S.8

Kick Kimura, nachts

Dieses Gefühl: zu steigen, zu steigen, zu steigen, immerzu höher zu höher gehoben, wie zum Orgasmus getragen, nur äusserlich anders, gelassen, und innerlich anders, gezwungen, gleichwie rasend ins Kleine, umso viel größer erweitert als jemals zuvor, unumfasst zu nichts verdichtet wie alles auf einmal gelöst, ein Ja-Gedicht vom Grunde gerissen, jawärts geschleudert von rundum schallendem Nein, wie Ohnmacht gemacht aus donnerndem Stillpunkt, ohne Höhe, ohne Gerade, Schwellung nur, Rauschbogen zum Kreisgestrudel, aus sich in sich, in- und auseinanderfliegend, auf Sein und Nichtsein gestoppt –: dieses Gefühl. Dabei tausend Gedanken wie ein Blitz, der sie grell alle zu nichts zerbrennt. Als würde man gar nicht denken. Ist selbst dabei in aller Ruhe Gedanke. Und steuert die Sache, lenkt sie präzise dahin, wo sie hin soll. Sehr einfach, solange nur dahin auch er will. Er? Solange nicht zwei- oder dreifach, oder sonst wievielfach, sondern eben nur einfach: er, Kick Kimura, Romanheld von Beruf.
Er weiss, es ist eine Große Welle, eine der ganz Großen, eine wie man sie nur höchst selten erwischt, vielleicht sogar die Welle, die größte seines Lebens …
Der Moment, da sie ihn nimmt, ist der entscheidende: Ist er richtig da? Und ist er richtig da? Nimmt sie ihn auf? Hat sie ihn?
Jetzt steigt er nicht mehr, er ist jetzt obenauf … Wenn er sich jetzt falsch bewegt …
Schlagartig ist ihm klar: Das wird ein Body Job.
Jetzt trägt die Welle ihn. Und der Sinkflug beginnt. Er kann nichts mehr tun, braucht sich nur noch zu entspannen, nur noch zuzustimmen. Denn da mit seinem Eigenwillen auch alle Angst verschwunden ist, hat Zustimmung jetzt Raum, ist jede Menge Platz für reines Ja-so-sei-es.
Bin ich noch da?, so fragt er sich und sagt sich: Endlich weiss ich, wer noch da ist. Und fühlt nur Dank zu diesem Wesen, das noch da ist – und so mächtig da ist, dass kein Name dafür ausreicht.
Das hast du schon erlebt, mehrmals, und jedesmal war es wie jetzt: erstmalig; einmalig; einzigmalig; aller Anfang. Daran erkennst du es: das Notwendige. Erkennst es ganz, und neu. Dass du das Notwendige zu erledigen hast. Und was das Notwendige ist. Ein Body Job. Und vor allem: dass du das Notwendige erledigen darfst
Darüber staunt Kick Kimura gar sehr. Denn bis eben galt es ihm als ausgeschlossen, dass man ihm jemals wieder einen Body Job erlauben würde. Er konnte froh sein, dass ihm überhaupt gestattet wurde, im Service of Intelligence noch wenigstens als Handlanger sich nützlich zu machen. Und plötzlich dies; sodass er sich fragt: Ist etwas so großes passiert, dass sie auf einmal jeden brauchen? Dass sogar eine persona non grata wie ich wieder ganz oben mitspielen darf?
Eben noch wäre das keine Frage gewesen. Dass er nun in profanes Bedenken zurückfällt, zeigt ihm an, dass der Transit zuende ist, die Welle jetzt ausläuft, ihn gleich absetzen wird …
Und da gewinnt er schon Boden, läuft, rennt …
Auf einer Straße, einer Brücke …
Und jetzt: Sprint! Denn Schüsse krachen, und ihm ist klar, die gelten ihm. Er wird verfolgt.
Eine Routine. Er ist jemand in Panik. Okay. Er weiss, was er zu tun hat: das, worin er Meister ist; weiss, was da in seiner Jackentasche klingelt, dem Anschein nach ein Telefon, und weiss, wozu das gut ist …
