B.5

Auf zwölf zu

Zurück nach Frankfurt am Main. Wir zoomen uns da herunter und hinein … Wo ist er, unser Taxi-Mann namens Schell?
Wir suchen aus der Vogelperspektive die Straßen ab, ohne Eile, denn es gibt viel zu sehen, Frankfurt ist eine unterhaltsame Kulisse …
Um im Gesamtzusammenhang von Schells Bureau diesen Frankfurter Schell von sowohl dem Schell des Intrologs, als auch vom Schell der Mystery Saga zu unterscheiden, nennen wir ihn H-Schell. H wie human. Oder wie homo sapiens; denn dieser Schell versucht ja, sich als jemand zu verstehen, der die menschlichen Bewohner des Planeten Terra repräsentiert. Aber natürlich könnte das H auch einfach auf seinen Vornamen Hartmut hinweisen.

Es ist Vormittag. Mattes Licht, blasse Farben, es windet heftig und sieht nach Regen aus; regnet aber noch nicht. Was die Jahreszeit angeht, so kann angesichts der Bäume von Sommer, ja auch von Spätsommer schon nicht mehr ganz die Rede sein; sagen wir, der Herbst hält gerade Einzug … Da!, dieses urtümliche Taxi, ein schwarzer Heckflossen-Daimler, das muss es sein: das Retro-Taxi mit dem Sound echter Musikcassetten.
Was hat Schell da gerade laufen?
Life is easy when you’re hiding from the rain beneath banana trees … Michael Franks.

Unterwegs wieder einmal in Richtung Hauptbahnhof, gingen ihm gerade Möglichkeiten eines Urlaubs durch den Kopf. Er stellte sich vor, vom Delta der Donau im Uhrzeigersinn an den Küsten des Schwarzen Meeres entlang zu reisen, und zwar gemächlich, mit Fährschiffen und Eisenbahnen. Bis nach Istanbul.
Er könnte sich genauso gut auch in England alte Parks anschauen; oder sich mit ein paar Büchern irgendwohin verziehen, wo nichts los ist, nach Belle-Ile zum Beispiel. Aber mit was für Büchern?, fragte er sich. Und warum nicht gleich zuhause bleiben?
Geht mir doch ganz gut hier, oder? Zugegeben, neulich war ich mal ziemlich runter mit den Nerven, und es wird wohl so sein, wie Manne und Uschi meinen: dass mir eine Abwechslung bestimmt gut täte.
Das war sehr beschönigend gedacht; die Freunde hielten es für dringend nötig, dass er aus Frankfurt mal herauskam; und er hatte sich davon ja auch schon überzeugen lassen, vor nun fast einem Jahr, und schob seitdem die Sache vor sich her, da sich einfach kein Ort fand, der in ihm Reiselust erweckte.
Wiewohl er fand, er habe das Ereignis gut verdaut inzwischen, hörte das Unerklärliche nicht auf, ihn zu beschäftigen:
Entweder ist die Wirklichkeit so wie ich denke, dass sie ist, dann kann das Ereignis nicht real gewesen sein. Oder es war real, dann aber ist die Wirklichkeit anders als ich denke. Das eine ist so wahrscheinlich wie das andere.
Als drittes käme in Betracht, dass das Ereignis zugleich real und nicht real war, die Wirklichkeit also ist, wie ich denke, und gleichzeitig ganz anders. Das widerspricht jedoch der Logik und damit dem Wirklichkeitsbegriff, den ich gewohnt bin.
Dies dritte, das Sowohl-als-auch, ist am wahrscheinlichsten, das heisst, was ich mir als wirklich vorstelle, ist genauso falsch wie richtig, so real wie irreal. Wie wahrscheinlich dies aber auch ist, es scheidet aus, da der objektive Standpunkt, den es voraussetzt, mir nicht gegeben ist.
Billige Ausrede. Du versuchst, der Entscheidung für oder wider aus dem Wege zu gehen.
Weil mir der objektive Standpunkt diese Unsinnsentscheidung eben verbietet.
Meinst du.
Ganz recht, und zwar vom objektiven Standpunkt aus.
Wie kann ein Standpunkt objektiv sein? Das ist ein Widerspruch in sich. Der Standpunkt ist das schlechthin Subjektive.
Ohne den es das Objektive nicht gäbe; kurz: Kein Kreis ohne Mittelpunkt. Kein objektives großes Ganzes ohne mittendrin ein Subjektives, dich zum Beispiel. So funktioniert nun mal Erkenntnis.
Und die Erkenntnis wiederum wird das Subjekt, dessen Objekt die Wahrheit ist, das Unbewegte, dem die Erkenntnis sich endlos entgegenbewegt.
Und dann? Wo heben sich Bewegung und Unbewegtheit gegenseitig auf?
Da, wo sich der Gegensatz Gegensätzlichkeit-gegen-Gegensatzlosigkeit auflöst; wo man das Unendliche mathematisch erfasst, indem man die Linie als Punkt denkt …
„Da vorne bei dem Sushi-Laden können Sie mich absetzen.“
Bis die Begriffe nicht mehr reichen, also keine Vorstellung mehr greift und sich also auch jenseits der Sprache kein Sinn mehr ergibt. Er hielt an. „Macht achtzehn Euro.“
Eine der großen Uhren zeigte Viertel vor zwölf. Und er hielt inne. – Schon wieder? Denn da wurde ihm bewusst, dass in letzter Zeit eigentlich immer, wenn ihm zufällig eine Uhr in den Blick kam, es gerade auf zwölf zu ging. – Hm, nun ja. Seltsam. Doch warum nicht? Selektive Wahrnehmung. Auf zwölf zu – nur bloß nicht irgendwelche Schlüsse daraus ziehen!

