S.11

Falsche Adresse

Wann immer der Name Geo Rey fällt, oder ich auch nur an ihn denke, wird mir mulmig. Gilt dieser Rey doch als der meistgesuchte Verbrecher der Welt, als der Bösewicht schlechthin, das krakige Ungeheuer, das mit seinen verborgenen Tentakeln überallhin reicht. Und nicht minder mulmig wird mir, wenn der Begriff MoTech auftaucht, so eng wie der mit Geo Rey verknüpft ist … Davon lieber ein andermal, nämlich mulmig ist mir gerade zur Genüge. Denn in dieser Hafengegend hier, in der vergammelten Lobby dieses spärlich belebten Bürogebäudes, will so eine ganz unheimliche Sorte von Deja-vu-Gefühl gar nicht mehr von mir weichen.
Habe mich nach der SubNews-Lektüre über die Schwarmmaschine dermaßen in Gedanken verloren, dass ich erst jetzt den Mann bemerke, der telefonierend in der Halle auf und ab geht; hochgewachsen, hager, Mitte fünfzig etwa, rauchend. Sein Gemurmel klingt britisch, doch das einzige Wort, das ich verstehe, ist ein deutsches: Rheinmetall.
Etwas zu britisch; als hätte er gelernt, Brite zu sein … Kenne ich den nicht? Ja, verdammt; sehe eine Akte vor mir mit Fotos von genau diesem Typ. Und bin ich ihm nicht irgendwann sogar schon mal begegnet?
Jetzt kommt er auf mich zu: „Sie wollten eventuell zu mir?“ Er lässt die gerauchte Zigarette auf den Boden fallen, „Paulson“, und dreht den Schuhabsatz darauf energisch hin und her, „Tyrus Paulson.“
„Schell.“
„Schell?“ Er runzelt die Stirn.
„Vielleicht können Sie mir weiterhelfen, Mr. Paulson …“, ich reiche ihm die Visitenkarte.
Sich eine neue Zigarette anzündend, liest er vor: „Mek al-Möffi Merikanski“ und grinst mich schief an. „The Framing Company. Wie’s aussieht eine Service-Karte“, er reicht sie mir zurück, „alles klar, Schell Effendi. Folgen Sie mir.“

Als wir in die Filiale des International Maritime Bureau eintreten, kündigt er mir some nice cup of tea an. Ein Chefbüro wie in einem alten Film, gediegen, gemütlich, verqualmt. Er nickt in Richtung eines bequemen Sessels und hält mir seine Zigarettenschachtel vor die Nase. Craven A. „Danke, nein.“ Obwohl ich auf so eine nun wirklich Lust hätte. „Sie rauchen nicht?“ „Doch.“ „Aber?“ „Nicht immer“; ich winke ab: „Komplizierte Geschichte.“ Worauf er mit den Achseln zuckt: „Gibt’s dieser Tage überhaupt noch unkomplizierte Geschichten?“
Jetzt fallen mir nach und nach ein paar Eckpunkte aus der Tyrus Paulson-Akte ein: Aus Malta stammend. Ex-Royal Navy. Diplomat. Okkultist. Business-Kenner, und – Kenner des Service of Intelligence.
„Schell? Wirklich Schell?“ Kurzes kaltes Grinsen. „Na schön, also Schell.“
Was er unter einem Tässchen Tee versteht, erweist sich als großzügig eingeschenktes Glas Scotch. Dann beginnt er vor sich hin zu faseln: Ein Frachter sei verschwunden, ein ukrainischer Schlepper im Angebot, eine Ladung Honig ohne Besitzer; und an Passagen übers Schwarze Meer stehe ein Schiff nach Odessa und eines nach Batumi zur Auswahl.
„Klingt ja alles sehr interessant, Mr. Paulson.“
„Vielleicht können Sie mir auch weiterhelfen, Mr. Schell. Es scheint sich etwas anzubahnen; genaueres weiss man noch nicht; nur dass kürzlich irgendeine üble Ladung Istanbul erreicht hat. Könnte auch bloß mal wieder ein Ablenkungsmanöver sein. Aber die türkischen Kollegen machen sich aufs Schlimmste gefasst. Hier –“ Paulson reicht mir ein Foto herüber – „das ist bisher der einzige konkrete Hinweis.“ Ein kompliziertes, durch starke Vergrößerung ziemlich verschwommenes Gebilde, das an ein mittelalterliches Siegel erinnert.