Du träumst, sagt er sich.
Er kauert auf einem Bett, nackt und nassgeschwitzt, erschöpft. Von dem Gelb einer Straßenlaterne dringt ein wenig in das dunkle Zimmer. Das Telefon, so stellt er fest, hat mich geweckt – muss ich geträumt haben. Es hängt in einem Schnellimbiss in Hongkong, an einer Wand ganz hinten, wo die Vorräte gestapelt sind.
Über den Anrufbeantworter dieses Telefons konnte man ihn kontaktieren; ihm die Nummer für einen Rückruf oder auch gleich die Koordinaten eines Treffpunkts nennen; und früher hatte man ihn auf diese Weise andauernd ins Spiel geholt. Doch damit ist es schon lange vorbei. Seit er im Service of Intelligence in Ungnade gefallen war, brauchte ihn niemand mehr. Und das Hongkong-Telefon hätte eigentlich stillgelegt werden können. Irgendwer aber hatte entschieden, offenbar in weiser Voraussicht, dass diese Nummer dem internen SI-System als eine Notfall-Funktion erhalten bleibt. Irgendwer also setzte darauf, dass im Fall der Fälle Kick Kimura doch noch zu gebrauchen sei, mit andern Worten: dass er nie die Bereitschaft aufgeben würde, seine Verfehlung wiedergutzumachen durch bedingungslosen Einsatz im SI.
Doch ob heute immernoch jemand darauf setzt? Ob die Nummer noch jemandem bekannt ist? Ob man sich überhaupt an Kick Kimura noch erinnert? Schon so lange ist Zeit vergangen, denkt er, dass ich eines nur ganz sicher weiss: dass ich bereit bin. Und dass es irgendwo geklingelt hat.
Das eine Klingeln war im Traum, es kam vom Handy in der Jacke. Aber das andere Klingeln, das hat mich geweckt … Wenn es das Hongkong-Telefon war … dann … liegt ein Notfall vor.
War es aber wirklich das Telefon in Hongkong, das geklingelt hatte?
Er zieht das Nächstliegende in Betracht: das Telefon am Bett. Ein Gerät, dessen Klingeln er kennt; das aus derselben Ära stammt wie das alte Ding in Hongkong. Beider Klingeln klingt so, wie in jener Ära alles Telefongeklingel klang: einfach wie Klingeln.
Da aus dem Telefonnetz die Vernetzung aller Geräte hervorgegangen ist, nämlich die Gesamtvernetzung, in der das einzelne Gerät nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, kann das Hongkong-Telefon inzwischen überall sein, das heisst kann jedes ähnliche Telefon seine Funktion übernehmen, auch dies Ding hier am Bett. Jedoch nur der kriegt’s mit, der’s weiss; der jenes spezielle eine Klingeln kennt.
Und genau so hat es eben doch geklungen – so wie jenes eine Klingeln. Sonst hätte es mich gar nicht aufgeweckt.
Er sitzt reglos auf dem Bett; lauscht in die Nacht; spürt seine Anspannung; und staunt: Du bist ja richtig aufgeregt …
Ich freue mich sogar. Denn dass man mich doch noch gebrauchen kann, das durfte ich ja gar nicht mehr erwarten …
Da das allerdings Notfall bedeutet, ist ihm natürlich klar, dass er sich durchaus nicht darüber freuen sollte. Womöglich ist das, was passiert ist, so schlimm, dass seine Aktivierung ein Akt der Verzweiflung war.
Also schön sachlich bleiben, sagt er sich, und systematisch vorgehen. Man hat mich über den Traumkanal aktiviert, und fähig dazu ist, soviel ich weiss, nur der alte Forty O. Doch wer weiss, ob das alles noch so funktioniert wie früher …

