B.6

Ein Spiel?

Neulich, als ich anlässlich meines Geburtstages mit Freunden in einem Cafe beim Frühstück saß – ein paar Wochen bevor die Corona-Pandemie eine weltweite Zivilisationskrise auslöste –, wurde mir die Frage gestellt, wann es endlich in Schells Bureau etwas neues gäbe. Worauf ich mich zu meiner Überraschung sagen hörte, dass ich im Zweifel sei, ob es überhaupt so weitergehen kann; dass es mir so, wie ich bisher erzähle, viel zu langsam vorwärts geht; dass ich meine Erzählweise wohl würde ändern müssen; dass ich aber die drei Erzählungen, die da laufen, noch zu einem gewissen Punkt führen wolle, und dann
Und dann?, frage ich mich jetzt: Wieso eigentlich und dann? Auf was warte ich denn? Was hindert mich, jetzt gleich mein Vorgehen zu ändern?

Ich empfehle ja der Leserschaft, sich bei jedem Eintritt in Schells Bureau aufs neue zu fragen: Wo sind wir hier? Um sich auf die Aufmerksamkeit aufmerksam zu machen. Bemerken, dass ich bemerke: nichts anderes heisst ja bewusst zu sein.
Aber frage ich mich selbst eigentlich noch, wenn ich hier eintrete, wo ich bin? Nein, ehrlich gesagt. Und nun, da ich mir diese Frage wieder einmal stelle, muss ich zugeben, wo ich hier bin, weiss ich im Moment tatsächlich nicht. Mir ist wie in einem Gespräch, wenn man an einen Punkt kommt, wo man bemerkt, dass man den Faden verloren hat und sich fragt: Wie sind wir denn jetzt darauf gekommen?, und von da aus rückwärts den Gesprächsverlauf zu rekonstruieren beginnt.

Aufgewacht mit der Vorstellung, dass die Kopfschmerzen, die ich morgens hin und wieder habe, von dem Ding herrühren, das in mir ist; einem winzigen Apparat, einer Art Mini-Chip. – Wie bitte? Schwachsinn! – Na gut, nicht in mir direkt, sondern in H-Schell, als der ich in Frankfurt eine Art Leben als Taxifahrer führe. – Okay, fiktiv also. Du bist fiktiv irgendwie gechipt. Hast du geträumt. – Wahrscheinlich ja: geträumt; bin jedenfalls damit aufgewacht. – Hast dich in deine Romanfigur, in diesen H-Schell, so eingelebt, dass du auch seine Träume kennst, wenn nicht sie sogar selber träumst. Und offenbar ist dieser H-Schell Paranoiker. Fragt sich: Kann man paranoid träumen, ohne Paranoiker zu sein? – So kann man fragen, klar; oder auch gleich den Verdacht äussern: Du fühlst dich wohl verfolgt? Doch das führt zu nichts gutem, denn Paranoia, als Verfolgungswahn verstanden, ist ein Kampfbegriff, den als Argument jeder gegen jeden ins Feld führen kann.
Fragen wir anders: Wie teilst du etwas mit, das deshalb geheim ist und auch geheim bleiben muss, weil es im Klartext auf jeden Fall nur missverstanden werden kann? – Indem ich für das Geheime eine Form der Mitteilung wähle, mittels derer das Geheimnis gewahrt bleibt.
So hat es zum Beispiel Stanley Kubrick dazumal mit seinem letzten Film Eyes Wide Shut gemacht. Er konnte sicher sein, dass alle, die von Berufs wegen dem Publikum solche Werke erklären, etwas darüber sagen können; dass niemand aber vermag, oder es wagt, in akzeptabler Weise auszusprechen, was uns da – wide shut verschlüsselt – wirklich mitgeteilt wird. Diese Methode, Geheimes durch das Offensichtliche gleichzeitig zu verbergen und mitzuteilen, Steganografie genannt, ist die bewährteste und daher weitest verbreitete Art von Verschlüsselung, nehme ich an.

