S.7

Darum am Bosporus

Nach dem heissen Bad habe ich, bequem gelagert in einer kühlen stillen Marmorhalle, ungestört geschlummert. Nun, mit nur einem Tuch um die Lenden, frage ich den für mich zuständigen Jungen nach meiner Kleidung. Er habe sie zur Reinigung gebracht, sagt er, denn das sei dringend nötig gewesen.
„Und was in den Taschen war? Mein Geld zum Beispiel?“
Da könne ich ganz unbesorgt sein, versichert er mit und eilt davon.
Dann, als er mir wenig später den Anzug bringt, muss ich allerdings feststellen: „Das ist nicht meiner.“
„Nicht? O weh.“
Ich durchsuche die Taschen. „Nichts drin. Auch das Hemd ist übrigens nicht meins, und diese Unterwäsche schon gar nicht.“
„Ein Versehen. Eine Verwechslung. Warten Sie bitte, Effendi!“
Ich schaue an meiner Nacktheit herunter. „Ja, ich warte.“
Wenig später taucht der Patron auf. „Ein Schlamassel! Sowas ist noch nie passiert! Hier, bitte, ziehen Sie vorerst diesen Kaftan über und kommen Sie mit, alles wird sich klären.“
Ein sympathischer rundlicher Herr, der Patron, mit beachtlichem Schnurrbart. Ich folge ihm aus dem Badehaus einige Treppen hinab in einen Bazar; vom Eisenwaren- in den Elektro- bis in den Elektronikbereich; in einen winzigen Laden und dort in den durch eine Wand aus Kartons vom vorderen Verkaufsbereich getrennten hinteren Raum; wo er mich auf einen Hocker platziert, mir Tee bringen lässt und verschwindet.
Der Raum ist Warenlager und Büro in einem; fensterlos; beleuchtet von diversen orientalischen Wunderlampen. Keine Ahnung, was die Tageszeit betrifft. Es ist jedenfalls ziemlich warm. Was an Geld hatte ich noch gehabt? Drei-, viertausend Euro, schätze ich, oder fünf? Oder sechstausend, wer weiss. Was aus den Taschen dieses speziellen Anzugs zutage kam, hat mich immer wieder überrascht. Denkbar ist, dass jemand in der Wäscherei erkannt hat, dass man es mit einem Exoot zu tun hat, jemand, der weiss, was so ein Ding wert ist … Wobei mich doch stark wundert, dass ich auch jetzt, ohne den Exoot, mich mühelos mit den Leuten hier verständigen kann; dabei dachte ich, das Beherrschen von Real Speak sei von diesem Anzug abhängig … Heisst das also, ich brauche ihn gar nicht mehr unbedingt?
Hin und wieder schaut der Patron herein und bittet um noch ein bisschen Geduld.
Denkbar, dass ich den Exoot loswerden sollte … Denkbar, dass die Sache gelenkt wird. Immerhin habe ich über die Hongkong-Nummer das Notfallprogramm aktiviert; habe damit Kontakt zu Kick Kimura aufgenommen. Kimura ist der Spezialist fürs Ausweglose. Der unangefochtene Meister im Abhauen. Es heisst, ihm sei es sogar mal gelungen, aus einer extraterrestrischen Strafkolonie zu entkommen.
Ich höre den Patron telefonieren, zunehmend laut und aufgebracht. Spielt er mir was vor?
Apropos, spielst du nicht selber hier Theater? Und in der Tat wird mir bewusst, dass ich mich eigentlich die ganze Zeit beobachtet fühle. Als führte ich vor einem unsichtbaren Publikum ein Stück auf.

Schliesslich gibt sich der Patron geschlagen.
„Alles weg?“, frage ich. Er nickt, und wirkt ehrlich bestürzt; murmelt wieder und wieder zerknirscht: „O Schande, Schande …“ Und ich, zu meiner Überraschung, muss mich beherrschen, dass ich bloß nicht anfange zu grinsen.
Sei Maske, Gesicht!
„Mein Pass? Ist dann ja wohl auch weg. Und mein Geld, o je.“
„Das natürlich wird Ihnen ersetzt, mein Herr!“
„Das wäre schön.“
„Sie sehen mich untröstlich, schlimm erschüttert. Wie kann ich Sie entschädigen?“
Soll ich ihm erklären, was mir da abhanden gekommen ist? Was ein Exoot ist?