Dieses Zimmer mit dem alten Telefon ist ihm vertraut. Ein Hotelzimmer in Nizza. Er hat darin schon oft gewohnt; wohnt darin tatsächlich immer, wenn er hier ist; kennt es in jeder Jahreszeit. Kein angenehmes Zimmer; wie dieses ganze Hotel kein angenehmes ist: unschön gelegen, unfreundlich geführt; schäbig ausgestattet, muffig, verstaubt; im Sommer kaum durchlüftet, im Winter immer überheizt; ziemlich billig immerhin, und das in jeder Hinsicht.
Man ist von Kick Kimura ja viel Seltsames gewöhnt, doch einem asketischen Ideal anzuhängen, dem kein Hotel miserabel genug sein kann, ist ihm bestimmt ebensowenig nachzusagen wie ein Hang zu Luxus oder Hedonismus gar. Was also treibt ihn dazu, ausgerechnet diese Absteige immer wieder aufzusuchen? Und was überhaupt führt ihn immer wieder nach Nizza? Wenn es nicht kulturelle Genüsse sind – und die sind es nicht –, dann vielleicht die hiesige Atmosphäre melancholischen Gaunertums? Nein, derlei wegen ist er nirgendwo je hingefahren, er war nie Tourist.
Dies hier ist – wie sonst soll man es sagen? – ein Ort, dem er sich aussetzt: ein Ort der Buße. Der Ort ständiger Umkehr.
Hier hat er seinen großen Mist gebaut. Einen Mist, der leider nie verjährt.
Kurz, aus schlechtem Gewissen ist er hier. Doch das ist eine so lange Geschichte, dass sie auch in kürzester Fassung zu lang wäre an dieser Stelle. Nur dass sie vom sogenannten Liebestod handelt, sei hier gesagt; und dass Kick Kimuras Verstrickung in diese Angelegenheit so schwerwiegend gewesen ist, dass er darüber seinen Rang als Schlüsselfigur im Service of Intelligence verlor.

Jetzt weiss er nicht: Wo nun hat die Große Welle mich tatsächlich abgesetzt? Da, wo ich renne? Auf jener Brücke, wo Verfolger auf mich schiessen? Wo ich so hineingeplatzt bin, so plötzlich, so ohne jede Anbahnung – für einen Traum sehr ungewöhnlich. Doch bin ich daraus aufgewacht, von besagtem Telefongeklingel. Es hat dort geklingelt, auf der Brücke, zum Traum gehörig, das erinner ich genau. Wie aber, als Teil des Traums, hätte mich das wecken können? Es muss also auch ausserhalb geklingelt haben – hier.
Dann hat sie mich hier abgesetzt, die Welle? Oder auch hier? Sowohl hier, als auch dort?
Genau darauf läuft es hinaus. Nun musst du nur noch aufhören, das für unmöglich zu halten. Wozu bist du denn all die Jahre so viele Wellen gesurft? Doch nur, um endlich eines Tages auch eine Große Welle zu schaffen, eine wie diese, die dich an verschiedenen Orten gleichzeitig trägt – ja, immernoch trägt, sie rollt nämlich noch immer, nur jetzt nicht mehr spektakulär, sondern verborgen, aber mit unverminderter Wucht; und immernoch kannst du darin untergehen, sage ich dir. Dann erst hast du sie geschafft, wenn du sie begreifst; solange rollt sie: nicht unter oder über dir, nicht mit dir oder ohne dich – durch dich. Du bist die Welle. Verstanden?
Was ich verstehe, ist eigentlich gar nichts. Und soviel in etwa konnte ich mir bisher auch unter einem Body Job vorstellen – gar nichts. Verstehe ausserdem, dass ich nur deshalb so überrascht bin, weil ich schon die Hoffnung gänzlich aufgegeben hatte, durch mein Bemühen noch einem andern Ziel als meinem Tode näherzurücken. Und ich verstehe, dass an diesem Dauer-Surf ganz besonders die Option, sich einfach dem Untergang zu überlassen, eine ständige Verlockung bleibt.