Hier, in der Abteilung „Bureau“, hat unser H-Schell es zuletzt mit einem Gangster namens Habib zu tun bekommen und lange genug habe ich nun schon darüber gerätselt, was der wohl von ihm will …
Wir sehen Schell in jener Spielothek am einen Ende des Tresens sitzen, am anderen den jungen Araber, der ihn vorhin hierher beordert hat. Niemand sonst da, wie Schell bemerkt, sobald sich seine Augen an die dunkelviolette Schummerbeleuchtung gewöhnt haben. Die Automaten ringsum blinken und zwitschern monoton vor sich hin.

Neulich war dieser Habib zu ihm ins Taxi gestiegen mit den Worten: „Du bist Schell, richtig?“ Worauf Schell nickte, nur darauf bedacht, weder Erstaunen noch Neugier zu zeigen. „Du bist auch im Spiel, hab ich gehört.“ „Keine Ahnung, was Sie meinen. Wohin soll ich Sie fahren?“ „Egal. Fahr los. Du hast vor ‘ner Zeit doch am Bahnhof mal so’n Ding aus ‘nem Schliessfach geholt.“ „So’n Ding?“ „’ne kleine Comic-Figur. Azuma. Den König.“ „Ist schon eine Weile her. Wieso wissen Sie das?“ „Ich bin Habib. Das Spiel läuft schon lange, und ich bin schon lange dabei. Irgendwie haben sich aber die Regeln verändert. Man kapiert sie nicht mehr.“
Schell war losgefahren. „Habib. Okay. Was habe ich mit den Regeln eines Spiels zu tun, das ich gar nicht kenne?“ „Wir haben recherchiert. Was nicht leicht war. Und das Ergebnis wurde gründlich überprüft. Demnach steht fest, dass die Regeln sich geändert haben, seitdem du das Ding aus dem Schliessfach geholt hast.“ „Aha. Und ist das gut? Oder nicht so gut?“ „Die Regeln nicht mehr zu kapieren, finden wir nicht so gut. Das ganze Spiel ist undurchschaubar geworden.“ „Warum es dann nicht einfach aufgeben?“ „So ein Spiel ist das nicht, Mann.“
Und dann hatte ihn Habib über folgendes aufgeklärt: Sein Informant (er nannte ihn den IT) war auf jenes Weblog namens Schells Bureau gestoßen; hatte sich daraufhin in die Videoüberwachung des Hauptbahnhofs gehackt und tatsächlich die im Blog geschilderte Sequenz bei den Schliessfächern gefunden.
Man wusste also – wer man auch immer war –, dass das, was darüber in Schells Bureau geschrieben stand, real stattgefunden hatte. Seitdem glaubte man, dass Schell in besagtem Spiel eine Schlüsselrolle inne hatte.
Ausserdem wusste man aus diesem Blog genug über Schell, um ihn aufspüren und observieren zu können. Und nachdem man das lange genug getan hatte, war man zu dem Schluss gekommen, dass Schell offenbar ahnungslos war, was das Spiel, und erst recht was seine Schlüsselrolle darin anging.
Da hatte Schell schon das Taxi angehalten; hatte noch höflich zugehört; und nun stellte er klar, dass er nichts mit alledem zu tun haben wollte, und forderte diesen Habib freundlich auf, doch bitte auszusteigen.
Natürlich aber hatte ihn die Sache aufgewühlt. Da hatte er sich doch gerade erst wieder so schön stabil gefühlt, und nun ging das alles wieder los …
Inzwischen allerdings hatte er seine Gedanken schon soweit unter Kontrolle, dass er ihnen rechtzeitig, bevor der innere Tumult ausbrach, einen Punkt setzen konnte (wie, wissen wir ja schon: indem er sich das Machtwort sagte). Und so wirkte es geradezu beiläufig, wie er dann Manne von der Begegnung mit Habib erzählte.
„Habe ich das nicht immer wieder gesagt? Dass dieses Spiel realer ist als wir’s uns vorstellen?“ Manne meinte damit ein Online-Spiel, über das er seit geraumer Zeit Nachforschungen anstellte; welches seiner Ansicht nach eine Art Metapher sei beziehungsweise ein Programm zur Einübung eines ganz anderen Spiels, Flysh genannt, das in der Realität ablaufe. Das nämlich war Mannes Theorie, die das Ereignis erklärte und die ihm inzwischen zur Überzeugung geworden war – an die Schell allerdings immer noch nicht glauben mochte –: dass jener Ort im Internet, Schells Bureau, die Plattform sei zur Koordination dieses in der Realität laufenden Spiels. Viele spielen es, so vermutete er, aber nur ein paar wenige machen es.
„Das Spiel, von dem dieser Habib redet, ist also dein ominöse Flysh-Ding, meinst du?“ „So ist es. Nur dass es nicht so sehr mein, sondern eher unser, genauer: dein ominöses Flysh-Ding ist.“
Und als gleich tags darauf Habib erneut zu ihm ins Taxi stieg, sagte sich Schell: Nun gut, wenn’s sein muss – spielen wir.
