S.9

Taksi on location

Um bei offenen Fenstern zu fahren, hatte ich trotz der Mittagshitze eines der alten Taxis ohne Klimaanlage gewählt. Jetzt, da uns kein Fahrtwind kühlt, weil wir in einem Stau festsitzen, bereue ich es, nicht in eines der neueren klimatisierten Taxis gestiegen zu sein. Immerhin geht von der völlig ineffektiven Emsigkeit des kleinen Propellers am Armaturenbrett ein rührender Hauch von Poesie aus.
solange Sie glauben, Schell zu sein. Das geht mir immer wieder durch den Kopf.
Drei von mir reichen nicht, solange ich glaube, Schell zu sein? Was meinte Ladenheuser damit? – Da fällt mir der Moment ein, als ich auf dieser Taxi-Rückbank Platz nahm: Eine Sekunde lang hatte ich das deutliche Gefühl, als sei noch jemand eingestiegen, genauer gesagt zwei, einer links und einer rechts von mir.
Ich wäre also gar nicht überrascht, mich hier plötzlich eingekeilt zwischen Sgyulus und Sprosbral wiederzufinden. Doch ist das wahrscheinlich gar nicht nötig, solange ich an sie denke und mir bewusst bin, was sie mir versinnbildlichen, nämlich das, was mir ständig die geistige Klarheit zu trüben droht: Halluzination und Voreingenommenheit.
Dass mir jetzt wieder das Gefühl bewusst wird, beobachtet zu werden, hat den konkreten Anlass, dass der Fahrer mich im Rückspiegel aufmerksam beäugt. Ein Mann mittleren Alters ohne eine erkennbare Ambition, etwas darzustellen, was über seine Funktion als Taxifahrer hinausginge. Offenbar hat er Schwierigkeiten mit der Einschätzung meiner Person. Dem nach, wie ich ihm die Adresse nannte, scheine ich ganz gut türkisch zu sprechen; sehe aber aus wie ein ausländischer Tourist; Touristen jedoch geraten höchstens ausversehen in jenen Bazar, vor dem ich in sein Taksi stieg; und auch das Ziel der Fahrt ist kein touristisches.
Er wendet mir kurz eine resignierte Miene zu und stellt mit einem Seufzer fest: „So ist das hier. Immerzu Stau.“
„Für mich kein Problem, im Gegenteil. So habe ich Zeit zu gucken. Ich suche locations. Ganz normales heutiges Istanbul.“
„Ah, verstehe, Sie sind vom Film.“ Er klingt erleichtert. „Action?“
„Nur so viel wie nötig. Mystery, würde ich eher sagen. Die Geheimnisse und Wunder hinter den Kulissen des grauen Alltags.“
„Interessant,“ bekundet er höflich, „klingt nach Kunst“, und setzt lachend hinzu: „Allemal besser als Politik!“
Hoffentlich fragt er sich nicht, was ich mich fragen würde: Ein Location-Scout ohne eine Kamera im Anschlag?
Als der Verkehr dann mal ein wenig zügiger fliesst, erklärt er mir, es sei gerade vor uns irgendwo eine Protestveranstaltung im Gange, daher müssten wir einen kleinen Umweg nehmen. „Man protestiert gegen die Wasserpolitik der Großkonzerne.“
„Hier?“, wundere ich mich.
Da zeigt sich, dass der Mann gut informiert ist: „Die vom World Water Council dachten sich, in Istanbul würde sich niemand für ihre inoffizielle Sonderkonferenz interessieren. Dann haben aber die hiesigen Aktivisten intensiv getrommelt und eine beachtliche Gegenveranstaltung zustande gebracht, mit Kapitalismus-Gegnern aus aller Welt. Wie es heisst, hat sogar unser Präsident dafür ein paar Strippen gezogen.“ Er schaltet das bislang kaum hörbare Radio auf hörbar.
„Der Präsident?“, hake ich nach. „Unterstützt die Kapitalismus-Gegner?“
„Na ja, könnte doch sein. Er ist der einzige, der die Investoren daran hindern kann, auch hierzulande alles an sich zu reissen. Deswegen unterstützen wir ihn doch!“
„Verstehe …“
Pause. Was soll ich sagen? Soll ich es bezweifeln? Zu bedenken geben, dass vielleicht die Regierung genau andersherum tickt?