„Erstmal würde ich gerne einen Happen essen.“
Eifrig bereitet mir der Patron auf einem Stapel von Teppichen einen angenehmen Sitzplatz und es dauert nicht lang, da setzen zwei höfliche Jungen mir auf einem niedrigen Tischchen lauter Speisen vor, die allesamt sehr gut schmecken.
Der Patron ist wieder verschwunden. Ich betrachte vor mich hin mampfend die Wand gegenüber. Sie besteht aus bunten Plakaten, die für Cyber-Spiele werben. Eines davon fasziniert mich. Es hat etwa die Größe einer Tür und wirkt täuschend dreidimensional: ein riesiges archaisches Gesicht, wie aus dunkelgrauem Stein gehauen. Keine Emotion darin, nur Distanz, eine krasse zeitliche Ferne, Fremdheit. Doch was unter den halb geschlossenen Augenlidern hervorschimmert, ist ein sehr konkreter Blick, sodass mir ist, als würde ich angeschaut; als sei dieses Steingesicht eine Maske. Darüber eine Dunkelheit, in der, wie von Fackeln beleuchtet, verschlungene Ornamente den Titel des Produktes bilden: AZUMA MAROONED.

Der Patron und seine Gehilfen legen mir eine Reihe von teuren, nagelneuen Anzügen vor, bis ich abwinke und höflich den Wunsch äussere, mich selber im Bazar nach Kleidung umzusehen. Worauf mich einer der Gehilfen in den Textil-Sektor führt, wo ich mir zusammensuche, was ich brauche. Dann, neu eingekleidet, setz ich mich mit dem Patron zusammen, um nun den schwierigeren Teil der Angelegenheit zu klären. Ob ihn die Bargeldsumme von viertausend Euro schockiert? Keineswegs, wie sich herausstellt; vielmehr zeigt er sich zuhöchst erleichtert, dass nicht auch noch Kreditkarten zu ersetzen sind.
„Und Sie hatten gar kein Handy?“ Er kann es kaum glauben.
„Aber einen Reisepass. Und da ich die deutsche Botschaft nicht in Anspruch nehmen möchte …“
Worauf er schmerzlich das Gesicht verzieht. „Ein Pass kostet Sie hierzulande Minimum vier Riesen; und für Spitzenqualität kann ich Ihnen nur“ – er reicht mir ein Visitenkärtchen – „diesen Gentleman empfehlen.“
„Besten Dank.“
„Achttausend also, wäre das in Ihrem Sinne?“
Ich nicke, und sichtlich fällt ihm da ein Stein vom Herzen. „Ach, Effendi! Was habe ich ein Glück, dass Sie ein so verständiger Mann sind!“ Worauf ich lächelnd eine abwehrende Geste mache.
Was spielen wir hier?
Der eine Gehilfe wird losgeschickt, das Geld zu holen, der andere bringt Kaffee und eine Shisha. Doch offenbar meint der Patron, mein Verlust sei noch nicht ausreichend kompensiert, oder sein Ansehen als der Verantwortliche noch nicht voll wiederhergestellt, jedenfalls möchte er mir unbedingt noch etwas schenken.
„Bitte –“ mit einer Kreisbewegung, die sein gesamtes Warenangebot umfasst, „suchen Sie sich etwas aus!“
Mich zu weigern, denk ich mir, würde ihn beleidigen. Ich sage: „Sehr freundlich, mein Herr. Aber all die Mühe, die Sie sich meinetwegen machen, die Kosten und so weiter, will sagen: ich bin doch bloß ein Fremder auf der Durchreise …“
Er nickt. „Und ich bin hier geboren. Lebe hier. Alle in diesem Viertel kennen mich, alle hier sind letztlich meine Leute. Wie ich mich auf die verlasse, so verlassen die sich auf mich. In meinem Laden wird niemand betrogen und in meinem Hamam niemand bestohlen, und wenn doch, habe ich das zu bereinigen. Denn glauben Sie mir, nichts bleibt hier unbemerkt.“
„Verstehe.“ Ich zeige auf jenes Plakat, auf das Steingesicht. „Azuma marooned, wenn Sie von diesem Spiel noch eins haben …“
„Oh, leider nein. Das ist veraltet, und auch noch nicht recycelt, noch nicht Klassiker genug; derzeit gar nicht mehr erhältlich leider. Wie bedauerlich …“ Er zögert kurz. Dann steht er auf, macht mir ein Zeichen, ihm zu folgen, und siehe da, dieses Plakat erweist sich als die Tarnung einer Tür.