„Zur Bibliothek.“ „Gibt davon eine Menge in Frankfurt.“ „Zu der, wo du immer rumhängst.“ „Soll heissen, Sie wissen was über mich.“ „Alles. Nicht nur, wo du liest; auch wo du dein Croissant frisst. Mit wem du telefonierst; sogar, mit wem du nicht telefonierst. Und dass du kein Smartphone hast. Und wir kennen auch dein Geheimnis.“ „Ach so, ich hab nur ein Geheimnis?“ „Wir haben dich komplett gehackt.“
Sie waren bereits in Fahrt …
I’m a stranger in your town, I’d like to dance with you … Schell drehte die Musik lauter und tat, als müsse er sich auf den Verkehr konzentrieren. Plötzlich, mit einem Ruck, starrte er aus dem rechten Seitenfenster und trat voll auf die Bremse, sodass es Habib heftig nach vorn gegen die Sitzlehne warf. Dann gab er Gas, Vollgas, und bog scharf in die nächste Seitenstraße ab, und gleich darauf wieder scharf in die nächste, mit quietschenden Reifen, und unvermindert rasant um eine dritte Ecke, und da fragte der hin und her geworfene Habib: „Spinnst du?“
Schell verlangsamte und fuhr normal weiter.
I have no fancy shoes but I’m still dancing,
dancing to the mu-u-sic, sweet Reggae mu-u-sic
„Was sollte denn das, hey?“
„Haben Sie die halbe Aprikose nicht gesehen?“ Er zwinkerte Habib im Rückspiegel zu; der ihn aber nur finster anstarrte. „Halbe Aprikose – sagt Ihnen nichts? Dass man da schleunigst in Deckung gehen sollte? In der Eile, wenn man nicht aufpasst, kann’s passieren, dass man dann irgendwo rauskommt, wo man sich null auskennt.“ Er schaute nach draussen. „Diesmal ging’s jedenfalls gut, wir sind noch in Frankfurt, wie’s aussieht.“
„Du bist ja richtig durchgeknallt.“
„Oder auch nicht.“ Er lenkte den Wagen in eine Parklücke. „Hören Sie, Habib. Mag sein, Sie sind im Spiel, ich glaub’s Ihnen. Nur interessiert mich das Level, auf dem Sie spielen, kein bisschen.“ Er öffnete das Handschuhfach, tastete darin herum, brachte die kleine Azuma-Figur zum Vorschein. „Wollen Sie das haben? Hat auf Ihrem Level vielleicht ‘ne Bedeutung.“ „O nein, Mann! Das symbolisiert den König, und das hast du bekommen.“ Er schaute Schell durchdringend an. „Du hast wirklich keine Ahnung.“ „So sieht’s aus. Und Sie wissen nicht, was ‘ne halbe Aprikose bedeutet.“ „Verarschung – wenn das nicht klar ist.“ „Was wollen Sie also?“ „Zusammenarbeiten.“ „Arbeit habe ich schon mehr als genug. Wollen Sie immernoch zur Bibliothek?“ „Fahr uns zu deinem Cafe. Ist kurz vor zwölf; Zeit, dass du zum Frühstück kommst.“
Fünf Minuten darauf waren sie schon da. „Macht fuffzehn Euro, bitte.“ Habib gab ihm zwanzig und sagte: „Okay, du traust mir nicht. Verstehe ich. Werde dir also was zeigen.“ „Nicht nötig. Bei allem Respekt.“ Habib zuckte die Achseln,„Na gut“, dann deutete er auf die Spielothek neben dem Cafe: „Das ist mein Laden. Wenn du’s dir überlegt hast, da findest du mich, klar?“ Schell reagierte nicht darauf. Habib hielt im Aussteigen inne: „Hey, das mit der halben Aprikose – war doch Verarschung, oder?“
Ja und nein. Schell blickte ihm in die Augen und kam zu dem Ergebnis: Die Antwort würde ihn nicht zufriedenstellen. Also schwieg er. Habib lachte. „Sehr mutig oder sehr dumm. Rate mal, wer darüber entscheidet!“ Schell hob die Augenbrauen. „Sie, Habib?“ „Genau. Sei also lieber ein kluger Mann!“ Damit stieg er aus dem Wagen.
Als Schell abends Manne gegenüber diese Spielothek erwähnte, wusste der sofort, um welchen Habib es sich handelte. „Der gehört zu einem Gangster-Clan.“ Worauf Schell erschrak. „Wenn sich so einer verarscht fühlt …“ „Nicht gut.“
„Weisst du, was ‘ne halbe Aprikose bedeutet?“ Manne überlegte. „Hab bei dir irgendwo mal was darüber gelesen. Ein Zeichen, dass man sich schnellstens verpissen sollte.“ „Weil in der Nähe eine Bombe oder sowas kurz davor ist, hochzugehen. Habe da heute die halbe Aprikose zwar nicht wirklich gesehen, aber irgendwas an Habib liess mich daran denken; und das reichte mir in diesem Falle schon, um entsprechend zu reagieren.“ „O je, mit quietschenden Reifen im Zickzack, nehme ich an.“ „Mit allem, was aus der Karre noch rauszuholen ist.“ „Verstehe. Damit Habib dich für bekloppt hält; allerdings zu recht. Denn im Ernst, Schell, weisst du, was du bist? Ein Psycho. Und daher meine ich immernoch, und mehr denn je – und Uschi ist sehr stark derselben Meinung –, dass du endlich in Urlaub gehen, ich meine: verreisen solltest.“ „Und ich, immernoch, stimme dem zu. Wenn ich nur wüsste, wohin.“ „Egal! Du musst hier raus. Merkst ja gar nicht, wie isoliert du eigentlich lebst, und wie dich das fertig macht.“