Inzwischen konnte er sich dem Hauptbahnhof wieder nähern, ohne gleich an jenes Objekt zu denken, das er dort in einem Schliessfach gefunden hatte – die Azuma-Statuette –, und auch ohne in der Folge dann sich an jenen Sommerabend erinnern zu müssen, an dem das Ereignis stattgefunden hatte. Doch hiess das auch, dass schon Gras darüber gewachsen war?
Wie tief es ihn in geistige Komplikationen gestürzt hatte, war ihm halbwegs bewusst, und er leugnete nicht, dass die Sache Spuren bei ihm hinterlassen hatte. Waren die jedoch erkennbar? Hatte er noch ein Problem? Nein, hätte er gesagt; wusste allerdings, dass seine Freunde von der Tankstelle gesagt hätten: O ja. Insofern jedenfalls versteht man sein Bemühen, so unauffällig wie nur irgend möglich aufzutreten und sich aus allem so gut es ging herauszuhalten. Was seit neuestem gar nicht mehr so einfach war.
Da er nun wusste, wie sehr das sogenannte Ereignis auch Manne beschäftigte, sodass der in puncto Schells Bureau anscheinend ständig recherchierte, fiel ihm überhaupt erst auf, dass er selbst zur Aufklärung der konkreten Umstände dieses rätselhaften Falls noch bisher keinen Finger krumm gemacht hatte; und was er bis dahin unbewusst unterlassen hatte, das unterliess er nun ganz bewusst. Er sagte sich: Auch wenn es ja, wie’s scheint, dein Fall ist, so halte dich lieber aus dem heraus, was faktisch daran ist. Nur wenn du sicher bist – ganz sicher –, dass du das Gesuchte wirklich finden willst, dann meinetwegen suche; vergiss nur nicht: durch Sucherei wird es konkret.
Und was musste er feststellen? Dass es ihm plötzlich ganz schön schwer fiel, sich aus allem rauszuhalten.

Hin und wieder also gedachte er am Bahnhof durchaus noch der Azuma-Statuette – der Azuette, wie er bei sich dieses Plastikfigürchen nannte – und all des Mysteriösen, das damit zusammenhing, doch immer seltener; eher fiel ihm da ein, wie Joseph Beuys, der Künstler, seinerzeit an das große Thema Einweihung erinnert hatte: indem er darauf hinwies, die Mysterien fänden heutzutage am Hauptbahnhof statt. Wie wahr.
Jetzt gerade forderte allerdings das Parkplatzproblem seine Aufmerksamkeit. Hier gleich um die Ecke befand sich nämlich sein Stammcafe und es war Zeit zu frühstücken.

