. Sie haben nämlich gar kein Eigenleben, kein Bewusstsein ihrer selbst, sie tun nur so; und wenn sie sich auch wissend geben, so sind sie eigentlich doch dumm.“

„Verstehe, wie KIs“, sagt Lemm. „Oder sind’s KIs?“

„Metaphern, Metaphern, was immer man sagt … Ich schlage vor, wir gehen Mittagessen. Gleich hier um die Ecke haben wir die Bar Quijote.“

Diese Bar ist ein Schauplatz, und zwar für eines der Lieblingsspiele der Andrianer: In der vage nachempfundenen Szene aus irgendeinem berühmten Film beginnt einer, in der Regel ohne Ansage, eine bestimmte Rolle zu spielen, und wer den entsprechenden Film zu erkennen meint, steigt darauf ein, wenn er Lust hat; und es wird gespielt, bis klar ist, ob die Beteiligten denselben Film vor Augen haben oder jeder einen anderen, oder ob man dabei vielleicht schon in einen Streifen geraten ist, an den noch keiner der Beteiligten gedacht hat, oder der womöglich noch gar nicht gedreht wurde.

Ich begrüße den Chef der Bar und erbitte ein Messer, zwei Teller und zwei Löffel, sowie Salz und Pfeffer. „Und dieses Prachtexemplar ist für Sie, Don Miguel.“ Damit überreiche ich ihm eine der Avocados. „Der junge Mann hier übrigens heisst Lemm.“ Darauf Miguel nur finster: „Lemm.“ Und ich zu Lemm: „Nimm’s nicht persönlich. So ist Miguel. Hat einfach keine freundliche Seite. Muss man sich mit abfinden.“

Wir verziehen uns ans leere Ende des langen Tresens, wo wir ungestört nun das andere Prachtexemplar verspeisen, während ich Lemm weiter über den andrianischen Royalismus informiere, den Royalist Club genauer gesagt:

„Den gibt’s schon seit drei- oder vierhundert Jahren, seit Anfang der Kolonialzeit. Immer eine politisch neutrale, allseits respektierte Institution, der es nie um etwas anderes ging, als die andrianische Identität im Auge zu behalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch Andria sich langsam zu modernisieren begann, ging’s mit der Diffamierung los. The Bright Day erwähnte die Royalisten grundsätzlich nur noch mit dem spöttischen Zusatz: die Ewig Gestrigen. Dann verschärfte sich der Ton, man bezichtigte sie einer undemokratischen Gesinnung, und es dauerte nicht lang, da warfen Politiker und Day-Journalisten ihnen antidemokratische Umtriebe vor. Dabei hatte sich der Club keineswegs politisiert; war genau das geblieben, was er schon immer war: der Kulturverein, der das Gedenken an den legendären König Azuma pflegte. 1967 deckte man eine sogenannte Verschwörung zum Sturz der Regierung auf, hinter der, nachweislich wie es hiess, die Royalisten steckten; sodass man ihren Club endlich per Gesetz verbieten konnte. Wodurch seine beträchtliche Anhängerschaft sich natürlich nicht in Luft auflöste.“

„Der Royalist Club ist also die hiesige Untergrund-Organisation?“ „Sagen wir so: Die Royalisten sind wie eh und je am Werke, nur heutzutage sehr diskret; das heisst sie sind auf ihre ganz eigene Weise patriotisch.“ Lemm nickt vor sich hin. „Weiss nicht, ob ich das verstehe.“

„Die Avocado schmeckt dir aber, oder?“ „Die ist wirklich gut. Aber von dieser einen Hälfte bin ich schon pappsatt.“ „Ja, von so einer reicht eine Hälfte immer. Merk dir in puncto Patriotismus einfach: Jeder Andrianer sieht sich als Patriot. Aber man prüft sich gegenseitig: Wie ist einer Patriot? Demokratisch oder royalistisch? Offiziell oder inoffiziell? Wobei die Königstreuen, vereinfacht gesagt, unter Demokratie Diktatur verstehen, während für die Demokratie-Fans natürlich das Königreich die Diktatur wäre.“

„Ganz schön verworren“, findet Lemm, „das heisst – eigentlich auch nicht verworrener als zuhause.“ „Falls du mit zuhause Deutschland meinst, kommt da ja sogar noch das Gendern hinzu. Nicht nur frau, auch man weigert sich inzwischen, unter beispielsweise Patriot gleichzeitig auch Patriotin zu verstehen; was ja wissenschaftlich korrekt ist, nur kriegt die Sprache davon so hässliche Pickel beziehungsweise Pickelinnen.“

„Das war jetzt wieder ein Witz, oder?“ „Ein Witz, allerdings.“

Wir verlassen, unter Miguel’s finsterem Blick, die Bar Quijote, und ich bin, während ich uns auf die Etyma zurücksteuere, unschlüssig: Ins Nationalmuseum? Das muss der Junge sehen, klar; doch soll er erstmal Livermore’s Buch lesen, dann hat er mehr davon; dann kann er sich da auch allein umschauen. Wichtiger ist, dass ich ihn Dima vorstelle … Seit ich mich allerdings in dem Wandspiegel hinter Miguel’s Tresen gesehen habe, bin ich mir wieder meines ungepflegten Äusseren bewusst. So unrasiert, so zerzaust und angeschmuddelt kann ich Dima nicht vor die Augen treten; solche Verwahrlosung toleriert sie nicht. Wütend würde sie mich sofort unter die Dusche stellen. Und Lemm hätte von ihr den Eindruck einer Furie.

Wir sind nun hier am Ende der Etyma, da wo sie sich zu einem großen Platz weitet. Ich deute auf die hohen Palmen in der Mitte: „Da stand früher das Denkmal von Andrias Entdecker. Man wurde sich aber nie einig, wer das nun wirklich war, und während irgendeiner Revolution wurde es schliesslich abgerissen. Ein vernünftiger Kompromiss, denke ich, denn dass hier anfangs nur Piraten anlandeten, weiss im Grunde jeder.“

Man kann hier, am sogenannten Platz des Entdeckers, unter den schattigen Bäumen ringsum, wie in Europa, sehr angenehm guten Kaffee trinken. „Schöner Platz, oder?“ „Kenne ich schon. Weil da drüben wohne ich.“ Lemm nickt in Richtung des großen Hotels, dessen unübersehbare Pracht würdig das Halbrund des Platzes gegen die Uferpromenade hin abschliesst. „Du wohnst im Harbour View?“ Babaal’s teuerstes Hotel. Ich staune; hatte wie selbstverständlich angenommen, dass er in irgendeinem preiswerten Guest House untergekommen sei. „Im vornehmsten Haus der Stadt, so so … Wie kommt’s?“ „Mach ich immer so. Buche einfach das Teuerste. Erspart mir die Sucherei.“ „Ach so … Na klar. Setzen wir uns.“ Nicht nur übernachtet der mal in sowas wie dem Harbour View, nein, der wohnt auch gleich da … Und nachdem ich ihn schon zweimal abgeschüttelt habe, findet er mich sogar im fernen Andria wieder … Komischer Vogel; und auch noch asexuell, wie er behauptet … Wird Zeit, sage ich mir, dass du dich mal für ihn interessierst. Denn ob er dir hier nun ein drittes Mal lästig wird, hängt ganz von dir ab.

Wir nehmen also vor einem der Cafes im Schatten der Bäume Platz.

„Lemm, erzähl: wieso bist du Praktikant?“ „Ihr Typen vom Flyshwerk nennt mich so. Weil ihr jeden nach Status einordnet.“ „Du meinst, das ist für dich, äh –“ „Irrelevant.“ „Ach so. Was interessiert dich am Flyshwerk?“ „Wie’s funktioniert. Weil sonst die Spiele nur was weiss ich sind – Zeitvertreib oder so.“ „Reicht dir nicht.“ „Nö. Bin damit aufgewachsen. Spielen kann ich sie. Auf jedem Level. Wie sie entstehen interessiert mich. Und wozu.“ „Warum deswegen gerade ins Flyshwerk? Gibt doch viele andere Hersteller.“ „Vielleicht weil ich als kleiner Stöpsel mit Azuma marooned angefangen habe“, er zuckt die Achseln, „und mir deshalb auch später die Flyshwerk-Spiele immer am liebsten waren.“ „Aber dich dann ausgerechnet an mich dranzuhängen – gibt im Flyshwerk doch wirklich interessantere Kreatoren. Oskar Pamir zum Beispiel. Der hat Format.“ „Bei dem war ich auch. Nachdem Sie mich das erste Mal abgeschüttelt hatten. Aber was Pamir macht, hat alles sowas Grandioses.“ „Ja, stimmt“, sage ich, „etwas Erhabenes, Unerreichbares. Sein Ideal ist das Perfekte.“ „Sodass man in seinen Realen immer irgendwie der Doofe ist. Und auf der persönlichen Ebene weiss er absolut nicht, was für ein Blödmann er ist.“ Ich lache laut heraus: „Pamir ein Blödmann? Dieser Gigant? Gibt doch gar keinen Gebildeteren als Oskar Pamir!“ „Ja, davon ist er vollkommen überzeugt. Deshalb wird man in seinen superklugen Realen als Spieler letztenendes nur dumm. Und ich war auch bei Götz Kobalt im Praktikum. Nachdem es Ihnen gelang, mich auch ein zweites Mal abzuschütteln. Bei Kobalt ist die Action, klar, und die ist auch genial bei ihm; gibt nirgendwo bessere; ist aber eben nur das: Action. Nur Leerlauf im Grunde. Dabei ganz okay, der Typ, nicht ganz so ein Blödmann wie Pamir. Im übrigen bin ich selber ein Blödmann.“ „Und ich?“ „Sie auch, Schell.“ „Das heisst du hältst uns alle für blöd.“ „Ich halte das inzwischen für die vernünftigste Prämisse, um über die Blödheit hinauszukommen.“

„Du sprichst jetzt so ganz anders, Lemm.“

Worauf er nickt. „So nett wie heute waren Sie noch nie zu mir, Herr Schell. Find ich gut.“ „Bitte entschuldige, dass ich solange dazu gebraucht habe. Wieso hast du nie was gesagt?“ „Hatte nie den Eindruck, dass Sie interessiert, was ich sage, oder weiss, oder wer ich bin. Bei Kobalt und Pamir dasselbe; sodass ich mir dachte, nicht zuzuhören scheint für Kreatoren normal zu sein.“ „Ich staune nur noch … Verstehe zum Beispiel, dass dir ja der ganze Azuma-Komplex schon bestens bekannt ist.“ „Nur auf der Spiel-Ebene, nur theoretisch. Wusste nicht, dass es all das, was ich aus dem Spiel kenne, wirklich gibt; dass es dieses Andria überhaupt wirklich gibt; oder dass sowas wie zum Beispiel die Azuma-Kapseln konkret tatsächlich existieren.“ „Deshalb sind Sie hier, Lemm –“ „Du.“ Er blickt mich scharf an.

Ich straffe mich. Verstehe: er für mich du, ich für ihn Sie, dabei sollten wir bleiben. Denn so ist es perfekt: der zerstreute Hilfskreator und sein traniger Praktikant. Von solch einem Duo ist nichts zu befürchten. Ich lehne mich wieder zurück, schaue herum, tue so als suche ich den Faden eines Gesprächs, das mich nicht sonderlich interessiert. „Nur verstehe ich noch nicht, was dich an ausgerechnet meiner Arbeitsweise interessiert.“ „Das Unfertige. Da bleibt in Ihren Realen immer etwas in der Schwebe, als seien sie alle unfertig, und das sind sie ja wohl auch; sodass ich jedesmal, wenn ich da aussteige, besser drauf bin als vorher, und Lust habe, selber irgendwie daran weiterzumachen.“ „Das ist allerdings ein großes Kompliment. Danke, Lemm.“

Praktikant! – Wie konnte ich nur diesen Kerl so unterschätzen? Was ich an ihm für schlaffe Tranigkeit gehalten habe, für allgemeines Desinteresse – nur weil ich eigentlich von ihm nie etwas wissen wollte! Niederschmetternd geradezu, was ich vor lauter Arroganz für ein Idiot bin!