„Interessiert dich gar nicht, was Habib von mir will?“ „Kann ich mir schon denken. Er braucht dich für sein Team.“ „Das denkst du dir einfach so?“ „Ich weiss es. Ihm fehlt zur Zeit für ein Team der Dritte. Man kann nur als Dreier-Team spielen, das ist auf diesem Level eine der unumgänglichen Regeln. Frag nicht, warum, ist nun mal so.“ „Dann bist du also …?“ „Klar, auch im Spiel.“ „Und mit wem im Team?“ „Jetzt reg dich bloß nicht auf, Schell – mit Sciffi und dir.“ Da glotzte Schell. Dass ich auf diesem Level auch mitspiele – „Okay, ich reg mich mal nicht auf, aber – wieso weiss ich davon nichts? Sowas muss man mir doch sagen!“ „Ach, wie oft ich das versucht habe – aber du hörst ja nie zu. Immer wenn’s um das Ereignis geht, driftest du ab und fängst von der Realität an, vom Unerklärlichen, von Formen des Denkens, den Grenzen der Logik, deinem komischen Tautoloid und so weiter.“ „Nennt sich Meta-Ebene.“ „Und ist ja auch gut und schön, nur bist du da dermaßen fixiert, dass du gar nicht mitkriegst, was konkret um dich herum passiert.“ „Dann hättest du dich einfach anders, sagen wir interessanter darüber äussern sollen.“ Da war Manne kurz sprachlos. „Jetzt muss ich mich echt zurückhalten. Aber warum eigentlich? Denn vielleicht brauchst du wirklich nur mal kräftig was auf die Glocke. Weil du’s anders einfach nicht merkst.“ „Was nicht merke? Dass alle mich verarschen?“ „Was für ein Monster an Arroganz du bist. Dass du alle verarscht. Inklusive dich selbst.“
Sie schwiegen eine Weile. Bis Schell sagte: „Also nicht mehr Herr des Flyshwerks und Allwissender Kreator, sondern inzwischen die Kehrseite: Psycho und Monster. Danke für diese sehr interessante Lektion. Werde ich mir zu Herzen nehmen. Was sollte ich noch über das Spiel und unser Teamplay wissen?“
„Dass dieses Level noch ans Internet gebunden ist. Dass hier das Virtuelle noch neben dem Realen läuft, parallel zwar, aber immernoch getrennt. Man könnte auch sagen, das Spiel ist halb real, halb virtuell. Aber es gibt hier schon Hinweise darauf, dass das ab dem nächst höheren Level nicht mehr so ist. Da deckt sich dann das künstlich Gemachte quasi eins zu eins mit der Wirklichkeit. Geht dann darum, trotzdem noch irgendwie unterscheiden zu können. Sonst sitzt man da in der Falle, Stichwort Endlosschleife. Und damit einem das nicht passiert, damit man auch von da weiterkommt, geht’s auch auf diesem Level schon darum, zwischen virtuell und real unterscheiden zu lernen. Was hier so einfach erscheint, ist dort, nach den Gerüchten, die man hört, verdammt schwierig.“
„Siehst du, Manne? Deshalb ist mir die Meta-Ebene so wichtig. Im übrigen glaube ich das Prinzip in etwa verstanden zu haben: Wie jedes Level eigentlich nur Vorbereitung fürs nächste ist, so auch dieses. Was aber wird aus den Dreier-Teams?“ „Die lösen sich auf, heisst es; spielen auf dem nächsten Level keine Rolle mehr. So wie unser Team für dich ja offenbar jetzt schon keine Rolle mehr spielt. Weshalb ich auch glaube, dass du schon auf dem nächsten Level bist. Das nur noch nicht begriffen hast. Oder deine Ahnungslosigkeit ist nur gespielt. Dann spielst du ziemlich gut.“ „Glaube, was du willst, mein Freund. Manchmal spiele ich, meistens aber nicht. Das entscheide ich von Fall zu Fall, ohne Strategie.“
„Hast du mal in letzter Zeit versucht, Schells Bureau zu öffnen?“ „Schon lange nicht mehr. Du?“ „Ich hab’s irgendwann aufgegeben. Ist was für Hacker. Aber Sciffi hat es ständig weiterversucht; der ist im Hacken ganz gut. Und vor kurzem hat er’s geschafft, plötzlich war er drin. Ein Zufallstreffer, denke ich, doch er meint, der Rasta Spirit habe ihn gelenkt. Egal. Wir haben alles ausgedruckt; kannst du mal lesen, wenn’s dich interessiert.“ Schell winkte ab. „Das brächte mich nur wieder durcheinander. Bin doch zur Zeit so schön stabil.“ „Ach ja … Weshalb du auch nicht wahrhaben willst, wie dringend du Urlaub bräuchtest.“ „Manne! Ich werde verreisen. Bald. Versprochen.“