Worauf es ihm dort beim gewohnheitsmäßigen Durchblättern der Frankfurter Allgemeinen ankam, war der Anschein von Normalität, den es erweckte, sowie der gleichmütige Blick aufs Weltgeschehen und das Rascheln des Papiers. Es fühlte sich gemütlich an; trotz des beunruhigenden Gedankens, der sich dabei immer wieder erneuerte: dass wohl nach wie vor in aller Welt die oberen Ränge mit Psychos besetzt seien. Heute liess ihn das wieder einmal an Frau Doktor denken, an seine erste Sitzung bei ihr: Sie hatte ihm nicht geglaubt, dass er Taxifahrer sei; einfach deshalb, weil ihre Dienste in der Regel nur von Chefs in Anspruch genommen wurden; und hatte hinzugefügt, wörtlich: „Ich bin auf Psychos spezialisiert. Sonst säßen Sie nicht hier. Das sollte Ihnen klar sein.“
Nur Chefs konsultieren Frau Doktor? Das hatte ihn irritiert. Und unter Chefs versteht sie Psychos? Dann bin ich wohl die Ausnahme von dieser Regel. Was sich so wahrscheinlich jeder Psycho denkt.
Daran hatte er schon oft zurückgedacht … Sein Croissant zerkauend, stierte er durch die Fensterfront über die Straße und bemerkte jetzt, was er dort auf den Treppenstufen eines mit Graffiti verzierten Hauseingangs immer sah: die Junkies. Die in dieser Gegend zahlreich waren; und die mit ihrem Radar gewöhnlich seine Haltung ihnen gegenüber, eine Art scheue Hochachtung, ohne weiteres erfassten, sodass ihm meistens erlaubt war, ihnen aus dem Wege zu gehen.
Nicht gerade dass er Heilige in ihnen sah, doch jedenfalls erinnerten sie ihn an die Saddhus in Indien, die man ihrer Radikalität wegen fürchtet und verehrt; nur dass die hiesigen Saddhus fokussiert waren auf Stoff, hingegeben ganz und gar an ihre Selbstsucht; dass für sie das Absolute ihr ungeschminktes Ego war, ein Ego, das so weit geht, zu seiner Befriedung sich selbst als Ganzes in die Waagschale zu werfen und damit den Egoismus, indem er solchermaßen in Selbstaufgabe umschlägt, ad absurdum führt. So betrachtete sie Schell, kurzum, als Fortgeschrittene.
Die Sucht, dachte er, ach die Sucht … Ist sie nicht schlechthin das Kennzeichen der Terraner? Das Typische am Menschenleben in der Schwerkraft? Das irgendwie, was uns alle zu Verwandten macht? Und damit auf einmal trübte sich ihm alles ein.
Was wenn nicht Sucht war es gewesen, das ihn wieder und wieder hatte Frau Doktor aufsuchen lassen? Aber immerhin, sagte er sich, bin ich nun schon ganz schön lange dieser Versuchung nicht erlegen … Soll wohl heissen, wird Zeit, mal wieder schwach zu werden, oder was?
Schwach, nun ja; was aber, wenn Schwäche, Sucht, das Unergründliche, all das Belastende, gar nicht so wirklich ist wie ich meine? Vielleicht träume ich das alles nur. Dann könnte gerade die Therapie bei Frau Doktor, wie alles Krasse, sich genau als das erweisen, was endlich mich herausreisst aus dem Traum. Denn ehrlich gesagt, war ich doch mit dem Aufwachen heut Morgen schon wieder mittendrin in diesem blöden, die ganze Wirklichkeit umfassenden Dilemma, und das heisst, nicht einmal mehr der Schlaf vermag es noch zu unterbrechen.
Weil dieses Wirklichkeitsdilemma einfach größer ist als du. Bedeutender. Und natürlich auch schon lange nicht mehr deinem Willen unterliegt.
Soll das die gute Nachricht sein oder die schlechte?
Die Nachricht lautet: Es ist nicht mehr abstrakt, nicht mehr dein Hirngespinst. Was dir noch als logisches Dilemma erscheint, ist längst verwirklicht: ist Realität. Und bemerke doch bitte, dass du da, wo du früher Trost von aussen brauchtest, wo der gute alte Imperator mit stoischen Sentenzen aushelfen musste, ich es heute bin, der dir in den Hintern tritt, dir die Moral erhält, das heisst: du dir selbst. Wenn das nicht gute Nachricht ist.
Er blickte durch die FAZ quasi hindurch, noch immer bedächtig mit dem Verzehr seines Croissants beschäftigt, und suchte vergeblich, was er für sich Die Stille nannte. – Sag mal, ist das etwa ein Trübsinn, dem du dich hier überlässt?
Alles ist gut. Perfekt. Und wunderbar.