„Stört mich übrigens nicht, als Depp behandelt zu werden. In dem Zen-Kloster, in dem ich mal ‘ne Zeit verbrachte, wurde auch jeder als Depp behandelt; bis man wusste, warum, und es einem egal war. Bei den Sufis, habe ich gehört, gibt’s eine ähnliche Tradition. Und so dachte ich mir, es könnte ja auch im Flyshwerk üblich sein, die Praktikanten erstmal Demut zu lehren; und die, die’s nicht lernen, ist man dann schon mal los.“

„Um ehrlich zu sein, hast du mich einfach nur genervt. Dass man dich benutzt, mich auszuspionieren, dachte ich. Da war’s im Flyshwerk nämlich längst schon so, dass man niemandem mehr trauen konnte.“ „Ja, hab ich gemerkt, in puncto Paranoia läuft’s im Flyshwerk wie in jeder andern Großfirma. Sehr unangenehm.“ „Warum dann mutest du’s dir zu? Wie es aussieht, bist du doch ganz gut bei Kasse.“ „Wegen der Erweiterung. Die ist sehr teuer. Man kann sie von einer der Tech-Firmen bekommen, klar, aber wenn man diese krassen Verträge nicht will, muss man sie natürlich selber bezahlen. Hab deshalb so Ketten aufgebaut, Gastronomien und Autowaschanlagen, und mit der Kohle davon konnte ich einsteigen; und mit zunehmender Erweiterung wurde das Geldmachen natürlich immer leichter. Immobilien, Aktien, Vermarktung von Start-ups.“ „Sagtest du nicht –?“ „Dass ich die Implantate nicht gut vertragen habe. Dass ich sie mir habe rausmachen lassen. Und ungefähr so teuer wie die Erweiterung, war es auch, sie rückgängig zu machen. Doch da war ich mit dem Geld schon an dem Punkt, wo’s nicht mehr weniger, sondern nur noch immer mehr wird.“ „Und nebenher warst du bei mir der doofe Praktikant … Unglaublich, Lemm.“

Ich winke dem Kellner und bestelle einen zweiten Kaffee; während Lenn offenbar an seinem Glas Wasser genug hat.

„Woher wusstest du, dass ich mich nach Babaal habe versetzen lassen?“ „Wusste ich nicht.“

Ah – schon wieder! Habe immernoch nicht begriffen, dass es gar nicht um mich geht. „Hatte nicht vor, Ihnen ein drittes Mal lästig zu werden. Hat sich nur so ergeben.“ „Doch nicht zufällig!“ Lemm zuckt die Achseln. „Als ich im Praktikum bei Kobalt war, hiess es, das Flyshwerk sei verkauft, sei von der Moonrow übernommen oder in irgendwas noch Größeres eingegliedert worden; hätte inzwischen jedenfalls seine Zentrale verloren. Was Kobalt allerdings nicht glaubt; er ist überzeugt, die hätte sich nur still nach woandershin verlagert und sich abgeschottet. Fand ich plausibel; und dass er meinte, da sei nun unmöglich noch reinzukommen, hat mich natürlich gereizt. Hacke mich da also rein, und das war nun wirklich nicht leicht. Bin auf härtestes Ice gestoßen. Ohne Monalisa’s Hilfe – weiss nicht, ob ich’s überlebt hätte.“ „Weil die erweitert ist.“ „Ja, und Wahnsinnsmengen verarbeiten kann.“ „Aber du weisst, dass um nach Babaal zu kommen gar keine Rechenleistung nötig ist?“ „Tja, wenn man das Ziel kennt. Nur wussten wir ja nicht, wo es tickt, das Ding; wussten nichts von Babaal, ich meine dass es das in echt gibt. So ein Online-Spiel wie Flysh ausgerechnet von einem Funkloch aus zu steuern – wer kommt denn auf sowas?“ „Ist ‘ne Story für sich.“ „Denk ich mir. Jedenfalls war uns klar, dass wir nicht in den Kern eindringen, ohne dass sie uns erwischen.“ „Und dass du hier sitzt heisst, sie haben euch nicht rausgeschmissen, sondern euch ein Angebot gemacht: Ihr dürft euch weiter in den Kern hineinbohren und dafür informiert ihr uns; oder auf kurz: Praktikum im Regierungspalast.“ Worauf Lemm nickte.

„Der Informant. Gratuliere, Lemm. In der Rolle bist du wirklich gut.“ Und ich denke: Der kennt im Flyshwerk längst die alten und auch ältesten Schichten, vielleicht sogar die Mayer-Tong-Ebene … Ich muss ihn also gar nicht erst zu meinem Nachfolger machen, er ist es schon.

„Und Monalisa und du, ihr seid –?“ „Die ist auch seit ewig im Flysh-Ding unterwegs. Hat so wie ich auch als Kind mit Azuma marooned angefangen. Wir kennen uns von einer – raten Sie mal, von welcher Plattform?“ „Schells Bureau.“ „Das sie am liebsten in die Luft jagen würde, so genervt ist sie davon.“ „So schlimm? Wieso?“ „Muss für ‘ne Erweiterte einfach die fürchterlichste Zumutung sein. Diese Langsamkeit.“ „War dann gestern also gar nicht nur der Netz-Entzug, der sie so dünnhäutig machte …“ „Sie sind ihr Hassobjekt. Aber mich hält sie auch kaum noch aus. Die braucht Kontakt zu anderen Erweiterten, und vor allem Netz, sonst geht die demnächst durch die Decke.“

Ich seufze.

Vor mir liegt das als Geschenk verpackte Buch. „Ach ja … Für dich.“ Ich reiche es ihm herüber. „Danke.“ Er packt es aus, klappt es gleich auf und fängt zu lesen an.

Ich bewundere einmal mehr den schönen Einband in mattem Gold, der Nationalfarbe der Inseln. Oben der Titel in Schwarz: Andria. Unten in kleinerer Schrift: Bericht von Linval Livermore. In der Mitte dazwischen, in derselben Zeichnung wie auf der andrianischen Staatsflagge: das Kolibri-Pärchen.

Ich nehme mir den Bright Day vor. HELLE NACHT IN BABAAL, so lautet die Schlagzeile zu einem euphorischen Hymnus auf die Stadtwerke, die es nun tatsächlich vollbracht haben, die ganze Hauptstadt zum erstenmal seit Menschengedenken ohne eine einzige Unterbrechung rund um die Uhr mit Elektrizität zu versorgen.

Der Artikel darunter berichtet gleich von einer weiteren historischen Großtat: Nach monatelangen Verhandlungen zwischen der andrianischen Regierung und einem multinationalen Technik-Konsortium ist gestern feierlich der Vertrag zum Aufbau eines neuen Funknetzes unterzeichnet worden; und dieses spezielle neuartige Netz werde, wie es heisst, trotz der hiesigen Anomalie endlich auch in Andria eine stabile Drahtlos-Übertragung ermöglichen. – Und wieso weiss ich davon nichts? Wo ich doch aktiv in die Regierung verwickelt bin? Dann ist ja klar, warum mein Büro jetzt digitalisiert werden soll!

Aber ist das nicht auch schon egal? Ich will doch sowieso hier raus.

Und dann finde ich noch im Kulturteil etwas interessantes: Weltberühmtes Trio in Babaal zu Gast. Es wird eine Reihe von Konzerten auf Fair Island geben, und der Musikverein ist überglücklich, die Musiker dafür gewonnen zu haben, hier, bevor sie weiterreisen, wenigstens ein Konzert zu geben. Heute Abend. Und weil da steht, dass sie Schubert’s Klavier-Trio in Es-Dur spielen werden, gehe ich da auf jeden Fall hin.

Und dass der Geiger, lese ich, eine Guarneri spielt – worauf ich sofort an Brains denke: Ist nicht seine große Leidenschaft die Violine? – Deshalb, na klar – okay, Paley, ich werd dir erzählen, warum sich Detective Brains in Babaal aufhält.

Da klappt Lemm das Buch zu. „Sind wir fertig für heute? Sonst würde ich gern nach Hause und mir das mal durchlesen.“ „Klar. Gut. Mach das“, sage ich. „Morgen Vormittag irgendwann im Büro.“ Er steht auf, und da sehe ich Monalisa herankommen – und wen hat sie im Schlepptau? Rivera. „O je, Lemm, guck mal!“ „Hi, Monalisa.“ „Was hast du da?“ „’n Buch.“ „Ach du Scheisse, bestimmt von dem da!“ Sie wirft mir kurz einen vernichtenden Blick zu. „Wir müssen reden, los, komm mit!“ Schon hat sie ihn beim Arm gepackt und führt ihn ab; diesen Eindruck macht es jedenfalls. Und Rivera, erschöpft, sinkt mit einem „Ufff“ auf den Stuhl mir gegenüber. Ich grinse ihn an. „Bezaubernd, nicht wahr? So ist Erweiterung.“ „Soll heissen?“ „Implantate. Die junge Dame kann Unmengen von Daten verarbeiten. Wenn sie Netz hat.“ „Hat sie hier aber nicht – ach so! Deshalb ist die so im Overdrive!“ „Die Arme. Hoffentlich macht sie mir jetzt den Lemm nicht kaputt.“

Rivera bestellt Rum. „Noch ein bisschen früh dafür, ich weiss. Aber mir reicht’s für heute. Sag die Wahrheit, Schell: Hast du die auf mich angesetzt?“ „Ich bekenne: Hab daran gedacht; aber dazu kam’s nicht. Sie hasst mich.“

Rivera nickt vor sich hin; denkt nach. Einmal mehr bewundere ich seine makellose Erscheinung: Old School in feinster Vollendung, inklusive dem Veilchenduft verströmenden Tüchlein am Jackett. Er bemerkt meinen Blick. „Was ist?“ „Siehst mal wieder wie aus dem Ei gepellt aus.“ „Du dagegen … Ich muss schon sagen, Schell, wie du herumläufst dieser Tage …“ „Wie ein Penner, ich weiss. Und so komme ich mir auch vor.“

Der Kellner bringt den Rum. „Und bitte diesem Herrn auch gleich einen“, sagt Rivera, „Sie sehen doch, wie der den braucht!“

Ich nicke; und man schmunzelt.

B.11

Seltsamen

Wie seltsam das gewesen war, hinter mir Ingrun auf dem Rücksitz zu haben … Die Fahrt war in völligem Schweigen verlaufen, und ohne Musik, und das Ziel war ein großes Apartment-Gebäude gewesen, in einer ruhigen, recht teuren Wohngegend. Sie hiess mich dort in die Tiefgarage fahren, dirigierte mich auf einen bestimmten Stellplatz und fuhr mit mir den Aufzug in die vierte Etage hinauf; und noch immer schwiegen wir uns an.

Das Apartment, in das sie mich führte, gehöre ihr schon lange, erklärte sie. Mahmoud habe eine Zeitlang hier gewohnt. „Bevor er bei mir eingezogen ist. Du weisst ja wohl, dass Mahmoud und ich …“ Worauf ich nur ungeduldig nickte. „Zur Sache, Ingrun. Was soll das Ganze?“

„Ausser mir kennt nur Mahmoud diese Wohnung, und jetzt noch du. Denn bei Manne auf der Tankstelle bist du nicht mehr sicher, und falls du dich dringend mal verziehen musst, hast du nun diese Schlüssel hier … Dieser ist für die Wohnung und dieser für Haustür und Tiefgarage. Der kleine ist für den Briefkasten und dieser vierte hier für einen Raum im Keller. Der anhand der Numerierung leicht zu finden ist; wo in Pappkartons der Kram lagert, den du, als wir uns damals trennten, bei mir zurückgelassen hast.“

„Ach“, sagte ich und nahm den kleinen Schlüsselbund in Empfang, „dann waren also meine Sachen tatsächlich bei Mahmoud. Nur dass der von diesem Kellerraum nichts wusste.“ „Dass ich den ihm gegenüber erwähnte, bin ich mir sicher; und er hatte ja den Schlüssel … Hat aber immer soviel anderes im Kopf, der Gute.“

„Ich brauch den alten Kram inzwischen sowieso nicht mehr. Aber trotzdem Danke, Ingrun. Für diese Schlüssel. Dein Vertrauen. Dass du dir Sorgen um mich machst. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann …“ Sie winkte ab, sagte: „Da kommt was auf uns zu, genaues wissen wir noch nicht. Ein Virus. Der wird dies ganze Level fressen. Uns bleibt kaum noch Zeit.“ „Soll ich dazu, äh, irgendwie was sagen?“

„Wir sind vier Dreier-Teams auf diesem Level, und nur wenn wir zusammenarbeiten, ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, zu lösen. Leider sind von den vier Teams aber nur zwei stabil. Das eine besteht aus Iris, Maja und mir –“ „Maja? Maja Maier? Alias Frau Doktor?“ „Ja. Und Iris kennst du auch: die Psychologin, die dich zu Frau Doktor geschickt hat.“

„So habt ihr alles eingefädelt …“ Klar, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam.