Plötzlich zu sich kommend, fragt er sich: Was rotiert da eigentlich so?, und bemerkt, dass er die ganze Zeit in ein gleichförmiges Kreisen aus Rot und Schwarz und lauter Zahlen starrt, nämlich auf den Bildschirm eines Spielautomaten, der eine Roulette-Scheibe simuliert. Die immer mal stoppt, bis eine Stimme „Rien ne va plus“ sagt und dann sich wieder dreht.
Schell blickt auf die Uhr: zehn Minuten erst vergangen, und erneut versenkt er sich in das hypnotische Gekreise auf dem Bildschirm.

Dass Schell sich selbst nicht wie ein Psycho-Monster vorkommt, ist klar; doch dass Manne ihn so nennt, gibt ihm immerhin zu denken; zumal ihm diese Einschätzung nicht neu ist, so ähnlich hatte ja auch Ingrun sich schon über ihn geäussert. Und wenn Manne und Uschi so sehr darauf dringen, dass er endlich mal Urlaub macht, meinen sie eigentlich – auch das ist ihm klar –: dass er unbedingt sein Leben ändern sollte. Welches derzeit doch aber gut, ja wenn nicht sogar ideal läuft, wie er findet: Die Arbeit, nämlich sein allmorgendliches Schreiben, erscheint ihm hinreichend produktiv. Der Taxi-Job macht ihm noch Spaß; ebenso, sich fitzuhalten mit Boxtraining und Joggen. In einer der großen Bibliotheken versorgt er sich mit Philosophie-Stoff. Hinzu kommen die unterhaltsamen Abende in der Gemeinschaftsküche und neuerdings auch noch die Teestündchen bei Lady Rainbow. Und er schläft gut und hat interessante Träume. Sogar Sex gibt’s ab und zu. Denn seit er überzeugt ist, er habe sich in der Normalität wieder solide untergebracht, erlaubt er sich, was er sich lange Zeit verboten hatte, nämlich gelegentlich Frau Doktor aufzusuchen.
Er denkt: Wenn ich so resümiere – was will ich mehr? Es fehlt mir nichts.
Denkt er. Doch wir, die wir ihn von aussen bedenken, fragen uns, was zum Beispiel sich auch Uschi fragt: Liebt er eigentlich?
Die Scheibe stoppt; dann wieder: „Rien ne va plus“, und rotiert weiter.

