S.6

Wasser denk ich

Warum hier in Istanbul? Das ist die Frage, auf die ich mich zu konzentrieren versuche. Denke jedoch immer nur: Wasser; wieder und wieder, und zwar nur das Wort: Wasser.
Das Wort kommt mir vor wie das Tor zu einem Gedanken, der mir mit jeder Wiederholung dieses Wortes größer, umfassender, immer unfassbarer erscheint.
Ich liege bis zum Hals im Wasser, rücklings auf einer breiten gekachelten Stufe in einem großen Becken, und das Wasser ist so heiss, dass es dampft.
Ich kam ja schon sehr müde in dieses Türkische Bad, und jetzt, gründlich gereinigt, die Haut noch prickelnd nach einer rabiaten Bürstenmassage, bin ich dermaßen schläfrig, dass es auch sein könnte, ich träume hier nur, dass ich Wasser denke.
Und schrecke auf: Wo bin ich?
Jetzt habe ich wirklich geträumt, und zwar dass ich in einem Auto aufwache. Das stillsteht. Inmitten einer riesigen Herde blökender Schafe. Den Mann neben mir, den Fahrer, kenne ich. Will ihn etwas fragen. Ob das hier ein Wachtraum sei. Bekomme aber den Mund nicht auf. Er wirft mir einen Blick zu und streckt beide Zeigefinger aus; führt den einen an die Lippen – sag nichts! – und schreibt mit dem anderen in die Luft: etwas, das ich eben noch verstanden habe, jetzt aber, da ich erneut aufwache, nicht mehr verstehe.
Du liegst im Wasser, alles gut …
Wasser: es kommt dem, was ich meine, sehr nahe, ist aber nicht, was ich eigentlich meine … Oder doch, ja, es ist die stoffliche Entsprechung dessen, was ich meine, das sichtbare Gegenstück zu einem Unsichtbaren. Das heisst, wenn dieses Unsichtbare ein Aussehen hätte, ein physisches, sähe es wohl wie das Wasser aus … Doch nein, falsch gedacht! Nicht wie, es sieht nicht aus wie Wasser. Es nimmt in der stofflichen Welt diese Form an, es ist das Wasser, und als solches nimmt es alles auf, bewegt alles, ist in allem, was lebt, anwesend …
Na klar, was ich meine … Nur will es mir nicht einfallen. Egal, ob ich will, es will nicht. Und dafür hat es seine Gründe. Denn es ist nicht dumm. Und stärker als ich.

Halb träumend, halb bewusst sehe ich mich wieder auf die Bosporus-Brücke versetzt, gejagt von den zwei Mongolen auf dem Motorroller. Was war davor? Die Gedächtnislücke. Was verbirgt sie mir? Was darf ich nicht wissen?
Und wie weit kann ich gefahrlos zurück in meiner Erinnerung, um an den Punkt zu gelangen, wo beginnt, was ich nicht wissen darf?
Und was ist es, das mich daran hindert, mich zu erinnern?
„Intrusion Counterattack Equipment. I.C.E., von Kryptologen kurz Ice genannt.“
Ach, sieh an, da ist er wieder … Sie schon wieder, Ladenheuser? Jetzt bin ich mir aber sicher, dass ich träume. Allerdings höre ich nur Ihre Stimme.
„Gut. Wie es aussieht, ist der Traumkanal noch zu gebrauchen. Ob auch noch unmanipuliert, können wir aber nur hoffen. Allerdings bin ich nicht der, als der ich Ihnen erscheine. So wie Sie nicht der sind, Schell, der Sie zu sein glauben.“
Ich denke, ich weiss, was er meint. Mal bin ich dieser Schell, mal jener. Ich habe zwei Schells zur Auswahl.
„Auch drei von Ihnen reichen nicht, solange Sie glauben, Schell zu sein.“
Aber der bin ich nun mal …
„Sie werden sehen, es geht weiter.“
Wie war das? Intrusion
„… Counterattack Equipment. Eine autoaktive Software. Sehr aggressiv.“
Die diese Lücke in meiner Erinnerung verursacht? Software? Kaum zu glauben.
„Sie schottet einen Teil Ihrer Erinnerung vor Ihnen ab. Und zwar effektiv. Das ist Super-Ice, keine Chance, das zu knacken.“
Verstehe. Die Sache mit dem Zettel, mit der Kreissäge im Kopf … Bis ich ohnmächtig wurde. Und dann, noch schlimmer, die Dunkelheit und der Gestank …
„Und vorher? Fing es nicht damit an, dass auf Sie geschossen wurde? Sie erwähnten zwei Mongolen.“
Sie meinen, auch das war so ein Angriff von Ice?
„Ja, eine noch vergleichsweise harmlose Angriffsform. Sie müssen wissen: Jedesmal wenn Sie versuchen, in Ihre Erinnerungslücke einzudringen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dabei draufgehen. Dieses Ice soll Eindringlinge nicht nur abhalten, es ist darauf angelegt, sie zu vernichten; und mit jedem Versuch, es zu überwinden, lernt es dazu. Da es als Programm ja keine physischen Mittel hat, wird es Sie dazu bringen, sich selber auszuknipsen.“
Also sollte ich es lieber nicht noch einmal provozieren … Doch jetzt mal Klartext, Ladenheuser: Wie soll ich weitermachen, und mit was, wenn ich nicht weiss, warum ich hier bin? Worin besteht die Mission?
„Es gibt sie noch gar nicht. Sie haben Ihre Mission selbst zu bestimmen – sagte ich das nicht schon? Bringen Sie sich über die Runden, das dürfte zur Zeit genug Mission sein.“
Unmöglich also, in meine Gedächtnislücke einzudringen?
„Unmöglich, genau. Das müssen Sie akzeptieren.“
Das bedeutet, ich habe ohne einen Grund für mein Hiersein auszukommen …
„Zimmern Sie sich etwas zurecht, das zumindest vorläufig einen Sinn ergibt.“
Sehr witzig. Okay. Nur eines noch, Chef – Sie sagten: solange Sie glauben, Schell zu sein. Wer sollte ich sonst sein?, frage ich Sie.
„Nun, das ist jetzt die interessante Frage. Nur leider müssen wir ein andermal darauf zurückkommen, denn es wäre gut, wenn Sie jetzt wach würden – und bitte umgehend.“
Worauf ich es schaffe, meine Augenlider soweit aufzustemmen, dass ich in den Dampfschwaden vor mir zwei Gestalten erkenne, runde Schädel auf mächtigen Schultern, mongolische Gesichter: Ach nein, nicht die schon wieder, Sgyulus und Sprosbral
„Halluzination und Voreingenommenheit. Begreifen Sie das, Schell? – in Ihrer Sprache: Lug Imago und Maya Tongue.“
Sie halten jeder einen Dolch in der Hand und grinsen, und ich weiss, dass ich immernoch nicht aufgewacht bin. Sie nähern sich, durch das Wasser zwar gebremst, aber unaufhaltsam, und zwingen mich aufzuwachen …