Das andere stabile Team, laut Ingrun, bestand aus Nolte, Trisha und Gino. Gottfried Nolte, klar, den kannte ich, doch die anderen beiden – „Gino? Trisha?“ „Gino bist du sicher noch nicht begegnet. Aber Trisha – Patricia Percival –, du hast sie mal im Taxi gehabt. Durch sie bist du an die Azuma-Statuette gekommen.“ „Verstehe.“ Die Amerikanerin, die damals in meinem Taxi jenen Briefumschlag auf dem Rücksitz „gefunden“ hatte, mit dem Schlüssel darin, für das Bahnhofsschliessfach …

Das dritte Team, erfuhr ich, bestehend aus Uschi, Lady Rainbow und Beppo, war schon seit Jahren durch Beppos Autismus wie lahmgelegt. „Fraglich, ob der wirklich Autist ist“, sagte Ingrun. „Kann auch sein, dass er nur simuliert. Oder unter einer Art Bannzauber steht. Wie’s aussieht, stehen jetzt die Chancen aber gut, ihn rechtzeitig noch da herauszuholen. Woran wir tatsächlich scheitern werden, ist das vierte Team: ist Sciffi, ist Manne, bist du, Schell. Wir alle, das heisst wir zwölf, scheitern, weil wir eine Einheit sind und nur als Einheit weiterkämen, und weil ihr drei das leider vergessen habt. Und was hat euch so vergesslich gemacht? Die Drogen. Und daran zu scheitern letztenendes, an so einer blöden kleinen Molekülverbindung namens THC, ist wirklich deprimierend.“ „Da muss ich doch entschieden protestieren!“

„Okay – Manne und Sciffi, die jedenfalls konnten nicht rechtzeitig davon lassen. Aber wovon du nicht lassen kannst, ist um keinen Deut besser: deine Selbstbezogenheit. Sie hat dich total verblendet, Schell, und ist so verdammt zäh, dass sie auch dich alles hat vergessen lassen. Sodass du mir nicht glaubst, kein Wort, auch jetzt nicht, das merke ich sehr wohl.“ „Stimmt. Aber wie es aussieht, gibst du dir reichlich Mühe mit mir – und ja nicht nur du – und das macht mich natürlich nachdenklich. Sagen wir also, ich setze zur Abwechslung mal den Unglauben aus – wie sollte idealerweise denn die Sache laufen?“

„Das lässt sich nur symbolisch sagen. Es hat mit dem König zu tun. Der sein Gedächtnis verloren hat. Und sehr krank ist deswegen. Und geheilt werden muss.“ „Du meinst, wie in der Sage vom Gral? Mit König ist der Hüter des Heiligen Grals gemeint?“ „Es ist immer dieselbe Geschichte. Nur sieht sie immer anders aus; so anders jedesmal, dass man sie nicht erkennt, oder zumindest nur unter Schwierigkeiten.“

„Schwierigkeiten, die man zu meistern hat, verstehe – um die Geschichte, die eigentliche, wiederzuerkennen. Worin der Sinn der Sache liegt.“ „Du selbst, Schell, müsstest über diese Geschichte im Grunde am meisten wissen. Nicht zufällig ist dir das entsprechende Zeichen zugespielt worden. Übrigens unter einigem Aufwand – frag nur Trisha danach, falls du sie mal triffst.“

Ich dachte an die kleine Plastikfigur im Handschuhfach des Taxis und seufzte. „Der Instinkt sagt mir, dass dieser ominöse König Azuma mich nur ablenken soll. So wie das ganze Spiel, von dem dauernd die Rede ist, Flysh, mir wie ein einziges Ablenkungsmanöver vorkommt. Doch wovon es mich ablenkt? Keine Ahnung.“

„Und spielt auf diesem Level auch sicher keine Rolle mehr. Hier, wie gesagt, sind wir so gut wie fertig. Wusstest du, dass du nicht mal mehr ein Team hast? Sciffi ist nämlich inzwischen bei euch raus; ist jetzt ein Team mit Habib und dem IT.“

Da glotzte ich. Der Computer-Nerd, der Berufskriminelle und der dauerbekiffte Magier: ein Team! Und Ingrun nickte. „Kannst dir wohl denken, wie weit das, was die in diesem Spiel verzapfen, von dem wegführt, was wir erstreben.“ „Kann ich mir denken, ja. Wenn das so eine Gralsgeschichte ist.“

Ich überlegte. Sciffi also hat sich von uns losgesagt, das heisst jetzt sind wir nur noch elf … „Könnte Mahmoud nicht an Sciffis Stelle treten? Mit ihm im Team, das wäre schön!“ Da musste Ingrun lächeln. „Ist irgendwie entwaffnend, dass dir der Ernst der Lage noch so gar nicht klar ist.“

Ich saß, wie so oft, im Lesesaal einer der größten Bibliotheken Frankfurts; an diesem Nachmittag aber nicht, um zu lesen – auch wenn ich ein Buch aufgeschlagen vor mir liegen hatte –, sondern um in Ruhe nachzudenken; und das aufgeschlagene Buch war diesmal auch nicht, wie sonst in letzter Zeit, ein Band aus der Gesamtausgabe Schellings, sondern eine Sammlung von Briefen Hölderlins. Mein Blick, während ich mich konzentrierte, ging da weniger hinein, als vielmehr da hindurch, das heisst ich sah die Zeilen kaum; stattdessen blickte ich zurück.

Obwohl so unwahrscheinlich war, was Ingrun mit erzählt hatte, beschloss ich ihr zu glauben. Denn so ergab ja plötzlich alles einen Sinn. Und ich sagte mir: Sobald ich nicht mehr vergesse, dass ich mich ja dauernd irre, wird mir vielleicht auch das, was ich davon immernoch nicht glauben kann, allmählich glaubhaft werden. Im übrigen war das ja nicht das einzig Seltsame in jüngster Zeit gewesen …

Zum Beispiel traf ich neuerdings beim Joggen dauernd dieselbe Joggerin; was nichts besonderes wäre, würde ich immer zur selben Tageszeit dieselbe Strecke laufen. Doch traf ich sie auf jeder Strecke und egal, wann ich lief. Und vage kam sie mir auch irgendwie bekannt vor. Bis es zuletzt dazu gekommen war, dass sie mich beim Joggen überholte und dabei zu mir sagte: „Du hast keine Zeit mehr zu verlieren.“ War das ein Scherz? „Was meinst du?“, fragte ich, und sie: „Dass du wirklich demnächst los musst!“ Nachdem Ingrun sie erwähnte, Iris nämlich, wusste ich plötzlich, wie und wo ich diese Joggerin schon mal gesehen hatte: als jene Psychotherapeutin, die mich damals zu Frau Doktor schickte!

Dass ich wirklich demnächst los muss … Konnte sich ja wohl nur auf das beziehen, was ich nun schon so lange vor mir her schob: den vielbesagten Urlaub.

Dass mir wahrscheinlich eine Reise gut tun würde, sah ich ein; doch wohin verreisen, wusste ich noch immer nicht. Wenn ich manchmal in Buchhandlungen vor den Regalen voller Reiseführer stand, fand ich so ziemlich alles interessant. Sobald ich allerdings in einem davon zu blättern begann, verliess mich jegliches Interesse. Oder in Reisebüros: in dem Geprassel bunter Angebote verging mir alle Reiselust schlagartig. Im übrigen war ich bisher auch in der Frage, welche Lektüre zu dieser Reise die geeignete sei, noch zu keinem Ergebnis gekommen. Und was lag diesem Pseudoproblem tatsächlich zu Grunde? Dass ich einfach nicht Tourist sein wollte. Dass ich der Ansicht war, die Welt, so wie sie ist, liess gar nicht mehr das zu, was ich mir unter Reisen vorstellte.

Wenn ich im Geiste auf der Suche nach einem Urlaubsort irgendwelche Landstriche, Küsten oder Flussgebiete überblickte, geriet ich immer wieder an gewisse Stellen, die sich seltsam wiederholten. Da war zum Beispiel diese schmale kurvige Straße in die Berge hinauf, stets bei Sonnenschein, mit Ausblick auf ein Meer, und jedesmal war ich überrascht von dem Duft, den leuchtenden Farben, der Frische der Luft. Auf dem Balkan, keine Ahnung, wo genau; und die kleine Stadt, in der ich jedesmal aus einem alten Autobus stieg, war immer dieselbe, bekannt als Markt für Edelsteine und für die Schönheit ihrer Frauen. Ich allerdings kam wegen spezieller Höhlen, die es angeblich in dieser Gegend gäbe.

Am häufigsten geriet ich jedoch an diesen anderen Ort, auch irgendwo im Süden: Stets in der Hitze einer betäubenden Mittagssonne, zwischen zerstörtem Gemäuer; wo ich mich jedesmal über schiefe uralte Pflastersteine zu einem schon lange, lange ausgetrockneten Brunnen schleppte; dort verharrte; die Eidechsen beobachtete; und das Gefühl eines fürchterlichen Elends um mich spürte. Manchmal hörte ich etwas wie erstickte Schreie, doch das, wie ich mir sagte, konnte nur Einbildung sein.

Wahrlich war das kein angenehmer Ort, und also warum landete ich im Geiste – fast schon wie in einer Endlosschleife – immer wieder dort? Jedesmal aber, bevor sich eine Antwort darauf fand, war ich schon wieder raus aus diesem Bild; und das war typisch für alle diese Orte, an die es mich imaginär verschlug: sie entzogen sich, wie Traumbilder, meiner Kontrolle.

Und mindestens so merkwürdig, so verstörend seltsam, war es neulich gewesen, in einer Zeitschrift ein Bild von mir zu entdecken; nämlich in einem Spiele-Magazin, auf einem ganzseitigen Foto, einer Werbung für einen sogenannten Re-Run, die Neuauflage eines alten Computerspiels:

AZUMA MAROONED – das legendäre Abenteuer: vollständig rekonstruiert – in neuem Style – auf deinem Phone!

Konnte der auf diesem Foto wirklich ich sein? Nein! Aber ich war’s; erkannte mich fast überdeutlich klar: in einem orientalischen Kaffeehaus, im Gespräch mit einer gesichtslosen, schwarz gewandeten Gestalt. Und meiner Verblüffung folgte die Empörung: Mich einfach in eine Werbung zu versetzen, ungefragt, das kann man doch nicht machen! – Doch, kann man; und meiner Empörung folgte ein gehöriger Schub Paranoia. Und wie da mein Herz mal wieder losgeklopft hatte!

Jedenfalls verliefen alle diese seltsamen Vorkommnisse nach einem Muster: was zumeist recht amüsant begann, schlug jedesmal ins Bedrohliche um. Wie auch gestern Abend, als ich an einem Taxistand am Bahnhof vor mich hindösend im Wagen saß. Da hatte ich plötzlich so eine Urstadt vor Augen, Uruk zum Beispiel, oder Ninive, und die verwandelte sich wie in Kaskaden epochaler Überblendungen in die nächtliche Szenerie einer Mega-City der Zukunft. Ich sah Leute mit Rüsseln, mit gepanzerten Schädeln, mit Stacheln und Schwänzen, und andere mit Lichtkörpern, nahezu durchsichtig und mit flügelartigen Schultern; staunte sehr, und als da auch eine pralle Sexblüte vorbeitrieb, dachte ich nur: Aha, auch hier treiben pralle Sexblüten vorbei … „Muss irgendwo sein“, sagte da jemand hinter mir; ein Mann; hatte gar nicht bemerkt, wie er eingestiegen war. Er kramte in einem Aktenköfferchen. „Ich will Sie nicht mit Kartenzahlung nerven, habe Geld dabei, Bargeld … Nur etwas Geduld, bitte. Nach schon wieder so einem Tag bin ich jetzt, äh …“ „Ein bisschen zerstreut?“ „Was? Jaja … Sie haben ja keine Ahnung, was wirklich läuft, sonst säßen Sie nicht mehr gemütlich … Ach was, seien Sie froh, so hier im Stillen sitzen zu dürfen und einfach nur mitfühlend meinen Schwachsinn zu ertragen.“

„Sind Sie Schriftsteller?“

„Statistiker. Beim Großen Discounter. Kenne die Kosten der billigen Preise bis ins kleinste Detail. Wenn der letzte Fisch gefangen, der letzte Baum gefällt ist und so weiter, Sie wissen schon – was uns dieser Indianerhäuptling damals schon klarzumachen versuchte: dann werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. Wissen Sie, wie blöd man sich mit derartig alten Neuigkeiten vorkommt?“ „Ja, saublöd. Und Bits kann man übrigens auch nicht essen.“ „Aber so unfassbar blöd wir auch sind, das System funktioniert.“

„Ich fahre Sie irgendwohin und Sie bezahlen, okay?“

„Warten Sie. Ich könnte gerade eine Bombe deponiert haben, zum Beispiel in diesem Alien-Shop da drüben.“ „Etwa um sich vor dem Bezahlen zu drücken? Steigen Sie aus, Mann!“

„Sie haben hier und jetzt die Chance, viele Menschenleben zu retten. Verstehen Sie?“ Er hielt sein Handy in die Höhe: „Hiermit kann ich die Bombe zünden. Und Sie, der unscheinbare Taxifahrer, können über Nacht zu einem Helden der Humanität werden, indem Sie mich mit einem überzeugenden Argument – nur einem einzigen! – daran hindern.“ „Belabern Sie jemand anderen – raus jetzt!“ „Es ist zu unwahrscheinlich, meinen Sie, dass –?“ „Ich meine: Raus aus meiner Karre!“

Genug.