Eines Tages ging vorn die Tür des Taxis auf und jemand, der sagte: „Gruß von Habib“, setzte sich auf den Beifahrersitz, mit einem Laptop, den er sogleich aufklappte, um Schell etwas zu zeigen. Schells Bureau.
Schell nickte. „Sie haben’s geknackt. Habib erwähnte es schon. Demnach sind Sie sein IT.“ „Nicht seiner. Einfach I.T., wie Ingo Terz. So heisse ich. Bin mit Habib nur auf diesem Level ein Team. Und Schell, hey, es wäre ziemlich cool, wenn Sie mit uns, ich meine …“, er nickte in Richtung Laptop, „wie Sie sehen, haben wir’s drauf. Wir können da rein und raus wie wir wollen. Die ganze Verschlüsselung des Spiels – haben wir im Griff.“ „Stark, wirklich stark. Aber wie ich zu Habib schon sagte: Interessiert mich nicht.“
Es sah nur so aus, als ob IT ihn anstarrte; tatsächlich starrte er knapp an Schell’s Gesicht vorbei. Ein knochiger, recht blasshäutiger, ansonsten unauffälliger Mensch um die Dreissig; der leider etwas unangenehm aus dem Mund roch. „Sehr schade“, sagte er. „Weil Habib, der regt sich immer so auf, wenn er nicht kriegt, was er will.“ „Verstehe. Trotzdem. Fahre ich Sie noch irgendwohin?“ „Nicht nötig.“ IT klappte seinen Rechner zu und stieg aus.
Tags darauf, als Schell zur üblichen Stunde im Cafe beim Frühstück saß, setzte sich Habib zu ihm. „Hast mich noch gar nicht in meinem Laden besucht.“ „Mir war bisher nicht langweilig genug.“ Habib lachte. „Wen du hier provozierst, ist dir doch klar, oder? Du hast dich umgehört und jeder sagt dir, ich bin Gangster. Also solltest du eigentlich verstehen – “ „Sie brauchen einen Dritten für Ihr Team, habe ich verstanden. Und habe auch verstanden, dass ich bereits zu einem Team gehöre. War mir neu.“ „Dass du zu deinem Team stehst, find ich gut. Loyalität – super Sache. Aber solche Kiffer wie Manne und Sciffi, glaubst du, die stehen auch loyal zu dir?“ „Bitte, Habib, begreifen Sie doch, dass mir das Team völlig egal ist; ob dieses oder jenes Team – egal; so wie mir dieses ganze Level egal ist.“ „Jetzt hör endlich auf mich zu siezen! Wie sollen wir da Freunde werden?“ Er seufzte, und wirkte dabei so aufrichtig enttäuscht und traurig, dass Schell einen ersten Anflug von Sympathie für ihn verspürte. „Scheint Ihnen ja – ich meine dir – wirklich am Herzen zu liegen, dieses komische Spiel.“ „Ja, Mann! Ist so irre, das Ding. Ein so gigantisches – ja wie soll man sagen? Mechanismus – ein gigantischer Mechanismus. Wie so’n Uhrwerk. Wo bis ins kleinste Detail alles genauestens ineinandergreift, pausenlos, und einfach irre kompliziert.“ „Du meinst das Internet?“ Habib überlegte; schüttelte den Kopf. „Das ist nur Teil davon; vielleicht ‘ne Art Modell. Was ich meine, ist noch viel größer.“ „Fühlt sich etwa so an?“ Und Schell legte seine Handflächen auf die imaginäre Weltkugel – Beppo’s Gebärde –, bis sie zu vibrieren begannen. „Genau, genau! Das wächst und wächst, quillt irgendwie immer weiter auf.“ „Wow, Habib, da bist du ja echt mit was beschäftigt.“ „Hey, und wenn du wüsstest, was wir vorhaben.“ „Da muss ich jetzt aber lachen – wie kann man mit so einem Ding was vorhaben?“ „Nicht mit dem Ding – in dem Ding. Das ist ja das Spiel. Aber jetzt verarscht du mich wieder. Weil das alles weisst du ja längst. Deshalb brauch ich dich in meinem Team. Natürlich kann ich dir unseren Plan nicht verraten, ich sag dir nur, würdest du ihn kennen, wärest du auf jeden Fall dabei.“ „Verrate ihn mir bitte nie!“
Habib seufzte erneut; resigniert. Doch da bemerkte Schell das Listige in seinen Augen und er dachte: Show. Das hier gehört zu seinem Plan. Kann sein, er braucht mich, aber nicht für sein Team. Sonst würde er andere Geschütze auffahren; und sich keine Frechheiten von mir gefallen lassen. Vorsicht, Schell, da zieht sich irgendwie ein Netz um dich zusammen.
„Aber du kannst mir mal was verraten, Schell: Warum du eigentlich kein Smartphone hast.“ „Hm. Brauch’s nicht.“ „Quatsch. Raus mit der Sprache!“ „Ich sehe, wieviel Aufmerksamkeit die Leute auf das Ding richten, und da ich auch nur Otto Normal bin, wäre das aller Wahrscheinlichkeit nach bei mir nicht anders. Aber Aufmerksamkeit ist nun mal die stärkste Kraft im Universum, sehr kostbar, verstehst du?, und das Bisschen, was mir davon zuteil ist, will ich nicht auf so ein Gerät verschwenden.“ „Wenn du dich mit dieser Einstellung für Otto Normal hältst, bist du wirklich nicht von dieser Welt.“ „Man kann doch wohl Otto Normal sein, ohne sich auch wie ein solcher zu verhalten.“ „Das ist Philosophie; mir zu hoch. Mach’s gut, ich muss los.“