„Ist Ihnen das in letzter Zeit vielleicht mal irgendwo begegnet?“
Ich nutze die Betrachtung des Fotos, um meine Augenmuskulatur zu entspannen, und sage: „Sieht wie ein Zeichen aus. Also wirklich sehr interessant.“
Paulson betrachtet mich daraufhin nur leicht belustigt; schweigt und zündet sich die nächste Craven A an. Und in dem anhaltenden Schweigen höre ich Kick Kimura in mir, seine Warnung: Diesen maltesischen Englishman bloß nicht unterschätzen!
„Okay“, sage ich schliesslich. „Geht’s um Waffen? Ich hörte Sie unten in der Lobby Rheinmetall sagen.“
„Da haben Sie sich verhört. Ich sprach mit jemandem in Bayreuth wegen Karten für den nächsten Rheingold-Abend. Diese Wagner-Oper, Sie wissen schon … Was man dafür heutzutage hinblättert, unglaublich!“ Dann mit einem Lächeln: „Würde fast sogar ausschliessen, das es um Waffen geht.“
„Angenommen, Sie könnten den türkischen Kollegen tatsächlich Hinweise anbieten, brächte Sie das nicht in Schwierigkeiten? Würde man nicht unbedingt wissen wollen, woher –“
„Die Kollegen bekämen die Information natürlich anonym zugespielt.“
„Vielleicht als die zufällige Aufzeichnung einer Plauderei? Solch einer wie dieser hier zum Beispiel?“
Paulson zuckt die Achseln. „Sie haben also keine Ahnung.“
„Ich kam wegen Mek al-Möffi.“
„Heisst, Sie brauchen ziemlich dringend irgendwas.“
„Nur einen neuen Reisepass.“
„Um vom Fleck zu kommen, verstehe. Sie wollen weiter. Wie gesagt, die eine Option ist Batumi, die andere Odessa.“
„Al-Möffi.“
„Ach ja, der – al-Möffi Merikanski!“ Paulson kichert. „Der ist – tja, wo eigentlich? Man weiss es gar nicht. Aber zum Glück hängt ja der Service nicht von jemandem wie ihm ab.“
Was ist denn das für ein Spruch? Doch lass ich mir nicht anmerken, wie sehr befremdet ich bin; sage, während ich so tue, als würde ich ein Gähnen unterdrücken: „Nun gut, dann eben nicht“, und mache Anstalten mich zu erheben.
„Warten Sie doch mal, mein Guter!“ Mit lässigem Fingerspiel, klack-klack, weckt er den Schreibtisch-Rechner. „Mal sehen, was wir haben …“
Und jetzt die Show: Tief zurückgelehnt, behaglich ein Bein übers andere geschlagen, nippt er andächtig an seinem Scotch, während seine Linke mit der qualmenden Craven A gleichsam von allein über die Tasten huscht. Das ist zuviel, ich muss den Blick abwenden, um nicht laut aufzulachen. Doch fällt mir da nur noch mehr Zuviel ins Auge, nämlich auf einem gerahmtes Foto an der Wand: ein sehr männlich grinsender Tyrus Paulson beim handshake mit einem Typ, der dasselbe Grinsen zeigt, jedoch das Original, so wie es die ganze Welt kennt, denn das ist – ja, wirklich: Sean Connery! Ex-007.
Ich schliesse kurz die Augen und habe die Paulson-Akte wieder vor mir. Der ist da nicht nur aufgeführt als Kenner des SI; vielmehr war er jahrelang selbst im Service unterwegs, und zwar als Schiffsoffizier auf allen Meeren. Und gibt sich jetzt, als sei der Service of Intelligence quasi sein Laden … Interessante Entwicklung.