Ich versuchte in dem Buch zu lesen, das hier aufgeschlagen vor mit lag – die Briefe Hölderlins – doch wieder ging mein Blick wie durchs Papier hindurch; hatte da, gestochen scharf, Frau Doktor vor mir, und ich staunte, mit welch hoher Energie ich projizierte – das grenzte schon an echten Blickkontakt! – Und sah jetzt mich. Durch ihre Augen. Im Strafraum. Vor ihr auf den Knien. Nackt. Diesmal aber ganz anders als sonst.

Während die Sitzung zuvor noch eher wie üblich verlaufen war … Erst jetzt, hier in der Bibliothek sitzend, rückblickend, bemerkte ich, dass sich aber schon in dieser vorletzten Sitzung etwas verändert hatte. Wie ich mich nämlich so sah, ihr gegenüber, durch ihre Augen, und mich reden hörte, da fing ich erst so richtig an, meine Geschwätzigkeit zu hassen:

„Wir haben inzwischen ja durchschaut, was mein Gerede eigentlich verschlüsselt: Scham. Dass sich für den Schamhaften gerade im Beschämendsten, im Allerpeinlichsten, eine besondere Wonne verbirgt. Das skandalöse Geheimnis des absoluten Nur-für-mich. Der Ego-Kick schlechthin. Der enthüllte Kern der Scham. Das Schamlose selbst. Woran der Schamhafte sein schamloses Selbst entdeckt. Nur eine Fiktion natürlich, ein fiktiver Fetisch; jedoch genauso magisch aufgeladen wie ein echter Fetisch, und mindestens genauso wirksam, genauso unwiderstehlich. Sodass der Schamhafte, süchtig nach dem Schamgefühl, willentlich es wieder und wieder in sich auslöst. Wobei allerdings nicht zu übersehen ist, dass der banale Gehalt der Sache nur deshalb unbedingt im Dunkeln bleiben muss, weil er so dermaßen banal ist; stellt doch dieser banale Gehalt mein Selbstbild, ja die ganze absolute Wichtigkeit meiner Person in Frage. Mich zu zwingen, dieser meiner Banalität mich auszusetzen, sie zu belichten sozusagen, das wäre mir ohne Sie, Frau Doktor –“

„So reichlich Sie Ihr Selbstbild vor uns ausgebreitet haben, reicht’s nun, denke ich. Haben Sie je erwogen, dass es nur ein Bild ist?“

„Mein Selbstbild? Ein Bild, ja – natürlich!“

„Und dass dieses Bild für jemand anderen als Sie gar keine Realität hat?“

„Ist möglich, ja.“

„Ihr Selbstbild könnte also nur für Sie real sein?“

„Wie gesagt …“

„Hätte ohne Sie überhaupt keine Realität?“

„Was denn? Ich sage doch: ist möglich.“

„Die Frage ist die: Halten Sie das wirklich für möglich?“

„Verstehe.“ Was gab’s da zu verstehen? Irritiert, genervt, nahm ich rasch Zuflucht zum Banalen: „Die Scham, sie funktioniert natürlich nur, solange man dasselbe wie die Allgemeinheit als Tabu empfindet. Äh – okay? Soll ich sagen, wie ich mich fühle? Wie wenn sich das Besondere im Allgemeinen oder umgekehrt das Allgemeine im Besonderen wiederfindet. Ah, Sie schauen auf die Uhr. Bin ins Schwafeln geraten – dann schreiten Sie umgehend zur Bestrafung bitte!“ „Sie kommen heute mal wieder ohne Strafe davon.“ „O bitte!“ Sie tippte auf ihre Uhr: „Lohnt nicht mehr.“

Wie gereizt ich gewesen war nach dieser Sitzung, kann man sich denken; trotzdem hatte ich gleich schon – ich war ja süchtig – den nächsten Termin ausgemacht. Und dann allmählich begriff ich, dass ich ihre Frage gar nicht verstanden hatte. Hielt ich es wirklich für möglich, dass für jemand anderen mein Selbstbild gar nichts reales ist? Das heisst: ist das möglich? Dass mich andere gar nicht so sehen wie ich mich selbst? Eigentlich, je genauer, je ehrlicher ich’s bedachte, hielt ich es nicht für möglich. Und zugleich mit diesem Eingeständnis ging meinem Selbstbild schon einiges an Realität verloren.

Man gleicht sich im Laufe der Zeit seinem Selbstbild an, dachte ich, und irgendwann schafft man es, damit übereinzustimmen; und ohne es überhaupt mitzukriegen, ist man plötzlich dann damit identisch: ist souverän man selbst – und klar, wie kommt man da wieder heraus? Unmöglich. Man weiss ja gar nicht, dass man drinsteckt. Das nennt man: in der Falle sitzen. Daher musste es ja dann beim nächsten Mal so ganz anders laufen als bisher:

Ich musste mir die Bestrafung gar nicht erst durch eine komplizierte Beichte im Sprechzimmer verdienen, Frau Doktor fragte nur: „Erinnern Sie sich noch an Ihr Problem, Samsa?“ „Impotenz? Oder nein, Sie meinen wahrscheinlich diese Mixtur aus konträren Gefühlen: Minderwertigkeit und Hochmut. Die sich gegenseitig bedingen.“ „Und meinen Sie immernoch, diese Mixtur sei etwas besonderes?“ „Sie meinen: lächerlich, sich darauf etwas einzubilden?“ „Ermüdend. Das immer wieder aufzuwärmen. Und ja, lächerlich auch, solche Nabelschau für Psychologie zu halten. Kommen Sie, gehen wir rüber.“

Zwar durfte ich niederknien, in gewohnter Weise nackt und angekettet, zum erstenmal aber ohne die Augenbinde. Und diesmal zog auch sie sich aus.

Ich starrte ihre Brüste an; konnte den Blick gar nicht mehr davon lösen; dachte zweimal, dreimal, viermal: Die kenne ich! Wie aber kann das sein? Nur einmal in meinem Leben hatte ich Brüste skurril gefunden, und zwar genau diese: seltsam länglich und aufwärts geschwungen, wie weisse Hörner, deren Enden aus sehr großen glatten Höfen sich zu glänzendem Rosa spitzten … Woher? Woher nur kenne ich die? Wie Hörner …

Zunächst, wie üblich, versuchte ich zu rationalisieren: Brüste wie diese kommen doch immer wieder vor, sicher hast du auch mit solchen irgendwo, irgendwann einmal herumgemacht … Doch hatte ich nicht mehrmals schon Anflüge des Gefühls gehabt, sie zu kennen, diese Frau? Gar nicht als Frau Doktor, sondern von viel früher her, in einer anderen Rolle …

„Was starren Sie so, Samsa? Sind doch nur Titten!“

Wie absurd das klang … Ich sagte mir: Du schläfst. Wach auf! „Hab neulich was geträumt …“ Und da wurde mir schwindelig.

Was erkannt werden wollte, liess sich nun nicht länger abhalten. In jenem Traum, in dem ich mich in sie – nein, nicht in Frau Doktor, vielmehr in diese Frau verwandelt hatte, da spürte ich mich ganz und gar in dieser Form, nicht irgendwie nur allgemein, sondern konkret in jeder Faser, und eben auch, und das unter dem nassen Hemd besonders intensiv, in diesen Hörnern; ich hatte sie, fühlte sie an mir selbst, sie gehörten mir an.

Und da entsann ich mich der Höllenangst, die ich nach jenem Traum gehabt hatte. Als ich da nämlich hinausglitt, kurz bevor ich richtig wach wurde, erkannte ich, mit was für Mächten ich’s zu tun hatte; nicht mit den guten nämlich, sondern mit den bösen; mit dreien, genau genommen, die insbesondere zu fürchten sind.

Den einen Dunklen – der so hell erscheint, den Blender – kennen alle: den Gefallenen, Luzifer genannt. Sein Gegenspieler, der andere Dunkle – der superintelligente Lügner, den ich den Technus nenne –, ist weniger bekannt. Diese beiden kenne ich, das heisst erkenne, wie sie auf mich wirken; was in Bezug zum dritten Dunklen – zu den Aggatt – so leider nicht der Fall ist.

Und jener Traum, so wurde mir jetzt klar, ist eine Warnung vor den Aggatt gewesen.

War mir das Fest, der Potlatch, nicht wie ein Treffen mit meinem Stamm vorgekommen? Und gehörten die Frauen in dem Caravan, mit denen ich vor der Sturmflut davongerast war, nicht auch dazu? Und da ich diese Frauen als Aggatt erkannte, waren dann also die Aggatt – mein Stamm? Ich also – eine Aggatt?

Derselbe Schrecken durchfuhr mich erneut.

Die Aggatt sind eine kosmische Rasse von Kriegerinnen; nur stelle man sie sich bloß nicht nach unseren Klischees der Raumfahrt vor, dann wären sie tatsächlich amüsant; höchstens könnten sie einem ein wenig das Gruseln lehren. Auch ich hatte keine Angst vor ihnen, solange ich nicht wusste, wie und was sie wirklich sind; solange sie mir nämlich nur in ihrer Schund-Version begegneten, so wie in einer Weltraum-Operette. Denn solange wirkten sie nur ausgedacht. Seit ich sie aber in mir weiss, durch mich wirkend, ist das anders. Ich weiss sie im Unbewussten verborgen. Sie bedienen sich der Willenskraft und nehmen mit Vorliebe die Gestalt ihres Gegners an. Wer oder was ist ihr Gegner? Was ich in mir sagt.

Die Angst, von ihnen auf grausamste Weise vernichtet zu werden, ist alles andere als unbegründet. Manche aus dieser Angst heraus, manch andere, weil diese Lebensform sie so begeistert, verbünden sich mit ihnen, werden selbst zu Aggatt; während die meisten aber, wie ich hoffe, von ihnen nie im Leben etwas mitbekommen.

Hier jedenfalls, das war mir in diesem Moment – nackt und gefesselt auf den Knien – sowas von klar, hatte ich die Entscheidung zu treffen: Den Aggatt widerstehen, jetzt!, oder fortan als Aggatt weiter, von Rausch zu Rausch, unsterblich in ewiger Nacht, immer in Wut, in Krieg und Ekstase, um wo immer wir auf Freundlichkeit stoßen, auf Treue, oder auf Glauben, auf Hoffnung – oder auf die für Aggatt tödlichste Bedrohung: Liebe –, sie zu zerstören.

Sie hatte breitbeinig über mir gestanden; jetzt ging sie vor mir in die Hocke. „He, Samsa, Sie sind ja kreideweiss. Machen Sie etwa schlapp?“ Ich erinnerte mich, darauf erwidert zu haben: „Ich glaube, ich will jetzt nicht mehr Samsa sein.“ „Dann brauche ich auch nicht länger Frau Doktor zu spielen …“ Jetzt lächelte sie. „Aber im Ernst, du siehst wirklich fix und fertig aus. Würde sagen, da hilft jetzt nur noch echte Medizin, und zwar die allerälteste, die Urwaldmedizin.“

Sie löste mir die Fesseln an den Handgelenken und ich dachte: Was ich von wegen des Heroischen neulich zu ihr sagte, war ernst gemeint: Dass ich den Kampf gegen meine Verkorkstheit nicht aufgeben werde; dass ich dieses Peinliche, Schmerzhafte, nicht einfach da in mir gewähren lasse. Denn so leicht es sich auch bagatellisieren lässt, es ist böse, und ich werde es in mir nicht akzeptieren, niemals.

So hatte ich entschieden.

Wir legten unsere Kleidung wieder an. Dann setzte sich Frau Doktor auf den Boden, mit einem Kissen im Rücken an die Wand gelehnt und den Rock soweit hochgeschoben, dass sie ihre angewinkelten Knie auseinanderspreizen konnte. Sie deutete dicht vor sich auf den Boden: „Hierhin, und mit dem Rücken zu mir.“ Ich fragte mich besorgt: Urwaldmedizin?, tat jedoch wie mir geheissen. „Und jetzt lehnst du dich an mich an.“

Sehr aufrecht, sehr steif, lehnte ich mich vorsichtig zurück.