Aus dem alten Byzanz wurde Konstantinopel, die zweite Metropole der frühen Christenheit, das Gegenzentrum zu Rom; über Jahrhunderte Schauplatz diverser Konzile, zu denen die Bischöfe zusammenkamen, um vor allem die Heilige Dreifaltigkeit zu diskutieren, denn die warf immer wieder die schwierigsten Fragen auf … Geht es darum? Ist die Trinität hier Thema? Soll ich mich etwa mit Glaubensfragen befassen? Hatte Ladenheuser deshalb Schelling ins Spiel gebracht?
Und schliesslich hatte er auf das Lug Imago und die Maya Tongue hingewiesen; hatte die mit Sgyulus und Sprosbral gleichgesetzt, mit Halluzination und Voreingenommenheit …
Na klar: Das Lug Imago lässt mich halluzinieren, die Maya Tongue macht mich voreingenommen.
Und drittens? Denn diese zwei – Prinzipien? Kräfte? Geistwesen? Was sind sie denn eigentlich? – gehören jedenfalls einer Dreiheit an, das heisst bilden zusammen mit der Nominah eine Triade. So nennen wir sie: Triade. Und die, würde ich sagen, steht doch wie gegensätzlich zur christlichen Trinität, ja ist geradezu das Gegenbild zu Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Was aber der Triade hier zu ihrer Vollständigkeit fehlt, ist das dritte Prinzip, die Nominah … Oder erkenne ich nur ihre Anwesenheit nicht?
Denk an Lavienta: wie dir da per Traumkanal das LA-Trio angekündigt wurde. Erstmal dachtest du an drei Leute aus Los Angeles. Bis sich herausstellte, dass das Trio aus Leila, Alonso und dir selbst bestand. Typisch Traumkanal, exakt wie jedes echte Orakel, nur exakt auf andere Weise als man zunächst denkt.
Wenn Sgyulus hier das Lug Imago verkörpert und Sprosbral die Maya Tongue, dann wäre die Triade vollständig, wenn die Nominah durch mich … Doch welchen Sinn ergäbe das? Wer oder was ist die Nominah? Welche Rolle spiele ich in dieser Gleichung?
Merk dir die Frage!
Dann wieder nur der Wassergedanke, das heisst ich bin wieder am Einschlafen.
Also beende ich das Bad. Lust, eine zu rauchen? Ja, schon wieder. Aber wo hier Zigaretten herkriegen? Egal, bräuchte jetzt sowieso eher eine Mahlzeit. Doch bin ich immernoch so müde, und bevor ich mich zu überhaupt etwas aufraffe, frage ich erstmal einen der jungen Angestellten: „Wo kann man sich hier, äh …“
„Hinlegen? Hier lang, Effendi …“

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
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  • Kellner
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  • Touristenführer
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  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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