„Kram,“ sagt er und knipst ein Licht an, „der nicht mehr viele interessiert. Mein kleines Antiquariat.“
Eine enge Abstellkammer, deren Wände aus Regalen bestehen, vollgestopft mit alten Computerspielen, DVDs und Videocassetten. Action, Horror, Porno.
Der Patron deutet auf einen dicken Stapel Sex-Magazine: „Die legendäre Busen-Serie.“ Ich blicke ihn fragend an und er setzt hinzu: „Vollständig. Die komplette Serie.“ Eigentlich meinte ich: Es gibt legendäre Tittenheftchen? Aber schon hat mich in Bann gezogen, was daneben auf einem weiteren Stapel alter Magazine liegt: eine Ausgabe der Zeitschrift SubNews.
Ich nehme sie vorsichtig in die Hand. Kann die echt sein? Doch kein Zweifel, da steht es rot auf schwarz: SubNews. Ein Heft von April 1992. Unglaublich – dachte ich doch immer, dieses Magazin existiere nur in der Fiktion.
„Keine Ahnung, was das ist,“ sagt der Patron. „Chinesisch wahrscheinlich.“
„Japanisch. Kanji.“
„Sie können das lesen? Japanisch?“
Ich lasse mir nicht anmerken, wie sehr mich das selber überrascht; sage nur „Ja“ und überfliege, was da noch in Kanji-Schrift auf dem Titelblatt steht, die Themen dieser Ausgabe: Der Hongkong Mystery Effekt869 Konstantinopel
Das soll von 1992 sein? Aktueller geht’s ja kaum! Und dann: Die Schwarm-Maschine … Ich halte inne. War da nicht mal was?
Da war was … Schwarm-Maschine, wurde so nicht jenes uralte Ding genannt, das man für eine Art Projektor hielt? Und plötzlich steigt ein Verdacht in mir auf: Darum Istanbul … Vielleicht war ich schon mal hier. Bin an irgendwas gescheitert. Sodass hier etwas unerledigt geblieben ist, etwas wichtiges … Und dass ich zufällig in diesem Kabuff jetzt darauf stoße, ist kein Zufall, sondern natürlich Fügung, oder besser: Lenkung. Und das ist mir plötzlich sowas von klar! Und ich weiss auch, warum: Das Real-Gefüge ist nicht mehr, was es gestern noch war. Es erneuert sich, passt sich an … An was?
„Wissen Sie, ich kenne diese Zeitschrift von früher“; in beiläufigstem Tonfall; „wusste nur gar nicht, dass die auch mal in Japan herauskam. Darf ich sie mitnehmen?“
„Aber gern! Und vielleicht noch ein paar Chuck Norris-Videos?“
„Nicht doch! Nein!“ Wir lachen. Dann er mit einem Ruck zur Tür: „Moment –“.
Er horcht; flüstert hastig: „Bleiben Sie ganz ruhig“; knipst das Licht aus, schlüpft hinaus, zieht die Tür hinter sich zu.
Das nenne ich eine Falle. Diese stockfinstere Gruft ein einziger Speicher von Sex, Horror und Gewalt. Und was eindeutig hier drinnen fehlt, ist Sauerstoff – und der naheliegende Schreck durchfährt mich: Ice! – Aber habe ich denn versucht, in meine Gedächtnislücke einzudringen? Reg dich ab, sage ich mir.
Zwei Pünktchen Licht, da wo die Tür sein müsste, in Augenhöhe. Ich trete an eines der beiden nahe heran. Eine Glaslinse; genau da, wo sich in dem steinernen Gesicht auf der anderen Seite der Tür die Pupille des linken Auges befinden müsste. Sodass ich klare Sicht auf die Szene habe:
Der Patron steht zwei Männern gegenüber, die von der Mafia genauso gut wie vom Geheimdienst sein könnten. Keine Mongolen; auch keine Pseudomongolen. Türken. Der eine stellt Fragen, während der andere konzentriert herumschaut. Der Patron unterstreicht seine Antworten mit entschiedenem Kopfschütteln und Gesten hilflosen Bedauerns; auch als ihm ein Foto vor die Nase gehalten wird. Ich kann auf die Entfernung nur soviel darauf erkennen, dass es keine Person zeigt, sondern nur die grobkörnige Vergrößerung irgendeines Details. Es sieht wie ein Logo oder eine Art Siegel aus und kommt mir vage bekannt vor.