Er setzt hinzu: „Was er den Investoren ganz bestimmt nicht kampflos überlassen wird, ist unser Wasser!“
Ich frage lieber nicht, woher er seinen Optimismus nimmt. Mir fällt ein, was ich letzte Nacht die amerikanische Stimme aus dem Fernseher im Teehaus sagen hörte: By any means necessary. Der unverholene Befehl, jedes Mittel einzusetzen, um zu erreichen, was nötig ist.
Jetzt aus dem Radio die Meldung, dass die Protestdemonstration zu terroristischer Propaganda missbraucht worden sei und zur Stunde von der Polizei zerschlagen werde.
„Sind Sie sicher, dass der Präsident die Kapitalismus-Gegner, äh – unterstützt?“
„Dass die Polizei so eine Veranstaltung auflöst, heisst doch gar nichts. Das gehört dazu; aus Prinzip, wenn Sie so wollen.“
„Ach so, okay“, und ich muss wieder einmal feststellen, dass ich wirklich zu naiv bin, was Politik angeht. Kannst ja auch nicht alles kapieren, sage ich mir und betrachte die langsam vorbeiziehenden gelblichen Häuserblocks im smogtrüben Licht der Nachmittagssonne.
Ein Film der Geheimnisse und Wunder hinter den Kulissen des grauen Alltags … Tatsächlich trifft es das doch irgendwie. Kommt mir alles so kulissenhaft vor. Aber für wen arrangiert?
Für alle Beteiligten, klar. Für uns, die wir alle mittendrin sind. Sind wir also das Publikum? Oder zumindest die von uns, die nicht nur zuschauen, sondern sich auch des Zuschauens bewusst sind? Komischer Gedanke: Wer sieht denn das alles durch uns hindurch?
Wer käme noch als Publikum infrage, überlege ich, ausser uns, die wir hier die Sichtbaren sind? Die Toten etwa? Unsere Ahnen? Engel vielleicht? Götter? Oder warum nicht gleich – Gott? Ganz zu schweigen von irgendwelchen Intelligenzen in fernen Observatorien. Oder einfach nur die Angestellten der diversen Überwachungszentren? Willkommen im Reich der unbegrenzten Paranoia …
Vorne eine winzige Bewegung, und zwar im Rückspiegel: das Stirnrunzeln des Fahrers. Er beobachtet mich. Und ich verrücke ein wenig das Sichtfeld und schaue jetzt an seinem Blick vorbei in mein Gesicht – wie? Das soll ich sein?
Die Visage eines Komikers, der sich gerade erschrocken vor der eigenen Betroffenheit fragt: Ist das noch witzig? Ein Moment gar nicht unähnlich dem, da man zufällig einmal, schlagartig objektiv, sein tatsächliches Alter erkennt.
Das da kann nicht ich sein … Wer ist das? Den kenne ich quasi gar nicht. Was hat dieses Gesicht noch mit mir zu tun? Allein die Augen: waren die nicht immer blau? Jetzt sind sie – dunkel. Und ich lüpfe die Schirmmütze und muss feststellen, dass mein Haar auch nicht mehr blond ist, sondern – schwarz! Hey – das geht ja wohl nicht! Das geht nun wirklich über jedes Maß – also: Das. Geht. Zu. Weit.
Bin ich noch ich?
Durchatmen, befehle ich mir. Sei Maske, Gesicht!
Da war doch schon genügend Seltsames seit letzter Nacht, und nach alledem wird dich eine kleine Formwandlung doch jetzt nicht mehr aus dem Konzept bringen …
Aber was da in mir hochkommt, ist unverkennbar Panik.
„Was ist mit Ihnen, Effendi?“
„Na ja, die Hitze. Der Stillstand. Die miese Luft. Was soll das alles, fragt man sich.“
„Das kenne ich. Man weiss kaum noch, wer man ist. Was mir da immer am besten hilft …“, er langt vor dem Beifahrersitz in eine Kühlbox und reicht mir eine kalte Büchse Coke.