„Tja“, sagt er nun, „muss ja nicht unbedingt ein neuer Pass sein, oder? Wenn’s der alte doch auch noch tut.“ Ich blicke ihn daraufhin nur sehr fragend an. „Denn wie ich hier sehe, gibt’s unter den ausländischen Pässen, die heute im Laufe des Tages auf dem Schwarzmarkt angeboten wurden, auch einen deutschen auf den Namen Schell.“
„Passt gut, würde ich sagen. Können Sie ihn mir beschaffen?“
Er macht ein Pokerface. „Aber klar. Kommt nur darauf an, wo er für Sie bereitliegen soll. Ob Sie nach Batumi oder nach Odessa wollen.“
„Das ist der Deal? Was such ich in Batumi?“
„Was suchen Sie in Istanbul? Das ist doch nicht die Frage. Sie sind in service. Oder nicht? Und finden Sie den Orient nicht reizvoll? Batumi, die Stadt, nun ja. Aber von dahinten hätten Sie’s dann gar nicht mehr weit nach Georgien.“
„Soll das etwa eine spirituelle Tour werden, Mr. Paulson?“
„Ja was denn sonst!“ Dann mit einem nachsichtigen Lächeln: „Aber ist natürlich in Ordnung, dass Sie mir auf den Zahn fühlen. Herrscht ja neuerdings eine gewisse Verunsicherung in der Branche. Das sollte uns nicht weiter irritieren. Unser Mann am Zoll bekommt Beischeid. Wird Ihnen den Pass aushändigen und Sie zu dem Schiff nach Batumi bringen. Brenda, ein Tanker mit richtig guter Küche. Legt circa um Mitternacht ab.“
„Und falls ich mich für Odessa entscheide?“
„Dann heisst der Kahn Uzmir 9 und Sie bekommen’s mit Halsabschneidern zu tun; und wie ich hörte, ist die Bordküche regelrecht verseucht. Falls Sie also in Odessa ankommen, sind Sie jedenfalls auf medizinische Versorgung angewiesen.“
„Warum dann überhaupt diese Option?“
„Der Freiheit wegen. Um sich auch irren zu können. Ist ja nun mal – wie nannten Sie es so treffend? – eine spirituelle Tour.“
„So so. Sache ist nur die, Paulson: Ich glaub schon mal gar nicht an diesen Pass.“
„Ach, Schell, so sind Sie konditioniert? So sehr auf Misstrauen? Wer war denn wohl bisher Ihr Operator? Möchte wetten, Ladenheuser.“
„Sie kennen ihn?“
„Den alten Zausel, klar. So bravourös wie der die Technik-Folgenabschätzung ins Abseits manövriert hat, ist der doch weithin eine Berühmtheit. Das hat man davon, wenn man immer und in allem nur das Kriminelle sieht. Leider scheint sich Ihnen dieses krankhafte Misstrauen auch schon tief eingefleischt zu haben. Wo jemand Rheingold sagt, hören Sie gleich Rheinmetall. Tun Sie was dagegen, rate ich Ihnen. Im übrigen glaube ich, dass wir zwei uns schon mal irgendwo begegnet sind; wenn nicht des öfteren sogar. Kann das sein?“ Dabei hat er eine Schublade geöffnet und hält mir nun, was er da hervorgeholt hat, aufgeklappt vor Augen; nur kurz, doch lang genug, um zu erkennen, dass dieser Reisepass zweifelsfrei meiner ist.
„Sehr vorausschauend, Paulson“, sage ich, „Chapeau!“ und strecke die Hand aus. Doch er behält ihn; fängt an, im Schreibtisch herumzusuchen.
„Sie bekommen den Pass von unserm Mann beim Zoll, und der bekommt von Ihnen viertausend Euro.“
„Soviel kostet ein gefälschter!“
„Ich weiss. Auch hier müssen die Leute von irgendwas leben.“ Jetzt hat er das Gesuchte gefunden, einen Briefumschlag; schiebt da den Reisepass hinein und zückt sein Gerät. Tippt aufs Display, wartet, sagt dann: „Gibt hier was abzuholen“ und steckt das Gerät wieder ein. „Nun, Mr. Schell, Ihre Entscheidung: Buchen wir Sie auf die Brenda nach Batumi?“
Da ich noch schweige, nickt er, „Gute Wahl“, und zündet sich die nächste Craven A an. „Die Viertausend haben Sie passend, hoffe ich?“
Ich nicke. „Nur dass ich nicht die Brenda nehme, sondern das Schiff nach Odessa.“
„Die Uzmir 9, okay. Wie Sie wünschen. Dieselbe Prozedur: unser Mann bringt Sie an Bord, Sie zahlen, dann kriegen Sie Ihren Pass. Der Zoll ist hier ein ziemlich großer Laden. Um von unsern Leuten da den Richtigen zu finden –“ er kritzelt kurz auf einen Zettel, reicht ihn mir – „rufen Sie diese Nummer an und fragen nach Cranston Lamont.“
„Toller Deckname.“
Paulson lächelt müde. „Sind die alten Filme nicht immer die besten? Nicht weil sie alt sind, meine ich.“
Ich deute dazu nur ein Achselzucken an. Mir reicht’s; habe jetzt hier lange genug den Schwachkopf gespielt. „Danke für den Whisky.“
„Aber Sie haben ja kaum davon probiert!“
„Nichts für ungut, Sir.“ Ich greife nach meinem Rucksäckchen und erhebe mich.
Paulson, jetzt wieder tief zurückgelehnt, geniesserisch die Nase über seinem tumbler, legt wie in milder Betrachtung den Kopf ein wenig schräg. „Wissen Sie eigentlich, Schell, woran es Ihnen ganz erheblich mangelt? An Demut.“
Ich nicke. „Da mein Operator – besagter Ladenheuser – auch dieser Meinung ist, muss da wohl was dran sein. Leben Sie wohl, Paulson.“

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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