Und der Boss lässt weiter auf sich warten. Das violette Halbdunkel, das eintönige Gedudel der leerlaufenden Automaten, der Mief, der aus dem abgewetzten Teppichboden aufsteigt – allmählich muss er kämpfen, um es hier noch auszuhalten. Vor allem macht sich ein Druck im Kopf bemerkbar, und wird immer stärker.
Vor kurzem hatte er von Kopfschmerzen geträumt, und er fragt sich, als er nun daran zurückdenkt: Kann man überhaupt Schmerzen haben im Traum? Aber es war ein Traum, und ich hatte Schmerzen.
Es war ein wirklich unschöner, ja entsetzlicher Traum gewesen.
In einem Auto, nachts. Habib am Steuer; nahm ihn mit. Er hatte sich ihm aufgedrängt, glaubte paradoxerweise jedoch, entführt zu werden. Von Habib nur wie eine Formel immer wieder „Du musst doch nicht … Du musst doch nicht“, was ihn aber nur immer panischer machte. Dabei vergaß er, dass er eigentlich nur unterwegs war, um ein Mittel gegen seine Kopfschmerzen aufzutreiben. Dann bei plötzlich hellichtem Tag irgendwo im Westend. Er folgt Habib in eine große Villa, von der irgendwie klar ist, dass sie den von Erblitz-Leuen gehört; weshalb er sich darauf gefasst macht, gleich Ingrun wiederzusehen. Doch landet er in einer Halle voller Menschen; sieht wie am Bahnhof aus. Habib ist weg. Aber Ingrun muss doch hier irgendwo sein; das hat auf einmal Priorität. Er hält angestrengt Ausschau, will eine der Rolltreppen nehmen, hinunter in die nächste Halle; trifft jedoch stattdessen Manne, der ihn offenbar erwartet hat, da er mit einem Zeichen, ihm zu folgen, sich gleich in Bewegung setzt. Klar nun, dass es hier nicht um Ingrun geht. Die Gänge, die sie durcheilen, kahl, sauber, weiss beleuchtet, sind plötzlich Krankenhausflure. Dann, in einem Wartebereich, hält Manne an und sagt: „Musst du entscheiden; ich halt mich da raus.“ Er nickt jemandem zu und setzt sich. Da steht eine Frau, nicht groß, aber sehr aufrecht, in weissem Kittel, mit Mundschutz und Haube. Frau Doktor etwa? Eindeutig nein; doch diese Augen? – kennt er irgendwoher. Er sagt zu ihr: „Ich bin entführt worden.“ In ihrem Blick ist alles milde. Nur ein leichtes Umfangen, denkt er, das ist das richtige Wort. Leichtes Umfangen. Mildert augenblicklich seine Kopfschmerzen. Als sie „Gehen wir“ sagt, kennt er auch irgendwoher ihre Stimme; und als sie dann „Erschrick nicht“ sagt, erkennt er sie: das alte Hippiemädchen, Lady Rainbow. Jetzt ist er ruhig, gefasst, in beinahe heiterer Stimmung. Die sich im nächsten Bereich sogleich verflüchtigt. Intensivstation; totale Techosphäre. Sie stehen still und schauen. Da liegt jemand gebettet, ein Mann um die vierzig, bewusstlos; mit Schläuchen und Kabeln an Apparate angeschlossen. Der –?, so fragt er – bin der etwa ich?, und ein Entsetzen baut sich auf. „Er sieht nur aus wie du, mehr nicht“, flüstert ihm Lady Rainbow zu. „Du träumst.“ Dann will ich aufwachen, sofort! „Bitte schau dir vorher aber dies noch an –“ sie nickt in Richtung einer Gruppe weiss bekittelter Gestalten, die murmelnd auf Bildschirme starren. Darauf sein Inneres per Scan. Und er weiss auf Anhieb, was Gegenstand der Analyse ist: das Ding in ihm; und erkennt sogar die fast unsichtbar winzigen Ziffern, die es trägt, eine Art Seriennummer: A2X27.