„Danke, Mann!“
„Alles völlig normal. Und gleich sind wir auch da, vielleicht. Das ist hier schon das Hafengebiet.“
Ich kann’s nicht lassen, schaue wieder in den Rückspiegel – und da ist er immernoch, der andere. Eine Art Japaner, würde ich sagen.
Das kann nur eine Halluzination sein. Aber wenn man halluziniert, bemerkt man das doch gar nicht. Dachte immer, das sei gerade das Wesentliche am Halluzinieren. Dass man sich dessen nicht bewusst ist.
Dann also halluziniere ich jetzt – nicht? Nicht mehr? Dann wäre vorher etwa alles Halluzination gewesen? Der ganze Schell – nur halluziniert?
Kann ich das glauben? Nein. Irgendwas stimmt daran nicht.
Was heisst überhaupt Halluzination? Steckt luz drin, lux, Licht; und Luzifer natürlich. Und das hal – von hel? Altes Wort für Sonne. Hell. Also vielleicht eine von der blendenden Helligkeit des Sonnenlichts bewirkte Täuschung der Sinne; in einem Wort: Verblendung. Eine umgekehrte, eine falsche Erleuchtung – Verfinsterung, die man nicht bemerkt. Plausibel, finde ich, weil doch was man sieht vom Unsichtbaren abhängt, das heisst vom Licht, das man als solches ja nicht sehen kann – und wovon hängt ab, dass man überhaupt sieht?
„Sie gucken so komisch, Effendi …“
„Diese Coke … Schmeckt ja lecker, aber jetzt wär mir doch das Gegenmittel lieber.“
Worauf der gute Mann mir wortlos ein Fläschchen Wasser rüberreicht.
Ich bedanke mich und trinke. „Man kann ja nie wissen“, fange ich dann an, und zögernd: „Interessiert Sie Wissenschaft?“
„Ein bisschen“, er zuckt die Achseln, „eigentlich nicht. Kommt drauf an.“
„Was wissen Sie über die Zirbeldrüse?“
„Dass es sie gibt; in der Nähe der Nasenwurzel. Dass wir irgendwie damit das Sonnenlicht verarbeiten. Und dass sie etwas mit der Großzehe zu tun hat; die lateinisch deshalb hallux heisst, wie meine Schwägerin behauptet. Wieso fragen Sie?“
„Weil mir das Gemeinsame an Hallux und Halluzination so rätselhaft erscheint.“
„Aha. Dachte ich mir’s doch, dass mehr dahinter steckt als bloß Hitze und die miese Luft. Ihr Unwohlsein ist geistiger Natur. Trete ich Ihnen damit zu nahe?“
„Sie verblüffen mich, mein Herr. Haben Sie es noch konkreter? Dann nur zu!“
„Von wegen Sie suchen locations – bestimmt nicht für einen Film über die Geheimnisse und Wunder hinter den Kulissen des grauen Alltags. Vielmehr reicht’s Ihnen mit den Geheimnissen, und wegen der vielen Wunder haben Sie inzwischen allen Grund, an der Realität zu zweifeln. Wie knapp liege ich daneben?“
„Knapper geht’s nicht. Und was empfiehlt sich, von kalter Coke mal abgesehen?“
„Nun ja …“, wie hin und her gerissen. „Gibt’s zu der Adresse, die Sie mir genannt haben, eine Alternative? Weil, die gibt es zwar, diese Adresse, nur The Framing Company, die gibt’s da nicht mehr.“
„Und das sagen Sie mir jetzt.“
„Hm, ja, dumm von mir … Aber vielleicht hat man da ja auch nur das Aussenschild abgeschraubt, ich meine, sich umbenannt oder so.“
„Genau, sowas kommt doch dauernd vor. Um den Kulissen des grauen Alltags ein wenig Abwechslung zu verleihen.“
„Sie nehmen es mir also nicht übel? Ich wollte Ihnen den Optimismus nicht verderben.“
„Was wär das für ein Optimismus, der von einem Firmenschild abhinge?“
„Gut. Dann sind wir auch gleich da.“

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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