Während der Monate, in denen er auf der Suche nach dem inneren Machtwort so exzessiv damit beschäftigt gewesen war, um das Ereignis herumzudenken, war sein Erlebnishorizont sehr schmal geworden. Er hatte seinen Taxi-Job erledigt, abends gern die Gesellschaft in der Küche aufgesucht, mit Manne und Uschi Gespräche geführt; sonst nichts. Ausser dass er aus Höflichkeit bei seiner Nachbarin Lady Rainbow hereinschaute, wenn sie ihn gelegentlich auf ein Tässchen Tee einlud. Innerlich aber war er allem fern geblieben, wie einem Schauspiel gegenüber, das ihn nichts anging, so allein im Grunde wie draussen beim Joggen oder in seiner Bude am Schreibtisch.
Gedanklich so über alle Maßen in Anspruch genommen vom Ereignis, dass sich äusserlich so gut wie gar nichts mehr ereignete, hatte er doch ständig das Gefühl gehabt, keine Zeit zu haben; und dieses Gefühl, weil es sich einfleischte, hatte ihn auch nachts bedrängt, sodass er nicht gut schlief und folglich tagsüber immerzu müde war. Und woran er während dieser schweren Zeit besonders darbte, war der Mangel an Träumen – ja, zeitweise hatte er gar nicht mehr geträumt.
Dann aber musste, irgendwo im Verborgenen, etwas geschehen sein.
Plötzlich hatte sich das Blatt gewendet, er wusste nicht, wodurch, und es war ihm auch egal – auf einmal träumte er wieder!; und höchstens wunderte ihn, wie glücklich ihn das machte und wie es morgens eine Sensation war, anstatt aus flachem Gedöse aufzuschrecken, weil der Wecker klingelte, auf einmal wieder zu erwachen aus richtigem Schlaf, und statt sich mühsam aufzuraffen, sich ausgeruht und heiter zu erheben.
Und gerade so wie heute Morgen war es inzwischen häufig morgens: Wie hatte er’s genossen in dem frohen Überschwang, den ihm das bloße Ausgeschlafensein verursachte, zu entscheiden, ganz Herr der Lage, dass es auch heute wieder, und weiterhin, völlig egal sei, was denn der Auslöser der plötzlichen Veränderung gewesen sein mochte; dass er zwar herzlich dankte für den guten Schlaf, für sein wiedergewonnenes Traumvermögen, die Ursache davon aber im Rätselhaften zu belassen hatte, schien sie ihm doch deutlich genug zu sagen: Ich entschwinde dir in dem Maße, in dem du mich konkretisierst.

Put the blame on Mame, boys, put the blame on Mame
Was er beim Bereiten des Kaffees da vor sich hingesummt hatte, stammte aus uraltem Hollywood, aus einem Rita Hayworth-Film. Kann nur heissen, dachte er, ich hab mal wieder von Ingrun geträumt. Denn die ist doch, wäre sie nicht so blond, optisch von der Hayworth wahrlich nicht zu unterscheiden. Um aber diesen schönen Morgen nicht aufs Spiel zu setzen, scheuchte er rasch diesen Gedanken an seine Ex-Geliebte fort, und darauf, dass ihm das inzwischen ohne weiteres gelang, war er ein bisschen stolz, ja grinste sogar in den Spiegel und fragte sozusagen den da: Sonst noch was an Fortschritt zu verbuchen?
Kurzum, seine Verkapselung hatte sich, wie er fand, restlos aufgelöst.

Er hatte heute Morgen, als er in den Wagen stieg, auf Gutglück in die Kiste gegriffen, so wie immer, wenn er noch nicht wusste, was der Sound des Tages war; worauf Getrommel einsetzte, als er vom Hof fuhr, und sich der Senegal erhob … Hatte er lange nicht gehört, Toure Kunda, und drehte auf.
Den alten Heckflossen-Daimler als retro zu bezeichnen, war genau genommen ein Missverständnis, da er nicht auf alt gemacht, sondern echt alt war; so wie das, was als das Wesentliche bei der Kundschaft so gut ankam, darin bestand, dass die Musik von den echt alten Magnetbändern, die der echt historische Cassettenrecorder abspielte, auch entsprechend echt vernudelt klang. Dabei hatte weder Schell noch Manne eine besondere Vorliebe für Oldtimer oder überhaupt für Nostalgie; vielmehr ging es einfach darum, das Kult-Potential zu nutzen, oder wie Manne es mal formulierte: „Die Karre ist noch gut, die Musik auch, also kann man die Leute gut noch damit rumkutschieren.“
Da Schell der einzige von Mannes Fahrern war, der lieber diesen alten als irgendeinen neuen Wagen fuhr, war also sein „Retro-Job“ keineswegs ein Privileg, und so kümmerte es auch niemanden, dass er sich die Freiheit nahm zu arbeiten, wann und soviel, oder sowenig, er wollte. Günstig für ihn, denn es gab Tage, da kam er gar nicht vom Schreibtisch weg, und andere, an denen er bestimmt nichts besseres zu tun hatte, als auf alter Pop-Musik durchs Rhein-Main-Gebiet zu kurven.