„Bitte richtig, okay? Lass los. Und halte auch bitte nicht weiter die Luft an.“

Kurzum, es dauerte einige Zeit, bis ich mich entkrampfte, mich an sie wirklich anlehnte, oder genauer: in sie einsank; so nämlich fühlte es sich an, als mir das Loslassen schliesslich gelang.

Im ersten Moment hielt ich das, wo ich mich wiederfand, als ich die Augen schloß, für den Denkraum. Der glich nun aber gar nicht mehr dem Spiegelkabinett, dem also, was mir als der Tautoloid vertraut war. Nicht verlor sich, was ich dachte, nach allen Seiten ins endlos immer Fernere. Stattdessen kam von allen Seiten, auch von unten und von oben, etwas immer näher auf mich zu, und das war nicht dieselbe Stille, die ich hier schon des öfteren erfahren hatte. Still war sie zwar auch, sprachlos, unbegrifflich, doch vor allem war sie Farbe, nämlich grün. Und da erst fiel mir auf, dass es zuvor zwischen den Spiegeln immer völlig farblos zugegangen war; es hatte im Tautoloid also gar kein natürliches Licht gegeben! – Ja wie auch? Du hast ja nicht nur die Gedanken, auch diesen Ort hier, den Ort ihres Entstehens, für eine bloße Abstraktion gehalten, für im Grunde irreal; und wie sollte Sonnenlicht in so ein Jenseits dringen?

Schwer zu beschreiben dieser Farbton, der mich jetzt hier umgab; ähnlich einem Waldrand im Sommer, abends, in rotgoldnem Grün. Und da dachte ich an meine Regenbogen-Dame …

Die ersten Besuche zum Tee bei Lady Rainbow hatte ich rein höflichkeitshalber absolviert, dann aber sehr bald deren beruhigende Wirkung zu schätzen gelernt; bis mir schliesslich jede Tea Time mit ihr zu etwas besonderem geworden war.

Die Lady war in ihren Äusserungen sparsam, und bei allem, was sie aussprach, fiel mir ein leiser poetischer Beiklang auf, der auch das scheinbar Nebensächlichste irgendwie aus dem Alltäglichen heraushob. Ich hatte sie zum Beispiel in der Küche einmal „Alufolie“ sagen hören, und dieses Wort klang aus ihrem Mund so neu, so fragend, dass ich erstmal gar nicht wusste, was es hiess, und dann verstand, dass sie Silberpapier meinte.

Sie wirkte immer so heiter und dabei so nüchtern, so unsentimental, so unbelastet von Persönlichem, sodass ich mich fragte, woher das wohl kam. Aus der Zukunft, stellte ich mir vor; aus einer Zukunft, in der allgemein bekannt sein wird, dass so wie alle Materie eigentlich Licht ist, alles Seelische eigentlich aus Liebe besteht. Ich hatte sie nämlich am Anfang mal gefragt, was sie beruflich denn so mache, und ihre Antwort war gewesen, sie arbeite als Heilerin; und als ich weiterfragte, wie das praktisch aussähe, sagte sie nur: „Geistig.“ „Wie stell ich mir das vor? Du heilst den Geist?“ „Das geht nicht. Geist an sich ist immer heil. Kann unheil nur sein in seelischer und körperlicher Form.“ „Und dann?“ „Braucht der Körper, was er ursprünglich ist: Licht, und die Seele auch, was sie ursprünglich ist: Liebe.“ „Das klingt ja sehr einfach.“ „Wie alles in Kurzfassung. Doch einfach ist daran nur meine Arbeit: mir bewusst zu sein, dass ich einfach nur Kanal von Licht und Liebe bin.“ „Und mehr nicht – ich glaube, ich verstehe. Das ist nicht einfach; sogar verdammt schwierig, würde ich sagen. Wenn man nur wüsste, was Geist ist.“ „Man kann ja immerhin schon mal begreifen, was Egoismus ist, oder?“

Nach einer Pause fragte ich: „Was hast du früher so gemacht?“ „Mich an Bäume gekettet. Die dann doch gefällt wurden, um Platz für neues Legoland zu schaffen.“ „Ihr ward zu wenige.“ „Dachten aber, wir seien viele.“ „Hm, ja, traurig, wenn man kämpft und nichts dabei herauskommt.“ „Wirke ich verbittert? Ich hoffe, nicht.“ „Nein, o nein! Mich interessiert dein Fazit.“ „Wir gaben damals nur dem Affen Zucker. Dem System. Wurden süchtig danach, Widerstand zu leisten. Sowas tut man, bis man’s kapiert.“ „Darum kämpft man wohl in seiner Jugend. Bei mir ging es um Tierschutz. Dieselbe Geschichte: ein tapferer kleiner Haufen gegen das System.“ „Und dein Fazit?“ „Ich würde es heute genauso wieder machen. Aber jetzt ist immer jetzt. Und damals, logisch, war noch nicht, äh, jetzt – ich meine, der Kampf hört nie auf, das heisst ist immer jetzt.“ Sie schaute mich fragend an, aber schwieg. Ich blickte verlegen in die Teetasse und kam mir blöde vor, geschwätzig. „Ich auch“, sagte sie, „würde mich, wäre ich jung, auch sofort wieder an Bäume ketten.“

Das war unser längstes Gespräch gewesen. Zum Schluss hatte sie mich gefragt: „Soll ich dich behandeln?“ „Geistig meinst du?“ „Ja. Du legst dich einfach still irgendwo hin. Nur wann, müssen wir verabreden.“ „Warum nicht jetzt? Hier?“ „Gut. Mach’s dir bequem, leg dich aufs Bett.“ „Okay … Muss ich glauben, dass das funktioniert?“ „Nein, musst du nicht.“ „Und die Augen zumachen?“ „Wie du willst.“ „Und wenn ich einschlafe?“ Darauf antwortete sie schon gar nicht mehr.

Wo landete ich wohl? In meinem Denkraum, im Tautoloid. Und was passierte da? Nichts; ich dachte nur: Ist ja mal schön still hier. Und das war’s, der ganze tautoloide Gedankenspiegel um mich herum blieb leer; oder um genau zu sein: war gar nicht mehr da; oder noch genauer: war nur als Vorstellung vorhanden, das heisst nicht so real, dass ich mich anwesend darin fühlte. Weitaus realer war etwas, das ich noch nicht kannte und das mich in Staunen versetzte: das Gefühl Grün. – Das ist – so ist – das also ist Grün!

Dasselbe Gefühl, diese selbe Stille, als ich da so wundersam entspannt – zum letztenmal im Strafraum – an Frau Doktor angelehnt saß –

und was war denn das nun?:

uf einem grüenen achmardi truoc si den wunsch von pardis

Dass Ingrun diese Andeutung in Richtung Gralsgeschichte gemacht hatte und dass an der einzigen Stelle, die ich wörtlich von Wolfram’s Parzifal-Epos noch erinnerte, dieser grüne Stoff vorkommt, der achmardi … Woran ich mich wohl deshalb so deutlich erinnern konnte, weil ich früher immer wieder über die Paradiesgeschichte nachgedacht hatte und schliesslich das in diesem wunsch von pardis las: dass nicht nur der Mensch selbst nach Rückkehr ins Paradies verlangt, sondern dass genauso auch dieser Wunsch von pardis, vom Paradies, vom Himmel ausgeht; dass also in der Grundsatzfrage, wohin die Große Reise gehen soll, das menschliche Wollen gar kein anderes als das göttliche ist. Warum ich das so tröstlich fand? Warum es mich sogar – jetzt, hier, an Frau Doktor angelehnt – unbeschreiblich glücklich machte? Ich weiss es nicht.

Erinnerst du dich?

Nur dass ich dich kenne; nicht, woher. Und dass ich nicht ich bin; nicht aber, wer.

Gut so, das reicht erstmal vollkommen. Vergiss es nicht. Dann von aussen, dicht an meinem Ohr: „Bist du wieder da?“ Ich nickte, löste mich von ihr; bekannte leise: „Meine Güte, das hab ich wohl gebraucht …“ Wir erhoben uns, standen uns gegenüber, und sie sagte: „Vor allem habe ich das gebraucht, für mich. War ‘ne verdammt harte Zeit mit dir.“

Draussen dämmerte es nun und an den Tischen in der Bibliothek gingen nach und nach die Leselampen an. Plötzlich in dieser Grünstille, dachte ich. Dann von Ingrun auf den Gral gebracht. Dann am Ende bei Frau Doktor dieser wunsch von pardis

Wenn auch dieser ganze Zusammenhang nur auf Zufall beruhen soll, bin ich wirklich nicht mehr zu retten.

Endlich glitt mein Blick nicht mehr durch den Text hindurch, sondern folgte jetzt den Zeilen, sodass ich allmählich erfassen konnte, was da stand:

Das Mißfallen an mir selbst und dem, was mich umgibt, hat mich in die Abstraktion hineingetrieben; ich suche mir die Idee eines unendlichen Progresses der Philosophie zu entwickeln, ich suche zu zeigen, dass die unnachlässige Forderung, die an jedes System gemacht werden muss, die Vereinigung des Subjekts und Objekts in einem absoluten – Ich oder wie man es nennen will – zwar ästhetisch, in der intellektualen Anschauung, theoretisch aber nur durch eine unendliche Annäherung möglich ist, wie die Annäherung des Quadrats zum Zirkel, und daß, um ein System des Denkens zu realisieren, eine Unsterblichkeit ebenso notwendig ist, als sie es ist für ein System des Handelns. Ich glaube dadurch beweisen zu können, inwiefern die Skeptiker recht haben, und inwiefern nicht.

Und ich traute meinen Augen kaum, las es nochmal und nochmal, und nochmal: Denn was ich da vor mir hatte – in einem Brief Hölderlins aus dem Jahre 1795 an Schiller –, war doch die denkbar exakteste Beschreibung des Tautoloids!

I.11

Suche Passage

Ich sitze also mit Rivera vor dem Cafe am Platz des Entdeckers und trinke schon wieder Rum. Rivera möchte wissen, was ich über Monalisa weiss. „Die hat sich heute Morgen an mich drangehängt; gefordert, dass ich ihr die Stadt zeige. Dabei war nicht herauszukriegen, was sie eigentlich will.“
„Ich weiss nur, was Lemm sagt: dass sie dringend Netz braucht; weil sie erweitert ist; und dass sie deshalb hier nach anderen Erweiterten sucht. Wahrscheinlich wird sie Kontakt zu den Funk-Freaks aufnehmen.“
„Und also bald auch auf die Jenkins stoßen …“
„Dann häng sie doch gleich denen an.“
„Werde ich. Falls sie nochmal bei mir aufkreuzt.“
„Im Grunde kann ich sie verstehen. Sie hält die digitale Technik für etwas so natürliches, dass sie das Prinzipielle daran noch nie hinterfragt hat, und also ihre Abhängigkeit davon ihr bisher gar nicht bewusst war. Und hier in Babaal muss sie nun feststellen, dass dieses anscheinend Natürliche nicht in gewohnter Weise funktioniert. Sich als abhängig zu erleben, ist hart für jemanden, der sich für autonom hält; und da es allerdings absurd ist, wütend auf eine physikalische Anomalie zu sein, richtet sie ihre Wut vernünftigerweise auf mich; weil vor allem ich, wie sie vermutet, Schuld daran habe, dass sich der Kern des Flyshwerks nach hierher ins digitale Abseits verlagert hat.“
„Das hast du auch von diesem – wie heisst er doch, der jungen Mann?“
„Lemm.“ Da fällt mir auf, dass ich noch nicht einmal seinen Vornamen kenne. „Interessanter Vogel. Sehr intelligent. Allerdings noch ein bisschen leblos. Eine Nachwirkung vielleicht. Er war nämlich auch mal erweitert, so wie diese Monalisa.“
„War mal erweitert? Bist du sicher, dass er’s nicht mehr ist? Soweit ich weiss, lässt sich der eingeschleuste Nano-Kram nicht so leicht wieder ausschleusen.“
„Hm, hab ich auch gehört. Muss ihn mal fragen.“ Und auch deshalb, denke ich, muss ich mit Lemm zu Dima. Die soll ihn scannen. Ich tippe auf die vor mir liegende Zeitung, auf jenen Artikel, der das neue Funknetz betrifft. „Davon schon gehört? Ein zukunftsweisender Vertragsabschluss.“
„Darüber schreiben die seit Monaten. Nichts davon mitbekommen?“
„Ehrlich gesagt, ähm, nichts.“
Da lacht Rivera. „Und sowas sitzt im Regierungspalast!“ Dann schlagartig ernst: „Oder sitzt da eben auch nicht. Oder nur selten; viel zu selten.“
„Tja. Ich würde gerne manchmal Zeitung lesen. Nur ist der Binocle ja leider immer ausverkauft. Muss mich allmählich fragen, ob’s den überhaupt noch gibt. Sodass jedenfalls alle immer Bescheid wissen, nur ich nicht.“
„Das klingt, als fändest du das cool. Doch Vorsicht, Schell, da muss ich sagen: Du bist so oft Mann auf der Flucht in letzter Zeit, dass man schon direkt Suchtverhalten darin sehen könnte.“
„Wie sieht’s bei dir in dieser Hinsicht aus, Rivera? Oder nein, sag mir lieber etwas anderes: Wie hast du Wind davon bekommen, dass Brains in der Stadt ist?“ Dass er mir das verrät, glaube ich zwar nicht, doch ist jede Antwort hierauf aufschlussreich.
„Traf kürzlich Paley“, sagt er nur.
„Schon klar. Woher sonst sollte Paley das wissen? Oder willst du mir weismachen, er hätte dich informiert?“
„Ob er mich oder ich ihn informiere, ist doch völlig egal. In der Counter-Intelligence denkt man nicht so kleinkariert.“ Und nun hält er mir einen seiner brillanten Vorträge, bei denen man am Schluss vollkommen überzeugt ist, nur nicht so recht weiss, wovon; in diesem Falle vom Wesen der Information im Allerallgemeinsten.
Ich denke währenddessen an Flyrie; versuche ihn mir in Bangot vorzustellen. In was für ein Labyrinth mag er dort hineingeraten sein? Womöglich in gar keins, sage ich mir zur Beruhigung, oder in eins, das ihm gefällt, aus dem er gar nicht heraus will; sowas könnte es ja auch geben. Oder er hat sich selbst befreit und ist schon nicht mehr in Bangot …
Sucht man etwas, das geheim ist – in diesem Falle den Ort, wo ich den Zugang zu Bangot vermute, das Telesterion, oder den Weg aus Andria hinaus, die Passage –, hat man es immer mit dem selben Problem zu tun: Wie sich schlau machen, ohne dass dadurch auch die schlau werden, die einem auf der Spur sind?
„Hörst du mir eigentlich zu, Schell?“
„Na klar, na klar – das alles führt uns zu der Frage: Wie das Geheime enträtseln, ohne es zu verraten?“
„Äh, indirekt ja, könnte das die Frage sein. Denn wie ausgereift der Kontrollapparat ist, weiss man ja nie.“
„Wobei gerade in Babaal man doch oft überrascht ist, mit was man durchkommt und mit was nicht.“
„Wir haben beide ausgetrunken“, stellt Rivera fest, „ich schlage vor, wir gehen Pavel besuchen.“