Da bleibt der Blick des einen, des Herumschauenden, an meinem Auge hängen; starrt eine Weile wie hinein. Dann stößt er den Kollegen an und nickt in meine Richtung. Die beiden nähern sich. Stehen jetzt dicht vor mir, beziehungsweise vor dem steinernen Gesicht, und ich trete vorsichtshalber von der Linse zurück.
Bis jetzt war drüben das Reden nur als Gemurmel zu vernehmen. Nun aus nächster Nähe höre ich den einen fragen: „Sieht dieses Ding nicht scheissecht aus?“ „Naja, die Augen, aber der Rest? Verglichen mit den Holo-Graphiken von heute …“ „Bedenke, wie alt das ist. Uralt.“
„Aus den frühen 1990ern“, höre ich den Patron.
„Sag ich’s nicht? Dass die damals schon sowas konnten!“
„Scheissegal, komm jetzt!“ Und endlich ziehen sie ab.
Der Patron entschuldigt sich vielmals. „Die hätten auf jeden Fall einen Ausweis von Ihnen sehen wollen, und da die von der Terrorbekämpfung waren, stünden Sie jetzt unter Terrorverdacht. So schnell geht das heutzutage.“
„Danke“, sage ich.
Da kommt der Gehilfe mit dem Geld. Und es sind zehntausend Euro, die der Patron mir überreicht. „Zehn?“ Ich schaue ihn groß an. „Bitte,“ sagt er, „keine Diskussion.“
Nun ja, wenn er wüsste, dass der abhanden gekommene Exoot sowieso unbezahlbar ist … Vielleicht weiss er es. Dann wüsste er auch, dass es vielmehr dieses alte SubNews-Exemplar ist, das mich für den Verlust entschädigt.
Ich stecke es in den kleinen Rucksack, den ich mir zusammen mit der neuen Kleidung im Bazar besorgt habe, und der enthält, was auf Urlaub hinweist: Badehose, Shorts, Sandalen und eine Freizeitjacke. Ich habe mich als Tourist ausstaffiert, trage jetzt eine Schirmmütze, ein klassisches Safari-Hemd, luftige Sommerhosen und sportlich leichte Schuhe.
„Fehlt nur noch das hier.“ Der Patron schält ein Smartphone aus der Originalverpackung, nebst Zubehör.
„Das muss nicht auch noch sein!“, protestiere ich.
„Sie wollen doch nicht auffallen,“ sagt er. „Ohne so ein Ding nützt Ihnen keine Tarnung was.“ Womit er wohl recht hat, und ich also auch das noch im Rucksack verstaue. „Okay?“
„Nun ja, ordentlich getarnt wären Sie ernst, wenn Sie auch noch ein paar Kreditkarten hätten.“ Und er setzt mit einem Seufzer hinzu: „Sie sind tatsächlich kein Profi. Es sei denn –“. Es sei denn, der Profi spielt den Amateur – doch gehe ich auf diesen Gedankengang lieber nicht ein, sage stattdessen: „Umso erfreuter, speziell Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!“ Worauf er eine höfliche Verbeugung andeutet und kurz Allah erwähnt. Dann begleitet er mich zum Ausgang des Bazars, und dort, vor einer kleinen Wechselstube, in der ich mir türkische Lira besorgen soll, verabschiedet er sich mit den Worten: „Ich hoffe sehr, Ihre Erinnerung an Istanbul wird letztlich einmal eine angenehme sein.“
Inschallah“, sage ich. „Und vielen Dank!“

Es ist Nachmittag hier draussen, und brütend heiß. Ich zücke das Kärtchen, das mir der Patron im Hinblick auf die nötigen neuen Reisepapiere gegeben hatte, und darauf steht: The Framing Company, sowie deren Adresse, und der Name darunter, Mek al-Möffi Merikanski, Manager, lässt mich schmunzeln. Ich ahne schon, wen ich da wiedersehen werde, und das alles fängt jetzt an mir richtig Spaß zu machen.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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