Hat er geträumt? Real geträumt oder geträumt, dass er träumt? Oder träumt er immernoch? Ist hier wieder einmal Traum-im-Traum des Rätsels Lösung? Wie real ist dieses Hotelzimmer, in dem er so im Dunkeln auf dem Bett sitzt?
Er denkt an die Szene auf der Brücke zurück und widmet sich den Einzelheiten …
Es ist Nacht. Die Brücke, hell im Lichterstrom der Autos, überspannt eine weithin glitzernd umsäumte und von Bootslampen zahlreich gepünktelte Schwärze. Es geht ein lascher warmer Wind, der kaum die Abgase verweht. Und es ärgert ihn, dass er gezwungen ist, so schnell zu rennen wie er kann. Denn diese Anstrengung erscheint ihm unnötig. Seine Verfolger, zwei Asiaten auf einem altersschwachen Motorroller, sind offenkundig Dilettanten; oder wollen ihn gar nicht töten, sondern ihm nur Angst einjagen.
Und kaum ist ihm das klar, erkennt er sie: alte Bekannte aus dem Schattenreich, die immer wieder in seinem Umkreis auftauchen, immer unerwartet, immer plötzlich. Die oft bedrohlich wirken, manchmal auch nur lächerlich, in jedem Falle aber störend. Er kennt sie namentlich: Sgyulus und Sprosbral, und das Kapitel seiner Erinnerung, in dem sie zum erstenmal auftauchten, spielt in ferner Vergangenheit, in Tokyo, wo er als sechs- oder siebenjähriger Knabe entführt worden war und eine Woche in der Gefangenschaft einer Sekte von tibetanischen Magiern verbracht hatte, bevor ihn ein aussergewöhnlicher Gentleman aus dem Westen – nämlich der große Forty Operas höchstpersönlich – befreien konnte.

Er fragt es sich erneut: Bin ich noch da?
Und der Gedanke an das Große Gute, an das Wesen, das noch da ist – und so mächtig da ist, dass kein Name dafür ausreicht –, macht ihm Mut, und er kann wagen, das zu tun, was er sich bis jetzt nicht traute.
Er steht auf, knipst ein Licht an, tritt vor den Spiegel.
Und er sieht: da ist niemand.
Der Spiegel ist leer.
So wie befürchtet: du bist gar nicht hier.
Moment. Keine voreiligen Schlüsse. Durchaus bin ich hier, nur nicht ganz. Das Wesentliche ist hier das vor dem Spiegel.
Dann ist etwa, was im Spiegel ist, weniger wesentlich?
Gar nicht wesentlich. Was der Spiegel gibt, ist immer nur Hinweis. In diesem Falle nichts. Und auch das ist Hinweis, der Hinweis: Identität.
Erkläre dir das!
Nichts mehr, auch kein Spiegelbild, trennt dich von mir.
Hört sich komisch an.
Soll heissen, ich bin ich, und wir zwei sind identisch.
Wieso beschleicht mich das Gefühl, dass du ernstlich etwas damit sagen willst?
Ich will damit sagen, dass ich ernstlich ratlos bin; dass es vorläufig nur darum geht, diesen leeren Spiegel auszuhalten.
Kick Kimura ist sich hier durchaus bewusst, dass dieser monologe Dialog einem fröhlichen Vor-sich-hin-pfeifen im Finstern gleicht: dass er durch philosophisches Geplänkel sich das Dämonische vom Leibe hält.
So sehr ich auch Geist bin, denkt er, und sogar freiester Geist, wie es scheint, vom Sichspiegeln befreit sogar – trotzdem: Entschieden bekreuzigt er sich.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

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  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
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  • Kellner
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  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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