Die Andrianer gehen gern ins Kino, und natürlich ist die Hauptstadt mit Lichtspielhäusern besonders reich bestückt. Auch pflegt hier ein sogenannter Filmclub die Kinokultur, indem der Direktor, Pavel, dafür sorgt, das kaum ein Abend vergeht, an dem in seinem Cinema Eclectique nicht das Werk irgendeines alten Meisters zu sehen ist. Obwohl Pavel’s Auffassung von Meisterwerken sehr weitreichend und in der Tat eklektisch ist, so haben doch auf jeden Fall die Freunde der Filmkunst über die Jahre in seinem gemütlichen alten Kinosaal, indem sie mit den unterschiedlichsten Meistern bekannt wurden, mit Lubitsch etwa oder Kurosawa, oder Exoten wie Brodi Snackwart, wundersame Einblicke in die Welt der bewegten Bilder bekommen.
Über Pavel, den Exil-Tschechen, der als Priester des Kinokults natürlich beste Beziehungen zu Filmarchiven in aller Welt unterhält, wäre einiges zu sagen, hier aber nur soviel, dass er insgeheim, wie so mancher, der im Kulturleben von Babaal eine Rolle spielt, dem hiesigen Royalismus anhängt, und dass er einer der Köpfe ist, die hinter The Binocle stecken, jenem beliebten Revolverblatt, das die gutbürgerlichen Leser des Bright Day gern verboten sähen. Er ist mit Rivera befreundet, und beide wiederum sind gute Freunde von Jasper Walden, dem Gründer des Binocle, einem umtriebigen Mann, von dem noch oft die Rede sein wird.

Auf dem Weg zum Filmclub: „Hey, hörst du das?“ Wir bleiben stehen, hören: „Das ist doch dieses Flötenstück von Bach!“ „Die Suite in H-Moll.“ „In der Orchesterversion sogar!“ „Wo kommt das her?“ Wir biegen schnellen Schrittes um die nächste Ecke und da steht – wir schauen uns zunächst betroffen, dann enthusiastisch an – „Ein Leierkastenmann!“
Wie die Blinden, die hier überall Lotterielose verkaufen, gehören auch die alten Drehorgelspieler noch zum typischen Straßenbild, und ohne ihre alten Melodien wäre die babaalianische Geräuschkulisse einfach unvollständig. „Dass die ihr Repertoire auch mal in Richtung klassischer Musik erweitern würden …“ „Lässt das nicht hoffen?“ „Uns ja, die wir nun mal so anfällig für Nostalgie sind.“ Wir kramen nach Münzgeld; halten aber inne und schauen uns tadelnd an; und legen dem Alten dann Scheine in das Körbchen auf dem Leierkasten.

So, zu dritt, haben wir schon des öfteren in Pavel’s Büro gesessen und Rum getrunken, und so wie heute läuft es meistens: Irgendwann drückt Pavel mir etwas zu lesen in die Hand – kurze Textentwürfe fürs Programmheft, über die Filme, die er demnächst zu zeigen gedenkt – und zieht sich mit Rivera, mit dem er irgendetwas zu besprechen hat, in den Hintergrund zurück.
Obwohl es, wie ich sehe, um gewisse Terry Gilliam-Filme geht, Brazil, Twelve Monkeys – laut Pavel aus aktuellem Anlass –, wird meine Aufmerksamkeit plötzlich von etwas ganz anderem beansprucht. An der Wand gegenüber, zwischen lauter Schauspieler-Portraits, fällt mir ein Bild auf, das ich hier zuvor noch nie gesehen habe, das vom Häuptling nämlich, vom alten Sitting Bull – die Daguerreotypie! Jawohl, die gleiche, die auch im Studierzimmer hing – nein, dieselbe: Denn kaum habe ich sie genauer fixiert, schon sehe ich den bunten Wandteppich dahinter – und gelange durch dieses indianische Stoffgewebe ins Refugium Gran Puertito, in das Apartment mit der großen Dachterrasse überm Meer. Und weil ich auch diesen abrupten Transit nicht erwartet habe, bin ich erstmal geschockt; verharre regungslos. – Wie still es hier ist! Und nun höre ich eine Stimme, und dann eine zweite; weit weg zwar, aber ganz deutlich: „Ist alles schon angekommen.“ Die Stimme von Rivera. Und darauf die von Pavel: „An keinem sicheren Ort, will ich hoffen.“ „Nein. In Istanbul. Wo jetzt richtig schön ein Wirbel darum gemacht wird. Sämtliche Dienste im Alarmzustand.“ Und da versteh ich schon: hier in Puertito bin ich hellhörig
Jeder von den Orten, die mir zu Refugien wurden, hatte eine mir unbewusste dunkle Seite, und an der, jeweils unbemerkt, hat sich eine bestimmte Fähigkeit entwickelt; im Falle des Puertito-Refugiums zum Beispiel der Umgang mit Paranoia …
Wie nett ich damals, als ich nach Gran Puertito zog, den Mann fand, dem so gut wie alles in dem hübschen kleinen Ort gehörte. Kaum hatte ich mich dort eingelebt, war ich quasi schon mit ihm befreundet; und konnte es zuerst nicht glauben, dass dieser Patron, wie sich bald herausstellte, der Boss der lokalen Drogenmafia war. Ich lernte die Zeichen zu lesen und entdeckte nun Machenschaften überall; musste feststellen, dass diese verträumte Idylle dort ein durch und durch kriminelles Milieu verbarg; und in der Folge wurde mir eigentlich alles suspekt. Als ich dann bemerkte, wie ich so immer tiefer ins Paranoide geriet, unternahm ich gezielt Anstrengungen, das in den Griff zu bekommen. So wurde ich zu einem gewissen Grade hellhörig: lernte, das allgegenwärtige Element der Verschwörung zwar auch in feinster Verdünnung zu erfassen, jedoch es nicht als bedrohlich auf mich persönlich zu beziehen.
„Und das Original-Zeug? Davon noch was im Umlauf?“, höre ich Pavel fragen. „Höchstens noch ein bisschen MoGum“, sagt Rivera, „und vielleicht noch ein paar von den Kapseln. Nichts, was noch irgendwie relevant werden könnte, wie Jasper meint. Da sich ja mit dem Original-Zeug sowieso niemand mehr auskennt.“ „Auch Schell nicht?“ „Den interessiert das nicht mehr. Für den ist MoTech nur noch Kinderkram, bestenfalls Folklore. Der will nur noch raus. Und da er jetzt anscheinend einen Nachfolger hat, wird er nicht zögern abzuhauen, sobald sich ihm eine Lücke zur Passage auftut.“ „Sicher?“ „Sicher.“ „Warum gibt dann Geo Rey nicht das Signal? Worauf warten wir noch?“ „Irgendwas in Frankfurt, wie ich hörte. Ein Rest von Risiko, das noch geklärt werden muss. Jasper kümmert sich darum.“
Diese Unterhaltung interessiert mich tatsächlich nicht besonders. Ich zoome mich mühelos in Pavel’s Büro zurück.
Benötige ich eigentlich noch die Objekte, die vormals im Studierzimmer versammelt waren? Ich konzentriere mich auf die Vorstellung des Säbels, und siehe da: ich sehe sofort die Vogelfeder und bin wieder in jenem hohen Zimmer im Hotel Olympia. Und bin auch von dort genauso schnell wieder zurück in Pavel’s Büro. Ich schliesse die Augen und probiere dasselbe mit der Daguerreotypie; und es funktioniert ebenso einfach. So wie ich also den alten Säbel als konkretes Objekt nicht mehr brauche, um in das Refugium Hotel Olympia zu gelangen, brauche ich nun, um ins Refugium Gran Puertito zu kommen, auch dieses Objekt nicht mehr. Und dann probiere ich das auch gleich mit den anderen Objekten, mit der Maske, dem Wappen der Royalisten und dem Renaissance-Gemälde …
Doch als ich mir diese Objekte vorstelle, sehe ich sie nur so, wie ich sie aus dem Studierzimmer kenne; das heisst was ich eigentlich sehe, ist das Studierzimmer, hingegen was darin ist, bleibt abstrakt, leblos, deutlich als konstruierte Vorstellung erkennbar. Muss ich also diese Objekte – Maske, Wappen und Gemälde –, damit sie so wie der Säbel und das Sitting Bull-Portrait auch per Erinnerung funktionieren, erst irgendwo ausserhalb des Studierzimmers konkret entdecken? – So sieht’s aus. – Aber wie? Aber wo? – Wohl nur so, wie du vorhin den Säbel und nun den Häuptling entdeckt hast. Vertraue dem Zufall.
Erwähnte Rivera nicht eben die Passage? … Anders als die Refugien, die sich anhand der Objekte öffnen lassen, kann sich die Passage, nach allem, was ich bis jetzt darüber weiss, jeden Moment öffnen, irgendwie, wahrscheinlich gerade wenn man’s nicht erwartet. Falls mir auf diese Weise – plötzlich, unkontrolliert – das Abhauen von Andria gelingt, werde ich anschliessend kaum wissen, wie es mir gelungen ist. Hier haben wir wieder unser Dilemma: Wie so ein Rätsel lösen, ohne es zu verraten? Dafür ist ein Zaubertrick vonnöten, und der einzige in der Gegend, dem ich zutraue, solche Zaubertricks zu beherrschen, ist Brains.
Ich stelle das leere Glas ab und bemerke, wie große Müdigkeit mich überkommt. – Sehr bequem, dieser Sessel, warum mir nicht ein Schläfchen gönnen?