„Nett, dass du gekommen bist.“ Habib. Endlich. „Hast dich also entschieden?“ „Mich entschieden?“ „Bei mir mitzumachen.“ „Nee. Einer von deinen Jungs kam und hat mich hier rüberbeordert.“ „Ach so, ja. Weil ich dir Bescheid sagen wollte. Nämlich dass die Sache sich erledigt hat.“ „Das ist nett, mich zu informieren.“ „Der Fairness halber. Damit du dir nicht länger Sorgen machst, dass der böse Habib was von dir will.“ „Du gibst auf? Hm, jetzt, wo ich allmählich Angst vor dir habe …“ „Du hast Nerven, Mann. Das gefällt mir. Doch im Ernst: ich brauch dich nicht mehr.“ Durchaus schrillen da zwar die Alarmglocken bei Schell, dennoch, als er aus der schummrigen Spielothek wieder ans Tageslicht tritt, ist er ungemein erleichtert.

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Der Autor

Matthias Scheel, geboren 1961 in Ostwestfalen, lebt seit 1999 in Freiburg im Breisgau

Werdegang:

  • Waldorfschüler
  • Kriegsdienstverweigerer
  • Bergsteiger
  • Student
  • Tierschutz-Aktivist
  • Möbelpacker
  • Handlanger beim Film
  • Paketzusteller
  • Schriftsteller
  • Kellner
  • Nachtportier
  • Touristenführer
  • Chauffeur
  • Schüler der Snowlion School
  • Seit 2004 Massage-Therapeut

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Wer mich kontaktieren möchte, sende mir eine E-Mail mit dem Vermerk 'Schells Bureau' an: matthias.scheel[at]posteo.de