Seit er seine Gedanken soweit unter Kontrolle hatte, dass er ihr Entstehen beobachten konnte, wurde er gewahr, wie sich immer wieder aus lauter Vermutungen ein Gebilde um ihn herum zusammensetzte, das stets auf Verfestigung abzielte und nur diese eine Funktion zu haben schien: die Konsistenz von Realität zu erreichen. Sobald er das im Einzelnen bemerkte, setzte er für den jeweiligen Sonderfall sogleich das allgemeine Muster, das Prinzip, und zwar indem er sich ein Bild dafür vergegenwärtigte, nämlich das Bild, in dem das, was in seinem Geist entstand, zugleich den Geist abbildete, der diese Bild entstehen liess: ein Raum, dessen sämtliche Seiten aus Spiegeln bestanden; ein unmöglicher Raum, den er den Tautoloid nannte.
Da ihm inzwischen klar war, dass er selbst ja dieses Ding hervorbrachte, geriet er gegenüber dieser extremsten seiner geometrischen Fiktionen nicht mehr in Panik, sondern brachte im Gegenteil seinen Geist darin zur Ruhe. Er kannte das Machtwort, lernte den Umgang damit, und er wusste: Dafür brauche ich dieses Ding, dieses Spiegelkabinett, diesen absoluten, wenn auch fiktiven Ruhepunkt; und zwar weil ich es so bestimme, weil es mir passt; weil es sich so, wie ich es geschaffen habe, nicht mehr abschaffen lässt; und weil ich ja blöd wäre, mir selber gegenüber ein Sadist, wenn ich mir daraus Qual bereiten würde. Ist doch viel besser, mich zu freuen. Und um überhaupt zu merken, dass ich mich freue, brauche ich diesen Punkt, diese Stille. Eine Art Happy End, in das ich jederzeit einkehren kann. Wo immer so wie Ende auch immer Anfang ist.
So hatte sich die Sache allmählich völlig umgedreht: plötzlich fand er genau da, wo ihn früher nur nacktes Entsetzen überfiel, stille, heitere, ja gemütliche Zufriedenheit.
Doch war etwa auch das nur wieder eine Illusion?

Bis hierhin war es so schön, von morgens an in lockerer Gedankenfolge sich dem zu überlassen, was ihm entgegenkam, beflügelt irgendwie, und erleichtert in dem Gefühl, ja sowieso nichts machen, weil sowieso nichts ändern zu können, und nun, im Rückblick auf die gedankliche Bewegung, die er seit heute früh vollzogen hatte, reimte sich ihm eine Kurzfassung zusammen und er dachte, das macht ja auch mal Spaß:
Kopf-oder-Zahl ist mir egal.
Im Null-oder-eins find ich nicht meins.
Bin bei nur entweder-oder doch bloß der blöde Decoder.
Er überlegte: Und daraus nun conclusio
„Salam, Schell-Efendi. Kommst du mal rüber zu Habib.“
Wer wagt es hier –? Einer dieser schwarzbärtigen Jungs in modernster Sportbekleidung, wie geschaffen für eine neue Karl May-Verfilmung, hatte sich vor ihm aufgepflanzt. Er seufzte innerlich: Kaum dass ich wieder gut drauf bin und mich blicken lasse in der Welt, muss ich einem Gangster ins Visier geraten …
„Fünf Minuten“, sagte er. „Muss noch was zuende denken.“
Er würde zehn Minuten daraus machen, das entsprach dem Maß an Souveränität, das er sich leisten konnte; keinesfalls dürfte er Habib länger warten lassen, das war klar. Möglich, dass dieser Libanese nur ein kleines Lichtlein in der Szene war; doch woher wissen, wie weit über diese Straßenseite hinaus sich seine Autorität erstreckte? Bringe ihm vorsichtshalber den vollen Respekt entgegen, ermahnte er sich selbst, bevor er den Faden wieder aufnahm, sich zur conclusio abwechslungshalber mal etwas Demut anempfahl und so zuende reimte:
Da’s fällt wie’s fällt dahier, fügt sich mein Wille dir.
Das klang noch nach, als er acht Minuten später das Cafe verliess, und er fragte sich, bevor er die Automatenhöhle nebenan betrat, eine sogenannte Spielothek: Was ist das für ein neuer Ton, den du da angeschlagen hast? Fügt sich mein Wille dir – mach mal halblang, alter Knabe, hast du Schiss? Etwa vor Habib? Come on.

Fassen auch wir zusammen, was in diesem Kapitel deutlich werden sollte: Dass sich also Schell nicht etwa vorkam wie ein wandelndes memento mori, nein im Gegenteil, dass er der Ansicht war, es ginge ihm gut.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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