Als ich aufwache, immernoch allein in Pavel’s Büro, ist schon Abend, und siedend heiß fällt mir das Konzert ein …
Als ich als letzter in den Saal schlüpfe, haben die drei Musiker ihre Plätze auf der Bühne bereits eingenommen, und während man gerade dem Chef des Musikvereins für seine einführenden Worte Applaus spendet, wähle ich rasch einen der freien Plätze in der hintersten Reihe und halte kurz nach bekannten Gesichtern Ausschau. Das, was ich sehe, ist zwar nicht, wie erhofft, das von Detective Brains, doch auch dieses, nämlich Murphy’s Gesicht, habe ich wahrlich schon lange nicht mehr gesehen.
Auch er hat mich gleich erkannt. Ich nicke ihm zu, so als fänd ich’s völlig normal, dass er plötzlich hier in Babaal zu einem Schubert-Abend aufschlägt. Murphy der Fälscher. Der Amerikaner. Der eigentlich Russe ist. Vollprofi. Service of Intelligence. Aber bevor es nun losrattert in meinem Schädel, schliesse ich kurz die Augen und denke: Ich bin vor allem gekommen, um mir diese immer wieder interessante Es-Dur-Sonate anzuhören.
Man muss ja sagen, dass ein Publikum von Andrianern sich in der Regel auffallend undiszipliniert gebärdet. Um so erstaunlicher, wie schnell es sich nun hier beruhigt und sich schon beim zweiten Satz, dem Andante con moto, faszinieren, ja geradezu in Konzentration versetzen lässt. Und entsprechend frenetisch fällt der Beifall aus, mit dem sich am Schluss die Begeisterung Bahn bricht.
Der Rest des Konzertprogramms interessiert mich nicht so sehr. Ich blicke zu Murphy hinüber. Wir nicken uns zu. Ich stehe auf und verlasse den Saal; postiere mich im Foyer; wo nur einige schweigsame Bodyguards herumlungern; und dann kommt auch gleich Murphy heraus. Klar, wir suchen die nächste Bar auf.
„Brains in der Gegend?“, frage ich. Murphy tut erstaunt: „Wieso Brains?“
„Dachte nur. Dass der sich das Konzert, wenn er schon mal hier ist, nicht entgehen liesse. Weil doch der Geiger des Trios anscheinend eine echte Guarneri spielt. Und Brains doch das Geigenspiel und die Geige als solche so liebt.“
„Schubert“, sagt Murphy, „die ganze Romantik überhaupt, ist nicht so sein Fall, glaube ich.“
„Dann geht’s hier also nur um diese Guarneri …“
„Frag doch gleich, wie’s läuft.“
„Wie läuft’s?“
„Nicht gut. Der alte Forty hat stark abgebaut.“
„So stark, dass ihr jetzt sogar so ‘ne alte Fiedel klauen müsst?“
„Tja, sogar den Old Hickory haben die geschafft zu kapern.“
„Die?“
„Paulson und seine Leute. Der neue Service.“
„Und wo kommt Brains dabei ins Spiel?“
„Wo Unbestechlichkeit gefragt ist. Wir müssen wissen, auf wen noch wirklich Verlass ist.“
Damit meint er mich, ist klar; und nach einer Sekunde Pause fügt er hinzu: „Im übrigen haben wir Brains mal aus der Patsche geholfen. Und nun kann vielleicht er uns aus der Patsche helfen.“
Dass Forty Operas, der Chef des Service of Intelligence, offenbar senil geworden sei; dass man abgeschnitten sei von der zuverlässigsten aller Finanzquellen, dem Old Hickory Trust; dass es einen reformierten SI gäbe, angeführt von Tyrus Paulson; und dass man sogar angewiesen sei auf die Hilfe von jemandem wie Detective Brains, einem Mann von Interpol – wie das alles so freimütig ausgeplaudert nach Klartext klang, signalisiert mir, dass es auch genauso klingen sollte. Ich kenne den SI gut genug, um mir sicher zu sein, dass mir Murphy da nicht irgendwelche Lügen aufgetischt hat. Aber über was will er mich informieren? Was hat er mir da so schön in Klartext verpackt? Wenn mich das alles nichts anginge, würde er ganz bestimmt nicht diese Unterhaltung mit mir führen.
„Ich versteh nur Bahnhof, Murphy.“
„Klar, Desinformation ist dein Geschäft“, er grinst, „arbeitest hier ja für die Regierung.“ Und nun typisch Murphy: In einer einzigen flüssigen und in keinem Detail überflüssigen Bewegung gleitet er vom Barhocker, lässt Geld auf den Tresen fallen, tippt sich an die Hutkrempe, dreht sich und ist weg. Schade, hätte ihn gern noch gefragt, ob ich da eben im Konzert eine echte oder eine falsche Guarneri gehört hatte.
Ich will nun nachhause, nicht schon wieder saufen; mich der Körperpflege widmen und ins Bett. Als ich aber auf dem Heimweg in einer Bar noch einen letzten Drink nehmen will, wen treffe ich da, rein zufällig, schon wieder? Rivera.

So wie es bei Tage ein Vergnügen ist, mit Rivera eine Runde durch Babaal zu drehen, so macht’s auch immer wieder Spaß, die Nacht hindurch mit ihm von Bar zu Bar zu ziehen. Bemüht, dabei uns von der Rum-Wirkung nichts anmerken zu lassen, gilt andererseits für das, was wir an Leichtsinn da vom Stapel lassen, das entschuldigende Argument, dass wir ja wohl betrunken sind. So, als Gelaber am Tresen verpackt, lassen sich Dinge verhandeln, die sich nüchtern nicht gut besprechen lassen. Das Thema Passage zum Beispiel; das Suchen überhaupt …
„Wie es läuft“, sagt Rivera, „hängt davon ab, zu was für einem Bild ich mir die gesammelten Informationen zusammensetze.“
Zu dieser Binsenweisheit weiss ich nichts zu sagen. „Dir auch noch einen?“ Worauf er nickt und ich dem Barkeeper bedeute, uns bitte nachzuschenken.
Unseren Rum nippend, schweigen wir eine Weile in gegenseitiger Betrachtung: Gegenspieler, die wir sind …
Seit ich mich, so diskret wie irgend möglich, kundig mache über die Passage, gab es immer wieder Hinweise darauf, dass noch jemand, ebenso diskret wie ich, sich diesbezüglich informiert; und ich weiss, dass Rivera diesen Jemand meint, als er sagt: „Du suchst jemanden.“ Ich frage nicht, woher er das weiss. Nach soundsovielen Jahren in der Counter-Intelligence muss er so etwas wissen.
Rivera lächelt jetzt, und ich merke, er wartet.
Endlich macht es bei mir klick: „Du?“
„Wie lange du manchmal auf der Leitung stehen kannst …“
„Hm, ja. Nicht dass ich dir keine Ambitionen in dieser Richtung zugetraut hätte; aber dass du dir das je anmerken lassen würdest …“
„Über die Passage macht sich keiner schlau, ohne dass es irgendwann irgendwer mitkriegt.“
„Damit ist das Sich-schlau-machen schon direkt Teil der Passage.“
„Wenn nicht sogar der entscheidende Teil.“
„Doch nicht so sehr was“, sage ich, „sondern wie wir wissen, bestimmt den Verlauf.“
„Und wie wir wissen – das weisst du schon?“
„So, dass wir’s glauben. Aber der Glaube ist bei euch in der Counter-Intelligence wohl ein Problem, oder?“
„Gar kein Problem. Entweder Glaube. Oder Counter-Intelligence. A propos – Livermore. Glaubst du dem?“
„Auch der sieht die Welt natürlich durch seine spezielle Brille; macht passend, was ihm nicht ganz passt, und hat natürlich auch manches missverstanden. Doch dass er seinen Lesern Lügen auftischt? Nein; höchstens da, wo’s um die eigene Person geht. Dass er am Klavier je gut genug war, um sich, wie er behauptet, auf Fair Island als Bar-Pianist durchzuschlagen, glaube ich zum Beispiel nicht.“
„Glaubt niemand; jedenfalls kein echter Livermore-Fan. Und das muss ihm, als er das schrieb, bewusst gewesen sein. Also wollte er damit erreichen, dass man sich fragt: Warum verrät er nicht, wie er sich wirklich auf Fair Island durchgeschlagen hat?“
„Vielleicht weil man ans Nächstliegende denken soll: dass er auch dort mal wieder in einer Tauchschule gejobt hat.“
„Genau – und dabei wieder einmal in etwas Supergeheimnisvolles verwickelt war.“
„Andeutungen, die Sensationelles ahnen lassen, sind nun mal seine Masche, als Schriftsteller Geld zu verdienen. Doch bedenke, wie oft etwas nach Show aussieht, das im Grunde gar nicht Show ist.“
„Noch häufiger stellt sich als Show heraus, was zunächst tief ernst daherkommt. Auf diese Erkenntnis“, setzt er grinsend hinzu, „läuft quasi die ganze Counter-Intelligence hinaus.“
Da geht das Licht aus. Stromausfall.
„Endlich mal wieder“, sage ich; einerseits weil ich einfach die Stromausfälle schon vermisse, andererseits weil sich so das Thema gut beenden lässt. Wann immer nämlich die Rede auf Linval Livermore kommt, muss ich sehr vorsichtig sein. Denn wie gut ich ihn tatsächlich kenne, weiss niemand, auch Rivera nicht; und wenn ich erklären sollte, woher überhaupt ich Linval kenne, wüsste ich nicht, wie. Auch wenn diesbezüglich Hinweise schon vorkamen, dürfte das der Leserschaft nun reichlich kryptisch erscheinen, jedoch an dieser Stelle bleibt mir leider nur die Bitte um Geduld.

Was auch oft andermals geschah, wenn wir so von Bar zu Bar zogen, geschieht auch diese Nacht mehrmals, nämlich dass das Kino-Spiel unser Gespräch unterbricht. Wir schauen beispielsweise einem Streit zu, der auffallend gespielt wirkt, und die Prügelei, die sich daraus ergibt, erscheint uns dann so kunstvoll, so präzise durchgeführt, dass wir uns mit allen Zuschauern bald einig sind: hier wird ein Jackie Chan-Film nachempfunden, und zwar eindeutig Drunken Master.
Nach Mitternacht, beim zweiten Stromausfall, fällt mir wieder ein, dass ich es eigentlich sehr eilig habe, und also sag ich einfach zu Rivera: „Es gibt hier in Babaal ein Telesterion, das weisst du sicher.“
„So eine richtige Einweihungsstätte meinst du? Hier? In Babaal? Ist ja hochinteressant. Und bemerkenswert, dass man das neuerdings so unverblümt auch anspricht.“
„Weisst du, wo es ist? Würdest du es finden?“
Worauf er tief Luft holt. „Du hast keine Zeit mehr zu verlieren, wie? Dachte mir schon, dass du unter Druck stehst. Paley?“
„Von dem nur der übliche Druck, der, den er routinemäßig ausübt. Eine Farce.“
„Paley ist ein Schattenspieler, unterschätze ihn nicht.“
Ich nicke; dann sage ich aufs Geratewohl: „Du suchst doch auch das Telesterion.“
„Wie kommst du denn darauf? Das wusste ich ja nicht einmal.“
„So sage ich’s auch immer … Im Ernst, Rivera.“
„Nein. Leider nein, ich weiss nicht, wo es ist.“
„Und sonst? Was weisst du übers Telesterion?“
„Nur was alle wissen, die Nachforschungen darüber anstellen; was dir nämlich jeder andrianische Hellseher darüber sagen kann: dass es sich angeblich genau in der Mitte von Babaal befindet; dass es überhaupt der Mittelpunkt sei. Aber auch Mittelpunkt ist für diese Leute ein dehnbarer Begriff, die arbeiten hier ja alle mit der Unschärfe.“
Was ich nur bestätigen kann: „Damit solche Informationen nicht Typen wie uns dazu verleiten, Unheil anzurichten.“
Wir schweigen eine Weile.
„Und?“, frage ich dann. „Wie gedenkst du ihn zu finden? Ich meine den Mittelpunkt von Babaal.“
„Ihn ernsthaft zu suchen, dürfte einen alle Ressourcen kosten, denke ich. Aber ob sich das lohnt? Ich weiss nicht“, und mit einer allumfassenden Geste: „Schätze, man müsste dieses ganze wunderbare Andria aufzugeben bereit sein.“
Da hat er recht, das ist die Frage: Sollte man das? Will man das? Kann man das?
„Wenn ich das richtig interpretiere“, fährt er fort, „nimmst du an, dass wenn du das Telesterion findest, du damit automatisch auch Zugang zur Passage hast. Falls es so ist – weisst du eigentlich, was dich da erwartet? Die Passage sei riskant, sagt man.“
„Sagt man, ja. Aber ich weiss darüber nur Gerüchte.“
„Immerhin sind sich alle darin einig, dass die Passage über jene Insel des Archipels führt, die man die Doppelgesichtige nennt.“
„Ich weiss. Damit ist Lavienta gemeint. Alias Matoxa.“
„Dort ist, wie man hört, ein Bürgerkrieg im Gange. Und dann muss man da auch noch irgendwie die Besichtigung einer Fleischfabrik überleben …“
„Ja, und dann sich zum Reservat der Ureinwohner durchschlagen; und dort an der Küste schliesslich die eine richtige Bucht finden. Von wo man angeblich das Archipel verlassen kann, irgendwie. Das sind so die Gerüchte.“
„Ohne Verbündete, heisst es einerseits, sei das nicht zu schaffen, andererseits solle man sich auf niemanden verlassen.“
„So hab ich’s auch gehört: Man ist absolut auf sich allein gestellt und kommt doch allein nicht durch. Offenbar hat man es an den entscheidenden Stellen immer mit Paradoxien zu tun.“
„Jedenfalls kann man wohl sagen, dass diese sehr ungefähren Informationen wenig bis gar keine Hoffnung auf ein Durchkommen bieten.“

Zunächst kommt’s für Rivera nicht infrage, mit mir, verwahrlost wie ich aussehe, das Haus von Madame Greta aufzusuchen; und ich kann ihm darin nur beipflichten. Denn wenn auch auf sonst nicht viel, auf dieses eine legt Madame den höchsten Wert: dass die Fassade stimmt. Zu vorgerückter Stunde allerdings, als die Facon auch bei Rivera schon sichtlich nachgelassen hat und wir genötigt sind, einfach uns dem Ausnahmezustand hinzugeben, begehren wir dann doch dort Einlass, mit dem Argument: „Schau uns an, Bobby“ – Bobby ist der Torwächter –, „was du siehst, hat gar keine Bedeutung mehr –“ „Ist Maja! Illusion!“ „Quatsch! Hör gar nicht hin, Bobby, der ist betrunken. Was ich sagen will –“ „Schon klar“, sagt Bobby, „so wie ihr ausseht, zählen für euch nur noch die inneren Werte. Kenne euch in kaum einem anderen Zustand. Kommt mit.“ Wir schwanken ihm hinterher in die größere der beiden Bars im Erdgeschoss. Dort setzt er uns ans leere Ende des Tresens. „Hier bleibt ihr sitzen, klar?“ Und unisono sagen wir: „Danke, Bobby, alles klar!“
Auch der Barkeeper scheint uns bedenklich gut zu kennen. „Gentlemen?“, begrüßt er uns und stellt zwei Gläser und eine Flasche Rum vor uns hin.
Für dieses Haus gibt es allerlei Bezeichnungen, und von denen passt, wie ich finde, das altmodische Etablissement am besten, denn ja, es ist zwar ein Bordell, aber nun mal nicht nur das. Man konferiert hier, so wie wir jetzt, oder spielt um Geld, illegal natürlich; hauptsächlich Poker, aber auch Roulette.
Ich sage: „Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ich hier weg muss: die Sauferei.“
Rivera nickt. „Ausserdem wird man auch hier demnächst auf das wichtigste kulturelle Element verzichten müssen: die Stromausfälle.“
„Genau. Weil ohne die ja die ganze Elektrifikation im Grunde ein langweiliger Scheiss ist.“
„Das, äh – deine Besoffenheit in allen Ehren, lieber Schell –“
„Oh, bin ich entgleist? Wollte dir nur zustimmen; was ich meinte: Dass die vielen kleinen Stromausfälle gewährleistet haben, dass hier bisher die Kultur nicht von der Elektrizität abhängig war. Stimmt doch wohl, oder?“
Dann kommen wir auf das Thema Passage zurück: „Nehme an“, sage ich, „auch du hast noch von keinem gehört, der’s geschafft hat.“
„Nein. Aber das heisst nur, dass nicht unbedingt stimmt, was man so hört. Denn was können einem Leute erzählen, die es nicht geschafft haben?“
„Nur, wie es nicht zu schaffen ist.“
„Und deshalb, wie ich heute irgendwann schon sagte, hängt alles davon ab, zu welchem Bild wir uns die Informationen zusammensetzen.“
„Und zwar vorher. Bevor es losgeht. Und da es nicht erst irgendwann losgeht –“
„Weil’s ja längst schon losgegangen ist – haben wir längst unser Bild.“
„Und jede neue Information fügt sich dem ein, ohne es im Ganzen zu verändern.“
„Sicher?“
„Nein. Gibt ja Informationen, die man deshalb als falsch verwirft oder einfach vergisst, weil sie einem das ganze Bild verändern würden.“
„Was nur sein kann, weil das Bild eine Illusion ist.“
„Wäre also ratsam, das Bild von der Sache komplett zu löschen. Was übrig bliebe, wäre real.“
„Theoretisch.“
„Eine Theorie immerhin, die erklärt, warum wir hier immernoch herumsitzen, als würden wir auf etwas warten.“
„Darauf, dass das Bild verlöscht, und zwar gefälligst von allein. Der reinste Schwachsinn ist das. Entmutigend. Wenn nicht völlig aussichtslos.“
„Sogar niederschmetternd.“
„Die berühmte hoffnungslose Situation.“

Von Greta’s Etablissement spazieren wir im Morgengrauen – es wird gerade die Tageszeitung ausgeliefert – in Richtung Zentrum, zum Paradeplatz, wo in der alten, von einer Riesenkuppel überdachten Markthalle schon einiger Betrieb herrscht; lassen uns da vor einer der Cafe-Bars nieder und studieren, während wir nach dem ersten Frühstück gleich ein zweites verschlingen, den noch druckfrischen Bright Day.
„Sag einmal –“ staunt Rivera: „Signale aus dem All! Sowas bringt neuerdings der Tag? Damit machen die aber dem Binocle gefährlich Konkurrenz!“ „Lies nur weiter, am Schluss zitieren sie sicher den vernünftigen Physiker vom Dienst.“ Rivera liest; dann schmunzelt er: „Ganz recht. Ist alles, heisst es hier, eine Theorie, die nur auf Messfehlern beruhen kann.“ „Gibt’s noch was interessantes?“ „O ja, das hier: Eine neue Epidemie in China. Da hat man gleich mal eine ganze Millionenstadt abgeriegelt.“

Und jetzt bemerke ich etwas. Dass ich mich nämlich die ganze Zeit beobachtet fühle; und zwar von da drüben, aus dem Schaufenster eines bestimmten Ladens heraus. Von einer Maske; einer solchen, wie sie zum Beispiel bei rituellen Tänzen irgendwo getragen wird … Was ist das für ein Laden?
„Muss mir da mal was anschauen“, sage ich zu Rivera.
Aus der Nähe erkenne ich sie wieder: Das ist ganz eindeutig die Maske aus dem Studierzimmer. Und gerade denke ich noch: So so, nach dem Säbel und der Daguerreotypie nun also, ganz logisch eigentlich – da hat mich ihr Anblick schon nach anderswo versetzt, vor einen Spiegel, jenen großen, rundum beleuchteten Schminkspiegel; und der ist so real, dass ich mich ganz klar als den erkenne, der davor sitzt, inmitten einer Masse interessanten kulturellen Gerümpels. Das heisst ich bin hier in dem alten Landhaus, in einem der Refugien, der sogenannten Kunst-Ruine. Der Spiegel, Gegenbild zur Maske, ist hier das Objekt zum Transit – alles klar!, und durch diesen Spiegel kehre ich sogleich ins Hier und Jetzt zurück. – Inzwischen geht das so leicht! Das stimmt mich zuversichtlich.
Und da ist plötzlich die Maske gar nicht mehr. Denn Argus-Augen haben mich vorm Schaufenster bemerkt, und wohl erkannt, was ich da so interessiert betrachtet habe. Und nun ist da an Stelle der Maske ein Menschengesicht erschienen: das eines alten Mannes – welcher mir jetzt zuzwinkert und gleich darauf aus dem Fenster verschwindet.
Komisches Ding, diese Maske; mir schon immer das unheimlichste von den Transitobjekten. Ich will mich gerade abwenden, da öffnet sich die Ladentür und es erscheint der alte Mann, der mir eben zugezwinkert hat, und krächzt: „Nur herein, Meister!“ Worauf ich mit abwehrender Geste sage: „Ich brauche nichts!“ „Ja, ja, nicht jetzt vielleicht – und ein Geschenk werden Sie doch wohl annehmen?“ Er tritt in den Laden zurück und ich folge ihm zumindest die drei Schritte bis zur Türschwelle. „Sie wollen nichts dafür?“ „Nichts. Hat keinen Preis so eine Maske.“
Der ganze Voodoo-Kram, der den kleinen Laden anfüllt, wirkt in dem fahlen Neonlicht einheitlich bräunlich-grau. Der Alte hat das Ding schon in eine Plastiktüte gesteckt. Nun kommt er nah heran, drückt sie mir in die Hand und zieht sich schnell zurück, und schliesst mit einem „Schönen Tag noch, Meister,“ die Tür vor mir.

Rivera grinsend: „Beute gemacht?“ Ich reiche ihm die Tüte: „Schenk ich dir.“ Er schaut hinein und reicht sie mir zurück: „Dutzendware. Brauch ich nicht.“ „Ich auch nicht.“ Ich winke dem Kellner und sage zu Rivera: „Los jetzt, an die Arbeit!“ „Jawohl, nutzen wir den Tag!“ Wir zahlen und gehen, jeder in seine Richtung. Ich bin noch nicht weit, da höre ich hinter mir: „Hey Boss!“ Der Kellner ist einer von den Aufmerksamen und hat leider die vergessene Tüte schon bemerkt.

So schön dieser frühe, noch dämmrig blaue Morgen auch mal wieder ist, jetzt will ich nur noch ins Bett. Vorher würde ich nur gern noch diese Maske loswerden. So ein Objekt allerdings, das ist mir klar, wirft man nicht einfach weg, das brächte Unglück. Da fällt mir ein bestimmter Laden ein, gleich hier um die Ecke: der Kostümverleih; die Institution in Sachen Verkleidungskunst; von einem Chinesen betrieben. Der könnte sogar zu dieser Stunde schon geöffnet haben … falls er je schliesst. Und in der Tat, da drinnen seh ich Licht.
„Habe hier was Interessantes“, sage ich zu dem Chinesen und reiche ihm die Maske. „Was meinen Sie, was ist die wert?“
Er schaut sie sich eingehend an. „Hm. Hm.“ Zwirbelt sich ausgiebig den Spitzbart. „Hm.“ Wackelt mit dem Kopf.
„Und? Interessiert? Passt Ihnen die ins Sortiment?“
„Hm.“ Schliesslich legt er die Maske auf den Ladentisch, taucht rückwärts mit einer knappen Drehung durch den Vorhang aus Perlenschnüren und ist Sekunden später mit seinem Angebot zurück: „Das brauchen Sie, mein Herr!“ Er reicht mir einen Anzug, Hose und Jackett, von undefinierbarer Farbe. Und da werde ich mir peinlichst meiner abgetragenen Kleidung bewusst, wie überhaupt wieder meiner ganzen ungepflegten Erscheinung.
„Haben wir gerade neu hereinbekommen“, sagt der Chinese, „von weither, aus Istanbul.“
Ich befühle den Stoff und stelle eine ganz aussergewöhnliche Feinheit fest. „Aber – von der Größe her?“ „Der passt, Sie werden sehen.“ „Na schön, Sie sind der Fachmann.“ Ich stopfe die beiden Teile in die leere Tüte. „Danke sehr!“
Nur jetzt auf dem schnellsten Weg in meine Höhle! Wie schrecklich ich wohl inzwischen aussehe! Doch vor allem bin ich froh, die unheimliche Maske los zu sein.

Ich wache auf und höchstens eine Stunde ist vergangen, seit ich mich in meinem verdunkelten Apartment aufs Bett geworfen habe. Doch ist an Weiterschlafen nicht zu denken; nicht des Lärmes wegen, der aus der Gasse heraufdringt und gar beträchtlich ist; es ist die Unruhe in mir, die mich, unausgeschlafen und noch halb betrunken, wieder auf die Beine bringt.
Nach sorgfältigster Körperpflege ziehe ich zu einem frischen Hemd den neuen Anzug an und freue mich, wie sehr gut er mir tatsächlich passt. Ich betaste mit neuerlicher Bewunderung diesen überaus feinen Stoff und finde dann auch durchaus gut, was ich im Spiegel sehe; und als ich der Reihe nach die Taschen untersuche, fällt mir sogleich deren kühle, glatte, merkwürdig geräumige Beschaffenheit auf, und da kommt mir der Verdacht: Habe ich’s hier etwa mit einem Exoot zu tun? Und wenig später, als ich den Weg ins Büro unterbreche, um mir von einem Friseur die Haare kurzschneiden zu lassen, frage ich mich, dort in den Spiegel glotzend, warum wohl der Chinese Istanbul erwähnt hat.
Da merke ich schläfrig, wie mich in diesem gemütlichen Friseursessel der Tatendrang verlässt, und ganz sicher bin ich mir, dass mich gleich im Büro nichts als das Sofa in Anspruch nehmen wird.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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